{"id":9161,"date":"2006-01-25T00:01:04","date_gmt":"2006-01-24T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9161"},"modified":"2022-02-23T06:45:25","modified_gmt":"2022-02-23T05:45:25","slug":"die-uhr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/25\/die-uhr\/","title":{"rendered":"Die Uhr"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Abends \u2013 in der Zeit der D\u00e4mmerung, wenn die Autofahrer das Scheinwerferlicht einschalten \u2013 geschah das Schreckliche, das Mama Louise immer bef\u00fcrchtet hatte. Carl kam nach einem Vortrag \u00fcber die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Deutschen Reichs mit der Stra\u00dfenbahn aus Godesberg zur\u00fcck. Er stieg am Hochkreuz aus und ging, ohne nach rechts oder links zu sehen, schr\u00e4g \u00fcber die B9, um den Weg zur Hochkreuzallee zu verk\u00fcrzen. Der Fahrer des Personenkraftwagens, der ihn \u00fcberfuhr, hatte den alten Mann im dunkelgrauen Mantel nicht gesehen, oder zu sp\u00e4t, oder angenommen, der\u00a0 Fu\u00dfg\u00e4nger passiere die Stra\u00dfe noch rechtzeitig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Carl wollte verbrannt werden. Mama Louise lud zur Trauerfeier im Krematorium des K\u00f6lner Westfriedhofs ein, das innen wie eine Kapelle gebaut war. An der Stelle des Altars stand der gro\u00dfe Feuerofen, in den man durch eine Glaswand hineinsehen konnte. Janus glaubte zu sehen, wie sich im lodernden Feuer der Leichnam entz\u00fcndete. Er h\u00f6rte das Knistern. Hokus pocus, malus jocus &#8230; Janus spielte den H\u00e4nsel. Dresden, die Elbwiesen, der Zwinger, die Hofkirche, ganz oben war er, wie August der Starke, der einen Diener zum Fenster hinaushielt und fallen zu lassen drohte, weil er aufmuckte. Janus verbrachte den vorletzten Sommer im Ferienheim. Die Kinder bastelten f\u00fcr die Auff\u00fchrung einen Ofen, stellten Kerzen hinein und z\u00fcndeten sie an &#8230; Nun lag der Gro\u00dfvater im Ofen. Erl\u00f6st, befreit, f\u00fcr alle Zeit. Der Feuerschein str\u00f6mte zu Janus und w\u00e4rmte ihn. Hokus pocus Holderbusch, schwinde, Gliederstarre, husch! Der Gro\u00dfvater stieg f\u00fcr immer zum Himmel auf. Den Rauch erfasst der Wind, der Wind, das himmlische Kind &#8230; Carl brannte so leicht wie Papier. Janus sah vor seinen Augen schon die Asche. Er war nicht traurig. Nun hatte er das Zimmer f\u00fcr sich allein. Carl schnarchte nachts so laut und brummte seltsame Melodien, bevor er einschlief. Janus verstand die Worte, die der Gro\u00dfvater vor sich hin murmelte, nur bruchst\u00fcckhaft: \u201eIn fernem Land &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Trauer-Harmonium spielte \u201eIch trage, wo ich gehe, stets eine Uhr bei mir &#8230;\u201c Da sp\u00fcrte Janus, wie sehr er am Gro\u00dfvater hing. Er erinnerte sich an die Uhr, die ihm Carl schenkte, als er sieben Jahre alt wurde. Aber die Uhr besa\u00df er nicht lange. Auf dem Weg zur Saale nahmen ihm \u00e4ltere Kinder die Uhr weg. Er lief weinend nach Hause, und Carl schenkte ihm seine alte Taschenuhr, die trug er nun in der Hosentasche. \u201eSei nicht traurig\u201c, sagte Carl, \u201esie haben dir nur die Uhr gestohlen, aber die Zeit hast du behalten!\u201c Oben auf der Empore sang Carls Freund Buchholz unsichtbar das Loewe-Lied von der Uhr zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch st\u00e4nde sie einmal stille,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann w\u00e4r\u2019s um sie geschehn,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein andrer, als der sie f\u00fcgte,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bringt die Zerst\u00f6rte zum Gehn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend wurde Janus schnell m\u00fcde, er legte sich fr\u00fch ins Bett und las, bis ihm das Buch aus der Hand fiel, knipste die Stehlampe aus und wartete auf den Sandmann und die vierzehn Engel, die er als Einschlafbilder mit unter die Decke nahm. In der Nacht hatte Janus einen Traum, den er keinem erz\u00e4hlte, noch nicht einmal Mama Louise. Er \u00fcberlegte, ob er ihn Elfi verraten sollte. Aber dann entschied er, es lieber nicht zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Janus betrat die Vorhalle der H\u00f6hle, in der ihm ein reich gedeckter Tisch entgegen leuchtete. Er starrte auf das leere Trinkglas neben der mit Rotwein gef\u00fcllten Kristallkaraffe auf dem wei\u00dfen Damast in der Mitte der Tafel, an der ein einziger Schemel stand. Auf dem Tisch brannte eine flackernde Kerze, die manchmal zitterte. Seine Schritte wurden schneller, ohne dass er die Beine willentlich bewegte. Ein altes Weib, eingeh\u00fcllt in weite rostrote T\u00fccher, kauerte im Hintergrund auf felsigem Boden, wo sich die Halle verengte und ein matter Lichtstrahl aus dem Inneren fiel. \u201aIch habe Durst\u2019, sagte Janus. \u201aIch wei\u00df\u2019, antwortete das alte Weib, forderte ihn jedoch nicht auf, sich an den Tisch zu setzen. Aber da sa\u00df Janus pl\u00f6tzlich auf dem Schemel, w\u00e4hrend das Weib den Wein aus der Karaffe in sein Glas goss. Er hob das Glas zum Mund und trank es in einem Zuge aus. \u201aDer Wein wirkt schnell\u2019, sagte er, \u201aer tut mir gut.\u2019 Ihm drehte sich alles. \u201aWo bin ich?\u2019 Der Kerzenschein fiel auf das Gesicht der alten Frau, das Janus pl\u00f6tzlich bekannt vorkam. Sie sah jetzt nicht mehr so alt aus. \u201aIch warne dich\u2019, sagte sie, \u201awenn du tief in die H\u00f6hle eindringst, verlierst du dich. Die Zeit vergeht dort schneller, sie rast durch dein Hirn. Dagegen ist dein Schwindel, den du jetzt sp\u00fcrst, noch gar nichts.\u2019 \u201aIch will\u2019, sagte Janus, \u201aich habe keine Angst.\u2019 \u201aDas werden wir sehen\u2019, sagte die Frau, die jetzt noch j\u00fcnger schien als eben. Sie ging voran und zeigte in die Tiefe der H\u00f6hle. \u201aNun musst du allein weitergehen\u2019, sagte sie. Ihre Stimme klang so vertraut, dass sich Janus noch einmal umschaute. Er sah in Mama Louises liebevolle Augen. Eine T\u00e4uschung, die der Wein verursachte? Er wandte den Blick schnell wieder nach vorn. Seine F\u00fc\u00dfe flogen nicht mehr \u00fcber den Boden wie vorhin, er wurde schwerer; und je tiefer er in die H\u00f6hle eindrang, umso langsamer bewegten sich seine Beine. Im gr\u00fcnlichen Zwielicht sah er kaum den harten, unebenen Boden. In der Ferne wurde das Licht st\u00e4rker. Mit der Zeit gelangte er in eine gro\u00dfe Halle, deren W\u00e4nde blaues Licht verstr\u00f6mten. Auf einem Marmorthron sa\u00df ein J\u00fcngling, den er aber im Gegenlicht nicht erkennen konnte. Rings um den Thron lagen die Kronen von Kaisern und K\u00f6nigen, verbogene Lanzen, rostige Kanonen, zerst\u00f6rte Burgen und Pal\u00e4ste, versunkene St\u00e4dte, zerbrochne Guillotinen &#8230; die Tr\u00fcmmer der Zeit. \u201aKomm n\u00e4her\u2019, sagte der junge Mann auf dem Thron, \u201adu kennst mich.\u2019 K\u00e4lte floss vom Felsboden in seine F\u00fc\u00dfe und stieg den Leib hinauf. Und mit der K\u00e4lte kam auch die Angst. M\u00fchsam erklomm Janus die drei Stufen des Throns. Der junge Mann griff nach seiner Hand, zog ihn fest an sich heran, sah ihn ernst und liebevoll an und umarmte ihn &#8230; \u201aCarl\u2019, sagte Janus und erwiderte die Umarmung. Carl sah aus wie auf dem Foto, das Janus so sehr liebte, wo Carls Kopf zu gl\u00fchen schien vor lauter Begierde nach Louise. Nun zog Carl einen silbernen Spiegel aus der Jackentasche und hielt ihn Janus vors Gesicht. Janus nahm ihn selbst in die Hand \u2013 er begriff nicht, was er im Spiegel sah. Ein alter Mann schaute ihn an, das Gesicht zerfurcht, der Mund eingefallen, die Haare sch\u00fctter und wei\u00df, die Adern geschwollen, die Augen schon fast hohl. Janus will den Spiegel wegwerfen, aber der Spiegel bleibt wie angewachsen. Und Carl ist verschwunden. \u201aMich wirst du nicht los!\u2019, h\u00f6rt er den Spiegel rufen. Janus verliert das Bewusstsein und sinkt zwischen den Schutt der Zeit in einen Haufen faulender B\u00fccher. Aber er erwacht wieder, steht auf und schleppt sich mit letzter Kraft heraus aus dem Blauschleier der Halle und durch den Gr\u00fcnschimmer der engen G\u00e4nge zur\u00fcck zum Ausgang. Die K\u00e4lte f\u00e4llt von ihm ab, die Beine laufen leicht, die F\u00fc\u00dfe schweben zuletzt fast \u00fcber dem Grund, auch die Angst ist wie weggeblasen. Nun w\u00e4chst seine ganze Kraft. Und wo ist der Spiegel? Janus denkt nicht daran. Er sieht das Licht der Welt, wo ihn die junge Frau schon erwartet, ein Glas funkelndes Wasser in der Hand. \u201aTrink\u2019, sagt sie, \u201aaber verschluck dich nicht.\u2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-98374\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/02\/Bergmann.jpg\" alt=\"\" width=\"122\" height=\"182\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie zu den <i>Arthurgeschichten<\/i> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a> von Holger Benkel. &#8211; Eine Einf\u00fchrung in <em>Schlangegeschichten<\/em> von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eines Abends \u2013 in der Zeit der D\u00e4mmerung, wenn die Autofahrer das Scheinwerferlicht einschalten \u2013 geschah das Schreckliche, das Mama Louise immer bef\u00fcrchtet hatte. 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