{"id":9195,"date":"2006-08-10T00:01:14","date_gmt":"2006-08-09T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9195"},"modified":"2021-10-27T09:13:45","modified_gmt":"2021-10-27T07:13:45","slug":"aufzeichnungen-nach-2000-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/08\/10\/aufzeichnungen-nach-2000-3\/","title":{"rendered":"Aufzeichnungen nach 2000 (3)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Ankunft unserer Delegation in Moskau, 1965, sagte der Schriftsteller Kiatkin, der beauftragt war, uns zu empfangen und zu dolmetschen: \u00bbDie Russen werden schmunzeln, wenn Sie sich vor\u00adstellen mit Ihrem Familiennamen!\u00ab Ich habe es dann im Verlauf der Reise erlebt: Die Gastgeber, nicht Schriftsteller allein, Leserin\u00adnen und Leser, erinnerte mein Familienname an einen der beiden Protagonisten im Roman des Autorenduos Ilja Ilf und Jewgeni Petrow mit dem Titel <em>Zw\u00f6lf St\u00fchle<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ostap Bender hei\u00dft er. Ein gutaussehender, charmanter junger Mann, ein Schlawiner, gescheiter und gerissener als die andere Hauptgestalt, der vertrottelte Staatsbeamte Worobjaninow. Ihm hat Ostap Bender als Kompagnon sich zugesellt auf der komplizierten Suche nach dem <em>einen<\/em> Stuhl, in dessen Polster Worobjaninows steinreiche Schwieger\u00admutter aus Furcht vor r\u00e4uberischen Revoluti\u00adon\u00e4ren ihre Juwelen ein\u00adgen\u00e4ht hat. Ostap Bender ist \u00bbder gro\u00dfe Kombinator\u00ab auf der gemein\u00adsamen Suche, richtiger, der turbulen\u00adten Reise kreuz und quer durch die Sowjetunion; durch Verh\u00e4lt\u00adnisse, die nicht dem entsprechen, was die Propaganda vorgaukelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman spielt in der Epoche der NEP, in einer vergleichsweise liberalen, aufgeregten Zeit. Die Schriftsteller, auch Maler und Mu\u00adsi\u00adker, auch llf und Petrow, konnten sich mehr Freiheiten und Frechhei\u00adten erlauben als in den Jahren davor, erst recht danach, als Stalin m\u00e4chtig wurde. Ostap Bender demonstriert in seiner Art, wie man als Individuum sich behauptet, Hindernisse \u00fcberwindet, Niederlagen \u00fcbersteht. llf und Petrow begingen den Fehler, den allseits bewunder\u00adten Helden gegen Ende der <em>Zw\u00f6lf St\u00fchle<\/em> sterben zu lassen. Die Leser waren entt\u00e4uscht. Viele protestierten. Und tats\u00e4chlich. llf und Petrow lie\u00dfen Ostap Bender auferstehen und zum zweiten Mal seine Rolle spielen in ihrem n\u00e4chsten gemeinsa\u00admen Roman <em>Das goldene Kalb oder Die Jagd nach der Revolution<\/em>, dem jedoch der gleiche Erfolg wie den <em>Zw\u00f6lf St\u00fchlen<\/em> versagt blieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor acht Jahren reiste ich wieder nach Ru\u00dfland. diesmal in einer Tou\u00adristengruppe. Sankt Petersburg war die erste Station. Die junge Russin \u2013 Anja hie\u00df sie \u2013, die uns am Flughafen empfing, uns in die Busse und Hotels zu verteilen, hatte M\u00fche, auf ihrer langen Liste die schwierigen deutschen Namen zu finden. Ich ging hin, ihr zu helfen, meinen Na\u00admen zu entdecken, und sprach ihn aus, wie die Russen ihn ausspre\u00adchen: mit jeweils weichem J vor dem E. Da kr\u00e4uselte sich nicht nur Anjas Miene zu dem mir wohlbekannten Schmunzeln, nein, Anja umarmte mich st\u00fcrmisch und schmatzte zwei K\u00fcsse auf meine Wan\u00adgen rechts und links. Ostap Bender war also noch lebendig im ver\u00e4n\u00adderten Ru\u00dfland. llfs und Petrows Ro\u00adman <em>Zw\u00f6lf St\u00fchle<\/em> wurde noch immer gelesen, und ich profitierte davon. Zwei K\u00fcsse f\u00fcr meinen schlichten Nachnamen. Das gab es in keinem anderen Land.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_8680\" style=\"width: 283px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8680\" class=\"wp-image-8680 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Hans-Bender-273x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"273\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Hans-Bender-273x300.jpeg 273w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/Hans-Bender-932x1024.jpeg 932w\" sizes=\"auto, (max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><p id=\"caption-attachment-8680\" class=\"wp-caption-text\">Hans Bender<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 In loser Folge bringt <em>KUNO<\/em> s\u00e4mtliche nach 2000 entstandenen Aufzeichnungen Hans Benders (*1919), die erstmals in <em><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=7367\">Matrix 29. Jeder auf seine Art f\u00fcr Hans Bender<\/a><\/strong><\/em> ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur.<\/em><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bei der Ankunft unserer Delegation in Moskau, 1965, sagte der Schriftsteller Kiatkin, der beauftragt war, uns zu empfangen und zu dolmetschen: \u00bbDie Russen werden schmunzeln, wenn Sie sich vor\u00adstellen mit Ihrem Familiennamen!\u00ab Ich habe es dann im Verlauf der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/08\/10\/aufzeichnungen-nach-2000-3\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":50,"featured_media":8680,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[258,944,945],"class_list":["post-9195","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hans-bender","tag-ilja-ilf","tag-jewgeni-petrow"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/50"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9195"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9195\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9195"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9195"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}