{"id":91151,"date":"2023-01-03T00:01:11","date_gmt":"2023-01-02T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91151"},"modified":"2023-10-10T06:32:20","modified_gmt":"2023-10-10T04:32:20","slug":"ich-packe-meine-bibliothek-aus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/03\/ich-packe-meine-bibliothek-aus\/","title":{"rendered":"Ich packe meine Bibliothek aus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Benjamins zentrale Leidenschaft (war) das Sammeln. Es fing fr\u00fch an mit dem, was er selbst seine \u00bbBibliomanie\u00ab genannt hat, aber diese transformierte sich bald \u2013 ungleich charakteristischer, wenn nicht f\u00fcr die Person, so sicher f\u00fcr das Werk \u2013 in das Sammeln von Zitaten.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hannah Arendt<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich packe meine Bibliothek aus. Ja. Sie steht also noch nicht auf den Regalen, die leise Langeweile der Ordnung umwittert sie noch nicht. Ich kann auch nicht an ihren Reihen entlang schreiten, um im Beisein freundlicher H\u00f6rer ihnen die Parade abzunehmen. Das alles haben Sie nicht zu bef\u00fcrchten. Ich mu\u00df Sie bitten, mit mir in die Unordnung aufgebrochener Kisten, in die von Holzstaub erf\u00fcllte Luft, auf den von zerrissenen Papieren bedeckten Boden, unter die Stapel eben nach zweij\u00e4hriger Dunkelheit wieder ans Tageslicht bef\u00f6rderter B\u00e4nde sich zu versetzen, um von vornherein ein wenig die Stimmung, die ganz und gar nicht elegische, viel eher gespannte zu teilen, die sie in einem echten Sammler erwecken. Denn ein solcher spricht zu Ihnen und im gro\u00dfen und ganzen auch nur von sich. W\u00e4re es nicht anma\u00dfend, hier auf eine scheinbare Objektivit\u00e4t und Sachlichkeit pochend die Hauptst\u00fccke oder Hauptabteilungen einer B\u00fccherei Ihnen aufzuz\u00e4hlen, oder deren Entstehungsgeschichte, oder selbst deren Nutzen f\u00fcr den Schriftsteller Ihnen darzulegen? Ich jedenfalls habe es mit den folgenden Worten auf etwas Unverh\u00fcllteres, Handgreiflicheres abgesehen; am Herzen liegt mir, Ihnen einen Einblick in das Verh\u00e4ltnis eines Sammlers zu seinen Best\u00e4nden, einen Einblick ins Sammeln viel mehr als in eine Sammlung zu geben. Es ist ganz willk\u00fcrlich, da\u00df ich das an Hand einer Betrachtung \u00fcber die verschiedenen Erwerbungsarten von B\u00fcchern tue. Solche Anordnung oder jede andere ist nur ein Damm gegen die Springflut von Erinnerungen, die gegen jeden Sammler anrollt, der sich mit dem Seinen befa\u00dft. Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen. Doch ich will mehr sagen: Zufall, Schicksal, die das Vergangene vor meinem Blick durchf\u00e4rben, sie sind zugleich in dem gewohnten Durcheinander dieser B\u00fccher sinnenf\u00e4llig da. Denn was ist dieser Besitz anderes als eine Unordnung, in der Gewohnheit sich so heimisch machte, da\u00df sie als Ordnung erscheinen kann? Sie haben schon von Leuten geh\u00f6rt, die am Verlust ihrer B\u00fccher zu Kranken, von anderen, die an ihrem Erwerb zu Verbrechern geworden sind. Jede Ordnung ist gerade in diesen Bereichen nichts als ein Schwebezustand \u00fcberm Abgrund. \u00bbDas einzige exakte Wissen, das es gibt\u00ab, hat Anatole France gesagt, \u00bbist das Wissen um das Erscheinungsjahr und das Format der B\u00fccher.\u00ab In der Tat, gibt es ein Gegenst\u00fcck zur Regellosigkeit einer Bibliothek, so ist es die Regelrechtheit ihres Verzeichnisses. So ist das Dasein des Sammlers dialektisch gespannt zwischen den Polen der Unordnung und der Ordnung. Es ist nat\u00fcrlich noch an vieles andere gebunden. An ein sehr r\u00e4tselhaftes Verh\u00e4ltnis zum Besitz, \u00fcber das nachher noch einige Worte zu sagen sein werden. Sodann: an ein Verh\u00e4ltnis zu den Dingen, das in ihnen nicht den Funktionswert, also ihren Nutzen, ihre Brauchbarkeit in den Vordergrund r\u00fcckt, sondern sie als den Schauplatz, das Theater ihres Schicksals studiert und liebt. Es ist die tiefste Bezauberung des Sammlers, das einzelne in einen Bannkreis einzuschlie\u00dfen, in dem es, w\u00e4hrend der letzte Schauer \u2013 der Schauer des Erworbenwerdens \u2013 dar\u00fcber hinl\u00e4uft, erstarrt. Alles Erinnerte, Gedachte, Bewu\u00dfte wird Sockel, Rahmen, Postament, Verschlu\u00df seines Besitztums. Zeitalter, Landschaft, Handwerk, Besitzer, von denen es stammt \u2013 sie alle r\u00fccken f\u00fcr den wahren Sammler in jedem einzelnen seiner Besitzt\u00fcmer zu einer magischen Enzyklop\u00e4die zusammen, deren Inbegriff das Schicksal seines Gegenstandes ist. Hier also, auf diesem engen Felde l\u00e4\u00dft sich mutma\u00dfen, wie die gro\u00dfen Physiognomiker \u2013 und Sammler sind Physiognomiker der Dingwelt \u2013 zu Schicksalsdeutern werden. Man hat nur einen Sammler zu beobachten, wie er die Gegenst\u00e4nde seiner Vitrine handhabt. Kaum h\u00e4lt er sie in H\u00e4nden, so scheint er inspiriert durch sie hindurch, in ihre Ferne zu schauen. Soviel von der magischen Seite des Sammlers, von seinem Greisenbilde k\u00f6nnte ich sagen. \u2013 Habent sua fata libelli \u2013 das war vielleicht gedacht als ein allgemeiner Satz \u00fcber B\u00fccher. B\u00fccher, also \u00bbDie G\u00f6ttliche Kom\u00f6die\u00ab oder \u00bbDie Ethik\u00ab des Spinoza oder \u00bbDie Entstehung der Arten\u00ab, haben ihre Schicksale. Der Sammler aber legt diesen lateinischen Spruch anders aus. Ihm haben nicht sowohl B\u00fccher als Exemplare ihre Schicksale. Und in seinem Sinn ist das wichtigste Schicksal jedes Exemplars der Zusammensto\u00df mit ihm selber, mit seiner eigenen Sammlung. Ich sage nicht zuviel: f\u00fcr den wahren Sammler ist die Erwerbung eines alten Buches dessen Wiedergeburt. Und eben darin liegt das Kindhafte, das im Sammler sich mit dem Greisenhaften durchdringt. Die Kinder n\u00e4mlich verf\u00fcgen \u00fcber die Erneuerung des Daseins als \u00fcber eine hundertf\u00e4ltige, nie verlegene Praxis. Dort, bei den Kindern, ist das Sammeln nur ein Verfahren der Erneuerung, ein anderes ist das Bemalen der Gegenst\u00e4nde, wieder eines das Ausschneiden, noch eines das Abziehen und so die ganze Skala kindlicher Aneignungsarten vom Anfassen bis hinauf zum Benennen. Die alte Welt erneuern \u2013 das ist der tiefste Trieb im Wunsch des Sammlers, Neues zu erwerben, und darum steht der Sammler \u00e4lterer B\u00fccher dem Quell des Sammelns n\u00e4her als der Interessent f\u00fcr bibliophile Neudrucke. Wie B\u00fccher nun die Schwelle einer Sammlung \u00fcberschreiten, wie sie Besitz eines Sammlers werden, kurz, \u00fcber ihre Erwerbsgeschichte jetzt einige Worte. Von allen Arten sich B\u00fccher zu verschaffen, wird als die r\u00fchmlichste betrachtet, sie selbst zu schreiben. Manche von Ihnen werden an dieser Stelle vergn\u00fcgt der gro\u00dfen B\u00fccherei gedenken, die Jean Pauls armes Schulmeisterlein Wuz mit der Zeit sich auf die Art zulegte, da\u00df es alle Werke, von denen die Titel in den Me\u00dfkatalogen es interessierten, weil es sie ja nicht kaufen konnte, sich selber schrieb. Schriftsteller sind eigentlich Leute, die B\u00fccher nicht aus Armut sondern aus Unzufriedenheit mit den B\u00fcchern schreiben, welche sie kaufen k\u00f6nnten, und die ihnen nicht gefallen. Das werden Sie, meine Damen und Herren, f\u00fcr eine schrullige Definition des Schriftstellers halten; schrullig aber ist alles, was aus dem Sehwinkel eines echten Sammlers gesagt wird. \u2013 Von den landl\u00e4ufigen Erwerbsarten w\u00e4re f\u00fcr Sammler die schicklichste das Ausleihen mit anschlie\u00dfendem Nichtzur\u00fcckgeben. Der Buchausleiher gro\u00dfen Formats, wie wir ihn hier vor Augen haben, erweist sich als eingefleischter B\u00fcchersammler nicht etwa nur durch die Inbrunst, mit der er den zusammengeborgten Schatz beh\u00fctet und allen Mahnungen aus dem Alltag des Rechtslebens mit Taubheit begegnet, sondern weit mehr dadurch, da\u00df auch er die B\u00fccher nicht liest. Wenn Sie meiner Erfahrung glauben wollen, so geschah es immer noch eher, da\u00df einer mir gelegentlich ein entliehenes Buch zur\u00fcckbrachte, als da\u00df er es etwa gelesen h\u00e4tte. Und das \u2013 werden Sie fragen \u2013 w\u00e4re eine Eigenart der Sammler, B\u00fccher nicht zu lesen? Das w\u00e4re ja das Neueste. Nein. Sachkundige werden Ihnen best\u00e4tigen, da\u00df es das \u00c4lteste ist, und ich nenne hier nur die Antwort, die, wiederum, France f\u00fcr den Banausen in Bereitschaft hatte, der seine Bibliothek bewunderte, um sodann bei der obligaten Frage zu enden: \u00bbUnd das haben Sie alles gelesen, Herr France?\u00ab \u2013 \u00bbNicht ein Zehntel. Oder speisen Sie vielleicht t\u00e4glich von Ihrem S\u00e8vres?\u00ab Ich habe \u00fcbrigens auf das Recht einer solchen Haltung die Gegenprobe gemacht. Jahrelang \u2013 gut w\u00e4hrend des ersten Drittels ihres bisherigen Daseins \u2013 hat meine Bibliothek aus nicht mehr als zwei bis drei Reihen bestanden, die j\u00e4hrlich nur um Zentimeter wuchsen. Das war ihr martialisches Zeitalter, da kein Buch in sie eintreten durfte, dem ich nicht die Parole abgenommen, das ich nicht gelesen hatte. Und so w\u00e4re ich vielleicht nie zu etwas, was dem Umfang nach eine Bibliothek genannt werden kann, gekommen ohne die Inflation, die mit einmal den Akzent auf den Dingen umschlagen, die B\u00fccher zu Sachwerten, mindestens schwer erh\u00e4ltlich werden lie\u00df. So wenigstens schien es in der Schweiz. Und wirklich machte ich von dort in zw\u00f6lfter Stunde meine ersten gr\u00f6\u00dferen B\u00fccherbestellungen und konnte noch so unersetzliche Dinge bergen, wie den \u00bbBlauen Reiter\u00ab oder Bachofens \u00bbSage von Tanaquil\u00ab, die damals noch beim Verleger zu haben waren. \u2013 Nun, meinen Sie, m\u00fc\u00dften wir nach soviel Kreuz- und Querz\u00fcgen endlich auf die breite Stra\u00dfe des Bucherwerbs kommen, welche der Kauf ist. Jawohl, eine breite Stra\u00dfe, aber keine gem\u00e4chliche. Der Kauf des B\u00fcchersammlers hat sehr wenig \u00c4hnlichkeit mit denen, die ein Student, um sich ein Lehrbuch anzuschaffen, ein Herr von Welt, um seiner Dame ein Geschenk zu machen, ein Gesch\u00e4ftsreisender, um sich die n\u00e4chste Eisenbahnfahrt zu verk\u00fcrzen, in einer Buchhandlung vornimmt. Meine denkw\u00fcrdigsten habe ich auf Reisen, als Passant gemacht. Besitz und Haben sind dem Taktischen zugeordnet. Sammler sind Menschen mit taktischem Instinkt; ihrer Erfahrung nach kann, wenn sie eine fremde Stadt erobern, der kleinste Antiquit\u00e4tenladen ein Fort, das entlegenste Papiergesch\u00e4ft eine Schl\u00fcsselstellung bedeuten. Wie viele St\u00e4dte haben sich mir nicht in den M\u00e4rschen erschlossen, mit denen ich auf Eroberung von B\u00fcchern ausging.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend<\/strong> \u2192<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnerte KUNO in 2020 an diesen undogmatischen Denker und lie\u00df die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Zu Beginn des Essayjahres machte sich Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph \/-->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":11330,\"sizeSlug\":\"large\"} -->\r\n<div class=\"wp-block-image\">\u00a0<\/div>\r\n<!-- \/wp:image -->\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Benjamins zentrale Leidenschaft (war) das Sammeln. 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