{"id":90812,"date":"2009-08-21T00:01:03","date_gmt":"2009-08-20T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90812"},"modified":"2022-03-04T16:29:54","modified_gmt":"2022-03-04T15:29:54","slug":"atemschaukel-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/08\/21\/atemschaukel-2\/","title":{"rendered":"Atemschaukel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Im Winter 1945 wurden Abertausende Siebenb\u00fcrger Sachsen und Banater Schwaben in die Sowjetunion deportiert. Die Rote Armee requirierte sie als menschliches Material, das im Wiederaufbau der durch den Krieg zerst\u00f6rten Sowjetunion Verwendung finden sollte. In bestimmten Regionen waren es buchst\u00e4blich alle Frauen und M\u00e4nner zwischen 17 und 45 Jahren, die verschleppt wurden und in Bergwerken, Kolchosen, Kombinaten als Zwangsarbeiter ums \u00dcberleben arbeiten mussten.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Atemschaukel <\/em>ist aus zwei Gr\u00fcnden ein besonders au\u00dfergew\u00f6hnliches und bemerkenswertes Buch. Sie berichtet aus der Ich-Perspektive von der Deportation eines jungen Rum\u00e4nisch-Deutschen, der gegen Ende des zweiten Weltkriegs, wie viele seiner Generation, aus Siebenb\u00fcrgen in ein sowjet-ukrainisches Arbeitslager verbracht wird. Und diese Geschichte erz\u00e4hlt sie mit einer besonderen Intensit\u00e4t, welche \u00fcber die die \u00fcbliche sogenannte Lagerliteratur weit hinausragt. Ja, sie hatte gro\u00dfartige Unterst\u00fctzung, die Erinnerungen von Oskar Pastior, \u00a0Lyriker, auf dessen Erleben die Geschichte gr\u00f6\u00dftenteils aufbaut. Trotzdem ist das Buch schon alleine deswegen ein Meisterwerk, weil es ihr gelingt, dieses Geschehen so verdichtet darzustellen, als wenn es ihre eigenen Erinnerungen w\u00e4ren, die sie f\u00fcr uns festgehalten hat. Der zweite Grund dieses Werk zu lesen, l\u00e4sst sich nicht in einem einzigen Satz beschreiben, denn er setzt sich aus den vielen fantastischen S\u00e4tzen dieses Buches zusammen, die einen erschrecken und entf\u00fchren, absonderliche Satzgebilde, poetische Konstruktionen, die ihresgleichen suchen, mich beim Lesen richtiggehend haben zittern lassen. Am liebsten h\u00e4tte ich zeitweise vor Erstaunen ausgerufen, so ungew\u00f6hnlich und gleichzeitig sch\u00f6n waren die gefundenen Benennungen, welche einen tief in das Lagerleben eintauchen lassen. <em>Die Atemschaukel ist ein Delirium und was f\u00fcr eins. Ich hebe den Blick, da oben stille Sommerwatte, die Stickerei der Wolken. Mein Hirn zuckt mit einer Nadelspitze am Himmel fixiert, besitzt nur noch diesen einen festen Punkt. Und der phantasiert vom Essen. Schon sehe ich die wei\u00dfgedeckten Tische in der Luft, und der Schotter knirscht mir unter den F\u00fc\u00dfen. Und die Sonne scheint mir hell mitten durch die Zirbeldr\u00fcse. Der Hungerengel schaut auf seine Waage und sagt: Du bist mir noch immer nicht leicht genug, wieso l\u00e4sst du nicht locker.<\/em> Ich k\u00f6nnte viele andere Stellen dieser Art zitieren, gro\u00dfartige Literatur, man kann das Buch zuf\u00e4llig aufschlagen, fast auf jeder Seite finden sich S\u00e4tze, welche die Wirklichkeit einspinnen und auf eine unsagbare Ebene bringen, Wort-Collagen, welche dem Leser lange in Erinnerung bleiben.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"left\"} -->\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Atemschaukel<\/strong>. Roman von Herta M\u00fcller. Hanser 2009<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-left\" style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-90808 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover-198x300.jpg 198w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover-160x243.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/12\/Atemschaukel_Cover.jpg 242w\" sizes=\"auto, (max-width: 198px) 100vw, 198px\" \/><\/a><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Im Winter 1945 wurden Abertausende Siebenb\u00fcrger Sachsen und Banater Schwaben in die Sowjetunion deportiert. 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