{"id":90822,"date":"1992-01-02T00:01:17","date_gmt":"1992-01-01T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90822"},"modified":"2021-08-15T16:28:18","modified_gmt":"2021-08-15T14:28:18","slug":"eine-handvoll-venus-und-ehrbare-kaufleute","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/01\/02\/eine-handvoll-venus-und-ehrbare-kaufleute\/","title":{"rendered":"Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine \u00fcberbev\u00f6lkerte Welt, in der Werbeagenturen ihre Kunden, im Jargon abf\u00e4llig als Verbraucher bezeichnet, ungehemmt manipulieren, ihnen Produkte verkaufen, die abh\u00e4ngig machen und wechselseitig S\u00fcchte f\u00f6rdern. Ein verschmutzter Planet, der sich nur durch oberfl\u00e4chliche Vergn\u00fcgungen ertragen l\u00e4sst, durch das Kaufen von schickeren und besseren Waren, wof\u00fcr unaufh\u00f6rliche Manipulation durch Worte und Bilder sorgt. Ein Leben zwischen Verschuldung und Angst vor sozialem Abstieg, der bei Verlust des Arbeitsplatzes droht. Konzerne f\u00fchren Handelskriege, die Politik ist l\u00e4ngst machtlos geworden. Die Ausbeutung der Konsumenten hat Ausma\u00dfe erreicht wie nie zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Bestandaufnahme des 21. Jahrhunderts? Ja, in dem 1953 von Frederik Pohl und C.M. Kornbluth verfassten Science-Fiction-Roman <em>The Space Merchants<\/em>, erschienen unter dem deutschsprachigen Titel <em>Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitchell Courtenay, Werbetexter der Starklasse, mit niedriger Sozialversicherungsnummer, einem Privileg, das er seinem beruflichen Erfolg verdankt, erh\u00e4lt als Auftrag, den Werbefeldzug f\u00fcr das Auswanderungsprogramm zur Venus zu leiten. Ein Vorhaben, das neue M\u00e4rkte schaffen soll, denn die bestehenden sind ausgesch\u00f6pft, die Welt bereits erobert, die Auster sozusagen gegessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman beginnt in dichter Atmosph\u00e4re, man f\u00fchlt sich in ein zeitgen\u00f6ssisches B\u00fcro versetzt. Viele Mechanismen dieser durch und durch schonungslos kapitalistischen Welt kommen dem Leser allzu vertraut vor, obwohl bereits Anfang der f\u00fcnfziger Jahre verfasst. Ein satirischer Handstreich, dem man sein Alter in vielen Passagen nicht anmerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach gut einem Drittel kippt die Situation des Protagonisten, man leidet f\u00f6rmlich mit ihm mit, der Bruch erfolgt unvermutet rasch und brutal, er lernt die Welt des sogenannten Verbrauchers kennen und die ist oft nicht angenehm. In immer neuen Verwicklungen versucht er, seine Identit\u00e4t wiederzugewinnen, ein Thema, das einem Philip K. Dick-Roman entlehnt sein k\u00f6nnte, dessen erster Roman 1955 erschien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Roman lie\u00dfe sich gut verfilmen, er folgt \u00fcber weite Strecken geradlinigen und genretypischen Zuspitzungen. Im letzten F\u00fcnftel \u00fcberholt das Buch sich selbst, eine Kapriole nach der anderen schlagend, verliert es Bodenhaftung, um zum Schluss doch noch zur Venus abzuheben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was bleibt, ist pures Lesevergn\u00fcgen, selbst wenn der Roman auf den letzten Seiten etwas an Qualit\u00e4t verliert. Das Autoren-Duo \u2013 Cyril. M. Kornbluth starb 1958 schon im Alter von 34 Jahren an einem Herzanfall, Frederik Pohl gewann sp\u00e4ter mehrere Male wichtige Science Fiction-Auszeichnungen\u00a0 (Nebula Award, Hugo Award) \u2013 hat eine bemerkenswerte Satire \u00fcber Werbung und skrupellosen Kapitalismus verfasst, die ihnen einen verdienten Platz in der Geschichte utopischer Romane verschafft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/01\/Vernus_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-90826\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/01\/Vernus_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"266\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/01\/Vernus_Cover.jpg 168w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/01\/Vernus_Cover-160x253.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 168px) 100vw, 168px\" \/><\/a>Eine <\/strong><span id=\"ID2067205117\" class=\"artikeltitel notranslate\"><strong>Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute<\/strong>, <\/span><span class=\"notranslate\">Pohl\/Kornbluth. <\/span><span class=\"notranslate\">Heyne<\/span>, 1982, Taschenbuch<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eine \u00fcberbev\u00f6lkerte Welt, in der Werbeagenturen ihre Kunden, im Jargon abf\u00e4llig als Verbraucher bezeichnet, ungehemmt manipulieren, ihnen Produkte verkaufen, die abh\u00e4ngig machen und wechselseitig S\u00fcchte f\u00f6rdern. 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