{"id":90942,"date":"2021-11-03T00:01:04","date_gmt":"2021-11-02T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90942"},"modified":"2022-02-28T12:08:43","modified_gmt":"2022-02-28T11:08:43","slug":"verwandlung-des-boesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/03\/verwandlung-des-boesen\/","title":{"rendered":"Verwandlung des B\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Herbst: schwarzes Schreiten am Waldsaum; Minute stummer Zerst\u00f6rung; auflauscht die Stirne des Auss\u00e4tzigen unter dem kahlen Baum. Langvergangener Abend, der nun \u00fcber die Stufen von Moos sinkt; November. Eine Glocke l\u00e4utet und der Hirt f\u00fchrt eine Herde von schwarzen und roten Pferden ins Dorf. Unter dem Haselgeb\u00fcsch weidet der gr\u00fcne J\u00e4ger ein Wild aus. Seine H\u00e4nde rauchen von Blut und der Schatten des Tiers seufzt im Laub \u00fcber den Augen des Mannes, braun und schweigsam; der Wald. Kr\u00e4hen, die sich zerstreuen; drei. Ihr Flug gleicht einer Sonate, voll verblichener Akkorde und m\u00e4nnlicher Schwermut; leise l\u00f6st sich eine goldene Wolke auf. Bei der M\u00fchle z\u00fcnden Knaben ein Feuer an. Flamme ist des Bleichsten Bruder und jener lacht vergraben in sein purpurnes Haar; oder es ist ein Ort des Mordes, an dem ein steiniger Weg vorbeif\u00fchrt. Die Berberitzen sind verschwunden, jahrlang tr\u00e4umt es in bleierner Luft unter den F\u00f6hren; Angst, gr\u00fcnes Dunkel, das Gurgeln eines Ertrinkenden: aus dem Sternenweiher zieht der Fischer einen gro\u00dfen, schwarzen Fisch, Antlitz voll Grausamkeit und Irrsinn. Die Stimmen des Rohrs, hadernder M\u00e4nner im R\u00fccken schaukelt jener auf rotem Kahn \u00fcber frierende Herbstwasser, lebend in dunklen Sagen seines Geschlechts und die Augen steinern \u00fcber N\u00e4chte und jungfr\u00e4uliche Schrecken aufgetan. B\u00f6se.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Was zwingt dich still zu stehen auf der verfallenen Stiege, im Haus deiner V\u00e4ter? Bleierne Schw\u00e4rze. Was hebst du mit silberner Hand an die Augen; und die Lider sinken wie trunken von Mohn? Aber durch die Mauer von Stein siehst du den Sternenhimmel, die Milchstra\u00dfe, den Saturn; rot. Rasend an die Mauer von Stein klopft der kahle Baum. Du auf verfallenen Stufen: Baum, Stern, Stein! Du, ein blaues Tier, das leise zittert; du, der bleiche Priester, der es hinschlachtet am schwarzen Altar. O dein L\u00e4cheln im Dunkel, traurig und b\u00f6se, da\u00df ein Kind im Schlaf erbleicht. Eine rote Flamme sprang aus deiner Hand und ein Nachfalter verbrannte daran. O die Fl\u00f6te des Lichts; o die Fl\u00f6te des Tods. Was zwang dich still zu stehen auf verfallener Stiege, im Haus deiner V\u00e4ter? Drunten ans Tor klopft ein Engel mit kristallnem Finger.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">O die H\u00f6lle des Schlafs; dunkle Gasse, braunes G\u00e4rtchen. Leise l\u00e4utet im blauen Abend der Toten Gestalt. Gr\u00fcne Bl\u00fcmchen umgaukeln sie und ihr Antlitz hat sie verlassen. Oder es neigt sich verblichen \u00fcber die kalte Stirne des M\u00f6rders im Dunkel des Hausflurs; Anbetung, purpurne Flamme der Wollust; hinsterbend st\u00fcrzte \u00fcber schwarze Stufen der Schl\u00e4fer ins Dunkel.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Jemand verlie\u00df dich am Kreuzweg und du schaust lange zur\u00fcck. Silberner Schritt im Schatten verkr\u00fcppelter Apfelb\u00e4umchen. Purpurn leuchtet die Frucht im schwarzen Ge\u00e4st und im Gras h\u00e4utet sich die Schlange. O! das Dunkel; der Schwei\u00df, der auf die eisige Stirne tritt und die traurigen Tr\u00e4ume im Wein, in der Dorfschenke unter schwarzverrauchtem Geb\u00e4lk. Du, noch Wildnis, die rosige Inseln zaubert aus dem braunen Tabaksgew\u00f6lk und aus dem Innern den wilden Schrei eines Greifen holt, wenn er um schwarze Klippen jagt in Meer, Sturm und Eis. Du, ein gr\u00fcnes Metall und innen ein feuriges Gesicht, das hingehen will und singen vom Beinerh\u00fcgel finstere Zeiten und den flammenden Sturz des Engels. O! Verzweiflung, die mit stummem Schrei ins Knie bricht.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Ein Toter besucht dich. Aus dem Herzen rinnt das selbstvergossene Blut und in schwarzer Braue nistet uns\u00e4glicher Augenblick; dunkle Begegnung. Du \u2013 ein purpurner Mond, da jener im gr\u00fcnen Schatten des \u00d6lbaums erscheint. Dem folgt unverg\u00e4ngliche Nacht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-e1617436834842.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81819 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a>Die nachhaltige Faszination der Schriften von Georg Trakl liegt darin begr\u00fcndet, da\u00df sich dieser\u00a0 \u00f6sterreichische Dichter nicht eindeutig zuordnen l\u00e4\u00dft. Wir lesen eine Variante des Expressionismus mit starken Einfl\u00fcssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der ann\u00e4hernd gleichzeitigen Str\u00f6mungen ist\u00a0 nicht m\u00f6glich. Als erstem Rockstar der Lyrik ist auch bei ihm die Einfl\u00fcsse von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire deutlich zu erkennen. Der Lyriker nahm an vielen Stellen seiner Gedichte auf seine Schwester Bezug. In Trakls Gedichten wird Margarethe Trakl als \u201eFremdlingin\u201c und \u201eJ\u00fcnglingin\u201c bezeichnet. Eine inzestu\u00f6se Beziehung wird im Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/03\/blutschuld\/\"><i>Blutschuld<\/i><\/a> angedeutet. Als Vorg\u00e4nger der <em><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Yippies<\/span><\/span><\/em> gestattete er sich Experimente mit Drogen (Chloroform, Morphium, Opium, Veronal und Alkohol). In seinem verschatteten Werk \u00fcberwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Sterbens, des Todes und des Vergehens. Zwar sind die Gedichte reich an biblisch-religi\u00f6sen Bez\u00fcgen, und vielen eignet eine kontemplative Offenheit zur Transzendenz, doch nur selten bricht das Licht der Erl\u00f6sung in das Dunkel. Ein Dunkelheit, die ihn am 3. November 1914 in Krakau, Galizien erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Ann\u00e4herung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie<i><\/i><i><\/i><i>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23505&amp;preview=true\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Herbst: schwarzes Schreiten am Waldsaum; Minute stummer Zerst\u00f6rung; auflauscht die Stirne des Auss\u00e4tzigen unter dem kahlen Baum. Langvergangener Abend, der nun \u00fcber die Stufen von Moos sinkt; November. 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