{"id":91506,"date":"2014-02-13T00:01:21","date_gmt":"2014-02-12T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91506"},"modified":"2021-09-01T17:03:05","modified_gmt":"2021-09-01T15:03:05","slug":"das-gedaechtnis-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/das-gedaechtnis-der-dinge\/","title":{"rendered":"Das Ged\u00e4chtnis der Dinge"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Geschichte der Donauschw\u00e4bischen H\u00e4uslichkeit, der Arbeit und der Feste, gestaltet mit farbigen Abbildungen von Gegenst\u00e4nden aller Art, eingebettet in literarische und ethnografische Texte von Banater Autorinnen und Autoren, ausgew\u00e4hlt und fotografiert von der K\u00fcnstlerin und Lyrikerin Ilse Hehn, erweist sich als eine besondere Art der Sinngebung, wie Franz Heinz in seinem Geleitwort anmerkt. Kunstvoller Handarbeit, die im schw\u00e4bischen Haus \u00fcber ihren Gebrauchswert hinaus \u201emit einem Hauch volkst\u00fcmlicher Poesie und Moral\u201c versehen sei, hafte \u201eimmer etwas zeitlos Humanes an, das uns heute mit ungeahnter Heftigkeit ber\u00fchrt.\u201c Davon seien auch die vielen, oft unscheinbaren Dinge aus dem Alltag betroffen, die uns \u201ein der Nachbetrachtung die Vergangenheit im vertrauten Umfeld wieder nahe bringen.\u201c Was hier als einf\u00fchlsames Geleitwort ausformuliert ist, verdichtet sich in den einleitenden Reflexionen der Autorin \u00fcber das Ged\u00e4chtnis der Dinge gleichsam zu einer Anleitung bei der Bildbetrachtung und beim Lesen der begleitenden lyrischen und Sach-Texte: \u201eIch versuchte Leerstellen zu bebildern, die entstehen, wenn Raum und Dinge mitsamt ihrer Geschichte f\u00fcr immer zu verschwinden drohen und mit ihm Ort, die sich der Mensch als Erinnerungsnischen schafft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstruktive Erinnerung in Verbindung mit k\u00fcnstlerischer Gestaltung \u2013 in dieser Intention umgesetzt hei\u00dft einen pers\u00f6nlichen und einen geschichtlichen Raum sich wieder anzueignen, der als Banater Lebensraum nach 1989 f\u00fcr viele Donauschwaben verloren ging. Und wie die Verbindung von Erinnerungsarbeit und Lebensgeschichten dazu beitr\u00e4gt, den individuellen und kollektiven Ged\u00e4chtnisspeicher mit Bildtexten wieder auff\u00fcllt, zeigen die beiden handlichen B\u00e4nde auf eine anziehende Weise. Wo immer der Blick beim Aufschlagen einer Seite f\u00e4llt, er wird entweder von den bunt-bizarren, manchmal auch spr\u00f6d-praktischen Gegenst\u00e4nden gefesselt, oder er wandert von der Verszeile: Die Rose spricht, der Dorn sticht, vergiss mich nicht! (Bd. 1, S. 43) hin\u00fcber zu einem Wandschoner, einer Handarbeit, die auf Linnen die Konturen eines Schlosses und einer \u00fcppig bestickten jungen Sch\u00f6nheit aufzeigt, die gerade in den Dornenstrauch greift. Doch nicht nur folkloristisch verfestigte Sinnspr\u00fcche dienen der Autorin zur Sinn gebenden Verdeutlichung von Gegenst\u00e4nden. Ein Gedicht von Nikolaus Lenau, ein aus dem Banat geb\u00fcrtiger ber\u00fchmter Dichter, dient der poetischen Verdichtung einer Fotografie, die eine Wiege samt Puppe und Bettzeug, mit einem Herzelstuhl davor, abbildet: \u201eEin schlafendes Kind! o still! in diesen Z\u00fcgen \/ k\u00f6nnt das Paradies zur\u00fcckbeschw\u00f6ren; \/ es l\u00e4chelt s\u00fc\u00df, als lauscht es Engelsch\u00f6ren,\/ den Mund ums\u00e4uselt himmlisches Vergn\u00fcgen.\u201c (Bd. 1, S. 51)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So k\u00f6nnte der Rezensent fortfahren mit immer neuen Aha-Erlebnissen, wenn es nicht auch viele Doppelseiten g\u00e4be, auf denen sich grobes Hausger\u00e4t, bunt bemaltes Geschirr und Bettzeug mit \u201eParadekissen\u201c h\u00e4uft und den Betrachter gleichsam wehm\u00fctig an seine Kindheit in einem Banater Dorf erinnern oder mit staunenden Augen die reichhaltige Ausstattung eines donauschw\u00e4bischen Haushalts bewundern l\u00e4sst. Butterfa\u00df und Nudelseier, Schneeschl\u00e4ger und M\u00f6rser, Keramiksch\u00fcsseln und Waffeleisen reihen sich da aneinander, um pl\u00f6tzlich von einer Beschreibung eines Stubenfensters aus Balthasar Waitz\u2019 Erz\u00e4hlungen \u201eKr\u00e4hensommer\u201c unterbrochen zu werden. Der im Banat aufgewachsene Schriftsteller (Jg. 1950) hinterl\u00e4sst mit seinen poetisch verdichteten Erz\u00e4hlfigurationen ganz besonders eindrucksvolle Erinnerungsbilder. So wenn Ilse Hehns Fotografie einer Schrankt\u00fcr mit einem dahinter auftauchenden M\u00e4nnerportr\u00e4t neben einem Text abgedruckt ist, in dem der \u201esch\u00f6ne Anzug\u201c seines Vaters zu Familienfeiern, zu Kirchg\u00e4ngen oder zur sonnt\u00e4glichen Kartenpartie ausgef\u00fchrt wird (Bd. 1, vgl. S. 36\/37). Doch nicht nur hochdeutsche Schriftsprache f\u00f6rdert den Dialog zwischen den fotografierten Objekten und den ausgew\u00e4hlten Texten. Auch der donauschw\u00e4bische Lokaldialekt kommt h\u00e4ufig zum Einsatz, so bei der Abbildung eines Telefons (auf einem Radio stehend) aus den 20er Jahren und einem Schwank \u00fcber die Baure, die nicht begreifen, wie ein Telefon funktioniert (Bd.1, S. 183).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Band 2 ist der Blick zun\u00e4chst auf eine Reihe von Fotografien gerichtet, die mit Tiefensch\u00e4rfe und Hell-Dunkel-Kontrasten die Schatten von Weinreben erfassen, und die blaugraue, saftige Farbigkeit von Weintrauben vor schon verdorrten Bl\u00e4ttern hervorheben. Sie dokumentieren auch die Seiten einer Schulfibel, bilden eine Schiefertafel mit Schwamm ab und belegen die reiche Sakralkunst am Beispiel von Wandkreuzen und Kruzifixen. Neben diesen kunstvoll gestalteten Figurationen fallen die Blumenornamente auf, die den Alltag und die Festtage ausschm\u00fccken. Wiederum begleitet von Ausschnitten aus Erz\u00e4hlungen und ethnologischen Darstellungen, wobei auch Fotocollagen das Wechselverh\u00e4ltnis von Bild und Text dynamisieren. Allerdings verlieren sich einige Abbildungen (Bd. 2, S.120f) in Details, die den Betrachter da und dort verwirren. Auch bei den Abbildungen der Musikinstrumente (Bassfl\u00fcgelhorn, Zither, Violine) w\u00e4ren st\u00e4rkere Konturierungen w\u00fcnschenswert gewesen. Sehr tiefenscharf sind hingegen die Abbildungen der Frontispize von Fach- und Schulb\u00fcchern und der Titelbl\u00e4tter der deutschsprachigen Provinzpresse, die in dichter Folge einen eindrucksvollen Nachweis der Buch- und Zeitungskultur im Banat der Vorkriegszeit liefern. Den Abschluss des Bandes bildet ein Collage aus Ansichtskarten und Familienfotos sowie ein verwischtes Foto, auf dem tanzende Paare einen Abschiedswalzer tanzen, begleitet von den lyrischen Impressionen aus der Feder von Horst Samson: \u201eDer Herbst ist kalt. \/ Und losgelassen \/ Fliegen die Bl\u00e4tter fremd \/ Durch die Gegend. \/ Was siehst du dort Drau\u00dfen, \/ ruft sie im Koffer w\u00fchlend. \/ Bl\u00e4tter am Boden, ruf ich zur\u00fcck, \/ Abgebrochene \u00c4ste und ein Wind \/ Der uns mit sich rei\u00dft.\u201c (Bd. S. 209).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem zweiten Band, dessen Umschlag ein spannungsgeladenes Ensemble von wei\u00df lasierten Porzellanvasen und \u2013 schalen sowie ein Blumengebinde ziert, kommt ganz besonders die Vielfalt von kunstvoll gestalteten Gebrauchsgegenst\u00e4nden neben den sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlten Texten zum Ausdruck. Unter den Prosatexten befindet sich auch ein Ausschnitt aus Herta M\u00fcllers fr\u00fchem Erz\u00e4hlband \u201eNiederungen\u201c. Er beschreibt aus der Perspektive der Ich-Erz\u00e4hlerin die qualvolle Prozedur beim Anlegen des neunten Unterrocks, den ihr die Mutter \u2013 traditionsbewusst \u2013 \u00fcberzieht, was so abl\u00e4uft: \u201eDer neunte Rock ist lichtgrau wie die Pflaumen am Morgen. Er schwimmt auf den steinernen Unterr\u00f6cken. Ich sp\u00fcr nur seine hei\u00dfe Schnur.\u201c (Bd. 2, S. 141) Und beim Blick auf die Fotografie versp\u00fcrt besonders die Betrachterin, wie m\u00fchevoll sich die Einhaltung der weiblichen Kleiderordnung im d\u00f6rflichen Milieu noch in den 1950er Jahren gestaltete. Die Unterr\u00f6cke h\u00e4ngen wie zusammengeschn\u00fcrte B\u00fcndel im Kleiderschrank und drohen gleichsam mit Sanktionen, falls es jemand wagen sollte, die lang gehegte Ordnung zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit solchen Querverbindungen zwischen Text und Bild liefert diese Publikation ein anschauliches Beispiel f\u00fcr eine Tiefenanalyse, die die ethnologisch reichhaltige Kultur des Banats aufsp\u00fcrt und sie exemplarisch, da und dort auch ornamental verdichtend, darbietet. Diese F\u00fclle von fotografierten Gegenst\u00e4nden und Bildern, durch begleitende Texte erl\u00e4utert und auch konterkariert, bietet seinen Betrachtern keinen rasch zu konsumierenden Einblick in eine Kulturlandschaft, die den meisten nur noch aus Rundg\u00e4ngen durch Museen bekannt ist. Die einf\u00fchlsam gestalteten Fotografien fordern ihre Betrachter vielmehr auf, einen Dialog mit Texten zu f\u00fchren, die bildhaft geworden, die allm\u00e4hlich aus der Erinnerung schwindende Heimat zur\u00fcckholt. Nicht als nostalgisches Versatzst\u00fcck, das verloren gegangen ist, sondern als Aufforderung, mit der eigenen Geschichte ein andauerndes Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Ilse Hehn hat mit ihrer dynamisch aufgeladenen Bild-Text-Publikation eine konstruktive Grundlage f\u00fcr eine andere kulturgeschichtliche Betrachtung geliefert. Und die ist \u00e4sthetisch verlockend, n\u00fcchtern und zugleich ornamental gestaltet, k\u00fcnstlerisch \u00fcberzeugend und mit anschaulichen Texten angereichert, dank auch der fachlichen Beratung in Museen und mancher Hinweise von Literaturwissenschaftlern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-91511 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat-298x300.jpg\" alt=\"\" width=\"298\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat-298x300.jpg 298w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat-260x262.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat-160x161.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Heimat.jpg 497w\" sizes=\"auto, (max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><\/a>Heimat zum Anfassen oder: Das Ged\u00e4chtnis der Dinge: <\/strong>Donauschw\u00e4bisches Erbe in Wort und Bild, von Ilse Hehn. GHV- Verlag 2014<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eine Geschichte der Donauschw\u00e4bischen H\u00e4uslichkeit, der Arbeit und der Feste, gestaltet mit farbigen Abbildungen von Gegenst\u00e4nden aller Art, eingebettet in literarische und ethnografische Texte von Banater Autorinnen und Autoren, ausgew\u00e4hlt und fotografiert von der K\u00fcnstlerin und Lyrikerin Ilse Hehn,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/02\/13\/das-gedaechtnis-der-dinge\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":91511,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2495,1158],"class_list":["post-91506","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ilse-hehn","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91506","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91506"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91506\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}