{"id":91275,"date":"2023-10-30T00:01:55","date_gmt":"2023-10-29T23:01:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91275"},"modified":"2023-11-02T16:25:21","modified_gmt":"2023-11-02T15:25:21","slug":"gedankenvoll-verstreute-lebensmomente","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/10\/30\/gedankenvoll-verstreute-lebensmomente\/","title":{"rendered":"Gedankenvoll verstreute Lebensmomente"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Autofiktion bezeichnet in der Literaturwissenschaft eine Erz\u00e4hltechnik, die das Genre Autobiografie mit fiktionalen Elementen verbindet.\u00a0<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Antagonismus zwischen dem Autobiografischen und dem Erfundenen ist so alt wie das Erz\u00e4hlen. Derzeit ist die Autofiktion eine sehr beliebte Gattung, weil sie Prosa und Lebensbeichte in einem verspricht. Autoren wie Annie Ernaux, Peter Kurzeck, Andreas Maier und Gerhard Henschel \u00fcberschwemmen die Leser geradezu in lebensgro\u00df angelegten Projekten. Die Verleger dieser Werke nehmen an, was offensichtlich aus dem eigenen Leben gesch\u00f6pft ist, habe eine h\u00f6here \u00dcberzeugungskraft als das bloss Ausgedachte. Die Vorlage wird verwandelt, bis sie keinen eindeutigen Realit\u00e4tsbezug mehr aufweist. Ulrich Bergmann erliegt in seiner Trilogie selten der Versuchung zur Egozentrik. Im R\u00fcckblick auf sein Leben kann man nicht sicher sein, welcher Teil einer Erz\u00e4hlung stattgefunden hat und welcher ausgedacht ist, welcher Teil die sogenannte autobiografische Wahrheit birgt, wobei ihm das am Ende vollkommen einerlei ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Nie l\u00fcgt man so schamlos, als wenn man von sich selbst erz\u00e4hlt<\/em><em>.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Peter Stamm<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Trilogie, die wir von Bergmann betrachten ist eine Mischung aus autobiografischem und fiktivem Schreiben. Seine <em>Autofiktion<\/em> beginnt vor dem Hintergrund der Teilung des Deutschen Reichs in die BRD und die DDR. Seine dem Leben entlehnten Figuren leben seither unter einem <em>Doppelhimmel<\/em>. Wo auch immer aber die Wahrhaftigkeit aufh\u00f6rt, die Erinnerung nachl\u00e4\u00dft und die Fiktion wiederanf\u00e4ngt, wieviel Dichtung in ausgewiesenen Autobiografien steckt, muss am Ende der Leser selbst entscheiden. Soweit recherchierbar entspringt diese <em>Autofiktion<\/em> den Erfahrungen der eigenen Biografie und gr\u00fcndet in der j\u00fcngeren Deutsch\/Deutschen Geschichte. Wir betrachten den Versuch des Autors die Tr\u00fcmmerliteratur beiseite zu r\u00e4umen und seine Fiktion strikt realer Ereignisse und Fakten zugrunde zu legen. Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Janus Rippe w\u00e4chst bei <em>Usch<\/em> (<span style=\"color: #999999;\">Spoiler<\/span>: wir treffen sie sp\u00e4ter wieder), seiner Mutter, und den Gro\u00dfeltern in Halle an der Saale auf. Robert, sein Vater, lebt als Kriegsgefangener in sowjetischen Straflagern und wird f\u00fcr tot erkl\u00e4rt. Usch heiratet sieben Jahre sp\u00e4ter den DDR-Richter Hardy. Kurz darauf kommt Robert aus der Gefangenschaft wieder\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sp\u00e4testens seit der Innerlichkeit der 1970-er Jahre geht der Trend in der Literatur zur Erforschung des Selbst.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-65047\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover.jpeg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"307\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover.jpeg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover-195x300.jpeg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Doppelhimmel_Cover-160x246.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>\u201eDas Vergangenheit ist nicht tot\u201c, daher begibt sich auch Bergmann in dieser beinahe wahren Familiengeschichte auf die Spuren des Vergangenen. <em>Doppelhimmel<\/em>, das ist Himmel \u00fcber Ost und West und Himmel der Kindheit, der bedroht wird vom Tod, \u00fcber den Janus mit dem Gro\u00dfvater immer wieder nachdenkt. Die Handlung, die den Figuren auf der zeitgen\u00f6ssischen B\u00fchne aufgeb\u00fcrdet wird, ist stellenweise etwas m\u00fchsam und stark in politische Diskursebenen verstrickt, als Vexierspiel bleibt sie dennoch interessant und herausfordernd. Kindheitserinnerungen bieten Anlass f\u00fcr Nachforschungen in die Geschichte der Orte, in denen der Autor aufgewachsen ist. Es geht auch um das Fundament der Kindheit f\u00fcrs ganze Leben, um die Balance von Wirklichkeit und Vorstellung, um die Frage, ob wir uns mit dem Glauben an eine wunderbare Kindheit bel\u00fcgen (m\u00fcssen) oder ermutigen, um zu bestehen &#8211; die Wahrheit liegt in dialektischen Ebenen des Zwischen, des Sowohl und Als-Auch, des Au\u00dferdem und Dar\u00fcber-Hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Lebensberichterstattung ist f\u00fcr diesen Autor eine B\u00fchne der verborgenen Jahre. Der Text ist mit Ambiguit\u00e4t behaftet, da der Leser nicht die M\u00f6glichkeit hat, ihn widerspruchslos zu lesen. Obwohl dieser autobiographisch grundierte Bericht kreativ und gedankenanregend ist, scheitert die Ausf\u00fchrung letztendlich daran, da\u00df der Autor versucht, zu viel gleichzeitig zu bew\u00e4ltigen. Ein Riss geht durch Deutschland, nicht nur der Riss zwischen Ost und West. Sein Versuch, so viele Geschichten zu erz\u00e4hlen, die alle irgendwie miteinander zusammenh\u00e4ngen, \u00fcberw\u00e4ltigt und geht gleichzeitig nicht tief genug. Es ist die Geschichte einer Kindheit, gepr\u00e4gt durch Enge, Intoleranz und die ohnm\u00e4chtige Wut eines Vaters. Bergmann schreibt autobiographische Erinnerungen einer Kindheit im geteilten Deutschland. Es ist die Geschichte einer vom Krieg 1939-1945 verwundeten Familie. Er erz\u00e4hlt von Flucht und Trennung, und wie Janus in Bonn am Rhein eine neue Heimat findet und wie seine Kindheit endet. Dieser <em>Doppelhimmel<\/em> will zugleich von innen wie au\u00dfen betrachtet sein. Es ist sehr angenehm zu lesen, da\u00df hier keine Folklorisierung der DDR stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Arbeit an der Faktografie mit bewu\u00dfter Ausweitung auf die Zeitgenossenschaft<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Janusd\u00e4mmerung<\/em> von Bergmann zeigt exemplarisch, warum der Mittelteil einer Trilogie oft der schwierigste ist. Dies ist dem Autor durchaus bewusst, denn er hat zwei unterschiedliche Versionen diese Autofiktion angefertigt. Die gelunge Version <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/02\/erster-schritt\/\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a> hat KUNO im letzten Jahr als Fortsetzungsroman pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-76215 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-199x300.jpg 199w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-679x1024.jpg 679w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-768x1158.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-560x844.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-260x392.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover-160x241.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/freepen_janusdaemmerung_cover.jpg 780w\" sizes=\"auto, (max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><\/a>In der XXL-Version verliert sich ein junger Mann (man darf stark vermuten, da\u00df sich der Autor hinter dieser Figur verbirgt) im Rausch seiner Tagtr\u00e4ume, in den B\u00fcchern und in der Liebe. Sie hei\u00dft Stella. Sein Name ist Ich. Sein Vorname Janus. Er scheitert in der Literarisierung des eigenen Lebens, und indem er so das Leben flieht, findet er sich erst in der N\u00e4he des Todes wieder: \u201eIch darf nicht weiter sterben, ich muss neu beginnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir lesen eine Coming-of-age story, bei der auch die existenziellen Sinnfragen nicht zu kurz kommen: \u201e&#8230; wenn wir hoffen, wir k\u00f6nnten eine lineare Strategie gegen den Tod entwickeln, so basteln wir nur eine private Religion, die uns einlullt. Alles was wir erz\u00e4hlen ist am Ende nichts anderes als Konfabulation, fiktive Erinnerung, Deutung als Fiktion. Andererseits: \u201eOhne Sinngebung keine \u00dcberwindung unserer absurden Existenz &#8230;<strong>\u00a0<\/strong>Du bastelst dir deine Firmamente aus Seegarn, Phantasmen, Fragmentalit\u00e4ten, Sibyllarien und enigmathematischen Themen, poethischen Allyren mit Metapotential und Grammur &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erz\u00e4hlerisch hat der Autor durchaus ein Gesp\u00fcr f\u00fcr Zeit und Entwicklung. Einzelne Kapitel und Abschnitte widmen sich Herkunft und Inspirationsquellen des Autors. Die XXL-Version hat besinnliche Partien und dramatischen Episoden: Janus reist durch die USA und begibt sich in Gefahr, er st\u00fcrzt sich in hochstaplerische Abenteuer, bel\u00fcgt alle und sich selbst, zuletzt scheitert er auf der ganzen Linie. Es geht um die Katarakte der Selbsterkenntnis, \u00fcber das Aufwachen ins Leben und den Weg zum Du, um sich selbst zu finden. Es handelt von einem Versuch der Selbsterschaffung \u2013 auch von den Grenzen der Religion und des Philosophierens, ungesagt auch von der Ohnmacht der W\u00f6rter. Janus ist f\u00fcr Bergmann eine tragikomische Figur, aber sie vermag es nicht, die Langversion tragisch zu erz\u00e4hlen. Man hat es bei der <em>Janusd\u00e4mmerung<\/em> letztlich mit einer Figur zu tun, der zwar ein Plot widerf\u00e4hrt, aber keine Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> geh\u00f6rt zum k\u00fchnsten, was der Autor verfasst hat.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der schalkhafter Grandseigneur kann aber auch anders, dies lesen wir in seinem, f\u00fcr diesen Autor eher experimentellen Ansatz. Vieles bleibt in der Alternativversion <em>Gionos L\u00e4cheln<\/em> offen und in der Schwebe, L\u00fccken tun sich auf und auch Leerstellen, man mag darin einen lyrischen Gestus erkennen. Das Allt\u00e4gliche wird bei Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine. Diese Version geh\u00f6rt zum k\u00fchnsten, was der Autor verfasst hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">In diesem halb-biographischen Buch beschreibt der Autor das Leben seiner Mutter.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedem Erz\u00e4hlen wohnt die F\u00e4lschung inne. In der letzten Faktografie l\u00e4\u00dft Bergmann erz\u00e4hlen. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=96550\"><em>Usch<\/em><\/a> \u2013 Tr\u00e4umerin und Realistin, Protagonistin auf ihrer Lebensb\u00fchne, Erzeugerin und Erleidende ihrer Lebensakte, auch Genie\u00dferin, Unterhalterin ihres Freundeskreises \u2013 erz\u00e4hlt ihr Leben: von ihrer Jugend im Dritten Reich, vom Krieg und den Folgen; wie sie ihren Mann verliert und einen neuen Mann gewinnt. Auch andere Stimmen reden und erz\u00e4hlen: von ihrem Leben in der DDR, die sie liebt; wie sie ihre Kinder an den Westen verliert; wie sie ihre DDR verliert, ihren Mann, und schlie\u00dflich sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtig ist nicht die Geschichte, wichtig erscheint, wie der Autor das Verh\u00e4ltnis zwischen den Institutionen und dem Individuum in den Blick nimmt. Bergmann beschreibt in dieser Dokufiktion das Leben seiner Mutter mit allen H\u00f6hen und Tiefen, aber gleichzeitig bringt er viele autobiographische Aspekte mit ein oder erz\u00e4hlt \u00fcber seine Empfindungen w\u00e4hrend des Schreibens. Grunds\u00e4tzlich erz\u00e4hlt er den Werdegang einer Frau, die sich zu emanzipieren und zu verwirklichen versucht. Wir befinden uns in Halle an der Saale. Usch tr\u00e4umt von der Liebe. Dann erz\u00e4hlt sie bei ihrem 90. Geburtstag ihren Freundinnen von ihrer ersten Liebe. Es folgt die Erz\u00e4hlung, wie sie 1944 Robert, ihren ersten Mann, kennenlernt, heiratet, wie es zur Schwangerschaft und Geburt ihres Sohnes Janus kommt und wie ihr Mann nicht wieder aus der sowjetischen Gefangenschaft zur\u00fcckkehrt. Ihre Mutter wird von einem russischen Lastwagen \u00fcberfahren. Usch lernt 1948 Gerhard kennen, der in der DDR Richter wird. Susanne wird 1952 geboren. Usch heiratet Gerhard nach Toterkl\u00e4rung Roberts, der 1954 pl\u00f6tzlich aus Sibirien zur\u00fcckkehrt. Roberts Mutter erreicht, da\u00df Usch Janus zu seinem Vater in den Westen bringt, ohne Robert zu begegnen. Usch verbringt mit Gerhard einen Sommeraufenthalt auf Hiddensee. Uschs J\u00e4gerzimmer und ihre Puppensammlung verweist auf die Frage, wie aus der Reflexion der Innenwelt eine neue Orientierung gewonnen werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bergmann veranschaulicht das Zyklische menschlicher Erfahrungen. Usch ist keine historische Figur an der die DDR als Unrechtsstaat kenntlich gemacht wird. Das Wesen dieses Unrechts aber bleibt \u00e4u\u00dferlich. Diese Aufzeichnungen sind die Geschichte des Erinnerns, der Suche nach dem, was Individualit\u00e4t und Beziehungen pr\u00e4gt, das Verstehen-Wollen des Erz\u00e4hlers und des Dahinsinkens in das Vergessen seiner Mutter. Im Traum besucht Usch auf dem Dorotheenst\u00e4dischen Friedhof in Berlin den gestorbenen Heiner M\u00fcller. Usch trifft sich 1967 mit Janus nach einer politischen TV-Diskussion in Ost-Berlin und sie begegnen im Caf\u00e9 Moskau dem prominenten DDR-Anwalt Friedrich Karl Kaul. 1975 besucht Janus seine Mutter in Halle \u2013 weitere Entfremdung von der Mutter. Seine Schwester Susanne, die als Erwachsene wegen Wohnungsnot bei Usch und Gerhard wohnt, erz\u00e4hlt von ihrem beengten Leben. Sp\u00e4ter verliebt sich Susanne in einen jungen Mann, den sie Zeus nennt, der Antrag auf Ausreise in den Westen stellt. Susanne verl\u00e4sst die elterliche Wohnung und stellt ebenfalls einen Ausreiseantrag \u2013 das f\u00fchrt zum Zerw\u00fcrfnis mit ihren Eltern, insbesondere mit dem Vater, der seine Richterstelle aufgibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtiger ist nicht die Geschichte, wichtig erscheint wie der Autor das Verh\u00e4ltnis zwischen den Institutionen und dem Individuum in den Blick nimmt. Susanne verliert wegen des Ausreiseantrags ihre Stelle als Kinderg\u00e4rtnerin, kann aber 1984 ausreisen, nach Bonn zu Zeus. 1985 Uschs Besuch in Bonn bei Janus, seiner Frau Stella und dem Enkelsohn Felix \u2013 Wiederann\u00e4herung von Usch und Janus. Ein weiterer Traum Uschs. 1989 der Fall der Mauer. Uschs Traum und Erkenntnis vom Niedergang der DDR. Susanne erz\u00e4hlt von ihrer Trennung von Zeus und von ihrem Stasi-Erlebnis. Usch zieht Zwischenbilanz. Hiddenseereise &#8211; Gerhards Alzheimererkrankung und Tod. Usch lebt allein und leidet an Paranoia, es folgt ihr Zusammenbruch und der Umzug ins Altenpflegeheim. Wir lesen Uschs letzten Brief an Janus, die letzten Gespr\u00e4che Uschs mit Janus und einen letzten Traum Uschs.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Conclusio<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit ist die Familiengeschichte des Fl\u00f6zg\u00e4ngers auserz\u00e4hlt. In dieser Trilogie er\u00f6ffnen sich \u00fcberraschende Bezugsfelder und Querverbindungen, weniger im Stilistischen als vielmehr in der Thematik und Motivik, im Ausdruckswillen und in der geistigen Grundhaltung des Autors. Die Redaktion vermisst in diesen Autofiktionen jedoch den gewitzten Nonsens und die pointierte K\u00fcrze seiner Kurzprosafolgen. W\u00e4hrend die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=78621\"><em>Miniaturen<\/em><\/a> das eigentliche Hauptwerk von Bergmann sind, hat er mit dieser Abfolge einer ausschweifenden Lebensberichterstattung eine education sentimentale geschreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-105055 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Usch-199x300.jpg\" alt=\"\" width=\"199\" height=\"300\" \/>Doppelhimmel<\/strong> von Ulrich Bergmann. Free Pen, Bonn 2012<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Janusd\u00e4mmerung<\/strong> von Ulrich Bergmann, Free Pen Verlag 2021<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Usch<\/strong> von Ulrich Bergmann, Free Pen Verlag 2022<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auf KUNO auch den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/06\/der-floezgaenger\/\">Essay<\/a> \u00fcber den Fl\u00f6zg\u00e4nger, mit dem wir aus Sicht der Resaktion, sein eigentliches Hauptwerk gew\u00fcrdigt haben<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Ein Hinweis auf den Fortsetzungsroman <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=62116\"><em>Gionos L\u00e4cheln<\/em><\/a>. Das Allt\u00e4gliche wird bei Ulrich Bergmann zum poetischen Ereignis, immer wieder gibt es Passagen, die das Wiederlesen und Nochmallesen lohnen. Poesie ist gerade dann, wenn man sie als Sprache der Wirklichkeit ernst nimmt, kein animistisches, vitalistisches Medium, sondern eine Verlebendigungsmaschine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autofiktion bezeichnet in der Literaturwissenschaft eine Erz\u00e4hltechnik, die das Genre Autobiografie mit fiktionalen Elementen verbindet.\u00a0 Der Antagonismus zwischen dem Autobiografischen und dem Erfundenen ist so alt wie das Erz\u00e4hlen. 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