{"id":91635,"date":"2011-12-19T00:01:59","date_gmt":"2011-12-18T23:01:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91635"},"modified":"2022-02-23T13:42:28","modified_gmt":"2022-02-23T12:42:28","slug":"auf-der-faehrte-der-unwaegbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/19\/auf-der-faehrte-der-unwaegbarkeit\/","title":{"rendered":"Auf der F\u00e4hrte der Unw\u00e4gbarkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Gar nicht so wenige Autoren sonnen sich \u2013 offen oder insgeheim \u2013 im Spiegel ihrer angenommenen Bedeutung und gehen ein wenig unter dem Parasol ihres Stolzes einher. Das f\u00fchrt gern einmal zu massiven Fehleinsch\u00e4tzungen, die zu einem langen Abstieg nach kurzem Flug an den H\u00e4ngen des Parnassos\u2019 vorbei f\u00fchren oder zum unendlichen Anh\u00f6ren der wieder- und wiedergek\u00e4uten Vorurteile der Kritikerkaste in erm\u00fcdenden Fernsehgespr\u00e4chen, die traurige Werbeveranstaltungen f\u00fcr irgendein zu protegierendes Buch sind.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Der Autor, um den es hier geht, konnte mit all dem nicht viel anfangen \u2013 er war weder telegen noch besonders antwortfreudig \u2013 und doch hat sein ungeheuerliches, in gro\u00dfen expressiven und surrealistischen Schleifen zu sich selbst findendes Werk die Gem\u00fcter in unserem traurigen Doppeljahrhundert, wenn auch sp\u00e4t, zu erregen gewusst. Tats\u00e4chlich: immer zwingender stellt sich die Werkausgabe des 2007 in Berlin gestorbenen Wolfgang Hilbig nicht nur als optische Augenweide, sondern vielmehr als Standardausgabe dessen dar, was eine literarische Existenz unter den zun\u00e4chst denkbar ung\u00fcnstigsten Bedingungen am Ende der Ismen und Visionen zu leisten vermag.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Von einigen L\u00e4sslichkeiten im Serviceteil vorangegangener B\u00e4nde abgesehen, die der Deklarierung des Vorhabens als Lese-Edition geschuldet sein d\u00fcrften, formiert sich, in der Mitte der B\u00e4nde angelangt, das Resultat als un\u00fcbersehbar im B\u00fccherregal, nimmt der Gedanke, dass es sich um die \u2013 vollst\u00e4ndige, will man hoffen \u2013 Kollektion eines der letzten gro\u00dfen Dichter der vielbeschworenen Nachmoderne handelt, der postum geehrt wird, ber\u00fchrende Gestalt an. Es f\u00fcgt sich in ihrer schrittweisen Vervollst\u00e4ndigung ein mehr und mehr komplexeres Bild eines im wahrsten Sinne \u201aerlittenen\u2018 Werkes eines Vereinzelten und monomanen Sprechers, dessen Stimme ungeh\u00f6rt geblieben w\u00e4re, h\u00e4tte es nicht dank \u201agl\u00fccklicher F\u00fcgungen\u2018 Ende der 1970er-Jahre doch ins Licht gefunden, ihm zun\u00e4chst Scherereien, schlie\u00dflich aber Ruhm eingebracht.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Auch in seinen Romanen: \u201eEine \u00dcbertragung\u201c, dem der vorliegende Band gewidmet ist, \u201eIch\u201c und \u201eDas Provisorium\u201c hat Wolfgang Hilbig sich dieser Verlorenheit auf seine unnachahmliche, insistierende Weise gen\u00e4hert. Ein Verzweifelter, durch seine Existenz-Bestimmung als Literat ins Zwielicht Geratener sucht auf dreierlei Weise einen Ausweg aus eben dieser Misere. Er ger\u00e4t in der \u201e\u00dcbertragung\u201c ins Gef\u00e4ngnis und in den Sog eines Mords, von dem er irgendwann selbst nicht mehr wei\u00df, wer ihn geplant haben k\u00f6nnte. In \u201eIch\u201c verleiht ein Schriftsteller sein Gewissen an den Geheimdienst und w\u00e4gt f\u00fcrderhin zwischen dem Ma\u00df der Verderbtheit des einen wie des anderen, w\u00e4hrend sich im \u201eProvisorium\u201c die gewonnene Freiheit als die gr\u00f6\u00dfte Bedr\u00e4ngung und als Einsamkeits-Motor erweist. Der Held versinkt in Suff, Liebeskummer, Aff\u00e4ren und Zorn.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Jeder der Hilbig\u2019schen Romane spielt mit dieser Verwischung von \u201aIch\u2018 und \u201aMan\u2018 \u2013 in der \u201e\u00dcbertragung\u201c steckt sich der schriftstellernde Arbeiter C. in der Untersuchungshaft mit der Tat seines Mith\u00e4ftlings an, als dieser ihm bei einem Abschiedskuss ein Kassiber im Mund hinterl\u00e4sst. Eben jener Mordplan l\u00f6st eine Kette Verwechslungen aus \u2013 aus C. scheint zunehmend Z., sein Mitinsasse, zu werden, das Ich des Erz\u00e4hlers l\u00f6st sich mehr und mehr auf. Es kommt zur Anzeige, zu Verh\u00f6ren, und schnell dreht sich die Frage darum, wie es m\u00f6glich sei, Arbeiter- und K\u00fcnstlerschaft auf eine Weise zu einen, dass man nicht mehr von einer \u201eSchwarzarbeit\u201c in der \u201eMagie der Gefangenschaft\u201c wie auf der Plattform des schmalen Drau\u00dfen spricht.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Auf der F\u00e4hrte der Unw\u00e4gbarkeit geht sich der Erz\u00e4hler immer mehr selbst verloren, er tendiert von einer Vagheit zur anderen, er f\u00fcrchtet seine Entschl\u00fcsse und treibt sie zugleich voran. Diese Verlorenheit, Hilbig registriert sie in seinem zweiten Gedichtband titelgebend als \u201eversprengung\u201c, verfolgt den Autor wie seine Protagonisten bis ans Ende seines Werks, anhand der gesammelten Ausgabe wird sie noch einmal als geradezu emblematisch sichtbar gemacht. Da waren sie, die Arbeiterdichter, die sich die DDR-Kulturf\u00fchrung gew\u00fcnscht hatte. Keinem ihrer bedeutenden Vertreter, neben Hilbig sind Bernd-Dieter H\u00fcge und Werner Br\u00e4unig zu nennen, ist sein Talent seinerzeit sonderlich gut bekommen. Selten scheinen Ironie, gar Hoffnung auf in diesen Texten \u2013 bei Hilbig etwa nach der Wende, in \u201ePro domo et mundo\u201c, einem seiner gro\u00dfen \u201aletzten\u2018 Gedichte: \u201edenn es ist Nacht und Zeit da\u00df du dich wandelst.\u201c<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Hilbigs Romane bezeugen nicht ganz seine Meisterform wie die Lyrik, vor allem aber die k\u00fcrzere Prosa der 1970er- und 1980er-Jahre. Sie sind schwer errungen, Seitenkapellen der einzigartigen Begabung, die ihn trieb. Aufgrund seiner sprachlichen Geballtheit wird sein Deb\u00fct-Roman, kurz vor Erscheinen 1989 mit dem Bachmann-Preis geehrt, weiter ein schwieriges St\u00fcck Literatur bleiben, das nun in den \u201eWerken\u201c die endg\u00fcltige publizistische Pr\u00e4sentationsform wohl gefunden hat.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Wer sich indes auf dieses, nach Wittstock, \u201eNetz \u2026 des Ungef\u00e4hren\u201c einl\u00e4sst, sollte mehr als sprachlichen Gewinn davontragen. Denn: nicht von ungef\u00e4hr verweist \u201eEine \u00dcbertragung\u201c stilistisch auf das bedeutendste St\u00fcck Prosa, das der Autor verfasst hat. Wie in der Novelle \u201eAlte Abdeckerei\u201c (1991) ger\u00e4t der Schluss des Buchs in einen Sog der Sprachskandierung, ausgel\u00f6st durch das Kr\u00e4chzen der Kr\u00e4hen. Dort Echolalie, ist es hier Aufbegehren, es kulminiert im Roman im (dank Klagenfurt ber\u00fchmt gewordenen) f\u00fcnffachen \u201eAch!\u201c-Ausruf des Protagonisten.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/U\u0308bertragung_Cpver.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-91638 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/U\u0308bertragung_Cpver-196x300.jpg\" alt=\"\" width=\"196\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/U\u0308bertragung_Cpver-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/U\u0308bertragung_Cpver-260x398.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/U\u0308bertragung_Cpver-160x245.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/U\u0308bertragung_Cpver.jpg 326w\" sizes=\"auto, (max-width: 196px) 100vw, 196px\" \/><\/a>Wie in allen B\u00e4nden ist dem Buch ein Nachwort durch einen Hilbig-Freund beigegeben, und so wird die \u201e\u00dcbertragung\u201c denn durch Jan Faktor als einer der schw\u00e4rzesten Krimis der letzten Jahrzehnte gew\u00fcrdigt. Der eigentliche Gewinn der Edition aber besteht in der Mitteilung der ersten Version des Roman-Stoffs von 1982 im Anhang, die, zun\u00e4chst 22 Seiten stark, \u00fcber drei weitere Fassungen auf die stattliche St\u00e4rke von fast 400 Seiten anw\u00e4chst. Diese Mitteilung verdeutlicht klar, wie tief Hilbigs Roman-Werk dann doch in seinen k\u00fcrzeren Formen wurzelt und auf welche Weise dieser Dichter sich dem Thema, das ihn umtreibt, auf langen Wegen n\u00e4hert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gar nicht so wenige Autoren sonnen sich \u2013 offen oder insgeheim \u2013 im Spiegel ihrer angenommenen Bedeutung und gehen ein wenig unter dem Parasol ihres Stolzes einher. Das f\u00fchrt gern einmal zu massiven Fehleinsch\u00e4tzungen, die zu einem langen Abstieg&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/12\/19\/auf-der-faehrte-der-unwaegbarkeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,2400],"class_list":["post-91635","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-wolfgang-hilbig"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91635","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91635"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99886,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91635\/revisions\/99886"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}