{"id":91621,"date":"2010-09-05T00:01:29","date_gmt":"2010-09-04T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91621"},"modified":"2021-10-25T13:53:13","modified_gmt":"2021-10-25T11:53:13","slug":"die-angestellten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/05\/die-angestellten\/","title":{"rendered":"Die Angestellten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeiten, da es \u00fcblich gewesen ist, Untersuchungen \u00bbZur Soziologie &#8230;\u00ab \u2013 der und der Gruppe, dieser und jener Erscheinung \u2013 zu \u00fcberschreiben, werden noch in vieler Erinnerung sein. Damals h\u00e4tte diese Schrift \u00bbZur Soziologie des Angestellten\u00ab gehei\u00dfen. Vielmehr, sie w\u00e4re gar nicht geschrie\u00adben worden. Denn was die Mode dieser Titel aussprach, war eigentlich nur, wie sehr man davor zur\u00fcckschreckte, politische Gegenst\u00e4nde politisch klarzu\u00adstellen, um sie statt dessen in ein Gespinst akademischer Floskeln zu wickeln, in dem ihre Ecken und Kanten keinem mehr weh tun konnten. Das ist Kracauers Sache nicht. Er hat aber diese alte Art, um die Dinge herumzu\u00adkommen, nicht verlassen, um statt dessen eine neue zu w\u00e4hlen. Insbesondere ist ihm die Reportage, diese moderne Umgehungsstrategie politischer Tatbest\u00e4nde unterm Deckman\u00f6ver der linken Phrasen genau so verha\u00dft wie das euphemistische Gelispel der Soziologie. \u00bbDie Wirklichkeit\u00ab, sagt er, \u00bbist eine Konstruktion. Gewi\u00df mu\u00df das Leben beobachtet werden, damit sie erstehe. Keineswegs jedoch ist sie in der mehr oder minder zuf\u00e4lligen Beobachtungsfolge der Reportage enthalten, vielmehr steckt sie einzig und allein in dem Mosaik, das aus den einzelnen Beobachtungen auf Grund der Erkenntnis ihres Gehalts zusammengestiftet wird.\u00ab Soziologisches Wissen und Beobachtungsmaterial sind also blo\u00dfe Vorbedingungen dieser Arbeitsweise, die ebensosehr wegen der Originalit\u00e4t als wegen der Durchschlagskraft ihrer Ergebnisse genaue Betrachtung verlohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df hier einer sich auf eigene Faust auf den Weg macht, verr\u00e4t schon die Sprache. St\u00f6rrisch und st\u00f6\u00dfig sucht sie sich ihre Fixpunkte mit einem Eigen\u00adsinn, den ihr ein Abraham a Santa Clara h\u00e4tte neiden k\u00f6nnen, wenn er seine Bu\u00dfpredigten von Kalauer zu Kalauer f\u00fchrte. Nur: in den \u00bbAngestellten\u00ab hat der Bilderwitz die Rolle des Wortwitzes \u00fcbernommen. Und so wenig jener Kalauer etwas Zuf\u00e4lliges ist, da er vielmehr mit dem Sprachleben des Barock\u00adzeitalters zusammenh\u00e4ngt, so wenig kommt ein Bilderwitz von ungef\u00e4hr, der bei Kracauer auf jene surrealistischen \u00dcberblendungen ausgeht, die nicht nur, wie wir es von Freud erfahren haben, den Traum, nicht nur, wie wir von Klee und von Max Ernst es wissen, die sinnliche Welt, sondern eben auch die soziale Wirklichkeit kennzeichnen. \u00bbIm Lunapark\u00ab, hei\u00dft es bei Kracauer, \u00bbwird abends mitunter eine bengalisch beleuchtete Wasserkunst vorgef\u00fchrt. Immer neugeformte Strahlenb\u00fcschel fliehen rot, gelb, gr\u00fcn ins Dunkel. Ist die Pracht dahin, so zeigt sich, da\u00df sie dem \u00e4rmlichen Knorpelgebilde einiger R\u00f6hrchen entfuhr. Die Wasserkunst gleicht dem Leben vieler Angestellten. Aus seiner D\u00fcrftigkeit rettet es sich in die Zerstreuung, l\u00e4\u00dft sich bengalisch beleuchten und l\u00f6st sich, seines Ursprungs uneingedenk, in der n\u00e4chtlichen Leere auf.\u00ab Nat\u00fcrlich ist das mehr als eine Metapher. Denn dieses bengalische Licht gl\u00fcht ja f\u00fcr die Angestellten selbst auf. Und damit wird klar, welche politische Helligkeit aus solcher \u00dcberblendung herausspr\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Woher dem politischen Traumdeuter diese K\u00fcnste kommen? Von literari\u00adschen Einfl\u00fcssen sei diesmal abgesehen. Was der Verfasser, sprachlich vor allem, dem anonymen Autor des \u00bbGinster\u00ab verdankt, mag auf sich beruhen. Soviel steht fest, da\u00df seine Deuterpraxis aus dem genauen Studium eigenster Erfahrung erwachsen ist. (Wie wei\u00dfer Zauber ja mit strenger und n\u00fcchterner Betrachtung des Erfahrenen Hand in Hand geht, wo der schwarze nie \u00fcber Bannkreis und Mysterium hinauskommt.) Die Erfahrung aber, die hier zugrunde liegt, ist einfach die des Intellektuellen. Der Intellektuelle ist der geborene Feind des Kleinb\u00fcrgertums, weil er es st\u00e4ndig in sich selbst \u00fcber\u00adwinden mu\u00df. Hier hat er sich auf seine St\u00e4rke besonnen, die darin besteht, die b\u00fcrgerlichen Ideologien, wenn schon nicht restlos, so in allem zu durchschauen, wo sie noch mit dem Kleinb\u00fcrgertum zusammenh\u00e4ngen. In den Angestellten aber kommt nun ein neues, uniformierteres, erstarrteres, gedrillteres Kleinb\u00fcrgertum herauf. Es ist unendlich viel \u00e4rmer an Typen, Originalen, verschrobenen, aber vers\u00f6hnlichen Menschenbildern als das verflossene. Daf\u00fcr unendlich viel reicher an Illusionen und an Verdr\u00e4ngungen. Mit ihnen nimmt der Verfasser es auf. Nicht in der Art eines Gregers Werle, der gegen die \u00bbLebensl\u00fcge\u00ab, wie Don Quichote gegen Windm\u00fchlen, angeht. Sein Interesse gilt nicht dem Einzelnen, gilt vielmehr der Verfassung einer homogenen Masse und den Zust\u00e4nden, in denen diese sich spiegelt. Die Summe dieser Zust\u00e4nde deckt ihm der Name Berlin. \u00bbBerlin ist heute die Stadt der ausgesprochenen Angestelltenkultur; das hei\u00dft einer Kultur, die von Angestellten f\u00fcr Angestellte gemacht und von den meisten Angestellten f\u00fcr eine Kultur gehalten wird.\u00ab Wenn Joseph Roth mit der Behauptung im Recht ist, die er vor kurzem an dieser Stelle aufgestellt hat, die Aufgabe des Schriftstellers sei, nicht zu verkl\u00e4ren, sondern zu entlarven, so ist der Autor der \u00bbAngestellten\u00ab h\u00f6chst schriftstellerisch an Berlin herangetreten. Das ist an diesem wichtigen Buche nicht das Unwichtigste. Im Augenblick, da die ersten Spuren einer t\u00e4tigen Liebe zur Hauptstadt sich zeigen, geht man zum ersten Male ihren Gebrechen nach. Eben gab in seinem Monumentalwerk \u00bbDas steinerne Berlin\u00ab Hegemann die politische Baugeschichte der Mietkaserne, wie sie aus dem Grundbesitze entstand, nun folgt Kracauer mit der Darstellung der Berliner B\u00fcro- und Vergn\u00fcgungspal\u00e4ste als Abdruck der Angestelltenmentalit\u00e4t, die bis hoch in die Unternehmerkreise hinaufreicht. Gleichzeitig hat er den Posten eines Berliner Berichterstatters der \u00bbFrankfurter Zeitung\u00ab \u00fcbernommen. Es ist gut f\u00fcr die Stadt, diesen Feind in ihren Mauern zu haben. Hoffen wir, da\u00df sie verstehen wird, ihn zum Schweigen zu bringen. Wie? Nun, indem sie ihren besten Zwecken ihn nutzbar macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Angestellten<\/strong> (Aus dem neuesten Deutschland) von Siegfried Kracauer. Frankfurt a. M.: Frankfurter Societ\u00e4tsdruckerei 1930.<\/p>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Zeiten, da es \u00fcblich gewesen ist, Untersuchungen \u00bbZur Soziologie &#8230;\u00ab \u2013 der und der Gruppe, dieser und jener Erscheinung \u2013 zu \u00fcberschreiben, werden noch in vieler Erinnerung sein. 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