{"id":90853,"date":"2023-11-03T00:01:58","date_gmt":"2023-11-02T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90853"},"modified":"2022-02-26T08:54:10","modified_gmt":"2022-02-26T07:54:10","slug":"verlassenheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/03\/verlassenheit\/","title":{"rendered":"Verlassenheit"},"content":{"rendered":"<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">1<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts unterbricht mehr das Schweigen der Verlassenheit. \u00dcber den dunklen, uralten Gipfeln der B\u00e4ume ziehn die Wolken hin und spiegeln sich in den gr\u00fcnlich-blauen Wassern des Teiches, der abgr\u00fcndlich scheint. Und unbeweglich, wie in trauervolle Ergebenheit versunken, ruht die Oberfl\u00e4che \u2013 tagein, tagaus. Inmitten des schweigsamen Teiches ragt das Schlo\u00df zu den Wolken empor mit spitzen, zerschlissenen T\u00fcrmen und D\u00e4chern. Unkraut wuchert \u00fcber die schwarzen, geborstenen Mauern, und an den runden, blinden Fenstern prallt das Sonnenlicht ab. In den d\u00fcsteren, dunklen H\u00f6fen fliegen Tauben umher und suchen sich in den Ritzen des Gem\u00e4uers ein Versteck. Sie scheinen immer etwas zu bef\u00fcrchten, denn sie fliegen scheu und hastend an den Fenstern hin. Drunten im Hof pl\u00e4tschert die Font\u00e4ne leise und fein. Aus bronzener Brunnenschale trinken dann und wann die d\u00fcrstenden Tauben. Durch die schmalen, verstaubten G\u00e4nge des Schlosses streift manchmal ein dumpfer Fieberhauch, da\u00df die Flederm\u00e4use erschreckt aufflattern. Sonst st\u00f6rt nichts die tiefe Ruhe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Gem\u00e4cher aber sind schwarz verstaubt! Hoch und kahl und frostig und voll erstorbener Gegenst\u00e4nde. Durch die blinden Fenster kommt bisweilen ein kleiner, winziger Schein, den das Dunkel wieder aufsaugt. Hier ist die Vergangenheit gestorben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier ist sie eines Tages erstarrt in einer einzigen, verzerrten Rose. An ihrer Wesenlosigkeit geht die Zeit achtlos vor\u00fcber.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und alles durchdringt das Schweigen der Verlassenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">2<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand vermag mehr in den Park einzudringen. Die \u00c4ste der B\u00e4ume halten sich tausendfach umschlungen, der ganze Park ist nur mehr ein einziges, gigantisches Lebewesen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und ewige Nacht lastet unter dem riesigen Bl\u00e4tterdach. Und tiefes Schweigen! Und die Luft ist durchtr\u00e4nkt von Vermoderungsd\u00fcnsten!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Manchmal aber erwacht der Park aus schweren Tr\u00e4umen. Dann str\u00f6mt er ein Erinnern aus an k\u00fchle Sternenn\u00e4chte, an tief verborgene heimliche Stellen, da er fiebernde K\u00fcsse und Umarmungen belauschte, an Sommern\u00e4chte, voll gl\u00fchender Pracht und Herrlichkeit, da der Mond wirre Bilder auf den schwarzen Grund zauberte, an Menschen, die zierlich galant, voll rhythmischer Bewegungen unter seinem Bl\u00e4tterdache dahinwandelten, die sich s\u00fc\u00dfe, verr\u00fcckte Worte zuraunten, mit feinem verhei\u00dfenden L\u00e4cheln.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und dann versinkt der Park wieder in seinen Todesschlaf.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf den Wassern wiegen sich die Schatten von Blutbuchen und Tannen und aus der Tiefe des Teiches kommt ein dumpfes, trauriges Murmeln.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Schw\u00e4ne ziehen durch die gl\u00e4nzenden Fluten, langsam, unbeweglich, starr ihre schlanken H\u00e4lse emporrichtend. Sie ziehen dahin! Rund um das erstorbene Schlo\u00df! Tagein! tagaus!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bleiche Lilien stehn am Rande des Teiches mitten unter grellfarbigen Gr\u00e4sern. Und ihre Schatten im Wasser sind bleicher als sie selbst. Und wenn die einen dahinsterben, kommen andere aus der Tiefe. Und sie sind wie kleine, tote Frauenh\u00e4nde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gro\u00dfe Fische umschwimmen neugierig, mit starren, glasigen Augen die bleichen Blumen, und tauchen dann wieder in die Tiefe \u2013 lautlos!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und alles durchdringt das Schweigen der Verlassenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: justify;\">3<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und droben in einem rissigen Turmgemach sitzt der Graf. Tagein, tagaus. Er sieht den Wolken nach, die \u00fcber den Gipfeln der B\u00e4ume hinziehen, leuchtend und rein. Er sieht es gern, wenn die Sonne in den Wolken gl\u00fcht, am Abend, da sie untersinkt. Er horcht auf die Ger\u00e4usche in den H\u00f6hen: auf den Schrei eines Vogels, der am Turm vorbeifliegt oder auf das t\u00f6nende Brausen des Windes, wenn er das Schlo\u00df umfegt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er sieht wie der Park schl\u00e4ft, dumpf und schwer, und sieht die Schw\u00e4ne durch die glitzernden Fluten ziehn \u2013 die das Schlo\u00df umschwimmen. Tagein! Tagaus!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und die Wasser schimmern gr\u00fcnlich-blau. In den Wassern aber spiegeln sich die Wolken, die \u00fcber das Schlo\u00df hinziehen; und ihre Schatten in den Fluten leuchten strahlend und rein, wie sie selbst. Die Wasserlilien winken ihm zu, wie kleine, tote Frauenh\u00e4nde, und wiegen sich nach den leisen T\u00f6nen des Windes, traurig tr\u00e4umerisch.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf alles, was ihn da sterbend umgibt, blickt der arme Graf, wie ein kleines, irres Kind, \u00fcber dem ein Verh\u00e4ngnis steht, und das nicht mehr Kraft hat, zu leben, das dahinschwindet, gleich einem Vormittagsschatten. Er horcht nur mehr auf die kleine, traurige Melodie seiner Seele: Vergangenheit!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn es Abend wird, z\u00fcndet er seine alte, verru\u00dfte Lampe an und liest in m\u00e4chtigen, vergilbten B\u00fcchern von der Vergangenheit Gr\u00f6\u00dfe und Herrlichkeit. Er liest mit fieberndem, t\u00f6nendem Herzen, bis die Gegenwart, der er nicht angeh\u00f6rt, versinkt. Und die Schatten der Vergangenheit steigen herauf \u2013 riesengro\u00df. Und er lebt das Leben, das herrlich sch\u00f6ne Leben seiner V\u00e4ter.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In N\u00e4chten, da der Sturm um den Turm jagt, da\u00df die Mauern in ihren Grundfesten dr\u00f6hnen und die V\u00f6gel angstvoll vor seinem Fenster kreischen, \u00fcberkommt den Grafen eine namenlose Traurigkeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf seiner jahrhundertalten, m\u00fcden Seele lastet das Verh\u00e4ngnis. Und er dr\u00fcckt das Gesicht an das Fenster und sieht in die Nacht hinaus. Und da erscheint ihm alles riesengro\u00df traumhaft, gespensterlich! Und schrecklich. Durch das Schlo\u00df h\u00f6rt er den Sturm rasen, als wollte er alles Tote hinausfegen und in L\u00fcfte zerstreuen. Doch wenn das verworrene Trugbild der Nacht dahinsinkt wie ein heraufbeschworener Schatten \u2013 durchdringt alles wieder das Schweigen der Verlassenheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-e1617436834842.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-81819 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/GeorgTrakl-217x300.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><\/a>Die nachhaltige Faszination der Schriften von Georg Trakl liegt darin begr\u00fcndet, da\u00df sich dieser\u00a0 \u00f6sterreichische Dichter nicht eindeutig zuordnen l\u00e4\u00dft. Wir lesen eine Variante des Expressionismus mit starken Einfl\u00fcssen des Symbolismus. Eine eindeutige Zuordnung seiner poetischen Werke zu einer der ann\u00e4hernd gleichzeitigen Str\u00f6mungen ist\u00a0 nicht m\u00f6glich. Als erstem Rockstar der Lyrik ist auch bei ihm die Einfl\u00fcsse von Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire deutlich zu erkennen. Der Lyriker nahm an vielen Stellen seiner Gedichte auf seine Schwester Bezug. In Trakls Gedichten wird Margarethe Trakl als \u201eFremdlingin\u201c und \u201eJ\u00fcnglingin\u201c bezeichnet. Eine inzestu\u00f6se Beziehung wird im Gedicht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/03\/blutschuld\/\"><i>Blutschuld<\/i><\/a> angedeutet. Als Vorg\u00e4nger der <em><span class=\"ILfuVd\"><span class=\"hgKElc\">Yippies<\/span><\/span><\/em> gestattete er sich Experimente mit Drogen (Chloroform, Morphium, Opium, Veronal und Alkohol). In seinem verschatteten Werk \u00fcberwiegen die Stimmung und die Farben des Herbstes, dunkle Bilder des Abends und der Nacht, des Sterbens, des Todes und des Vergehens. Zwar sind die Gedichte reich an biblisch-religi\u00f6sen Bez\u00fcgen, und vielen eignet eine kontemplative Offenheit zur Transzendenz, doch nur selten bricht das Licht der Erl\u00f6sung in das Dunkel. Ein Dunkelheit, die ihn am 3. November 1914 in Krakau, Galizien erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Ann\u00e4herung von Peter Paul Wiplinger an Georg Trakl finden Sie<i><\/i><i><\/i><i>\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=23505&amp;preview=true\">hier<\/a>.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Nichts unterbricht mehr das Schweigen der Verlassenheit. \u00dcber den dunklen, uralten Gipfeln der B\u00e4ume ziehn die Wolken hin und spiegeln sich in den gr\u00fcnlich-blauen Wassern des Teiches, der abgr\u00fcndlich scheint. 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