{"id":91101,"date":"2005-06-12T00:01:09","date_gmt":"2005-06-11T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91101"},"modified":"2021-11-09T10:07:47","modified_gmt":"2021-11-09T09:07:47","slug":"psalm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/06\/12\/psalm\/","title":{"rendered":"Psalm"},"content":{"rendered":"<p class=\"c\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Karl Kraus zugeeignet<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein Licht, das der Wind ausgel\u00f6scht hat.<\/p>\n<p>Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verl\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit L\u00f6chern voll Spinnen.<\/p>\n<p>Es ist ein Raum, den sie mit Milch get\u00fcncht haben.<\/p>\n<p>Der Wahnsinnige ist gestorben. Es ist eine Insel der S\u00fcdsee,<\/p>\n<p>Den Sonnengott zu empfangen. Man r\u00fchrt die Trommeln.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner f\u00fchren kriegerische T\u00e4nze auf.<\/p>\n<p>Die Frauen wiegen die H\u00fcften in Schlinggew\u00e4chsen und Feuerblumen,<\/p>\n<p>Wenn das Meer singt. O unser verlorenes Paradies.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Nymphen haben die goldenen W\u00e4lder verlassen.<\/p>\n<p>Man begr\u00e4bt den Fremden. Dann hebt ein Flimmerregen an.<\/p>\n<p>Der Sohn des Pan erscheint in Gestalt eines Erdarbeiters,<\/p>\n<p>Der den Mittag am gl\u00fchenden Asphalt verschl\u00e4ft.<\/p>\n<p>Es sind kleine M\u00e4dchen in einem Hof in Kleidchen voll herzzerrei\u00dfender Armut!<\/p>\n<p>Es sind Zimmer, erf\u00fcllt von Akkorden und Sonaten.<\/p>\n<p>Es sind Schatten, die sich vor einem erblindeten Spiegel umarmen.<\/p>\n<p>An den Fenstern des Spitals w\u00e4rmen sich Genesende.<\/p>\n<p>Ein wei\u00dfer Dampfer am Kanal tr\u00e4gt blutige Seuchen herauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die fremde Schwester erscheint wieder in jemands b\u00f6sen Tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>Ruhend im Haselgeb\u00fcsch spielt sie mit seinen Sternen.<\/p>\n<p>Der Student, vielleicht ein Doppelg\u00e4nger, schaut ihr lange vom Fenster nach.<\/p>\n<p>Hinter ihm steht sein toter Bruder, oder er geht die alte Wendeltreppe herab.<\/p>\n<p>Im Dunkel brauner Kastanien verbla\u00dft die Gestalt des jungen Novizen.<\/p>\n<p>Der Garten ist im Abend. Im Kreuzgang flattern die Flederm\u00e4use umher.<\/p>\n<p>Die Kinder des Hausmeisters h\u00f6ren zu spielen auf und suchen das Gold des Himmels.<\/p>\n<p>Endakkorde eines Quartetts. Die kleine Blinde l\u00e4uft zitternd durch die Allee,<\/p>\n<p>Und sp\u00e4ter tastet ihr Schatten an kalten Mauern hin, umgeben von<\/p>\n<p class=\"r\">M\u00e4rchen und heiligen Legenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein leeres Boot, das am Abend den schwarzen Kanal heruntertreibt.<\/p>\n<p>In der D\u00fcsternis des alten Asyls verfallen menschliche Ruinen.<\/p>\n<p>Die toten Waisen liegen an der Gartenmauer.<\/p>\n<p>Aus grauen Zimmern treten Engel mit kotgefleckten Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p>W\u00fcrmer tropfen von ihren vergilbten Lidern.<\/p>\n<p>Der Platz vor der Kirche ist finster und schweigsam, wie in den Tagen der Kindheit.<\/p>\n<p>Auf silbernen Sohlen gleiten fr\u00fchere Leben vorbei<\/p>\n<p>Und die Schatten der Verdammten steigen zu den seufzenden Wassern nieder.<\/p>\n<p>In seinem Grab spielt der wei\u00dfe Magier mit seinen Schlangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schweigsam \u00fcber der Sch\u00e4delst\u00e4tte \u00f6ffnen sich Gottes goldene Augen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-e1617436834842.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81819 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a>Die nachhaltige Faszination der Gedichte von Georg Trakl liegt darin begr\u00fcndet, da\u00df sich dieser\u00a0 \u00f6sterreichische Dichter nicht eindeutig zuordnen l\u00e4\u00dft. Wir lesen eine Variante des Expressionismus mit starken Einfl\u00fcssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der ann\u00e4hernd gleichzeitigen Str\u00f6mungen ist\u00a0 nicht m\u00f6glich. Als erstem Rockstar der Lyrik ist auch bei ihm die Einfl\u00fcsse von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire deutlich zu erkennen. Der Lyriker nahm an vielen Stellen seiner Gedichte auf seine Schwester Bezug. In Trakls Gedichten wird Margarethe Trakl als \u201eFremdlingin\u201c und \u201eJ\u00fcnglingin\u201c bezeichnet. Eine inzestu\u00f6se Beziehung wird im Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/03\/blutschuld\/\"><i>Blutschuld<\/i><\/a> angedeutet. Als Vorg\u00e4nger der <em><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Yippies<\/span><\/span><\/em> gestattete er sich Experimente mit Drogen (Chloroform, Morphium, Opium, Veronal und Alkohol). In seinem verschatteten Werk \u00fcberwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Sterbens, des Todes und des Vergehens. Zwar sind die Gedichte reich an biblisch-religi\u00f6sen Bez\u00fcgen, und vielen eignet eine kontemplative Offenheit zur Transzendenz, doch nur selten bricht das Licht der Erl\u00f6sung in das Dunkel. Ein Dunkelheit, die ihn am 3. November 1914 in Krakau, Galizien erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Ann\u00e4herung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie<i><\/i><i><\/i><i>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23505&amp;preview=true\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karl Kraus zugeeignet &nbsp; Es ist ein Licht, das der Wind ausgel\u00f6scht hat. Es ist ein Heidekrug, den am Nachmittag ein Betrunkener verl\u00e4\u00dft. Es ist ein Weinberg, verbrannt und schwarz mit L\u00f6chern voll Spinnen. Es ist ein Raum, den sie&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/06\/12\/psalm\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":141,"featured_media":21719,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1498,202],"class_list":["post-91101","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-georg-trakl","tag-karl-kraus"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91101","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/141"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=91101"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/91101\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=91101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=91101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=91101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}