{"id":91630,"date":"2008-10-02T00:01:17","date_gmt":"2008-10-01T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91630"},"modified":"2024-09-22T10:45:32","modified_gmt":"2024-09-22T08:45:32","slug":"wo-die-minotauren-weiden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/10\/02\/wo-die-minotauren-weiden\/","title":{"rendered":"Wo die Minotauren weiden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Vom Rang dieses Autors spricht in deutlicher Weise die gro\u00dfe Zahl der Nachrufe, die man ihm nach seinem Tod im Juni 2007 widmete. Um Wolfgang Hilbig selbst war es etwa nach der Dreifachpreisung mit Huchel-, B\u00fcchner- und Walter-Bauer-Preis im Jahr 2002 stiller geworden, der Dichter kollaborierte in der zwiesp\u00e4ltigen Dissonanz von Ruhm und Scheidung wieder mit dem Alkohol, war bereits wenig sp\u00e4ter in den Kampf mit dem Krebs verwickelt. Bereits zu Lebzeiten begann, wovor sich Wolfgang Hilbig nach eigener Aussage immer gef\u00fcrchtet hatte: die Sichtung seines vorhandenen Werks in zwei Prosab\u00e4nden, die das Vorgelegte (\u201eErz\u00e4hlungen\u201c, 2002) ausw\u00e4hlte und das Verstreute (\u201eDer Schlaf der Gerechten\u201c, 2003) sammelte.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Seitdem mehren sich die Untersuchungen und Ans\u00e4tze, eine Deutung der Hilbig\u2019schen Gabe wie auch von dessen Ungl\u00fcck mit der Welt zu finden. Neben zahlreichen biografischen Schriften \u2013 hier w\u00e4re die motivische Biografie von Karen Lohse hervorzuheben \u2013 und dem Wirbel, den der so furiose wie erschreckende Quasi-Enth\u00fcllungsroman \u201eNachtgeschwister\u201c von Natascha Wodin, Hilbigs Ex-Frau, ausl\u00f6ste, manifestiert sich die Ernsthaftigkeit einer fortgesetzten Besch\u00e4ftigung mit einem der zugleich rabiatesten und bedeutendsten \u0152uvres der deutschen Nachkriegsliteratur in der auf sieben B\u00e4nde angelegten Werkausgabe jenes Dichters, der dem Industrierevier Mitteldeutschlands entstammte und dem seine Herkunft und Versprengung zum Schreib-Motor wurden.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Nach der Herausgabe s\u00e4mtlicher Gedichte sowie einem gedr\u00e4ngten ersten Band mit Erz\u00e4hlungen und Kurzprosa dringt der S. Fischer Verlag nun im dritten Band, enthaltend die Novellen \u201eDie Weiber\u201c, \u201eAlte Abdeckerei\u201c und \u201eDie Kunde von den B\u00e4umen\u201c, ins Zentrum der Visionen Wolfgang Hilbigs vor. Sie geh\u00f6ren zum Dunkelsten, Metaphern- und R\u00e4tselreichsten, was der Dichter an Prosa schuf. Zeitgleich sind sie als Sittenbilder einer zerbrechenden \u00c4ra zu lesen. Der allgemeinen Auffassung, darin einen idealen Einstieg in Hilbigs Kosmos vorzufinden, mag man widersprechen, da sich daf\u00fcr einige der fr\u00fchen imaginativen Texte oder der eine oder andere sich an einer Art schwarzer Ironie reibende Sp\u00e4ttext vielleicht besser eignen. Trotzdem zeigen sie den Autor auf der H\u00f6he seines Schaffens und wirken ein Vielfaches konzentrierter etwa als die Romane.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Weiber\u201c, erschienen 1987 als Hilbigs erste eigenst\u00e4ndige Prosaarbeit nach der \u00dcbersiedlung von Leipzig in die Bundesrepublik, markierte seinen Durchbruch als Autor. Der stark an den monomanen Verfasser erinnernde Protagonist ergeht sich in zunehmend scheiternden Versuchen, der Enge und Ereignislosigkeit der sp\u00e4ten DDR zu entkommen \u2013 er muss dabei zwangsl\u00e4ufig in einer Sackgasse landen. Die Realit\u00e4t vermischt sich mit R\u00e4uschen und Tr\u00e4umen, in denen die nur schwerlich als Held zu bezeichnende Hauptperson Ansprachen vor den vor sich hin gammelnden Kadern der Kreisleitung h\u00e4lt, dem Rotz der M\u00fclltonnen Sch\u00f6nheit andichtet und sich immer wieder am f\u00fcr Hilbig als Motiv buchst\u00e4blich gewordenen K\u00fcchentisch in der m\u00fctterlichen Wohnung wiederfindet. Die Erl\u00f6sung liegt in den Weibern, die in der Gef\u00e4ngnisw\u00e4scherei auf ihn \u201awarten\u2019.<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Eben jene Hoffnung ist in den folgenden beiden Novellen bereits verloren \u2013 in der \u201eAlten Abdeckerei\u201c, die man wohl tats\u00e4chlich als das Kernst\u00fcck der Hilbig\u2019schen Dichtung deuten muss, ist der Protagonist auf unheimlichen Wanderungen in einer v\u00f6llig verheerten Gegend, wie man sie in den 1980er-Jahren zwischen Leipzig und Altenburg vorfand, unterwegs, hadert mit den Vorzeichen des Untergangs und wohnt schlie\u00dflich der Verschlingung jener Fabrik, die als Metapher f\u00fcr das zerrissene Land, in dem der Held zu leben hat, steht, durch den Leviathan bei. Dass jeder Katastrophe auch ein Anfang innewohnt, kann angesichts der nur scheinbaren Idylle am Ende der Erz\u00e4hlung lediglich eine fragile Hoffnung sein: \u201eUnd endlich an einigen untergegangenen Ruinen vor\u00fcber, an Germania II vor\u00fcber, wo in der Flut die Sternbilder spielen, wo die Minotauren weiden.\u201c Dem geht eine \u00dcbung in apokalyptischen Schleifen, endend in Echolalie voraus, auf die die Rezensentin Marion Titze in ihrer Erw\u00e4gung seinerzeit mit einem \u201eWehe uns!\u201c reagierte. Es ist jenes \u201aWehe uns\u2018, das sich ganz \u00e4hnlich durch \u201eDie Kunde von den B\u00e4umen\u201c zieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erg\u00e4nzt durch ein kundiges, seinem Freund Wolfgang Hilbig nahe auf der Spur bleibendes Nachwort von Ingo Schulze und die zus\u00e4tzliche Aufnahme einer Fr\u00fchfassung des mittleren Teils der letzten Erz\u00e4hlung, rundet sich der dritte Band der \u201eWerke\u201c zu einem verst\u00f6rend-lohnenden Blick auf ein von Obsession und Verzweiflung getriebenes Schreiberschicksal in den Wirrungen der Katastrophe des 20. und am Bruch zum 21. Jahrhundert. Im Nachhinein w\u00e4re eventuell in Erw\u00e4gung zu ziehen gewesen, auch den vorangegangenen Band zu teilen, in dem sich auf 800 Seiten \u00fcber sechzig Prosatexte geradezu auf den F\u00fc\u00dfen stehen, w\u00e4hrend es im aktuellen Band dahingehend erheblich gro\u00dfz\u00fcgiger zugeht. Namentlich bei der ebenfalls umfangreichen \u201eBrief\u201c-Trilogie und dem gleichsam hundertseitigen \u201eEr, nicht ich\u201c wird so leicht der Eindruck erweckt, sie st\u00fcnden hinter den Texten des Novellen-Bandes zur\u00fcck \u2013 ein Umstand, willl man meinen, der nach genauerer Pr\u00fcfung kaum den Tatsachen entspricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Hilbig_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-91632\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Hilbig_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"226\" height=\"346\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Hilbig_Cover.jpg 226w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Hilbig_Cover-196x300.jpg 196w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Hilbig_Cover-160x245.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 226px) 100vw, 226px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vom Rang dieses Autors spricht in deutlicher Weise die gro\u00dfe Zahl der Nachrufe, die man ihm nach seinem Tod im Juni 2007 widmete. 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