{"id":90989,"date":"2006-11-03T00:00:43","date_gmt":"2006-11-02T23:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90989"},"modified":"2021-08-16T15:50:56","modified_gmt":"2021-08-16T13:50:56","slug":"an-einen-fruehverstorbenen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/11\/03\/an-einen-fruehverstorbenen\/","title":{"rendered":"An einen Fr\u00fchverstorbenen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"vers\">O, der schwarze Engel, der leise aus dem Innern des Baums trat,<br \/>\nDa wir sanfte Gespielen am Abend waren,<br \/>\nAm Rand des bl\u00e4nlichen Brunnens.<br \/>\nRuhig war unser Schritt, die runden Augen in der braunen K\u00fchle des Herbstes,<br \/>\nO, die purpurne S\u00fc\u00dfe der Sterne.<\/p>\n<p class=\"vers\">Jener aber ging die steinernen Stufen des M\u00f6nchsbergs hinab,<br \/>\nEin blaues L\u00e4cheln im Antlitz und seltsam verpuppt<br \/>\nIn seine stillere Kindheit und starb;<br \/>\nUnd im Garten blieb das silberne Antlitz des Freundes zur\u00fcck,<br \/>\nLauschend im Laub oder im alten Gestein.<\/p>\n<p class=\"vers\">Seele sang den Tod, die gr\u00fcne Verwesung des Fleisches<br \/>\nUnd es war das Rauschen des Walds,<br \/>\nDie inbr\u00fcnstige Klage des Wildes.<br \/>\nImmer klangen von d\u00e4mmernden Turmen die blauen Glocken des Abends.<\/p>\n<p class=\"vers\">Stunde kam, da jener die Schatten in purpurner Sonne sah,<br \/>\nDie Schatten der F\u00e4nlnis in kahlem Ge\u00e4st;<br \/>\nAbend, da an d\u00e4mmernder Mauer die Amsel sang,<br \/>\nDer Geist des Fr\u00fchverstorbenen stille im Zimmer erschien.<\/p>\n<p class=\"vers\">O, das Blut, das aus der Kehle des T\u00f6nenden rinnt,<br \/>\nBlaue Blume; o die feurige Tr\u00e4ne<br \/>\nGeweint in die Nacht.<\/p>\n<p class=\"vers\">Goldene Wolke und Zeit. In einsamer Kammer<br \/>\nL\u00e4dst du \u00f6fter den Toten zu Gast,<br \/>\nWandelst in trautem Gespr\u00e4ch unter Ulmen den gr\u00fcnen Flu\u00df hinab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-e1617436834842.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81819 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a>Die nachhaltige Faszination der Gedichte von Georg Trakl liegt darin begr\u00fcndet, da\u00df sich dieser\u00a0 \u00f6sterreichische Dichter nicht eindeutig zuordnen l\u00e4\u00dft. Wir lesen eine Variante des Expressionismus mit starken Einfl\u00fcssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der ann\u00e4hernd gleichzeitigen Str\u00f6mungen ist\u00a0 nicht m\u00f6glich. Als erstem Rockstar der Lyrik ist auch bei ihm die Einfl\u00fcsse von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire deutlich zu erkennen. Der Lyriker nahm an vielen Stellen seiner Gedichte auf seine Schwester Bezug. In Trakls Gedichten wird Margarethe Trakl als \u201eFremdlingin\u201c und \u201eJ\u00fcnglingin\u201c bezeichnet. Eine inzestu\u00f6se Beziehung wird im Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/03\/blutschuld\/\"><i>Blutschuld<\/i><\/a> angedeutet. Als Vorg\u00e4nger der <em><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Yippies<\/span><\/span><\/em> gestattete er sich Experimente mit Drogen (Chloroform, Morphium, Opium, Veronal und Alkohol). In seinem verschatteten Werk \u00fcberwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Sterbens, des Todes und des Vergehens. Zwar sind die Gedichte reich an biblisch-religi\u00f6sen Bez\u00fcgen, und vielen eignet eine kontemplative Offenheit zur Transzendenz, doch nur selten bricht das Licht der Erl\u00f6sung in das Dunkel. Ein Dunkelheit, die ihn am 3. November 1914 in Krakau, Galizien erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Ann\u00e4herung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie<i><\/i><i><\/i><i>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23505&amp;preview=true\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; O, der schwarze Engel, der leise aus dem Innern des Baums trat, Da wir sanfte Gespielen am Abend waren, Am Rand des bl\u00e4nlichen Brunnens. 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