{"id":91293,"date":"2000-08-25T00:01:06","date_gmt":"2000-08-24T22:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91293"},"modified":"2021-08-23T09:13:12","modified_gmt":"2021-08-23T07:13:12","slug":"homer-und-die-klassische-philologie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/08\/25\/homer-und-die-klassische-philologie\/","title":{"rendered":"HOMER und die klassische Philologie"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ueber die klassische Philologie giebt es in unseren Tagen keine einheitliche und deutlich erkennbare \u00f6ffentliche Meinung. Dies empfindet man in den Kreisen der Gebildeten \u00fcberhaupt ebenso als mitten unter den J\u00fcngern jener Wissenschaft selbst. Die Ursache liegt in dem vielsp\u00e4ltigen Charakter derselben, in dem Mangel einer begrifflichen Einheit, in dem unorganischen Aggregatzustande verschiedenartiger wissenschaftlicher Th\u00e4tigkeiten, die nur durch den Namen \u00bbPhilologie\u00ab zusammengebunden sind. Man muss n\u00e4mlich ehrlich bekennen, dass die Philologie aus mehreren Wissenschaften gewissermassen geborgt und wie ein Zaubertrank aus den fremdartigsten S\u00e4ften, Metallen und Knochen zusammen gebraut ist, ja dass sie ausserdem noch ein k\u00fcnstlerisches und auf aesthetischem und ethischem Boden imperativisches Element in sich birgt, das zu ihrem rein wissenschaftlichen Gebahren in bedenklichem Widerstreite steht. Sie ist ebenso wohl ein St\u00fcck Geschichte als ein St\u00fcck Naturwissenschaft als ein St\u00fcck Aesthetik: Geschichte, insofern sie die Kundgebungen bestimmter Volksindividualit\u00e4ten in immer neuen Bildern, das waltende Gesetz in der Flucht der Erscheinungen begreifen will: Naturwissenschaft, so weit sie den tiefsten Instinkt des Menschen, den Sprachinstinkt zu ergr\u00fcnden trachtet: Aesthetik endlich, weil sie aus der Reihe von Alterth\u00fcmern heraus das sogenannte \u00bbklassische\u00ab Alterthum aufstellt, mit dem Anspruche und der Absicht, eine versch\u00fcttete<span id=\"Seite_6\" class=\"PageNumber\"><\/span> ideale Welt heraus zu graben und der Gegenwart den Spiegel des Klassischen und Ewigmusterg\u00fcltigen entgegen zu halten. Dass diese durchaus verschiedenartigen wissenschaftlichen und aesthetisch-ethischen Triebe sich unter einen gemeinsamen Namen, unter eine Art von Scheinmonarchie zusammengethan haben, wird vor allem durch die Thatsache erkl\u00e4rt, dass die Philologie ihrem Ursprunge nach und zu allen Zeiten zugleich P\u00e4dagogik gewesen ist. Unter dem Gesichtspunkte des P\u00e4dagogischen war eine Auswahl der lehrenswerthesten und bildungf\u00f6rderndsten Elemente geboten, und so hat sich aus einem praktischen Berufe, unter dem Drucke des Bed\u00fcrfnisses jene Wissenschaft oder wenigstens jene wissenschaftliche Tendenz entwickelt, die wir Philologie nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die genannten verschiedenen Grundrichtungen derselben sind nun in bestimmten Zeiten bald mit st\u00e4rkerem bald mit schw\u00e4cherem Nachdrucke herausgetreten, im Zusammenhang mit dem Kulturgrade und der Geschmacksentwicklung der jeweiligen Periode; und wiederum pflegen die einzelnen Vertreter jener Wissenschaft die ihrem K\u00f6nnen und Wollen entsprechendsten Richtungen immer als die Centralrichtungen der Philologie zu begreifen, so dass die Sch\u00e4tzung der Philologie in der \u00f6ffentlichen Meinung sehr abh\u00e4ngig ist von der Wucht der philologischen Pers\u00f6nlichkeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Gegenwart nun d. h. in einer Zeit, die fast in jeder m\u00f6glichen Richtung der Philologie ausgezeichnete Naturen erlebt hat, hat eine allgemeine Unsicherheit des Urtheils \u00fcberhand genommen und zugleich damit eine durchherrschende Erschlaffung der Theilnahme an philologischen Problemen. Ein solcher unentschiedener und halber Zustand der \u00f6ffentlichen Meinung trifft eine Wissenschaft insofern empfindlich, als die offenen und geheimen Feinde derselben mit viel gr\u00f6sserem Erfolge arbeiten k\u00f6nnen. An solchen Feinden hat aber gerade die Philologie eine grosse F\u00fclle. Wo trifft man sie nicht, die Sp\u00f6tter, die immer bereit sind, den philologischen \u201eMaulw\u00fcrfen\u201c einen Hieb zu versetzen, dem Geschlecht, das das Staubschlucken ex professo treibt, das die zehnmal aufgeworfene Erdscholle<span id=\"Seite_7\" class=\"PageNumber\"><\/span> noch das elftemal aufwirft und zerw\u00fchlt. F\u00fcr diese Art von Gegnern ist aber doch die Philologie ein freilich unn\u00fctzer, immerhin harmloser und unsch\u00e4dlicher Zeitvertreib, ein Objekt des Scherzes, nicht des Hasses. Dagegen lebt ein ganz ingrimmiger und unb\u00e4ndiger Hass gegen die Philologie \u00fcberall dort, wo das Ideal als solches gef\u00fcrchtet wird, wo der moderne Mensch in gl\u00fccklicher Bewunderung vor sich selbst niederf\u00e4llt, wo das Hellenenthum als ein \u00fcberwundener, daher sehr gleichg\u00fcltiger Standpunkt betrachtet wird. Diesen Feinden gegen\u00fcber m\u00fcssen wir Philologen immer auf den Beistand der K\u00fcnstler und der k\u00fcnstlerisch gearteten Naturen rechnen, da sie allein nachf\u00fchlen k\u00f6nnen, wie das Schwert des Barbarenthums \u00fcber dem Haupte jedes Einzelnen schwebt, der die uns\u00e4gliche Einfachheit und edle W\u00fcrde des Hellenischen aus den Augen verliert, wie kein noch so gl\u00e4nzender Fortschritt der Technik und Industrie, kein noch so zeitgem\u00e4sses Schulreglement, keine noch so verbreitete politische Durchbildung der Masse uns vor dem Fluche l\u00e4cherlicher und skythischer Geschmacksverirrungen und vor der Vernichtung durch das furchtbar-sch\u00f6ne Gorgonenhaupt des Klassischen sch\u00fctzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend von den genannten beiden Klassen von Gegnern die Philologie als Ganzes scheel angesehen wird: giebt es dagegen zahlreiche und h\u00f6chst mannichfaltige Anfeindungen bestimmter Richtungen der Philologie, K\u00e4mpfe von Philologen gegen Philologen ausgek\u00e4mpft, Zwistigkeiten rein h\u00e4uslicher Natur, hervorgerufen durch einen unn\u00fctzen Rangstreit und gegenseitige Eifers\u00fcchteleien, vor allem aber durch die schon betonte Verschiedenheit, ja Feindseligkeit der unter den Namen Philologie zusammengefassten, doch nicht verschmolzenen Grundtriebe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wissenschaft hat das mit der Kunst gemein, dass ihr das Allt\u00e4glichste v\u00f6llig neu und<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Homer_und_die_klassische_Philologie#cite_note-1\">[1]<\/a><\/sup> anziehend, ja wie durch die Macht einer Verzauberung als eben geboren und jetzt zum ersten Male erlebt erscheint. Das Leben ist werth gelebt zu werden, sagt die Kunst, die sch\u00f6nste Verf\u00fchrerin; das Leben ist werth, erkannt zu werden, sagt die Wissenschaft. Bei dieser Gegen\u00fcberstellung ergiebt sich der<span id=\"Seite_8\" class=\"PageNumber\"><\/span> innere und sich oft so herzzerreissend kundgebende Widerspruch im <i>Begriff<\/i> und demnach in der durch diesen Begriff geleiteten Th\u00e4tigkeit der klassischen Philologie. Stellen wir uns wissenschaftlich zum Alterthum, m\u00f6gen wir nun mit dem Auge des Historikers das Gewordene zu begreifen suchen, oder in der Art des Naturforschers die sprachlichen Formen der alterth\u00fcmlichen Meisterwerke rubrizieren, vergleichen, allenfalls auf einige morphologische Gesetze zur\u00fcckbringen: immer verlieren wir das wunderbar Bildende, ja den eigentlichen Duft der antiken Athmosph\u00e4re, wir vergessen jene sehns\u00fcchtige Regung, die unser Sinnen und Geniessen mit der Macht des Instinktes, als holdeste Wagenlenkerin, den Griechen zuf\u00fchrte. Von hier aus soll auf eine ganz bestimmte und zun\u00e4chst sehr \u00fcberraschende Gegnerschaft aufmerksam gemacht werden, die die Philologie immer am meisten zu bedauern hat. Eben n\u00e4mlich aus denjenigen Kreisen, auf deren Beistand wir am sichersten rechnen m\u00fcssen, der k\u00fcnstlerischen Freunde des Alterthums, der warmen Verehrer hellenischer Sch\u00f6nheit und edler Einfalt pflegen mitunter verstimmte T\u00f6ne laut zu werden, als ob gerade die Philologen selbst die eigentlichen Gegner und Verw\u00fcster des Alterthums und der alterth\u00fcmlichen Ideale seien. Den Philologen warf es Schiller vor, dass sie den Kranz des Homer zerrissen h\u00e4tten. Goethe war es, der, fr\u00fcher selbst ein Anh\u00e4nger der Wolfischen Homeransichten, seinen \u00abAbfall\u00bb in diesen Versen kundgab: \u00abScharfsinnig habt Ihr, wie Ihr seid, von aller Verehrung uns befreit, und wir bekannten \u00fcberfrei, dass Ilias nur ein Flickwerk sei. M\u00f6g\u2019 unser Abfall niemand kr\u00e4nken; denn Jugend weiss uns zu entz\u00fcnden, dass wir ihn lieber als Ganzes denken, als Ganzes freudig ihn empfinden\u00bb. F\u00fcr diesen Mangel an Piet\u00e4t und Verehrungslust, meint man wohl, m\u00fcsse der Grund tiefer liegen: und viele schwanken, ob es den Philologen \u00fcberhaupt an k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeiten und Empfindungen fehle, so dass sie unf\u00e4hig seien dem Ideal gerecht zu werden, oder ob in ihnen der Geist der Negation, eine destruktive bilderst\u00fcrmerische Richtung m\u00e4chtig geworden sei. Wenn aber selbst die Freunde des Alterthums mit derartigen Bedenklichkeiten und<span id=\"Seite_9\" class=\"PageNumber\"><\/span> Zweifeln den Gesammtcharakter der jetzigen klassischen Philologie als etwas durchaus fragw\u00fcrdiges bezeichnen, welchen Einfluss m\u00fcssen dann die Ausbr\u00fcche des \u00abRealisten\u00bb und die Phrasen der Tageshelden bekommen? Letzteren zu antworten und an dieser Stelle d\u00fcrfte im Hinblick auf den hier versammelten Kreis von M\u00e4nnern durchaus unzutreffend sein; wenn es mir nicht ergehen soll, wie jenem Sophisten, der in Sparta den Heracles \u00f6ffentlich zu loben und zu vertheidigen unternahm, aber von dem Rufe unterbrochen wurde: \u00abWer hat ihn denn getadelt?\u00bb Dagegen kann ich mich des Gedankens nicht entschlagen, dass auch in diesem Kreis hier und dort einige jener Bedenken nachklingen, wie sie gerade h\u00e4ufig aus dem Munde edler und k\u00fcnstlerisch bef\u00e4higter Menschen zu h\u00f6ren sind, ja wie sie ein redlicher Philolog wahrhaftig nicht etwa in den dumpfen Momenten herabgedr\u00fcckter Stimmung auf das qu\u00e4lendste zu empfinden hat. F\u00fcr den Einzelnen giebt es auch gar keine Rettung vor dem vorher geschilderten Zwiespalt: was wir aber behaupten und bannerartig hoch halten, das ist die Thatsache, dass die klassische Philologie in ihrem grossen Ganzen nichts mit diesen K\u00e4mpfen und Betr\u00fcbungen ihrer einzelnen J\u00fcnger zu thun hat. Die gesammte wissenschaftlich-k\u00fcnstlerische Bewegung dieses sonderbaren Centauren geht mit ungeheurer Wucht, aber cyklopischer Langsamkeit darauf aus, jene Kluft zwischen dem idealen Alterthum \u2013 das vielleicht nur die sch\u00f6nste Bl\u00fcthe germanischer Liebessehnsucht nach dem S\u00fcden ist \u2013 und dem realen zu \u00fcberbr\u00fccken; und damit erstrebt die klassische Philologie nichts als die endliche Vollendung ihres eigensten Wesens, v\u00f6lliges Verwachsen und Einswerden der anf\u00e4nglich feindseligen und nur gewaltsam zusammengebrachten Grundtriebe. Mag man auch von Unerreichbarkeit des Zieles reden, ja das Ziel selbst als eine unlogische Forderung bezeichnen \u2013 das Streben, die Bewegung auf jener Linie hin ist vorhanden, und ich m\u00f6chte es versuchen, einmal an einem Beispiel deutlich zu machen, wie die bedeutendsten Schritte der klassischen Philologie niemals vom idealen Alterthum weg, sondern zu ihm hin f\u00fchren, und wie gerade dort,<span id=\"Seite_10\" class=\"PageNumber\"><\/span> wo man missbr\u00e4uchlich vom Umsturz der Heiligth\u00fcmer redet, nur eben neuere und w\u00fcrdigere Alt\u00e4re gebaut worden sind. Pr\u00fcfen wir also von diesem Standpunkte aus die sogenannte <i>homerische Frage<\/i>, dieselbe, von deren wichtigstem Problem Schiller geredet hat als von einer gelehrten Barbarei.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mit diesem wichtigsten Problem ist gemeint <i>die Frage nach der Pers\u00f6nlichkeit Homers<\/i>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man h\u00f6rt jetzt allerw\u00e4rts die nachdr\u00fcckliche Behauptung, dass die Frage nach der Pers\u00f6nlichkeit Homers eigentlich nicht mehr zeitgem\u00e4ss sei und von der wirklichen \u00abhomerischen Frage\u00bb ganz abseits liege. Nun darf man freilich zugeben, dass f\u00fcr einen gegebenen Zeitraum, also z. B. f\u00fcr unsre philologische Gegenwart das Centrum der genannten Frage sich von dem Pers\u00f6nlichkeitsprobleme etwas entfernen k\u00f6nne: macht man doch gerade in der Gegenwart das sorgf\u00e4ltigste Experiment, die homerischen Dichtungen ohne eigentliche Beih\u00fclfe der Pers\u00f6nlichkeit, aber als das Werk vieler Personen zu construiren. Wenn man aber das Centrum einer wissenschaftlichen Frage mit Recht dort findet, von wo sich der volle Strom neuer Anschauungen ergossen hat, also an dem Punkte, an dem die wissenschaftliche Einzelforschung sich mit dem Gesammtleben der Wissenschaft und der Cultur ber\u00fchrt, wenn man also nach einer kulturhistorischen Werthbestimmung das Centrum bezeichnet, so muss man auch in dem Bereiche homerischer Forschungen bei der Pers\u00f6nlichkeitsfrage stehen bleiben, als dem eigentlich fruchtbringenden Kern eines ganzen Fragencyklus. An Homer n\u00e4mlich hat die moderne Welt einen grossen historischen Gesichtspunkt, ich will nicht sagen gelernt, aber zuerst erprobt; und ohne schon hier meine Meinung dar\u00fcber kund zu geben, ob diese Probe gerade an diesem Objekte mit Gl\u00fcck gemacht ist oder gemacht werden konnte, war doch damit das erste Beispiel f\u00fcr die Anwendung jenes fruchtbaren Gesichtspunktes gegeben. Hier hat man gelernt, in den scheinbar festen Gestalten \u00e4lteren V\u00f6lkerlebens verdichtete Vorstellungen zu erkennen, hier hat man zum ersten Male die wunderbare F\u00e4higkeit<span id=\"Seite_11\" class=\"PageNumber\"><\/span> der Volksseele anerkannt, Zust\u00e4nde der Sitte und des Glaubens in die Form der Pers\u00f6nlichkeit einzugiessen. Nachdem die geschichtliche Kritik sich mit voller Sicherheit der Methode bem\u00e4chtigt hat, scheinbar konkrete Pers\u00f6nlichkeit verdampfen zu lassen, ist es erlaubt, das erste Experiment als ein wichtiges Ereigniss in der Geschichte der Wissenschaften zu bezeichnen, ganz abgesehen davon, ob es in diesem Falle gelungen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist der gew\u00f6hnliche Verlauf, dass einem epochemachenden Funde eine Reihe auff\u00e4lliger Vorzeichen und vorbereitender Einzelbeobachtungen voranzugehen pflegen. Auch das genannte Experiment hat seine anziehende Vorgeschichte, aber in einer erstaunlich weiten zeitlichen Entfernung. Friedrich August Wolf hat genau dort eingesetzt, wo das griechische Alterthum die Frage aus den H\u00e4nden fallen liess. Der H\u00f6hepunkt, den die literarhistorischen Studien der Griechen und somit auch das Centrum derselben, die Homerfrage, erreichten, war das Zeitalter der grossen alexandrinischen Grammatiker. Bis zu diesem H\u00f6hepunkte hat die homerische Frage die lange Kette eines gleichf\u00f6rmigen Entwicklungsprocesses durchlaufen, als deren letztes Glied, zugleich als das letzte, dass dem Alterthum \u00fcberhaupt erreichbar war, der Standpunkt jener Grammatiker erscheint. Sie begriffen Ilias und Odyssee als Sch\u00f6pfungen des <i>einen<\/i> Homer: sie erkl\u00e4rten es f\u00fcr psychologisch m\u00f6glich, dass Werke so verschiedenen Gesammtcharakters <i>einem<\/i> Genius entsprungen seien, im Gegensatz zu den Chorizonten, die die \u00e4usserste Skepsis zuf\u00e4lliger einzelner Individualit\u00e4ten des Alterthums, nicht des Alterthums selbst bedeuten. Um den verschiedenen Totaleindruck der beiden Epen bei der Annahme eines Dichters zu erkl\u00e4ren, nahm man die Lebensalter zu H\u00fclfe und verglich den Dichter der Odyssee mit der untergehenden Sonne. F\u00fcr Diversit\u00e4ten des sprachlichen und gedanklichen Ausdrucks war das Auge jener Kritiker von unerm\u00fcdlicher Sch\u00e4rfe und Wachsamkeit; zugleich aber hatte man sich eine Geschichte der homerischen Dichtung und ihrer Tradition zurecht gelegt, nach der diese Diversit\u00e4ten nicht Homer, sondern seinen Redaktoren und<span id=\"Seite_12\" class=\"PageNumber\"><\/span> S\u00e4ngern zur Last fielen. Man dachte sich die Gedichte Homers eine Zeit lang m\u00fcndlich fortgepflanzt und den Unbilden improvisierender mitunter auch vergesslicher S\u00e4nger ausgesetzt. In einem gegebenen Zeitpunkte, in der Zeit des Pisistratus sollten die m\u00fcndlich fortlebenden Fragmente buchm\u00e4ssig gesammelt sein; aber den Redaktoren erlaubte man sich Mattes und St\u00f6rendes zuzuschieben. Diese ganze Hypothese ist die bedeutendste im Gebiete der Litteraturstudien, die das Alterthum aufzuweisen hat; insbesondre ist die Anerkennung einer m\u00fcndlichen Verbreitung Homers, im Gegensatz zu der Wucht der Gewohnheit eines b\u00fcchergelehrten Zeitalters ein bewunderungswerther H\u00f6hepunkt antiker Wissenschaftlichkeit. Von jenen Zeiten bis zu denen Friedrich August Wolf\u2019s muss man einen Sprung durch ein ungeheures Vacuum machen; jenseits dieser Grenze finden wir aber die Forschung genau wieder auf dem Punkte, an dem dem Alterthume die Kraft zum Weiterschreiten ausgegangen war: und es ist gleichg\u00fcltig, dass Wolf als sichere Tradition nahm, was das Alterthum selbst als Hypothese aufgestellt hatte. Als das Charakteristische dieser Hypothese kann man bezeichnen, dass im strengsten Sinne Ernst gemacht werden soll mit der Pers\u00f6nlichkeit Homers, dass Gesetzm\u00e4ssigkeit und innerer Einklang in den Aeusserungen der Pers\u00f6nlichkeit \u00fcberall vorausgesetzt werden, dass man mit zwei vortrefflichen Nebenhypothesen alles als nichthomerisch wegwischt, was dieser Gesetzm\u00e4ssigkeit widerstrebt. Aber dieser selbe Grundzug, an Stelle eines \u00fcbernat\u00fcrlichen Wesens eine greifbare Pers\u00f6nlichkeit erkennen zu wollen, geht gleichfalls durch alle jene Stadien, die bis zu jenem H\u00f6hepunkte f\u00fchren und zwar immer mit gr\u00f6sserer Energie und wachsender begrifflicher Deutlichkeit. Das Individuelle wird immer st\u00e4rker empfunden und betont, die psychologische M\u00f6glichkeit <i>eines<\/i> Homers immer kr\u00e4ftiger gefordert. Gehen wir von jenem H\u00f6hepunkte schrittweise r\u00fcckw\u00e4rts, so treffen wir auf die Auffassung des homerischen Problems durch Aristoteles. Ihm gilt Homer als der makellose und unfehlbare K\u00fcnstler, der sich seiner Zwecke und Mittel wohl bewusst ist: dabei zeigt sich aber in der<span id=\"Seite_13\" class=\"PageNumber\"><\/span> na\u00efven Hingabe an die Volksmeinung, die Homer auch das Urbild aller komischen Epen, den Margites zutheilte, noch ein Standpunkt der Unm\u00fcndigkeit in historischer Kritik. Gehen wir von Aristoteles auch r\u00fcckw\u00e4rts, so nimmt die Unf\u00e4higkeit, eine Pers\u00f6nlichkeit zu fassen, immer mehr zu; immer mehr Gedichte werden auf den Namen des Homer geh\u00e4uft, und jedes Zeitalter zeigt seinen Grad von Kritik darin, wie viel und was es als Homerisch bestehen l\u00e4sst. Man empfindet unwillk\u00fcrlich bei diesem langsamen Zur\u00fcckschreiten, dass jenseits Herodot eine Periode liege, in der eine un\u00fcbersehbare Fluth grosser Epen mit dem Namen Homers identifizirt worden sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Versetzen wir uns in das Zeitalter des Pisistratus: so umschloss damals das Wort \u00bbHomer\u00ab\u00a0eine F\u00fclle des Ungleichartigsten. Was bedeutete damals Homer? Offenbar f\u00fchlte sich jenes Zeitalter ausser Stande, eine Pers\u00f6nlichkeit und die Grenzen ihrer Aeusserungen wissenschaftlich zu umspannen. Homer war hier fast zu einer leeren H\u00fclse geworden. Hier tritt nun die wichtige Frage an uns heran: was liegt vor dieser Periode? Ist die Pers\u00f6nlichkeit<sup id=\"cite_ref-3\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Homer_und_die_klassische_Philologie#cite_note-3\">[3]<\/a><\/sup> Homers, weil man sie nicht fassen konnte, allm\u00e4hlich zu einem leeren Namen verdunstet? Oder hat man damals in na\u00efver Volksweise die gesammte heroische Dichtung verk\u00f6rpert und sich unter der Figur Homers veranschaulicht? <i>Ist somit aus einer Person ein Begriff oder aus einem Begriff eine Person gemacht worden?<\/i> Dies ist die eigentliche \u00bbhomerische Frage\u00ab, jenes centrale Pers\u00f6nlichkeitsproblem.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schwierigkeit, auf dieselbe zu antworten, vermehrt sich aber, wenn man von einer andern Seite aus, n\u00e4mlich vom Standpunkte der erhaltenen Gedichte aus, eine Antwort versucht. Wie es heutzutage schwer ist und eine ernste Anstrengung erfordert, um die Paradoxie des Gravitationsgesetzes sich deutlich zu machen, dass n\u00e4mlich die Erde ihre Bewegungsform \u00e4ndert, wenn ein anderer Himmelsk\u00f6rper seine Lage im Raume wechselt, ohne dass zwischen beiden ein materielles Band besteht: so kostet es gegenw\u00e4rtig M\u00fche, zum vollen Eindruck jenes wunderbaren Problems zu kommen, das aus Hand in Hand wandernd sein urspr\u00fcngliches h\u00f6chst auff\u00e4lliges <span id=\"Seite_14\" class=\"PageNumber\"><\/span>Gepr\u00e4ge immer mehr verloren hat. Werke der Dichtung, mit denen zu wetteifern den gr\u00f6ssten Genien der Muth entsinkt, in denen ewig unerreichte Musterbilder f\u00fcr alle Kunstperioden gegeben sind: und doch der Dichter derselben ein hohler Name, zerbrechlich, wo man ihn anfasst, nirgends der sichere Kern einer waltenden Pers\u00f6nlichkeit. \u00abDenn wer wagte mit G\u00f6ttern den Kampf, den Kampf mit dem Einen?\u00bb sagt selbst Goethe, der, wenn irgend ein Genius mit jenem geheimnissvollen Problem der homerischen Unerreichbarkeit gerungen hat. Ueber dasselbe hinweg schien der Begriff der <i>Volksdichtung<\/i> als Br\u00fccke zu f\u00fchren; eine tiefere und urspr\u00fcnglichere Gewalt als die jedes einzelnen sch\u00f6pferischen Individuums sollte hier th\u00e4tig gewesen sein, das gl\u00fccklichste Volk in seiner gl\u00fccklichsten Periode, in der h\u00f6chsten Regsamkeit der Phantasie und der poetischen Gestaltungskraft sollte jene unausmessbaren Dichtungen erzeugt haben. In dieser Allgemeinheit hat der Gedanke einer Volksdichtung etwas Berauschendes; man empfindet die breite \u00fcberm\u00e4chtige Entfesselung einer volksth\u00fcmlichen Eigenschaft mit k\u00fcnstlerischem Behagen und freut sich dieser Naturerscheinung, wie man sich einer unaufhaltsam hinstr\u00f6menden Wassermasse freut. Sobald man sich aber diesem Gedanken n\u00e4hern und ins Angesicht schauen wollte, so<sup id=\"cite_ref-4\" class=\"reference\"><a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Homer_und_die_klassische_Philologie#cite_note-4\">[4]<\/a><\/sup> setzte man unwillk\u00fcrlich an Stelle der dichtenden <i>Volksseele<\/i> eine dichterische <i>Volksmasse<\/i>, eine lange Reihe von Volksdichtern, an denen das Individuelle nichts bedeutete, sondern in denen der Wogenschlag der Volksseele, die anschauliche Kraft des Volksauges, die ungeschw\u00e4chteste F\u00fclle der Volksphantasie m\u00e4chtig war: eine Reihe von urw\u00fcchsigen Genien, einer Zeit, einer Dichtgattung, einem Stoffe zugeh\u00f6rig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eine solche Vorstellung machte mit Recht misstrauisch: sollte dieselbe Natur, die mit ihrem seltensten und k\u00f6stlichsten Erzeugnisse, dem Genius so karg und haush\u00e4lterisch umgeht, gerade an einem einzigen Punkte in unerkl\u00e4rlicher Laune verschwendet haben? Hier kehrte nun die bedenkliche Frage wieder; ist nicht vielleicht auch mit einem einzigen Genius auszukommen und der vorhandene <span id=\"Seite_15\" class=\"PageNumber\"><\/span>Bestand jener unerreichbaren Vortrefflichkeit zu erkl\u00e4ren? Jetzt sch\u00e4rfte sich der Blick f\u00fcr das, worin jene Vortrefflichkeit und Singularit\u00e4t zu finden sei. Unm\u00f6glich in der Anlage der Gesammtwerke, sagte die eine Partei, denn diese ist durch und durch mangelhaft, wohl aber in dem einzelnen Liede, in dem Einzelnen \u00fcberhaupt, nicht im Ganzen. Dagegen machte eine andere Partei f\u00fcr sich die Autorit\u00e4t des Aristoteles geltend, der gerade in dem Entwurfe und der Auswahl des Ganzen die \u00bbg\u00f6ttliche\u00ab Natur Homers am h\u00f6chsten bewunderte; wenn dieser Entwurf nicht so deutlich hervortrete, so sei dies ein Mangel, der der Ueberlieferung, nicht dem Dichter zuzumessen sei, die Folge von Ueberarbeitungen und Einschiebungen, durch die der urspr\u00fcngliche Kern allm\u00e4hlich verh\u00fcllt worden sei. Je mehr die erstere Richtung nach Unebenheiten, Widerspr\u00fcchen und Verwirrungen suchte, um so entschiedener warf die andere weg, was nach ihrem Gef\u00fchl den urspr\u00fcnglichen Plan verdunkelte, um wom\u00f6glich das ausgesch\u00e4lte Urepos in den H\u00e4nden zu haben. Es lag im Wesen der zweiten Richtung, dass sie am Begriff eines epochemachenden Genius als des Stifters grosser kunstvoller Epen festhielt. Dagegen schwankte die andere Richtung hin und her zwischen der Annahme <i>eines<\/i> Genius und einer Anzahl geringerer Nachdichter: und einer anderen Hypothese, die \u00fcberhaupt nur einer Reihe t\u00fcchtiger aber mittelm\u00e4ssiger S\u00e4ngerindividualit\u00e4ten bedarf, aber ein geheimnissvolles Fortstr\u00f6men, einen tiefen k\u00fcnstlerischen Volkstrieb voraussetzt der sich in dem einzelnen S\u00e4nger als einem fast gleichg\u00fcltigen Medium offenbart. In der Consequenz dieser Richtung liegt es, die unvergleichlichen Vorz\u00fcge der homerischen Dichtungen als den Ausdruck jenes geheimnissvoll hinstr\u00f6menden Triebes darzustellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle diese Richtungen gehen davon aus, dass das Problem des gegenw\u00e4rtigen Bestandes jener Epen zu l\u00f6sen sei vom Standpunkte eines aesthetischen Urtheils aus: man erwartet die Entscheidung von der richtigen Festsetzung der Grenzlinie zwischen dem genialen Individuum und der dichterischen Volksseele. Giebt es charakteristische <span id=\"Seite_16\" class=\"PageNumber\"><\/span>Unterschiede zwischen den Aeusserungen des <i>genialen Individuums<\/i> und der <i>dichterischen Volksseele?<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber diese ganze Gegen\u00fcberstellung ist eine unberechtigte und f\u00fchrt in die Irre. Dieses lehrt folgende Erw\u00e4gung. Es giebt in der modernen Aesthetik keinen gef\u00e4hrlicheren Gegensatz als den von <i>Volksdichtung<\/i> und <i>Individualdichtung<\/i> oder, wie man zu sagen pflegt, <i>Kunstdichtung<\/i>. Es ist dies der R\u00fcckschlag oder wenn man will der Aberglaube, den die folgenreichste Entdeckung der historisch-philologischen Wissenschaft nach sich zog, die Entdeckung und W\u00fcrdigung der <i>Volksseele<\/i>. Mit ihr n\u00e4mlich war erst der Boden geschaffen f\u00fcr eine ann\u00e4hernd wissenschaftliche Betrachtung der Geschichte, die bis dahin und in vielen Formen bis jetzt eine einfache Stoffsammlung war, mit der Aussicht, dass dieser Stoff sich ins Unendliche h\u00e4ufe, und es nie gelingen werde Gesetz und Regel dieses ewig neuen Wellenschlags zu entdecken. Jetzt begriff man zum ersten Male die l\u00e4ngst empfundene Macht gr\u00f6sserer Individualit\u00e4ten und Willenserscheinungen, als es das verschwindende Minimum des einzelnen Menschen ist; jetzt erkannte man, wie alles wahrhaft Grosse und Weithintreffende im Reiche des Willens seine am tiefsten eingesenkte Wurzel nicht in der so kurzlebigen und unkr\u00e4ftigen Einzelgestalt des Willens haben k\u00f6nne; jetzt endlich f\u00fchlte man die grossen Masseninstinkte, die unbewussten V\u00f6lkertriebe heraus als die eigentlichen Tr\u00e4ger und Hebel der sogenannten Weltgeschichte. Aber die neu aufleuchtende Flamme warf auch ihren Schatten: und dieser ist eben jener vorhin bezeichnete Aberglaube, der die Volksdichtung der Individualdichtung entgegenstellt und dabei in bedenklichster Art den unklar gefassten Begriff der Volksseele zu dem des Volksgeistes erweitert. Durch den Missbrauch eines allerdings verf\u00fchrerischen Schlusses nach der Analogie war man dazu gekommen, auch auf das Reich des Intellektes und der k\u00fcnstlerischen Ideen jenen Satz von der gr\u00f6sseren Individualit\u00e4t anzuwenden, der seinen Werth nur im Reiche des Willens hat. Niemals ist der so unsch\u00f6nen und unphilosophischen Masse etwas Schmeichelhafteres angethan worden als <span id=\"Seite_17\" class=\"PageNumber\"><\/span>hier, wo man ihr den Kranz des Genie\u2019s auf das kahle Haupt setzte. Man stellte sich ungef\u00e4hr vor als ob um einen kleinen Kern herum immer neue Rinden sich ansetzen, man dachte sich jene Massendichtungen etwa entstanden, wie die Lawinen entstehen, n\u00e4mlich im Laufe, im Fluss der Tradition. Jenen kleinen Kern aber war man geneigt m\u00f6glichst klein anzunehmen, so dass man ihn auch gelegentlich abrechnen konnte, ohne von der gesammten Masse etwas zu verlieren. Dieser Anschauung ist also Ueberlieferung und Ueberliefertes geradezu dasselbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber existirt in der Wirklichkeit ein solcher Gegensatz von Volksdichtung und Individualdichtung gar nicht: vielmehr braucht alle Dichtung und nat\u00fcrlich auch die Volksdichtung ein vermittelndes Einzelindividuum. Jene meist missbr\u00e4uchliche Gegen\u00fcberstellung hat nur dann einen Sinn, wenn man unter Individualdichtung eine Dichtung versteht, die nicht auf dem Boden volksth\u00fcmlicher Empfindung erwachsen ist, sondern auf einen unvolksth\u00fcmlichen Sch\u00f6pfer zur\u00fcckgeht, und in unvolksth\u00fcmlicher Athmosphaere, etwa in der Studirstube des Gelehrten gezeitigt worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit dem Aberglauben, der eine dichtende Masse annimmt, h\u00e4ngt der andere zusammen, dass die Volksdichtung auf einen gegebenen Zeitraum bei jedem Volke beschr\u00e4nkt sei und nachher aussterbe: wie es allerdings in der Konsequenz jenes ersten Aberglaubens liegt. An die Stelle dieser allm\u00e4hlich aussterbenden Volksdichtung tritt nach dieser Vorstellung die Kunstdichtung, das Werk einzelner K\u00f6pfe, nicht mehr ganzer Massen. Aber dieselben Kr\u00e4fte, die einstmals th\u00e4tig waren, sind es auch jetzt noch; und die Form, in der sie wirken, ist genau noch dieselbe geblieben. Der grosse Dichter eines litterarischen Zeitalters ist immer noch Volksdichter und in keinem Sinne weniger als es irgend ein alter Volksdichter in einer illitteraten Periode war. Der einzige Unterschied zwischen beiden betrifft etwas ganz anderes als die Entstehungsart ihrer Dichtungen, n\u00e4mlich die Fortpflanzung und Verbreitung, kurz die <i>Tradition<\/i>. Diese ist n\u00e4mlich ohne H\u00fclfe der fesselnden Buchstaben in ewigem <span id=\"Seite_18\" class=\"PageNumber\"><\/span>Flusse und der Gefahr ausgesetzt, fremde Elemente, Reste jener Individualit\u00e4ten in sich aufzunehmen, durch die der Weg der Tradition f\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenden wir alle diese S\u00e4tze auf die homerischen Dichtungen an, so ergiebt sich, dass wir mit der Theorie von der dichtenden Volksseele nichts gewinnen, dass wir unter allen Umst\u00e4nden verwiesen werden auf das dichterische Individuum. Es entsteht also die Aufgabe, das Individuelle zu fassen und es wohl zu unterscheiden von dem, was im Flusse der m\u00fcndlichen Tradition gewissermassen angeschwemmt worden ist \u2013 ein als h\u00f6chst betr\u00e4chtlich geltender Bestandtheil der homerischen Dichtungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seitdem die Litteraturgeschichte aufgeh\u00f6rt hat, ein Register zu sein oder sein zu d\u00fcrfen: macht man Versuche die Individualit\u00e4ten der Dichter einzufangen und zu formulieren. Die Methode bringt einen gewissen Mechanismus mit sich; es soll erkl\u00e4rt werden, es soll folglich aus Gr\u00fcnden abgeleitet werden, warum diese und jene Individualit\u00e4t sich so und nicht anders zeigt. Jetzt benutzt man die biographischen Daten, die Umgebung, die Bekanntschaften, die Zeitereignisse und glaubt aus der Mischung aller dieser Ingredienzien die verlangte Individualit\u00e4t gebraut zu haben. Leider vergisst man, dass man eben den bewegenden Punkt, das undefinirbar Individuelle nicht als Resultat herausbekommen kann. Je weniger nun \u00fcber Zeit und Leben feststeht, um so weniger anwendbar ist jener Mechanismus. Hat man aber gar nur die Werke und den Namen, dann steht es schlimm um den Nachweis der Individualit\u00e4t, wenigstens f\u00fcr die Freunde jenes erw\u00e4hnten Mechanismus; ganz besonders schlimm, wenn die Werke recht vollkommen sind, wenn sie Volksdichtungen sind. Denn woran jene Mechaniker am ersten noch das Individuelle fassen k\u00f6nnen, das sind die Abweichungen vom Volksgenius, die Ausw\u00fcchse und verbogenen Linien; je weniger somit eine Dichtung Ausw\u00fcchse hat, um so blasser wird die Zeichnung ihres Dichterindividuums ausfallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle jene Ausw\u00fcchse, alles Matte oder Masslose, das man in <span id=\"Seite_19\" class=\"PageNumber\"><\/span>den homerischen Gedichten zu finden glaubte, war man sofort bereit, der leidigen Tradition beizumessen. Was blieb nun als das Individuell-Homerische zur\u00fcck? Nichts als eine nach subjektiver Geschmacksrichtung ausgew\u00e4hlte Reihe besonders sch\u00f6ner und hervortretender Stellen. Den Inbegriff von \u00e4sthetischer Singularit\u00e4t, die der Einzelne nach seiner k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeit anerkannte, nannte er jetzt Homer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist der Mittelpunkt der homerischen Irrth\u00fcmer. Der Name Homer hat n\u00e4mlich von Anfang an weder zu dem Begriff aesthetischer Vollkommenheit, noch auch zu Ilias und Odyssee eine nothwendige Beziehung. Homer als der Dichter der Ilias und Odyssee ist nicht eine historische Ueberlieferung, sondern ein <i>aesthetisches Urtheil<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der einzige Weg, der uns hinter die Zeit des Pisistratus zur\u00fcckf\u00fchrt und \u00fcber die Bedeutung des Namens Homer vorw\u00e4rts bringt, geht einerseits durch die homerischen Stadtsagen: aus denen auf das Unzweideutigste erhellt, wie \u00fcberall epische Heroendichtung und Homer identificirt werden, er dagegen nirgends in einem andern Sinne als Dichter der Ilias und Odyssee gilt, als etwa der Thebais oder eines anderen cyklischen Epos. Anderntheils lehrt die uralte Fabel von einem Wettkampfe Homers und Hesiods, dass man zwei epische Richtungen, die heroische und die didaktische beim Nennen dieser Namen herausf\u00fchlte, dass somit in das Stoffliche, nicht in das Formale die Bedeutung Homers gesetzt wurde. Jener fingirte Wettkampf mit Hesiod zeigt noch nicht einmal ein d\u00e4mmerndes Vorgef\u00fchl des Individuellen. Von der Zeit des Pisistratus aber an, bei dem erstaunlich schnellen Entwicklungsgange des griechischen Sch\u00f6nheitsgef\u00fchls wurden die aesthetischen Werthunterschiede jener Epen immer deutlicher empfunden: Ilias und Odyssee tauchten aus der Fluth empor und blieben seitdem immer auf der Oberfl\u00e4che. Bei diesem aesthetischen Auscheidungsprozess engte sich der Begriff Homers immer mehr ein: die alte stoffliche Bedeutung von Homer dem Vater der epischen Heroendichtung wandelte sich in die aesthetische Bedeutung von Homer dem Vater der Dichtkunst \u00fcberhaupt und zugleich <span id=\"Seite_20\" class=\"PageNumber\"><\/span>ihrem unerreichbaren Prototyp. Dieser Umbildung gieng eine rationalistische<sup id=\"cite_ref-5\" class=\"reference\"><\/sup> Kritik zur Seite, die den Wundermann Homer sich \u00fcbersetzte in einen m\u00f6glichen Dichter, die die stofflichen und formalen Widerspr\u00fcche jener zahlreichen Epen gegen die Einheit des Dichters geltend machte und den Schultern Homers allm\u00e4hlich jenes schwere B\u00fcndel cyklischer Epen abnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also Homer als Dichter der Ilias und Odyssee ist ein aesthetisches Urtheil. Damit ist jedoch gegen den Dichter der genannten Epen durchaus noch nicht ausgesagt, dass auch er nur eine Einbildung, in Wahrheit eine aesthetische Unm\u00f6glichkeit sei: was die Meinung nur weniger Philologen sein wird. Die Meisten vielmehr behaupten, dass zum Gesammtentwurfe einer Dichtung wie die Ilias ist ein Individuum geh\u00f6re, und gerade dies sei Homer. Man wird das erste zugeben m\u00fcssen, aber das zweite muss ich nach dem Gesagten leugnen. Auch zweifle ich, ob die Meisten zur Anerkennung des ersten Punktes von folgender Erw\u00e4gung aus gekommen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Plan eines solchen Epos wie der der Ilias ist kein Ganzes, kein Organismus, sondern eine Auff\u00e4delung, ein Produkt der nach aesthetischen Regeln verfahrenden Reflexion. Es ist gewiss der Masstab der Gr\u00f6sse eines K\u00fcnstlers, wie viel er zugleich mit einem Gesammtblick \u00fcberschauen und sich rhythmisch gestalten kann. Der unendliche Reichthum eines homerischen Epos an Bildern und Scenen macht einen solchen Gesammtblick wohl unm\u00f6glich<sup id=\"cite_ref-7\" class=\"reference\"><\/sup>. Wo man aber nicht k\u00fcnstlerisch \u00fcberschauen kann, pflegt man Begriffe an Begriffe zu reihen und sich eine Anordnung nach einem begrifflichen Schema auszudenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies wird um so vollkommener gelingen, je bewusster der anordnende K\u00fcnstler die aesthetischen Grundgesetze handhabt: ja er wird selbst die T\u00e4uschung erregen k\u00f6nnen als ob das Ganze in einem kr\u00e4ftigen Augenblicke als anschauliches Ganze ihm vorgeschwebt habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Ilias ist kein Kranz, aber ein Blumengewinde. Es sind m\u00f6glichst viel Bilder in einen Rahmen gesteckt, aber der Zusammensteller <span id=\"Seite_21\" class=\"PageNumber\"><\/span>war unbek\u00fcmmert darum, ob auch die Gruppirung der zusammengestellten Bilder immer eine gef\u00e4llige und rhythmisch sch\u00f6ne sei. Er wusste n\u00e4mlich, dass das Ganze f\u00fcr Niemand in Betracht kam, sondern nur das Einzelne. Jene Auff\u00e4delung als die Kundgebung eines noch wenig entwickelten, noch weniger begriffenen und allgemein gesch\u00e4tzten <i>Kunstverstandes<\/i> kann aber unm\u00f6glich die eigentliche homerische That, das epochemachende Ereigniss gewesen sein. Vielmehr ist der Plan gerade das j\u00fcngste Produkt und weit j\u00fcnger als die Ber\u00fchmtheit Homers. Diejenigen also, welche nach dem \u00aburspr\u00fcnglichen und vollkommenen Plane suchen,\u00bb suchen nach einem Phantom; denn der gef\u00e4hrliche Weg der m\u00fcndlichen Tradition war eben vollendet als die Planm\u00e4ssigkeit hinzukam; die Verunstaltungen, die jener Weg mit sich brachte, k\u00f6nnen nicht den Plan getroffen haben, der in der \u00fcberlieferten Masse nicht mitenthalten war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die relative Unvollkommenheit des Planes aber darf durchaus nicht geltend gemacht werden, um in dem Planmacher eine von dem eigentlichen Dichter verschiedene Pers\u00f6nlichkeit hinzustellen. Es ist nicht nur wahrscheinlich, dass alles, was mit bewusster aesthetischer Einsicht in jenen Zeiten geschaffen wurde gegen die mit instinktiver Kraft hervorquellenden Lieder unendlich zur\u00fcckstand. Ja man kann noch einen Schritt weiter gehen. Zieht man die grossen sogenannten cyklischen Dichtungen zur Vergleichung herbei, so ergiebt sich f\u00fcr den Planmacher von Ilias und Odyssee das unbestreitbare Verdienst, in dieser bewussten Technik des Componierens das relativ H\u00f6chste geleistet zu haben; ein Verdienst, das wir von vorn herein geneigt sein m\u00f6chten, an demselben anzuerkennen, der uns als der Erste im Reiche des instinktiven Schaffens gilt. Vielleicht wird man sogar eine weittragende Andeutung in dieser Verkn\u00fcpfung willkommen heissen. Alle jene als so erheblich geltenden, im Ganzen aber h\u00f6chst subjectiv abgesch\u00e4tzten Schw\u00e4chen und Sch\u00e4den, die man gewohnt ist, als die versteinerten Ueberreste der Traditionsperiode auszusehen \u2013 sind sie nicht vielleicht nur die fast nothwendigen Uebel, denen der geniale Dichter bei dem so grossartig intentionirten, fast vorbildlosen und <span id=\"Seite_22\" class=\"PageNumber\"><\/span>unberechenbar schwierigen Componieren des Ganzen anheimfallen musste?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man merkt wohl, dass die Einsicht in die durchaus verschiedenartigen Werkst\u00e4tten des Instinktiven und des Bewussten auch die Fragestellung des homerischen Problems verr\u00fcckt: und wie ich meine, dem Lichte zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wir glauben an den einen grossen Dichter von Ilias und Odyssee \u2013 <i>doch nicht an Homer als diesen Dichter<\/i>.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Entscheidung hier\u00fcber ist bereits gegeben. Jenes Zeitalter, das die zahllosen Homerfabeln erfand, das den Mythus vom homerisch-hesiodischen Wettkampf dichtete, das die s\u00e4mmtlichen Gedichte des Cyklos als homerische betrachtete, f\u00fchlte nicht eine aesthetische sondern eine stoffliche Singularit\u00e4t heraus, wenn es den Namen \u00abHomer\u00bb aussprach. Homer geh\u00f6rt f\u00fcr dies Zeitalter in die Reihe von K\u00fcnstlernamen wie Orpheus Eumolpus Dacdalus Olympus, in die Reihe der mythischen Entdecker eines neuen Kunstzweiges, denen daher alle sp\u00e4teren Fr\u00fcchte, die auf dem neuen Zweige gewachsen sind, dankbarlich gewidmet wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zwar geh\u00f6rt auch jener wunderbarste Genius, dem wir Ilias und Odyssee verdanken, zu dieser dankbaren Nachwelt; auch er opferte seinen Namen auf dem Altare des uralten Vaters der epischen Heroendichtung, des Homeros.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis zu diesem Punkte und im strengen Fernhalten aller Einzelheiten habe ich Ihnen, hochverehrte Anwesende, die philosophischen und aesthetischen Grundz\u00fcge des homerischen Pers\u00f6nlichkeitsproblems vorzuf\u00fchren gedacht: in der Voraussetzung, dass die Grundformationen jenes weitverzweigten und tief zerkl\u00fcfteten Gebirgs, welches als die homerische Frage bekannt ist, sich am sch\u00e4rfsten und deutlichsten in m\u00f6glichst weiter Entfernung und von der H\u00f6he herab aufzeigen lassen. Zugleich aber bilde ich mir ein, jenen Freunden des Alterthums, die uns Philologen so gern Mangel an Piet\u00e4t gegen grosse Begriffe und eine unproductive Zerst\u00f6rungslust vorwerfen, an einem Beispiel zwei Thatsachen ins Ged\u00e4chtniss gerufen zu haben. <span id=\"Seite_23\" class=\"PageNumber\"><\/span>Erstens n\u00e4mlich waren jene \u00abgrossen\u00bb Begriffe wie z. B. der vom unantastbaren einen und<sup id=\"cite_ref-9\" class=\"reference\"><\/sup> ungetheilten Dichtergenius Homer in der Vor-Wolfschen Periode, thats\u00e4chlich nur zu grosse und daher innerlich sehr leere und bei derbem Zufassen zerbrechliche Begriffe; wenn die klassische Philologie jetzt wieder auf dieselben Begriffe zur\u00fcckkommt, so sind es nur scheinbar noch die alten Schl\u00e4uche; in Wahrheit ist alles neu geworden, Schlauch und Geist, Wein und Wort. Ueberall sp\u00fcrt man es, dass die Philologen fast ein Jahrhundert lang mit Dichtern, Denkern und K\u00fcnstlern zusammengelebt haben. Daher kommt es, dass jener Aschen- und Schlackenh\u00fcgel, der ehedem als das klassische Alterthum bezeichnet wurde, jetzt fruchtbares, ja \u00fcppiges Ackerland geworden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch ein Zweites m\u00f6chte ich jenen Freunden des Alterthums zurufen, die von der klassischen Philologie sich missvergn\u00fcgt abwenden. Ihr verehrt ja die unsterblichen Meisterwerke des hellenischen Geistes in Wort und Bild und w\u00e4hnt euch um vieles reicher und begl\u00fcckter als jede Generation, die sie entbehren musste: nun, so vergesst nicht, dass diese ganze zauberische Welt einstmals vergraben lag, \u00fcbersch\u00fcttet von berghohen Vorurtheilen, vergesst nicht, dass Blut und Schweiss und die m\u00fchsamste Gedankenarbeit zahlloser J\u00fcnger unserer Wissenschaft n\u00f6thig war, um jene Welt aus ihrer Versenkung empor steigen zu lassen. Die Philologie ist ja nicht die Sch\u00f6pferin jener Welt, sie ist nicht die Tondichterin dieser unsterblichen Musik; aber sollte es nicht ein Verdienst sein und zwar ein grosses, auch nur Virtuose zu sein und jene Musik zum ersten Mal wieder ert\u00f6nen zu lassen, sie, die so lange unentziffert und ungesch\u00e4tzt im Winkel lag? Wer war denn Homer <i>vor<\/i> der muthigen Geistesthat Wolfs? Ein guter Alter, im besten Falle unter der Signatur \u00abNaturgenie\u00bb bekannt, jedenfalls das Kind eines barbarischen Zeitalters, voller Verst\u00f6sse gegen den guten Geschmack und die guten Sitten. H\u00f6ren wir doch, wie noch 1783 ein vortrefflicher Gelehrter \u00fcber Homer schreibt: \u00abWo h\u00e4lt sich doch der liebe <span id=\"Seite_24\" class=\"PageNumber\"><\/span>Mann auf? Warum blieb er denn so lange incognito? A propos wissen Sie mir nicht eine Silhouette von ihm zu bekommen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Dankbarkeit<\/i> fordern wir, durchaus nicht in unserem Namen, denn wir sind Atome \u2013 aber im Namen der Philologie selbst, die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine G\u00f6tterbotin ist; und wie die Musen zu den tr\u00fcben, geplagten b\u00f6otischen Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll d\u00fcsterer Farben und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen und erz\u00e4hlt tr\u00f6stend von den sch\u00f6nen, lichten G\u00f6ttergestalten eines fernen, blauen, gl\u00fccklichen Zauberlandes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Soviel. Und doch m\u00fcssen noch ein Paar Worte gesagt werden, noch dazu der allerpers\u00f6nlichsten Art. Aber der Anlass dieser Rede wird mich rechtfertigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch einem Philologen steht es wohl an, das Ziel seines Strebens und den Weg dahin in die kurze Formel eines Glaubensbekenntnisses zu dr\u00e4ngen; und so sei dies gethan, indem ich einen Satz des Seneca also umkehre<\/p>\n<div style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>\u00abphilosophia facta est quae philologia fuit.\u00bb<\/i><\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede philologische Th\u00e4tigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche bestehen bleibt. Und so lassen Sie mich hoffen, dass ich mit dieser Richtung kein Fremdling unter Ihnen sein werde, geben Sie mir die Zuversicht, dass ich, in dieser Gesinnung mit Ihnen arbeitend, im Stande sein werde, insbesondere auch dem ausgezeichneten Vertrauen, das mir die hohen Beh\u00f6rden dieses Gemeinwesens erwiesen haben; in w\u00fcrdiger Weise zu entsprechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<dl id=\"attachment_17303\">\n<dt><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" title=\"Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/Friedrich-Nietzsche-1882-Photographie-von-Gustav-Adolf-Schultze1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"294\" \/><\/a>Vor 100 Jahren starb Friedrich Nietzsche. Oft leisten seine Texte viel mehr: Aufschreckende Br\u00fcche und Diskontinuit\u00e4ten im Sprachlichen, unruhige und gewagte Kombinationen und Schnitte, alchemistische Verbindungen von Kontexten, die man so nicht erwartet h\u00e4tte. Neben dem Zeremonienmeister Lichtenberg (und, so wage ich zu behaupten, Martin Walsers alter ego Me\u00dfmer) ist Nietzsche sicher ein interessanter Vorl\u00e4ufer der Form des &#8211; bei ihm noch wortmechanischen &#8211; Tweet.<\/dt>\n<\/dl>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p>Lesen Sie auch \u201e<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51602\">Zarathustra \u2022 Revisited<\/a>\u201e. Z\u00e4hlung, Dichtung, Diagramme. Visualisiert von Hartmut Abendschein. Und Thomas N\u00f6ske versucht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=70592\">mit diesem Essay<\/a> mit Nietzsche fertig zu werden.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ueber die klassische Philologie giebt es in unseren Tagen keine einheitliche und deutlich erkennbare \u00f6ffentliche Meinung. Dies empfindet man in den Kreisen der Gebildeten \u00fcberhaupt ebenso als mitten unter den J\u00fcngern jener Wissenschaft selbst. Die Ursache liegt in dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/08\/25\/homer-und-die-klassische-philologie\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":93,"featured_media":14422,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[447],"class_list":["post-91293","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-nietzsche"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91293","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/93"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91293"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91293\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91293"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91293"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91293"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}