{"id":91472,"date":"1992-11-24T00:01:57","date_gmt":"1992-11-23T23:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91472"},"modified":"2021-08-31T13:47:19","modified_gmt":"2021-08-31T11:47:19","slug":"was-ist-der-mensch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/11\/24\/was-ist-der-mensch\/","title":{"rendered":"Was ist der Mensch?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich lehre euch den \u00dcbermenschen<\/em>. Der Mensch ist etwas, das \u00fcberwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu \u00fcberwinden?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alle Wesen bisher schufen etwas \u00fcber sich hinaus: und ihr wollt die Ebbe dieser gro\u00dfen Flut sein und lieber noch zum Tiere zur\u00fcckgehn, als den Menschen \u00fcberwinden?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Was ist der Affe f\u00fcr den Menschen? Ein Gel\u00e4chter oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas soll der Mensch f\u00fcr den \u00dcbermenschen sein: ein Gel\u00e4chter oder eine schmerzliche Scham.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt noch ist der Mensch mehr Affe, als irgendein Affe.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter von Pflanze und von Gespenst. Aber hei\u00dfe ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen werden?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Seht, ich lehre euch den \u00dcbermenschen!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der \u00dcbermensch ist der Sinn der Erde! Euer Wille sage: der \u00dcbermensch sei der Sinn der Erde!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ich beschw\u00f6re euch, meine Br\u00fcder,\u00a0<em>bleibt der Erde treu<\/em>\u00a0und glaubt denen nicht, welche euch von \u00fcberirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ver\u00e4chter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde m\u00fcde ist: so m\u00f6gen sie dahinfahren!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Einst war der Frevel an Gott der gr\u00f6\u00dfte Frevel, aber Gott starb, und damit starben auch diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die Eingeweide des Unerforschlichen h\u00f6her zu achten, als den Sinn der Erde!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch nutzlos k\u00e4mpft der Geist des Menschen gegen seinen K\u00f6rper, und willenlos und ungerecht verletzt er seine Seele. Von Gott geschaffen k\u00e4mpft er gegen Gott und streitet f\u00fcr ein Leben der Erkenntnis; er l\u00f6scht die letzte Liebe zu dem wahren Gott, er schafft mit kalten Krallen Ha\u00df und Krieg, und ewig bleibt das unges\u00fchnte Blut, ein zeitenloser Schmerz. Der Mensch ist Kampf, ist eine Wahrheit Gottes; zugleich ein Spiegelbild des B\u00f6sen: Dualismus des Geistes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist der Mensch \u2013 eine ewige Feuerflamme des Friedens und des Kampfes, Symbol der Sch\u00f6pfung und der S\u00fcnde, auf der ewigen Suche nach dem wunderbaren Geheimnis des Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Reichtum des Menschen ist seine Seele, eine k\u00e4mpfende, oft widersinnige Seele. Sie hilft uns auf der Suche nach dem Sein. Durch Selbsterkenntnis k\u00f6nnen wir ein Problem l\u00f6sen oder zumindest in Angriff nehmen. Es ergibt sich die Frage nach Gott \u2013 oder entspringt Gott dem menschlichen Geist? Gibt es Gott \u00fcberhaupt? \u2013 Die Frage nach dem menschlichen Sein l\u00e4\u00dft sich verschieden und durchaus gegens\u00e4tzlich beantworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Zeit, wo der Darwinismus eine gewisse Allgemeing\u00fcltigkeit oder Anerkennung erlangte, wurde auch eine neue philosophische Richtung geboren: Die Philosophie Nietzsches.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche wu\u00dfte, da\u00df er mit seiner Philosophie etwas Neues brachte. Er verstand, da\u00df er etwas Phantastisches, Ungeheures geschaffen hatte, eine Glaubensumw\u00e4lzung. Er stellt das, was bis jetzt geglaubt, gefordert und geheiligt wurde, in Frage, doch er beweist es nicht eindeutig. Sein Zweifel gipfelt in der Behauptung, da\u00df er kein Mensch sei bzw. sein will:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #999999;\">Ich bin kein Mensch. Ich bin Dynamit.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 [in: <em>Ecce homo, Warum ich ein Schicksal bin<\/em>]<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ja, ich wei\u00df, woher ich stamme,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Unges\u00e4ttigt gleich der Flamme<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gl\u00fche und verzehr\u2019 ich mich.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Licht wird alles was ich fasse,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kohle alles, was ich lasse,<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Flamme bin ich sicherlich.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch ist eine stoffliche Substanz, die einmal aufflackert und dann f\u00fcr immer verlischt, ein winziger Dynamitfunken im Weltall. Er ist nicht mehr der Ausgangspunkt, der sich Gott zum Zentrum setzt, sondern Ausgangspunkt jeder Entwicklung sind die Naturgesetze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche verneint die Existenz Gottes, die Existenz eines menschlichen oder g\u00f6ttlichen Geistes. Er stellt den Menschen unter die Tiere. Er bezweifelt so den Religionsbesitz des Menschen, und lehnt so ein Hilfsmittel des Menschen, mit dem er das Leben erfassen will, ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch ist keine Absicht einer tierischen Entwicklung, er steht auf der gleichen Stufe mit allen anderen Wesen, da er wie das Tier von der Last des K\u00f6rpers bestimmt wird und der K\u00f6rper die Gedanken und den Geist des Menschen ausmacht. Folglich mu\u00df der Mensch sich vom Geist, von Gott und dem \u00dcberirdischen losrei\u00dfen und Gedanken und Geist als Last des K\u00f6rpers empfinden. Der Mensch lebt um der Naturgesetze und der Natur willen, nicht f\u00fcr eine geistige, h\u00f6here Macht; er lebt nur f\u00fcr das jetzige, bekannte Leben und macht sich \u00fcber ein Leben nach dem Tode keine Gedanken. F\u00fcr Nietzsche h\u00f6rt das Leben mit dem Tode auf, da ja der K\u00f6rper verwest und die Seele unbedeutend und auch sterblich ist, wenn sie nicht schon von Anfang an tot war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einem solchen Leben kann man keinen Sinn beimessen, wenn wir nur leben, um zu sterben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erde, das hei\u00dft das irdische, weltliche Leben, wird zum Mittelpunkt des Menschen. Gott starb. Er verschwand aus dem Denken wie ein Begriff, der durch einen anderen ersetzt wurde: durch das Forschen nach dem Unerforschlichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der sich in die Naturgesetze f\u00fcgende Mensch kann aber sein Menschsein nicht \u00fcberwinden, wie es Nietzsche lehrt. Er lehrt einen \u00dcbermenschen, welcher das Menschsein \u00fcberwindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <span style=\"color: #999999;\">Der \u00dcbermensch ist der Sinn der Erde.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Bleibt der Erde treu, glaubt denen nicht, die Euch von \u00fcberirdischen<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Hoffnungen reden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche kann diese \u00fcberirdischen Hoffnungen genauso wenig widerlegen, wie wir sie beweisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr mich liegt der Gedanke n\u00e4her, da\u00df wir ein Leben nach dem Tode besitzen werden, als da\u00df wir nur leben, um zu sterben, nur leben um des Aufflackerns willen. Wir kennen weder den Sinn des Lebens noch das Leben nach dem Tode.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nietzsche erkennt nicht, da\u00df die Erde vielleicht nur das Mittel zum Zweck ist, eine B\u00fchne, auf der wir die Rolle unseres Lebens spielen, so gut wie m\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es Gott gibt, beweist nicht nur die Tatsache, da\u00df wir seinen Begriff kennen, sondern seine Werke sehen k\u00f6nnen und sein Werk selbst sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl id=\"attachment_14437\">\n<dt><em>Quelle<\/em>: Ein Aufsatz in der Obersekunda [24.11.1962] \u00fcber Friedrich Nietzsche, <em>Also sprach Zarathustra<\/em><\/dt>\n<dt><\/dt>\n<dt><\/dt>\n<dt><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Nietzsche+Also-sprach-Zarathustra.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-11350\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/Nietzsche+Also-sprach-Zarathustra.jpg\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"300\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/dt>\n<dt>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein. Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/dt>\n<\/dl>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich lehre euch den \u00dcbermenschen. Der Mensch ist etwas, das \u00fcberwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu \u00fcberwinden? 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