{"id":91374,"date":"2021-10-30T00:01:20","date_gmt":"2021-10-29T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91374"},"modified":"2022-03-01T05:53:34","modified_gmt":"2022-03-01T04:53:34","slug":"aufstand-gegen-die-von-maennern-bestimmenten-machtverhaeltnisse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/30\/aufstand-gegen-die-von-maennern-bestimmenten-machtverhaeltnisse\/","title":{"rendered":"Aufstand gegen die von M\u00e4nnern bestimmenten Machtverh\u00e4ltnisse"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ich-Erz\u00e4hlerin Sylvie Meyer, eine dreiundf\u00fcnfzigj\u00e4hrige Mutter von zwei S\u00f6hnen, von ihrem Ehemann geschieden, \u00fcberrascht von Anfang an mit einem radikalen Bekenntnis. Sie kenne keine Gewalt, selbst die Gewalt in uns, die wir auf die anderen \u00fcbertragen, sei ihr fremd. Auch Sylvies folgende Bekenntnisse sind klar und entschieden. Sie erkenne das B\u00f6se, sie habe ihr Inneres zu einer Festung gemacht, sie k\u00f6nne jederzeit die Kammern dieser Bastion schlie\u00dfen, und wenn es notwendig sei, auch wieder \u00f6ffnen, stark sei sie. Was dann folgt, klingt wie ein Manifest einer emanzipatorischen Bewegung, eine Kampfansage an das andere Geschlecht: \u201eFrauen sind stark, st\u00e4rker als M\u00e4nner, sie verinnerlichen das Leid. F\u00fcr uns ist Leiden normal. Es ist Teil unserer Geschichte, unserer Geschichte als Frauen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach diesem fulminanten Einstieg, der eher einer theatralischen Inszenierung gleicht als einem inneren Monolog, setzt sie ihren Selbstbehauptungskampf gegen ihre m\u00e4nnlichen Protagonisten fort. Es ist zun\u00e4chst der R\u00fcckzug ihres Mannes, der ihr nicht allzu viel Kummer bereitet, wie sie behauptet. Ein Zwischenfall sei es gewesen, den sie schnell verschmerzt habe. Viel anstrengender erweist sich jedoch ihr beruflicher Aufstieg bei Cagex, einem Gummiwarenhersteller, wo sie, wie sie selbst bekennt, zu einem Resonanzk\u00f6rper ihres Chefs wird. Victor Andrieu sei, so Sylvie, ein Ausbund an Grausamkeit, eine Niete, ein Loser. Er benutzt sie in ihrer Funktion als Finanzbuchhalterin, um seine eigene Unf\u00e4higkeit zu kaschieren und Sylvie zugleich gegen die Arbeitnehmer*innen seines Betriebs als Spitzel einzusetzen. Die Auflistung seiner heuchlerischen und heimt\u00fcckischen Handlungen ist lang. Er setzt zum Schein auf Sylvies F\u00e4higkeiten, die Arbeitsprozesse zu koordinieren. Gleichzeitig stachelt er sie an, \u201eunf\u00e4higen\u201c Arbeitnehmerinnen nachzuweisen, sie seien nicht mehr in diesem Betrieb geeignet. Obwohl sie diese perfide Strategie ihres Chefs durchschaut, verh\u00e4lt sie sich zun\u00e4chst loyal, weil sie nicht nur Hierarchien respektiert, sondern sich gl\u00fccklich f\u00fchlt, arbeiten zu d\u00fcrfen. Denn f\u00fcr Sylvie hei\u00dft Arbeit \u201eeine Rolle zu haben, am Lauf der Welt teilzunehmen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die innerbetrieblichen Verh\u00e4ltnisse versch\u00e4rfen sich. In einem langen Gespr\u00e4ch zwischen Victor Andrieu und Sylvie legt der Chef endg\u00fcltig die Karten auf den Tisch. Angesichts der miesen Wirtschaftslage in seinem Betrieb soll Sylvie seine kleine Dirigentin spielen, sie soll ihre Kolleginnen bespitzeln, sie erpressen oder auch wegen angeblicher Disziplinlosigkeit entlassen. Nach einer qu\u00e4lend langen Denkpause, die l\u00e4nger als ein Arbeitstag dauert, kehrt sie zu ihrem Chef zur\u00fcck, nicht um ihn zuzustimmen, sondern sich den Anschuldigungen ihres br\u00fcllenden Chefs zu stellen, den Raum auf seinen Befehl hin nicht zu verlassen, sondern nach ihrer Handtasche zu greifen, ein kleines Messer herauszuholen, nein, nicht um ihn ermorden, sondern ihm die Meinung zu geigen, so lange, bis ihr Chef ein kleines j\u00e4mmerliches Etwas wird, das Angst versp\u00fcrt, das sich f\u00fcr seine \u00fcblen Machtstrategien entschuldigt, winselt, gleichzeitig von Freiheitberaubung spricht, ihr heuchlerische Komplimente macht, ihr verspricht, nicht die Polizei anzurufen \u2026 Und Sylvie geht, hofft, dass Victor Andrieu sein Versprechen h\u00e4lt. Doch als im Laufe des Tages zwei Zivilbeamte sie in ihrer Wohnung abholen, erkennt sie, dass sie wohl eine Dummheit begangen hat. Und je l\u00e4nger die Fahrt in dem Polizeiauto dauert, desto deutlicher kristallisiert sich in Sylvie eine dezidierte Haltung heraus: \u201eIch hatte es gewissen Chefs im Namen ihrer Arbeiterschaft heimgezahlt, und ich war stolz darauf.\u201c Und sie l\u00e4sst sich auch nicht von den diffamierenden Bemerkungen der zwei Bullen beeindrucken, die sie im vorauseilenden Gehorsam bereits im Knast sehen, sie mit Gesten und m\u00e4nnlichem Herrschaftsgehabe erniedrigen. Doch ihre Haltung gegen\u00fcber dem staatlichen Gewaltmonopol \u00e4ndert sich nach dem Betreten der Gef\u00e4ngniszelle j\u00e4h. Ein beklemmendes Gef\u00fchl kommt in ihr auf. Sie f\u00fchlt sich seltsamerweise besch\u00fctzt. Erst der Geruch der Gef\u00e4ngnisbullen erinnert sie j\u00e4h an Gewalt. Kindheit- und Jugenderinnerungen kommen auf. Unsichere Gef\u00fchle ihres pubertierenden K\u00f6rpers, die Bekanntschaft eines Mannes, der ihr Komplimente macht, sie in dem Glauben l\u00e4sst, ein Bewunderer ihrer jugendlichen Erscheinung zu sein, eben kein plumper Vergewaltiger zu sein scheint, sondern etwas viel Fieseres. Einer, der sie sexuell diffamiert, ihr seine scheinbare k\u00f6rperliche \u00dcberlegenheit aufzwingt, und dann den eindringlichen Geruch gewaltsamer K\u00f6rperlichkeit abl\u00e4sst, wie Sylvie ihn immer wieder w\u00e4hrend eines Sexualaktes als Ausdruck maskuliner \u00dcberw\u00e4ltigung erfahren hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das abschlie\u00dfende Kapitel besteht aus einem Brief, den Sylvie aus der Zelle des Untersuchungsgef\u00e4ngnisses an ihren Ehemann schreibt, von dem sie mehr als ein Jahr getrennt lebt. Er ist von einer frappierenden Offenheit, von einer verbl\u00fcffenden Vielschichtigkeit, er f\u00fchrt in die Tiefen einer mehr zwanzig Jahre w\u00e4hrenden Ehe, in der die gegenseitigen Bed\u00fcrfnisse von einer ausdifferenzierten Vielfalt sind, in der Liebe und Begehren aus der Sicht der Frau ineinander \u00fcbergehen, mit einem gravierenden Unterschied: W\u00e4hrend der begehrende Mann sich durchaus von der Liebe trennen kann, um sein Machtverh\u00e4ltnis gegen\u00fcber der \u201eLiebsten\u201c- bewusst oder auch unbewusst &#8211; zu seinen Gunsten durchzusetzen. Ob unbewusst oder nur seinen Gel\u00fcsten und seiner k\u00f6rperlichen \u00dcber-Macht gehorchend, dieser Frage versucht Sylvie auszuweichen. Auf jeden Fall bekennt sie, dass sie oft in ihrer langen Ehe von einer Schei\u00dftraurigkeit befallen gewesen sei, Dennoch verzeiht sie ihrem \u201egeliebten\u201c Mann, dessen Vorname sie \u00fcbrigens in ihrem Brief nicht nennt. Sie verzeiht ihm vielmehr mit dem Gedanken an ihre Traurigkeit, die f\u00fcr sie ein Zeichen von immer noch vorhandener Lebendigkeit ist. Es bleibt dabei, auch sie ist eine Geisel der Liebe und eines erdr\u00fcckenden Lebens, eine Frau, die den Aufstand gegen die von M\u00e4nnern bestimmenten Machtverh\u00e4ltnisse begonnen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nina Bouraoui, 1967 in Rennes geboren, verbrachte die ersten vierzehn Jahre ihres Lebens in Algier. Sie hat bis 2020 achtzehn, zum Teil hochdotierte Romane publiziert, geh\u00f6rt einer thematisch eng verbundenen Gruppe von Schriftstellerinnen an, die ihre emanzipatorische Haltung gegen\u00fcber dem immer noch m\u00e4nnlich dominierten franz\u00f6sischen Literaturmarkt auf unterschiedlichen Foren durchsetzen. Nina Bouraoui, nicht zuletzt aufgrund ihrer fr\u00fchen Erlebnisse w\u00e4hrend des Algerien-Kriegs im Hinblick auf die geistige und k\u00f6rperliche Unterdr\u00fcckung von Frauen durch die franz\u00f6sische Kolonialmacht sensibilisiert, verarbeitete ihre Romane auch als Theaterst\u00fccke. Im Falle des vorliegenden Romans \u201eGeiseln\u201c (\u201eOtages\u201c) kommt dies vor allem in der dezidierten Sprechweise der Ich-Erz\u00e4hlerin Sylvie Meyer zum Tragen. Ihre markant formulierten kurzen S\u00e4tze, ihr h\u00e4ufiger Wechsel von Perspektiven und Handlungsorten, ihre kompromisslosen Bekenntnisse, ihre gnadenlose und zugleich tolerante Haltung gegen\u00fcber den m\u00e4nnlichen Protagonisten \u2013 das sind Aspekte, die den Leseprozess der \u201eGeiseln\u201c vorantreiben. Kein Wunder, dass Nina Bouraoui f\u00fcr ihre Romane eine Reihe von Literaturpreisen erhalten hat, die ihr Anerkennung auch auf dem internationalen Buchmarkt gebracht haben. Ebenso lobenswert sind die Bem\u00fchungen des Z\u00fcricher Verlag Elster, diese hoch emanzipierte und literarisch ausgereifte Stimme durch die \u00dcbersetzerin Nathalie Rouanet auf dem deutschsprachigen Markt zum Klingen zu bringen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Geiseln_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-91377 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Geiseln_Cover-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Geiseln_Cover-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Geiseln_Cover-260x392.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Geiseln_Cover-160x241.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Geiseln_Cover.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a>Geiseln<\/strong>. Roman von Nina Bouraoui. Aus dem Franz\u00f6sischen von Nathalie Rouanet. Z\u00fcrich (Elster) 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Ich-Erz\u00e4hlerin Sylvie Meyer, eine dreiundf\u00fcnfzigj\u00e4hrige Mutter von zwei S\u00f6hnen, von ihrem Ehemann geschieden, \u00fcberrascht von Anfang an mit einem radikalen Bekenntnis. 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