{"id":91268,"date":"2021-08-29T00:01:11","date_gmt":"2021-08-28T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91268"},"modified":"2021-10-24T07:45:43","modified_gmt":"2021-10-24T05:45:43","slug":"clara-und-ihre-morde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/08\/29\/clara-und-ihre-morde\/","title":{"rendered":"Clara und ihre Morde"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Donaukanal zieht es dich hin, fr\u00fch bereits. Mit dem Nachbarsjungen. Denn die Wohnung ist eng und dunkel. Wei\u00dft du noch, Clara? Da spielt ihr unter Tags, wenn es warm genug ist. F\u00fcr dich bedeutet der Weg ans Ufer des Flusses eine Weltreise. Die zehn Minuten, die du die Stra\u00dfe bergab gehst, kommen dir lang und gef\u00e4hrlich vor. An den Rand der Stra\u00dfe fl\u00fcchtest du, sobald einer der Zeitungsverk\u00e4ufer mit seinem Leiterwagen kommt, weichst zur\u00fcck vor den Kutschen und den vereinzelten Automobilen, deren Auspuffe laut knattern. Denn: Die Welt ist b\u00f6se. Das hast du von der Mutter gelernt, oder? Da zieren vereinzelte B\u00e4ume die Stra\u00dfe, deren Bl\u00fcten im Sommer aussehen wie Watte, rosig, regen zum Tr\u00e4umen an. Als w\u00fcrden den B\u00e4umen Wolken wachsen, denkst du. Und dass die B\u00e4ume klingen, aber anders als Worte. Die B\u00e4ume klingen als Wind! Erinnere dich: \u00bbWart!\u00ab, rufst du dem Nachbarsjungen zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 F\u00fc\u00dfe laufen, straucheln, du folgst dem Jungen zum Ufer, der schon eifrig beginnt, Wasser in einen kleinen Holzk\u00fcbel zu sch\u00f6pfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbIch koch jetzt Suppe\u00ab, sagt er. \u00bbF\u00fcr den Vater.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Du nickst. Du wei\u00dft, dass man so etwas eigentlich hat: einen Vater. Alle, nur du nicht. Egal, du hast einen Gro\u00dfvater, oder? Und noch ist der Tag magisch. Du lernst also von dem Nachbarsjungen, \u00fcbernimmst die Gesten, die Worte, die Art zu gehen. L\u00e4sst dich von ihm auf eines der B\u00e4nkchen am Fluss ziehen, als er seine Sch\u00f6pfarbeit beendet hat. Das B\u00e4nkchen ist gr\u00fcn lackiert und hat Spalten. Wie sich das seltsam anf\u00fchlt unter den Pobacken! Clara, noch bist du klein. Du schlenkerst mit den Beinen. Gemeinsam seht ihr in die Ferne und trinkt von dem Wasser der Donau, das ein bisschen lehmig schmeckt. Sonst geschieht nichts. Die Sonne brennt, Hitze sticht. Hin und wieder ein Vogel am Himmel, der gurrende Schreie ausst\u00f6\u00dft. Du baumelst mit den Beinen in die Tiefe, legst den Kopf schr\u00e4g und siehst in den Himmel. Der erscheint dir so weit, dass dir mit einem Mal fast ein wenig bang ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbWo h\u00f6rt der Himmel auf?\u00ab, fragst du den Nachbarsjungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbDer Himmel, der h\u00f6rt nicht auf\u00ab, entgegnet er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbWoher wei\u00dft du das denn?\u00ab, bohrst du nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbHat der Vater gesagt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Schon wieder das Wort: Vater. Wei\u00dft du noch, Clara, in dir wird es pl\u00f6tzlich doch schwer. Aber du nickst und tust wissend, obwohl du keine Ahnung hast, was das bedeutet, wenn etwas nicht aufh\u00f6rt. K\u00f6nnen die Worte \u00fcberhaupt in einen Rahmen fassen, was sie beschreiben? Manchmal kommt dir alles unendlich fremd vor, du betrachtest deine Glieder wie eigenartige Gebilde, die nicht zu dir geh\u00f6ren. Genauso, wie die Dinge nicht zu den Worten geh\u00f6ren. Nicht ganz. Nur fast. Ja: So siehst du dich an, Clara.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbIss, Clara!\u00ab, sagt da der Nachbarsjunge und h\u00e4lt dir eine Semmel hin. Du nestelst nach der Milchflasche, die du in deinem Sch\u00fcrzchen verstaut hast, und reichst sie ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Gemeinsam stopft ihr Semmeln und Milch in euch hinein, bis euch fast schlecht wird, sich alles aufbauscht in den M\u00fcndern. Du kannst gar nicht mehr hinunterschlucken, Clara, ehrlich! Aber satt bist du, endlich, und das ist selten, denn die Mutter hat wenig Geld. Jetzt willst du dich nur an die behagliche Schulter des Nachbarsjungen lehnen und schlafen. Du seufzt. Der Nachbarsjunge sitzt neben dir und riecht nach Milch und Sonnenbrand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 In dem Moment h\u00fcpft etwas vom benachbarten Baum auf euch herab. Du siehst eine Art Schliere in der Luft, die geschmeidig auf dem Erdboden vor euch aufkommt. Was ist denn das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbEin K\u00e4tzchen!\u00ab, ruft der Nachbarsjunge aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 Schon wieder ein neues Wort, denkst du. Die Worte machen dir manchmal Angst, und manchmal geben sie Sicherheit. Wenn sie in einem M\u00e4rchen sind zum Beispiel. Sp\u00e4ter wirst du deinen M\u00e4nnern M\u00e4rchen erz\u00e4hlen, und du wirst gut darin sein, wirst daran glauben. Egal: Jetzt bist du klein. Schwer jedenfalls ist es auszusprechen, man muss es f\u00f6rmlich zerkauen: K\u00e4t-z-chen! Und wie das aufspringt im Rachenraum! Der Nachbarsjunge hebt das Tier hoch, schiebt es zwischen euch auf die Bank. Du staunst. K\u00e4tzchen ist also ein Fellb\u00fcndel, das jetzt zwischen euch sitzt und leise maunzt. Es hat gezackte Ohren und Augen wie Kn\u00f6pfe, es ist winzig und trotzdem am Leben, kaum zu glauben! Du schaust und schaust und kannst es nicht begreifen. \u00bbK\u00e4tzchen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbDas m\u00fcssen wir mit heimnehmen\u00ab, sagt der Nachbarsjunge und l\u00e4chelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbJa!\u00ab, findest auch du, die du ohnehin alles findest, was der Nachbarsjunge findet. Du bestaunst das Tier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u00a0 \u00bbK\u00e4tzchen\u00ab hat eine rosige Zunge, mit der es leckt, und K\u00e4tzchen passt in eine Hand. Du denkst, dass du \u00bbK\u00e4tzchen\u00ab lieb hast. Und auf einmal hast du Angst, es k\u00f6nnte verwundet werden. Die Spitzhacke der Mutter in der K\u00fcche f\u00e4llt dir ein. Aber du schiebst den Gedanken rasch weg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Clara und ihre Morde<\/strong>, Roman von Sophie Reyer. Emons Verlag GmbH 2021<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Clara_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-91270\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Clara_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"208\" height=\"316\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Clara_Cover.jpg 208w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Clara_Cover-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Clara_Cover-160x243.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><\/a>Wien 1909: Junggeselle Johann Gl\u00fccksstein ist fasziniert von der sch\u00f6nen Clara, die zusammen mit ihrem Mann Egon und den beiden Kindern in die benachbarte Villa im wohlhabenden Viertel Hietzing einzieht. Clara pflegt einen extravaganten Lebensstil, doch dann ereilt die Familie ein schreckliches Schicksal: Bei einem Arbeitsunfall verliert Egon ein Bein. Aber war es tats\u00e4chlich ein Unfall? Es gehen Ger\u00fcchte um, und die makellose Fassade von Clara beginnt zu br\u00f6ckeln \u2013 was verbirgt die engelsgleiche Frau?<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. In ihrem preisgekr\u00f6nten Essay\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985\"><em>Referenzuniversum<\/em><\/a>\u00a0geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen, das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>in der Reihe\u00a0<a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zum Donaukanal zieht es dich hin, fr\u00fch bereits. Mit dem Nachbarsjungen. Denn die Wohnung ist eng und dunkel. Wei\u00dft du noch, Clara? Da spielt ihr unter Tags, wenn es warm genug ist. 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