{"id":91009,"date":"2002-11-03T00:01:05","date_gmt":"2002-11-02T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=91009"},"modified":"2021-08-16T16:18:48","modified_gmt":"2021-08-16T14:18:48","slug":"siebengesang-des-todes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/11\/03\/siebengesang-des-todes\/","title":{"rendered":"Siebengesang des Todes"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"vers\">Bl\u00e4ulich d\u00e4mmert der Fr\u00fchling; unter saugenden B\u00e4umen<br \/>\nWandert ein Dunkles in Abend und Untergang,<br \/>\nLauschend der sanften Klage der Amsel.<br \/>\nSchweigend erscheint die Nacht, ein blutendes Wild,<br \/>\nDas langsam hinsinkt am H\u00fcgel.<\/p>\n<p class=\"vers\">In feuchter Luft schwankt bl\u00fchendes Apfelgezweig,<br \/>\nL\u00f6st silbern sich Verschlungenes,<br \/>\nHinsterbend aus n\u00e4chtigen Augen; fallende Sterne;<br \/>\nSanfter Gesang der Kindheit.<\/p>\n<p class=\"vers\">Erscheinender stieg der Schl\u00e4fer den schwarzen Wald hinab,<br \/>\nUnd es rauschte ein blauer Quell im Grund,<br \/>\nDa\u00df jener leise die bleichen Lider aufhob<br \/>\n\u00dcber sein schneeiges Antlitz;<\/p>\n<p class=\"vers\">Und es jagte der Mond ein rotes Tier<br \/>\nAus seiner H\u00f6hle;<br \/>\nUnd es starb in Seufzern die dunkle Klage der Frauen.<\/p>\n<p class=\"vers\">Strahlender hob die H\u00e4nde zu seinem Stern<br \/>\nDer wei\u00dfe Fremdling;<br \/>\nSchweigend verl\u00e4\u00dft ein Totes das verfallene Haus.<\/p>\n<p class=\"vers\">O des Menschen verweste Gestalt: gef\u00fcgt aus kalten Metallen,<br \/>\nNacht und Schrecken versunkener W\u00e4lder<br \/>\nUnd der sengenden Wildnis des Tiers;<br \/>\nWindesstille der Seele.<\/p>\n<p class=\"vers\">Auf schw\u00e4rzlichem Kahn fuhr jener schimmernde Str\u00f6me hinab,<br \/>\nPurpurner Sterne voll, und es sank<br \/>\nFriedlich das ergr\u00fcnte Gezweig auf ihn,<br \/>\nMohn aus silberner Wolke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-e1617436834842.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81819 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a>Die nachhaltige Faszination der Gedichte von Georg Trakl liegt darin begr\u00fcndet, da\u00df sich dieser\u00a0 \u00f6sterreichische Dichter nicht eindeutig zuordnen l\u00e4\u00dft. Wir lesen eine Variante des Expressionismus mit starken Einfl\u00fcssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der ann\u00e4hernd gleichzeitigen Str\u00f6mungen ist\u00a0 nicht m\u00f6glich. Als erstem Rockstar der Lyrik ist auch bei ihm die Einfl\u00fcsse von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire deutlich zu erkennen. Der Lyriker nahm an vielen Stellen seiner Gedichte auf seine Schwester Bezug. In Trakls Gedichten wird Margarethe Trakl als \u201eFremdlingin\u201c und \u201eJ\u00fcnglingin\u201c bezeichnet. Eine inzestu\u00f6se Beziehung wird im Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/03\/blutschuld\/\"><i>Blutschuld<\/i><\/a> angedeutet. Als Vorg\u00e4nger der <em><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Yippies<\/span><\/span><\/em> gestattete er sich Experimente mit Drogen (Chloroform, Morphium, Opium, Veronal und Alkohol). In seinem verschatteten Werk \u00fcberwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Sterbens, des Todes und des Vergehens. Zwar sind die Gedichte reich an biblisch-religi\u00f6sen Bez\u00fcgen, und vielen eignet eine kontemplative Offenheit zur Transzendenz, doch nur selten bricht das Licht der Erl\u00f6sung in das Dunkel. Ein Dunkelheit, die ihn am 3. November 1914 in Krakau, Galizien erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Ann\u00e4herung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie<i><\/i><i><\/i><i>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23505&amp;preview=true\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bl\u00e4ulich d\u00e4mmert der Fr\u00fchling; unter saugenden B\u00e4umen Wandert ein Dunkles in Abend und Untergang, Lauschend der sanften Klage der Amsel. Schweigend erscheint die Nacht, ein blutendes Wild, Das langsam hinsinkt am H\u00fcgel. 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