{"id":913,"date":"2007-01-26T00:01:33","date_gmt":"2007-01-25T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=913"},"modified":"2022-02-28T17:44:17","modified_gmt":"2022-02-28T16:44:17","slug":"idole","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/01\/26\/idole\/","title":{"rendered":"Idole"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist ein Idol anderes als der dunkle Schatten einer kollektiven Erinnerung, eine archaische Sehnsucht nach dem Prinzip Geborgenheit und W\u00e4rme, manifestiert im weichen Umriss des Ewigweiblichen, Ewigm\u00fctterlichen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein ferner heimatlicher H\u00f6hlenruf klingt der Reigen der tanzenden Idole in Haimo Hieronymus\u2019 und A.J. Weigonis gleichnamigem K\u00fcnstlerbuch hinter den Augen nach. Lustvoll, gelassen, warm und sanft flie\u00dfen die weiblichen Idolformen \u00fcber das glatte Papier. Dank der neu entwickelten Leimdrucktechnik wirkt der Farbauftrag besonders satt und weich, schleichen sich in die Serialit\u00e4t der Drucke kleine Abweichungen, Makel, Sch\u00f6nheitsfehler ein, die die Figuren wieder ein St\u00fcck weit individualisieren und ihnen gleichzeitig liebenswerte Z\u00fcge verleihen. Denn Perfektion kann Bewunderung hervorrufen, aber keine Liebe. Idole sind nicht perfekt, auch wenn das im heutigen Verst\u00e4ndnis anders scheinen mag. Idole sind perfekt ob ihrer warmen Unperfektion, ihres gelassenen Umgangs mit dem K\u00f6rperlichen, ihrer Selbstzufriedenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Haimo Hieronymus\u2019 Idolzyklus manifestieren sich ans Urspr\u00fcngliche, Unverstellte, Unzivilisierte im Menschen r\u00fchrende Regungen, elementare Empfindungen von Lust und bejahender Lebensfreude. Dabei ist sich der K\u00fcnstler stets bewusst, dass Lust auch mit Schmerz einhergeht; die dunkle Seite l\u00e4sst er nicht au\u00dfer acht, sondern zeigt auch den eher pein- als lustvoll sich windenden und kr\u00fcmmenden Leib. So sehr man einerseits den Anblick genie\u00dft, so sehr schmerzt es an anderer Stelle die aufs Papier mit dem K\u00f6rperlabyrinth gebannten Augen. Zu einfach w\u00e4re es, dies blo\u00df als weiteren Beitrag in der langen K\u00fcnstlertradition zum Thema der Frau als Prinzip des Ewigfruchtbaren zu sehen. Vor allem auf formaler Ebene zeigt sich der Willen zur Hinterfragung und Auseinandersetzung mit \u00fcberkommenen Formen und Mustern. Hieronymus\u2019 Drucke paraphrasieren nicht uralte Idole der Menschheitsgeschichte, wie etwa die Venus von Willendorf, sondern verweisen spielerisch auf diese Vorbilder, gleichzeitig v\u00f6llig neue Ausdrucksformen schaffend. Durch starke Fl\u00e4chigkeit und Reduktion auf blo\u00df allernotwendigste Elemente wie Linien und Punkte bewegen sie sich zwischen Figuration und Abstraktion und lassen Raum f\u00fcr eigenes Orientieren und sinnliches Empfinden im K\u00f6rperfragment. Im Kontrast zur Linie und Fl\u00e4che erzeugen die weichen \u00dcberg\u00e4nge des hier angewendeten Leimhochdrucks in Verbindung mit der z\u00e4hfl\u00fcssigen Farbe gleichzeitig den Eindruck \u00fcberraschend runder K\u00f6rpervolumina. Das Spiel mit dem Material wird f\u00fcr K\u00fcnstler wie Betrachter zum sinnlichen Erlebnis: Fast meint man noch das Schmatzen des satten Farbauftrags in den Ohren zu haben; anfangs widerspenstig, gibt sich am Ende die eigenwillige Textur geschmeidig der so glatten, spiegelnden Papieroberfl\u00e4che hin. Durch Reduktion schwindet die Eindeutigkeit: Pl\u00f6tzlich ist diese Form da nicht mehr unbedingt ein Frauenk\u00f6rper, bekommt androgyne oder Satyrz\u00fcge, wird zur Huldigung an das bacchantische Prinzip. Selten hat man Haimo Hieronymus in seinen Arbeiten derma\u00dfen sinnlich und gelassen erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Kontext der Trilogie mit A.J. Weigoni steht das K\u00fcnstlerbuch \u201eIdole\u201c als logischer und befriedigender Abschluss: Vom Kampf des K\u00fcnstlers mit sich und dem Material wie in den brutal-kathartischen Holzschnitten \u201eUnbehaust\u201c \u00fcber das feinnervige Vortasten in halbfigurative Welten in \u201eFaszikel\u201c ist es ein spannender und mutiger Weg bis zum optimistischen, aber nicht naiven, sondern immer noch stets hintergr\u00fcndigen Spiel mit dem Material und der Form, zur Huldigung der Figuration als Verk\u00f6rperung des Lebens, der Freude am Empfinden und Erleben, am Schmecken und Riechen, Atmen, F\u00fchlen, Tasten, des Genie\u00dfens ohne Reue. Ein Zyklus \u00fcber den Hunger und die Sucht nach Leben und Liebe, die den Menschen seit Jahrtausenden umtreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Idole<\/strong>, ein K\u00fcnstlerbuch von Haimo Hieronymus und A.J. Weigoni,\u00a0 Edition Das Labor, 2007<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idole02.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-19914 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idole02-143x300.jpg\" alt=\"\" width=\"143\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idole02-143x300.jpg 143w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idole02-490x1024.jpg 490w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Idole02.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 143px) 100vw, 143px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fcnstlerb\u00fccher verstehen diese Artisten als Physiognomik, der B\u00fcchersammler wird somit zum Physiognomiker der Dingwelt. Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Was ist ein Idol anderes als der dunkle Schatten einer kollektiven Erinnerung, eine archaische Sehnsucht nach dem Prinzip Geborgenheit und W\u00e4rme, manifestiert im weichen Umriss des Ewigweiblichen, Ewigm\u00fctterlichen? Wie ein ferner heimatlicher H\u00f6hlenruf klingt der Reigen der tanzenden Idole&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2007\/01\/26\/idole\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":101278,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,44,149],"class_list":["post-913","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-haimo-hieronymus","tag-j-c-albers"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/913","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=913"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/913\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101280,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/913\/revisions\/101280"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/101278"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=913"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=913"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=913"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}