{"id":91999,"date":"2022-09-12T00:01:59","date_gmt":"2022-09-11T22:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91999"},"modified":"2022-02-24T16:05:34","modified_gmt":"2022-02-24T15:05:34","slug":"fenitschka","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/12\/fenitschka\/","title":{"rendered":"Fenitschka"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war im September, der stillsten Zeit des Pariser Lebens. Die vornehme Welt steckte in den Seeb\u00e4dern, die Fremden wurden scharenweise von der dr\u00fcckenden Hitze vertrieben. Trotzdem dr\u00e4ngte sich an den schw\u00fclen Abenden auf den Boulevards eine so vielk\u00f6pfige Menge, da\u00df sie der Hochsaison jeder andern Stadt immer noch gen\u00fcgt h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner flanierte nach Mitternacht \u00fcber den Boulevard St. Michel, als er in eine kleine Gesellschaft ihm bekannter Familien hineingeriet. Sie hatten mit durchreisenden Freunden ein Theater besucht und wollten nun diesen Herren und Damen ein wenig \u00bbParis bei Nacht\u00ab zeigen, \u2013 n\u00e4mlich erst in einem charakteristischen Nachtcaf\u00e9 des Quartier Latin einkehren und dann, im Morgengrauen, um die Stunde, wo die Stadt schl\u00e4ft, den interessanten Trubel bei den Hallen betrachten, wenn der ver\u00f6dete Platz sich mit den Marktleuten belebt, die ihre Waren vom Lande einfahren und sie ausbreiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einigem Z\u00f6gern und Schwanken von Seiten der Damen entschied man sich f\u00fcr das Caf\u00e9 Darcourt, das um diese Stunde schon \u00fcberf\u00fcllt war mit den Grisetten und Studenten des Quartier, und besetzte ein paar der kleinen Marmortische drau\u00dfen, die auf dem Trottoir, mitten unter den Passanten, an den weitge\u00f6ffneten, hellerleuchteten Fenstern entlang standen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner kam neben eine junge Russin zu sitzen, die er zum erstenmal sah, \u2013 ihren langklingenden Namen \u00fcberh\u00f6rte er bei der Vorstellung, doch wurde sie von den anderen einfach als \u00bbFenia\u00ab oder \u00bbF\u00e9nitschka\u00ab angeredet. In ihrem schwarzen nonnenhaften Kleidchen, das fast drollig unpariserisch ihre mittelgro\u00dfe ganz unauff\u00e4llige Gestalt umschlo\u00df und eine beliebte Tracht vieler Z\u00fcricher Studentinnen sein sollte, machte sie zun\u00e4chst auf ihn keinerlei besonderen Eindruck. Er musterte sie nur n\u00e4her, weil ihn im Grunde alle Frauen ein wenig interessierten, wenn nicht den Mann, dann mindestens den Menschen in ihm, der seit einem Jahre doktoriert hatte und nun ein brennendes Verlangen besa\u00df, in der Welt der Wirklichkeit praktisch Psychologie zu lernen, ehe er von <a id=\"page8\" title=\"wedi\/Antenne\" name=\"page8\"><\/a> einem Katheder herab welche las: was ihm einstweilen noch keine begehrenswerte Zukunft schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An Fenia fielen ihm nur die intelligenten braunen Augen auf, die jeden Gegenstand eigent\u00fcmlich seelenoffen und klar \u2013 und jeden Menschen wie einen Gegenstand \u2013 anschauten, sowie der slawische Schnitt des Gesichtes mit der kurzen Nase: einer von Max Werners Lieblingsnasen, die da vern\u00fcnftigen Platz zum Kusse lassen, \u2013 was eine Nase doch gewi\u00df tun soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber dieses gradezu bla\u00df gearbeitete, von Geistesanstrengungen zeugende Gesicht forderte so gar nicht zum K\u00fcssen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anfangs sprachen sie kaum miteinander, denn im Innern des Lokals, neben demselben Fenster, an dessen Au\u00dfenseite sie sa\u00dfen, spielte sich eine erregte Szene ab, die aller Aufmerksamkeit auf sich zog. Dort befanden sich zwei P\u00e4rchen am Tisch, die ihre Unterhaltung mit Scherzreden und Neckereien begannen und damit endeten, sich f\u00fcrchterlich zu zanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das eine der beiden M\u00e4dchen \u2013 wenig sch\u00f6n und am Verbl\u00fchen, aber trotzdem ein unverw\u00fcstlich grazi\u00f6ses Pariser K\u00f6pfchen \u2013 wurde schlie\u00dflich vom Gegenpaar mit einer Flut h\u00e4\u00dflicher Schm\u00e4hreden \u00fcbersch\u00fcttet, ohne da\u00df ihr eigener Begleiter ihr auch nur im mindesten beigestanden h\u00e4tte. Vielmehr stimmte er bei jedem erneuten Angriff johlend in das brutale Gel\u00e4chter der beiden andern ein, das sich bald auch auf die benachbarten Tische fortpflanzte, wo neben den erhitzten halbbezechten M\u00e4nnern die geputzten Genossinnen des mi\u00dfhandelten Gesch\u00f6pfs mit l\u00e4rmender Schadenfreude ihre Konkurrentin niederjubelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die schwere, dumpfe, vom Tabakrauch und vom Dunst der Menschen, Gasflammen und Getr\u00e4nke erf\u00fcllte Luft des Lokals schallten die rohen Stimmen laut bis zu dem Tisch drau\u00dfen hin\u00fcber, an dem es ganz still geworden war. Auf den Gesichtern der Damen pr\u00e4gten sich deutlich Mitleid, Ekel, Entr\u00fcstung und eine gewisse Verlegenheit dar\u00fcber aus, einer solchen Situation beizuwohnen; eine von ihnen kn\u00fcpfte furchtsam ihren Schleier fester. Niemand aber war so benommen von dem, was er sah, wie Fenia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte von allem Anfang an mit sachlichem Interesse um sich geblickt, jede Einzelheit, die ihr auffiel, mit gro\u00dfer Unbefangenheit beobachtet. Jetzt aber wurde sie ganz sichtlich von einer so intensiven Anteilnahme erf\u00fcllt, da\u00df sie zuletzt, \u2013 offenbar ganz unwillk\u00fcrlich, <a id=\"page9\" title=\"wedi\/Antenne\" name=\"page9\"><\/a> wie au\u00dferstande l\u00e4nger passiv zu verharren, \u2013 sich langsam erhob und die eine Hand gegen die L\u00e4rmenden ausstreckte, als m\u00fcsse sie eingreifen oder Halt gebieten. Im selben Augenblick ward sie sich ihrer spontanen Bewegung bewu\u00dft, hielt sich zur\u00fcck und err\u00f6tete stark, wodurch sie pl\u00f6tzlich ganz lieb und kindlich und ein wenig hilflos aussah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sie aber so dastand, traf ihr Blick den der Grisette, die in ihrer Ratlosigkeit und Verlassenheit angefangen hatte zu weinen, so da\u00df gro\u00dfe Tr\u00e4nen ihr \u00fcber die hei\u00dfen geschminkten Wangen rollten und ihre Lippen sich konvulsivisch verzogen. Unter dem langen, eigent\u00fcmlichen Blick, den sie mit Fenia austauschte, ver\u00e4nderte sich der Ausdruck des weinenden Gesichts; von Fenias Augen schien eine Hilfe, eine Liebkosung, eine Aufrichtung auszugehn, etwas, was die Einsamkeit dieses getretenen Gesch\u00f6pfes aufhob. Man konnte vom Tisch aus deutlich den Stimmungswechsel auf ihren Z\u00fcgen verfolgen, denn sie sa\u00df fast grade gegen\u00fcber am Fenster. Ein Danken, Staunen, Nachsinnen, \u2013 ein momentanes Taubwerden f\u00fcr ihre l\u00e4rmende Umgebung und deren Schm\u00e4hreden lie\u00df ihre Tr\u00e4nen versiegen, und sie achtete kaum noch darauf, da\u00df das Paar neben ihr sich erhob, um fortzugehn, und auch ihr Begleiter seinen sch\u00e4bigen Zylinder vom Wandhaken abhob.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da stie\u00df er sie brutal mit dem Ellenbogen an und forderte sie auf, sich zu beeilen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf und erwiderte einige Worte im Pariser Argot, die man drau\u00dfen nicht deutlich vernehmen konnte, die aber eine \u00e4u\u00dferst deutliche Geb\u00e4rde der Geringsch\u00e4tzung und Ablehnung begleitete. Er machte eine verdutzte Miene und rief dadurch neues Gel\u00e4chter hervor. Diesmal jedoch galt es ihm, dem Geprellten, der mit w\u00fctendem Gesicht das Lokal verlie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das M\u00e4dchen nahm ihr fadenscheiniges Seidenm\u00e4ntelchen von der Stuhllehne, hing es um und schaute dabei mit einem stolzen und leuchtenden Blick zu Fenia hin\u00fcber, die unbeweglich stehn geblieben war, \u2013 eine ganz wunderlich ernste, ergriffene Gestalt inmitten der verschleierten Damen und der buntgekleideten, lachenden D\u00e4mchen umher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich darauf sah man ihren Sch\u00fctzling aus der T\u00fcr treten und am Tisch vor\u00fcberkommen. Aber da geschah etwas allen ganz <a id=\"page10\" title=\"wedi\/Antenne\" name=\"page10\"><\/a> Unerwartetes: denn neben Fenia blieb das M\u00e4del stehn, \u00f6ffnete die Lippen, wie um sie anzusprechen, und pl\u00f6tzlich, mit einer impulsiven Bewegung, deren Nat\u00fcrlichkeit eine mit sich fortrei\u00dfende Anmut besa\u00df, streckte sie Fenia beide H\u00e4nde entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese ergriff die dargebotenen H\u00e4nde und sch\u00fcttelte sie mit herzhaftem Druck. Einige Augenblicke lang standen sie da und l\u00e4chelten einander an wie Schwestern, w\u00e4hrend alle verbl\u00fcfft, interessiert, am\u00fcsiert um die beiden herum sa\u00dfen. Dann entfernte sich das M\u00e4dchen mit einer Kopfneigung gegen die andern und verschwand im vor\u00fcberhastenden Menschenstrom.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man lachte \u00fcber das kleine Drama, man scherzte \u00fcber Fenias \u00bbErfolg\u00ab und neckte sie nicht wenig. Sie selbst war sehr einsilbig geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine der Damen mi\u00dfverstand ihren ernsthaften Gesichtsausdruck und bemerkte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ch\u00e9rie, eine ziemlich unerbetene und unbequeme Freundschaft! Sie k\u00f6nnte Ihnen eines sch\u00f6nen Tages recht peinlich werden, wenn dies Wesen Sie irgendwo auf der Stra\u00dfe wiedertrifft und Sie auf das intimste begr\u00fc\u00dft, \u2013 zur \u00dcberraschung derer, die vielleicht mit Ihnen gehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas brauchen Sie nicht zu bef\u00fcrchten\u00ab, widersprach Max Werner rasch, \u00bbich wette darauf, da\u00df dieses M\u00e4dchen ohne merkbaren Gru\u00df an Ihnen vor\u00fcbergehen wird, falls es Ihnen je begegnet. Anderswo w\u00fcrden Sie vielleicht von ihrer Dankbarkeit verfolgt werden, \u2013 die Franz\u00f6sin w\u00fcrde es f\u00fcr eine schlechte Dankbarkeit halten, Sie eventuell dadurch zu kompromittieren. Das ist der franz\u00f6sische Takt, \u2013 der Takt einer alten Kultur, die allm\u00e4hlich bis in alle Schichten eines Volkes durchdringt und ihm seine fast instinktive Intelligenz gibt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch w\u00fcrde sie aber gern wiedersehen!\u00ab sagte Fenia leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUm was zu tun?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch wei\u00df es nicht. Aber was mich vorhin so entsetzte, das war das Gef\u00fchl, als ob diese M\u00e4dchen gleichm\u00e4\u00dfig sowohl von den M\u00e4nnern wie von den Genossinnen preisgegeben w\u00fcrden, \u2013 als ob sie gradezu wie in Feindesland lebten. \u2013 Ich habe noch nie so viel h\u00f6hnische Verachtung gesehen wie in den Mienen der M\u00e4nner, \u2013 so viel h\u00f6hnische Schadenfreude wie in den Blicken der andern M\u00e4dchen. \u2013 Und das ist hier im Lokal, wo sie sozusagen bei sich <a id=\"page11\" title=\"wedi\/cal\" name=\"page11\"><\/a> ist, unter den Ihrigen. \u2013 Au\u00dferhalb nun erst! \u2013 O ich denke mir, ein solches armes Ding mu\u00df nach einer freundlichen, einfach menschlichen Ber\u00fchrung lechzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist richtig. Manchmal sind sie sehr dankbar daf\u00fcr. Ich hab es mitunter auch schon best\u00e4tigt gefunden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie?\u00ab Fenia heftete voll Interesse ihre hellbraunen Augen auf ihn. Sie war ganz und gar bei der Sache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum nicht ich?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWeil ich mir vorstelle, da\u00df solche M\u00e4dchen einem jeden Mann mit Mi\u00dftrauen begegnen, \u2013 m\u00fcssen sie nicht annehmen, er wolle von ihnen etwas ganz andres als ihr Vertrauen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDonnerwetter!\u00ab dachte er und sah sich Fenia genauer an. Dieser Grad von Unbefangenheit, womit sie \u00fcber so heikle Dinge mit einem ihr ganz fremden Manne sprach, hier, in Paris, in der Nacht, in diesem Caf\u00e9, \u2013 und dabei ein Ausdruck in ihren Mienen, als unterhielten sie sich \u00fcber fremdl\u00e4ndische K\u00e4fer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Waren Grisetten, junge M\u00e4nner, Nachtcaf\u00e9s und Liebesabenteuer ihr wirklich derma\u00dfen fremdl\u00e4ndische K\u00e4fer?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDiese Annahme w\u00fcrde ihr Vertrauen dem Manne gegen\u00fcber vermutlich gar nicht beeintr\u00e4chtigen\u00ab, entgegnete er inzwischen Fenia auf ihre Frage, \u00bbdenn da\u00df er neben seiner menschlichen Anteilnahme vielleicht auch von ihnen als \u2013 als Frauen etwas empfangen will, das halten sie f\u00fcr ganz nat\u00fcrlich. Das Gegenteil w\u00fcrde wohl gar ihre Eitelkeit kr\u00e4nken und keinesfalls ihr Selbstbewu\u00dftsein heben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er blickte bei seinen Worten um sich, ob der kleinen Gesellschaft, die l\u00e4ngst zu andern Gespr\u00e4chsstoffen \u00fcbergegangen war, die Unterhaltung vernehmbar sei, und beugte sich n\u00e4her zu Fenia, um mit ged\u00e4mpfterer Stimme fortfahren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist auch gar nicht so verwunderlich, wie es Ihnen vielleicht scheint\u00ab, bemerkte er, \u00bbdenn Sie d\u00fcrfen nicht vergessen, da\u00df es sich dabei nur um eine diesen Wesen ganz gel\u00e4ufige Verkehrsform handelt, \u2013 um eine so gewohnte und gel\u00e4ufige, da\u00df sie in ihr unwillk\u00fcrlich alles und jedes zum Ausdruck bringen, auch Seelenregungen der Freundschaft, Dankbarkeit oder Sympathie, die in die sinnliche \u00c4u\u00dferungsform nicht genau hineinpassen. Es ist eben ihre Art von Sprache geworden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die vertrauliche N\u00e4he, in der er das zu Fenia sagte und sie <a id=\"page12\" title=\"wedi\/cal\" name=\"page12\"><\/a> gleichsam mit sich isolierte, st\u00f6rte sie augenscheinlich nicht; sie senkte den Kopf und schien nachzudenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer kurzen Pause fragte sie lebhaft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie meinen also, auch diese M\u00e4dchen hegen oft rein kameradschaftliche Gesinnungen M\u00e4nnern gegen\u00fcber und \u00e4u\u00dfern sie nur \u2013 nur \u2013 sozusagen nur falsch? Das kann ich mir schwer vorstellen. Denn wenn es auch die ihnen gewohnteste Sprache ist, worin sie alles und jedes ausdr\u00fccken, \u2013 alle Menschen haben doch verschiedene Bezeichnungen f\u00fcr total verschiedene Dinge.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGlauben Sie? Ich meinerseits glaube viel eher, da\u00df auch in unsern St\u00e4nden sich eine ganz \u00e4hnliche Beobachtung machen l\u00e4\u00dft. Unsre M\u00e4dchen und Frauen werden so daran gew\u00f6hnt, mit den M\u00e4nnern ihrer Umgebung eine rein konventionelle, ganz unsinnliche Verkehrsform zu \u00fcben, da\u00df sie in dieser Sprache auch das noch ausdr\u00fccken, was ganz und gar nicht so abstrakt gemeint ist. Wie manches M\u00e4dchen meint mit einem Mann nichts als Geistesinteressen und Seelenfreundschaft zu teilen, w\u00e4hrend sie, \u2013 oft unbewu\u00dft, \u2013 nichts andres begehrt als seine Liebe, seinen Besitz. \u2013 F\u00fcr eine kleine Grisette ist die menschliche Anteilnahme eines Mannes das bei weitem seltenere, gewisserma\u00dfen ausgeschlossene, \u2013 f\u00fcr die Dame unsrer Gesellschaft ist es das r\u00fccksichtslose Sich-Ausleben des Weibes.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum hatte er diese Tirade vorgebracht, als ungl\u00fccklicherweise die Gesellschaft aufbrach. Mitten im St\u00fchler\u00fccken und Durcheinanderreden fa\u00dfte eine von den Damen Fenia unter den Arm und schnitt ihm ihre Antwort ab. Es ging nicht mehr \u00fcber ein h\u00f6chst uninteressantes Geschw\u00e4tz aller mit allen hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch flanierte er neben ihnen her durch die n\u00e4chtlichen Stra\u00dfen, machte im \u00bbChien qui fume\u00ab das unvermeidliche Nachtessen von Zwiebelsuppe und Austern mit und beschaute sich mit den andern in der Fr\u00fchd\u00e4mmerung durch die breiten Spiegelfenster des Restaurants das gro\u00dfartig malerische Bild der Wareneinfuhr in die Hallen. Dabei erfuhr er von einem russischen Journalisten, der Fenias Eltern gekannt hatte, wenigstens etwas vom \u00e4u\u00dfern Umri\u00df ihres Lebens. Von Geburt war sie Moskowitin, begleitete aber schon fr\u00fch ihren erkrankten Vater, einen ehemaligen Milit\u00e4rarzt, nach S\u00fcddeutschland und der Schweiz, wo sie ihre Universit\u00e4tsstudien begann \u2013 und nach seinem Tode mit Hilfe von m\u00fchsamem <a id=\"page13\" title=\"wedi\/cal\" name=\"page13\"><\/a> Nebenerwerb, Stundengeben und \u00dcbersetzungen aller Art hartn\u00e4ckig fortsetzte. In Z\u00fcrich schien sie mit lauter ihr befreundeten M\u00e4nnern zusammen zu studieren, \u2013 einer von ihnen hatte sie in den Herbstferien auch hierher, nach Paris, begleitet, war dann aber nach Ru\u00dfland abgereist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kam daher dieser merkw\u00fcrdig schwesterliche, geschlechtslose Anstrich, den sie sich gab, als g\u00e4be es f\u00fcr sie auf der Welt nur lauter Br\u00fcder? Oder war es nicht viel wahrscheinlicher, da\u00df dies unendlich unbefangene Betragen nur den \u00e4u\u00dferen Deckmantel abgab f\u00fcr ein ganz freies Leben? Sie mu\u00dfte doch schon recht viel von der Welt und den Menschen kennen \u2013 mehr als eines der wohlbeh\u00fcteten jungen M\u00e4dchen unsrer Kreise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer wieder schweiften seine Augen und seine Gedanken zu ihr hin\u00fcber, von der er argw\u00f6hnte, sie halte sich eine h\u00f6chst kluge und gelungene Maske vor. Steckte nicht hinter diesem Nonnenkleidchen, das unter den andern Toiletten fast auffiel, etwas recht Leichtgesch\u00fcrztes, \u2013 hinter diesem offenen, durchgeistigten Gesicht nicht etwas Sinnenhei\u00dfes, wor\u00fcber sich nur ein T\u00f6lpel t\u00e4uschen lie\u00df? \u2013 Spielte nur seine eigene Phantasie ihm einen Streich, oder erinnerte Fenia nicht an die Magerkeit, Geistigkeit und stilisierte Einfachheit einer modern pr\u00e4raphaelitischen Gestalt, die so keusch ausschauen will und doch geheimnisvoll umbl\u00fcht wird von verr\u00e4terisch farbenhei\u00dfen, seltsam berauschenden Blumen\u00a0\u2013\u00a0\u2013?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls ging etwas Aufregendes von Fenia \u00fcber ihn aus und reizte ihn stark, trotz der Abneigung, die ihm damals jede studierende oder gelehrte Frau einzufl\u00f6\u00dfen pflegte. Ja, er nahm&#8217;s fast als Beweis, da\u00df Fenia nur zum Schein eine solche sei\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beim Verlassen des Restaurants wurde noch der Vorschlag laut, die lange Nachtschw\u00e4rmerei mit einer Fahrt in den Bois de Boulogne abzuschlie\u00dfen, aber ein vielstimmiges G\u00e4hnen protestierte dagegen. \u00dcbrigens lie\u00df sich auch an keiner Stra\u00dfenecke ein Fiaker blicken. Endlich entschlo\u00df man sich, zu Fu\u00df den Heimweg anzutreten, jeder Herr begleitete eine der Damen nach Hause, und Max Werner gelang es, Fenia auf seinen Anteil zu bekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon drang die Sonne durch den Morgennebel und \u00fcbergo\u00df Paris mit jenem k\u00f6stlichen Fr\u00fchrotschein, den die feuchte Luft \u00fcber den Ufern der Seine erzeugt. <a id=\"page14\" title=\"wedi\/th\" name=\"page14\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist ganz herrlich!\u00ab rief Fenia und blieb mitten auf der Stra\u00dfe stehn, setzte aber sogleich sehr prosaisch hinzu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWenn ich jetzt eine Tasse starken Kaffee bekommen k\u00f6nnte! Dann brauchte ich mich zu Hause nicht erst niederzulegen, und der Tag w\u00e4re nicht verloren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie sehen nicht m\u00fcde aus, sondern ganz wunderbar klar\u00e4ugig\u00ab, bemerkte er und sah sie an, \u00bbes wird Ihnen offenbar leicht, eine Nacht nicht auszuruhen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin&#8217;s gew\u00f6hnt\u00ab, sagte sie, \u00bbich habe vorzugsweise nachts bei den B\u00fcchern gesessen. Wenn&#8217;s um einen her so still ist\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas klingt doch wirklich rein wahnsinnig, wenn man ein junges M\u00e4dchen so etwas sagen h\u00f6rt\u00ab, erwiderte er fast gereizt, denn es mi\u00dffiel ihm heftig, \u00bbich, so wie ich hier stehe, bin eben erst der B\u00fccherstudiererei entlaufen wie dem \u00e4rgsten aller Frondienste. Und Sie \u2013 ein Weib \u2013 spannen sich freiwillig hinein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum soll denn das ein Frondienst sein?\u00ab sie blickte erstaunt auf \u2013 \u00bbdas, was unsern Gesichtskreis erweitert, uns das Leben aufschlie\u00dft, uns selbst\u00e4ndig macht\u00a0\u2013? Nein, wenn irgendwas in der Welt einer Befreiung gleicht, so ist es das Geistesstudium.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie ist imstande und benutzt diesen Heimweg, \u2013 mitten auf der Stra\u00dfe, im Morgennebel, \u2013 zu einem philosophischen Disput \u00fcber den Wert des Geistesstudiums f\u00fcr das Leben!\u00ab dachte er fast erbittert und entgegnete im Brustton seiner festesten \u00dcberzeugung:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber, mein Fr\u00e4ulein! da irren Sie sich nun wirklich! Es ist im Gegenteil das Beschr\u00e4nkendste, Einschr\u00e4nkendste, was es auf der Welt gibt! Und eigentlich versteht sich das ja von selbst. Die Wissenschaft f\u00fchrt an der Wirklichkeit des Lebens, mit all seinen Farben, all seiner F\u00fclle, seiner widerspruchsvollen Mannigfaltigkeit, v\u00f6llig vorbei, \u2013 sie erhascht von alledem nur eine ganz blasse, d\u00fcnne Silhouette. Je reiner, je strenger und sicherer ihre Erkenntnismethoden sind, desto bewu\u00dfter und gr\u00f6\u00dfer dann auch ihr Verzicht auf das volle, das wirkliche Erfassen selbst des kleinsten Lebensst\u00fcckchens. \u2013\u00a0\u2013 Deshalb ist der Wissenschafter, der ihr dient, an so viel Selbstkasteiung gebunden, an so viel blo\u00dfe Schreibtischexistenz und geistige Bleichsucht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend er redete, \u00fcberlegte er sich zugleich, da\u00df der Weg bis zu <a id=\"page15\" title=\"Antenne\/wedi\" name=\"page15\"><\/a> Fenias Hotel sehr kurz sei, und machte deshalb auf alle F\u00e4lle einen Umweg, obwohl der Himmel sich bezog. Sie bemerkte auch gar nichts davon, weder von der Himmelstr\u00fcbung noch vom Umweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbF\u00fcr uns Frauen, \u2013 f\u00fcr uns, die wir erst seit so kurzem studieren d\u00fcrfen, ist es durchaus nicht so, wie Sie da sagen\u00ab, widersprach sie, ganz eingenommen von ihrer Sache; \u00bbf\u00fcr uns bedeutet es keine Askese und keine Schreibtischexistenz. Wie sollte das auch m\u00f6glich sein! Wir treten ja damit nun grade mitten in den Kampf hinein, \u2013 um unsre Freiheit, um unsre Rechte, \u2013 mitten hinein in das Leben! Wer von uns sich dem Studium hingibt, tut es nicht nur mit dem Kopf, mit der Intelligenz, sondern mit dem ganzen Willen, dem ganzen Menschen! Er erobert nicht nur Wissen, sondern ein St\u00fcck Leben voll von Gem\u00fctsbewegungen. Was Sie von der Wissenschaft sagen, klingt so, als sei sie nur noch die geeignetste Besch\u00e4ftigung f\u00fcr Greise, f\u00fcr abgelebte Menschen. Aber vielleicht seid nur ihr greisenhaft. Bei uns begeistert sie die Starken, die Jungen, die Frischen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, wissen Sie denn, was das beweisen w\u00fcrde, wenn es wirklich so ist?\u00ab fragte er \u00e4rgerlich und studierte dabei mit verliebtem Wohlgefallen den Ansatz des braunen Haares an ihren Schl\u00e4fen, der eine reizende kleine Linie bildete; \u00bbes beweist einfach, da\u00df Ihr Geschlecht zur\u00fcck ist, da\u00df es da lebt, wo wir vor Jahrhunderten standen. Etwa da, wo wir f\u00fcr jede wissenschaftliche Erkenntnis auf den Scheiterhaufen gerieten, oder mindestens in \u00f6ffentlichen Verruf. Damals hatte allerdings das Leben f\u00fcr die Wissenschaft noch etwas verdammt Charakterst\u00e4hlendes und zog die ganze Existenz eines Menschen in die abstraktesten Erkenntnisfragen hinein. Aber solange das so ist, ist auch die feinste geistige Kultur noch nicht m\u00f6glich, \u2013 die Kultur von heute, die <i>\u00fcber<\/i> den Dingen schwebt, \u2013 und von der die Frauen nichts wissen, wenn sie studieren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber wenn sie nicht studieren?\u00ab fragte sie spottend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJawohl. Dann bekommen sie durch den Mann eine Ahnung davon.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte, \u2013 wo sind wir?\u00ab unterbrach ihn Fenia und blieb stehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWerden Sie nicht b\u00f6se! Im Eifer des Gefechts sind wir von der k\u00fcrzesten Heimweglinie abgewichen. \u2013\u00a0\u2013 Aber ich wu\u00dfte wohl: hier mu\u00df schon ein kleines Lokal offen sein, wo Sie Kaffee bekommen k\u00f6nnen\u00ab, f\u00fcgte er schnell hinzu und f\u00fchrte sie ein paar <a id=\"page16\" title=\"wedi\/Antenne\" name=\"page16\"><\/a> Schritte weiter, \u2013 \u00bbich konnte nicht vergessen, da\u00df Sie so schmerzlich nach Kaffee verlangten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das kleine Caf\u00e9, vor dem sie standen, wurde allerdings grade ge\u00f6ffnet. Aber auf so fr\u00fche Besucher war es noch keineswegs eingerichtet. Der Besen, der drinnen \u00fcber die Dielen fuhr, fegte ihnen m\u00e4chtige Staubwolken entgegen, und die St\u00fchle standen noch friedlich auf die Tische gest\u00fclpt da, wie w\u00e4hrend der Nachtzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube, es ist noch weit nach meinem Hotel\u00ab, meinte Fenia bedenklich, \u2013 \u00bbist nicht jetzt ein Fiaker\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNach Ihrem Hotel ist es freilich ein wenig weit\u00ab, fiel er ihr schnell in die Rede, \u00bbaber wenn Sie\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013, ich kann es gar nicht ertragen, da\u00df Sie um den ersehnten Kaffee kommen. Sie m\u00fcssen jetzt ja noch viel durstiger sein. Ich wei\u00df einen Ort, wo Sie selbst um diese fr\u00fche Stunde ganz vorz\u00fcglichen bekommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo denn? Ganz nah?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGanz nah. Keine zehn H\u00e4user weit. Denn wir sind hier zwar etwas entfernt von Ihrem Hotel, aber desto n\u00e4her bei dem meinen. Und meine Hotelwirte sind auf die merkw\u00fcrdigsten Kaffeestunden eingerichtet. Gehen wir hin. Ich lasse dann von dort einen Fiaker besorgen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBei mir wird, glaub ich, der Speisesaal nicht so fr\u00fch aufgemacht\u00ab, meinte Fenia etwas verwundert, \u00bbaber wenn es so ist \u2013 gehen wir meinetwegen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre einfache Bereitwilligkeit irritierte ihn beinahe. Die mit ihr durchwachte Nacht hatte seine verliebte Neugier bis zu nerv\u00f6ser Erregung aufgereizt. Wie, wenn er sie gar nicht in den allgemeinen Speisesaal f\u00fchrte? konnte sie denn das wissen? H\u00f6chst wahrscheinlich war dieser wirklich noch nicht auf. Aber seine eignen Zimmer lagen daneben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Art von stiller Wut kam \u00fcber ihn, seine Unklarheit \u00fcber dieses M\u00e4dchen qu\u00e4lte ihn. War es wohl m\u00f6glich, da\u00df sie einem wildfremden jungen Menschen so weit entgegenkam, sich ihm so arglos anvertraute, wenn das alles nicht blo\u00dfes Raffinement war? Lachte sie etwa im stillen \u00fcber ihn? Oder von welchem fernen Stern war sie auf das Pariser Pflaster gefallen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, er war noch sehr jung damals! Die Weiber taxierte er ganz besonders deshalb noch ziemlich falsch, weil er Angst hatte, f\u00fcr <a id=\"page17\" title=\"wedi\/samweis\" name=\"page17\"><\/a> einen leichtgl\u00e4ubigen Dummkopf gehalten zu werden. Und was die studierenden Frauen betraf, gegen die er eine solche Abneigung besa\u00df, so mu\u00dfte er sich gestehen, da\u00df er sie eigentlich noch nicht kannte, denn die Frauen seiner intimeren Bekanntschaft geh\u00f6rten ganz und gar nicht zu dieser Rasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er f\u00fchrte Fenia in das Hotel garni, wo er wohnte, lie\u00df sie einige Stufen hinaufsteigen und \u00f6ffnete im breiten Korridor die T\u00fcr zu einem Zimmer neben dem Speisesaal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war nicht sein Zimmer, sondern eine momentan unbesetzte gro\u00dfe, helle Hinterstube mit Saloneinrichtung, die er zu benutzen pflegte, wenn bei ihm aufger\u00e4umt wurde. Als sie eintraten, kratzte jedoch nebenan sein kleiner wei\u00dfer Spitz, den er einer alten Stra\u00dfenverk\u00e4uferin abgehandelt hatte, aufgeregt \u00fcber die lang erwartete R\u00fcckkunft seines Herrn, unter leisem Gewinsel an der T\u00fcr. Max Werner lie\u00df ihn herein, und er scho\u00df unter freudigstem Wedeln und Bellen auf Fenia und ihn zu, als geh\u00f6rten sie zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia war zaudernd stehngeblieben, nicht recht begreifend, wo sie sich hier befand. Sie b\u00fcckte sich unwillk\u00fcrlich zu dem Hund nieder, der sich indessen zwischen ihnen hingesetzt hatte und sie befriedigt ansah, richtete sich aber ebenso rasch weder auf und wollte etwas sagen, als ihr Blick Max Werners Gesicht traf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte sie ohne irgendeine klare Absicht hier hereingef\u00fchrt. Wie sie jedoch nun wirklich dastand, in diesem Zimmer, in dieser v\u00f6lligen Abgeschlossenheit mit ihm allein, in diesem schlafenden Hotel, auf dessen G\u00e4ngen es noch so totenstill war, da\u00df man hinter den halbgeschlossenen Fensterjalousien das vergn\u00fcgte Zwitschern eines Spatzen im Hofe h\u00f6rte, \u2013 da, \u2013 ja, als Fenia da aufschaute, sah sie ihn zitternd vor Erregung \u00fcber sie geneigt, ganz nahe \u00fcber ihrem Gesicht, und im Begriff, sie mit beiden Armen zu umfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schrie nicht auf. Sie zuckte nur zur\u00fcck, b\u00fcckte sich schnell, um den Schirm aufzunehmen, der ihr bei der Begr\u00fc\u00dfung des Hundes entglitten war, und wandte sich zur T\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie schade!\u00ab sagte sie dabei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es entfuhr ihr fast bedauernd, zugleich im Ton au\u00dferordentlichen Erstaunens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er stand einen Augenblick verdutzt da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann schwoll eine pl\u00f6tzliche Raserei in ihm auf, \u2013 ein blinder w\u00fctender Drang, ihr nur ja nicht den Willen zu tun, und ohne noch <a id=\"page18\" title=\"wedi\/samweis\" name=\"page18\"><\/a> selbst recht zu wissen, was er eigentlich damit bezweckte, st\u00fcrzte er an ihr vorbei zur T\u00fcr, ri\u00df den Schl\u00fcssel heraus, drehte ihn von innen im Schlo\u00df herum und steckte ihn darauf in seine Tasche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia war wie eine Salzs\u00e4ule stehngeblieben. Sie war furchtbar erbla\u00dft. Ihre Blicke irrten durch das Zimmer, durch das Fenster in den Hof, wo der Spatz schrie, und blieben dann am hellen Klingelknopf der elektrischen Glocke haften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber konnte sie den Gar\u00e7on herbeil\u00e4uten und sich von ihm zu dieser Stunde in dieser Stube mit dem Fremden finden lassen? \u2013 Und in den Hof hinunterspringen konnte sie ja doch auch nicht.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie richtete ihre Augen, tief erschrocken, gro\u00df und fragend, auf ihn, grade als frage sie ihn danach, was nun zu tun sei. Einen Augenblick lang war etwas Hilfloses und Hilfeheischendes \u00fcber ihrer ganzen Gestalt, wie \u00fcber einem im Wald verirrten Kind. \u2013 Aber nur einen Augenblick. Dann siegte ein andres Gef\u00fchl. Ihr Blick lief an ihm hinab, und ihre Lippen w\u00f6lbten sich in einem unaussprechlich beredten Ausdruck des Ekels, \u2013 der Verachtung\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Hand fuhr, ohne da\u00df er es ihr im geringsten anbefohlen h\u00e4tte, in seine Tasche und zog, ohne sich um den L\u00fcmmel zu k\u00fcmmern, der dumm, rot und wie ein Schulknabe dastand, den Schl\u00fcssel heraus. Als aber die Hand Fenia den Schl\u00fcssel reichte, begleitete er diese unfreiwillige Geb\u00e4rde mit einem Gemurmel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch \u2013 vorhin, als ich die T\u00fcr zusperrte, da mi\u00dfverstanden Sie mich, \u2013 ich wollte doch nicht etwa, \u2013 nein, \u00fcberhaupt nichts, \u2013 ich wollte ja nur, da\u00df Sie nicht in dieser Stimmung fortgehen sollten, \u2013 nicht aufgebracht und zornig gegen mich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die seltsame Logik dieser Worte schien ihr nicht einzuleuchten. Ihr Gesicht trug noch immer denselben Ausdruck, der es fast verzerrte, \u2013 als s\u00e4\u00dfe ihr eine Raupe am Halse und kr\u00f6che langsam weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ergriff den Schl\u00fcssel und ging sehr schnell, ohne ein Wort, aus der T\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hinterdrein. Hinter ihm der Spitz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Hut hatte er nicht aufgesetzt, sie w\u00e4re ihm entwischt, w\u00e4hrend er ihn vom Tisch holte. Und er f\u00fchlte sich g\u00e4nzlich unf\u00e4hig, sie so gehen zu lassen, \u2013 auf immer, \u2013 ohne ein Wort, \u2013 lieber wollte er ihr nachlaufen, \u2013 ja das wollte er, \u2013 wie ein <a id=\"page19\" title=\"wedi\/samweis\" name=\"page19\"><\/a> verliebter Pudel, \u2013 verliebt in diesem Augenblick zum N\u00e4rrischwerden.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ganz nah am Hotel standen ein paar Droschken. Die ledernen Verdecke waren herabgelassen, ein feiner Regen fing an, vom Himmel niederzurieseln. Im einf\u00f6rmig grauen Morgenlicht hasteten ein paar Zeitungsverk\u00e4ufer, ein verschlafener B\u00e4ckerjunge vor\u00fcber. Die Stra\u00dfe entlang klapperte ein Gem\u00fcsekarren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ehe es Fenia noch gelang, den Kutscher auf seinem Bock wachzurufen und in den Fiaker einzusteigen, waren sie schon zur Stelle, Max Werner und der Spitz, letzterer in h\u00f6chster Aufregung dazwischenbellend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbH\u00f6ren Sie mich an\u00ab, sagte er atemlos zu Fenia und half ihr, unter das Verdeck zu gelangen, \u00bbh\u00f6ren Sie mich an! Sehen Sie mich an! Nein, \u2013 sehen Sie mich nicht an\u00ab, verbesserte er sich, seines verwirrten Aussehens, seines hutlosen Kopfes gedenkend, \u2013 \u00bbaber Sie sehen ja, da\u00df ich \u00fcber meine eigne, wahnsinnige Dummheit au\u00dfer mir bin! Sagen Sie mir, da\u00df Sie mir verzeihen, \u2013 sagen Sie mir ein Wort, \u2013 gehen Sie nicht so, \u2013 ich meine: fahren Sie nicht so.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wu\u00dfte durchaus nicht mehr, was er eigentlich sagte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kutscher war schwerf\u00e4llig vom Bock geklettert, hatte seinem Pferde den Futtereimer abgeh\u00e4ngt, nahm dem Tier die Schutzdecke vom R\u00fccken und faltete sie bed\u00e4chtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia schaute indessen unter dem Schirmdach des Verdeckes hervor, in sich zusammengeschmiegt wie eine weiche Katze, und sah Max Werner ganz gro\u00df und ernst an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerzeihen?\u00ab wiederholte sie, \u2013 \u00bbich will Ihnen noch mehr sagen: da ist gar nichts zu verzeihen. Denn ich bin ebenso dumm gewesen wie Sie, indem ich Ihnen folgte, ohne Sie und Ihren Speisesaal auch nur ein bi\u00dfchen zu kennen. Ja, das war sehr dumm, und so sind wir quitt, denn Sie sind auch nur so dumm gewesen, weil Sie mich nicht kannten. \u2013 Wir haben beide dieselbe Entschuldigung daf\u00fcr, da\u00df wir es nicht besser wu\u00dften. \u2013 Denn obgleich ich so viel unter M\u00e4nnern gewesen bin, sehen Sie, so hat es sich f\u00fcr mich immer so gl\u00fccklich getroffen, da\u00df es immer die anst\u00e4ndigsten M\u00e4nner von der Welt waren. Ja wahrhaftig. Sie sind der erste unanst\u00e4ndige \u2013 Mann, den ich\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie brach ab, wie selbst erschrocken \u00fcber das beleidigende Wort, <a id=\"page20\" title=\"wedi\/samweis\" name=\"page20\"><\/a> womit ihre lange Rede abschlo\u00df. Der Kutscher war auf den Bock gestiegen, der Gaul zog an, und Fenia dr\u00fcckte sich err\u00f6tend ins Dunkel des Verdecks, w\u00e4hrend der Fiaker mit ihr davonrasselte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner stand auf dem Stra\u00dfendamm und fuhr mechanisch, mit d\u00fcsterem Gesicht, nach seinem Kopf, um den Hut zu l\u00fcften, \u2013 der nicht daraufsa\u00df.<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">In den darauffolgenden Tagen dr\u00e4ngte es ihn sehr, Fenia aufzusuchen oder ihr zu schreiben, doch zauderte er immer wieder und unterlie\u00df es. Erst nach l\u00e4ngerer Zeit, als er schon mit einigem Humor an seine Eselei zur\u00fcckdachte, tat er es trotzdem; aber da war Fenia, \u2013 Fiona Iw\u00e1nowna Betjagin hie\u00df sie, \u2013 bereits wieder nach Z\u00fcrich abgereist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indessen schien es des Schicksals Wille, da\u00df sie sich wiederfinden sollten, als sie beide l\u00e4ngst nicht mehr dran dachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Jahr ging hin. Max Werner verbrachte es, nach seiner R\u00fcckkehr aus Paris, in der \u00f6sterreichischen Heimat, wo ihn seit einiger Zeit etwas Liebes festhielt und seine Reiselust merklich abschw\u00e4chte. Da erhielt er eines Tages einen Brief seiner einzigen Schwester, die sich den letzten Monat bei einer nach Ru\u00dfland verheirateten Freundin auf deren Gut aufgehalten hatte: sie zeigte ihm ihre Verlobung mit einem in der N\u00e4he von Smolensk beg\u00fcterten Landedelmann an und sandte ihm zugleich einen sch\u00f6nen Gru\u00df von Fiona Iw\u00e1nowna Betjagin, \u2013 einer Verwandten ihres zuk\u00fcnftigen Mannes, die im Auslande studiert und k\u00fcrzlich promoviert habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tief im Winter, Mitte Januar, reiste Max Werner zur Hochzeit seiner Schwester in die russische Provinz. Dort, auf dem Gut von deren Freunden, wo eine Unmenge fremder G\u00e4ste untergebracht waren, sah er mitten im Trubel der festlichen Vorbereitungen Fenia wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er sie zuerst erblickte, h\u00e4tte er sie fast nicht wiedererkannt, obgleich er nicht h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, worin die \u00fcberraschende Ver\u00e4nderung gegen den Pariser Eindruck liegen mochte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia sa\u00df in l\u00e4ssiger Haltung zwischen einigen Bekannten, ihre <a id=\"page21\" title=\"wedi\/samweis\" name=\"page21\"><\/a> rechte Hand in tr\u00e4ger Geb\u00e4rde mit der Innenfl\u00e4che nach oben gekehrt im Scho\u00df, und seltsam festlich und feierlich im leuchtenden Wei\u00df ihres seidenen Kleides. W\u00e4hrend sie heiter lachte und sprach, sah sie doch zerstreut aus, als vertr\u00e4umten sich ihre Gedanken ganz woandershin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Gestalt schien voller herangebl\u00fcht zu sein, in allen ihren Bewegungen lag etwas Weiches, Abgerundetes, was sie nicht besessen hatte und was ihr eine harmonische Sch\u00f6nheit gab. Fenia war sch\u00f6ner geworden, als zu erwarten stand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, sch\u00f6ner, \u2013 doch den beunruhigenden Reiz von damals \u00fcbte sie nicht mehr auf Max Werner aus, \u2013 das Widerspruchsvolle, Geheimnisvolle, was ihn damals an der fremden Studentin anzog und abstie\u00df, schien von ihr abgestreift zu sein, seitdem das Weib, das er so unruhig in ihr gesucht hatte, in ihrem \u00c4u\u00dferen voller hervorgetreten war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das f\u00fchlte er trotz der herzlichen Freude, womit er sich von Fenia bewillkommnet sah. Sie begr\u00fc\u00dfte in ihm sogleich den neuen Verwandten, und beide lachten sie miteinander \u00fcber ihren gemeinsamen, verblichenen Pariser \u00bbLiebesroman\u00ab, der gar so kurz gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Hochzeitstafel setzte Fenia ihn neben sich, und sie tranken, zugleich mit vielen andern Paaren, sogar Br\u00fcderschaft, an der jedoch nie ordentlich festgehalten wurde. Max Werner fiel der gro\u00dfe Ernst auf, womit Fenia ihm alle Einzelheiten und deren Bedeutung w\u00e4hrend der griechisch-katholischen Trauung, die der protestantischen folgte, zu erkl\u00e4ren bem\u00fcht war. Ihn interessierten wohl die verschiedenen Zeremonien, die er da sah, doch konnte er eine etwas ketzerische Bemerkung \u00fcber ihre \u00dcberfl\u00fcssigkeit nicht unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u00dcberfl\u00fcssig?!\u00ab sagte Fenia erstaunt, f\u00fcgte jedoch schnell hinzu: \u00bbnun freilich, f\u00fcr einen Fremden, der&#8217;s mitmachen mu\u00df. F\u00fcr mich ist es gradezu k\u00f6stlich, so unterzutauchen in Weihrauchduft und Gesang und Kindheitserinnerungen. Ich bin ja so viele Jahre fortgewesen. \u2013\u00a0\u2013 Und jetzt erst f\u00fchle ich mich wieder zu Hause, wo all dies Altvertraute wieder um mich ist. \u2013\u00a0\u2013 Ru\u00dfland hat auch darin den gro\u00dfen Vorzug vor andern L\u00e4ndern, da\u00df man ganz sicher ist, alles auf dem alten Fleck wieder vorzufinden. Da ist kein Hasten von Fortschritt zu Fortschritt, \u2013 es ist alles jahraus, jahrein dasselbe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber dies vaterl\u00e4ndische Kompliment mu\u00dfte Max Werner lachen. <a id=\"page22\" title=\"wedi\/samweis\" name=\"page22\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAuch ein Grund, seine Heimat zu verehren!\u00ab bemerkte er heiter, \u00bbaber in diesem besondern Fall \u2013 denken Sie \u2013 denkst du \u2013 doch auch nicht mehr wie einst als Kind. Diese langen Trauungszeremonien sind ihres tieferen Sinnes ja doch entkleidet.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDurchaus nicht! im Gegenteil! Streift man die \u00e4u\u00dfere Form ab, was ist der tiefere Sinn? Er lautet etwa: da sind zwei Menschen, die sich zusammentun wollen f\u00fcr immer, \u2013 vermutlich weil sie sich lieben, \u2013 aber nicht nur zum Zweck ihrer pers\u00f6nlichen Verliebtheit, sondern zu einer gemeinsamen Aufgabe, \u2013 sozusagen im Dienst eines H\u00f6heren, Dritten, worin sie sich erst unl\u00f6slich verbinden. Sonst ist die ganze Unl\u00f6slichkeit zwecklos. Nein, sie wollen darin \u00fcber das nur Pers\u00f6nliche, rein Gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige hinaus, \u2013 ob sie es nun Gott nennen, oder Heiligkeit der Familie, oder Ewigkeit des Eheb\u00fcndnisses, \u2013 das gilt daf\u00fcr gleich. \u2013\u00a0\u2013 In jedem Fall ist es etwas andres, \u2013 auch etwas durchaus Anderwertiges als nur Liebe zwischen den Geschlechtern.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Gott, Fenia Iw\u00e1nowna\u00ab, sagte Max Werner ganz konsterniert, \u00bbSie k\u00f6nnen einem wahrhaftig das ganze Heiraten verleiden! Mir l\u00e4uft f\u00f6rmlich eine G\u00e4nsehaut \u00fcber den R\u00fccken. \u2013\u00a0\u2013 Zum Gl\u00fcck irren Sie sich. Unl\u00f6slich ist die Geschichte wenigstens nicht. Es gibt ja doch Aussicht auf Scheidung\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia zuckte die Achseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMag sein \u2013 bei euch. Da dr\u00fcckt eben die Form den Inhalt nicht mehr voll aus. Hat also auch die ihr zukommende Sch\u00f6nheit und Feierlichkeit nicht mehr. Da kann ich mir ganz gut denken, da\u00df ihr vielleicht leichtsinniger drauflosheiratet. \u2013\u00a0\u2013 Wir aber, \u2013\u00a0\u2013 ehe wir es tun, werfen wir uns auf die Knie \u2013 ganz so, als ob wir das Entgegengesetzte tun und auf Lebenszeit unsre pers\u00f6nlichen Genu\u00dfrechte in einem Kloster aufgeben wollten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war Max Werner noch ebenso angenehm und anregend wie fr\u00fcher, mit Fenia zu disputieren, wenn ihre Meinungen auch ebenso aufeinanderstie\u00dfen wie damals in Paris. Aber wie in ihrem \u00c4u\u00dferen erschien Fenia ihm auch in ihren Meinungen jetzt weit frauenhafter als fr\u00fcher, und vielleicht bewirkte es grade dieser Umstand, da\u00df sie sich in der kurzen Woche fast unausgesetzten Zusammenseins schlie\u00dflich eng befreundeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die einfache Schwesterlichkeit ihrer Umgangsformen, die er <a id=\"page23\" title=\"cal\/samweis\" name=\"page23\"><\/a> damals mit so argw\u00f6hnischen Augen angesehen hatte, wurde ihm hier im fremden Lande unendlich sympathisch, und sehr bald erkannte er auch im Schlichten, arglos Vertrauenden des Benehmens einen spezifisch slawischen Zug der M\u00e4dchen und Frauen. Fenia unterschied sich von den andern nur wenig, \u2013 am wenigsten durch den Umstand, da\u00df sie ein so langes Studienleben gef\u00fchrt hatte. Der Ausdruck ihres Naturwesens war viel st\u00e4rker als irgend etwas Angelerntes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich kam es sogar dazu, da\u00df Max Werner Fenia den gr\u00f6\u00dften Vertrauensbeweis gab, indem er ihr andeutete, was ihn jetzt so ganz an seine Heimat fesselte und ihn dahin zur\u00fcckzog. Sie erfuhr, da\u00df er seit Jahresfrist heimlich verlobt sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er gestand es ihr w\u00e4hrend einer gro\u00dfen Schlittenpartie, die alle Gutsg\u00e4ste gemeinsam bei prachtvollem Winterwetter in die verschneite waldreiche Umgebung unternahmen. Fenia und ihr deutscher Freund kamen zusammen in eine der niedrigen zweisitzigen \u00bbSalaski\u00ab zu sitzen, die beim hellen Schellengeklingel der flinken kleinen Pferde pfeilschnell \u00fcber die hartgefrorene Schneefl\u00e4che dahinsausten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Max Werners Gest\u00e4ndnis bemerkte Fenia mit lebhaftem Interesse:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEine wirklich ganz \u203aheimliche\u2039 Liebe? Ich meine so, da\u00df wirklich niemand, selbst die N\u00e4chsten nicht, etwas davon ahnt? Das mu\u00df ja sehr schwer durchzuf\u00fchren sein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist es auch. Doppelt schwer, weil Irmgard eine Norddeutsche ist und das Leben nichts weniger als leicht nimmt. Jede Heimlichkeit jagt ihr hinterher tagelanges Entsetzen ein. Kleiner norddeutscher Adel, der in alten, festen Familientraditionen gro\u00df geworden ist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie sind Sie denn miteinander bekannt geworden?\u00ab fragte Fenia, \u00bbdenn Sie, mein Lieber, machen doch umgekehrt einen leichtlebigen Eindruck auf uns junge M\u00e4dchen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte, bitte! Ich bin nicht immer wie in Paris. F\u00fcr Irmgard war ich anfangs eine Art Ausweg und Rettung aus der etwas engen geistigen Atmosph\u00e4re ihres Hauses. Damit fing es an.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd deshalb h\u00e4lt Ihre Braut Sie f\u00fcr einen Tugendbold?\u00ab fragte Fenia spottend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO nein! Sie h\u00e4lt mich im Gegenteil f\u00fcr viel schlimmer, als ich <a id=\"page24\" title=\"mbechtel\/samweis\" name=\"page24\"><\/a> bin. Das ist meistens so. Aber das schreckt sie nicht ab. Sie liebt wie eine K\u00f6nigin, die gew\u00e4hrt, ohne zu verlangen. Das ist die trotzigste Art von M\u00e4dchenstolz.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoch nur eine Maskerade f\u00fcr lauter \u00fcbergro\u00dfe Demut\u00ab, fiel Fenia lebhaft ein, \u00bb\u2013\u00a0ach, wie deutsch ist das! Aber da bringt sie Ihnen doch lauter Opfer. Leiden Sie denn nicht darunter?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner machte unter seiner geliehenen Pelzkappe ein verlegenes und pfiffiges Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Leider nein!\u00ab bemerkte er kleinlaut. \u00bbIn dieser Selbst\u00fcberwindung und stolzen Demut liegt etwas, was unsereinen entz\u00fcckt. Es steigert die gegenseitige Liebe, glaub ich\u00a0\u2013.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia schwieg einige Minuten. Irgendein Gedanke schien sie zu besch\u00e4ftigen. Dann \u00e4u\u00dferte sie pl\u00f6tzlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd trotzdem, \u2013 trotz all diesen schwierigen Umst\u00e4nden, \u2013 will sie Sie noch nicht heiraten?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner sah so verbl\u00fcfft aus, da\u00df Fenia zu lachen anfing.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Nicht heiraten \u2013? ja, wie denn? Das ist ja nur \u2013\u00a0\u2013 eigentlich bin ich ja doch nicht recht in der Lage dazu\u00ab, entgegnete er, noch immer ganz verdutzt von dieser unerwarteten Auffassung, \u00bb\u2013\u00a0sie w\u00fcrde nat\u00fcrlich gern so bald als m\u00f6glich\u00a0\u2013. Ich habe meinen sehr kleinen Verm\u00f6gensanteil fr\u00fcher schon so sehr zu Reisen und Studienzwecken angegriffen, da\u00df ich erst eine Professur haben m\u00fc\u00dfte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia verfiel in Nachdenken. Sie sa\u00df mit gesenktem Gesicht, als horche sie aufmerksam auf das Schellengeklingel der Schlittenpferde. Aber es mu\u00dften liebe und angenehme Betrachtungen sein, die sie hegte, denn sie sa\u00df so gl\u00fccklich in sich zusammengesunken da, und auf ihrem von der K\u00e4lte rotgehauchten Gesicht blieb ein L\u00e4cheln stehn\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach den letzten Hochzeitsfeierlichkeiten reiste Max Werner zusammen mit Fenia nach St. Petersburg, wo er sich noch etwas umsehen wollte, ehe er nach Deutschland zur\u00fcckging. Fenia mietete sich in einer <i>maison meubl\u00e9e<\/i> des Newskij-Prospekts ein, um sich in Ruhe f\u00fcr ihre k\u00fcnftige Lehrt\u00e4tigkeit vorzubereiten. Ihn f\u00fchrte sie gleich bei ihren einzigen Petersburger Verwandten ein, ins Haus ihres Onkels, des Mannes einer verstorbenen Schwester ihrer Mutter, weil man dort deutsch sprach und deutsche Interessen pflegte. Der Onkel war von baltischem Adel, Admiral in russischem <a id=\"page25\" title=\"mbechtel\/samweis\" name=\"page25\"><\/a> Dienst, und unterhielt mit seinen drei T\u00f6chtern die gastfreieste Geselligkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den gr\u00f6\u00dften Teil der ersten Tage seines Aufenthalts widmete Max jedoch eingehenden Besichtigungen der Hauptstadt. Einmal, nachdem er so lange in den Kunsts\u00e4len der Eremitage verweilt hatte, als das sp\u00e4rliche Winterlicht irgend zulie\u00df, verlangte es ihn nach einem ausgiebigen Spaziergang, und so ging er noch den ganzen Newskij-Prospekt hinunter, von dem man gew\u00f6hnlich nur eine gewisse Strecke, zwischen der Admiralit\u00e4t und dem Moskauer Bahnhof, zu sehen bekommt. Hinter dem Moskauer Bahnhof ist es nicht mehr der Newskij der vornehmen Nachmittagspromenade. Die breite schnurgerade Stra\u00dfe mit ihrer Einfassung von Kirchen und Pal\u00e4sten macht eine scharfe Wendung und ver\u00e4ndert pl\u00f6tzlich ganz ihren Charakter. Anstatt der eleganten Spiegelscheiben der gro\u00dfen Magazine trifft man gew\u00f6hnliche Warenbuden und billige Bazare, deren niedrige Arkaden am Trottoir entlanglaufen; anstatt der europ\u00e4ischen Hotels Wirtsh\u00e4user zweiten und dritten Ranges und Schnapskeller mit grellen Plakaten \u00fcber der T\u00fcr. Immer weniger herrschaftliche Schlitten sausen \u00fcber den festgestampften bl\u00e4ulichen Schnee, immer volkst\u00fcmlicher werden die Trachten der vor\u00fcbergehenden Menschen, \u2013 bis endlich von ferne, im blitzenden Schein, den die Wintersonne den goldenen Kuppeln entlockt, \u2013 das Alexander-Newskij-Kloster her\u00fcberschimmert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon eine ganze Strecke vor dem Kloster wird die Stra\u00dfe beinahe d\u00f6rflich und erh\u00e4lt einen sozusagen geistlichen Anstrich. Wei\u00dfbeworfene Geb\u00e4ude mit goldenen Kreuzen oder goldener Strahlenform \u00fcber dem Tor, Wohlt\u00e4tigkeitsanstalten, Kapellchen, fromme Asyle erheben sich zwischen den kleinen, niedrigen, dem\u00fctigen Wohnh\u00e4usern, die auch nur noch wei\u00dfe Kleidchen anzulegen wagen. Und dar\u00fcber ragt die gewaltige wei\u00dfgoldene Himmelsstadt mit ihren Klostermauern, Kuppeln und Kirchen gegen den bla\u00dfblauen Winterhimmel empor, \u2013 umhaucht vom Weihrauch, der aus ihren Heiligt\u00fcmern dringt, umstanden von geweihten Buden, wo Betperlen, R\u00e4ucherkerzen und Kr\u00e4nze verkauft werden, umklungen von Glocken und Chor\u00e4len, \u2013 das Ganze eine unbeschreibliche Symphonie von Wei\u00df und Gold inmitten dieser wei\u00dfen Schneelandschaft unter den letzten goldenen Sonnenstrahlen. <a id=\"page26\" title=\"JWE\/Antenne\" name=\"page26\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dahinter der weite, weite Klostergarten im tiefen Winterfrieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner wollte grade in den Garten eintreten, als er zu seiner \u00dcberraschung Fenia darin erblickte; sie stand dicht am Eingang, an das goldblitzende Staket gelehnt, und wendete ihm den R\u00fccken zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFenia Iw\u00e1nowna, gehen Sie ins Kloster?\u00ab sagte er ihr \u00fcber die Schulter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wandte sich verwundert, nicht erschrocken, um, und entgegnete aus der Pforte tretend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe mir das Kloster angesehen \u2013\u00a0\u2013 Und nun geh ich zu meinem Onkel, \u2013 <i>jour fixe<\/i>, Sie wissen ja! Ich speise dort. Haben Sie nichts Besonderes vor? Dann kommen Sie doch mit, Sie sind ja ein f\u00fcr allemal zur Familientafel geladen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch will es sehr gern tun, Fenia, schon um Sie zu begleiten. Wollen wir bei diesem sanft sibirischen Wetter die Promenade zu Fu\u00df machen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nickte, und indem sie ihr Gesicht mit dem vorgehaltenen Bibermuff vor dem scharfen Winde sch\u00fctzte, schaute sie sich aufmerksam nach allen Seiten um. Dann schritt sie eine Zeitlang einsilbig neben ihrem Begleiter her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie sind Sie nur darauf verfallen, grade hierher zu kommen\u00ab, fragte sie pl\u00f6tzlich, \u2013 \u00bbdiesen Teil des Newskijs besuchen so wenige. Man kann fast sicher sein, da\u00df man\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00e4re es nicht viel berechtigter, wenn ich Sie dasselbe fragte?\u00ab bemerkte er neckend, \u00bbein Spaziergang f\u00fcr eine junge Dame ohne Begleitung ist das doch gar nicht. Ich glaubte Sie in die tiefsten Studien vertieft, habe Sie zartf\u00fchlend nur deshalb nicht aufgesucht, \u2013 ich stelle Sie mir ja seit Paris immer noch wie besessen von Flei\u00df vor, \u2013 und statt dessen bummeln Sie hier herum.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, bummeln ist das richtige Wort\u00ab, sagte sie in zufriedenem Ton, \u2013 \u00bbwissen Sie, mit dem Flei\u00df ist es ganz vorbei. Ich lebe jetzt ja auch in einer solchen \u00dcbergangs- und Zwischenzeit, \u2013 nicht wahr? Bis zu der mir versprochenen Anstellung. Und wie genie\u00dfe ich das! Wissen Sie, es war Zeit, nach dem langen Arbeitsfieber. Jetzt strecke und recke ich mich, wie auf einem rechten Faulbett, \u2013 ordentlich wie eine Rekonvaleszentin f\u00fchle ich mich, \u2013 da lebt man ganz anders, \u2013 passiver, lauschender, aufnehmender. \u2013 Man wacht nicht, man schl\u00e4ft aber auch nicht.\u00a0\u2013\u00ab <a id=\"page27\" title=\"wedi\/Antenne\" name=\"page27\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Man tr\u00e4umt!\u00ab erg\u00e4nzte er aufs Geratewohl. Fenia sah mit einem raschen Blick zu ihm auf. Dann schwieg sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEigentlich haben wir also die Rollen getauscht\u00ab, meinte er, \u00bbdenn ich bin dieses Jahr recht flei\u00dfig gewesen. \u2013\u00a0\u2013 Aber wie wird es Ihnen denn schmecken, nach dieser Zwischenzeit ein schwieriges Lehramt auszu\u00fcben, \u2013 graut Ihnen nicht davor?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo weit hinaus kann ich im Augenblick nicht vorw\u00e4rts denken. \u2013\u00a0\u2013 Aber das wird nicht schlimm sein, denn es ist mir eigentlich stets sehr anziehend gewesen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf schwieg sie wieder mit nachdenklichem Gesicht, als besch\u00e4ftige sie etwas Unausgesprochenes. Sie gelangten inzwischen auf den belebten Teil des Newskijs, wo die sie umdr\u00e4ngende Menschenmenge, die sie jeden Augenblick trennte, ohnehin die Unterhaltung erschwert h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter der Polizeibr\u00fccke sank die Sonne. Lange blaue Schatten liefen \u00fcber den Schnee und schufen jene nordische Winterd\u00e4mmerung, in der man schon mitten am Tage nichts mehr recht deutlich erkennt und dennoch fremdartig davon ber\u00fchrt wird, da\u00df hier und da hinter den Schaufenstern die ersten Flammen aufzucken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vor\u00fcberflutende Leben und Treiben auf der gl\u00e4nzenden Hauptstra\u00dfe pa\u00dfte sich der Stimmung dieser Stunde wunderbar an, denn trotz all des Gew\u00fchles war nichts Lautes, nichts Buntes, nichts Aufdringliches an dem ganzen Bild, sondern eine ged\u00e4mpfte und diskrete Eleganz; das fast lautlose Durcheinanderjagen der Schlitten, das etwas beinah Gespenstisches haben konnte, die gleichf\u00f6rmige dunkle Kleidung der pelzvermummten Damen, die langsam, ohne Hast, fast feierlich sich vorbeibewegten, die Totenstille der breiten tief verschneiten Nebenstra\u00dfen, in denen die Welt pl\u00f6tzlich aufzuh\u00f6ren schien, gaben allem eine Art von vertr\u00e4umter Poesie, die vom lebensvollern und trivialern L\u00e4rm andrer Gro\u00dfst\u00e4dte scharf abstach. Selbst die Ecken und harten Umrisse der H\u00e4user hatte der Frost mit blitzenden Eiskrusten abgestumpft und verwischt, und in der kalten, kristallklaren Luft erstarb jeder Ton, \u2013 Menschenstimme oder Schlittengl\u00f6ckchen, \u2013 ganz eigent\u00fcmlich hell und fein wie ferner Gesang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia war gegen\u00fcber der Kasanschen Kathedrale vor einem hell erleuchteten Schaufenster stehngeblieben. Sie schlug den Schleier <a id=\"page28\" title=\"wedi\/th\" name=\"page28\"><\/a> \u00fcber ihre Pelzm\u00fctze zur\u00fcck und betrachtete die neuen Auslagen der Pasettischen Kunsthandlung. Ganz vorn lagen die drei mittelm\u00e4\u00dfigen, aber sehr popul\u00e4ren Illustrationen zu Lermontoffs \u00bbD\u00e4mon\u00ab: die Verf\u00fchrung Tamaras durch den D\u00e4mon, ihre Hingabe an ihn, ihr Tod durch ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia wies mit dem Muff darauf hin.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbZur H\u00f6he des Himmels will ich mich heben,<br \/>\nZur Tiefe des Meeres senke ich mich,<br \/>\nAlles Irdische will ich dir geben!<br \/>\nNur liebe mich! liebe mich!\u00ab<\/p>\n<p class=\"leftjust\" style=\"text-align: justify;\">zitierte sie l\u00e4chelnd und ging weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist das?\u00ab fragte Max Werner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbImprovisierte \u00dcbersetzung\u00ab, entgegnete sie, \u00bbso spricht der b\u00f6se D\u00e4mon, nachdem er den Engel Tamaras in die Flucht geschlagen hat. \u2013\u00a0\u2013 Diese Bilder treffen Sie hier in allen H\u00e4usern, \u2013 Photographien, Gipsstatuetten. \u2013 Ich entsinne mich ihrer so gut aus meiner Kindheit, auch wir besa\u00dfen sie zu Hause. Es ist traulich, sie wiederzusehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbRechte Bilder f\u00fcr ein junges M\u00e4dchen\u00ab, bemerkte er, \u00bbhaben Sie sich nicht auch die Liebe sehr d\u00e4monisch vorgestellt? Kampf mit dem Engel, \u2013 h\u00f6llische Seligkeiten, \u2013 bengalische Beleuchtung, \u2013 Weltuntergang.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagte lachend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch? O nein. Ich stelle sie mir ganz \u2013 aber so <i>ganz<\/i> \u2013 anders vor.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den gro\u00dfen milchwei\u00dfen Glaskuppeln hoch \u00fcber der Mitte des Stra\u00dfendamms erstrahlte urpl\u00f6tzlich das elektrische Licht und \u00fcbergo\u00df mit einemmal die d\u00e4mmerdunkle Stra\u00dfe mit seinem blendenden Mondschein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Fenias Gesicht in dieser unerwarteten Helle neben Max Werner auftauchte, erschien es ihm, mit dem kindfrohen Blick und lachenden Munde, durchaus verschieden vom nachdenklichen Frauengesicht im Klostergarten bei den letzten Sonnenstrahlen. Ihre Mienen wechselten im Ausdruck so sehr, da\u00df sie fast auch in der Form zu wechseln schienen; nur wie ein promovierter Doktor sah sie niemals aus, eher wie alles andre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch w\u00e4re wirklich neugierig\u00ab, bemerkte er, \u00bbwie Sie sich die Liebe <a id=\"page29\" title=\"wedi\/th\" name=\"page29\"><\/a> denken w\u00fcrden, wenn Sie daraufhin examiniert werden sollten, anstatt auf Philologie, Geschichte etc.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie ich sie mir denken w\u00fcrde? O ganz einfach. So ganz einfach und gesund. Ich w\u00fcrde sie dann sicher mit den Dingen vergleichen, die am allerwenigsten d\u00e4monisch und romantisch sind. Mit dem guten gesegneten Brot, womit wir t\u00e4glich unsern Hunger stillen, mit dem frischen erhaltenden Luftstrom, dem wir jeden Tag unsre Stube \u00f6ffnen. Mit einem Wort: mit dem Wichtigsten, Sch\u00f6nsten und Selbstverst\u00e4ndlichsten, dem wir alles verdanken und wovon wir am wenigsten Phrasen machen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist gar nicht \u00fcbel gesagt! \u2013 Aber doch wohl noch etwas andres erwartet ihr davon: die gro\u00dfe Sensation des Lebens, \u2013 glauben Sie nicht? \u2013 vor allem die Sensation.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch nicht. Dann ginge ja das Kostbarste, was man damit empf\u00e4ngt, verloren, denk ich mir.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist denn nach Ihrer Meinung das Kostbarste, was die Liebe euch geben kann?\u00ab fragte er l\u00e4chelnd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie bog in die Admiralit\u00e4t ein und entzog ihm damit den Blick auf ihr Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFrieden!\u00ab sagte sie leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFrieden!\u00ab dachte er zweifelnd und folgte ihr in das goldstrotzende, weitl\u00e4ufige Geb\u00e4ude, wo der Admiral Baron Michael Ravenius einen Seitenfl\u00fcgel bewohnte. Irmgard w\u00fcrde ihm schwerlich eine solche Antwort gegeben haben, \u2013 sind die russischen M\u00e4dchen phlegmatischer, oder prosaischer? \u2013 fragte er sich. Oder sprach Fenia nicht nur deshalb in dieser Weise, weil sie wie ein Blinder von der Farbe sprach? M\u00f6glicherweise hatte ihr Temperament hier seinen blinden Fleck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben im Empfangssalon des Admirals war leider noch der <i>jour fixe<\/i> im vollen Gange. Um die Gesellschafterin und die beiden \u00e4lteren T\u00f6chter herum sa\u00dfen noch etwa ein Dutzend blitzender Uniformen und dunkler Damentoiletten und machten jene \u00fcberaus angeregt erscheinende und \u00fcberaus langweilige und langweilende Konversation, wof\u00fcr die konventionell abgeschliffene Eleganz der franz\u00f6sischen Sprache sich so besonders gut eignet. Es war ganz am\u00fcsant, den tadellosen Mechanismus dieses Kommens, Sprechens und Fortgehens der durcheinandersummenden Menschen zu beobachten, <a id=\"page30\" title=\"wedi\/th\" name=\"page30\"><\/a> von denen jeder etwa eine Viertelstunde blieb, um dann von der zweitj\u00fcngeren Tochter des Hauses durch eine Flucht von S\u00e4len bis in das Vorzimmer geleitet zu werden, wo zwei Diener in Matrosenlivree ihn in Empfang nahmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwa noch eine Stunde lang vollzog sich das mit der Regelm\u00e4\u00dfigkeit und Genauigkeit eines Uhrwerks. Dann ging der letzte der G\u00e4ste, und der Baron Ravenius, ein hagerer alter Herr mit \u00fcberaristokratischen H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen und stark gelichtetem grauen Haar und Bart, reichte seiner Nichte Fenia mit altmodischer Galanterie den Arm, um sie zur Mittagstafel zu f\u00fchren, wo er sorgsam den Stuhl f\u00fcr sie abr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner folgte mit der \u00e4ltesten Tochter Nadeschda, \u2013 bereits verlobt mit einem Attach\u00e9 der deutschen Botschaft. Hinter ihnen die Gesellschafterin mit den beiden andern M\u00e4dchen, von denen die j\u00fcngste noch zur Schule ging, \u2013 und ganz zum Schlu\u00df die persische Windh\u00fcndin des Barons, Russalka, die, silberhaarig, lang, schmal und vornehm, eine unverkennbare \u00c4hnlichkeit mit ihrem Herrn besa\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Essens wartete man meistens auf die Er\u00f6ffnung der Unterhaltung durch den Hausherrn. Heute sprach er nach genossener Suppe wie folgt:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan redet immer viel davon, da\u00df in der deutschen \u2013 \u00fcberhaupt in der ausl\u00e4ndischen \u2013 Kolonie hier der Klatsch zu Hause sei. Es hat nat\u00fcrlich so eine Kolonie, selbst wenn sie noch so gro\u00df ist, im fremden Lande leicht den Charakter einer Kleinstadt. Man wird leichter in b\u00f6sen Leumund geraten als anderswo\u00a0\u2013\u00a0\u2013. Wie hast du es zum Beispiel anderswo gefunden, Fenia?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDarauf hab ich wirklich nur wenig geachtet, Onkel Mischa\u00ab, antwortete Fenia, \u00bbes mag sehr wohl der Fall sein, da\u00df auch ich oft t\u00fcchtig verklatscht worden bin, weil ich mich absolut nicht um den Schein k\u00fcmmerte, aber ich hatte immer einen gen\u00fcgenden Schutz an echten Kameraden, die das nicht bis an meine Ohren herankommen lie\u00dfen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbExponiert genug hast du dir freilich dein Leben eingerichtet\u00ab, bemerkte der Baron, \u00bbmir fast unbegreiflich sorglos. Aber man mu\u00df dir nachsagen, da\u00df du es verstanden hast, vortrefflich ans Ziel zu kommen. Alle Achtung davor, \u2013 und vor dem Ernst, womit du deine Jugend zugebracht hast.\u00ab <a id=\"page31\" title=\"wedi\/th\" name=\"page31\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle warteten mit einiger Spannung auf die Pointe dieses Gespr\u00e4chs, denn wenn der Baron mit seiner w\u00fcrdevollen Umst\u00e4ndlichkeit so weit ausholte und sich in allerlei geographischen oder sozialen Allgemeinbetrachtungen erging, so beabsichtigte er meistens, etwas h\u00f6chst Spezielles vorzubringen. Umsonst hatte er sicher nicht die Klatschsucht der ausl\u00e4ndischen Kolonien festgestellt und zugleich seiner Achtung f\u00fcr Fenia vor seinen T\u00f6chtern so ostentativ Ausdruck gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber bei der Mittagstafel kam das \u00bbSpezielle\u00ab nicht mehr. Erst als nach aufgehobener Tafel die beiden j\u00fcngeren T\u00f6chter mit der Gesellschafterin fortgegangen waren und man in einem kleinen Wohngemach neben dem Speisesaal bei einer Tasse Kaffee Zigaretten rauchte, wandte sich der alte Baron pl\u00f6tzlich an Fenia mit den Worten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein liebes Kind, du siehst mich recht beunruhigt, \u2013 ich schwankte wirklich, ob ich dir Mitteilung von der Sache machen sollte, \u2013 aber ich m\u00f6chte doch die Gelegenheit benutzen, wo Herr Werner zugegen ist, \u2013 vielleicht wird er Rat wissen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia hatte sich l\u00e4ssig in einem Lehnstuhl ausgestreckt und stemmte ihre F\u00fc\u00dfe gegen den silberhaarigen R\u00fccken der Russalka, die vor ihr lag und, die lange feine Schnauze auf die Vorderpfoten gedr\u00fcckt, leise wedelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber was ist denn nur los, Onkel Mischa?\u00ab fragte Fenia neugierig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSage mir, mein liebes Kind, besitzest du Feinde? Du wei\u00dft, es kann eine Ehre sein, Feinde zu haben! \u2013\u00a0\u2013 Kennst du irgend jemand, der ein Interesse daran h\u00e4tte, dich zu verleumden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schaute erstaunt und l\u00e4chelnd auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch?! \u2013\u00a0\u2013 Nein, sicher nicht. \u2013 Hat sich ein solcher B\u00f6sewicht gefunden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas wird ja ordentlich interessant\u00ab, bemerkte Max Werner und stand auf, \u00bbda k\u00f6nnte ich am Ende noch hier f\u00fcr Fenia gegen irgendeinen sibirischen Drachen zu Felde ziehen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber der Onkel teilte die heitere Stimmung nicht; seine Miene blieb so feierlich und besorgt wie zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bitte euch, es ernst zu nehmen\u00ab, sagte er, beide H\u00e4nde auf den Lehnen seines Sessels, \u2013 \u00bbla\u00df jetzt das Spiel mit der H\u00fcndin, Fenia! Es ist eine ganz abscheuliche Verleumdung, worum es sich <a id=\"page32\" title=\"Muerei\/th\" name=\"page32\"><\/a> handelt. Jemand behauptet, dich gesehen zu haben, \u2013 zu sehr vorger\u00fcckter Nachtstunde in einer entlegenen Stra\u00dfe, \u2013 zusammen mit einem Herrn.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer ist es, der es behauptet?\u00ab warf Fenia ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas eben m\u00f6chte ich durchaus ermitteln: die erste Quelle des Klatsches\u00ab, erwiderte der Onkel unruhig, \u00bbmir ist die Mitteilung vom sch\u00e4ndlichen Ger\u00fccht durch einen erprobten alten Freund des Hauses zugegangen, der sich mit mir dar\u00fcber aufregt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Gott! da\u00df du das so ruhig nehmen kannst!\u00ab murmelte Nadeschda, die neben Fenia sa\u00df und langsam ihren Kaffee schl\u00fcrfte, \u00bbich war ganz au\u00dfer mir, wie ich davon erfuhr. Wie schlecht ist die Welt! Ich zerbrach mir derma\u00dfen den Kopf dar\u00fcber, da\u00df ich fast meine Migr\u00e4ne bekam. \u2013\u00a0\u2013 Bei dir wird es auch noch morgen nachkommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch zerbreche mir den Kopf nicht. Bis morgen werf ich es weit \u2013 weit hinter mich!\u00ab sagte Fenia, und ihr Gesicht leuchtete auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner blickte auf sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihr Kopf lag an die Stuhllehne zur\u00fcckgelehnt, die Augenlider waren so tief gesenkt, da\u00df sie den Blick ganz verdeckten. Aber ihre Lippen w\u00f6lbten sich ein wenig, \u2013 ein wenig nur, doch so \u00fcberzeugend beredt im Ausdruck, als sei ihnen ein Trank zu nah gekommen, vor dem es sie ekelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Urpl\u00f6tzlich erinnerte dieser Ausdruck der vollen roten Lippen Max Werner an etwas, \u2013 an das Erlebnis im Hotelzimmer in Paris, \u2013 und durch diesen Umstand umstrahlte in diesem Augenblick in seinen Augen Fenia eine eisige, unanzweifelbare Reinheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie oft mochte sie in ihrem freien Studienleben im Auslande Verachtung empfunden haben f\u00fcr die Menschen, deren billige Klugheit ihre Freiheit mi\u00dfverstand und deren weises Urteil auf den ersten besten Schein hereinfiel!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht l\u00f6st sich die Sache als ein ungl\u00fcckliches Mi\u00dfverst\u00e4ndnis auf\u00ab, meinte Max Werner. \u00bbLie\u00dfe es sich nicht feststellen, wie die Dame gekleidet gewesen sein soll?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der alte Ravenius blickte rasch auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJawohl! die Kleidung stimmt genau. Langer Mantel, Fuchspelz, \u2013 M\u00fctze, Muff und Kragen von Biberfell.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJawohl, es ist recht schlimm!\u00ab bemerkte Max Werner. \u00bbIn Paris oder Berlin oder Wien k\u00f6nnte der Anzug einer Dame schon ein <a id=\"page33\" title=\"Muerei\/th\" name=\"page33\"><\/a> Erkennungszeichen abgeben. Aber hier? Hier sind die Damen auf das leichteste einer Verwechslung ausgesetzt. Denn sie sind alle gleichm\u00e4\u00dfig dunkel vermummt, h\u00f6chstens drei, vier Pelzsorten variieren. Jede Dame mu\u00df eigentlich darauf gefa\u00dft sein, ein paar Doppelg\u00e4ngerinnen zu besitzen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist wirklich wahr!\u00ab best\u00e4tigte der Baron ganz erfreut, \u00bbdarauf vor allem m\u00fc\u00dfte man hinweisen! Darauf gr\u00fcndet sich vielleicht der Klatsch. \u2013\u00a0\u2013 Und dann, denken Sie an die dichten Winterschleier, die man hier tr\u00e4gt! Und oft sind es nicht einmal Schleier, sondern die feinen, weichen Orenburger Wollgewebe, die unsre Damen wie ein wei\u00dfes Spinngewebe vor das Gesicht binden, wenn es stark friert, \u2013 namentlich abends. \u2013 Reine Unm\u00f6glichkeit, dann jemand zu erkennen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLieber Onkel Mischa!\u00ab unterbrach ihn Fenia, \u00bbbitte, gib dich mit dieser Geschichte nicht ab. Ich will es einfach nicht! Es ist mir fatal und g\u00e4nzlich ungewohnt, da\u00df andre sich um meinen Ruf ab\u00e4ngstigen, \u2013 wenn der gl\u00e4sern ist, \u2013\u00a0\u2013 ich bin&#8217;s nicht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Baron erhob sich und ber\u00fchrte mit seinen langen k\u00fchlen Fingern leicht, liebkosend Fenias Wange.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu darfst nicht so sprechen!\u00ab verwies er ihr ihre Worte; \u2013 \u00bbdu wei\u00dft, dein guter Vater hat dich so frei erzogen, wie ich es f\u00fcr meine T\u00f6chter weder gew\u00fcnscht noch jemals gestattet haben w\u00fcrde. Aber du hast ihm Ehre gemacht! Und du bist, wenn nicht meine Tochter, so doch unser teures Familienglied, f\u00fcr das ich einstehe \u00fcberall und in allem. <i>C&#8217;est convenu. N&#8217;en parlons plus.<\/i>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia dr\u00fcckte einen fl\u00fcchtigen Ku\u00df auf die liebkosende Hand ihres Onkels, als der alte Herr so einfach und vornehm zu ihr sprach. Aber in ihre ruhige Stirn grub sich die erste kleine Falte bei seinen guten Worten ein. Offenbar empfand sie es nur peinlich, da\u00df irgend jemand f\u00fcr sie einstehen, verantworten, sch\u00fctzende oder verteidigende Ma\u00dfregeln ergreifen wollte. Sie begehrte nicht nach dem Schutz der Familie, und es erschien ihr vermutlich ebenso l\u00e4cherlich wie unbehaglich, mit einemmal wie zerbrechliches Glaszeug behandelt zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unwillk\u00fcrlich versetzten Max Werners Gedanken Irmgard in die gleiche Lage, und er sah, wie sie schon bei der blo\u00dfen Vorstellung um vernichteten M\u00e4dchenruf litt und blutete. Besa\u00df sie wirklich so viel mehr Menschenfurcht, so viel weniger Seelenkraft als Fenia? <a id=\"page34\" title=\"quantenspringer\/th\" name=\"page34\"><\/a> Nein! Daf\u00fcr kannte er sie zu gut. Aber was die \u00f6ffentliche Moral tadelte und lobte, das tadelte und lobte sie selbst bis zu gewissem Grade auch. Wenn sie in Zwiespalt mit der vorgeschriebenen Lebensf\u00fchrung geriet, dann geriet sie auch mit sich selbst in Zwiespalt. Daher mitten im Rausch eines Kusses das Erzittern geheimer Angst, als bes\u00e4\u00dfen die W\u00e4nde Ohren, \u2013 daher das Gef\u00fchl, da\u00df die Liebe sowohl der Genius ihres Lebens als auch der allm\u00e4chtige D\u00e4mon und Versucher sei, dem Gewalt gegeben ist, den Engel zu verscheuchen. \u2013 Irmgard erwartete von der Liebe nicht \u2013 Fenias \u00bbFrieden\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend alle in der Plauderecke verstummt waren und Max Werner seine Gedanken so weit forttrugen aus dem Kreise, worin er sich befand, stand Fenia auf und trat, begleitet von der Russalka, an eines der hohen Fenster ihm grade gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit etwas erhobenen H\u00e4nden fa\u00dfte sie in die schweren dunkelroten Damastvorh\u00e4nge, die geschlossen vor dem Fenster herabhingen, und schob sie ein wenig auseinander, um hinaussehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner fiel ihre eigent\u00fcmlich sch\u00f6ne R\u00fcckenlinie in dieser Haltung mit gehobenen Armen und vorgeneigtem Kopfe auf, und seine Blicke blieben darauf ruhen. Noch immer hatte sie die Vorliebe f\u00fcr dunkle, schlichtfallende Kleider, und noch immer trug sie ihr Haar in zwei lichtbraunen Flechten kranzf\u00f6rmig um den Kopf geschlungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irgend etwas trieb ihn, sich ihre ein wenig gezwungene Haltung gel\u00f6st zu denken, passiv geworden, \u2013 er meinte vor sich zu sehen, wie ihre H\u00e4nde den Vorhang zusammenfassen und vor das Gesicht ziehen, \u2013 wie der Kopf sich tiefer und tiefer herabneigt in die schweren tiefrotschimmernden Falten, \u2013 wie der R\u00fccken gebeugt ist, \u2013 die Schultern weiche, gleitende Linien bekommen, \u2013 bis die ganze Gestalt in sich gesunken dasteht und, das Antlitz im Vorhang geborgen, weint.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war wie eine Zwangsvorstellung, aber nicht durch seelische Eindr\u00fccke oder Mutma\u00dfungen hervorgerufen, sondern wie ein malerischer Zwang, der in den Linien lag, die durchaus in dieser Weise zusammenflie\u00dfen wollten, \u2013 hartn\u00e4ckig alle Wirklichkeit f\u00e4lschend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber daf\u00fcr ging von dem Illusionsbilde eine fast seelische Wirkung <a id=\"page35\" title=\"quantenspringer\/th\" name=\"page35\"><\/a> aus, \u2013 etwas von dem widerspruchsvollen Zauber, den Fenia urspr\u00fcnglich f\u00fcr ihn besessen hatte.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fuhr sich \u00fcber die Augen, die zu schmerzen anfingen, \u2013 nerv\u00f6s geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sagte mitten in das Schweigen hinein Nadeschda in ihrem fest anerzogenen, ihr eingew\u00f6hnten Bewu\u00dftsein, da\u00df es schicklich sei, sich irgendwie zu unterhalten:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHeute abend mu\u00df drau\u00dfen herrliches Wetter sein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia wandte sich rasch zu ihr um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00e4nde unwillk\u00fcrlich noch ausgebreitet, den Vorhang wie zwei schwere Fl\u00fcgel hinter ihrem R\u00fccken, stand sie da, ein Bild sorgloser Gesundheit und l\u00e4chelnder Freude, und rief hell:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBitte, Onkel Mischa! nehmen wir eine gro\u00dfe Troika und fahren wir Schlitten!\u00ab<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Das Hotel de Paris, wohin Max Werner bei seiner Ankunft in Petersburg geraten war, befand sich zur Zeit grade im Zustand einer teilweisen Renovierung, weshalb man seine sch\u00f6nsten Zimmer, diejenigen mit der Aussicht auf den Isaaksplatz und die Isaakskathedrale, s\u00e4mtlich gesperrt hielt. Infolge der daraus entstandenen \u00dcberf\u00fcllung in den \u00fcbrigen R\u00e4umlichkeiten sah er sich auf einen Winkel angewiesen, wo er, eingeklemmt zwischen einem Unget\u00fcm von Ofen und einem fest verklebten, unaufschlie\u00dfbaren Fenster, fast zu ersticken meinte. So zog er denn an einem der folgenden Tage aus und fand schlie\u00dflich in einem echt russischen Gasthof, der \u00bbSsewernaja Gostiniza\u00ab, auf dem entfernteren Teil des Newskijprospekts ein ihn ansprechendes, preisw\u00fcrdiges Zimmer mit viel Licht und freiem Blick \u00fcber den weiten Platz vor dem Moskauer Bahnhof.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Abend nach seinem Umzug dorthin passierte ihm etwas Seltsames.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00fcde der Kramerei und der Scherereien des Nachmittags, flanierte er ganz ohne Ziel ein gutes St\u00fcck jenes Newskijendes hinab, dessen unbelebte Stra\u00dfe er k\u00fcrzlich vom Moskauer Bahnhof bis zum Alexander-Newskij-Kloster hin mit Interesse studiert hatte. <a id=\"page36\" title=\"quantenspringer\/th\" name=\"page36\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, etwa zwanzig Minuten vom Kloster, in dieser des Abends v\u00f6llig vereinsamten Gegend, h\u00e4lt ein Schlitten mit drei Pferden und klingelnden Schellen am Trottoir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Paar ist im Begriff hineinzusteigen. Der Herr gro\u00df, elegant gewachsen, in eng anliegendem kurzem Pelz, \u2013 die Dame von Fenias Wuchs, mit Biber an Kragen, Muff und M\u00fctze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wendete Max Werner beim Einsteigen den R\u00fccken zu. Nur sekundenlang erhaschte er ein St\u00fcckchen verlorener Profillinie im Licht der hier nur sp\u00e4rlich brennenden Gaslaternen, \u2013 und doch! \u2013 es <i>mu\u00dfte<\/i> Fenia sein!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zweifelte nicht daran, \u2013 ja, er zweifelte so wenig, da\u00df er nicht wagte, seinen Schritt anzuhalten, oder sie anzurufen, oder zu gr\u00fc\u00dfen, \u2013 und im n\u00e4chsten Augenblick sauste der Schlitten in der Richtung des Klosters nach den Stadtgrenzen hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er zog die Uhr. Es war elf vor\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine ungeheure Spannung bem\u00e4chtigte sich seiner. Fenia! sollte Fenia ihn zum zweitenmal in seinem Leben zum Dummen gemacht haben, \u2013 dieses Mal im entgegengesetzten Sinn wie damals? Er war jetzt genauso geneigt gewesen, in Fenia nur das herb Unschuldige zu sehen, als sei es ein f\u00fcr allemal ihre Eigenart und Signatur, wie er in Paris geneigt gewesen war, dahinter ein besondres Raffinement zu wittern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum nur? Warum hatte er in beiden F\u00e4llen ihr Wesen so typisch genommen, so grob fixiert? fragte er sich. Es war ganz merkw\u00fcrdig, wie schwer es fiel, die Frauen in ihrer rein menschlichen Mannigfaltigkeit aufzufassen und nicht immer nur von der Geschlechtsnatur aus, nicht immer nur halb schematisch. Sei es, da\u00df man sie idealisierte oder satanisierte, immer vereinfachte man sie durch eine vereinzelte R\u00fcckbeziehung auf den Mann. Vielleicht stammte vieles von der sogenannten Sphinxhaftigkeit des Weibes daher, da\u00df seine volle, seine dem Mann um nichts nachstehende Menschlichkeit sich mit dieser gewaltsamen Vereinfachung nicht deckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen war es Max Werners erster Gedanke, Fenia einen Besuch zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wohnte etwa eine halbe Stunde den Newskijprospekt weiter zur Admiralit\u00e4t hinauf in einem ganz aus <i>chambres meubl\u00e9es<\/i> bestehenden Hause. Unten im behaglich durchheizten Treppenraum, <a id=\"page37\" title=\"quantenspringer\/th\" name=\"page37\"><\/a> der oft eleganter zu sein pflegt als die Wohnungen selbst, nahm ein Portier mit pr\u00e4chtigen Silberlitzen auf seiner Livree den Ankommenden die Pelze ab. Auf der teppichbelegten Treppe begegnete man auch gew\u00f6hnlich der Wirtin, einer Provinzlerin in losem, weit nachschleppendem Kattunrock, die hier von fr\u00fch bis sp\u00e4t umherstrich und \u00fcberall eine gewisse Unruhe und Unordnung um sich verbreitete. Au\u00dfer ihrem Russisch radebrechte sie nur noch ein fehlerhaftes Franz\u00f6sisch, Deutsch war ihr g\u00e4nzlich fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia besa\u00df einen eigenen Eingang von der Treppe in ihr Wohnst\u00fcbchen, das sich in ein schmales Schlafgemach \u00f6ffnete. Das Fenster war ganz vollgestellt mit sch\u00f6nen Blattpflanzen, die in der gleichm\u00e4\u00dfigen russischen Zimmertemperatur so vortrefflich gedeihen. Neben dem Fenster, \u00fcber eine N\u00e4harbeit gebeugt, sa\u00df Fenia, als Max Werner eintrat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie blickte auf und streckte ihm mit Herzlichkeit die Hand entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist sch\u00f6n, da\u00df Sie kommen. Setzen Sie sich dorthin. Ich meinte gestern abend, ich w\u00fcrde Sie bei meinem Onkel treffen. \u2013 Setzen Sie sich. Wollen Sie rauchen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie waren <i>gestern abend bei Ihrem Onkel?<\/i> Waren Sie lange da?\u00ab fragte er mit schlecht verhehltem Interesse und f\u00fcgte deshalb schnell hinzu: \u00bbNun, hat er sich \u00fcber die Klatschgeschichte beruhigt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBis zum Tee blieb ich. \u2013 Diese alberne Geschichte hab ich ihm ziemlich ausgeredet\u00ab, sagte Fenia ruhig und stichelte an ihrer Arbeit. Sie hatte heute eine wei\u00dfe Morgenbluse an, worin sie weit j\u00fcnger aussah, kindlicher. Ihre beiden Flechten hingen ihr den R\u00fccken hinunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann wird die arme Dame, die da gesehen worden ist, also wohl nicht weiter durch Nachforschungen behelligt werden. Sonst h\u00e4tte dabei noch das Drollige herauskommen k\u00f6nnen, da\u00df sie pl\u00f6tzlich irgendeine eigene, vielleicht recht delikate Angelegenheit an die gro\u00dfe Glocke geh\u00e4ngt sieht, \u2013 um Ihretwillen, Fenia. T\u00e4te Ihnen das nicht leid?\u00ab bemerkte er halb scherzend, halb ironisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia h\u00f6rte nicht auf den ironischen Ton hin. Sie st\u00fctzte das Kinn auf die Hand, sah ihn an und sagte unwillig:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, wissen Sie, das ist doch wirklich etwas Abscheuliches! Ich meine, da\u00df den Frauen in manchen Beziehungen die Heimlichkeit einfach aufgezwungen wird! Da\u00df sie auch noch froh sein m\u00fcssen, <a id=\"page38\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page38\"><\/a> wenn sie gelingt, \u2013 und vom Mann wie etwas Selbstverst\u00e4ndliches erwarten, da\u00df er sie durch seine Diskretion, seine Schonung, seine Vorsicht sch\u00fctze und beschirme. \u2013 Ja, es mag notwendig sein, so wie die Welt nun einmal ist, aber es ist das Erniedrigendste, was ich noch je geh\u00f6rt habe. Etwas verleugnen und verstecken m\u00fcssen, was man aus tiefstem Herzen tut! Sich sch\u00e4men, wo man jubeln sollte!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erregte sich an ihren eigenen Worten. Ihre Wangen brannten, und ihre Augen wurden tief und blitzend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ein wenig frivole Spannung, in der Max Werner heute zu ihr gekommen war, verlor sich mehr und mehr; je l\u00e4nger er ihr zuh\u00f6rte, desto menschlicher kam er ihr nah. Er bem\u00fchte sich, ganz so zu tun, als hielte er ihre Erregung f\u00fcr durchaus sachlicher Natur und als handle es sich f\u00fcr sie lediglich um einen ihrer beiderseitig ungeheuer tiefsinnigen Dispute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie vergessen doch etwas sehr Wesentliches, Fenitschka\u00ab, warf er ein, \u00bbn\u00e4mlich da\u00df die \u00f6ffentliche Meinung meistens doch nur die H\u00e4lfte der Schuld tr\u00e4gt. Denn zur andern H\u00e4lfte liegt es ja doch schlie\u00dflich im Wesen aller intimen Dinge selbst, da\u00df sie geheim bleiben wollen, \u2013 da\u00df ihnen jede Entbl\u00f6\u00dfung vor fremden Augen und Ohren das Zarteste ihrer Sch\u00f6nheit nimmt. Manchen sensitiven Menschen emp\u00f6rt schon die offizielle Trauung gegen die Ehe, \u2013 wieviel weniger k\u00f6nnte nun ein solcher eine andre Form der Liebe, eine nicht allgemein anerkannte Liebe \u00f6ffentlich blo\u00dfstellen, \u2013 wie k\u00f6nnte er etwas so unendlich Intimes und Verwundbares mitten in einen rohen Kampf hineinzerren, \u2013 sozusagen auf die Stra\u00dfe stellen zwischen den P\u00f6bel\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia hatte sehr aufmerksam zugeh\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte sie langsam, \u00bbso m\u00f6gen wohl M\u00e4nner urteilen, \u2013\u00a0\u2013 ihr, denen alles gestattet ist und f\u00fcr die darum auch kein andrer Beweggrund zu einer Geheimhaltung vorzuliegen braucht als nur solch ein innerer. Aber f\u00fcr uns ist das ganz etwas andres. Wir f\u00fchlen das wohl auch, \u2013 ja sicher noch viel feiner und scheuer als ihr, \u2013\u00a0\u2013 aber wir f\u00fchlen auch den Schein von Feigheit, der auf uns f\u00e4llt dadurch, da\u00df wir der Heimlichkeit zu bed\u00fcrfen glauben. Eine jede Heimlichkeit scheint nicht aus Feingef\u00fchl, sondern aus Menschenfurcht dazusein, \u2013\u00a0\u2013 und dann dem\u00fctigt es uns auch, wenn wir uns von Menschen achten und verehren lassen m\u00fcssen, <a id=\"page39\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page39\"><\/a> deren ganze Anschauungsweise uns vielleicht verdammen w\u00fcrde im Falle unsrer Offenheit.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas kann unangenehm sein!\u00ab gab er zu, \u00bbaber sobald es nur ein Opfer ist, das wir bringen, und nicht ein erlogener Erfolg, den wir suchen, \u2013 kann man sich doch wohl dar\u00fcber hinwegsetzen. All dies ist ja nur der <i>Schein<\/i> der Feigheit, \u2013 das klar zu erkennen und ruhig zu tragen w\u00e4re eigentlich erst die rechte \u00dcberlegenheit \u00fcber die menschlichen Vorurteile. Meinen Sie nicht? Sonst ist man doch eigentlich nur ein Wahrheitsprotz.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia sch\u00fcttelte den Kopf und blickte nachdenklich in das Fenster hinein, wo zwischen den Doppelscheiben dicke wei\u00dfe Watteschichten jeden Luftzug absperrten und mit Waldmoos und bunten Papierblumen h\u00e4\u00dflich genug ausgeschm\u00fcckt waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man konnte ihren beweglichen Mienen aufs deutlichste ansehen, da\u00df sie \u00fcber irgendeinen Gedanken mit sich selbst ins reine zu kommen versuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, \u00dcberlegenheit! Was soll mir die!\u00ab sagte sie darauf wegwerfend, \u00bbwir haben nun einmal das Verlangen, f\u00fcr das, was uns am teuersten ist, auch am offensten einzutreten; und wir sch\u00e4tzen sogar ganz unwillk\u00fcrlich den Wert einer Sache ein wenig danach ab, ob wir sie zu einer Gesinnungssache machen w\u00fcrden, \u2013 ob wir f\u00fcr ihr Recht k\u00e4mpfen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Gott! die Frauen sind jetzt aber auch so entsetzlich kampflustig geworden!\u00ab bemerkte er lachend, \u2013 \u00bbso entsetzlich positiv und aggressiv, da\u00df es kaum zum Aushalten ist! Sehen Sie, das kommt nun von all der Frauenbefreiung und Studiererei und all diesen Kampfesidealen. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Die Frauen sind die reinen Empork\u00f6mmlinge! Verzeihen Sie, \u2013\u00a0\u2013 es liegt ja etwas ganz Jugendliches und Kr\u00e4ftiges drin, aber es hat nicht den vornehmen Geschmack. Alles zur Diskussion zu stellen, selbst das Undiskutierbarste, alles in die \u00d6ffentlichkeit zu werfen, selbst das Intimste, \u2013\u00a0\u2013 finden Sie das etwa sch\u00f6n? Ich nicht! Es vergr\u00f6bert alle Dinge ungeheuer, f\u00e4lscht sie ins Nationalistische hinein, wischt alle zarten Farbennuancen fort, setzt allem gr\u00e4\u00dfliche, grelle Schlaglichter auf\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl Fenia gegen ihn stritt, so sah sie ihn doch ganz unverkennbar so an, als ob sie sich ganz gern widerlegt s\u00e4he.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend er so sch\u00f6n sprach, dachte er an etwas ganz andres: <a id=\"page40\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page40\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer mochte dieser Mann sein? Ob er sie schon lange liebte? oder ob es nur ein loses Liebesabenteuer war? Sie war so friedlich und gl\u00fccklich, \u2013 der Klatsch erst hat sie aufgest\u00f6rt, \u2013\u00a0\u2013 ob sie seiner so ganz sicher war\u00a0\u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schlie\u00dflich brach er, durch diese Nebengedanken behindert, seine Rede ab und platzte ungeduldig heraus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber das sind ja \u00fcberhaupt doch nur Bagatellen! F\u00fcr zwei Liebende bleibt die Hauptsache doch immer, wie sie zueinander, nicht wie sie zur Welt stehen. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Wie lange das Gl\u00fcck w\u00e4hren mag, \u2013 wie gefestigt es ist, \u2013 oder ob man sich bei der ersten Not wieder verl\u00e4\u00dft, \u2013 das qu\u00e4lt viel mehr.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um Fenias Lippen glitt das sorglose unbefangene L\u00e4cheln, das f\u00fcr sie charakteristisch war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum soll denn das qu\u00e4len?\u00ab fragte sie halb verwundert und halb phlegmatisch, \u2013 \u00bbich k\u00f6nnte mir gar nicht denken, da\u00df ich einen Mann, den ich liebgehabt habe, grade in der Not verlie\u00dfe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derma\u00dfen naiv klang das, da\u00df er fast hell aufgelacht h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wurde sogar pl\u00f6tzlich ganz irre an seinen bestimmtesten Mutma\u00dfungen.\u00a0\u2013\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An den verlassenen <i>Mann<\/i> hatte er nicht grade gedacht! \u2013\u00a0\u2013 F\u00fchrte sie ihn vielleicht doch hinters Licht? W\u00e4re sie nun doch wieder in Wirklichkeit die unschuldige Fenia, so w\u00e4re das ja einfach, um aus der Haut zu fahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas nerv\u00f6s griff er in Fenias Garnr\u00f6llchen, die auf ihrem N\u00e4htisch herumlagen, spielte mit ihnen und legte sie unschl\u00fcssig wieder hin. Er war gradezu verdrie\u00dflich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich stand er auf, um fortzugehn. Aber jetzt konnte er sich doch nicht enthalten, zu bemerken:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWissen Sie \u00fcbrigens, da\u00df ich k\u00fcrzlich Ihre Doppelg\u00e4ngerin ebenfalls zu sehen geglaubt habe?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch!\u00ab machte Fenia frappiert, und fragte nach kurzem Schweigen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWann denn?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGestern abend. Nicht sehr weit vom Kloster, wo wir uns neulich trafen. Sie stieg mit einem Herrn in einen Schlitten und sauste mit klingelnden Schellen davon. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Ich habe sie \u00fcbrigens nur von hinten gesehen\u00ab, f\u00fcgte er schnell hinzu, denn pl\u00f6tzlich zweifelte er durchaus nicht l\u00e4nger, und sch\u00e4mte sich seiner <a id=\"page41\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page41\"><\/a> unritterlichen Aufwallung. \u00bbAlso vielleicht sieht sie Ihnen auch nur von hinten \u00e4hnlich, Fenitschka.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erhob sich von ihrem Stuhl und las mit gesenkten Augen von ihrem Rock die F\u00e4serchen und F\u00e4dchen ab, die beim N\u00e4hen daran h\u00e4ngengeblieben waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah bla\u00df und in sich gekehrt aus. Sehr lieb sah sie aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm tat es weh, er verw\u00fcnschte sich und blickte mit Anstrengung fort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da reichte Fenia ihm zum Abschied die Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, \u2013 und wenn sie mir auch von vorn geglichen h\u00e4tte, \u2013 Ihnen das Gesicht zugekehrt h\u00e4tte, \u2013 <i>Mein<\/i> Gesicht, \u2013 was h\u00e4tten Sie sich dann gedacht?\u00ab fragte sie und sah ihn dabei an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hielt ihre etwas kalte, etwas nerv\u00f6s zuckende Hand in der seinen, beugte sich dar\u00fcber und dr\u00fcckte zwei K\u00fcsse darauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebe Fenitschka!\u00ab murmelte er, \u2013 \u00bbich w\u00fcrde mir auch dann nichts weiter gedacht haben als nur: welche frappante \u00c4hnlichkeit.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies geschah am Vormittag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend wollte Max Werner in die kaiserliche Oper und kehrte nach sieben Uhr in seinem Hotel ein, um sich dazu umzukleiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sein Zimmer lag zwei Treppen hoch, dem Treppenaufstieg schr\u00e4g gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er im Hinaufsteigen einmal aufblickte, sah er von oben herab eine verschleierte Dame kommen, die er durch Haltung und Bewegung fast augenblicklich erkannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war Fenia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihn durchblitzte f\u00f6rmlich der Schreck, ihr in den Weg gekommen zu sein. Diese erste j\u00e4he \u00dcberraschung in seinen Z\u00fcgen konnte er hinterdrein nicht wiedergutmachen, mit so unbeteiligter Miene er dann auch, fremd und harmlos, auf der Treppe an ihr vorbeizugehn suchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zauderte einen Augenblick auf der Stufe, wo sie einander begegnet waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann, blitzschnell, drehte sie sich um, eilte ihm die \u00fcbrigen Stufen nach, erreichte ihn grade noch, als er im Begriff stand, ganz entsetzt in seinem Zimmer zu verschwinden, und ri\u00df den Schleier von ihrer M\u00fctze. <a id=\"page42\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page42\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMax!\u00ab schrie sie leise, heiser, mit zugeschn\u00fcrter Kehle; \u00bbnein! das hier ertrag ich nicht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In h\u00f6chster Best\u00fcrzung blieb er stehn, und seine erschrocken forschenden Blicke irrten \u00fcber sie weg nach der Treppe, ob auch niemand ihren Aufschrei geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann stie\u00df er die schon aufgeschlossne Zimmert\u00fcr auf und schob Fenia, so eilig er konnte, hinein. Denn vom untern Stockwerk wurden Stimmen laut, und einer der Tatarenkellner geleitete fremde Herrschaften hinauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebe Fenitschka!\u00ab murmelte er fassungslos und horchte gespannt nach dem Gang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stand, den Schleier in ihrer Hand zusammengekrampft, und zitterte am ganzen Leibe, w\u00e4hrend sie mit einem wilden Blick um sich sah und hinter sich, \u2013 als st\u00e4nde da irgend jemand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein! nein! ich will das nicht! ich ertrag das nicht!\u00ab rief sie au\u00dfer sich, \u2013 \u00bbSie glauben, mich mitleidig ignorieren zu m\u00fcssen, \u2013 und jetzt wieder \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 mich sch\u00fctzen, \u2013 ich bin doch keine Verbrecherin, die man aus lauter ritterlicher Schonung nicht erkennt, \u2013\u00a0\u2013 o nein, pfui!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie brach in leidenschaftliches Weinen aus. Er schob den einzigen bequemen Lehnsessel heran und dr\u00fcckte sie sanft hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBeruhigen Sie sich doch nur ein wenig, Fenitschka\u00ab, sagte er, \u2013 \u00bbwas sind denn das f\u00fcr Ideen \u2013 Verbrecherin, \u2013 Unsinn! Wollen Sie etwas trinken? Wein, \u2013 Limonade? \u2013 Kn\u00f6pfen Sie den Pelz ein wenig auf, Sie ersticken mir sonst noch hier. Darf ich ihn ein wenig aufkn\u00f6pfen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stie\u00df seine Hand hinweg und weinte weiter. Er kniete neben ihr auf den Teppich hin und b\u00fcckte dem\u00fctig den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, Fenia!\u00ab sagte er lachend, \u00bbwas sind Sie doch f\u00fcr ein verr\u00fcckter Kerl! \u2013 Wenn Sie w\u00fctend sind, so zausen Sie mich, bitte, am Haar, \u2013 schlagen Sie mit Ihren lieben F\u00e4usten drein, \u2013 das d\u00fcrfen Sie tun. \u2013\u00a0\u2013 Aber mit solcher Hingebung zu weinen! \u2013 Werden Sie wieder ruhig und lieb, ja? \u2013\u00a0\u2013 Sonst sperre ich Sie wahrhaftig ein und stelle Sie in den Winkel. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Wissen Sie nicht mehr, wie ich Sie mal eingesperrt habe in Paris? Achja, damals haben Sie mich einigerma\u00dfen mi\u00dfhandelt. Aber jetzt \u2013 jetzt sind wir doch Freunde, feste, gute Freunde! Etwa nicht, Fenia? Ich gehe f\u00fcr Sie durchs Feuer, wenn Sie wollen.\u00ab <a id=\"page43\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page43\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nahm ihr Taschentuch vom Gesicht und sah ihn mit ihren nassen, ger\u00f6teten Augen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie sollte ich wissen, da\u00df Sie hier wohnen\u00ab, sagte sie mit noch von Tr\u00e4nen erstickter Stimme, \u2013 \u00bbSie waren ja doch im Hotel de Paris. \u2013\u00a0\u2013 Sonst w\u00e4re ich \u2013 h\u00e4tte ich\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00ab sie stockte und wurde verwirrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, das war eine entsetzliche Dummheit von mir, es Ihnen nicht rechtzeitig zu sagen, da\u00df ich jetzt hier \u2013\u00a0\u2013 aber andrerseits, wissen Sie, konnte ich ja auch nicht wissen, da\u00df Sie\u00a0\u2013\u00ab, murmelte er, und setzte in leichtem Ton hinzu: \u00bb\u2013\u00a0nun, was macht es denn! Soll ich Ihnen einen Schlitten besorgen? Waren Sie im Fortgehn?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia sprang auf, und eine Blutwelle ergo\u00df sich \u00fcber ihr verweintes Gesicht. Sie sah zornig und beinah wild aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbH\u00f6ren Sie mich!\u00ab rief sie entschlossen, \u00bbwozu spielen Sie Kom\u00f6die mit mir, wozu fassen Sie mich wie eine zerbrechliche Puppe an, der man gern was vormachen kann, wenn man sie nur sch\u00f6n in Watte packt! Ich wei\u00df sehr gut, da\u00df Sie alles wissen! Nun wohl, so wissen Sie es denn! Ja, ja, ja, es ist so! Ich kam hierher, weil ich neulich hier in meinem Zimmer etwas vergessen habe. Denn ich <i>habe<\/i> hier ein Zimmer. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Und gestern nacht, \u2013 gestern nacht war ich es, die in den Schlitten stieg mit einem Mann, den ich lieb habe!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fand sie herrlich, wie sie mit fliegendem Atem das sagte. Herrlich wie ein Mensch, der Gefahren trotzt, wie ein Mensch im Todessprung, oder vor dem Feinde, vor dem Schu\u00df, den er nicht in den R\u00fccken erhalten will. In ihrem Gesicht pr\u00e4gte sich ein verzweifelter Heroismus aus, und in ihren Blicken zitterte dennoch das ganze Entsetzen vor der Heimlichkeit, vor der Verfolgung, \u2013 und vibrierte in ihrer Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er fa\u00dfte ihre H\u00e4nde und k\u00fc\u00dfte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDanke, Fenia!\u00ab sagte er ernst, \u00bbich danke Ihnen! Nein, wir wollen keine Kom\u00f6die spielen, \u2013 wir haben es beide nicht n\u00f6tig, \u2013 nicht wahr? Daf\u00fcr aber nehmen Sie mich zum Freunde und Bundesgenossen an, ja? \u2013\u00a0\u2013 Ich wei\u00df wohl, da\u00df nur der elende Zufall mich zum Mitwisser gemacht hat. Aber lassen Sie es keinen Zufall bleiben, machen Sie ein Vertrauen daraus! Darf ich es so auffassen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zog ihre H\u00e4nde aus den seinen, hob sie an ihre Schl\u00e4fen, als sei <a id=\"page44\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page44\"><\/a> ihr der Kopf am Zerspringen, und schaute ihn ganz ratlos und kindlich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWissen Sie, das ist wie eine Erl\u00f6sung! \u2013 Wie eine Erl\u00f6sung!\u00ab sagte sie, \u2013 \u00bbwie eine Erl\u00f6sung, da\u00df es ausgesprochen ist! Wenn ich es doch schnell hinausschreien k\u00f6nnte, \u2013 hinaus! hinaus! Allen in die Ohren! So da\u00df niemand es erst mit seiner Neugier zu erschleichen braucht! \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 Ach, ein Grausen hab ich in letzter Zeit bekommen, \u2013 ja, ein solches Grausen, als ob lauter Gespenster um mich herumliefen, \u2013 ein Grausen, wie ich es als kleines Kind manchmal im Traum gehabt habe, wenn jemand hinter mir war, und ich lief und lief, \u2013\u00a0\u2013 und doch nicht vorw\u00e4rts konnte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es durchschauerte sie. Ihre Augen \u00f6ffneten sich ganz gro\u00df und erschreckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie m\u00fcssen sich zusammennehmen, Fenia!\u00ab sagte Max Werner in bestimmtem Ton und fa\u00dfte ihre Hand, \u00bbaugenblicklich sind Sie in einem Zustand, wo Sie sich fortw\u00e4hrend selbst verraten w\u00fcrden. Ich lasse Sie so nicht fort. \u2013\u00a0\u2013 Dies Grausen, wovon Sie sprechen, m\u00fcssen Sie beherrschen, es darf Ihnen nicht \u00fcber den Kopf wachsen, h\u00f6ren Sie? Es ist Nerven\u00fcberreizung, es wird vor\u00fcbergehn, Fenitschka.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte den Pelzmantel vorhin zur\u00fcckgeworfen und auf die Sessellehne hinter sich niedergleiten lassen. Sie stand im Kleide, aber scheu, wie auf dem Sprung. Ihre Blicke gingen fl\u00fcchtig durch das Zimmer, \u00fcber die ihr fremde Umgebung, als frage sie sich nun erst, warum sie eigentlich hergeraten sei, warum sie verweile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner f\u00fcrchtete, da\u00df nach dem ersten, fast willenlosen Ausbruch sie sich pl\u00f6tzlich von ihrer eignen Offenheit kalt und peinlich ber\u00fchrt f\u00fchlen k\u00f6nnte, \u2013 unter der Situation leiden, worin sie sich ihm gegen\u00fcber befand. Er f\u00fcgte deshalb schnell hinzu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSehen Sie sich nicht erst hier um, es ist kein herrlicher Aufenthaltsort, das geb ich zu! Aber da Sie einmal bei mir zu Besuch sind, entlaufen Sie mir nicht gleich wieder, Fenitschka. Setzen Sie sich ein wenig her, hier ist niemand, der Sie beunruhigen oder belauschen kann, \u2013 denken Sie sich, Sie seien ruhig zu Hause. \u2013\u00a0\u2013 Und wissen Sie, da\u00df in diesem selben Zimmer Ihnen jemand nahe ist, der auch \u203adas Grausen\u2039 hat \u00fcberwinden m\u00fcssen, um meinetwillen, Fenia, \u2013 jemand, den Sie innig lieben w\u00fcrden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit hatte er das richtige Wort getroffen. Sie setzte sich wieder <a id=\"page45\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page45\"><\/a> und blickte ihn erstaunt und erwartungsvoll an, \u2013 f\u00fcr den Augenblick von sich selbst abgelenkt\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst \u203asie\u2039 hier? Wo?\u00ab fragte sie leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, sie selbst nicht. Aber dort im Handkoffer, \u2013 da liegen wohlverschlossen in einer Kassette alle ihre Briefe. Und so sind Sie hier in feiner, lieber Menschenn\u00e4he, Fenia, das d\u00fcrfen Sie glauben. Diese Briefe w\u00fcrden Ihnen erz\u00e4hlen, wie gern auch sie offen gegen alle Welt w\u00e4re, \u2013 und es doch nicht darf.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ja!\u00ab fiel Fenia etwas hastig ein, \u2013 \u00bbgenauso ist es eigentlich auch bei uns.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHaben Sie ihn hier in Ru\u00dfland getroffen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein. Er ist mir hierher nachgereist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso kein Russe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah erstaunt auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKein Russe?! \u2013\u00a0\u2013 Ach so, \u2013 ja, warum sollten Sie nicht meinen, da\u00df es ein Ausl\u00e4nder sein k\u00f6nnte \u2013\u00a0\u2013. Kein Russe! nein, das w\u00e4re mir unfa\u00dflich. F\u00fcr mich liegt eine ganze Welt darin, da\u00df er ein Russe, \u2013 mein Landsmann, mein Bruder, ein St\u00fcck von meinesgleichen ist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie haben doch aber mit Ausl\u00e4ndern schon so fr\u00fch und so vertraut verkehrt, studiert, \u2013 wie leicht h\u00e4tte einer\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, verkehrt, studiert!\u00ab unterbrach sie ihn. \u00bbUnd damals dachte ich auch wohl: die Liebe, das ist sicher nur die h\u00f6chste Fortsetzung solcher kameradschaftlichen Freundschaft, wo man ja schon so vieles teilt\u00a0\u2013.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber keinen davon haben Sie geliebt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf. \u00bbNein. Nie. Um manchen, der um deswillen fortging, trauerte ich. Aber was konnte das \u00e4ndern? Ich wartete darauf, da\u00df die Freundschaft in mir bis zur Liebe stiege\u00a0\u2013\u00a0\u2013. Sie stieg auch zuweilen, \u2013 immer h\u00f6her und h\u00f6her, \u2013 aber nicht in die Liebe hinein, \u2013 sie wurde dann zugleich immer d\u00fcnner und spitzer, \u2013\u00a0\u2013 und eines Tages brach stets die Spitze ab.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAlso ist es schlie\u00dflich auch gar nicht einer Ihrer eigentlichen Geisteskameraden gewesen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO nein!\u00ab sagte sie lebhaft, \u2013 \u00bbes war einer, mit dem ich noch nichts teilte. Den ich kaum kannte. \u2013 Grade nach Beendigung meiner Studien, w\u00e4hrend einer Erholungsreise. \u2013\u00a0\u2013 Ja, und im Grunde trieb es mich auch nicht, mit ihm dies und das zu teilen, \u2013 <a id=\"page46\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page46\"><\/a> oder irgendwohin dort oben hinaufzuklettern, wo die Spitzen doch immer abbrachen. \u2013\u00a0\u2013 Dazu war ich auch zu angestrengt und erholungsfroh. \u2013\u00a0\u2013 Aber mich trieb es fast von der ersten Stunde an, zu ihm hinzutreten und \u203adu!\u2039 zu ihm zu sagen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte den Kopf gesenkt und sprach mit einem gl\u00fccklichen L\u00e4cheln um die Lippen. Sie sah bei ihren Worten ganz weltentr\u00fcckt und br\u00e4utlich aus. Er schaute sie mit Entz\u00fccken an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, so geht es nun im Leben zu\u00ab, best\u00e4tigte er, bem\u00fcht, sie in der sch\u00f6nen Stimmung zu erhalten, \u00bbman macht sich gro\u00dfe Theorien, man will geistig zusammenpassen und will sich auf Herz und Nieren pr\u00fcfen, \u2013 und schlie\u00dflich w\u00e4hlt man einander doch in der Gunst der Stunde, und ohne alle weitern Kennzeichen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber das sind ja die allertiefsten Kennzeichen!\u00ab rief sie erstaunt, \u2013 \u00bbdas ist ja eben der ungeheure Irrtum, zu glauben, da\u00df \u203aGeist\u2039 und \u203aSeele\u2039, und wie alle diese sch\u00f6nen Dinge im Menschenverkehr hei\u00dfen, etwas Edleres oder Tieferes sind als sie. Nein, das wei\u00df ich besser! Besonders der Geist, der ist schon durchaus nicht edler, sondern das Gr\u00f6bste und P\u00f6belhafteste ist er, und saugt sich mit seinem kalten Interesse unterschiedslos an die allerverschiedensten Menschen an, um sie loszulassen, sobald er ihnen ihr Interessantes entnommen hat. Das hab ich oft getan, \u2013 pfui! \u2013\u00a0\u2013 Aber auch die sogenannten seelischen Freundschaften! Etwas w\u00e4hlerischer sind sie, aber auch sie kann man zu mehreren Menschen haben, mehrere k\u00f6nnen sich folgen, denn man bekommt ja auch in ihnen nur ein Teilchen des ganzen Menschen, und gibt nur ein Teilchen. \u2013\u00a0\u2013 Man bleibt bewu\u00dft, \u2013 geizig, \u2013 gen\u00fcgsam.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was sie da sagte, kam ihr aus dem tiefsten \u00fcberzeugten Herzen. Sie verk\u00fcndete es wie eine jauchzend errungene Lebenserkenntnis, \u2013 sie war stolz darauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie sind ein r\u00e4tselhaftes M\u00e4dchen, Fenia!\u00ab sagte Max Werner. \u00bbUnd ich \u2013 ich habe Sie f\u00fcr k\u00fchl gehalten\u00a0\u2013\u00a0\u2013. Oder doch wenigstens nicht recht zug\u00e4nglich f\u00fcr den wirklichen Rausch. Wer so jahraus, jahrein mit M\u00e4nnern umgehn und studieren kann, ohne jemals in das \u00fcberzuschlagen, was \u2013 nun, was in solchen F\u00e4llen doch wohl das Gew\u00f6hnlichste ist\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas Gew\u00f6hnlichste?! Nein, das glaub ich schon nicht. \u2013 Es <a id=\"page47\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page47\"><\/a> ist ja das Seltenste und Vornehmste, was es im Leben geben kann. So sehr, da\u00df alles andre daneben nur noch sch\u00e4big und gemein aussieht\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie <i>meinen<\/i> das wirklich \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 ?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, sicherlich, mein Gott! Wie kann man daran zweifeln! Wie k\u00f6nnen Sie es, der selber geliebt wird!\u00ab rief sie, rot \u00fcberflammt von Erregung, und sprang auf, \u2013 \u00bbda kommt nun etwas und nimmt einen hin, und man gibt sich hin, \u2013 und man rechnet nicht mehr, und h\u00e4lt nichts mehr zur\u00fcck, und begn\u00fcgt sich nicht mehr mit Halbem, \u2013 man gibt und nimmt, ohne \u00dcberlegung, ohne Bedenken, fast ohne Bewu\u00dftsein, \u2013 der Gefahr lachend, sich selbst vergessend, \u2013 mit weiter \u2013 weiter Seele und ohnmachtumfangenem Verstande, \u2013\u00a0\u2013 und das, <i>das<\/i> sollte nicht das H\u00f6here sein? Darin sollten wir nicht unsre Vornehmheit, unsern Adel haben?\u00a0\u2013\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stand da, von ihren eignen Worten berauscht, und sah so sch\u00f6n aus\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er h\u00fctete sich wohl, die Einw\u00e4nde laut werden zu lassen, die ihm auf der Zunge sa\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia erwartete auch keine Antwort. Sie verstummte, besann sich einen Augenblick auf die Wirklichkeit und sagte dann mit ihrer gew\u00f6hnlichen Stimme:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHelfen Sie mir in den Pelz. Ich will jetzt endlich nach Hause fahren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hielt ihr den Pelzmantel hin und bemerkte bittend:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber doch nicht allein? Soll ich Sie nicht nach Hause begleiten? Sie sind jetzt doch in ganz beruhigter und fr\u00f6hlicher Stimmung, nicht wahr, Fenia, \u2013 ich kann mich darauf verlassen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie nickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa. Mag&#8217;s nun kommen, wie es Lust hat. Ich kann nicht lange so gequ\u00e4lt leben. Ich mu\u00df sorglos leben, oder gar nicht. Darum sind Heimlichkeiten mir so uns\u00e4glich wider die Natur. \u2013\u00a0\u2013 Froh bin ich, da\u00df ich jetzt wenigstens zu Ihnen offen sprechen kann. \u2013\u00a0\u2013 Aber bitte, begleiten Sie mich nicht. Der Portier unten wird mich in den Schlitten setzen. Ich m\u00f6chte lieber allein sein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie Sie w\u00fcnschen. Aber zum mindesten gehen Sie nicht so fort, Fenia, \u2013 m\u00f6chten Sie sich nicht erinnern \u2013 nach allem, was wir nun gemeinsam haben, \u2013 da\u00df wir schon einmal Br\u00fcderschaft <a id=\"page48\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page48\"><\/a> getrunken haben? M\u00f6chtest du nicht, wenn du nun zu mir sprichst, mich ein bi\u00dfchen weniger steif anreden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa gewi\u00df. Du \u2013 und Bruder \u2013 von heute an!\u00ab entgegnete sie herzlich und ernst. \u00bbIch werd es nicht vergessen. Ich nehm es als einen festen Bund.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDanke, \u2013 und die Bundesbesiegelung?\u00ab fragte er und hielt ihre Hand noch fest, als sie auf die T\u00fcr zuging. Da hob sie den Kopf und gab ihm einen Ku\u00df auf den Mund, \u2013 einen herzlichen, unbefangenen Ku\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ihre Lippen brannten noch von den leidenschaftlichen Worten, die sie vorher gesprochen.<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Max Werner blieb keine zwei Wochen mehr in Petersburg, aber in der R\u00fcckerinnerung kam es ihm immer wie eine weit l\u00e4ngere Zeitstrecke vor, so reichen Inhalt empfingen diese Wochen durch seine neue Beziehung zu Fenia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selten ein Tag, wo er sie nicht sah, selten einer, wo er nicht den ungewohnten Reiz einer so zutraulichen weiblichen N\u00e4he ohne alle erotischen Nebengedanken durchkostete. Es schien ihm ein gradezu idealer Fall, geschaffen dank ihrer beiderseitigen Benommenheit von einer andern Liebe, und ganz besonders beg\u00fcnstigt durch Fenias Gewohnheit, sich M\u00e4nnern gegen\u00fcber zwanglos gehnzulassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin M\u00e4dchen wie Irmgard erschlie\u00dft sich nur, wo es liebt, und h\u00e4lt sich sonst stets in der etwas kalten Strenge ihrer M\u00e4dchenhoheit zur\u00fcck, \u2013 verschlossen und herb. Aber schlie\u00dft sich denn ein Weib wirklich auf, wo es liebt? T\u00e4uscht es sich nicht unwissentlich dar\u00fcber?\u00ab fragte er sich oft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So zum Beispiel sprach Fenia sicher zu dem Manne ihrer Liebe mit viel r\u00fcckhaltloserer Intimit\u00e4t als zu ihm, \u2013 aber tat sie es nicht auch weniger einfach und sachlich, \u2013 unbewu\u00dft bem\u00fcht, alles Verwandte in ihm und ihr hervorzukehren und einander zu verm\u00e4hlen, alles St\u00f6rende zu beseitigen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm gegen\u00fcber fiel das fort, und er sah sie manchmal vor sich gleich einem Modell, dessen Seelenformen er nur abzubilden brauchte, \u2013 nicht so, wie eine Geliebte vor ihm stehn w\u00fcrde, deren <a id=\"page49\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page49\"><\/a> seelische Reize so individuell wirken, da\u00df sie das klare Urteil bestechen und verwirren, \u2013 sondern wie ein St\u00fcck weiblichen Geschlechtes in der bestimmten Verk\u00f6rperung, die sich Fenia nannte. Zum erstenmal glaubte er, dem Weibe als solchem nahzukommen, indem er Fenia immer n\u00e4herkam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pers\u00f6nliches aus ihrem Liebesleben erz\u00e4hlte sie ihm nie. Sein Wissen um dieses Ereignis wirkte nur w\u00e4rmend und belebend auf alles, was sie sonst miteinander teilten. Seine Gedanken indessen kreisten mehr als einmal um den ihm fremden Menschen herum, dem dies liebe Gesch\u00f6pf zugeh\u00f6rte, und je nach Laune und Stimmung machte er sich von ihm die allerverschiedenartigsten Vorstellungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend einer Abendgesellschaft beim alten Baron, wohin er Fenia begleitet hatte, erw\u00e4hnte sie gegen ihn zum erstenmal wieder der heimlichen Angelegenheit, wodurch sie Freunde geworden waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Souper war eben beendet, und man stand oder sa\u00df zwanglos in kleinern Gruppen zusammen, wie der Zufall es grade gab. Er hatte sich lange mit Nadeschda und ihrem Verlobten unterhalten, \u2013 dem Typus eines Brautpaars, das sich gern isolieren m\u00f6chte und statt dessen seine Blicke und Worte an alle verteilen mu\u00df. Jetzt n\u00e4herte er sich Fenia, die im Augenblick allein \u2013 und wie immer in l\u00e4chelnder Beobachtung des bunten Menschenbildes, \u2013 hinter einer Palmengruppe am Fenster sa\u00df, und blieb vor ihr stehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWeshalb schaust du mich so an?\u00ab fragte Fenia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch vergleiche dich im stillen mit der andern Braut hier im Saal; an der armen Nadeschda ist heute alles erzwungene H\u00f6flichkeit und verhaltene Sehnsucht; sie hat rote hei\u00dfe Flecken auf den Wangen, und ihre Augen gl\u00e4nzen zu sehr.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia lachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHoffentlich bemerkt der Onkel das nicht!\u00ab sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd \u00fcber dir, wie du da sitzest, ist eine solche selige Ruhe ausgegossen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe eigentlich gar keinen Grund, so selig zu ruhen\u00ab, entgegnete Fenia, aber ihre vollen warmen Lippen l\u00e4chelten immer noch, \u2013 \u00bbdenn heute haben \u203awir\u2039 uns zum erstenmal \u2013 gezankt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbO das ist mir h\u00f6chst interessant\u00ab, bemerkte er ziemlich eifrig und zog einen Stuhl heran \u2013 \u00bbdarf ich wissen, was der Anla\u00df war?\u00ab <a id=\"page50\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page50\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt sah sie ernster aus, eine kleine Falte schob sich sogar zwischen ihre Augenbrauen, die \u00fcber der Stumpfnase ganz nah zusammenkamen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Anla\u00df ist ganz gleichg\u00fcltig. Der Grund ist einfach: er ist gequ\u00e4lt und gereizt\u00ab, sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Gott! er, der es so gut hat?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr leugnet eben, da\u00df er es gut hat\u00ab, fiel sie ein, \u00bbaber die Wahrheit ist: er ist viel anspruchsvoller geworden. \u2013\u00a0\u2013 Wir haben uns immer nur stundenweise gesehen \u2013 von allem Anfang an, \u2013 und nicht einmal t\u00e4glich. \u2013\u00a0\u2013 Sich zu allen m\u00f6glichen Tagesstunden, im Hellen, \u2013\u00a0\u2013 zu allen m\u00f6glichen Besch\u00e4ftigungen und Ausg\u00e4ngen zu treffen ist doch nun einmal einfach unm\u00f6glich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd das ist es also, was er will?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa. Er sagt, das sei das einzig Nat\u00fcrliche. Alles andre sei Qual. Nach seiner Auffassung sollte man sich \u00fcberhaupt so gut wie gar nicht trennen. \u2013\u00a0\u2013 Dabei sieht er ein, da\u00df wir uns des entstandenen Klatsches wegen eher seltener sehen sollten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSage mir nur, Fenitschka, warum machst du es dir nicht leichter, \u2013 warum f\u00fchrst du ihn zum Beispiel nicht hier bei deinem Onkel ein, \u2013 war er nur anerkannterma\u00dfen dein Freund, wie ich, \u2013 so \u2013 so\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah ihm grade in die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo k\u00f6nnte er insgeheim viel bequemer mein Geliebter sein, nicht wahr?\u00ab vollendete sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMach doch nicht gleich solche Augen! was steht dem eigentlich entgegen?\u00ab warf er ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagte nur leise, ohne ihren Blick von dem seinen zu lassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs w\u00fcrde h\u00e4\u00dflich werden! Und ich will, da\u00df es sch\u00f6n ist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, streiten l\u00e4\u00dft sich \u00fcber dergleichen ja nicht. Aber dir selbst f\u00e4llt es doch wohl ebenso schwer wie ihm, euren Verkehr nicht nach Belieben ausdehnen zu k\u00f6nnen, \u2013 daher schlug ich es nur vor.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie senkte die Augen und schien nachzudenken, wie sie es so oft mitten im Gespr\u00e4ch tat. Eine leichte R\u00f6te stieg dabei in ihre Wangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, wei\u00dft du, f\u00fcr mich ist es ja eigentlich wieder anders als f\u00fcr ihn\u00ab, erwiderte sie darauf z\u00f6gernd, \u00bb\u2013\u00a0ich kann nicht recht sagen, woran das liegen mag. Aber jedenfalls war es ja f\u00fcr mich nichts so Seltenes und Neues, mit einem Manne alle m\u00f6glichen Interessen <a id=\"page51\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page51\"><\/a> und Besch\u00e4ftigungen zu teilen, \u2013 alle Stunden des Tages in anregender und geistig f\u00f6rdernder Weise zu verbringen. <i>Ihm<\/i> ist das neu. \u2013\u00a0\u2013 Ich \u2013 ja, ich sehne mich lange nicht so stark danach. \u2013\u00a0\u2013 W\u00fcrdest du es tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch?!\u00ab fragte er etwas unsicher und dachte an Irmgard, \u00bb\u2013\u00a0ich glaube, das w\u00fcrde au\u00dferordentlich nach meinen Stimmungen wechseln. \u2013\u00a0\u2013 Aber vergleiche mich doch nicht mit deinem \u2013\u00a0\u2013 deinem\u00a0\u2013\u00a0\u2013. Er ist vielleicht f\u00fcrchterlich konsequent und ernsthaft?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lachte leise auf, voll Schalkhaftigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, das ist er nun doch nicht. Jung und lieb ist er, \u2013 von allen meinen Bekannten und Freunden der am wenigsten ernste. \u2013 Wir fingen nicht grade mit der Philosophie an, \u2013 er hatte keine Ahnung, da\u00df ich mit der was zu tun gehabt hatte. Im Gegenteil, er hielt mich urspr\u00fcnglich f\u00fcr recht leichtlebig, \u2013 weil ich so frei zu leben schien. \u2013\u00a0\u2013 Ihr seid eben rechte Menschenkenner!\u00ab f\u00fcgte sie mit einer kleinen ver\u00e4chtlichen Grimasse hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas sagte er denn, als es ihm allm\u00e4hlich aufging, da\u00df er einen promovierten Doktor vor sich hatte?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch, das ist ihm ja niemals aufgegangen. Davon hat er nicht viel zu sehen bekommen. \u2013\u00a0\u2013 Aber doch sagt er jetzt, er habe fr\u00fcher nicht gewu\u00dft, da\u00df man mit einer Frau geistig so stark verschmelzen k\u00f6nne, \u2013 und h\u00e4tte er es nur geahnt, so w\u00fcrde er mich von allem Anfang an so anspruchsvoll geliebt haben, wie jetzt, \u2013 mit solchen Anspr\u00fcchen an alle meine Zeit und jeden meiner Gedanken.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner schwieg dazu und dachte sich im stillen mancherlei. Ein paar Minuten lie\u00dfen sie, ohne zu reden, das Stimmengewirr der Menschen um sich herumsummen; einer der Diener in Matrosenlivree kam zu ihnen mit seinem silbernen Tablett voll Obst und S\u00fc\u00dfigkeiten, ein paar der G\u00e4ste fingen an, sie in ihrem Versteck zu bemerken. Fenia schaute mit blinzelnden Augen in den Kerzenglanz, sie beobachtete nicht mehr, sie tr\u00e4umte. Aber immer noch lag die selige Ruhe \u00fcber ihren Z\u00fcgen ausgebreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWei\u00dft du noch, wie du mir mal auf dem Newskij, vor Pasettis Kunstverlag, sagtest: das Kostbarste, was Liebe gibt, das ist Frieden?\u00ab fragte Max unwillk\u00fcrlich. Sie nickte und atmete tief auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa! Vom ersten Augenblick an war es so. Dank ihm, da\u00df ich Frieden kenne! Ein so tiefes Ausruhen und Gen\u00fcgen. Nicht einmal <a id=\"page52\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page52\"><\/a> Sehnsucht, \u2013 nicht Qual nach mehr, \u2013 nicht alle diese innern K\u00e4mpfe, \u2013 wie <i>er<\/i> sie jetzt durchmacht. Ich verstehe das einfach nicht. \u2013\u00a0\u2013 Ich ruhe wie in einer Wiege, wei\u00dft du, \u2013 die leise geschaukelt wird, \u2013 dar\u00fcber blauer Sommerhimmel, und ringsherum bl\u00fchende Wiese, \u2013 hochstehende, \u00fcppige Wiese voll Klee und langen Halmen, so wie sie kurz vor dem M\u00e4hen ist, \u2013\u00a0\u2013 hier in Ru\u00dfland haben wir so wundervolle solche Wiesen. \u2013\u00a0\u2013 Oder vielleicht lieg ich auch nur wie eine Kuh im frischen Wiesengras mitten unter den gelben Butterblumen, \u2013 so friedlich prosaisch. Nein, ich kann nicht nachdenken. Ich bin so gl\u00fcckselig verdummt. \u2013 Es langt grade noch, um dr\u00fcben die bl\u00f6de Unterhaltung mitzumachen\u00ab, f\u00fcgte sie hinzu und erhob sich aus ihrer l\u00e4ssigen Haltung, weil einige der G\u00e4ste auf sie zukamen.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Max Werner diesen Abend heimging, mu\u00dfte er viel an Fenia denken, und in der Nacht schlief er unruhig und tr\u00e4umte von ihr. Sie trug einen Kranz von gelben Ranunkeln im Haar und sa\u00df im Gras. Wie er sich aber zu ihr setzen wollte, wehrte sie ihn ab und sagte, er solle bessere Haltung vor ihr bewahren, denn sie sei die Wiesenherzogin. \u00bbAch, Fenitschka, warum hast du nur gelbe Ranunkeln auf dem Kopf, \u2013 Rosen w\u00fcrden dir viel sch\u00f6ner stehn\u00ab, bemerkte er zu ihr, auch noch im Traum galant, und wagte nicht, sich hinzusetzen. Sie aber sah ihn mit demselben strengen Blick an, wie gestern bei seinem Vorschlag, ihren Freund bei ihrem Onkel einzuf\u00fchren, und entgegnete mit herzoglicher Hoheit: \u00bbAuch die Ranunkeln f\u00e4rbt dieselbe Sonne.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er erwachte durch die Anstrengung, dies tiefe Wort geh\u00f6rig zu entr\u00e4tseln. Es war schon sp\u00e4t am Vormittag, und er beschlo\u00df, in die Eremitage zu gehn. Unterwegs jedoch traf es sich, da\u00df er statt dessen zu Fenia in ihre Wohnung hinaufstieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu seinem Bedauern fand er sie nicht zu Hause. An diesem Morgen war er ein wenig verliebt in Fenia; er wu\u00dfte nicht, ob sein Traum hiervon die Ursache, oder die Wirkung sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam und etwas mi\u00dfmutig ging er den Weg nach seinem Hotel zur\u00fcck. Es schneite schwach, in winzigen, harten K\u00f6rnchen, die an Hagelgraupen erinnerten und auf dem Sand, womit die Trottoirs bestreut waren, wei\u00df und rund liegen blieben wie Perlen. Der Himmel hing tief, tief herab, grau und lichtlos, und unter seinem gleichf\u00f6rmigen Schiefergrau ballten und stopften sich noch <a id=\"page53\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page53\"><\/a> gro\u00dfe wei\u00dfe Wolken gleich Federkissen; es sah wahrhaftig aus, als habe der Himmel droben sich gut auswattiert, um sich vor der K\u00e4lte bei den Menschenkindern unten zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterwegs traf er Fenia. Er sah sie auf der andern Seite des Trottoirs und ging \u00fcber den Stra\u00dfendamm auf sie zu; sie bemerkte es, blieb stehn und wartete auf ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch hatte dir einen Besuch zugedacht\u00ab, sagte er, w\u00e4hrend sie sich die Hand sch\u00fcttelten, \u00bbfand dich aber nicht und f\u00fcrchtete schon, dich heute nicht mehr zu sehen. Daher bin ich dem Zufall jetzt doppelt dankbar.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah ihn l\u00e4chelnd und nachdenklich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin ihm auch dankbar!\u00ab entgegnete sie, \u2013 \u00bbdeinen Besuch h\u00e4tte ich n\u00e4mlich nicht angenommen\u00a0\u2013. Keinen Besuch, der heute kommt. \u2013 Und nun, wo ich dich unerwartet treffe, merke ich, da\u00df ich mich dr\u00fcber freue, mit dir zu gehn und zu plaudern. \u2013\u00a0\u2013 So wenig kennen wir uns selbst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWoher kommst du denn?\u00ab fragte er im Weitergehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon einem zwecklosen Hinundhergehn. Ich ertrug&#8217;s in der Stube nicht. Ertrag&#8217;s aber auch drau\u00dfen nicht. Ich habe entsetzliche Sorgen, Max. \u2013\u00a0\u2013 Denke dir, \u2013 vielleicht kann ich \u203aihn\u2039 nur noch wenige Male wiedersehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er blieb stehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie das, \u2013 warum?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs hat sich so zugespitzt \u2013 all das mit den Heimlichkeiten. Wir sind nicht mehr sicher, \u2013 nirgends mehr. Es geht einfach nicht mehr. Es geht absolut nicht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Und gar kein Ausweg? man findet ihn ja doch schlie\u00dflich in solchen F\u00e4llen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIm Auslande zu leben w\u00e4re einer, \u2013 ja. Aber ich bin hier durch meine Stellung gebunden und habe keine andern Existenzmittel. Und im Ausland war es dasselbe \u2013 in einer Stellung. Es scheint, man mu\u00df reich sein dazu. Lehrerinnen sind, scheint es, davon ausgeschlossen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber deshalb k\u00f6nnt ihr doch nicht auseinandergehn?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia lachte dazu unwillk\u00fcrlich. Ihr ganzer froher Unglaube an irgendein Auseinandergehn lachte aus ihren Augen. Aber die Augen waren ger\u00f6tet wie vom Weinen. <a id=\"page54\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page54\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir haben eben die Wahl zwischen zwei Unm\u00f6glichkeiten\u00ab, sagte sie, noch l\u00e4chelnd, und ging langsam weiter, \u00bb\u2013\u00a0ich war so tief im Gl\u00fcck und Frieden, wei\u00dft du, da\u00df ich noch ganz dumm bin: ich begreif&#8217;s noch gar nicht, da\u00df es Sorgen gibt \u2013 im Himmel.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie standen an ihrer Haust\u00fcr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbH\u00f6re, Fenia\u00ab, bat er, \u00bbla\u00df uns doch noch ein wenig zusammenbleiben, \u2013 kann ich nicht hinein?\u00ab\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte die T\u00fcr ge\u00f6ffnet, und der Portier mit den Silberlitzen kam dienstbeflissen herbei, wollte hinter ihr schlie\u00dfen, und h\u00e4ndigte ihr zugleich zwei inzwischen eingelaufene Briefe aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia blieb auf der Schwelle stehn, besah die Briefadressen und bemerkte dabei zu Max:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch beabsichtigte eigentlich noch nicht, hinaufzugehn, wir k\u00f6nnen also gern noch ein wenig drau\u00dfen bleiben, \u2013 aber ich erwartete Nachrichten, und deshalb\u00ab \u2013 sie warf einen schalkhaften Seitenblick auf ihn und f\u00fcgte hinzu: \u00bb\u2013\u00a0Diesen einen, siehst du, der ohne Marke hergebracht worden ist, den mu\u00df ich gleich lesen. Es handelt sich um die Verabredung einer Stunde zu heute \u2013 oder morgen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lie\u00df sie lesen, w\u00e4hrend sie die Stra\u00dfe langsam entlangschritten, und musterte dabei ungeduldig den Sand und Schnee auf dem Trottoir zu seinen F\u00fc\u00dfen. Heute morgen kam ihm Fenias Auserw\u00e4hlter etwas in die Quere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Fenia aber den Brief eingesteckt hatte und, wie ihm schien, Minuten vergingen, ohne da\u00df sie sprach, sah er scharf nach ihr hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ausdruck ihres Gesichtes hatte sich ganz verwandelt, \u2013 zum Erschrecken verwandelt hatte er sich. Sie war erbla\u00dft, um den Mund ein gespannter, nerv\u00f6ser Zug, ihre Augen blickten mit einer gewissen verwirrten Anstrengung grade vor sich hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFenia!\u00ab sagte er halblaut, \u00bb\u2013\u00a0was ist dir? was ist denn geschehen? Steht im Brief irgend etwas Schlimmes?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst er tot, \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 untreu?\u00ab fuhr es ihm durch den Kopf, und er konnte seine eignen Gef\u00fchle dabei nicht recht deutlich unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, \u2013 nein!\u00ab widersprach sie hastig, \u00bb\u2013\u00a0es ist nur, \u2013 ja, etwas Schlimmes.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKann ich es nicht wissen? \u2013\u00a0\u2013 Nein, nat\u00fcrlich nicht, wenn du nicht magst.\u00ab\u00a0\u2013 <a id=\"page55\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page55\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDoch, \u2013 warum denn nicht? \u2013\u00a0\u2013 Es ist ja\u00ab, \u2013 sie stockte, und setzte dann leise, fast scheu hinzu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr will, da\u00df wir uns heiraten sollen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHeiraten!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er rief es zuerst ganz konsterniert; gleich darauf bemerkte er aber selbst: \u00bbJa, lieber Gott, warum auch nicht? Das ist doch eigentlich ganz nat\u00fcrlich? Hast du denn nicht selber schon an dieses Ende gedacht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Ich? \u2013 Nein, \u2013 ich, \u2013 es schien ja aus \u00e4u\u00dferen Gr\u00fcnden zun\u00e4chst so ganz unm\u00f6glich, \u2013 ich meine: es ging eben noch nicht, \u2013 so da\u00df man nicht daran denken konnte, \u2013\u00a0\u2013 nicht zu denken brauchte\u00ab, erwiderte sie, noch ebenso scheu und verwirrt, \u2013 bedr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun \u2013 und jetzt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Er hat irgendeine Anstellung im S\u00fcden erhalten, \u2013 was wei\u00df ich, \u2013\u00a0\u2013 ach, ich wei\u00df nicht. \u2013\u00a0\u2013 Mir ist so furchtbar zumut\u00ab, sagte sie hilflos und sah aus, als ob sie gleich anfangen wollte loszuweinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner bog in eine kurze breite Nebenstra\u00dfe ein, wo sie vor der Menschenmenge auf dem Newskijprospekt sicher waren. Nur ein paar Kinder rutschten spielend und schreiend auf einem schneefreien Eisstreifen l\u00e4ngs dem Damm umher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber, Fenitschka, auf dem Gut, w\u00e4hrend der Hochzeit meiner Schwester, warst du ja noch so vollgestopft mit den allergraulichsten Ehebetrachtungen!\u00ab sagte Max Werner beruhigend, \u00bb\u2013\u00a0willst du denn nicht\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie blieb stehn und sah mit ihren gro\u00dfen, klaren, so eigent\u00fcmlich seelenoffenen Augen zu ihm auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst es dir jemals so vorgekommen, \u2013 in dieser ganzen Zeit, \u2013 als ob ich heiraten wollte?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, \u2013 das wohl nicht\u00ab, gab er zu, \u00bbaber es mu\u00dfte schlie\u00dflich\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch konnte es auch gar nicht wollen!\u00ab unterbrach sie ihn, \u00bbsage mir, will es denn etwa einer von euch, \u2013 will es ein junger Mensch zum Beispiel, der seine ganze Jugend drangesetzt hat, um frei und selbst\u00e4ndig zu werden, \u2013 der nun grade vor dem Ziel steht, \u2013 auf der Schwelle, \u2013 der das Leben grade um deswillen liebgewonnen hat, \u2013 um des Berufslebens willen, um der Verantwortlichkeit <a id=\"page56\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page56\"><\/a> willen, um der Unabh\u00e4ngigkeit willen! \u2013 Nein! Ich kann es mir einfach nicht als Lebensziel vorstellen, \u2013 Heim, Familie, Hausfrau, Kinder, \u2013 es ist mir fremd, fremd, fremd! Vielleicht nur jetzt, \u2013 vielleicht nur in dieser Lebensperiode. Wei\u00df ich&#8217;s? \u2013 Vielleicht bin ich \u00fcberhaupt untauglich grade dazu. \u2013\u00a0\u2013 Liebe und Ehe ist eben nicht dasselbe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sprach rasch und erregt, sie verga\u00df ganz, wo sie war, und lehnte sich einfach mit dem R\u00fccken gegen eine Hausmauer, vor der sie gerade standen. Dies war sicher kein geeigneter Aufenthalt f\u00fcr eine solche Unterhaltung; Max Werner f\u00fcrchtete, sie k\u00f6nnte mit ihrem Tuchpelz an der wei\u00dfbeworfenen Hauswand festfrieren, und au\u00dferdem rieselten die kleinen, feinen, runden Schneek\u00f6rnerchen unabl\u00e4ssig um sie nieder. Aber dabei war er selbst in einiger Spannung und Erregung; er war, offen gestanden, bez\u00fcglich des Mannes, der da soeben Fenia einen Heiratsantrag gemacht hatte, nicht ganz ohne Schadenfreude, \u2013\u00a0\u2013 aber da hinein mischte sich ein ganz sonderbares Gef\u00fchl, \u2013 fast ein verbl\u00fcfftes, beleidigtes, \u2013 fast, als sei er es, den sie abgewiesen habe. \u2013\u00a0\u2013 Das war die Verbl\u00fcffung \u00fcber ihre Worte, \u2013 Worte einer Frau, die ganz so sprach, als sei sie ein Mann und als sei es eine unerh\u00f6rte Zumutung, einen Mann, seinesgleichen zu heiraten.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist mir denn doch noch nicht vorgekommen, Fenitschka\u00ab, sagte er und trat von einem Fu\u00df auf den andern, denn ihn fror sehr, \u00bb\u2013\u00a0diese spitzfindige Unterscheidung zwischen Liebe und Ehe. \u2013 Wenn du deiner Liebe sicher bist, dann d\u00fcrfen dich auch die Schwierigkeiten des Ehelebens nicht abschrecken, \u2013 die wahre Liebe setzt sich dr\u00fcber hinweg, \u2013 glaube ich. Und dann, siehst du, soll es ja auch grade so sch\u00f6n sein, alles miteinander zu teilen, \u2013 und besonders, wenn es f\u00fcr immer ist, \u2013 und selbst wenn Krankheit, oder Sorge, oder sonstige Unannehmlichkeiten mitunterlaufen, \u2013 nun, so hat man doch daf\u00fcr ein wahrhaftes, wirkliches St\u00fcck Leben miteinander gelebt, \u2013 und grade das will die Liebe, \u2013 sie will doch nicht etwa nur den Genu\u00df? O nein, bewahre! sie hat sozusagen die Tendenz zur Ehe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia h\u00f6rte ganz aufmerksam, mit zur Seite geneigtem K\u00f6pfchen zu; unendlich lieb schaute sie dabei aus, mit ihren halbge\u00f6ffneten Ku\u00dflippen, \u2013 wie jemand ungef\u00e4hr, der einer gar erstaunlichen M\u00e4r und Kunde lauscht. <a id=\"page57\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page57\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013\u00a0Denkst du das wirklich?\u00ab fragte sie zweifelnd und erwartungsvoll, \u00bb\u2013\u00a0ich meine, denkst du so im tiefsten Ernst? Hast du denn jemals diese Dinge so empfunden, wie du da sagst, \u2013 grade so?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Ich? \u2013\u00a0\u2013 Nun, ich selbst grade nicht. \u2013\u00a0\u2013 Aber ich hab es von andern geh\u00f6rt\u00ab, bemerkte er etwas kleinlaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie b\u00fcckte entt\u00e4uscht den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon andern geh\u00f6rt!\u00ab wiederholte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie tat ihm leid. Offenbar hatte sie von seinen halb ironisch gemeinten Worten eine Art von Hilfe in ihren Zweifeln erwartet, \u2013 war er doch ihr Freund! Es dr\u00e4ngte ihn \u00fcber die Ma\u00dfen, sie wieder beruhigt und heiter zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber Fenitschka\u00ab, redete er ihr zu, \u00bbwas kommt denn auf mich an! Bin ich denn ein Vorbild auf diesem Gebiet?! \u2013 Nein, \u2013 nicht wahr? Und \u00fcberhaupt, was so ein Mann dar\u00fcber spricht! Ihr Frauen empfindet schlie\u00dflich doch anders, \u2013 besser, feiner. \u2013 Aus <i>der<\/i> \u00dcberzeugung heraus sprach ich. Glaube mir, ihr wollt im Grunde doch die Dauer und vollkommne Zusammengeh\u00f6rigkeit, \u2013 das wei\u00df ich von der, die <i>mich<\/i> lieb hat, Fenia. Denn wollte sie das im Grunde nicht, wollte sie nicht so inbr\u00fcnstig das ganze Leben mit mir teilen, so war es ja keine rechte Liebe, sondern nur eine \u2013 eigentlich eine reine Sinnen\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSondern nur eine rein sinnliche Leidenschaft, \u2013 nur eine sinnliche\u00ab, erg\u00e4nzte Fenia mit bedeckter Stimme, sah ihn an, und wurde pl\u00f6tzlich bla\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAch Unsinn, Fenia, \u2013 ich\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie antwortete nicht, sondern stand nur regungslos da, und in ihren Mienen pr\u00e4gte sich etwas ganz Ergreifendes aus, das ihn verstummen machte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohl schaute sie ihn noch an, aber sichtlich ohne sich dessen bewu\u00dft zu werden, wohin sie gerade schaute; ihre ganze Seele war nach innen gekehrt, \u2013 hielt gleichsam den Atem an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Augen \u00f6ffneten sich weit, eine Art von Entsetzen flog durch sie hindurch, es war, als schl\u00fcge eine pl\u00f6tzliche Erkenntnis, einem Blitze gleich, ihr mitten durch die Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und langsam ergo\u00df sich \u00fcber ihre Wangen, ihre kleinen Ohren, \u00fcber den Hals, soweit das Pelzwerk davon einen Fleck sehen lie\u00df, \u2013 eine warme tiefe R\u00f6te, \u2013 immer flammendere R\u00f6te. \u2013\u00a0\u2013 Und ehe <a id=\"page58\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page58\"><\/a> Max Werner sich&#8217;s versah, wandte sie sich von der Hausmauer fort, an der sie lehnte, und enteilte ihm pl\u00f6tzlich mit schnellen Schritten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFenia! Fenitschka!\u00ab rief er best\u00fcrzt und griff unwillk\u00fcrlich nach ihr. Aber er griff ins Leere. In wenigen Sekunden schon war sie um die Ecke gebogen und entschwand ihm unter den Menschen, die auf der Hauptstra\u00dfe vor\u00fcberstr\u00f6mten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Eindruck war ein ganz seltsamer. Obgleich sie mit gesenkten Stimmen zueinander geredet, \u2013 und mehr noch geschwiegen als geredet hatten, war ihm mit ihrem Verschwinden doch, als sei mit einemmal eine laute, gewaltige Unterhaltung verstummt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Still, ganz totenstill lag die breite Nebenstra\u00dfe, wo sie gestanden, pl\u00f6tzlich da, wie eine schlafende, verschneite Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ganz verwunderlich klang aus dem tiefen Schnee jetzt wieder das helle Geschw\u00e4tz der beiden umherrutschenden Kinder auf dem Fahrdamm und t\u00f6nte hinter Fenitschka drein.<\/p>\n<p class=\"initial\" style=\"text-align: justify;\">Max Werner hatte das Gef\u00fchl, da\u00df er Fenitschka nach dieser Begegnung nicht gleich wieder aufsuchen d\u00fcrfe, \u2013 da\u00df sie augenblicklich keines Menschen Gesellschaft brauchen k\u00f6nne. So lie\u00df er den ganzen n\u00e4chsten Tag verstreichen, ohne sie zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Brief von Irmgard kam am Vormittag; er beantwortete ihn sofort und berechnete zugleich das Datum seiner Ankunft in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Abreise aus Ru\u00dfland war von ihm l\u00e4ngst auf diese Tage festgesetzt worden, aber noch nie hatte es ihn so gedr\u00e4ngt wie heute, Irmgard wieder in die Arme zu schlie\u00dfen. Und Fenia, trotzdem er sich erst gestern ein wenig in sie verliebte, trug die Schuld daran. \u2013 Denn pl\u00f6tzlich wollte es ihm weit weniger selbstverst\u00e4ndlich erscheinen als bisher, da\u00df Irmgard ihn so stark und treu liebe, wie sie es tat, \u2013 es dr\u00e4ngte ihn daher, ihr das Gest\u00e4ndnis ihrer Liebe aufs neue aus den Augen und von den Lippen zu lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Grunde wu\u00dfte er wohl: der Zweifel, der \u00fcber Fenia gekommen, konnte \u00fcber Irmgard niemals kommen, \u2013 ganz zweifellos <a id=\"page59\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page59\"><\/a> liebte sie ihn und ging ganz in dem Wunsch auf, mit ihm f\u00fcr immer das Leben zu teilen, \u2013 in jedem Sinn es mit ihm zu teilen. Ja, er wu\u00dfte es, aber es begl\u00fcckte ihn anders als bisher und stimmte ihn dankbarer, weicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sagte sich, da\u00df er f\u00fcr Irmgard von vornherein gl\u00fccklicherweise mehr bedeute, als f\u00fcr Fenia ein Mann augenblicklich bedeuten konnte. Er bedeutete f\u00fcr sie zugleich das einzige sie belebende Geisteselement inmitten ihrer konventionellen Familienkreise, \u2013 er hatte mit ihrer Liebe, ihren Sinnen zugleich auch ihre geistigen Bed\u00fcrfnisse geweckt und angeregt, ihre geistige Sehnsucht auf ihn und seine Entwicklung bezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das machte seiner Meinung nach einen gewaltigen Unterschied! Wenn ein Mann mitunter eine Frau weniger tief und absolut liebt als sie ihn, so mochte es nicht zum wenigsten damit zusammenh\u00e4ngen, da\u00df sie f\u00fcr sein gesamtes Geistesdasein meistens eine geringere Bedeutsamkeit besessen hat als er f\u00fcr sie. Er erholt sich mehr bei ihr, als da\u00df er ihrer au\u00dferhalb der Liebe bedarf. \u2013\u00a0\u2013\u00a0\u2013 So erholte Fenia sich vielleicht von ihren eignen geistigen K\u00e4mpfen und Anstrengungen bei dem Mann ihrer Liebe. Nach Jahren konzentriertester Studien, asketischen Lebens eine unbewu\u00dft vollzogene, ganz naiv hingenommene Reaktion\u00a0\u2013. Erst der Heiratsantrag r\u00fchrte ihre friedlich ruhenden Gedanken dar\u00fcber pl\u00f6tzlich auf, lie\u00df sie erwachen, \u2013 sich klarwerden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem andern mu\u00dfte die Vorstellung, da\u00df sie ihn nicht gen\u00fcgend liebe, um ihr ganzes Leben an ihn zu binden, nat\u00fcrlich v\u00f6llig fern liegen. Man nimmt ja wohl von minderwertigen Frauen an, da\u00df ihre Neigung eventuell der Tiefe und Treue entbehren werde, \u2013 hochstehenden Frauen gegen\u00fcber erscheint es als ein Sakrilegium. Und doch, fragte sich Max Werner, k\u00f6nnen daf\u00fcr denn nicht dieselben Gr\u00fcnde ma\u00dfgebend sein, die den Mann so leicht dazu verf\u00fchren, seiner Liebe nur einen Teil seines Innern zu \u00f6ffnen, ihr Grenzen zu ziehen, sie neben, und nicht \u00fcber seine sonstigen Lebensinteressen zu setzen? Die Frau, die ihr Leben ganz so einrichtet und in die Hand nimmt wie der Mann, wird nat\u00fcrlich auch in ganz \u00e4hnliche Lagen, Konflikte und Versuchungen kommen wie er, und nur, infolge ihrer langen andersgearteten Frauenvergangenheit, viel schwerer daran leiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Nachmittag traf er den alten Baron Ravenius auf der Stra\u00dfe <a id=\"page60\" title=\"mbechtel\/th\" name=\"page60\"><\/a> und erfuhr von ihm, da\u00df Fenia krank sei, \u2013 wenigstens habe sie Hausarrest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWahrscheinlich hat sie sich in ihrem Eifer \u00fcberarbeitet!\u00ab f\u00fcgte der Baron bek\u00fcmmert und kopfsch\u00fcttelnd hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max ging sofort zu ihr. Noch w\u00e4hrend er die Treppe hinaufstieg, \u00f6ffnete schon die Wirtin im Kattunmorgenrock die T\u00fcr zum ersten Stockwerk und blickte mit einem widerw\u00e4rtigen Ausdruck sp\u00e4hender Neugier heraus, wer da komme. Als sie ihn erkannte, ver\u00e4nderte sich ihre Miene, sie war etwas entt\u00e4uscht und wurde zugleich wohlwollender.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er gab ihr seine Karte und lie\u00df fragen, ob Fenia ihn empfangen k\u00f6nne. Der Bescheid kam sofort zur\u00fcck, er m\u00f6ge nur eintreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenias Zimmer war k\u00fcnstlich verdunkelt. Die Vorh\u00e4nge vor dem Fenster waren niedergelassen, und sie selbst lag, in einem Schlafrock von feinem weichem Stoff, auf ihrer Ottomane ausgestreckt, das Haar in zwei h\u00e4ngenden Flechten und die H\u00e4nde hoch \u00fcber dem Kopf verschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas, Fenitschka, \u2013 du bist krank?\u00ab fragte er beim Eintreten und kam zu ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sch\u00fcttelte den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBin nicht krank. M\u00f6chte nur daf\u00fcr gelten. Menschen sehen, ausgehn, ausfahren, ist mir jetzt unleidlich, \u2013 nein, unm\u00f6glich. Ich danke dir aber, da\u00df du da bist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glich, da\u00df sie nicht krank war, aber sie sah ganz so aus. Selbst in dieser k\u00fcnstlichen D\u00e4mmerung sah sie bla\u00df und ersch\u00f6pft aus, und unter ihren Augen zogen sich tiefe Schatten. \u00bbFenitschka\u00ab, bemerkte er, indem er einen Stuhl zu ihr heranzog, \u00bbmir \u00f6ffnete vorhin deine Wirtin die T\u00fcr, \u2013 widerw\u00e4rtig schaute das Frauenzimmer heraus, \u2013 wie das sch\u00f6nste Exemplar von einem Spion. Ist es dir nicht aufgefallen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, sie ist jetzt ganz besonders neugierig und mi\u00dftrauisch geworden. Sie achtet darauf, wer zu mir kommt. \u2013\u00a0\u2013 Wenn jetzt ein Klatsch entsteht, so entsteht er von hier aus. Ich habe selbst schuld dran.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber dann darfst du hier doch nicht bleiben! Den Hals umdrehen werd ich der Kanaille! Seit wann ist es denn?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch war unvorsichtig. \u2013\u00a0\u2013 \u203aEr\u2039 ist einigemal hier gewesen\u00ab, entgegnete Fenia apathisch. <a id=\"page61\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page61\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas h\u00e4ttest du schon lieber vermeiden sollen\u00ab, sagte er besorgt, \u00bbwarum auch grade hier?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie zuckte die Achseln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUns ausw\u00e4rts zu treffen ist uns ja auch schlecht bekommen. \u2013\u00a0\u2013 Ach, la\u00df doch! Es liegt so gar nichts dran\u00ab, f\u00fcgte sie freundlich hinzu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Stimme fiel ihm auf. So sanft und lieb klang sie, da\u00df sie R\u00fchrung in ihm weckte. Aber ein so matter Ton klang darin mit, \u2013\u00a0\u2013 und weckte auch Sorge, wie man sie etwa am Krankenbett von lebhaften Kindern f\u00fchlt, wenn sie pl\u00f6tzlich gar zu artig und gut werden.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schwiegen eine Zeitlang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich sagte er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch war gestern nicht bei dir, weil ich nicht wu\u00dfte, ob du mich sehen wolltest. Aber gedacht hab ich an dich \u2013\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie unterbrach ihn mit einem L\u00e4cheln:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch auch an dich. Und an die erste Zeit unsrer Bekanntschaft \u2013 wei\u00dft du? Denk nur \u2013 mir hat sogar in der Nacht davon getr\u00e4umt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon Paris?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie richtete sich etwas auf, st\u00fctzte sich mit der einen Hand auf das Polster der Ottomane und sah ihn an. Das Stirnhaar hing ihr ein wenig wirr ins Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVerstehst du dich auf Traumdeutung? \u2013\u00a0\u2013 ach, \u00fcbrigens Unsinn, \u2013 aber ich will dir erz\u00e4hlen. \u2013\u00a0\u2013 Es war in Paris, ja. In dem Nachtcaf\u00e9, wei\u00dft du? Ihr sa\u00dfet alle da am Tisch, \u2013 ganz wie damals. \u2013\u00a0\u2013 Und ich war auch da. Aber ich war nicht bei euch am Tisch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSondern?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie legte sich wieder zur\u00fcck und schlo\u00df die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSondern irgendwo da. \u2013\u00a0\u2013 Irgendwo unter den Grisetten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch verstehe nicht recht, Fenia. Das ist ja ein ganz dummer Traum.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNicht so dumm, wie du meinst \u2013\u00a0\u2013. Aber woher sollten Tr\u00e4ume eigentlich auch klug sein? Ich glaube, unsre klugen Gedanken wirken nur wenig mit am Traumgewebe. \u2013\u00a0\u2013 Nein, alle die klugen Gedanken, die wir uns so allm\u00e4hlich erwerben, alle die aufgekl\u00e4rten und vern\u00fcnftigen Ansichten, die tr\u00e4umen wir wohl <a id=\"page62\" title=\"Rudith\/th\" name=\"page62\"><\/a> nur wenig. \u2013\u00a0\u2013 Im Traum taxieren wir uns anders, \u2013 uns und die Dinge, \u2013 verworren und wirr vielleicht, aber doch so ganz naiv.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber was redest du nur eigentlich, Fenia? \u2013\u00a0\u2013 Du taxiertest dich im Traum\u00a0\u2013? Nun, und?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, und da fand ich offenbar, da\u00df ich mitten unter die Grisetten geh\u00f6rte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sprang unwillk\u00fcrlich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kurzer Laut des Unwillens entschl\u00fcpfte ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte gegen sie aufbrausen, gegen diese Selbsterniedrigung, die ihn emp\u00f6rte und f\u00fcr sie beleidigte, aber er besann sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu bist krank\u00ab, sagte er, \u00bbdu bist es wirklich, wie k\u00f6nntest du sonst so ganz den Kopf verloren haben. \u2013 Fenia, ich erkenne dich gar nicht wieder. Wu\u00dftest du denn nicht, was du tatest?\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, genau gewu\u00dft hab ich es erst im Augenblick, als ich mich binden sollte. Bis dahin verwechselte ich es wohl \u2013 mit einer vollen, ganzen Liebe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube, du verwechselst es jetzt \u2013 mit etwas zu Geringwertigem. \u2013 Denn \u00fcber die Wirkung wenigstens war doch keine T\u00e4uschung m\u00f6glich, \u2013 \u00fcber alles, was dich so sch\u00f6n und selig erscheinen lie\u00df. Ich sah es doch selbst, Fenia. Und du selbst, sagtest du nicht so wundersch\u00f6n: es g\u00e4be dir Frieden?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie verschr\u00e4nkte die Arme wieder \u00fcber dem Kopf und schaute mit einem sonderbar stillen Ausdruck gegen die Decke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFrieden!\u00ab wiederholte sie. \u2013 \u00bbSieh, <i>er<\/i> wu\u00dfte wohl, da\u00df von der Liebe keineswegs Frieden zu erwarten ist, \u2013 nein, durchaus kein Frieden. \u2013 Wieviel Schwanken und Qu\u00e4len, wieviel Seelenarbeit und Seelenwandlung mag&#8217;s geben, ehe ein Mensch sich so tief in den andern hineinpflanzt, \u2013 ja, so tief, da\u00df die beiden nun wirklich aus einer Wurzel weiter wachsen m\u00fcssen, wenn sie gedeihen wollen. \u2013\u00a0\u2013 So war&#8217;s bei <i>ihm<\/i>, \u2013 und als es nun soweit war nach allem K\u00e4mpfen, \u2013 da wurde es ihm aber auch so klar und einfach, \u2013 so ganz klar, da\u00df wir eins sind und einander die einzige Hauptsache im Leben. \u2013\u00a0\u2013 Mit so guten, leuchtenden Augen spricht er davon. \u2013\u00a0\u2013 Wie willst du&#8217;s da wohl \u00e4ndern, da\u00df ich mich \u2013 <i>da\u00df ich mich sch\u00e4me.<\/i>\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die letzten Worte stie\u00df sie undeutlich heraus und sprang von der Ottomane auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Frieden\u00a0\u2013? Ja, es war so etwas, \u2013 ein so tr\u00e4ge seliges Ruhen <a id=\"page63\" title=\"Wassermann\/th\" name=\"page63\"><\/a> war es. \u2013 Aber seitdem ich erwacht bin, \u2013 seitdem ich so klar wei\u00df, was es ist, und erkenne \u2013\u00a0\u2013 nein! ich <i>kann&#8217;s<\/i> nicht ertragen!\u00ab sagte sie pl\u00f6tzlich wild, \u00bb\u2013\u00a0mich selbst kann ich nicht ertragen in diesem Zustand von\u00a0\u2013; fort mu\u00df ich, das ist es! Das Schwerste, das Notwendigste\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFort von ihm?\u00ab fragte er best\u00fcrzt, \u00bbhast du <i>daran<\/i> gedacht?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ergibt sich von selbst, wenn wir uns nicht offiziell binden wollen. So wie die Lage sich zugespitzt hat. Heimlich k\u00f6nnen wir uns nicht mehr sehen. Dadurch ist er zuerst auf den Entschlu\u00df verfallen, um jeden Preis die Heirat zu erm\u00f6glichen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd er wei\u00df, \u2013 wei\u00df er, da\u00df du fort willst von ihm\u00a0\u2013?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sah ihn verst\u00e4ndnislos an. Ihre Augen brannten wie die einer Gest\u00f6rten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein. Wissen darf er&#8217;s nicht. \u2013\u00a0\u2013 Wie k\u00e4me ich sonst fort\u00a0\u2013? Das begreif ich jetzt. Aber doch wollt ich&#8217;s ihm sagen, \u2013 ich rief ihn dazu her.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd was sagtest du ihm?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ich ihm gesagt habe?! Ich <i>wollte<\/i> ihm sagen, ihn bitten: geh fort von mir, \u2013 geh auf immer von mir fort! Aber ich bat ihn nur: bleib bei mir! bleib bei mir!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie warf sich in ausbrechendem Schluchzen \u00fcber die Ottomane und vergrub ihr Gesicht in den Polstern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max blieb daneben stehn, minutenlang, schweigend. Er versuchte dann, ihr gut zuzureden, aber sie wehrte nur mit der Hand ab und h\u00f6rte nicht auf zu weinen. Endlich murmelte sie:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLa\u00df mich allein, \u2013 bitte, la\u00df mich ganz allein!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da verlie\u00df er leise das Zimmer und ging, aufs \u00e4u\u00dferste besorgt und beunruhigt, nach Haus. Den ganzen Abend kam ihm Fenia nicht aus dem Sinn, \u2013 diese ganz neue Fenia, die er gar nicht erkannte. Kein Mensch konnte ihr jetzt helfen, und doch schien es ihm ganz unm\u00f6glich, sie in ihrer Seelenverfassung sich selbst zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der n\u00e4chste Tag war ein Sonntag. Am Morgen sprach er schon gegen zehn Uhr wieder vor. Er fragte die Wirtin, ob Fenia zu sehen sei, und erhielt darauf in ihrem schlechten Franz\u00f6sisch die kriechend-freundliche Antwort: \u00bbJa, sie sei sicher zu sehen, denn sie erwarte ohnehin Besuch.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblick stie\u00df Fenia die T\u00fcr ihres Zimmers zur <a id=\"page64\" title=\"Konmax\/th\" name=\"page64\"><\/a> Treppe selbst auf. Als sie ihn erblickte, stand sie wie versteinert. Sie war im Stra\u00dfenkleide, bla\u00df, ernst, fast kalt im Ausdruck, \u2013 v\u00f6llig anders als gestern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck!\u00ab sagte sie, als die Wirtin in ihrer Wohnung verschwunden war, und lie\u00df ihn zaudernd auf der Schwelle stehn, \u00bb\u2013\u00a0ein wahres Ungl\u00fcck ist es, da\u00df du gekommen bist.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Gott, Fenitschka! ich will dich doch nicht st\u00f6ren! ich komme ein andermal. Ich geh also wieder.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, nein! es ist unm\u00f6glich, da\u00df du fortgehst\u00ab, versetzte sie und fa\u00dfte ihn beim \u00c4rmel, als er sich wenden wollte, \u00bb\u2013\u00a0versteh doch! Er kommt gleich, \u2013 er mu\u00df gleich eintreten\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, und?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, ich kann ihn nicht empfangen, wenn ich dich, vor den Augen der Wirtin, nicht empfangen konnte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte etwas erwidern, da ging unten eine T\u00fcr, jemand stieg die ersten Stufen hinauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fenia zog ihn an der Hand in ihr Wohnzimmer. \u00dcber ihr Gesicht flog etwas Aufblitzendes, das er nicht verstand, \u2013 irgendein Gedanke kam wie eine Erleuchtung \u00fcber sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeh hier hinein!\u00ab sagte sie und \u00f6ffnete zu seinem grenzenlosen Erstaunen die kleine T\u00fcr zu ihrem Schlafst\u00fcbchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bb\u2013 Hier hinein\u00a0\u2013?!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie blickte ihn mit tiefernsten, gl\u00e4nzenden Augen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBist du mein Freund?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas wei\u00dft du, Fenia.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann habe Dank, da\u00df du gekommen bist. Dann leistest du mir vielleicht in diesem Augenblick den einzigen Dienst, den ein lieber, \u2013 nur ein lieber, naher Freund mir leisten kann. Bleib dort in der kleinen Stube, bis \u2013 bis er wieder fortgegangen ist. Du darfst alles h\u00f6ren, \u2013 es ist nichts, was nicht ein dritter h\u00f6ren d\u00fcrfte. \u2013\u00a0\u2013 Aber wenn du hier wieder durchgehst, \u2013 beachte mich nicht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er starrte sie an\u00a0\u2013. Etwas so Entschlossnes sprach heute aus ihrem Wesen\u00a0\u2013\u00a0\u2013; sie kam ihm vor wie der Fuchs, der sich die eingeklemmte Pfote selbst abrei\u00dft, um sich zu befreien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte sie pl\u00f6tzlich erkannt, da\u00df seine Anwesenheit ihr helfen k\u00f6nnte, \u2013 etwa dazu helfen, \u00bbnur zu sprechen, was ein dritter <a id=\"page65\" title=\"Wassermann\/th\" name=\"page65\"><\/a> h\u00f6ren durfte\u00ab, um nicht wieder in die Worte auszubrechen: \u00bbBleib bei mir, bleib bei mir\u00ab\u00a0\u2013\u00a0\u2013?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es blieb nicht viel Zeit zum Sichbedenken. Kaum hatte Max die kleine Schlafstube betreten, und war die T\u00fcr hinter ihm zugefallen, als es schon an der Vordert\u00fcr klopfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sah sich in dem schmalen Raum, den das Bett fast ganz einnahm, fl\u00fcchtig um und lehnte sich ans Fenster. Dort stand zwischen rot und blau gestickten grauleinenen russischen Vorh\u00e4ngen ein Rosenstock mit einer einzigen, eben aufbrechenden Knospe. In der Wandecke daneben brannte das ewige L\u00e4mpchen vor dem \u00fcblichen Muttergottesbild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner f\u00fchlte ein heftiges Unbehagen. Welch eine seltsame Rolle spielte er doch da in Fenias Leben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man vernahm nur undeutlich, was nebenan gesprochen wurde, \u00fcberdies redeten sie russisch miteinander. Trotzdem antwortete Fenia unwillk\u00fcrlich mit halber Stimme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daneben h\u00f6rte man ein volles, weiches Organ, \u2013 \u00bbseine\u00ab Stimme. Er sprach und lachte, wie man im Gl\u00fcck lacht und spricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach kurzer Zeit wurde irgend etwas auf dem Gang drau\u00dfen laut. Es begann jemand vor Fenias T\u00fcr so eigent\u00fcmlich zu schl\u00fcrfen und herumzutreten. Vielleicht war es die Wirtin in ihrer abscheulichen spionierenden Neugier, \u2013 vielleicht auch nur ein Fremder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls fingen sie drinnen pl\u00f6tzlich an, deutsch zu sprechen. Aber nun lie\u00df Fenia ihre Stimme noch mehr sinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum sprichst du nur so leise heute?\u00ab fragte \u00bber\u00ab sie erstaunt, \u00bb\u2013\u00a0deutsch versteht ja hier keine Seele. \u2013 Und wei\u00dft du wohl, grade da\u00df du so r\u00fccksichtslos laut gesprochen hast, \u2013 manchmal, bei Gelegenheiten, wo es gef\u00e4hrlich war, \u2013 das liebte ich so an dir. Du wolltest nicht unvorsichtig sein, \u2013 aber du verga\u00dfest es immer wieder, \u2013 deine Stimme wu\u00dfte von nichts Heimlichem, \u2013 sie klang so kindlich und hell. \u2013\u00a0\u2013 Deine helle Stimme! Immer h\u00f6r ich sie, wenn ich allein bin. Deine Stimme \u2013 das bist du.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einer Weile sagte er:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, ich will nicht lange bleiben. Nicht, wenn ich nur gewi\u00df bin, \u2013 ganz gewi\u00df, da\u00df du in wenigen Tagen zur\u00fcckkehrst. Ist das ganz gewi\u00df?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGlaubst du mir nicht?\u00ab fragte Fenia.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Max Werner wollte nicht zuh\u00f6ren. Es war albern und l\u00e4cherlich, <a id=\"page66\" title=\"Wassermann\/gary\" name=\"page66\"><\/a> hier zu stehn und das anh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Er lehnte sich gegen das Fenster und blickte hinaus. Die Stra\u00dfe lag in sonnt\u00e4glicher Vormittagsruhe da. Von ungez\u00e4hlten Kirchen begannen langsam, eine nach der andern, die Glocken zu l\u00e4uten. Die verschiedenen Gottesdienste gingen zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es schien, da\u00df drinnen Abschied genommen wurde. \u00bbEr\u00ab sagte, mit anderm Ton als bisher, schwer, gepre\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, nur wenige Tage. \u2013 Aber ich wei\u00df nicht, wie mir ist. \u2013\u00a0\u2013 K\u00f6nntest du jemals vergessen, was wir uns sind, Fenia?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblick erst erinnerte Fenia sich nicht l\u00e4nger jemandes Anwesenheit. Es war, als st\u00fcrze sie in die Knie, oder an seine Brust, \u2013 in diesem Augenblick war sie nur mit ihm allein.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNiemals! niemals!\u00ab sagte sie weinend, au\u00dfer sich, \u00bbniemals kann ich es vergessen, da\u00df ich dein bin.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und mit einem Ausdruck, der Max durch alle Nerven ging, f\u00fcgte sie hinzu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch danke dir! ich danke dir!\u00ab \u2013\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Stuhl wurde fortgeschoben. Man vernahm nichts mehr. Nichts als das Gel\u00e4ute der Glocken, das lauter und lauter anschwoll und mit seinen feierlichen Kl\u00e4ngen wie ein Lobgesang das ganze kleine Zimmer erf\u00fcllte, \u2013\u00a0\u2013 und alle Glocken sangen und klangen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch danke dir! ich danke dir!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte sich in dieser Stunde f\u00fcr immer von ihm getrennt, \u2013 getrennt aus einem unertr\u00e4glichen Zwiespalt heraus, in den sie mit sich selbst geraten war, aber sie dankte ihm, \u2013 sie ri\u00df sich los, um entschlossen in eine ganz andre Existenz zur\u00fcckzukehren, aber sie dankte ihm, \u2013 und wenn sie an ihn zur\u00fcckdachte, vielleicht noch in ihren sp\u00e4testen Tagen, w\u00fcrde sie denken wie heute, \u00fcber allen Zwiespalt hinaus:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch danke dir! ich danke dir!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als es nebenan l\u00e4ngst still geworden war und Max die T\u00fcr \u00f6ffnete und eintrat, stand Fenia am Fenster.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wendete ihm den R\u00fccken zu. Mit den H\u00e4nden hatte sie in die Vorh\u00e4nge hineingefa\u00dft und ihr Gesicht darin verborgen. Er sah <a id=\"page67\" title=\"Wassermann\/th\" name=\"page67\"><\/a> nur die gebeugte R\u00fcckenlinie, und es durchfuhr ihn das Gef\u00fchl, als h\u00e4tte er dies alles schon einmal erlebt\u00a0\u2013.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er hatte nur in seiner Phantasie Fenia schon einmal trauernd und gebeugt gesehen.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stumm schritt er durch das Wohnzimmer und ging hinweg, wie sie es gew\u00fcnscht hatte, ohne sie zu beachten oder anzureden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei Tage sp\u00e4ter reiste er aus Ru\u00dfland fort, ohne Fenitschka wiedergesehen zu haben. Sie wollte es so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_91994\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-91994\" class=\"wp-image-91994 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-206x300.jpg 206w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-703x1024.jpg 703w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-768x1119.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-1054x1536.jpg 1054w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-1406x2048.jpg 1406w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-560x816.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-260x379.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-160x233.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/02\/Lou_Andreas-Salome\u0301_-_Foto_Atelier_Elvira-scaled.jpg 1757w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-91994\" class=\"wp-caption-text\">Lou Andreas-Salom\u00e9, aufgenommen im Photoatelier Elvira, M\u00fcnchen<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lou Andreas-Salom\u00e9s oft ger\u00fchmte pers\u00f6nliche Ausstrahlung, ihre Bildung und intellektuelle Beweglichkeit, die Freundschaft mit namhaften Zeitgenossen und ihre unkonventionelle Lebensf\u00fchrung sicherten ihr einen Platz in der deutschen Kulturgeschichte. Ihr Leben war und ist Gegenstand von Biographien, Romanliteratur, Musiktheater (der Oper <em>Lou Salom\u00e9<\/em> von Giuseppe Sinopoli (Libretto: Karl Dietrich Gr\u00e4we) zum Beispiel, die 1981 in M\u00fcnchen uraufgef\u00fchrt wurde) und anderen Texten, in denen ihre Kontakte zu Ber\u00fchmtheiten der Literatur- und Wissenschaftsgeschichte er\u00f6rtert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verglichen damit fand ihr eigenes schriftstellerisches Werk seither wenig Beachtung \u2013 es verschwand hinter der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Geschichte ihres Lebens, dem will KUNO abhelfen. Als renommierte Autorin hatte sie an der Entwicklung der Positionen der Moderne um 1900 lebhaft mitgewirkt. In Romanen, Erz\u00e4hlungen, Essays, Theaterkritiken, zahlreichen Texten \u00fcber Philosophie und Psychoanalyse, einem weitl\u00e4ufigen Briefwechsel beteiligte sie sich an den Diskussionen \u00fcber grundlegende Fragen der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Das novellistische Jahr<\/a> w\u00e4re ohne diesen Beitrag \u00e4rmer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war im September, der stillsten Zeit des Pariser Lebens. Die vornehme Welt steckte in den Seeb\u00e4dern, die Fremden wurden scharenweise von der dr\u00fcckenden Hitze vertrieben. Trotzdem dr\u00e4ngte sich an den schw\u00fclen Abenden auf den Boulevards eine so vielk\u00f6pfige&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/12\/fenitschka\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":232,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3134],"class_list":["post-91999","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-lou-andreas-salome"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91999","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/232"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91999"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91999\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98323,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91999\/revisions\/98323"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}