{"id":91881,"date":"1989-12-30T00:01:40","date_gmt":"1989-12-29T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91881"},"modified":"2022-02-21T16:48:39","modified_gmt":"2022-02-21T15:48:39","slug":"der-loewenkaefig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/12\/30\/der-loewenkaefig\/","title":{"rendered":"Der L\u00f6wenk\u00e4fig"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie geht hin und her wie die Wachposten drau\u00dfen am Rand der W\u00e4lle, wo nichts mehr ist. Und wie in den Wachposten, ist Heimweh in ihr, schweres Heimweh in St\u00fccken.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie unten im Meer irgendwo Spiegel sein m\u00fcssen, Spiegel aus den Kaj\u00fcten gesunkener Schiffe, St\u00fccke von Spiegeln, die ja nat\u00fcrlich nichts mehr enthalten: die Gesichter der Reisenden nicht, keine ihrer Geb\u00e4rden; nicht die Art, wie sie sich umdrehten und so seltsam linkisch aussahen von hinten; nicht die Wand, nicht die Ecke, in der man schlief; noch weniger was von dr\u00fcben und drau\u00dfen schwankend hereinschien; nichts, nein. Aber wie doch eine Alge vielleicht, ein offen absinkender Pulp, das pl\u00f6tzliche Gesicht eines Fisches oder auch nur das Wasser selbst, das ziehende, geteilte, wieder zusammenkommende Wasser \u00c4hnlichkeiten in jenen Spiegeln hervorruft, entfernte, schiefe, falsche, gleich wieder aufgegebene \u00c4hnlichkeiten mit dem, was einmal war \u2013:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">so liegen Erinnerungen, St\u00fccke von Erinnerungen, bruchfl\u00e4chig, im Dunkel auf dem Grund ihres Blutes.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie geht hin und her um ihn, den L\u00f6wen, der krank ist. Kranksein wird nicht besorgt in ihm und vermindert ihn nicht; es schlie\u00dft ihn nur ein. Wie er so liegt, die weich abgebogenen Pranken ohne Absicht, das hochm\u00fctige Gesicht mit der abgetragenen M\u00e4hne \u00fcberh\u00e4uft, die Augen nicht geladen, ist er errichtet auf sich selbst zum Ged\u00e4chtnis seiner Trauer, wie er einst (immer \u00fcber sich hinaus) seiner Kraft \u00dcbertreibung war.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nun zuckt es noch da und dort in den Muskeln und spannt sich, da und dort bilden sich, zu weit von einander, kleine Stellen von Zorn; das Blut bricht sicher b\u00f6se, mit einem Sprung, aus den Herzkammern aus und gewi\u00df hat es noch die vorsichtigen erprobten Wendungen entschlossener Pl\u00f6tzlichkeit, wenn es in das Gehirn tritt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber er l\u00e4\u00dft nur geschehn, weil es noch nicht zu Ende ist und verwendet nichts mehr und nimmt nicht mehr teil. Nur ganz fern, wie weit von sich fortgehalten, mit dem weichen Pinsel seines Schwanzes malt er immer wieder eine kleine halbrunde Geste unbeschreiblicher Verachtung. Und sie geht so bedeutend vor sich, da\u00df die L\u00f6win anh\u00e4lt und hinsieht: beunruhigt, aufgeregt, erwartungsvoll.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dann aber nimmt sie ihren Gang wieder auf, den trostlosen l\u00e4cherlichen Gang der Wachposten, der immer wieder in dieselben Fu\u00dftapfen zur\u00fcckf\u00e4llt. Sie geht und geht, und manchmal erscheint ihre zerstreute Maske, rund und voll, durchgestrichen vom Gitter.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie geht wie Uhren gehen. Und auf ihrem Gesicht steht wie auf einem Zifferblatt, das man nachts anleuchtet, eine fremde, merkw\u00fcrdig kurz angezeigte Stunde: eine furchtbare, in der jemand stirbt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit seiner in den <i>Neuen Gedichten<\/i> vollendeten, von der bildenden Kunst beeinflussten Dinglyrik gilt Rainer Maria Rilke. als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne.<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99289\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Rainer-Maria-Rilke-e1645458261240.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch den Essay von Rainer Maria Rilke auf KUNO \u00fcber <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=28345\">Moderne Lyrik<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie geht hin und her wie die Wachposten drau\u00dfen am Rand der W\u00e4lle, wo nichts mehr ist. 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