{"id":90831,"date":"2021-10-05T00:01:41","date_gmt":"2021-10-04T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90831"},"modified":"2021-11-02T14:56:24","modified_gmt":"2021-11-02T13:56:24","slug":"kein-ankerplatz-nirgendwo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/05\/kein-ankerplatz-nirgendwo\/","title":{"rendered":"Kein Ankerplatz, nirgendwo"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nomen est omen \u2013 der Titel ihres neuen Gedichtbands sagt schon viel: <em>Fragen im Schlepptau<\/em>. Ines Hagemeyer legt der \u00d6ffentlichkeit nach f\u00fcnf Jahren neue Gedichte vor, die um alte Themen kreisen. Es sind die Fragen, die sie \u2013 und die meisten von uns \u2013 ein Leben lang nicht loslassen, die wie angekettet an uns h\u00e4ngen, die zu ihr geh\u00f6ren, manche als Last und manche als Schatz.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es sind 8 mal 8 Gedichte, in denen es um Wahrheit und Wahrheiten geht, auch sie im Schlepptau eines langen Lebens. Schon das erste Gedicht (\u201eGegenwelt\u201c) wirft das Thema und die Forderung auf, sich der Tatsachen und Wahrheiten bewusst zu werden, denen wir ausgesetzt waren und immer noch sind in unserem Leben \u2013 Ines Hagemeyer nennt diese Vergangenheit \u201eGegenwelt\u201c, dabei geht es auch um ihre ganz eigene Vergangenheit, die sie als Kind j\u00fcdischer Eltern erlitt: Fluchtartige Ausreise aus dem von Nationalsozialisten regierten Deutschen Reich gerade noch rechtzeitig vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Als Kleinkind verl\u00e4sst sie mit ihren Eltern Berlin, f\u00e4hrt auf einem Ozeandampfer nach Uruguay und w\u00e4chst in Montevideo auf. Auch dort erlebt sie eine Gegenwelt, wenn auch eine rettende, und zu ihrer Muttersprache gewinnt sie die spanische Sprache hinzu. Sie verlor ihre Heimat, bevor diese ihre Heimat werden konnte. Und ihre neue Heimat wird sie auch wieder verlieren \u2013 sie liebt einen deutschen Mann, sie heiratet ihn und kehrt, nach einigen Jahren in Spanien, nach Deutschland zur\u00fcck und lebt nun schon seit Jahrzehnten in Bonn, als Ehefrau und Mutter blickt sie auf ein erf\u00fclltes Familienleben zur\u00fcck. Es bleiben aber unheilbare Wunden, es klingt in anderen Gedichten dieses Bandes an, dass sie im Grunde keine Heimat hat wie die meisten von uns. Ihre wahre Heimat ist die Sprache, die deutsche und die spanische, sie wohnt in der Sprache als \u00dcbersetzerin und vor allem wohnt sie in ihrer Sprache als Dichterin.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht \u201eAbsicht\u201c verurteilt die Verdr\u00e4ngung der deutschen Schuld nach dem Krieg: \u201eLegendenteppiche f\u00fcr den Unrat &#8230;\u201c, die auch heute wieder verst\u00e4rkt gekn\u00fcpft werden. In \u201eEintrag\u201c hei\u00dft es: \u201eheute herrscht der Tod | w\u00e4hrend das Leben | unter einer dicken Ascheschicht | kaum noch glimmt\u201c (nach Abraham Lewin, Warschauer Ghetto 1941). Sie denkt \u2013 in \u201eExildichter\u201c \u2013 an die vielen K\u00fcnstler, Schriftsteller, Musiker im Exil, die ihre Karrieren verloren, die nach dem Krieg in Deutschland so gut wie vergessen wurden (etwa Erich Wolfgang Korngold).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Balance von Last und Segen der Erinnerungen wird deutlich in dem Gedicht \u201eTetralogie\u201c, wo von einem Lebenskreislauf die Rede ist, in \u201eFata Morgana\u201c wird das Tr\u00fcgerische der Erinnerungen angesprochen \u2013 und in einem anderen Gedicht folgt daf\u00fcr ein Beispiel: wie sich das kleine M\u00e4dchen wie Effi Briest auf der Schaukel hoch hinauf schwang \u00fcber die B\u00e4ume und sich ein \u201eLeben \u00fcber den Kronen\u201c erfand (\u201efr\u00fcher II\u201c). Dies sind \u2013 wie in vielen folgenden Gedichten \u2013 Verse, die nicht nur die eigenen biografischen Wurzeln widerspiegeln, sondern allgemeing\u00fcltig sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt funkelnde und schmerzende Lebenssplitter in jedem Menschenleben. Nat\u00fcrlich erleidet der eine mehr, der andere weniger. So auch in der Liebe. \u201ein der Erinnerung bleiben | wird dein Blick | verloren in der D\u00e4mmerung\u201c (\u201eOktober\u201c). Oder \u201ejenseits der Worte | lauert die Stille &#8230; lass dir Zeit\u201c (\u201enur\u201c). Dann wieder die schmerzende Erinnerung: \u201emit der Muschel am Ohr | h\u00f6r ich ein fernes Rauschen\u201c (\u201eT\u00e4uschung\u201c) \u2013 es bleibt offen, ob es das Rauschen aus Europa ist oder aus S\u00fcdamerika, beide Kontinente stehen f\u00fcr die Sehnsucht nach echter Heimat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Mitte des Bandes stehen Gedichte, die mit dem Schreiben zu tun haben, mit der sch\u00f6pferischen Arbeit. \u201egeh ans Ufer deiner W\u00fcnsche | fisch dir eine Utopie\u201c, hei\u00dft es in dem Gedicht \u201egeh\u201c \u2013 eine Gedankenexkursion in eine positive Gegenwelt. Aber Ines Hagemeyer will auch Verse wie scharfe Splitter \u2013 und die sollen \u201edas Auge sch\u00e4rfen f\u00fcr | diese Abgr\u00fcnde der Seele\u201c (Introspektion III).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eder Gesang der Amsel | l\u00e4dt mich mit ihrem Ruf | zum Diktat ein\u201c (\u201eim Garten\u201c). Die Natur als Meisterin?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht \u201esp\u00e4te Replik\u201c spielt an auf H\u00f6lderlins Gedicht \u201eAn die jungen Dichter\u201c:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieben Br\u00fcder! es reift unsere Kunst vielleicht,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Da, dem J\u00fcnglinge gleich, lange sie schon geg\u00e4rt,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald zur Stille der Sch\u00f6nheit;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seid nur fromm, wie der Grieche war!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Liebt die G\u00f6tter und denkt freundlich der Sterblichen!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ha\u00dft den Rausch, wie den Frost! lehrt, und beschreibet nicht!<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Meister euch \u00e4ngstigt,<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Fragt die gro\u00dfe Natur um Rat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ines Hagemeyer stellt fest, dass sie nicht mehr zu den jungen Dichtern geh\u00f6rt und hofft, \u201egereift zu sein\u201c, dass auch kein Meister sie \u00e4ngstigt. Nicht die Stille der Sch\u00f6nheit, sondern die Sch\u00f6nheit der Stille zog sie zu H\u00f6lderlins Dichtung hin. R\u00e4tselvoll ist ihr Gedichtschluss:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">&amp; nun frag ich oft die Natur<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">nach dem gewaltigen Rest<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Spielt das auf eine transzendente Zeit an? Oder klingt hier Kritik durch? Es ist die Frage, ob die Natur der gr\u00f6\u00dfte Meister ist \u2013 angesichts der grausamen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Schlie\u00dflich ist ja der Mensch Teil der Natur. Die Dichterin will die \u201eGeheimnisse der Stille\u201c, so an anderer Stelle in diesem Band, in Sprache verwandeln.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein letztes Thema: Bilanz und Lebensvollendung. Ines Hagemeyer spricht in \u201eBilanz II\u201c von der Waagschale f\u00fcr so manche Frucht ihres oder auch unseres Lebens. \u00dcber das was nach dem Leben kommt, hei\u00dft es in dem Gedicht \u201eUnbehagen\u201c lakonisch: \u201eunheilvolles Land | aus dem niemand wiederkehrt | gibt uns R\u00e4tsel auf | bringt uns aber nicht weiter\u201c und das Gedicht \u201eVorhaben\u201c greift in diesem transzendenten Zusammenhang den Gedanken der Heimatsuche wieder auf: \u201eich suche noch eine Unterkunft | aus verwobenem Licht | mit W\u00e4nden aus Traum | &amp; Erinnerung\u201c \u2013 solche Verse sind, aufs Leben bezogen, ernst gemeint.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte gewinnen im gesamten Kontext an Kraft, sie verst\u00e4rken sich gegenseitig. Sie sind in kurzen Versen formuliert, die Gedanken und Bilder erscheinen f\u00fcr sich genommen einfach, sie f\u00e4chern sich, bezogen auf die angespielten Subtexte, subtil auf und werden so ziemlich komplex. Trotz der Mehrdeutigkeiten im Einzelnen sind es recht klare, schn\u00f6rkellose Gedichte, die in die Tiefe wirken, in die Tiefe eines Menschenlebens wie in die Tiefen der Seele und der Geschichte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ich in Ines Hagemeyers Gedichten findet keine Heimat, schon gar nicht im Tod, nur in der Sprache findet es ein Exil, allerdings sind immer \u201eerneut Fragen im Schlepptau\u201c (\u201eEl reexilio\u201c). Und doch schreibt die Dichterin ein vers\u00f6hnliches Resumee im letzten Gedicht (\u201egestern\u201c): \u201edie Welt | wie sie sich zeigte | lag in Schutt &amp; Asche | doch dann sah ich | eine Feldblume | sich vor mir \u00f6ffnen\u201c. Und in einem der sch\u00f6nsten Gedichte dieses Bandes (\u201eNachlese\u201c) steht n\u00fcchtern und zugleich hoffend: \u201eim Staubland jedoch | treibst du den Anker | bereit f\u00fcr einen Hafen | der nicht untergeht\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fragen im Schlepptau<\/strong>, Gedichte von Ines Hagemeyer. Ludwigsburg: Pop Verlag 2021<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-91331 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-205x300.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-205x300.jpg 205w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-700x1024.jpg 700w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-768x1124.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-1049x1536.jpg 1049w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-1399x2048.jpg 1399w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-560x820.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-260x381.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover-160x234.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Schlepptau_Cover.jpg 1654w\" sizes=\"auto, (max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Ulrich Bergmann mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/19\/die-lyrikerin-ines-hagemeyer\/\">Einf\u00fchrung<\/a> in das Werk von Ines Hagemeyer.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Nomen est omen \u2013 der Titel ihres neuen Gedichtbands sagt schon viel: Fragen im Schlepptau. Ines Hagemeyer legt der \u00d6ffentlichkeit nach f\u00fcnf Jahren neue Gedichte vor, die um alte Themen kreisen. Es sind die Fragen, die sie \u2013 und&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/05\/kein-ankerplatz-nirgendwo\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":91331,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1690,866],"class_list":["post-90831","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ines-hagemeyer","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90831","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=90831"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/90831\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=90831"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=90831"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=90831"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}