{"id":90114,"date":"1990-05-03T00:01:33","date_gmt":"1990-05-02T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90114"},"modified":"2022-02-21T16:33:38","modified_gmt":"2022-02-21T15:33:38","slug":"viel-laermen-um-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/03\/viel-laermen-um-nichts\/","title":{"rendered":"Viel L\u00e4rmen um Nichts"},"content":{"rendered":"<p class=\"motto\" style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Wenn wir Schatten euch beleidigt,<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">O so glaubt \u2013 und wohl verteidigt<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">Sind wir dann \u2013, ihr alle schier<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">Habet nur geschlummert hier<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">Und geschaut in Nachtgesichten<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #999999;\">Eures eignen Hirnes Dichten.<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"right\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Shakespeares Sommernachtstraum<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWem geh\u00f6rt der pr\u00e4chtige Palast dort unten?\u00ab fragte Prinz Romano, auf dem schlanken Engl\u00e4nder nach seinen Begleitern zur\u00fcckgewandt, indem sie soeben auf einer H\u00f6he aus dem Walde hervorkamen und auf einmal eine weite, reiche Tiefe vor sich erblickten. \u2013 \u00bbDem Herrn Publikum!\u00ab erwiderte ein sch\u00f6ner J\u00fcngling aus dem Gefolge. \u2013 \u00bbWie! Also hier wohnt der wunderliche Kauz? Kennst du ihn denn?\u00ab rief der Prinz verwundert aus. \u2013 \u00bbNur dem Rufe nach\u00ab, entgegnete der J\u00fcngling, sichtbar verwirrt und mit fl\u00fcchtigem Err\u00f6ten. Die untergehende Sonne begl\u00e4nzte unterdes scharf die sch\u00f6nsten Umrisse des Palastes; heiter und wohnlich erhob er sich \u00fcber die weiten, fruchtbaren Ebenen, mit den Spiegelfenstern noch hell her\u00fcberleuchtend, w\u00e4hrend die Felder ringsum schon zu verdunkeln anfingen. Ein sch\u00f6ner Garten umgab das Schlo\u00df und schien im Abendduft mit der Landschaft und dem schimmernden Strome bis weit an die fernen blauen Berge hin zusammenflie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbG\u00f6ttliche Ironie des Reiselebens!\u00ab sagte der Prinz zu seinen Begleitern. \u00bbWer von euch h\u00e4tte nicht schon sattsam von diesem Publikum geh\u00f6rt, \u00fcber ihn gelacht und sich ge\u00e4rgert? Es juckt mich lange in allen Talenten, ihm einmal ein Schnippchen zu schlagen, und wenn es euch recht ist, so sprechen wir heute \u00fcber Nacht bei ihm ein. La\u00dft mich nur machen, es gibt die k\u00f6stlichste Novelle!\u00ab \u2013 Der Einfall wurde von der ganzen Gesellschaft mit lautem Beifall aufgenommen, und alle lenkten sogleich der breiten, gl\u00e4nzenden Kunststra\u00dfe zu, die nach dem Palast zu f\u00fchren schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war anmutig anzusehen, wie die bunten Reiter beim Gesang der Waldv\u00f6gel langsam die gr\u00fcne Anh\u00f6he hinabzogen, bald zwischen den B\u00e4umen verschwindend, bald wieder vom Abendrote hell beleuchtet. Am wohlgef\u00e4lligsten aber spielten die Abendlichter \u00fcber der zierlichen Gestalt jenes sch\u00f6nen J\u00fcnglings, der vorhin dem Prinzen den Besitzer des Palastes genannt hatte. Der muntere Bursch, soeben als ausgelernter J\u00e4ger aus der Fremde zur\u00fcckkehrend, hatte sich im Gebirge verirrt. So traf ihn die Gesellschaft im Walde, welcher er sich nun auf einige Tagereisen angeschlossen. Sein frisches, fr\u00f6hliches Wesen schien den ganzen bunten Trupp wunderbar zu beleben. Denn w\u00e4hrend seine Augen mit schalkischem Wohlgefallen auf den vornehmen Anf\u00fchrern des Zuges ruhten, f\u00fchrte er hinten ein unausgesetztes Witzgefecht mit den J\u00e4gern oder er sang zu allgemeinem Erg\u00f6tzen die herrlichsten Jagdlieder. Der Kammerherr des Prinzen schrieb die Lieder sorgf\u00e4ltig auf und \u00e4rgerte sich dann, wenn der Bursch sie das n\u00e4chstemal wieder ganz anders sang, so da\u00df er mit Notieren der Varianten gar nicht zu Ende kommen konnte. \u2013 Der Prinz aber hatte seine eigenen Pl\u00e4ne dabei: er gedachte sich des h\u00fcbschen, gewandten Jungen in den n\u00e4chsten Tagen als Pagen und Liebesboten sehr vorteilhaft zu bedienen. Die junge Gr\u00e4fin Aurora n\u00e4mlich, von deren poetischen Natur und Zaubersch\u00f6nheit bei allen Poeten im Lande gro\u00df Geschrei war, wurde aus Italien auf ihren G\u00fctern in dieser Gegend hier erwartet, und Romano war soeben aufgebrochen, die Wunderbare kennen zu lernen und ihr auf seine Weise den Hof zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war schon dunkel geworden, als die Gesellschaft fr\u00f6hlich schw\u00e4tzend in dem Park des Herrn Publikum anlangte. Mit Verwunderung gewahrten sie hier, je tiefer sie hineinritten, eine unerkl\u00e4rliche Bewegung und Unruhe; es war, als r\u00fchrten die Geb\u00fcsche sich ringsumher in der D\u00e4mmerung, einzelne Figuren schl\u00fcpften hastig da und dort hervor, andere schienen erschrocken dem Schlosse zuzueilen. Jetzt sahen sie auch in dem Palaste Lichter durch die ganze Reihe der Fenster auf und nieder irren, eine halberleuchtete Krone drehte sich oben, bald noch eine und wieder eine. Auf einmal stiegen drau\u00dfen mehrere Leuchtkugeln empor und lie\u00dfen pl\u00f6tzlich in wunderbarem, bleichem Licht eine stille Gemeinde fremder Gesichter bemerken, die fast gespensterhaft aus allen B\u00fcschen hervorblickten. \u00bbMeine N\u00e4he und unser Entschlu\u00df, hier einzusprechen, mu\u00df auf dem Schlosse verraten sein\u00ab, sagte der Prinz mit vornehmer Nachl\u00e4ssigkeit; \u00bbes ist ein unbequemes Wesen um den Dichterruhm!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Augenblick w\u00f6lbte sich ein Mondscheinregenbogen luftig vor ihnen \u00fcber die Wipfel, auf dessen H\u00f6he eine goldene Lyra, von einem Lorbeerkranz umwunden, sichtbar wurde. \u2013 \u00bbZart-sinnig!\u00ab rief der \u00fcberraschte und geschmeichelte Prinz aus, mu\u00dfte aber schnell abbrechen, um seinen Engl\u00e4nder zu b\u00e4ndigen, der immer ungeb\u00e4rdiger um sich blickte und schnaubte, als sie unter dem gl\u00e4nzenden Triumphtore einzogen. Unterdes gab der unversehene Knall eines B\u00f6llers das Signal zum Abbrennen eines ausgedehnten Feuerwerkes, das pl\u00f6tzlich den ganzen Platz in einen feurigen Zaubergarten verwandelte. Jetzt war das Pferd nicht l\u00e4nger zu halten; pfeilschnell zwischen dem Spr\u00fchen und Prasseln, \u00fcber Blumen und Hecken gerade fort, flog es an den Feuerr\u00e4dern und Tempeln vor\u00fcber, die Begleiter konnten nicht so rasch nach, die Zuschauer aus den B\u00fcschen schrien: \u00bbHurra!\u00ab Mit Schrecken sah der Prinz im Fluge immer n\u00e4her und n\u00e4her den Palast vor sich, Fackeln am Eingange, und die Herren des Hauses mit zahlreicher Gesellschaft zum Empfange feierlich die Treppe herabsteigen. Mitten in dieser Verwirrung begann endlich das ge\u00e4ngstigte Ro\u00df auf dem freien Rasenteppich zu bocken, und so unter den wunderlichsten Spr\u00fcngen langte der Prinz wie auf einem tollgewordenen Schaukelpferde vor dem Palaste an. \u2013 \u00bbMein Gott!\u00ab rief ihm der Herr Publikum entgegen, \u00bblassen Sie sich herab!\u00ab \u2013 \u00bbBitte sehr, nichts von Herablassung\u00ab, erwiderte der Prinz, schon ganz schief vom Sattel h\u00e4ngend, w\u00e4hrend er den Hut vom Kopf verlor. Hier wurde ein zweiter B\u00f6ller gel\u00f6st, das Pferd feuerte noch einmal w\u00fctend aus, und Romano lag auf dem Sande.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sich dies vor dem Palast begab, sah man zwischen den Schlaglichtern des verl\u00f6schenden Feuerwerks eine junge Dame zu Pferde die Allee heransprengen. Die wunderbare Beleuchtung gab der hohen, schlanken Gestalt etwas Wildsch\u00f6nes, und ein freudiges: Ach! begr\u00fc\u00dfte von allen Seiten die Erscheinung. Ein reichgeschm\u00fcckter Jockei der Dame hatte unterdes Romanos lediges Pferd ergriffen. Sie selbst aber schwang sich schnell vom Sattel und trat mit besorgten, fragenden Blicken zu dem gefallenen Prinzen. Dieser, als er die herabgebeugte Gestalt und die sch\u00f6nen, gro\u00dfen Augen zwischen den herabwallenden Locken so pl\u00f6tzlich \u00fcber sich erblickte, erhob sich gewandt auf ein Knie vor ihr und sagte, zierlich ihre Hand k\u00fcssend: \u00bbNun wei\u00df ich, an welchen Sternen sich diese verzauberten Geb\u00fcsche entz\u00fcndet haben!\u00ab \u2013 Die Dame l\u00e4chelte schweigend und schien unruhig und vergeblich mit den Augen jemand in dem Kreise der Umstehenden zu suchen. Prinz Romano aber sprang ohne alle Verlegenheit auf, sch\u00fcttelte sich ab, reichte der Sch\u00f6nen seinen Arm und f\u00fchrte sie die breite Treppe hinan, w\u00e4hrend der etwas korpulente Herr Publikum, der gar nicht wu\u00dfte, wie ihm geschah, M\u00fche hatte, ihnen so rasch zu folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben aber enstand nunmehr die gr\u00f6\u00dfte Konfusion. Durch eine gl\u00e4nzende Reihe hell erleuchteter Gem\u00e4cher bewegte sich eine zahlreiche Versammlung in festlicher Erwartung, alle Augen waren auf das eintretende Paar gerichtet, der Prinz gr\u00fc\u00dfte vornehm nach allen Seiten. Da kam pl\u00f6tzlich Herr Publikum atemlos nach. \u00bbRomano?\u00ab h\u00f6rte ihn der Prinz hinter sich eifrig zu den Nachfolgenden sagen. \u00bbPrinz Romano? Verfasser von\u00a0\u2013? Ich w\u00fc\u00dfte nicht \u2013 habe nicht die Ehre.\u00ab \u2013 Die Dame sah verwundert bald den Sprechenden, bald den Prinzen an: \u00bbWer von Ihnen beiden ist denn aber nun eigentlich der Herr Publikum?\u00ab \u2013 \u00bbSind Sie denn nicht seine Tochter?\u00ab fragte der Prinz, nicht wenig erstaunt. \u2013 Hier wurden sie durch Herrn Publikum unterbrochen, der in eiliger Gesch\u00e4ftigkeit, mit dem seidnen Schnupftuche sich den Schwei\u00df trocknend, der Dame seinen Arm reichte. \u00bbKonfusion, lauter Konfusion!\u00ab sagte er voller Verwirrung. \u00bbMondschein, Regenbogen, B\u00f6ller, Mi\u00dfverst\u00e4ndnis, ein unerwarteter Gast \u2013 alles zu fr\u00fch abgefeuert; sobald Sie kamen, Gn\u00e4digste, sollten sie abgebrannt werden.\u00ab \u2013 Hiermit war er mit der Gefeierten in der Menge verschwunden, alles dr\u00e4ngte neugierig nach. \u2013 \u00bbWer ist die Dame?\u00ab fragte der Prinz einen der Nachz\u00fcgler. \u2013 \u00bbDie sch\u00f6ne Gr\u00e4fin Aurora\u00ab, war die Antwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war noch alles still im Schlo\u00df nach dem Feste, das bis tief in die Nacht hinein gedauert hatte. Nur Prinz Romano, die Heimlichkeit der Morgenzeit benutzend, stand schon eifrig vor dem hohen Wandspiegel zwischen K\u00e4mmen, Flaschen und B\u00fcchschen, die auf allen St\u00fchlen umherlagen. Dem Rausche einer w\u00fcst durchlebten Jugend war fr\u00fchzeitig ein fataler Katzenjammer gefolgt, und sein Haupt insbesondere hatte in den mannigfachen Raufereien mit den Leidenschaften bedeutend Haare lassen m\u00fcssen. Alle diese Defekte geschickt zu decken, war heut sein erstes Tagewerk, da er leider aus Erfahrung wu\u00dfte, da\u00df vor den Augen der Damen in Auroras Alter der Lorbeerkranz die Glatze eines Dichters nicht zu verbergen vermag. \u2013 Drau\u00dfen aber ging der herrlichste Sommermorgen funkelnd an allen Fenstern des Palastes vor\u00fcber, alle V\u00f6gel sangen in der sch\u00f6nen Einsamkeit, w\u00e4hrend von fern aus den T\u00e4lern die Morgenglocken \u00fcber den Garten heraufklangen. Da vernahm der Prinz zwischen den blitzenden Geb\u00fcschen unten abgebrochen einzelne volle Gitarrenakkorde. Das konnte er niemals ohne innerliche Resonanz ertragen, die fr\u00fchesten Jugenderinnerungen klangen sogleich mit an: ferne blaue Berge, Reisebilder, italienische Sommern\u00e4chte, erlebte und gelesene. Auch heute vermochte er dem Zuge poetischer Kameradschaft nicht zu widerstehen, er warf K\u00e4mme und B\u00fcchsen fort und eilte die breiten, stillen Marmortreppen hinab, in den Park hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein frischer Morgenwind ging durch die Wipfel, aber in dem Rauschen war ringsumher kein Lautenklang mehr zu vernehmen. Der Prinz horchte, schritt dann tiefer in das taufrische Labyrinth hinein und lauschte wieder. Da glaubte er in einiger Entfernung sprechen zu h\u00f6ren, als eine pl\u00f6tzliche Wendung des Ganges ihm einen unerwarteten Anblick er\u00f6ffnete. Ein junger Mann n\u00e4mlich, in leichter Reisekleidung und eine Gitarre im Arm, hatte sich soeben \u00fcber den Zaun in den Garten geschwungen; ein J\u00e4ger sa\u00df noch auf dem Zaune, beide waren bem\u00fcht, einem kurzen, wohlbeleibten Manne gleichfalls her\u00fcberzuhelfen. \u00bbSind Euer nicht noch mehr dahinter?\u00ab fragte der J\u00e4ger mit pfiffiger Miene. \u2013 \u00bbDummes Zeug!\u00ab erwiderte der Dicke, m\u00fchsam kletternd und halb zu dem andern gewendet: \u00bbIhr habt immer solche absonderliche Streiche im Kopf und meint, es sei poetisch, weil&#8217;s kurios ist. Da brauch&#8216; ich keinen solchen nichtsw\u00fcrdigen Zaun dazu, ich trage die rechte Himmelsleiter allezeit bei mir, die leg&#8216; ich an, gerade in die Luft, wo mir&#8217;s beliebt, und auf der klettre ich fixer hinan als ihr alle zusammen!\u00ab \u2013 Hier wandte sich der Fremde mit der Gitarre rasch herum, Prinz Romano blieb in h\u00f6chster \u00dcberraschung wie eingewurzelt stehen. \u00bbMein Gott!\u00ab rief er, \u00bbGraf <i>Leontin<\/i> \u2013 aus, \u203aAhnung und Gegenwart\u2039!\u00ab \u2013 \u00bbIst gleich an der Gitarre zu erkennen\u00ab, fiel ihm der Dicke ins Wort; \u00bber kann nicht \u203awohlgespeist zu haben\u2039 sagen ohne einen Griff in die Saiten dazu.\u00ab \u2013 \u00bbDer Dichter <i>Faber<\/i>\u00ab, sagte Leontin, den Dicken pr\u00e4sentierend, \u00bbnoch immer der alte; er kann, wie ein B\u00e4r, nicht ohne Brummen tanzen.\u00ab \u2013 \u00bbAber, liebe Herzensjungen\u00ab, entgegnete der Prinz, \u00bbich versteh&#8216; noch immer nicht \u2013 wie kommt ihr hierher, was wollt ihr?\u00ab \u2013 \u00bbDer sch\u00f6nen Aurora im Vor\u00fcberziehen ein St\u00e4ndchen bringen\u00ab, erwiderte Leontin. \u2013 \u00bbSt\u00e4ndchen?\u00ab rief Prinz Romano begeistert aus; \u00bbMorgenst\u00e4ndchen im Garten? O\u00a0da mu\u00df ich mit! wo ist ihr Schlafgemacht?\u00ab \u2013 \u00bbDer J\u00e4ger da will uns weisen\u00ab, sagte Leontin; \u00bbvon ihm erfuhren wir&#8217;s, da\u00df die Gr\u00e4fin hier ist.\u00ab \u2013 \u00bbPst! pst! wir sind schon unter der Schu\u00dfweite der Fenster!\u00ab unterbrach sie Herr Faber, indem er, ungeachtet seiner Korpulenz, geb\u00fcckt und voller Eifer auf den Zehen fortzog, als wollte er ein Vogelnest beschleichen. Der J\u00e4ger f\u00fchrte ihn unabl\u00e4ssig in die Kreuz und Quer, der breite Dichter stolperte und schimpfte, der J\u00e4ger sprach lustig Mut zu, die andern folgten lachend. So zog das wunderliche H\u00e4uflein zankend, schwirrend und sumsend durch die stille Morgenluft bis an eine Rosenhecke, wo ihr F\u00fchrer sie endlich aufstellte. Die Schlo\u00dffenster leuchteten wie gl\u00e4nzende Augen zu ihnen her\u00fcber; Leontin griff, ohne sich lange zu besinnen, in die Saiten, Faber \u00fcbernahm die Ba\u00dfpartie, und sie sangen munter:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn den Wipfeln frische L\u00fcfte,<br \/>\nFern melod&#8217;scher Quellen Fall,<br \/>\nDurch die Einsamkeit der Kl\u00fcfte<br \/>\nWaldeslaut und Vogelschall,<br \/>\nScheuer Tr\u00e4ume Spielgenossen,<br \/>\nSteigen all&#8216; beim Morgenschein<br \/>\nAuf des Weinlaubs schwanken Sprossen<br \/>\nDir ins Fenster aus und ein.<br \/>\nUnd wir nahn noch halb in Tr\u00e4umen,<br \/>\nUnd wir tun in Kl\u00e4ngen kund,<br \/>\nWas da drau\u00dfen in den B\u00e4umen<br \/>\nSingt der weite Fr\u00fchlingsgrund.<br \/>\nRegt der Tag erst laut die Schwingen<br \/>\nSind wir alle wieder weit \u2013<br \/>\nAber tief im Herzen klingen<br \/>\nLange nach noch Lust und Leid.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin scharmantes Lied!\u00ab unterbrach sie hier der entz\u00fcckte Prinz. \u2013 \u00bbStill, still\u00ab, sagte Faber, \u00bbda wackelte eben die Gardine oben im Fenster!\u00ab \u2013 \u00bbWahrhaftig\u00ab, rief Romano, \u00bbsehet ihr, zwei g\u00f6ttliche Augen blitzen heimlich zwischen den Vorh\u00e4ngen hindurch!\u00ab \u2013 Sie sangen von neuem:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDicke Liederknospen gr\u00fcnen<br \/>\nHier vom Wipfel bis zum Grund \u2013<br \/>\nEinen Blick aus den Gardinen,<br \/>\nUnd der Strauch bl\u00fcht liebesbunt!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt \u00f6ffnete sich wirklich das verh\u00e4ngnisvolle Fenster. \u2013 Herr Publikum, eine schneewei\u00dfe Schlafm\u00fctze auf dem Kopf, lehnte sich breit und behaglich heraus und g\u00e4hnte, als wollte er den ganzen Morgen verschlingen. Die S\u00e4nger starrten wie versteinert durch ihr Versteck in den unverhofften Rachen. \u00bbDanke, danke, meine unsichtbaren Freunde, f\u00fcr diese angenehme Aufmerksamkeit!\u00ab sagte der M\u00e4cenas oben, noch immer g\u00e4hnend und mit der fetten Hand vornehm herabwinkend. \u00bbZu viel Ehre \u2013 mein geringes Interesse an den sch\u00f6nen K\u00fcnsten und Wissenschaften \u2013 es freut mich, da\u00df es solch zarte Anerkennung\u00a0\u2013\u00ab Aber Leontin lie\u00df ihn nicht ausreden, er griff w\u00fctend in die Saiten und \u00fcbersang ihn:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas hast du f\u00fcr ein gro\u00dfes Maul,<br \/>\nKannst sprechen ganz besunder;<br \/>\nLob mich auch &#8218;mal, sei nicht so faul!<br \/>\nLobst sonst ja manchen Plunder.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ganz verdutzte Publikum, als er sich recht besann, wie ihm eigentlich geschehen, geriet \u00fcber diesen unerwarteten Gru\u00df in einen unm\u00e4\u00dfigen Zorn. \u00bbWer tat mir das?\u00ab schrie er, \u00abund in meinem eigenen Garten! Greift mir die impertinenten Kerls!\u00ab \u2013 Er rief nun eine Menge von Dienern bei ihren Namen, da\u00df er ganz blau im Gesicht wurde. \u00dcber dem Geschrei erhob sich durch den ganzen Palast, treppauf, treppab, ein verworrenes Rumoren, von allen Seiten fuhren Gesichter neugierig aus allen Fenstern, durch den stillen Garten selbst h\u00f6rte man schon einzelne Stimmen suchend schweifen. Der Morgenspuk in der Rosenhecke aber war bereits nach verschiedenen Richtungen hin zerstiebt. Leontin konnte vor Lachen fast nicht mehr weiter, der Prinz aus Besorgnis, sich in dem fremden Hause l\u00e4cherlich zu machen, fand es am geratensten, mit den andern gleichfalls Rei\u00dfaus zu nehmen; Faber dagegen, den gleich anfangs bei dem \u00fcberraschenden Anblick des ungeheuern, buttergl\u00e4nzenden Gesichts im Fenster eine wunderliche Furcht ergriffen hatte, war schon ein gut St\u00fcck voraus und keuchte und schimpfte auf Leontins unaufh\u00f6rliche Narrenstreiche und auf den J\u00e4ger, der sie vor die falschen Fenster gef\u00fchrt. Der letztere hatte sich inzwischen verloren, Romano aber glaubte, bald da, bald dort in den Geb\u00fcschen neben sich kichern zu h\u00f6ren und <i>Florentins,<\/i> seines h\u00fcbschen J\u00e4gerb\u00fcrschchens, Stimme zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie sich drau\u00dfen im Walde in Sicherheit sahen, warf sich Leontin ersch\u00f6pft auf den Rasen hin, Faber ging vor ihm mit schnellen Schritten auf und nieder, sich emsig die H\u00e4nde reibend, wie einer, der mit sich selbst zufrieden ist. \u2013 \u00bbIhr seid an allem schuld, Faber\u00ab, sagte Leontin; \u00bbIhr seid schon zu schwer, Ihr fallt \u00fcberall durch auf dem Glatteise der Liebe und rei\u00dft uns mit fort.\u00ab \u2013 \u00bbWas, Rei\u00dfen, Durchfall!\u00ab entgegnete der vergn\u00fcgte Dichter; \u00bbder Publikum hat doch seinen k\u00f6stlichen \u00c4rger weg!\u00ab Dazwischen schwor er wieder, den schuftigen J\u00e4ger durchzupr\u00fcgeln, und sollt&#8216; es am j\u00fcngsten Tage sein. \u2013 \u00bbUnd Sie, Durchlaucht, haben als Volont\u00e4r die Retirade mitgemacht\u00ab, sagte Leontin zum Prinzen. \u2013 \u00bbWas war zu tun?\u00ab erwiderte dieser; \u00bbmeine Freiersf\u00fc\u00dfe mu\u00dften wohl f\u00fcr Eure Verse das Fersengeld mit bezahlen.\u00ab \u2013 \u00bbWie! Freiersf\u00fc\u00dfe? wem setzen Sie darauf nach, wenn man fragen darf?\u00ab \u2013 \u00bbDem edelsten Wilde, mein&#8216; ich, um das jemals ein J\u00e4ger H\u00f6rner angesetzt, in das jeder Weidmann geschossen ist, mit einem Wort, meine Freunde: ich m\u00f6chte beinah gesonnen sein, um die Hand der sch\u00f6nen Gr\u00e4fin Aurora zu werben.\u00ab \u2013 Hier brachen Leontin und Faber, zu des Prinzen Erstaunen, pl\u00f6tzlich in ein unaufhaltsames Gel\u00e4chter aus. \u00bbDie Gr\u00e4fin Aurora?!\u00ab riefen sie, immerfort lachend, einer nach dem \u00e4ndern aus \u2013 \u00bbebensogut k\u00f6nnte man die G\u00f6ttin Diana unter die Haube bringen \u2013 oder der Thetis den Verlobungsring an den rosigen Finger stecken \u2013 oder die Phantasie heiraten \u2013 und alle neun Musen dazu!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der empfindliche Prinz hatte unterdes mit dem vornehmsten Gesicht, das ihm zu Gebot stand, seine Lorgnette hervorgezogen und nahm die Gegend und dann die Lachenden ruhig in Augenschein. \u00bbIch mu\u00df gestehen\u00ab, sagte er endlich, das unertr\u00e4gliche Gel\u00e4chter unterbrechend, \u00bbSie liebten doch fr\u00fcher eine gewisse geniale Eleganz, lieber Graf; es fiel mir schon vorhin auf, Sie in diesem wunderlichen, altmodischen Aufzuge wiederzusehen. Nehmt mir&#8217;s nicht \u00fcbel, ihr Herren, ihr seht aus wie die Tr\u00fcmmer eines reduzierten Freikorps.\u00ab \u2013 \u00bbVortrefflich, Prinz!\u00ab rief Leontin; \u00bbSie haben da recht den Nagel auf den Kopf getroffen! Ja, das fliegende Korps der Jugend, dem wir angeh\u00f6ren, ist l\u00e4ngst aufgel\u00f6st, das Handgeld fl\u00fcchtiger K\u00fcsse vergeudet; diese \u00e4sthetischen Grafen und Barone, diese langhaarigen reisenden Maler, die genialen Frauen zu Pferde, sie sind nach allen Richtungen hin zerstreut; unsre tapfersten Anf\u00fchrer hat der Himmel quiesziert, ein neues, aus unserer Schule entlaufenes Geschlecht hat neue, langweilige Chausseen gezogen, und wir stehen wie vergessene Wegweiser in der alten, sch\u00f6nen Wildnis.\u00ab \u2013 Der Prinz fuhr fast verlegen mit der Hand \u00fcber die Stirn, er konnte ein abermaliges Gef\u00fchl von Kameradschaft mit diesem verungl\u00fcckten Freikorps nicht unterdr\u00fccken. \u00bbTeuerster Graf\u00ab, sagte er, \u00bbSie pflegten von jeher gern zu \u00fcbertreiben.\u00ab \u2013 \u00bbJa, Pferde, Liebe, Lust und Witz\u00ab, erwiderte Leontin; \u00bbdaher bring&#8216; ich sie nun alle ein bi\u00dfchen lahm aus der Kampagne zur\u00fcck.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wurden sie durch Faber unterbrochen. Der erm\u00fcdete Poet hatte sich in die warme Morgensonne bequem hingelagert und fing soeben auf die furchtbarste Weise zu schnarchen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGott beh\u00fct&#8216; uns!\u00ab rief der erschrockene Prinz aus, indem er den Schlafenden durch die Lorgnette aufmerksam betrachtete. \u00bbSehen Sie doch, wie er sich nun abqu\u00e4lt, ein gelindes Tabakschmauchen nachzuahmen \u2013 jetzt bl\u00e4st er sich wieder m\u00e4chtig auf; das ist ja, als wenn der Teufel die Ba\u00dfgeige striche! \u2013 Und nun auf einmal mit einem Schlagtriller alles wieder abgeschnappt \u2013 ich glaube, er erstickt an seinem \u00c4rger \u00fcber Herrn Publikum. Was hat er denn eigentlich mit dem?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Entschlafene\u00ab, erwiderte Leontin, \u00bbwar in der letzteren Zeit als Hofdichter beim Herrn Publikum angestellt. \u2013 Das ging auch anfangs vortrefflich, er wurde gehauen, geschnitten, gestochen, ich meine: in Stein und Kupfer, die Damen rissen sich ordentlich um seine Romantik. Als sie nun aber nach und nach ein wenig abgerissen wurde, da war nichts weiter dahinter. Es war ein Skandal! Er konnte nicht so geschwind die neumodische klassische Toga umschlagen, verwickelte sich in der Hast mit Arm und Beinen in die schottischen Plaids und gab immer mehr Bl\u00f6\u00dfen \u2013 ja zuletzt sagte ihm Herr Publikum gerade auf den Kopf: er sei nun g\u00e4nzlich aus der Mode geraten, ja es gebe \u00fcberhaupt gar keine solche humoristische Hagestolzen wie er in der Wirklichkeit, er sei eigentlich ein blo\u00dfes in Gedanken stehen gebliebenes Hirngespinst, das f\u00fcr nicht vorhanden zu achten. \u2013 So hatte die atemlose Zeit auch ihn \u00fcbergerannt, und ich fand den abgedankten Dichter, an seiner eigenen Existenz verzweifelnd, hier im Walde unfern von meinem Schlosse wieder.\u00ab \u2013 \u00bbWie\u00ab, rief der Prinz aus, \u00bbso wohnen Sie jetzt hier in der N\u00e4he?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAllerdings\u00ab, entgegnete Leontin. \u00bbDie spr\u00f6de Welt, die wir als unser Lustrevier erobern wollten, hat uns nach und nach bis auf ein einsames Waldschlo\u00df zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, und die von der alten Garde tun mir die Ehre an, sich um die zerrissene Standarte der Romantik zu versammeln, die ich auf der Zinne des Kastells aufgesteckt. Dort rumoren wir auf unsere eigene Hand lustig fort, gefallen uns selbst und ignorieren das andre. Rauschen und singen doch die W\u00e4lder noch immerfort wie in der Jugend, und jeden Fr\u00fchling wirbelt die Lerche die alten Gesellen zusammen, und von Zeit zu Zeit besucht uns dort wohl noch unser sch\u00f6nes Waldlieb.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier sprang Leontin pl\u00f6tzlich auf, und auch der Prinz wandte, angenehm \u00fcberrascht, seine Blicke nach dem Felsen; denn ein wundersch\u00f6ner Gesang klang auf einmal aus dem Walde zu ihnen her\u00fcber. Sie konnten etwa folgende Worte verstehen:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbLindes Rauschen in den Wipfeln,<br \/>\nV\u00f6glein, die ihr fernab fliegt,<br \/>\nBronnen von den stillen Gipfeln,<br \/>\nSagt, wo meine Heimat liegt?<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Heut im Traum sah ich sie wieder,<br \/>\nUnd von allen Bergen ging<br \/>\nSolches Gr\u00fc\u00dfen zu mir nieder,<br \/>\nDa\u00df ich an zu weinen fing.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Ach, hier auf den fremden Gipfeln:<br \/>\nMenschen, Quellen, Fels und Baum,<br \/>\nWirres Rauschen in den Wipfeln \u2013<br \/>\nAlles ist mir wie ein Traum.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt erschien der S\u00e4nger im hellsten Glanz der Morgenlichter zwischen den B\u00e4umen \u2013 es war Florentin, das J\u00e4gerb\u00fcrschchen aus Romanos Begleitung. Er stutzte und brach schnell sein Lied ab, als er den Prinzen unten bemerkte. \u00bbDacht&#8216; ich&#8217;s doch!\u00ab rief Leontin, die leuchtende Erscheinung freudig anstaunend. \u2013 Faber rieb sich verwirrt die Augen. \u00bbEs tr\u00e4umte mir eben\u00ab, sagt&#8216; er, \u00bbein Engel z\u00f6ge singend \u00fcber mich durch die Morgenluft.\u00ab \u2013 Unterdes aber war Florentin schon bei ihnen, fa\u00dfte Leontin und Faber, wie alte Bekannte, rasch bei den H\u00e4nden und f\u00fchrte sie tiefer in den Wald hinein. \u2013 Der Prinz h\u00f6rte sie untereinander lachen, dann wieder sehr eifrig und heimlich sprechen; Florentins Stimme klang immerfort wie ein Gl\u00f6ckchen zwischen dem Vogelsang her\u00fcber. Als sie zur\u00fcckkehrten, schienen Leontin und Faber zerstreut und unruhig, wie Leute, die pl\u00f6tzlich einen Anschlag gefa\u00dft haben. \u00bbWir m\u00fcssen schnell weiter; auf eine lustige Hochzeit dann!\u00ab sagte Leontin zum Prinzen und lud ihn noch heiter ein, ihn auf seinem Kastell zu besuchen. Dann eilte er sogleich mit Faber den Berg hinab, wo auf einer Waldwiese ein J\u00e4ger mit ihren Pferden im Schatten ruhte. Florentin aber war ebenso eilig im Walde wieder verschwunden. Erstaunt und verwirrt stand nun der Prinz in der unerwarteten Einsamkeit. Da sah er unten die beiden Freunde schon fern zwischen Weinbergen und bl\u00fchenden G\u00e4rten in die gl\u00e4nzende Landschaft hinausziehen und Schl\u00f6sser, T\u00fcrme und Berge ergl\u00fchten purpurn, und ein leiser Hauch wehte den Klang der Morgenglocken und Lerchensang und D\u00fcfte erquickend herauf, als l\u00e4ge das Land der Jugend dort in der blitzenden Ferne. Hoch oben auf den Felsen aber erschien Florentin noch einmal, schwenkte seinen Hut und sang den Fortziehenden nach:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbMuntre V\u00f6gel in den Wipfeln,<br \/>\nIhr Gesellen dort im Tal,<br \/>\nGr\u00fc\u00dft mir von den fremden Gipfeln<br \/>\nMeine Heimat tausendmal!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Garten des Herrn Publikum bringt der Wind unverhofft ein sonderbares, unerkl\u00e4rliches Gesumse zu uns her\u00fcber, es scheint nicht M\u00fchlengebraus, nicht Katzengefecht, noch Murmeln rieselnder B\u00e4che, sondern vielmehr das alles zusammen. Je mehr wir uns indes mit geb\u00fchrender Vorsicht n\u00e4hern, je deutlicher unterscheiden wir nach und nach das verworrene Geschnatter verschiedener Menschenstimmen durcheinander, von Zeit zu Zeit von dem durchdringenden Schrei eines Papageis aus den Fenstern des Palastes \u00fcberkreischt. Durch eine \u00d6ffnung des Geb\u00fcsches endlich \u00fcbersehen wir den sch\u00f6nen Gartenplatz vor dem Schlosse, wo beim lieblichen Morgenschein viele wohlgekleidete Personen verschiedenen Alters und Standes zwischen den bl\u00fchenden Str\u00e4uchern und funkelnden Strahlen der Wasserk\u00fcnste zufrieden auf und nieder wandeln und plaudern, h\u00e4ufig im Eifer des Gespr\u00e4chs sich den Schwei\u00df von der Stirn wischen und wieder plaudern. \u2013 Nur Herz gefa\u00dft! noch einige Schritte vorw\u00e4rts: und wir k\u00f6nnen alles bequem vernehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNur das pr\u00fcde Vornehmtun jener literarischen Aristokratie nicht hinein gemengt!\u00ab rief soeben ein langer, schlichter Mann mit grauem \u00dcberrock und grauem Gesicht. \u2013 \u00bbLassen Sie sich umarmen, Lieber!\u00ab unterbricht ihn begeistert ein blonder junger Mann, dessen volle Wangen von unverderbter Jugend strotzen: \u00bbdas w\u00e4r&#8216; es eben auch, was ich meine! Jawohl, diese poetische Vornehmheit, die so gern \u00fcberall das Pfauenrad der gro\u00dfen Welt schl\u00e4gt, was ist sie anders als jene perfide, \u00fcber allen Erscheinungen, \u00fcber Gutem und B\u00f6sem mit gleichem Indifferentismus schwebende Ironie; Glatteis, auf dem jede hohe Empfindung, Tugend und Menschenw\u00fcrde l\u00e4cherlich ausglitschen; kalt, kalt, kalt, da\u00df mich in innerster Seele schaudert! O, \u00fcber die vermessene L\u00fcge g\u00f6ttlicher Objektivit\u00e4t! Heraus, Poet, mit deiner rechten Herzensmeinung hinter deinen elenden Objekten! Ehrlich dein Innerstes ausgesprochen!\u00ab \u2013 <i>Viele<\/i> (durcheinander) Ja, gesprochen immerzu gesprochen! \u2013 <i>Junger Mann<\/i> Meine Herren! Sie verstehen mich nicht, ich wollte \u2013 <i>Viele<\/i> Wir wollten nichts verstehen! \u2013 Wir wollen Natur! \u2013 Edelmut \u2013 ger\u00fchrtes Familiengl\u00fcck! \u2013 <i>Grauer<\/i> He, Ruhe da! das ist ja, als w\u00e4r&#8216; auf einmal ein Sack voll Plunder gerissen! \u2013 <i>Dichterin<\/i> (sich hindurchdr\u00e4ngend) Was f\u00fcr Ungezogenheit! Pfui doch, Sie treten mir doch das Kleid ab! O, diese starken, wilden M\u00e4nnerherzen! \u2013 <i>Junger Mann<\/i> Verehrungsw\u00fcrdigste, in welchem Aufzuge! die Nachthaube ganz schief \u2013 und \u2013 o\u00a0wer h\u00e4tte Ihnen das zugetraut! \u2013 noch im fliegenden Nachtgewande. \u2013 <i>Dichterin<\/i> (sich betrachtend) O\u00a0Gott! ich bitte Sie, sehen Sie ein wenig auf die andere Seite, ich verberge mich in mich selbst! \u2013 der Schmelz des jungen Tages \u2013 meine Ungeduld, meine Zerstreuung, das erste Lied der Nachtigall, ich konnt&#8216; es nicht erwarten, ich st\u00fcrz&#8216; hinaus \u2013 ach, wir Dichterinnen schw\u00e4rmen so gern \u00fcber die engen Zwinger der Alltagswelt hinaus. Erlauben Sie! (Sie nimmt das Schnupftuch des jungen Mannes und schl\u00e4gt es sich als Halstuch um.) Aber erz\u00e4hlen Sie doch, was ist denn eigentlich los hier? \u2013 <i>Junger Mann<\/i> Ein neuer Gedanke von der h\u00f6chsten Wichtigkeit, dessen Folgen f\u00fcr die ganze Literatur sich schwer berechnen lassen. Denn jede neue Idee ist wie der erste Morgenblick; erst r\u00f6tet er leise die Berge und die Wipfel, dann z\u00fcndet er pl\u00f6tzlich da, dort mit flammendem Blick einen Strom, einen Turm in der Ferne; nun qualmen und teilen und schlingen sich die Nebel in der Tiefe, der Kreis erweitert sich fern und ferner, die bl\u00fchenden L\u00e4nder tauchen unerme\u00dflich auf \u2013 wer sagt da, wo das enden will! \u2013 Nun, ich wei\u00df, Verehrteste, Sie teilen schon l\u00e4ngst unsre \u00dcberzeugung, da\u00df jene \u00fcberspannten k\u00fcnstlichen Erfindungen in der Poesie uns der Natur entfremden und nach und nach ein wunderliches, konventionelles, nirgends vorhandenes, geschriebenes Leben \u00fcber dem Lebendigen gebildet, ich m\u00f6chte sagen: eine Bibel \u00fcber die Tradition gesetzt haben, da\u00df wir also eilig zur Wirklichkeit zur\u00fcckkehren m\u00fcssen, da\u00df \u2013 <i>Dichterin<\/i> K\u00fcrzer! Ich bitte, fassen Sie sich k\u00fcrzer, mir wird ganz flau. \u2013 <i>Grauer<\/i> Kurz, wir machen hier soeben Novelle. Dieser Garten, der Palast, das Vorwerk, die Stallungen und D\u00fcngerhaufen dahinter sind unser Schauplatz; was da aufduckt in dem Revier, italienische Gr\u00e4fin oder deutscher Michel oder anderes Vieh, wird ohne Barmherzigkeit unmittelbar aus dem Leben gegriffen. Und nun ohne weiteres Gefackel frisch zugegriffen! denn wenn ich des Morgens so k\u00fchl und n\u00fcchtern bin, da komponier&#8216; ich den Teufel und seine Gro\u00dfmutter zusammen! \u2013 <i>Viele<\/i> (mit gro\u00dfem L\u00e4rm) Bravo! Sie sind unser Mann! Diese Laune, dieser Humor! \u2013 <i>Junger Mann<\/i> Also es bleibt bei dem entworfenen Plane der Novelle. Alles einfach, nat\u00fcrlich: wir f\u00fchren die sch\u00f6ne Gr\u00e4fin Aurora mit dem einzigen Manne, welcher dieser ber\u00fchmten Musenhand w\u00fcrdig, mit unserem unvergleichlichen Herrn Publikum, langsam, Schritt f\u00fcr Schritt, durch das dunkle Labyrinth des menschlichen Herzens zum Traualtar. Dieses Tappen, dieses Fliehen und Schmachten der wachsenden Leidenschaft ist der goldene Faden, an den sich von selbst, gleich Perlen, die k\u00f6stlichsten Gespr\u00e4che \u00fcber Liebe, Sch\u00f6nheit, Ehe reihen \u2013 o, teuerste Freunde, ich bin so voller Abhandlungen! \u2013 <i>Engl\u00e4nder<\/i> (mit Weltverachtung hinzutretend) Und der Sturm, der um des Herzens Firnen ras&#8217;t? und das Grauen, das wie der Schatten eines unsichtbaren Riesen sich \u00fcber die gebrochenen Lebenstr\u00e4ume legt? \u2013 Ich bestehe durchaus auf ein wild zerrissenes Gem\u00fct in der Novelle! <i>Dichterin<\/i> Furchtbarer, ungeheurer Mann! <i>Grauer<\/i> Das ist gleich gemacht. Der Prinz Romano hat ganz das liederliche Aussehen eines ungl\u00fccklichen Liebhabers. Er geht, wie ihr wi\u00dft, auf Freiersbeinen, die sind d\u00fcnn genug, da lassen wir den englischen Sturm schneidend hindurchpfeifen. \u2013 <i>Junger Mann<\/i> Still! da kommt die Gr\u00e4fin mit Herrn Publikum. \u2013 Nun frisch daran!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wirklich sah man die Genannten soeben aus dem Schlosse treten, in galanter Wechselrede begriffen, wie man aus der ungewohnten, besonderen Beweglichkeit des Herrn Publikum annehmen konnte, der immer sehr viel auf guten Ton hielt. Die Novellenmacher verneigten sich ehrerbietig, Publikum nickte vornehm. Gr\u00e4fin Aurora aber hatte heute in der Tat etwas von Morgenr\u00f6te, wie sie zwischen den leisen Nebeln ihres Schleiers, den sie mit dem sch\u00f6nen Arm mannigfach zu wenden wu\u00dfte, so leicht und zierlich nach allen Seiten gr\u00fc\u00dfte, und ihre Blicke z\u00fcndeten, zwar nicht die Turmkn\u00f6pfe, aber die Sturmk\u00f6pfe ringsumher. Ein Gefl\u00fcster der Entz\u00fcckung ging durch die Versammlung. Der Graue bem\u00e4chtigte sich geschickt des fetten Ohres des Herrn Publikum. O, rief er ihm leise zu, dreimal selig der, dem diese Blicke gelten! Publikum l\u00e4chelte zufrieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vorschlag der r\u00fcstigen Herren, an dem herrlichen Morgen eine Promenade in das n\u00e4chste Tal vorzunehmen, wurde mit Beifall aufgenommen. Sie aber hatten ihre eigenen Gedanken bei diesem Vorschlage. Um ihre projektierte Novelle geh\u00f6rig zu motivieren, sollte Herr Publikum zuerst der Gr\u00e4fin mit seiner Weltmacht imponieren und sodann in der Einsamkeit der sch\u00f6nen Natur Gelegenheit finden, diesen Eindruck zu benutzen, um die \u00dcberraschte mit den Blumenketten der Liebe zu fesseln. Zu diesem Zweck lenkten sie den Spaziergang ohne weiteres aus dem Garten nach dem sogenannten praktischen Abgrund hin. Und in der Tat, die Schlauen wu\u00dften wohl, was sie taten. Denn schon im Hinabsteigen mu\u00dften der Gr\u00e4fin sogleich einzelne Gestalten auffallen, die geb\u00fcckt wie Eulen, in den Felsenritzen kauerten. \u2013 K\u00fcnstler, Landschafter, sagte Publikum, die armen Teufel qu\u00e4len sich vom fr\u00fchesten Morgen f\u00fcr mich ab. Hier verbreitete er sich sofort gelehrt \u00fcber die verschiedenen Tinten der Landschaftsmalerei, w\u00e4re aber dabei mit seiner Kunstkenntnis bald garstig in die Tinte gekommen, wenn die aufmerksamen Novellisten nicht zu rechter Zeit ausgeholfen h\u00e4tten. Indes waren sie auf einem Felsenvorsprung aus dem Geb\u00fcsch getreten \u2013 da lag in einem weiten Tale zu ihren F\u00fc\u00dfen pl\u00f6tzlich ein seltsames Chaos: blanke H\u00e4user, Maschinen, wunderliche T\u00fcrmchen und rote D\u00e4cher zu beiden Seiten einer Kunststra\u00dfe an den Bergesh\u00e4ngen \u00fcberragend. Es war aus dieser Vogelperspektive, als \u00fcberblickte man auf einmal eine Weihnachtsausstellung, alles rein und zierlich, alles bewegte sich, klippte und klappte, zuweilen ert\u00f6nte ein Gl\u00f6ckchen dazwischen, zahllose M\u00e4nnchen eilten gesch\u00e4ftig hin und her, da\u00df es einem vor den Augen flimmerte, wenn man lange in das bunte Gewirr hineinsah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Der Junge Mann<\/i> trat erkl\u00e4rend zu der erstaunten Gr\u00e4fin. Der Puls dieses bewunderungsw\u00fcrdigen Umlaufs von Kr\u00e4ften und Gedanken ist unser hochverehrter Herr Publikum, sagte er, w\u00e4hrend sie rasch herabstiegen; um seinetwillen zu seinem Besten sind alle diese Anlagen entstanden. Er begann nun eine wohlgedachte und herrlich stilisierte Abhandlung \u00fcber die ernste, praktische Richtung unserer Zeit, die wir aber leider nicht wiederzugeben verm\u00f6gen, da man inzwischen den Grund erreicht hatte und vor dem wachsenden L\u00e4rm, dem H\u00e4mmern und Klopfen kein Wort verstehen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aurora war ganz verbl\u00fcfft, und wu\u00dfte nicht, wohin sie in dem Get\u00f6se sich wenden sollte, als eine, wie es schien, mit Dampf getriebene ungeheure Maschine durch die Eleganz ihres Baues ihre besondere Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie n\u00e4herte sich neugierig und bemerkte, wie hier von der einen Seite unabl\u00e4ssig ganze St\u00f6\u00dfe von dicken, in Schweinsleder gebundenen Folianten in den Beutelkasten geworfen wurden, unter denen sie mit Verwunderung den Grafen Khevenh\u00fcller nebst andern Chroniken zu erkennen glaubte. Eine gro\u00dfe Menge zierlich gekleideter Herren, wei\u00dfe K\u00fcchensch\u00fcrzen vorgebunden und die feinen Hemd\u00e4rmel aufgestreift, eilten auf und ab, das Schroten, Mahlen und Ausbeuteln zu besorgen, w\u00e4hrend armes, ausgehungertes Volk gierig bem\u00fcht war, den Abfall aufzuraffen. \u2013 \u00bbDas will wieder nicht vom Fleck!\u00ab rief Herr Publikum den Arbeitern zu; \u00bbrasch, nur rasch!\u00ab \u2013 Darauf f\u00fchrte er die Gr\u00e4fin an das andere Ende der Maschine, und es dauerte nicht lange, so spuckte ein bronzener Delphin die verarbeiteten Folianten als ein zierliches \u00bbVielliebchen\u00ab in Taschenformat und in Maroquin gebunden zu ihren F\u00fc\u00dfen aus. Publikum \u00fcberreichte es, als das Neueste vom Jahre, galant der Gr\u00e4fin. Aurora wollte sich totlachen und steckte das niedliche Dingelchen in ihren Strickbeutel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie h\u00e4tte sich gern noch anderweit im Fabrikwesen n\u00e4her instruiert, aber das Treiben auf der Kunststra\u00dfe, die sie soeben betreten, nahm alle ihre Sinne in Anspruch. Das war ein Fahren, Schnurren, Reiten und Dr\u00e4ngen! Mitten durch das Gewirr sahen sie einen Postillion mit fl\u00e4mischen Stiefeln, mit einem gro\u00dfen Schnurrbart und von martialischem Ansehen, in gestrecktem Galopp auf sich zufliegen. Es war ein literarischer Klatschkurier. Er parierte sein sch\u00e4umendes Ro\u00df kunstgerecht gerade vor Herrn Publikum und \u00fcberreichte ihm seine Depesche. Die Novellisten standen in h\u00f6chster Spannung und murmelten geheimnisvoll untereinander. \u2013 \u00bbSchon gut\u00ab, sagte Publikum, den Kurier mit einem leichten Kopfnicken entlassend. Darauf \u00fcberflog er das Schreiben f\u00fcr sich, lachte einmal laut auf, rief dann: \u00bbHa!\u00ab und steckte die Papiere in die Tasche. Aurora aber sah ihn unverwandt an. \u2013 Sie bekam eine gro\u00dfe Idee von dem Manne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Inzwischen hatten die Novellisten einen Fu\u00dfpfad eingeschlagen, der seitw\u00e4rts aus dem praktischen Abgrund ins Gebirge f\u00fchrte. Der verworrene L\u00e4rm hinter ihnen vertoste mit jedem Schritte immer mehr und mehr, und Aurora atmete frisch auf, als sie nun wieder das Rauschen des Waldes und einer einsamen Wasserm\u00fchle vernahm, auf welche sie zugingen. Erm\u00fcdet von dem m\u00fc\u00dfigen Umherschlendern, lagerte die bunte Gesellschaft sich fr\u00f6hlich auf dem Rasen. Es war ein schattenk\u00fchles, freundliches Tal, ringsum von Bergen und W\u00e4ldern eingeschlossen; der M\u00fchlbach murmelte \u00fcber das Gestein und blinkende Kiesel durch die sch\u00f6ne Abgeschiedenheit, \u00fcber ihnen hin flogen schimmernde Tauben s\u00e4uselnd der M\u00fchle zu, die Novellisten rieben sich freudig die H\u00e4nde und hofften das Beste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber hier begegnete Herrn Publikum unerwartet etwas ganz Fatales. Mitten in diesem Sukze\u00df n\u00e4mlich bekam er pl\u00f6tzlich einen Anfall seines alten \u00dcbels, der Langeweile. Er verbarg vergeblich sein wiederholtes G\u00e4hnen hinter dem seidenen Taschentuch, er versuchte etwas \u00fcber die sch\u00f6ne Natur zu sagen, aber es wollte ihm gerade gar nichts einfallen. Endlich setzte er sich durchaus in den Kopf, auf diesem herrlichen Platze eine Kavatine zu singen, da er ein eifriger Dilettant in allen sch\u00f6nen K\u00fcnsten war und sich besonders auf seine Stimme viel einbildete. Die Novellenmacher erschraken, denn er nahm sich beim Singen eben nicht vorteilhaft aus. Aber da half nun einmal alles nichts. Ein Diener mu\u00dfte ihm ein gro\u00dfes Notenblatt reichen, der kurze runde Mann stellte sich, das linke Bein ein wenig vorgeschoben, r\u00e4uspernd zurecht, strich ein paarmal seinen Backenbart und sang eine italienische verliebte Arie, wobei er den fetten Mund nach der einen Seite wunderlich abw\u00e4rts zog und von Zeit zu Zeit der Gr\u00e4fin \u00fcber das Blatt einen z\u00e4rtlichen Blick zuwarf. \u2013 Aurora sah mit einem leisen schlauen L\u00e4cheln den S\u00e4nger unter ihren langen, schwarzen Augenwimpern halb erstaunt, halb triumphierend an, und die Novelle schien sich in der Tat ihrer idyllischen Katastrophe zu n\u00e4hern, als auf einmal Waldhornskl\u00e4nge von den Bergen unwillkommen in die sch\u00f6nsten Koloraturen des S\u00e4ngers einfielen. \u2013 Herr Publikum brach \u00e4rgerlich ab und meinte, es seien ohne Zweifel wieder Raubsch\u00fctzen von des Grafen Leontin Schlosse. Unterdes kamen die Kl\u00e4nge immer n\u00e4her und n\u00e4her, von Berg zu Berg einander rufend und Antwort gebend, da\u00df der muntere Widerhall in allen Schl\u00fcften erwachte. Pl\u00f6tzlich tat die Morgensonne oben im Walde einen Blitz, und Aurora sprang mit einem freudigen \u00bbAch!\u00ab empor. Denn auf einem Felsen \u00fcber ihnen wurde auf einmal Prinz Romano in pr\u00e4chtiger Jagdkleidung zwischen den B\u00e4umen sichtbar, wie ein K\u00f6nig der W\u00e4lder, malerisch auf seine funkelnde B\u00fcchse gest\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Prinz n\u00e4mlich, die sachte, rieselnde Manier der Novellenmacher gr\u00fcndlich verachtend, hatte bei seiner R\u00fcckkehr aus dem Walde kaum von dem Morgenspaziergang der Schlo\u00dfbewohner geh\u00f6rt, als er sich sogleich voll romantischer Wut in seine sch\u00f6nsten Jagdkleider warf, mit Florentin und seinen J\u00e4gern von neuem in den Wald lief und dort die letzteren geschickt auf den Bergen verteilte, um die Gr\u00e4fin, wie wir eben gesehen, in seiner Art w\u00fcrdig zu begr\u00fc\u00dfen. So war er in dem g\u00fcnstigen Momente der ersten \u00dcberraschung oben auf dem Felsen hervorgetreten und betrachtete nun mit innerster Zufriedenheit die bunte Gruppe der Erstaunten unten im Tale. \u2013 \u00bbSieh nur\u00ab, sagte er zu Florentin, der ihm schelmisch \u00fcber die Achsel guckte; \u00bbsieh nur die Gr\u00e4fin, wie die zwei Sterne da aus der Waldesnacht zu mir herauf funkeln! Es kommt \u00fcberall nur darauf an, da\u00df man sich in die rechte poetische Beleuchtung zu stellen wei\u00df.\u00ab \u2013 \u00bbIn der Tat, gn\u00e4digster Herr\u00ab, erwiderte Florentin; \u00bbSie nehmen sich so stellweis vortrefflich aus, es ist ein rechtes Vergn\u00fcgen, Sie in der Ferne zu sehen \u2013 und wenn die Gr\u00e4fin nicht zu wild ist, so mu\u00df sie wohl ein Erbarmen f\u00fchlen.\u00ab \u2013 \u00bbAch, was wild da!\u00ab meinte der Prinz. \u00bbCupido ist ein wackerer Sch\u00fctz, die Spr\u00f6deste guckt doch zwischen den Fingern nach dem h\u00fcbschen, nackten B\u00fcbchen hin. La\u00df mich nur machen!\u00ab \u2013 Und hiermit stieg er rasch und wohlgemut den Berg hinunter. Je tiefer er aber auf den abgelegenen Fu\u00dfpfaden in den Wald herabkam, je seltsamer wurde ihm zumute. Wunderliche Erinnerungen flogen ihn an, er glaubte die B\u00e4ume, die Felsen zu kennen und blieb oft, sich besinnend, stehen. Jetzt wurde ein Kirchturm in der Ferne sichtbar, ein rotes Ziegeldach schimmerte pl\u00f6tzlich zwischen den Wipfeln aus dem Grunde herauf. \u2013 \u00bbWie ist mir denn!\u00ab rief er endlich ganz verwirrt aus; \u00bbhier bin ich vor langer Zeit schon einmal gewesen \u2013 gerade an einem solchen Morgen war es \u2013 da mu\u00df ein Brunnen sein: da traf ich das sch\u00f6ne M\u00fcllerm\u00e4dchen zum erstenmal \u2013 gl\u00fcckliche Jugendzeit! Wie manche sch\u00f6ne Nacht schlich da der ungekannte Wanderer zur M\u00fchle, bis er mit dem letzten Stern auf immer im Morgenrot wieder verschwand. \u2013 Wahrhaftig, das ist der Grund, da ist die M\u00fchle \u2013 gerade jetzt! Verdammter Zufall!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddes ging er auf den altbekannten Pfaden immer weiter und weiter; er war wie im Traum, bunte Schmetterlinge flatterten wieder \u00fcber dem stillen Grunde, der M\u00fchlbach rauschte, die V\u00f6gel sangen lustig wie damals. Nun kamen auch die hohen Linden, dann der Brunnen \u2013 da blieb er auf einmal fast erschrocken stehen. Denn auch sein damaliges Liebchen kniete, Wasser sch\u00f6pfend, wieder am Brunnen. Als sie so pl\u00f6tzlich den Fremden erblickte, setzte sie langsam den Krug weg und sah ihn unter dem Strohhut lange Zeit gro\u00df an. Es waren die alten, sch\u00f6nen Z\u00fcge, aber gebr\u00e4unt und von Sorge und Arbeit wunderbar verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKann ich wieder mit dir gehen?\u00ab redete Romano sie endlich an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein\u00ab, erwiderte sie ruhig; \u00bbich bin l\u00e4ngst verheiratet. \u2013 Wie ist es denn dir seitdem gegangen?\u00ab fuhr sie fort; \u00bbes ist lange her, da\u00df du mich verlassen hast.\u00ab Darauf sah sie ihn von neuem aufmerksam an und sagte: \u00bbDu bist heruntergekommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd wei\u00df doch selber nicht wie!\u00ab entgegnete der Prinz ziemlich verlegen. Da bemerkte er, da\u00df ihr Tr\u00e4nen in den Augen standen, und fa\u00dfte ger\u00fchrt ihre Hand, die sich aber so rauh anf\u00fchlte, da\u00df es ihm recht in der Seele fatal war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In demselben Augenblick trat die Gesellschaft vom Schlosse, welche der Waldhornklang weiter in das Tal verlockt hatte, unerwartet aus dem Geb\u00fcsch, und ein zweideutiges Lachen sowie das eifrige Hervorholen der Lorgnetten zeigte, da\u00df man die sonderbarliche Vertraulichkeit des verliebten Prinzen gar wohl bemerkt hatte. Die sch\u00f6ne M\u00fcllerin warf, indem sie sich wandte, einen stolzen Blick auf das vornehme Gesindel, und alle Augen folgten unwillk\u00fcrlich der hohen schlanken Gestalt, als sie, den Krug auf dem Kopfe, langsam zwischen den dunkeln Schatten verschwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Ereignis an Amors falscher M\u00fchle, das allerdings nicht in Romanos Rechnung gelegen, hatte bei den verschiedenen Zuschauern einen sehr verschiedenen Eindruck hinterlassen. Die Novellenmacher f\u00fchlten eine k\u00f6stliche Schadenfreude, etwa wie schlechte Autoren, wenn ein Rezensent einem ber\u00fchmten Manne einen t\u00fcchtigen Tintenklecks anh\u00e4ngt. Herr Publikum, der \u00fcberhaupt immer erst durch andere auf Gedanken gebracht werden mu\u00dfte, schmunzelte nur und beschlo\u00df insgeheim, bei n\u00e4chster schicklicher Gelegenheit einmal selbst einen einsamen Spaziergang nach der M\u00fchle zu unternehmen. \u2013 Gr\u00e4fin Aurora dagegen begegnete seitdem dem Prinzen \u00fcberaus schnippisch, zeigte sich launenhaft und beg\u00fcnstigte auf eine auffallende Weise den armen Publikum, der vor lauter Wonne kaum zu Atem kommen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romano aber benahm sich ganz und gar unbegreiflich. Ohne die geringste Spur von Gram oder Scham, schien er die Gr\u00e4fin nicht mehr zu beachten, als der Anstand eben unabweislich erforderte, und trieb sich fortw\u00e4hrend wildlustig unter den J\u00e4gern umher, mit denen er bald nach den h\u00f6chsten Wipfeln scho\u00df, bald neue sch\u00f6ne Jagdlieder ein\u00fcbte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Aurora brachte einmal boshaft die Rede auf die sch\u00f6ne M\u00fcllerin \u2013 der Prinz lobte sogleich enthusiastisch ihre Taille und die antike Grazie, mit der sie den Krug getragen. \u2013 Die Gr\u00e4fin, als er gerade im Garten war, entwickelte, im Ballspiel mit Herrn Publikum \u00fcber den Rasen schwebend, die zierlichsten Formen \u2013 der Prinz lie\u00df eben sein Pferd satteln und ritt spazieren. \u2013 Das war ein Pfiffikus! Aurora h\u00e4tte weinen m\u00f6gen vor verbissenem \u00c4rger! So war die Nacht herangekommen und versenkte Lust und Not. Einzelne Mondblicke schossen durch das zerri\u00dfne Gew\u00f6lk, der Wind drehte knarrend die Wetterfahnen auf dem Schlosse, sonst herrschte eine tiefe Stille im Garten, wo Katzen und Iltis leise \u00fcber die einsamen G\u00e4nge schl\u00fcpften. Nur der dunkelm\u00fctige <i>Engl\u00e4nder<\/i>, den wir unter den Novellenmachern kennengelernt, war noch wach und schritt tiefsinnig auf und nieder. Er liebte es, in solchen N\u00e4chten zu wandeln, wom\u00f6glich ohne Hut, mit vom Winde verworrenem Haar, und nach behaglich durchschw\u00e4rmten Tagen seine Seele in der Finsternis mit Verzweiflung aufzublasen, gleichsam einen melancholischen Schnaps zu nehmen. Heute aber galt es eigentlich dem Prinzen Romano, der noch immer von seinem Spazierritt nicht wiedergekommen war. Wie eine Kreuzspinne lauerte er am Eingange des Gartens auf den Zur\u00fcckkehrenden, um ihm bei so gelegener Stunde einen giftigen Stich von Eifersucht beizubringen und ihn sodann der Exposition wegen als ungl\u00fccklichen Liebhaber in die Novelle einzuspinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Turmglocke im Dorfe unten schlug eben Mitternacht, da h\u00f6rte er eben ein Ro\u00df schnauben, die Hufe im Dunkeln spr\u00fchten Funken \u00fcber das Gestein \u2013 es war Romano.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum war er abgestiegen und in den Garten getreten, um sich nach dem Schlosse zu begeben, als ihn der Engl\u00e4nder, verst\u00f6rt und geheimnisvoll, bei beiden H\u00e4nden fa\u00dfte und rasch in den finstersten Baumgang mit sich fortri\u00df. Mit schneidender Beredsamkeit verbreitete er sich hier \u00fcber die sichtlich wachsende Neigung der Gr\u00e4fin Aurora zu Herrn Publikum, tat Seitenblicke auf jeden ihrer verr\u00e4terischen Blicke und auf ihre Worte, zwischendurch wieder ihre sch\u00f6ne Gestalt, ihr zauberisches Auge geschickt beleuchtend. Zu seinem Befremden aber blieb der Prinz ganz gelassen und replizierte immer nur mit einem fast ironischen: \u00bbHm \u2013 ha \u2013 was Sie sagen!\u00ab \u2013 Schon gut, eben die rechte Stimmung, dieses sich selbst zerknirschende Verstummen! dachte der Engl\u00e4nder und fuhr nur um so eifriger fort, mit h\u00e4ufigem, teuflischen Hohnlachen \u00fcber Liebe, Treue, Gl\u00fcck und Welt. \u2013 Inzwischen hatte Romano in einem entfernten Geb\u00fcsch ein leises Fl\u00fcstern vernommen. Er glaubte die Stimme zu kennen und stand wie auf Nadeln, denn der Engl\u00e4nder wurde immer pathetischer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie sind mir langweilig, Herr!\u00ab wandte sich da der Prinz pl\u00f6tzlich zu ihm. Der \u00dcberraschte starrte ihn in h\u00f6chster Entr\u00fcstung an. \u2013 W\u00e4hrenddes aber waren sie eben an die Schwelle eines Pavillons gekommen, der Engl\u00e4nder trat hinein. Romano warf schnell die T\u00fcr hinter ihm zu und verschlo\u00df sie, ohne auf das Toben des melancholischen Kobolds zu achten, das nur die Flederm\u00e4use und Kr\u00e4hen in den n\u00e4chsten Wipfeln aufscheuchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt folgte der erl\u00f6ste Prinz rasch den Stimmen in der Ferne. Sie schienen sich zu seinem Erstaunen an dem Fl\u00fcgel des Palastes zu verlieren, wo Aurora schlief. Ein Licht schimmerte noch aus ihrem Fenster und s\u00e4umte das Laub der n\u00e4chsten B\u00e4ume mit leisem Glanz. Romano stellte sich ins Geb\u00fcsch und wartete lange, bald an den Baum gelehnt, bald sich ungeduldig auf den Zehen erhebend. Manchmal war es ihm, als h\u00f6re er eben lachen, oft glaubte er, die Schatten zweier Gestalten im Zimmer deutlich zu unterscheiden. Dann verlosch auf einmal das Licht, und es wurde oben und unten so still, da\u00df er das Bellen der Hunde aus den fernen D\u00f6rfern h\u00f6ren konnte. Da ging pl\u00f6tzlich ein Pf\u00f6rtchen unten, das zu Auroras Gem\u00e4chern f\u00fchrte, sachte auf, eine m\u00e4nnliche Gestalt schl\u00fcpfte daraus hervor, flog eilig \u00fcber die Rasenpl\u00e4tze und Blumenbeete und war in demselben Augenblick in der Nacht wieder verschwunden. \u2013 \u00bbWas ist das?!\u00ab rief der Prinz ganz verwundert aus \u2013 er glaubte in der fl\u00fcchtigen Gestalt seinen J\u00e4ger Florentin erkannt zu haben. \u2013 Noch lange stand er nachdenklich still. Dann schien ihm auf einmal ein neuer Gedanke durch die Seele zu schie\u00dfen. \u00bbPr\u00e4chtig! herrlich! Nun wird die Sache erst verwickelt und interessant!\u00ab rief er, indem er hastig tiefer in den einsamen Garten hineinschritt und sich eifrig die H\u00e4nde rieb, wie einer, der pl\u00f6tzlich einen gro\u00dfen Anschlag gefa\u00dft hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf dem Schlosse war ein bunter, lebhafter Tag vor\u00fcbergezogen. Gr\u00e4fin Aurora, von Romanos Waldhornsgru\u00df aufgeregt, war in ihrer Launenhaftigkeit pl\u00f6tzlich auf die Weidlust verfallen, und der galante Publikum hatte nicht vers\u00e4umt, sogleich auf morgen eine gro\u00dfe Jagd in dem nahen Waldgebirge anzuordnen. Erst sp\u00e4t vertos&#8217;te im Dorf und auf den Gartenpl\u00e4tzen die fr\u00f6hliche Wirrung der Zur\u00fcstungen, und noch bis tief in die Nacht h\u00f6rte man einzelne Waldhornskl\u00e4nge und den Gesang der vorausziehenden J\u00e4ger \u00fcber den stillen Garten her\u00fcberklingen. Da sa\u00df Aurora in einem abgelegenen Gemache am halbge\u00f6ffneten Fenster und freute sich der sch\u00f6nen, sternklaren Nacht \u00fcber den W\u00e4ldern und Bergen drau\u00dfen, die f\u00fcr morgen das herrlichste Jagdwetter zu verk\u00fcnden schien. Sie hatte sich hinter die Fenstergardine verborgen, sehr leise mit ihrer Kammerjungfer plaudernd. Sie schienen noch jemand zu erwarten und blickten von Zeit zu Zeit in den Garten hinaus. \u2013 \u00bbHorch\u00ab, sagte die Gr\u00e4fin, \u00bbist das der Wald, der so rauscht? Es ist recht verdrie\u00dflich, ich hatte mir schon alles so lustig ausgesonnen f\u00fcr morgen, und nun wird mir ordentlich angst; die dummen alten B\u00e4ume vor dem Hause, die finstern Berge, die stille Gegend: es sieht alles so ernsthaft und anders aus, als man sich&#8217;s bei Tage denkt \u2013 wo er auch gerade heute bleibt?\u00ab \u2013 \u00bbWer denn?\u00ab fragte die Kammerjungfer schalkhaft, \u00bbder spr\u00f6de Prinz?\u00ab \u2013 \u00bbHm, wenn ich just wollte\u00ab \u2013 erwiderte Aurora. Hier wurden sie durch eine Stimme unter dem Fenster unterbrochen. Es war ein J\u00e4ger, der so sp\u00e4t noch seine Flinte zu putzen begann und fr\u00f6hlich dazu sang:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir waren ganz herunter,<br \/>\nDa sprach Diana ein,<br \/>\nDie blickt&#8216; so licht und munter,<br \/>\nNun geht&#8217;s zum Wald hinein!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDa meint er mich!\u00ab fl\u00fcsterte die Gr\u00e4fin. \u2013 Der J\u00e4ger aber sang von neuem:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIm Dunkeln \u00c4uglein funkeln,<br \/>\nCupido schleichet leis,<br \/>\nDie B\u00e4ume heimlich munkeln \u2013<br \/>\nIch wei\u00df wohl, was ich wei\u00df.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas will der davon wissen, der Narr!\u00ab sagte Aurora erschrocken; \u00bbkommen wir fort, ich f\u00fcrchte mich beinahe.\u00ab \u2013 Die Kammerjungfer sch\u00fcttelte bedenklich ihr K\u00f6pfchen, indem sie vorsichtig oben das Fenster wieder schlo\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddes ritt der Prinz Romano \u2013 wir wissen nicht weshalb \u2013 beim hellsten Mondschein ganz allein mitten durch die phantastische Einsamkeit des Gebirges dem Schlosse des Grafen Leontin zu. Vor Heimlichkeit und Eile hatte er, ohne einen F\u00fchrer mitzunehmen, nach den Beschreibungen der Landleute den n\u00e4chsten Waldpfad eingeschlagen. Die W\u00e4lder rauschten durch die weite Stille, aus der Ferne h\u00f6rte man nur den dumpfen Schlag eines Eisenhammers, von Zeit zu Zeit stutzte sein Pferd schnaubend. Bald aber teilten sich die Wege in den verschiedensten Richtungen, die betretenen schienen weit abzuf\u00fchren, die wilderen verloren sich ganz und gar im Gestein. Manchmal glaubte er Hundegebell aus den T\u00e4lern zu vernehmen, aber wenn er hinablenken wollte, stand er pl\u00f6tzlich vor j\u00e4hen, finstern Abgr\u00fcnden, bis er zuletzt sich selbst eingestehen mu\u00dfte, sich g\u00e4nzlich verirrt zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDesto sch\u00f6ner!\u00ab rief er aus, stieg ab, band sein Pferd an einen Baum und streckte sich auf den Rasen hin, um die Morgend\u00e4mmerung abzuwarten. Wie manche sch\u00f6ne Sommernacht, dachte er, habe ich auf meinen Jugendfahrten schon so verbracht und in der dichterischen Stille, heimlich bildend, den grauen Vorhang angestarrt, hinter dem die frischen Morgen, blitzenden Str\u00f6me und duftigen T\u00e4ler des reichen, unbekannten Lebens vor mir aufsteigen sollten. \u2013 Ein naher Bach plauderte verwirrend in seine Gedanken herein, die Wipfeln \u00fcber ihm rauschten einf\u00f6rmig immer fort und fort; so schlummerte er endlich ein, und der Mond warf seine bleichen Schimmer \u00fcber die sch\u00f6ne w\u00fcste Gestalt, wie \u00fcber die Tr\u00fcmmer einer zerfallenen verlornen Jugend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da tr\u00e4umte ihm, er st\u00e4nde auf dem sch\u00f6nen Neckargebiete vor Heidelberg. Aber der Sommer war vorbei, die Sonne war lange untergegangen, ihn schauerte in der herbstlichen K\u00fchle. Nur das Jauchzen versp\u00e4teter Winzer verhallte noch, fast wehm\u00fctig, in den T\u00e4lern unten, von Zeit zu Zeit flogen einzelne Leuchtkugeln in die Luft. Manche zerplatzte pl\u00f6tzlich in tausend Funken und beleuchtete im Niederfallen langvergessene, wundersch\u00f6ne Gegenden. Auch seine ferne Heimat erkannte er darunter, es schien schon alles zu schlafen dort, nur die wei\u00dfen Statuen im Garten schimmerten seltsam in dem scharfen Licht. Dann verschlang die Nacht auf einmal alles wieder. \u00dcber die Berge aber ging ein herrlicher Gesang, mit wunderbaren, bald heitern, bald wehm\u00fctigen T\u00f6nen. Das ist ja das alte, sch\u00f6ne Lied! dachte er und folgte nun bergauf, bergab den Kl\u00e4ngen, die immerfort vor ihm herflohen. Da sah er D\u00f6rfer, Seen und St\u00e4dte seitw\u00e4rts in den T\u00e4lern liegen, aber alles so still und bleich im Mondschein, als w\u00e4re die Welt gestorben. So kam er endlich an ein offenes Gartentor, ein Diener lag auf der Schwelle ausgestreckt wie ein Toter. \u2013 \u00bbDesto besser, so schleich&#8216; ich unbemerkt zum Liebchen\u00ab, sagte er zu sich selbst und trat hinein. Dort regte sich kein Bl\u00e4ttchen in allen B\u00e4umen den ganzen weiten Garten entlang, der pr\u00e4chtig im Mondschein gl\u00e4nzte, nur ein Schwan, den Kopf unter dem Fl\u00fcgel versteckt, beschrieb auf einem Weiher, wie im Traume, stille einf\u00f6rmige Kreise; sch\u00f6ne nackte G\u00f6tterbilder waren auf ihren Gestellen eingeschlafen, da\u00df die steinernen Haare \u00fcber Gesicht und Arme herabhingen. \u2013 Als er sich verwundert umsah, erblickte er pl\u00f6tzlich ihre hohe und anmutige Gestalt verlockend zwischen den dunklen B\u00e4umen hervor. \u00bbGeliebteste!\u00ab rief er voll Freude, \u00bbdich meint&#8216; ich doch immer nur im Herzengrunde, dich mein&#8216; ich heut!\u00ab \u2013 Wie er sie aber verfolgte, kam es ihm vor, als w\u00e4re es sein eigner Schatten, der vor ihm \u00fcber den Rasen herfloh und sich zuletzt in einem dunkeln Geb\u00fcsch verlor. Endlich hatte er sie erreicht, er fa\u00dfte ihre Hand, sie wandte sich. \u2013 Da blieb er erstarrt stehen \u2013 denn er war es selber, den er an der Hand festhielt. \u2013 \u00bbLa\u00df mich los!\u00ab schrie er, \u00bbdu bist&#8217;s nicht, es ist ja alles nur ein Traum!\u00ab \u2013 \u00bbIch bin und war es immer\u00ab, antwortete sein gr\u00e4\u00dfliches Ebenbild; \u00abdu wachst nur jetzt und tr\u00e4umtest sonst.\u00ab \u2013 Nun fing das Gespenst mit einer grinsenden Z\u00e4rtlichkeit ihn zu liebkosen an. Entsetzt floh er aus dem Garten, an dem toten Diener vor\u00fcber, es war, als streckten und dehnten sich hinter ihm die erwachten Marmorbilder, und ein widerliches Lachen schallte durch die L\u00fcfte. \u2013 Als er atemlos wieder im Freien anlangte, befand er sich auf einem sehr hohen Berge unter dem unerme\u00dflichen Sternenhimmel. Aber die Sterne \u00fcber ihm schienen sich sichtbar durcheinander zu bewegen; allm\u00e4hlich wuchs und wuchs oben ein Brausen, Knarren und R\u00fccken, endlich flog der Mond in einem gro\u00dfen Bogen \u00fcber den Himmel, die Milchstra\u00dfe drehte sich wie ein ungeheures Feuerrad, erst langsam, dann immer schneller und wilder in entsetzlichem Schwunge, da\u00df er vor Schwindel zu Boden st\u00fcrzte. Mitten durch das schneidende Sausen h\u00f6rte er eine Glocke schlagen, es war, als schl\u00fcg&#8216; es seine Todesstunde. Da fiel ihm ein, da\u00df es eben Mitternacht sei. Das ist&#8217;s auch, dachte er, da stellt ja der liebe Gott die Uhr der Zeit. \u2013 Und als er wieder aufblickte, war alles finster geworden, nur das Rauschen eines weiten Sternenmantels ging noch durch die Einsamkeit des Himmels, und auch den Gesang, als s\u00e4ngen Engel ein Weihnachtslied, h\u00f6rte er wieder hoch in den L\u00fcften so \u00fcber alle Beschreibung freudig erklingen, da\u00df er vor tiefer Lust und Wehmut aufwachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er konnte sich zwischen den B\u00e4umen und Bergen gar nicht wieder zurechtfinden und blickte verst\u00f6rt in der fremden Gegend umher. Da lag weit und breit alles so still im sch\u00f6nsten Mondglanz. Zu seinem gro\u00dfen Erstaunen aber glaubte er auf der Waldwiese unter sich den J\u00e4ger Florentin zu bemerken. Er schien in einem Bache sich zu waschen, seine dunklen Locken verschatteten sein Gesicht, der Mondschein spielte wie liebestrunken \u00fcber den sch\u00f6nen entbl\u00f6\u00dften Nacken und die Schultern des J\u00fcnglings. Dann horchte Florentin pl\u00f6tzlich auf, denn von den Bergen lie\u00df sich derselbe Gesang wieder vernehmen, den der Prinz schon im Traume geh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romano schlo\u00df verwirrt die Augen, um die lieblichen Traumbilder nicht zu verscheuchen. Da war es ihm, als h\u00f6rte er durch die Stille der Nacht den jungen J\u00e4ger zwischen dem Fl\u00fcstern der Wipfel und Bl\u00e4tter unten mit jemand sprechen. Als er die Augen wieder aufschlug, sah er, wie soeben ein fremder Mann mit langem wei\u00dfem Bart und weitem faltigem Mantel von dem J\u00fcngling fortschritt. Ihn graute fast, denn der Alte kam ihm bekannt vor, er glaubte den alten wahnsinnigen Harfner aus \u00bbWilhelm Meister\u00ab zu erkennen. Betroffen und ersch\u00fcttert sprang er nun auf. Da flog auch Florentin schon \u00fcber die tauige Wiese, und alles war wie ein Elfenspuk auf einmal zerstoben. Nur der Gesang verhallte, noch in der weitesten Ferne, und aus dem Zwielicht des anbrechenden Morgens ragten die T\u00fcrme eines alten Schlosses traumhaft \u00fcber den Wald hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas f\u00fcr ein Phantast ist doch die Nacht!\u00ab sagte der Prinz zu sich selbst, noch immer in das mondbegl\u00e4nzte Tal hinabstarrend. \u00bbUnd das ist wohl gar schon Leontins verw\u00fcnschtes Schlo\u00df!\u00ab rief er dann freudig aus, sch\u00fcttelte schnell die schw\u00fclen Tr\u00e4ume ab, schwang sich wieder auf sein Ro\u00df und ritt wohlgemut der neuen Erscheinung zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die W\u00e4lder in der Runde rauschten noch verschlafen, in den T\u00e4lern aber kr\u00e4hten die H\u00e4hne, und hin und her blitzten schon Str\u00f6me und einzelne D\u00e4cher im Morgenlicht auf. So war er lange, in sich selbst versunken, den alten T\u00fcrmen entgegengeritten, die sich immer h\u00f6her aus dem stillen Grau erhoben, als er pl\u00f6tzlich hinter einem dichten unzug\u00e4nglichen Geb\u00fcsch vor sich sehr heftig reden h\u00f6rte. Er hielt einen Augenblick an und vernahm deutlich die Worte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo f\u00fchrst du mich hin, aus Grau durch Nacht zur H\u00f6lle? Ich geh&#8216; nicht weiter \u2013 hier endest du, und alles bricht zusammen!\u00ab \u2013 Eine andere Stimme, wie es schien, rief nun, wie aus tiefstem Weh: \u00bbErbarmen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romano stutzte. Verwirrt noch, wie er war, von der schlaflosen, tr\u00e4umerischen Nacht, schien ihm dies ein unverhofftes, preisw\u00fcrdiges Abenteuer. Er fa\u00dfte sich ein Herz und rief in das Geb\u00fcsch hinein: \u00bbZur\u00fcck, Vermessener, wer du auch seist! Die mordbr\u00fctende Nacht schl\u00e4gt \u00fcber dir ihren dunkeln Mantel auseinander, und das Auge Gottes blickt wieder durch die Welt!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hierauf wurde auf einmal alles still, und der Prinz, dadurch ermutigt, wiederholte seinen Donnerruf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Unbekannte hinter dem Busch aber schien inzwischen durch die Zweige die Gestalt des Reiters ins Auge gefa\u00dft zu haben, die in ihrem \u00fcberwachten Zustande auf dem m\u00fcden Ro\u00df allerdings an Don Quichotte gemahnte. Dies mochte ihm Mut einfl\u00f6\u00dfen, und er erwiderte pl\u00f6tzlich mit kecker, gewaltiger Stimme: \u00bbVerwegener! greife nicht in das Rad fremder Verh\u00e4ngnisse! Weiche von mir, so dir dein Leben teuer ist!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dieser Stimme schien es ein gro\u00dfer, massiver Kerl zu sein. Der Prinz geriet in einige Verlegenheit, er war unbewaffnet und auf keine Weise auf solche unerwartet entschlossene Antwort gefa\u00dft gewesen. W\u00e4hrend er aber noch so nachsann, was hier zu tun oder zu lassen, erhob der Unsichtbare schon wieder seine Stimme. \u00bbHoho!\u00ab rief er. \u00bbMorgenstunde hat Blut im Munde. Das Messer ist gewetzt, das Wild umsetzt, ein reicher Fang, hussa zum letzten Gang!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt schien er durch das Geb\u00fcsch hervorbrechen zu wollen. Romano wandte sein Pferd, aber es verwickelte sich zwischen Wurzeln und Str\u00e4uchern, er konnte weder vor- noch r\u00fcckw\u00e4rts. Zum Gl\u00fcck bemerkte er soeben in der N\u00e4he einige Hirten und schrie aus Leibeskr\u00e4ften: \u00bbZu Hilfe! R\u00e4uber, M\u00f6rder! fa\u00dft den Kerl, bindet ihn!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hirten, junge, fr\u00f6hliche Burschen, lie\u00dfen sich das nicht zweimal sagen; sie sprangen rasch herbei, und es entspann sich hinter dem Geb\u00fcsch ein verworrenes Trampeln, Balgen und Schimpfen. Als der Prinz sich nun vorsichtig wieder n\u00e4herte, hatten sie den Wilden schon beim Kragen: einen kurzen, dicken Mann, der in gr\u00f6\u00dfter Wut nach allen Seiten um sich stie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, das ist gar das Unglaublichste! Herr Faber!\u00ab rief Romano voller Erstaunen aus. Es war in der Tat niemand anders, als der alte Dichter. \u2013 \u00bbDas kommt von Euren tollen Streichen!\u00ab schrie er dem Prinzen entgegen; \u00bbschon vom n\u00fcchternen Morgen seid Ihr im romantischen Tran!\u00ab \u2013 In dem Get\u00fcmmel flogen seine Manuskripte auf dem Rasen umher. Da verstand er keinen Spa\u00df; au\u00dfer sich vor Zorn, versetzte er mit unglaublicher Behendigkeit dem einen eine t\u00fcchtige Ohrfeige. Aber die Hirten lie\u00dfen sich nicht irremachen. Sie hatten lange genug auf eine Gelegenheit gewartet, an dem Poeten einmal ihr M\u00fctchen zu k\u00fchlen, der ihnen in seinem vornehmen, gelehrten M\u00fc\u00dfiggange von jeher ein \u00c4rgernis war. Und so schleppten sie ihn denn trotz aller Gegenrede in einem Anfalle handgreiflichen Humors als Arrestanten nach dem Schlosse zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein wunderlicher Zug. Faber, da er sich \u00fcberw\u00e4ltigt sah, ersch\u00f6pfte sich in w\u00fctenden Vergleichungen zwischen jungen Sauschlingeln und alten Hauklingen, die beide ungeschliffen seien, zwischen Bauern und Walnu\u00dfb\u00e4umen, die am besten gediehen, wenn man mit Kn\u00fctteln nach ihnen schmisse. Dazwischen rief er wieder lachend dem Prinzen zu: \u00bbAber Ihr habt Euch trefflich gef\u00fcrchtet vor mir!\u00ab \u2013 \u00bbJawohl, schon gut, mein Lieber!\u00ab erwiderte Romano und hielt jedesmal sein Pferd an, wenn der Gefangene sich umwandte; denn er hatte insgeheim die Meinung gefa\u00dft, da\u00df Herr Faber an periodischem Wahnsinn leide und eben seinen Anfall habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber dem L\u00e4rm und Gez\u00e4nk in der fr\u00fchen Morgenstille wurde alles wach, wo sie vor\u00fcberzogen. Hunde bellten, Bauernk\u00f6pfe fuhren verschlafen und verwundert aus den kleinen Fenstern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So waren sie, um eine Bergsecke tretend, pl\u00f6tzlich an eine hohe Felsenwand gekommen, von der Leontins alte Burg fast senkrecht herabschaute. In dem einen Erker flog rasch ein Fenster auf. Eine wundersch\u00f6ne Frauengestalt, noch halb entkleidet, wie es schien, den Busen von den herabringelnden Locken verh\u00fcllt, bog sich neugierig \u00fcber den Abgrund hinaus und bedeckte mit der kleinen, wei\u00dfen Hand die Augen vor der Morgensonne. Die Hirten schienen sich auf einmal ihres Unterfangens zu sch\u00e4men und hatten bei der sch\u00f6nen Erscheinung ihren Gefangenen bl\u00f6de losgelassen. \u2013 \u00bbIch appelliere, als ein Dichter, von dem Gericht der Pairs und vom Haus der Gemeinen an den hohen Minnehof!\u00ab rief der befreite Faber zu seiner Retterin hinauf. \u2013 \u00bbAber was brecht Ihr denn so w\u00fctend den Tag an? Ist denn ein ganzer Sommertag nicht lang genug zu Narrenstreichen?\u00ab schallte die liebliche Stimme, wie aus Morgenl\u00fcften, zu ihnen hernieder. \u2013 Faber aber trat vor die gewaltigen Schranken, sich feierlich verteidigend, und es kam nun heraus, da\u00df er, vom Hundeget\u00f6n und H\u00f6rnergeheul aus Schlaf und Schlo\u00df getrieben, in der Morgeneinsamkeit des Waldes an seinem neuen Trauerspiele habe weiterdichten wollen und eben daraus eine Stelle rezitierte, als der Prinz ankam, den er sogleich erkannt und, das Mi\u00dfverst\u00e4ndnis bemerkend, ihn mit trefflichem Erfolge ins Bockshorn zu jagen versucht habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dar\u00fcber wurde die Dame erst den Fremden gewahr. Sie warf erschrocken einen fragenden Blick auf ihn, schlo\u00df dann schnell das Fenster, und die freudige Erscheinung, deren Z\u00fcge Romano aus dem blendenden Sonnenglanze nicht zu erkennen vermochte, war pl\u00f6tzlich, wie ein Morgentraum, wieder verschwunden. \u2013 Auch die Hirten hatten sich w\u00e4hrenddes im Gr\u00fcnen verlaufen; Herr Faber dagegen war schon weit fort und haschte eifrig die verlornen Bl\u00e4tter seines Trauerspiels, die der Morgenwind, wie Schmetterlinge, mutwillig umhertrieb. Und so sah sich denn Romano in der feierlichen Morgenstille auf einmal wieder einsam vor dem fremden, r\u00e4tselhaften Schlosse, noch immer in das funkelnde Fenster hinaufstarrend, als pl\u00f6tzlich einer seiner vertrautesten J\u00e4ger in gestrecktem Galopp \u00fcber den Waldgrund dahergeflogen kam. \u00bbWas bringst du?\u00ab rief ihm Romano gespannt entgegen. \u2013 \u00bbSie haben sich nach der andern Seite des Gebirges gewandt, es ist alles verloren!\u00ab erwiderte der J\u00e4ger atemlos. \u2013 \u00bbWissen es die andern? R\u00fccken deine Gesellen nach?\u00ab \u2013 \u00bbNein, denn der Graf Leontin ist nicht im Schlo\u00df.\u00ab \u2013 \u00bbNicht zu Hause?!\u00ab rief der Prinz, \u00bbso f\u00fchre mich rasch zu ihm!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hiermit setzte der J\u00e4ger die Sporen wieder ein, Romano sprengte nach, und der W\u00e4chter, der eben von der Schlo\u00dfwarte den Tag anblies, sah verwundert die beiden fremden Reiter unten in die begl\u00e4nzte Landschaft hinausjagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6ne, fr\u00f6hliche Jugendzeit, was tauchst du wie ein wunderbares Land im Traume wieder vor mir auf! Die Morgenglocken t\u00f6nen von neuem durch die weite Stille, es ist, als h\u00f6rt&#8216; ich Gottes leisen Tritt in den Fluren, und ferne Schl\u00f6sser erst und Burgen h\u00e4ngen gl\u00fchend \u00fcber dem Zauberduft. Wer ahnt, was das geheimnisvolle Rauschen der vertr\u00e4umten W\u00e4lder mir verk\u00fcnden will? \u2013 Ich h\u00f6re die Str\u00f6me unten gehen und wei\u00df nicht, wohin sie ziehen, ich bin so voller Glanz und Klang und Liebe und wei\u00df noch nicht, wo mein k\u00fcnftiges Liebchen wohnt! \u2013 Da \u00fcber die Berge, zwischen den ersten Morgenlichtern sehe ich einen jungen r\u00fcstigen Gesellen wandern, einen gr\u00fcnen Eichenzweig auf dem Hut, die braunen Locken vom Tau funkelnd, so frisch und keck, als ging&#8217;s ins Paradies. Und mir ist, als m\u00fc\u00dft&#8216; ich alles liegen lassen und wieder mitreisen, als nun die Sonne pl\u00f6tzlich die schimmernden Abgr\u00fcnde aufdeckt und der Gesell im Wandern in die T\u00e4lern hinabsingt:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbVom Grund bis zu den Gipfeln,<br \/>\nSoweit man sehen kann,<br \/>\nJetzt bl\u00fcht&#8217;s in allen Wipfeln,<br \/>\nNun geht das Wandern an:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Die Quellen von den Kl\u00fcften,<br \/>\nDie Str\u00f6m&#8216; auf gr\u00fcnem Plan,<br \/>\nDie Lerchen hoch in L\u00fcften,<br \/>\nDer Dichter frisch voran.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Und die im Tal verderben<br \/>\nIn tr\u00fcber Sorgen Haft,<br \/>\nEr m\u00f6cht&#8216; sie alle werben<br \/>\nZu dieser Wanderschaft.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Und von den Bergen nieder<br \/>\nErschallt sein Lied ins Tal,<br \/>\nUnd die zerstreuten Br\u00fcder<br \/>\nFa\u00dft Heimweh allzumal.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Da wird die Welt so munter<br \/>\nUnd nimmt die Reiseschuh,<br \/>\nSein Liebchen mitten drunter.<br \/>\nDie nickt ihm heimlich zu.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Und \u00fcber Felsenw\u00e4nde<br \/>\nUnd auf dem gr\u00fcnen Plan,<br \/>\nDas wirrt und jauchzt ohn&#8216; Ende \u2013<br \/>\nNun geht das Wandern an!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun aber war es wirklich, als w\u00fcrde das Lied auf einmal lebendig; denn Stimmen lie\u00dfen sich pl\u00f6tzlich im Walde vernehmen, einzelne J\u00e4ger erschienen bald da, bald dort im Morgenglanz an den Klippen h\u00e4ngend und wieder verschwindend, dazwischen lange, gezogene Waldhornskl\u00e4nge bis weit in die fernsten Schl\u00fcfte hinein, lustiges Hussa, Ro\u00dfgewieher, Sch\u00fcsse und Hundegebell, und \u00fcber den gr\u00fcnen Plan unten sprengte eine Frauengestalt in pr\u00e4chtigem Jagdkleid, mit den hohen Federn ihres gr\u00fcnsamtnen Baretts sich in den heitern Morgenl\u00fcften zierlich auf dem Zelter wiegend und fr\u00f6hlich nach der gl\u00e4nzenden Reiterschar ihrer Begleiter zur\u00fcckgewandt, von der bei jedem ihrer Worte ein beif\u00e4lliges, entz\u00fccktes Lachen heraufschallte. \u2013 Dem Wanderer aber flog bei dem unerwarteten Anblick eine leuchtende Erinnerung durch die Seele, die ganze Erscheinung war ihm wie eine wunderbare Verhei\u00dfung; er schwenkte jauchzend seinen Hut \u00fcber den Vor\u00fcberziehenden und blickte ihnen nach, bis sie alle im Walde wieder verschwunden waren. \u00bbSeht Ihr ihn?\u00ab sagte Gr\u00e4fin Aurora heimlich vergn\u00fcgt zu Herrn Publikum \u2013 denn niemand anders waren die Jagenden unten \u2013 \u00bbseht Ihr den Prinzen Romano oben? Ich wu\u00dft&#8216; es wohl, da\u00df er nicht lange wegbleiben wird. Aber was geht es mich an! Wir tun, als h\u00e4tten wir ihn nicht bemerkt.\u00ab \u2013 \u00bbVortrefflich, G\u00f6ttliche! \u2013 gewi\u00df romantische Flausen wieder \u2013 verdammtes Biest!\u00ab \u2013 erwiderte Publikum in tausend N\u00f6ten, \u00e4ngstlich den straubigen Hals seines unruhigen Kleppers streichelnd, der soeben zum Schrecken des furchtsamen Reiters mit weit vorgestreckten N\u00fcstern in die frische Morgenluft hinauswieherte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So waren sie von neuem auf einen freien gr\u00fcnen Platz gekommen, als pl\u00f6tzlich vor ihnen ein verworrenes Geschrei aus dem Walde brach; mehrere Sch\u00fcsse fielen auf einmal, und ein w\u00fctender Eber, von wilden R\u00fcden gehetzt, mit den gefletschten Hauern, Schaum und Blut und \u00dcberreste des durchbrochenen Netzes nach allen Seiten um sich schleudernd, st\u00fcrzte gerade auf die Reiter los. Nun war es nicht anders, als ob ein Wirbelwind durch einen Tr\u00f6delmarkt f\u00fchre; H\u00fcte, T\u00fccher und Federn flatterten mit einem Male auf dem Rasen umher, die scheugewordenen Pferde dr\u00e4ngten und b\u00e4umten, Hallo und Angstgeschrei dazwischen; Aurora war mit ihrem Gewande in einen mutwilligen Strauch geraten, das sch\u00f6nste Knie blitzte blendend durch das Get\u00fcmmel. Vor allen aber sah man Herrn Publikum wie einen zusammengerollten dicken Kn\u00e4uel, den Hals seines Pferdes umklammernd, weithin \u00fcber den Anger fliegen; die kecken Novellisten feuerten tapfer drein, aber jeder Schu\u00df klatschte so wunderlich in der Luft, da\u00df jedesmal die J\u00e4ger in der Runde laut auflachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdes war das Unget\u00fcm, mit der verbissenen Meute an den Fersen, pfeilschnell vor\u00fcbergeschossen. Die Zersprengten sammelten sich wieder, man atmete tief auf, lachte und scherzte; jeder wollte zum Schutz der Damen besondern Mut bewiesen haben. Auch den unaufhaltsamen Publikum hatten die Wildtreiber im Geh\u00f6lz wieder aufgefangen. Er war ganz au\u00dfer sich vor Zorn, mit nie gesehener Beweglichkeit bald sein Halstuch l\u00fcftend, bald nach allen Seiten schnell ausspuckend, schimpfte er auf seine Leute, die ihm so ein tolles, unb\u00e4ndiges Ro\u00df gegeben, auf das liederliche Zaumzeug und das ganze dumme, rohe Jagdvergn\u00fcgen. \u00bbWer tat das?\u00ab rief er endlich, rot und blau im Gesicht wie ein kalkuttischer Hahn. \u2013 \u00bbWer tat das?\u00ab gellerten die nun aus Gef\u00e4lligkeit gleichfalls entr\u00fcsteten Novellisten nach. Und so mit Hall und Widerhall, dem keine Antwort folgte, vertoste endlich der ganze Schwarm im Walde wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die J\u00e4ger wu\u00dften recht gut, wer es getan, sie mochten&#8217;s aber nicht verraten. Florentin hatte die Flinten f\u00fcr die Literatoren blind geladen und soeben den umstellten Eber heimlich aus dem Garne gerade auf die Herrschaften losgelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weit davon fanden sp\u00e4terhin einige von ihnen das mutwillige J\u00e4gerb\u00fcrschchen mitten im wildesten Gebirge, Pferd und Reiter atemlos und fast taumelnd vor \u00fcbergro\u00dfer Erm\u00fcdung. Er h\u00f6rte kaum auf ihre Erz\u00e4hlung von dem Erfolg seines Schwanks. \u00bbWas k\u00fcmmert&#8217;s mich!\u00ab unterbrach er sie heftig, wie ein \u00fcbellaunisches Kind; \u00bbes ist mir alles verdreht und verdrie\u00dflich, ich mag nicht mehr jagen! ich mag nicht mehr reiten! ich will allein sein! Ich bitt&#8216; euch, ihr lieben, n\u00e4rrischen, langweiligen Leute, la\u00dft mich allein!\u00ab \u2013 Und kaum hatten die J\u00e4ger kopfsch\u00fcttelnd ihn wieder verlassen, so warf er sich in der Einsamkeit vom Pferde in das hohe Gras und weinte bitterlich \u2013 leichte Wolken flogen eilig \u00fcber das stille, enge Waldtal fort, in weiter Ferne verhallte noch das Lied des fremden Wanderers auf den H\u00f6hen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war schon dunkel geworden, da schritt der wandernde S\u00e4nger noch immer r\u00fcstig durch den Wald. Er blieb soeben ungewi\u00df an einem Kreuzwege stehen, als er pl\u00f6tzlich Stimmen und Pferdetritte in der Ferne hinter sich vernahm. Sie schienen sich in stolpernder Eile zu n\u00e4hern, und bald konnte er deutlich unterscheiden, was sie sprachen. \u2013 \u00bbDas kommt bei den Schnurren heraus\u00ab, sagte der eine; \u00bbZeit und M\u00fche verloren, und wenn es lange so dauert, verlier&#8216; ich meine Beine dazu, denn sie h\u00e4ngen mir nur noch wie ein Paar ausgestopfte Lederhosen am Leibe.\u00ab \u2013 \u00bbDu hast sonst einen feinen Verstand\u00ab, entgegnete der andere; \u00bbaber wenn du einmal hungrig wirst, bist du ganz gemein und unertr\u00e4glich. Da wirst du ganz Magen mit einigen schlotterigen Darmkan\u00e4len von Gedanken, die von keinem Dufte tr\u00e4umen als dem eines Schweinebratens, und von keinem Innerlichen als dem einer dicken Blutwurst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt kamen \u2013 als ob sie den verlorenen Tag suchten \u2013 zwei M\u00e4nner, jeder sein Pferd hinter sich am Z\u00fcgel f\u00fchrend, zum Vorschein, in denen wir sogleich den Prinzen Romano und seinen J\u00e4ger wiedererkennen. Sie hatten im blinden Eifer immer \u00fcber das Ziel hinausgeschossen, den Grafen Leontin \u00fcberall verfehlt und kehrten nun erm\u00fcdet und verdr\u00fc\u00dflich von der vergeblichen Irrfahrt zur\u00fcck. \u2013 Kaum erblickte Romano den Fremden, als er ihm mit \u00fcbertriebener Tapferkeit, womit Erschrockene wieder erschrecken wollen, ein furchtbares \u00bbHalt!\u00ab zurief. Dann, nach und nach n\u00e4her tretend und ihn vom Kopf bis zu den F\u00fc\u00dfen betrachtend, fragte er ihn endlich gelassener, ob er den Grafen Leontin kenne und ihm vielleicht in diesem Walde begegnet sei. \u2013 \u00bbIch kenne ihn nicht\u00ab, erwiderte der Wanderer; \u00bbaber ich m\u00f6chte ihm wohl begegnen. Im letzten Dorfe sagte man mir, er sei soeben von einer Jagd heimgekehrt, und ich gedenke noch heut auf seinem Schlosse, von dem ich schon viel Seltsames geh\u00f6rt, einzusprechen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das wollte eben Romano auch, und sie beschlossen nun, die Fahrt gemeinschaftlich fortzusetzen. \u2013 Die Pferde waren m\u00fcde, der Weg uneben, so wanderten denn alle zu Fu\u00df nebeneinander hin; der Tritt der Rosse an den Steinen und Wurzeln schallte durch die weite Stille, \u00fcber ihnen blitzten die Sterne im dunkeln Laub, oft sahen sie einander von der Seite schweigend an, um die Signatur der unbekannten Gesichter bei fl\u00fcchtigem Mondblick zu erraten. \u2013 Der heitere fremde Wanderer brach zuerst das Schweigen. Mit der gl\u00fccklichen Unbefangenheit der Jugend erz\u00e4hlte er, w\u00e4hrend sie so durch die Nacht fortzogen, mancherlei aus seinem fr\u00fcheren Lebenslauf. Er nannte sich Willibald. Der Sturm der Zeit, der so viele Sterne verl\u00f6scht und neue entz\u00fcndet, hatte auch den Stammbaum seines alten, ber\u00fchmten Geschlechts zerzaust: seine Eltern starben an gebrochnem Stolz, ihre G\u00fcter und seine Heimat waren l\u00e4ngst an andre Besitzer gekommen, die er nicht einmal dem Namen nach kannte. Aber Ungl\u00fcck gibt einen tiefen Klang in einem t\u00fcchtigen Gem\u00fct und hatte auch ihn fr\u00fchzeitig durch den tragischen Ernst des Lebens der Poesie zugewendet. Mit freudigem Schauer f\u00fchlte er sich bald einer andern, wunderbaren Adelskette angeh\u00f6rig, \u00fcber welche die Zeit keine Gewalt hat, und rasch Konnexionen, Brotperspektiven und allen Plunder, der das Gemeine b\u00e4ndigt, von sich absch\u00fcttelnd, zog er nun eben arm, aber frei und vergn\u00fcgt, in die Welt wie in sein weites, fr\u00f6hliches Reich hinaus. Nur seine sch\u00f6ne Heimat, die am Ausgang dieses Gebirges lag, und an der seine Seele mit aller Macht jugendlicher Erinnerung hing, wollte er noch einmal wiedersehen und dann sich nach Italien wenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend dieser Mitteilung hatten die Wanderer kaum bemerkt, da\u00df ein furchtbares Gewitter im Anzuge war. Bald aber hallte der Donner immer vernehmlicher zwischen den dunkeln Bergen herauf, ferne Blitze erleuchteten oft wunderbare Abgr\u00fcnde neben ihnen, die sich sogleich wieder schlossen. Willibald schaute freudig in die pr\u00e4chtige Nacht. Romano dagegen, der von fr\u00fchester Jugend an seine Katzennatur bei Gewittern nicht \u00fcberwinden konnte, wurde immer unruhiger. Er dr\u00fcckte bei jedem Blitz die Augen fest zu, er versuchte ein paarmal zu singen, aber es half alles nichts; er mu\u00dfte sich entweder der L\u00e4nge nach auf die Erde hinstrecken oder unausgesetzt laut reden. Gl\u00fccklicherweise fiel ihm soeben ein seltsames Abenteuer ein, das ihm fr\u00fcher einmal in einer solchen Gewitternacht begegnet. Und ohne danach zu fragen, ob Willibald auf ihn h\u00f6rte, ging er so dicht als m\u00f6glich neben ihm her und hub, schnell fortschreitend und sich nach und nach immer mutiger sprechend, sogleich folgenderma\u00dfen zu erz\u00e4hlen an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAls ich nach den ungl\u00fccklichen Kriegen meinem heimkehrenden Regimente nacheilte, erlebte ich eine \u00e4hnliche Nacht, und in dieser Nacht wunderbare Dinge, vor denen uns heute der Himmel bewahren m\u00f6ge! Ich hatte n\u00e4mlich damals, um sicherer und fr\u00f6hlicher zu reisen, mich einem desselben Weges ziehenden Reiterh\u00e4uflein angeschlossen, mit dem ich an einem heitern Sommerabend auf einem von Bergen eingeschlossenen Wiesental anlangte. Ein Dorf war in dem n\u00e4chsten Umkreise nicht zu erblicken, dagegen hatte ein altes, schwerf\u00e4lliges Schlo\u00df, das ganz einsam auf einem der H\u00fcgel emporragte, schon in der Ferne meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Da die Nacht bereits hereingebrochen und in dem Schlosse schwerlich f\u00fcr so viele Pferde geh\u00f6riges Unterkommen zu finden war, so beschlo\u00df der Trupp, die sch\u00f6ne Nacht im Freien zuzubringen. Mir aber war ein unn\u00fctzer Biwak mit seinen alle Glieder durchrieselnden Morgenschauern eben nicht sehr gelegen, au\u00dferdem h\u00e4tte ich gern die n\u00e4here Bekanntschaft des Schlosses gemacht, das recht geheimnisvoll durch die Nacht herschaute. Ich ritt daher mit mehr abenteuerlicher Neugier als Vorsicht, nur von meinem Bedienten begleitet, nach der Burg hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tor war geschlossen. Wir klopften lange vergeblich. Endlich, als mein sonst phlegmatischer Bedienter, dem \u00fcberhaupt dieses Abenteuer nicht willkommen war, sich erboste und mit seinem S\u00e4belgriff so unerm\u00fcdlich anh\u00e4mmerte, da\u00df es dumpf durch das alte Gem\u00e4uer widerhallte, knarrte eine T\u00fcr, und wir sahen den Schein eines sich von innen nahenden Lichtes \u00fcber die Mauern schweifen. Das Tor wurde nicht ohne gro\u00dfe Anstrengung ge\u00f6ffnet, und ein alter Mann, der das Ansehen eines Dieners hatte, trat mit weit vorgestreckter brennender Kerze hastig hervor, beschaute uns in h\u00f6chst gespannter, fast trotziger Erwartung von oben bis unten und fragte dann sichtbar beruhigter und mit einem Gemisch von Verlegenheit und Ironie, was diesem Schlosse die Ehre eines so sp\u00e4ten Besuches verschaffe. Ich er\u00f6ffnete ihm meinen Wunsch, hier zu \u00fcbernachten. \u2013 \u203aDas wird nicht gut angehen\u2039, sagte der Alte. \u203aDie Herrschaft\u2039, setzte er mit einer seltsamen Miene hinzu, \u203adie Herrschaft schl\u00e4ft schon lange.\u2039 \u2013 \u203aNun, so la\u00df sie schlafen\u2039, erwiderte ich; \u203awir sind gen\u00fcgsam, und es gilt auch nur bis zu Tagesanbruch.\u2039<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Alte schien sich einen Augenblick zu besinnen, ma\u00df uns noch einmal mit scharfen Blicken und wies dann endlich meinem Bedienten einen vom Tore weit abgelegenen Stall an, wo der \u00fcbelgelaunte Knappe, etwas von elendem Hundeloche usw. unter dem Bart murmelnd, die erm\u00fcdeten Pferde hineinzog. Darauf f\u00fchrte mich unser Schlo\u00dfwart, stillschweigend voranleuchtend, \u00fcber den weiten gepflasterten Hof eine steinerne Treppe hinauf, welche, wie ich bei dem fl\u00fcchtigen Scheine der Kerze bemerken konnte, nicht im besten Stande zu sein schien. Wir traten in ein altes Gemach, worin zu meinem Erstaunen ein fertiges Bett und alles zum Empfang eines Gastes eingerichtet war. \u203aIhr seid nicht unvorbereitet, wie ich sehe\u2039, sagte ich l\u00e4chelnd zu dem Alten. \u2013 \u203aDas bringen die h\u00e4ufigen Durchm\u00e4rsche so mit sich\u2039, erwiderte dieser und entfernte sich schnell, kehrte aber bald mit einer Flasche Wein und einem kalten, ziemlich knappen Imbi\u00df wieder zur\u00fcck. Ich wollte nach dem Namen und sonstigen n\u00e4heren Verh\u00e4ltnis der Schlo\u00dfbewohner fragen; aber der Alte entschl\u00fcpfte mir gewandt mit einem tiefen B\u00fcckling und lie\u00df sich nicht wieder sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte nun Mu\u00dfe genug, mich in meiner sonderbaren Behausung genau umzusehen. Das einfache Feldbett, ein altmodischer, mit Leder \u00fcberzogener und mit gelben Zwacken verzierter, ziemlich wackliger Lehnstuhl und ein ungeheurer Tisch von gleicher Beschaffenheit machten das ganze Stubenger\u00e4t aus. In dem hohen Bogenfenster schienen oben mehrere kleine Scheiben zu fehlen. Die W\u00e4nde waren nur noch zum Teil mit schweren, an manchen Stellen von oben bis unten aufgerissenen Tapeten bedeckt, von denen mich halb verblichene, lebensgro\u00dfe Bilder bei dem ungewissen Licht der Kerze fast schauerlich anblickten. Alles erregte das wehm\u00fctigste Gef\u00fchl vergangener Herrlichkeit. \u2013 Ich legte mich in das Fenster, das auf das Tal hinausging, aus welchem ich gekommen war. Es blitzte von fern, unten sah ich die Feuer des Biwaks und konnte in der grellen Beleuchtung die Gestalten der darum gelagerten Reiter unterscheiden, von denen von Zeit zu Zeit ein fr\u00f6hliches Lied und das Wiehern einzelner Rosse durch die mondhelle Nacht her\u00fcberschallte. Da fiel es mir aufs Herz, da\u00df ich heut, wider meine sonstige Gewohnheit, vergessen hatte, vor allem andern nach meinen Pferden zu sehen. Ich ging daher noch einmal in den Hof hinunter. In dem unwirtlichen, halbverfallenen Stalle fand ich meinen Bedienten im tiefsten Schlafe und die Pferde so sicher und gut aufgehoben, als es hier die Umst\u00e4nde erlaubten. Ich lehnte die alte T\u00fcr wieder an, konnte aber auf dem R\u00fcckwege nicht unterlassen, einen Augenblick in dem ger\u00e4umigen Hofe zu verweilen und den wunderlichen Bau genauer zu betrachten, dessen Umrisse im Mondschein nur um desto sch\u00e4rfer hervortraten. Das Schlo\u00df bildete ein vollst\u00e4ndig geschlossenes Viereck, an dessen innerer Seite eine von mancherlei kleinen Treppen und Erkern verworren unterbrochne steinerne Galerie herumlief, auf welche die T\u00fcren, zum Teil auch einzelne Fenster der Gem\u00e4cher hinausgingen. Eine Totenstille herrschte in dem ganzen finstern Bau, nur die verrosteten Wetterh\u00e4hne drehten sich knarrend im Winde, der sich jetzt heftiger erhoben hatte und schwere, dunkle Wolken \u00fcber den einsamen Hof hinwegtrieb. Indem ich eben wieder die gro\u00dfe Treppe hinaufsteigen wollte, bemerkte ich einen schwachen, fl\u00fcchtigen Lichtschimmer, der von dem entgegengesetzten Fl\u00fcgel des Schlosses her\u00fcberzukommen schien. Ich scheute nicht die M\u00fche, auf kleinen, zum Teil schwankenden Stiegen zu jenem Teile der Galerie zu gelangen, und \u00fcberzeugte mich nun bald, da\u00df das Licht aus einem zwar \u00e4ngstlich, aber doch nicht sorgsam genug verhangenen Fenster hervorbrach, welches auf die Galerie hinaussah. Ich blickte durch die kleine \u00d6ffnung und sah mit Entsetzen mitten im Gemach auf einem k\u00f6stlichen Teppich einen sch\u00f6nen, mit einem langen gr\u00fcnen Gewande und blitzenden G\u00fcrtel geschm\u00fcckten weiblichen Leichnam ausgestreckt, die H\u00e4nde \u00fcber der Brust gefaltet, das Gesicht mit einem wei\u00dfen Tuch bedeckt. Der alte Schlo\u00dfwart, den R\u00fccken nach dem Fenster gewendet, war im Hintergrunde besch\u00e4ftigt, eine mattlodernde Lampe in Ordnung zu bringen, w\u00e4hrend er, wie es schien, Gebete leise vor sich hermurmelte. Mich schauerte bei diesem unerwarteten Anblick, mir fielen die Worte des Alten wieder ein: die Herrschaft schl\u00e4ft\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWahrhaftig!\u00ab unterbrach hier Willibald l\u00e4chelnd den Erz\u00e4hler, \u00bbSie hoffmannisieren recht wacker.\u00ab \u2013 Indem aber blitzte es soeben wieder. Romano blieb die Antwort schuldig, dr\u00fcckte die Augen ein und fuhr eilig und \u00fcberlaut zu erz\u00e4hlen fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch eilte nun in der ersten Best\u00fcrzung fort nach meinem Schlafgemach, um meine Waffen zu holen und hier vielleicht ein schauderhaftes Verbrechen an das Tageslicht zu bringen. Indes, noch ehe ich \u00fcber die verschiedenen Treppen und verwickelten G\u00e4nge den andern Schlo\u00dffl\u00fcgel erreichte, besann ich mich, wie nutzlos mein Unternehmen jetzt im Finstern, in einem mir g\u00e4nzlich unbekannten Hause sein m\u00fc\u00dfte, dessen vielfache Ausg\u00e4nge und Erker den kundigen Bewohnern tausend Schlupfwinkel darboten. Ich beschlo\u00df daher nach einigem Nachdenken den Tag abzuwarten und bis dahin ein wachsames Auge auf alles zu haben, was in dem Schlosse vorgehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu diesem Behuf lie\u00df ich die T\u00fcr meines Gemaches offen, aus welchem ich einen Teil der Galerie und den ganzen Hof \u00fcbersehen konnte. \u2013 Drau\u00dfen im Felde waren die Stimmen der Reiter verschollen und die Wachtfeuer ausgel\u00f6scht. Der Sturm erhob sich immer st\u00e4rker und ging mit entsetzlichen Jammert\u00f6nen durch das alte Gem\u00e4uer. Auch meine Kerze war unterdes ausgebrannt. \u2013 Gespannt und auf jeden Laut aufhorchend, setzte ich mich daher v\u00f6llig angekleidet auf mein Bett und malte mir auf dem dunkeln Grund der Nacht wilde phantastische Bilder aus. Eine schauerliche Vorstellung reihte sich verworren an die andere, bis ich endlich, der Erm\u00fcdung erliegend, in unruhigen Tr\u00e4umen einschlummerte. Pl\u00f6tzlich fuhr ich von meinem Lager auf, von einem heftigen Donnerschlage aufgeschreckt. Ich sprang an die Stubent\u00fcr, von der mich ein kalter Wind anblies. Es war ein furchtbares Gewitter, so recht ingrimmig, ohne Regen. Eine dicke Finsternis verh\u00fcllte Schlo\u00df, Hof und Himmel.\u00ab \u2013 Hier zuckte von neuem ein Blitz leuchtend \u00fcber die ganze Gegend, und Leontins Schlo\u00df, wie in Feuer getaucht, stand auf einmal vor ihnen \u00fcber dem Walde. \u2013 \u00bbIn der Tat\u00ab, sagte Romano erstaunt, \u00bbw\u00fc\u00dfte ich nicht \u2013 gerade so sah damals das Spukschlo\u00df aus! \u2013 Doch eilen wir, unser Weg und meine Geschichte sind gleich zu Ende.\u00ab Er fuhr wieder fort: \u00bbWie ich nun so aus der T\u00fcr in das Dunkel hinausstarre, schl\u00e4ngelt sich pl\u00f6tzlich ein Blitz \u00fcber den Zinnen, und ich erblicke mit Grausen in der T\u00fcr, welche aus dem gegen\u00fcberstehenden Schlo\u00dffl\u00fcgel auf den Hof hinausf\u00fchrte, das tote Fr\u00e4ulein mit demselben gr\u00fcnen Gewande und funkelnden G\u00fcrtel, wie ich sie in jenem Gemache gesehen, stumm und regungslos aufgerichtet, das Gesicht leichenwei\u00df und unbeweglich; \u00fcber den R\u00fccken wallte ein langer dunkler Mantel herab. Neben ihr stand eine hohe Gestalt, in einen gleichfalls dunkeln weiten Mantel tief verh\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Finsternis verschlang sogleich wieder die fl\u00fcchtige Erscheinung. Ich heftete meine Blicke durchdringend und unausgesetzt auf den grauenvollen Punkt, als nach einer geraumen Pause abermals einer von jenen langen oder vielmehr sich unaufh\u00f6rlich wiederholenden Blitzen erfolgte, wo sich gleichsam der ganze Himmel wie ein rotes Auge aufzutun scheint und eine gr\u00e4\u00dfliche Beleuchtung \u00fcber die stille Erde umherwirft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da sah ich, wie das Fr\u00e4ulein mit dem entsetzlich starren Gesicht, die andre dunkle Gestalt und noch ein dritter Vermummter, in welchem ich den alten Schlo\u00dfwart zu erkennen glaubte, sich im Hofe, ohne ein Wort miteinander zu wechseln, feierlich auf drei schwarze Rosse erhoben, deren M\u00e4hnen sowie die Enden der weiten, faltigen M\u00e4ntel in dem Gewitterwinde wild umherflatterten. Lautlos, wie ein Leichenzug, bewegte sich darauf die seltsame Erscheinung durch das ge\u00f6ffnete Schlo\u00dftor, den H\u00fcgel hinab, immer tiefer, weiter.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist das?\u00ab schrie hier Romano pl\u00f6tzlich voll Entsetzen auf. Auch Willibald stutzte, betroffen in die Ferne hinausblickend. Das wilde Wetterleuchten hatte das Schlo\u00df vor ihnen wieder grauenhaft erhellt, und im Tore erblickten sie deutlich die Leichenbraut mit dem gr\u00fcnen Gewande und funkelnden G\u00fcrtel, zwei dunkle Gestalten neben ihr, lautlos auf drei schwarzen Rossen, die faltigen M\u00e4ntel im Winde flatternd, als wollten sie eben wieder ihren n\u00e4chtlichen Auszug beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNun, das ist der wunderlichste Ausgang Ihrer Geschichte!\u00ab sagte Willibald, sich schnell fassend, als die zur\u00fcckkehrende Finsternis auf einmal alles wieder bedeckt hatte. \u2013 \u00bbAusgang?\u00ab rief Romano ganz verst\u00f6rt, \u00bbsahen Sie denn nicht, wie sie entsetzlich immer fortspielt?\u00ab \u2013 \u00bbAber erfuhren Sie denn damals nicht\u00a0\u2013?\u00ab \u2013 \u00bbNein, nein\u00ab, erwiderte der Prinz hastig: \u00bbkehrte ich doch am Morgen das ganze Haus um, alles leer, w\u00fcst, verfallen, ohne Fenster und voll Schutt, hohes Gras auf dem gepflasterten Hofe; die Bauern sagten nachher, das Schlo\u00df sei seit hundert Jahren nicht mehr bewohnt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddes hatte Willibald den Prinzen unter den Arm gefa\u00dft und ri\u00df ihn \u00fcber Stock und Stein durch die Finsternis mit sich fort. Der heftige Gewitterwind blies an den Felsennasen um sich her, zwischendurch h\u00f6rten sie ein verworrenes Gemurmel, wie von vielen Stimmen, und immer st\u00e4rker, je n\u00e4her sie dem Schlo\u00df kamen; zuweilen war es ihnen, als schweife der Widerschein einer Fackel fl\u00fcchtig \u00fcber das alte Gem\u00e4uer der Burg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So standen sie, ehe sie&#8217;s dachten, vor dem Tor. Die gespenstischen Reitergestalten waren verschwunden. Der erste aber, der ihnen entgegentrat, war der alte geheimnisvolle Diener, eine brennende Kerze vorhaltend und die Eindringenden trotzig betrachtend. \u2013 Da hielt sich Romano nicht l\u00e4nger, seine Einbildung war von dem raschen Gange, dem Sturm und den wilden Erscheinungen bis zum Wahnsinn emp\u00f6rt. \u00bbSchl\u00e4ft deine Herrschaft noch immer, verfluchter alter Daniel!\u00ab rief er au\u00dfer sich, den Alten an der Brust fassend. Dieser, voll Zorn \u00fcber den unerwarteten \u00dcberfall, fa\u00dfte ihn sogleich wieder und rang mit ihm. Willibald sprang erschrocken dem bedr\u00e4ngten Prinzen zu Hilfe, gro\u00dfe Hunde schlugen an, eine wachsende Bewegung erwachte tief in dem dunkeln Torwege. \u00bbWas macht ihr wieder f\u00fcr h\u00f6llischen L\u00e4rm, ihr Phantasten!\u00ab donnerte da eine Stimme aus dem Hintergrunde dazwischen. Ein hoher, sch\u00f6ner Mann im langen faltigen Reitermantel, die von allen Seiten an ihn heraufspringenden Doggen beschwichtigend, trat pl\u00f6tzlich hervor. \u2013 \u00bbGraf Leontin!\u00ab rief Romano aus, seinen Daniel schnell loslassend \u2013 beide sahen einander eine Zeitlang erstaunt an. Endlich nahm der ganz verwirrte Prinz wieder das Wort \u00bbWer\u00ab, fragte er, \u00bbritt vor kurzem hier ins Tor?\u00ab \u2013 \u00bbIch, von der Jagd, wo uns die Nacht und das greuliche Wetter \u00fcberraschte!\u00ab erwiderte Leontin. \u2013 \u00bbAber ich sah doch alles ebenso vor langer Zeit im w\u00fcsten Schlo\u00df an der Donau, diesen Alten, beim Widerschein der Blitze die vermummten Reiter im Tore.\u00ab \u2013 Hier brach Leontin pl\u00f6tzlich in ein unm\u00e4\u00dfiges Gel\u00e4chter aus. \u2013 \u00bbWie!\u00ab rief er, \u00bbSie waren es? Wer konnte auch in dem verrufenen Schlo\u00df so sp\u00e4t noch G\u00e4ste erwarten! Die Verlegenheit war gro\u00df, Sie nahmen das Zimmer ein, das der Alte heimlich f\u00fcr uns bereitet hatte.\u00ab \u2013 \u00bbUnd das Fr\u00e4ulein in der Mitte\u00ab, fuhr Romano fort, \u00bbmit dem totenbleichen, sch\u00f6nen starren Gesicht?\u00ab \u2013 \u00bbFreilich\u00ab, versetzte Leontin, noch heftiger lachend; \u00bbwir trauten dem unbekannten Gaste nicht und hatten Larven vorgesteckt, denn ich entf\u00fchrte eben damals meine Julie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hatte der wunders\u00fcchtige Romano am allerwenigsten erwartet, er verachtete im Herzen diese n\u00fcchterne Aufl\u00f6sung und folgte schweigend dem heitern Leontin, der nun die unverhofften G\u00e4ste, als eine k\u00f6stliche Ausgeburt dieser kreisenden Nacht, in seine Burg f\u00fchrte. Der alte Diener ging mit seiner Kerze voran, leise etwas von verr\u00fcckten Prinzen in den Bart murmelnd und manchmal noch einen w\u00fctenden Blick auf Romano zur\u00fcckschleudernd. So schritten sie durch einen ganz w\u00fcsten Schlo\u00dffl\u00fcgel, die hohen Fensterbogen standen leer, der flackernde Schein der Kerze schweifte fl\u00fcchtig \u00fcber die Stukkatur an den Decken der verfallenen Gem\u00e4cher; zwischen zerrissenen Fahnen, die im Zugwinde flatterten, starrten ganz gewappnete Reiterbilder die Vor\u00fcbereilenden gespenstisch aus den geschlossenen Visieren an. \u00dcber eine enge Wendeltreppe gelangten sie dann auf eine steinerne Galerie, die am Innern des Schlosses fortzulaufen schien, und von der man den Burghof \u00fcberblicken konnte. Dort sah es wie ein Schlupfwinkel von R\u00e4ubern oder Schmugglern aus: verworrene Stimmen durcheinander, Windlichter in dem steinernen Springbrunnen sich spiegelnd, Rosse, lechzende Hunde, J\u00e4ger und Waffen, alles von Zeit zu Zeit vom bleichen Widerschein der Blitze wie in wilden Tr\u00e4umen wunderbar erleuchtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich traten sie in einen ungeheuren Saal, in dessen Mitte Herr Faber ganz allein an einem gro\u00dfen, runden Tische sa\u00df und unm\u00e4\u00dfig speiste, ohne aufzusehen und die Kommenden sonderlich zu beachten. Ein Fenster mu\u00dfte irgendwo schlecht verwahrt sein, denn das einzige Licht auf dem Tische wehte und warf ungewisse Scheine \u00fcber die Ahnenbilder an den W\u00e4nden und in den hintern, d\u00e4mmernden Raum des Saales, wo eine unkenntliche Gestalt auf der Erde zu liegen schien; mit Erstaunen glaubte Romano, als er genau hinblickte, den wahnsinnigen Harfner wiederzuerkennen, der dort \u00fcber seiner Harfe eingeschlafen war. \u2013 In einer Fensternische aber sa\u00df eine junge sch\u00f6ne Frau mit einer Gitarre im Arm, in die vom Gewitter beleuchtete Gegend hinausschauend. Sie h\u00f6rten sie im Eintreten eben noch singen:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">Aus der Heimat hinter den Blitzen rot<br \/>\nDa kommen die Wolken her,<br \/>\nAber Vater und Mutter sind lange tot<br \/>\nEs kennt mich dort keiner mehr.<br \/>\nWie bald, wie bald kommt die stille Zeit,<br \/>\nDa ruhe ich auch, und \u00fcber mir<br \/>\nRauschet die sch\u00f6ne Waldeinsamkeit,<br \/>\nUnd keiner mehr kennt mich auch hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSchon wieder das Lied!\u00ab rief er Leontin zu, seine Brauen finster zusammenziehend. \u2013 Da sprang sie schnell auf. \u00bbEs ist schon wieder vor\u00fcber\u00ab, sagte sie und fiel ihm heiter um den Hals. \u2013 \u00bbDas ist die Leichenbraut mit dem funkelnden G\u00fcrtel!\u00ab so stellte Leontin seine Gemahlin Julie l\u00e4chelnd dem Prinzen vor. Sie err\u00f6tete, und Romano erkannte sogleich die schlanke Gestalt wieder, die er schon heute am fr\u00fchen Morgen im Erker erblickt hatte. Mit romanesker Galanterie sagte er, fein auf ihr wehm\u00fctiges Lied anspielend: sie sei ein zarter Waldhornslaut, berufen, weithin in den T\u00e4lern den Fr\u00fchling zu wecken, nicht aber an den finstern Tannenwipfeln dieser starren Waldeinsamkeit ihren melodischen Zauber zu verhauchen. \u2013 Sie sah ihn mit den frischen klaren Augen gro\u00df an, lachte ihm, als er fertig war, geradezu ins Gesicht und wandte sich dann ohne weiteres, um in der verworrenen Wirtschaft zur Aufnahme der sp\u00e4ten G\u00e4ste das N\u00f6tige zu besorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romano sah ihr nicht ohne einige Empfindlichkeit nach, als seine Blicke zuf\u00e4llig an der gegen\u00fcberstehenden Wand auf ein Portr\u00e4t fielen, das seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Es war ein \u00fcberaus sch\u00f6nes M\u00e4dchengesicht, mutwillig aus einer seltsamen, phantastischen Tracht hervorguckend, als fragt&#8216; es ihn neckend: Kennst du mich? \u2013 Er wu\u00dfte es, er hatte diese wunderbaren Z\u00fcge oft gesehen und konnte sich doch durchaus nicht besinnen. Voll Neugierde fragte er endlich den Grafen Leontin. \u2013 \u00bbWeitl\u00e4ufige Verwandtschaft\u00ab, erwiderte dieser fl\u00fcchtig, mit sichtbarer Verlegenheit. Er schien die Fremden von dem Bilde ablenken zu wollen und n\u00f6tigte sie eilig zum Niedersetzen; aber jeder der altv\u00e4terischen St\u00fchle, sowie er ihn ergriff, lie\u00df der eine die Lehne, der andere ein Bein fahren. \u2013 \u00bbIch sitze auf dem guten\u00ab, sagte Faber, ruhig weiter essend, und Leontin bat nun lachend seine G\u00e4ste, lieber mit ihm auf die Galerie hinauszukommen, wo es an handfesten steinernen B\u00e4nken nicht fehle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So lagerte sich denn die ganze Gesellschaft abenteuerlich genug unter den Spitzbogen des alten Altans; ein schwerf\u00e4lliger Tisch, Weinflaschen und Gl\u00e4ser wurden mit bedeutendem L\u00e4rm herbeigeschafft, auch Julie und Faber \u2013 letzterer zu Romanos gro\u00dfem Verdru\u00df mit einer langen qualmenden Tabakspfeife \u2013 fanden sich wieder ein, und ein vielfach bewegtes Gespr\u00e4ch belebte bald den wunderlichen Kreis. Unten im Hofe aber war w\u00e4hrenddes schon alles still geworden, auch das Gewitter hatte sich verzogen, es blitzte nur noch in weiter Ferne, und \u00fcber dem verfallenen Schlo\u00dffl\u00fcgel sah man von allen Seiten die wunderbare Gegend im Mondschein wieder heraufgl\u00e4nzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leontins unverw\u00fcstliche Heiterkeit und sein guter Wein, der nicht geschont wurde, \u00fcberwanden bald alle M\u00fcdigkeit, und man beschlo\u00df einm\u00fctig, den kurzen, noch \u00fcbrigen Teil der sch\u00f6nen Nacht hier zusammenzubleiben. Ein jeder mu\u00dfte nun eine Novelle aus seinem Leben zum besten geben. Die Reihe traf zuletzt Willibald, der von dieser m\u00e4rchenhaften Umgebung tief aufgeregt schien. Mit besonderem Behagen setzten sich die andern den sch\u00f6nen klaren Augen des Wanderdichters gegen\u00fcber, als dieser endlich folgenderma\u00dfen zu erz\u00e4hlen begann:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIn den Herbstferien wanderte ich als Student mit mehreren fr\u00f6hlichen Gesellen aus Halle nach dem Harzgebirge. Ich gedenke noch heute mit eigenem Vergn\u00fcgen des frischen k\u00fchlen Morgens, wie wir vor Tagesanbruch durch die alten stillen Gassen zogen und hinter den noch fest zugezogenen Fenstervorh\u00e4ngen unsern eingebildeten Liebchen, die wir kaum einmal im Leben von fern gesehen hatten, unser Ade! zuriefen. Die Jugend, sagt man, blicke die Welt anders an als andere vern\u00fcnftige Leute, sehe im funkelnden Walde Diana vor\u00fcbersprengen und aus den Str\u00f6men sch\u00f6ne Nixen wunderbar gr\u00fc\u00dfend auftauchen. Ich aber bilde mir ein, aus jungen Philistern werden alte Philister, und wer dagegen einmal wahrhaftig jung gewesen, der bleibt&#8217;s zeitlebens. Denn das Leben ist ja doch nur ein wechselndes Morgenrot, die Ahnungen und Geheimnisse werden mit jedem Schritt nur gr\u00f6\u00dfer und ernster, bis wir endlich von dem letzten Gipfel die W\u00e4lder und T\u00e4ler hinter uns versinken und vor uns im hellen Sonnenschein das andere Land sehen, das die Jugend meinte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesmal war es indes nur der kurze, bunte Reisetag, der d\u00e4mmernd hinter uns versank, als wir fr\u00f6hlich in dem heiteren Stufenberge rasteten. Die Abendsonne funkelte noch in den Fenstern des Wirtshauses, vor welchem wir \u00fcber die Buchenwipfel die gl\u00e4nzende Landschaft und weiterhin das Vorgebirge des Harzes \u00fcberschauten, das sich schon r\u00e4tselhaft mit Abendnebel zu bekr\u00e4nzen anfing. Mir fielen alle alten sch\u00f6nen Sagen dieser romantischen Gegend ein, und ich dichtete die wunderlichsten Reiseabenteuer in das wachsende Dunkel hinein. Auf dem gr\u00fcnen Rasenplatze vor dem Wirtshause sang ein M\u00e4dchen wie ein Waldv\u00f6glein zur Harfe; fremde Wanderer kamen und schieden; wir aber hatten uns dicht am Abhange um einen mit Weinflaschen wohlbesetzten Tisch gelagert, und meine Gef\u00e4hrten ermangelten nicht, ihre Sch\u00e4tzchen, die sie zu Hause hatten oder nicht hatten, hochleben zu lassen. Mir kam das in diesem Augenblick unbegreiflich abgeschmackt vor, in meiner Seele leuchtete auf einmal ein Bild wunderbarer Sch\u00f6nheit wieder auf, das ich oft im Traume gesehen und seitdem auf manchem alten sch\u00f6nen Bilde wiederzuerkennen geglaubt hatte. Vom Wein und dem Rauschen der W\u00e4lder und T\u00e4ler unter uns wie von unsichtbaren Fl\u00fcgeln gehoben, sprang ich pl\u00f6tzlich auf; die untergehende Sonne warf eben ihr purpurnes Licht \u00fcber die Gegend: ich trank aus voller Seele auf das Wohl meiner k\u00fcnftigen Geliebten, warf meinen Ring in das leere Glas und schleuderte Glas und Ring in funkelndem Bogen weit in das Abendrot hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da aber begab sich&#8217;s wunderbar. Denn in demselben Augenblick sahen wir unten eine Dame auf einem jener rehf\u00fc\u00dfigen arabischen Zelter \u00fcber den gr\u00fcnen Plan sprengen, als fl\u00f6ge eine reizende Huri, im Abendwinde von bunten Schals und reichen schwarzen Locken umflattert, \u00fcber die Oase der begl\u00e4nzten Landschaft. Sie wandte sich laut lachend nach zwei jungen Reitern zur\u00fcck, vor denen sie, wie zum Scherz, nach dem Saum des Waldes entfloh, wo eine andere Dame die Fl\u00fcchtigen zu erwarten schien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da bemerkte sie den Blitz meines Ringes in der Luft. Sie schaute erstaunt zu mir herauf; im selben Moment tat die untergegangene Sonne noch einen feuerroten Blick \u00fcber die ganze Gegend, und wir sahen die Reitergestalten nur noch wie bunte, sich jagende Schmetterlinge \u00fcber den stillen, ernsten Grund dahinschweben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Reisegesellen feuerten der sch\u00f6nen Reiterin munter gute und schlechte Witze nach, verglichen sie mit einer Bacchantin, mit Luna und Fortuna, bis sie zuletzt dar\u00fcber untereinander in ein gelehrtes mythologisches Gez\u00e4nk gerieten. Mich \u00e4rgerte das Geschw\u00e4tz, aber ich h\u00fctete mich wohl, mit dareinzureden, denn mein Anschlag war gefa\u00dft. Und als sie sich alle endlich zur Ruhe begeben hatten, bezeichnete ich ihnen mit Kreide auf der T\u00fcr den Ort, wo ich morgen abend wieder mit ihnen zusammentreffen wollte, und stieg beim pr\u00e4chtigsten Mondschein den Berg hinab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte mir den Platz genau gemerkt, wo die Reiterin mit ihrem Gefolge verschwunden war; es gab nur <i>einen<\/i> Weg, ich schritt bald in tiefem Waldesdunkel, bald \u00fcber hellbeschienene Wiesen frisch und fr\u00f6hlich fort und kam endlich an ein einsames Gasthaus, das im klaren Mondschein am Ausgang des Waldes lag. Es war alles unendlich still ringsumher, doch glaubte ich unten im Hause noch Stimmen zu vernehmen. Ich klopfte an, die Wirtsleute waren noch wach, und ich erfuhr zu meiner unbeschreiblichen Freude, da\u00df wirklich zwei Damen zu Pferde, die eine jung, sch\u00f6n, mit langen wallenden Locken, nebst ihren Begleitern hier eingekehrt und in den oberen Zimmern \u00fcbernachteten, wo sie sich aber bereits der Ruhe \u00fcberlassen hatten, um morgen mit Tagesanbruch den Ro\u00dftrapp zu besteigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei dieser Nachricht blitzte mir ein Gedanke durch die Seele. Ich erkundigte mich sogleich nach dem f\u00fcr die Damen bestimmten F\u00fchrer, einem jungen, schlanken Burschen von meiner Gr\u00f6\u00dfe, und \u00fcberredete ihn mit Hilfe eines gro\u00dfen Teils meiner kleinen Barschaft, mir auf einen halben Tag seinen Kittel und Wanderstecken abzutreten. Ich kannte den Weg nach dem Ro\u00dftrapp von einer fr\u00fcheren Reise sehr genau und beschlo\u00df in dieser Verkleidung morgen die Damen zu f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stuben im Hause waren alle besetzt, ich bestieg daher ohne weiteres den Heuboden f\u00fcr die wenigen Stunden der warmen Nacht. Aber ich hatte keine Rast vor fr\u00f6hlichen Gedanken und setzte mich, wie ein tr\u00e4umender Vogel, auf die obersten Sprossen der Leiter in das Dachfenster. Da lag der weite, stille Kreis von Bergen im hellen Mondschein vor mir, zahllose Sterne flimmerten, und das Zirpen der Heimchen schallte von den fernen Wiesen durch die gro\u00dfe Einsamkeit her\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich hielt ich&#8217;s nicht l\u00e4nger aus, ich stieg wieder herab, wandelte eine Zeitlang hinter dem Geb\u00fcsch vor den begl\u00e4nzten Fenstern des Wirtshauses auf und nieder und begann zuletzt mit gro\u00dfer Lust ein St\u00e4ndchen zu singen, das ich vor mehreren Jahren an meine k\u00fcnftige Geliebte gedichtet hatte. Es dauerte auch nicht lange, so glaubte ich oben einige Bewegung zu bemerken. Aber wer beschreibt meinen Schrecken, als sich nun pl\u00f6tzlich leise das Fenster \u00f6ffnete und eine gar nicht mehr junge, dickliche Dame, mit zahllosen Papilloten um den Kopf, breit und behaglich sich herauslehnte!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u203aEi, ei\u2039, lispelte sie, ohne mich zu sehen, mit fetter Stimme zu mir herab; \u203aist das wohl fein, m\u00fcde Reisende in der s\u00fc\u00dfesten Ruhe zu st\u00f6ren?\u2039 \u2013 Ei, ei, da\u00df ich\u00a0\u2013! dachte auch ich unten und sang in meiner Herzensangst nur um so lauter fort. \u2013 Die Dame hustete oben ein paarmal heimlich genug. \u203aMan will sich nicht zeigen, wie&#8217;s scheint!\u2039 sagte sie dann empfindlich. Hinter den Gardinen aber glaubte ich noch eine andere weibliche Gestalt lachend und lauschend zu gewahren. \u2013 Voller \u00c4rger sang ich nun mein langes Lied bis zu Ende und verzweifelt wieder vom Anfang an. \u2013 \u203aAch, das ist ja ennuyant, das ewige Gesinge!\u2039 rief jetzt die Dame, da das Ding kein Ende nehmen wollte, und schmi\u00df mir droben das Fenster vor der Nase zu.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wurde der Erz\u00e4hler durch ein lautes Auflachen der Gr\u00e4fin Julie unterbrochen, die schon vorhin einige Male heimlich gekichert hatte. \u2013 \u00bbWas haben Sie denn?\u00ab fragte er die Sch\u00f6ne; \u00bbmir war es eben nicht sonderlich zum Lachen.\u00ab \u2013 \u00bbNichts, nichts\u00ab, entgegnete Julie err\u00f6tend und beschwichtigend; \u00bbnur weiter, weiter!\u00ab \u2013 Willibald sah sie erstaunt an und fuhr nach einer Pause wieder fort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs war und blieb nun auf einmal alles m\u00e4uschenstill im ganzen Hause. \u2013 Und ich bekomme dich doch zu sehen, mein spr\u00f6des Lieb! sagte ich zu mir selbst, bestieg halb lachend, halb \u00e4rgerlich \u00fcber das verungl\u00fcckte St\u00e4ndchen, meinen Heuboden wieder, wickelte mich vergn\u00fcgt in das Heu und meine verliebten Gedanken und war bald fest eingeschlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie erschrak ich, als ich erwachte und mir durch alle Luken und Ritzen des Daches die Morgensonne schon hell in die Augen schien. Ich fuhr hastig in meine geborgten Bauernkleider und eilte hinunter. Die Wirtsleute lachten mich \u00fcber meine st\u00e4dtische Langschl\u00e4ferei t\u00fcchtig aus und erz\u00e4hlten, wie sie M\u00fche gehabt, die wegen der Saumseligkeit des F\u00fchrers unwilligen Fremden zu beg\u00fctigen. W\u00e4hrend der Wirt mich endlich wecken wollte, seien die Damen bereits aufgebrochen; wenn ich aber auf den Fu\u00dfsteigen, wie ich behauptete, genau Bescheid wisse, k\u00f6nne ich sie sehr bald einholen. Hier war keine Zeit zu verlieren, ich ergriff meinen langen Stab und kletterte, ohne mich erst auf die Fu\u00dfsteige einzulassen, den steilen Berg gerade hinan. Bald h\u00f6rte ich auch wirklich Stimmen in der Ferne, sie schienen eine andere Richtung genommen zu haben, als die Reisenden gew\u00f6hnlich einzuschlagen pflegen. Ich sprang, glitt und schurrte \u00fcber Stock und Stein, nur eine j\u00e4he Kluft trennte mich noch von ihnen, ich setzte meinen Stecken ein und schwang mich mit einem gewaltigen Satze \u00fcber Kluft und Geb\u00fcsch auf den Rasenabhang hinaus, wo die Wanderer eben zu rasten schienen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle fuhren mit einem Schrei auf, als ich so pl\u00f6tzlich, wie vom Himmel, unter sie niederfuhr. Die sch\u00f6ne Reiterin stand zun\u00e4chst und betrachtete mich lange schweigend von oben bis unten. Fast h\u00e4tte ich sie nicht wiedererkannt, so gar nicht bacchantisch oder amazonenhaft, so milde, still und \u00fcber alle Beschreibung sch\u00f6n erschien sie heut. Auch die \u00e4ltere Dame ruhte sehr erhitzt und pustend auf einem Baumstamme und rief mir zu: wenn ich hier die Wege kennte, sollte ich bei ihnen bleiben und sie auf dem allern\u00e4chsten hinauff\u00fchren. Beide schienen in mir den n\u00e4chtlichen S\u00e4nger nicht zu ahnen, und ich h\u00fctete mich, wie ihr wohl denken k\u00f6nnt, mich zu verraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde es niemals vergessen, wie heiter die schlanke Gestalt meiner jungen Dame, die jetzt am gr\u00fcnen Abhange stand, sich auf dem himmelblauen Hintergrunde abzeichnete, und als sie darauf, zweien neben ihr stehenden jungen M\u00e4nnern die fernen St\u00e4dte und D\u00f6rfer nennend, in die unerme\u00dfliche Aussicht hinauswies, da war es, als z\u00f6ge ihr Rosenfinger eben erst die silbernen Str\u00f6me, die duftigen Fernen und die blauen Berge dahinter und vergolde Seen, H\u00fcgel und W\u00e4lder, und alle rauschten und jauchzten, wie fr\u00fchlingstrunken, zu der Zauberin herauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich aber jauchzte am fr\u00f6hlichsten in mich hinein, als sich der bunte Zug nun endlich in Bewegung setzte. Ich schritt voran und hinter mir in der morgenheitern Einsamkeit die Sch\u00f6ne, zwischen dem Waldesrauschen und Vogelschall mit der lieblichsten Stimme plaudernd und scherzend. Nun waren mir zwar die beiden jungen Begleiter gleich von Anfang gar nicht recht gewesen, aber ich bemerkte bald, wie sie mit ihnen nur wunderlich spielte und h\u00e4ufig auf die zierlichste Weise ihr Pant\u00f6ffelchen \u00fcber sie schwang. Ja, als das \u00e4ltere Frauenzimmer von neuem ausruhen mu\u00dfte, gab sie ihnen geradezu auf, bei der Dame zur\u00fcckzubleiben, sie selbst wollte unterdes voraus. Hiermit flog sie wie ein Reh \u00fcber den gr\u00fcnen Plan, und ehe sie im Geb\u00fcsch verschwand, wandte sie sich noch einmal zur\u00fcck und streifte mich mit einem fl\u00fcchtigen Blick, da\u00df es mir recht durch die Seele drang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So rasch ich nachfolgte, konnte ich sie doch erst am Gipfel des Ro\u00dftrapps wieder erreichen. Hier fand ich sie zu meinem Entsetzen auf dem letzten \u00fcberhangenden Felsen sitzen, vergn\u00fcgt mit den roten Reiseschuhen \u00fcber dem schwindelerregenden Abgrunde baumelnd. Wie einen Nachtwandler auf dem Rande der Zinne, wagte ich sie nicht anzureden. Sie aber hatte mich kaum erblickt, als sie, die reichen Locken aus der Stirn sch\u00fcttelnd, mir zurief: \u203aDa m\u00f6cht&#8216; ich gern hinunter. Ein rechter F\u00fchrer mu\u00df jeden Steg kennen, f\u00fchr&#8216; mich geschwind hinab, ehe die andern nachkommen.\u2039<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kannte in der Tat einen Pfad zu den Schl\u00fcnden, und, ohne das Wagst\u00fcck zu bedenken, nickte ich ihr zu und machte mich auf den Weg. Das schien ihr zu gefallen, sie sah mich einen Augenblick \u00fcberrascht und verwundert an, dann sprang sie schnell auf und folgte. \u2013 Nun aber war mir&#8217;s wie im Traume, als so auf einmal das wundersch\u00f6ne M\u00e4dchen, allein mit mir, an j\u00e4hen Abgr\u00fcnden vor\u00fcber von Fels zu Fels in die lautlose \u00d6de hinabstieg und wie in einem Zauberbrunnen das Himmelsblau \u00fcber uns immer dunkler wurde, immer finsterer das wilde Gr\u00fcn, immer vernehmlicher von unten das Brausen der B\u00e4che in der endlosen Einsamkeit. \u2013 Einmal reichte ich ihr helfend die Hand, sie wollte mich erst mit der rechten fassen, zog sie aber err\u00f6tend schnell wieder zur\u00fcck und gab die andere. \u203aDu magst mir auch der rechte Arbeiter sein\u2039, sagte sie, \u203ahast ja H\u00e4nde wie ein M\u00e4dchen.\u2039 \u2013 Jetzt sprang ich \u00fcber einen tiefen Felsen auf die gegen\u00fcberstehende Klippe, sie mu\u00dfte mir nach. Der Platz war eng, ich breitete beide Arme ihr entgegen, und als sie mir so an die Brust flog, da\u00df mich ihr Atem ber\u00fchrte und ihre Locken mich verh\u00fcllten, da umschlang ich sie fest und dr\u00fcckte einen brennenden Ku\u00df auf ihren sch\u00f6nen Mund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u203aPfui!\u2039 rief sie, sich hastig losmachend und den Mund wischend; \u203asiehst du, mit deinen dummen Flausen hast du den rechten Weg verfehlt! Dort geht&#8217;s hinaus!\u2039 \u2013 Hiermit war sie mir lachend auf einmal in dem verworrenen Geb\u00fcsch entschwunden. Mit Erstaunen glaubte ich, als sie schnell die Zweige auseinanderbog, an ihrer rechten Hand meinen Ring zu bemerken, den ich vom Stufenberge hinabgeworfen hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verbl\u00fcfft, ratlos, recht im innersten Herzen verwirrt, stand ich nun in der Wildnis. Vergebens suchte ich meine Sch\u00f6ne wieder zu erhaschen, oft glaubte ich ihr schon ganz nahe zu sein, da tauchte sie mit unbegreiflicher K\u00fchnheit pl\u00f6tzlich fern \u00fcber den Wipfeln auf, um sich, wie ein Waldv\u00f6glein, gleich wieder in dem Gr\u00fcn zu versenken. Dann h\u00f6rte ich ihr liebliches Lachen her\u00fcberschallen, sie winkte und rief mich, immerfort neckend, bald da bald dort, bald unter mir, bald \u00fcber mir. Dazwischen rauschten die verborgenen Wasser, verirrte gl\u00e4nzende Schmetterlinge flatterten wie abgewehte Bl\u00fctenflocken, taumelnd an meinem Hute vor\u00fcber zum Abgrund, nur zuweilen noch klang Vogelschall von dem morgenhellen Bord der Felsen herunter \u2013 es war mir, als sei ich in dieser Abgeschiedenheit in ein wahnsinniges M\u00e4rchen wunderbar verstrickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich glaubte ich meine Sch\u00f6ne wieder in der Tiefe zu vernehmen, als ich sie pl\u00f6tzlich mit lautem Lachen wie einen Elfen hoch \u00fcber mir schwebend auf der obersten Zinne des Berges erblickte, die wir vorhin verlassen. Da erwachte in mir der ganze herbe J\u00fcnglingsstolz verschm\u00e4hter Liebe, ich warf meinen Wanderstecken weit von mir, da\u00df er an dem Felsen zersprang, und wandte mich z\u00fcrnend v\u00f6llig in den Abgrund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das schien sie nicht erwartet zu haben. Wenigstens kam sie mir, als ich noch einmal hinaufblickte, auf einmal bleich und erschrocken vor, ja, im eiligen Niedersteigen, zwischen dem Rauschen der Wipfel und B\u00e4che, war es mir zu meinem gr\u00f6\u00dften Erstaunen, als nannte sie wiederholt meinen eigenen Namen, als rief sie mir, wie aus tiefster Seele nach: \u203aMein lieber, lieber Willibald!\u2039\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So t\u00f6richt ist ein Verliebter! Dieser vertrauliche Ruf wandte mir ganz das Herz um. Ich erklomm von neuem m\u00fchselig den Berg, ich suchte, rief nach allen Weltgegenden hinaus, aber es blieb alles still in der Runde, und nirgends war eine Spur von der wunderlichen Gesellschaft mehr wiederzufinden. \u2013 Erm\u00fcdet kam ich am Ende auf den abenteuerlichsten Umwegen unerwartet zu demselben Wirtshause, von dem ich am Morgen ausgegangen: \u00fcber dem Walde war wieder der ferne Kirchturm zu sehen, rechts der Stufenberg in stillem Abendschein; und ganz verwirrt, wu\u00dfte ich nicht, wie mir geschehen, als nun die Leute im Hause, da ich nach der Sch\u00f6nen fragte, mich gro\u00df und verwundert ansahen. Eine Gesellschaft, wie ich sie beschrieb, hatte hier gar nicht \u00fcbernachtet; eine \u00e4ltliche, etwas starke Dame, sagten sie, und ein h\u00fcbsches blondhaariges M\u00e4dchen seien zwar, blo\u00df in Begleitung eines Reitknechts, heute fr\u00fch von hier weiter gewandert, aber mein wunderbares Waldlieb mit den reichen, schwarzen Locken wollte kein Mensch gesehen haben. \u2013 Ich sah sie niemals wieder. Ihr Bild aber blieb seitdem leuchtend in meiner Seele, und als ich nun einsam heimwanderte, hatte der Herbst schon seine Sommerf\u00e4den \u00fcber die Felder gespannt wie goldene Saiten im Morgenglanz, die bei jedem Windeshauch einen wehm\u00fctigen Klang \u00fcber die Erde gaben.\u00ab\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier endigte Willibald seine Erz\u00e4hlung und bemerkte erst jetzt, da\u00df alle seine Zuh\u00f6rer, von der Anstrengung des vorigen Tages \u00fcberw\u00e4ltigt, fest eingeschlafen waren. Wie Tote lagen die M\u00e4nner mit den bleichen, scharfgezeichneten Gesichtern umher. Julie war auf Leontins Scho\u00df gesunken, seine Knie mit ihren herabwallenden Locken verh\u00fcllend. Drau\u00dfen aber gl\u00e4nzte herrlicher Mondschein \u00fcber der leise rauschenden Gegend, nur einzelne Damhirsche weideten unten am Fu\u00dfe des alten Schlosses. Willibald blickte wunderbar bewegt in die weite Einsamkeit hinaus, es war ihm alles wie ein Zauberm\u00e4rchen hier, als m\u00fc\u00dfte sein verlornes Lieb ihm wieder irgendein Zeichen geben in dieser pr\u00e4chtigen Mondnacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Turmw\u00e4chter bei Anbruch des Tages hoch \u00fcber den Schlummernden sein geistliches Lied durch die stillen L\u00fcfte sang, erhob sich unten allm\u00e4hlich einer nach dem andern, in die falbe Morgenk\u00fchle schauend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romano aber sprang verst\u00f6rt und erschrocken auf, pl\u00f6tzlich des eigentlichen Zweckes seines Besuches gedenkend, den er \u00fcber den n\u00e4chtlichen Erz\u00e4hlungen g\u00e4nzlich vergessen hatte. Ohne Zeitverlust f\u00fchrte er nun den Grafen Leontin in den entlegensten Teil der Galerie, wo beide lange Zeit sehr lebhaft miteinander sprachen und endlich in gr\u00f6\u00dftem Eifer nach dem Hofe eilten. Niemand wu\u00dfte, was sie vorhatten, aber im ganzen Hause entstand auf einmal ein verworrenes Durcheinanderrennen, Briefe wurden geschrieben, Boten zu Pferde abgeschickt, und bald darauf sah man den Prinzen und Leontin selbst, jeden in verschiedenen Richtungen, in den Wald hinaussprengen. \u2013 Auch Willibald, den die Sehnsucht nach seiner Heimat aus diesem unbehaglichen Rumor forttrieb, hatte sich w\u00e4hrenddes wieder aufgemacht. Julie sah ihn aus ihrem Fenster schon in der Ferne wandern. Sie h\u00e4tte ihm so gern noch gesagt, da\u00df sie selbst es war, die mit ihrer Begleiterin in dem einsamen Wirtshause sein St\u00e4ndchen belauscht, und da\u00df sie gar wohl wisse, wer und wo seine Sch\u00f6ne vom Ro\u00dftrapp sei. \u2013 Aber sie winkte ihm vergeblich mit dem Schnupftuche nach, er war schon in dem taufunkelnden Morgenschimmer versunken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir aber lassen den Gl\u00fccklichen wandern und wenden uns aus dem Morgenrot nach dem dunkeln Gebirge zur\u00fcck, wo wir Publikums Jagd verlassen haben. Der Abend sinkt schon nieder auf die stillen Schl\u00fcfte, da finden wir den Tro\u00df in einem abgelegenen Tal, ein altes J\u00e4gerhaus, wie Bienen im Abendgold, mit verworrenem Gesumse umschw\u00e4rmend. Drin wird t\u00fcchtig gekocht, denn so oft die T\u00fcr sich \u00f6ffnet, sieht man eine gro\u00dfe Flamme lodern und dicken Bratenduft herausqualmen. Vor der T\u00fcr sitzen Aurora und Herr Publikum eintr\u00e4chtig beisammen, \u00fcber dessen Haupte sich das Hirschgeweih am Gesims des Hauses recht stattlich ausnimmt. Er hat Auroras Hand gefa\u00dft, sie l\u00e4\u00dft sie ruhig in der seinen, da es schon k\u00fchl wird, aber ihre Gedanken sind offenbar nicht bei der Hand, sie schaut halb langweilig, halb verdrie\u00dflich vor sich hin. W\u00e4hrenddes sind die besorgten Novellenmacher flei\u00dfig bem\u00fcht, den Honigseim poetischer Reden zu ihrem Hochzeitsfladen zusammenzukneten. Am zierlichsten unter ihnen dr\u00fcckt sich dabei der schwungreiche <i>junge Mann<\/i> aus. Aber da begegnet ihm unerwartet etwas Au\u00dferordentliches. Denn indem er zur Gr\u00e4fin von der Liebe spricht und immer wieder spricht, hat er sich auf einmal selbst in sie verliebt: von unmerkbarem H\u00e4ndedr\u00fccken, wor\u00fcber sie jedesmal mit leisem L\u00e4cheln quittiert, durch das allm\u00e4hlich wachsende Feuerwerk loser Schw\u00e4rmereien und g\u00fcnstiger Blicke ger\u00e4t er endlich ganz in den holden Wahnsinn. Vergebens treten die Novellisten, denen er wie eine tolle Hummel ihr Novellengespinst zu zerarbeiten droht, ihm heimlich auf die gro\u00dfe Zehe, der Schrei des Schmerzes macht seinen sentenzi\u00f6sen Paroxysmus nur noch pikanter; der erschrockne Publikum, der gar nicht wei\u00df, was los ist, f\u00e4ngt an, sich vor ihm zu f\u00fcrchten, da ergreift endlich der <i>Graue<\/i> den Rasenden ohne weiteres beim Kragen, und der ganze Haufe w\u00e4lzt sich mit ihm in das J\u00e4gerhaus, wo man durch die heftig hinter ihnen zugeworfene T\u00fcr noch einen bedeutenden L\u00e4rm vernimmt. Unterdes aber hatte ein J\u00e4ger vor Herrn Publikum und die Gr\u00e4fin ein wohlbesetztes Tischchen hingestellt. Da war es um Publikum geschehen. Er band sich feierlich eine gro\u00dfe Serviette wie zum Rasieren unter das Kinn, st\u00fclpte die \u00c4rmel auf, setzte sich, ein paarmal beide Ellbogen erhebend, breit und behaglich zurecht und begann sogleich mit ebenso viel Ernst als Fertigkeit mit den Kinnbacken zu mahlen. Aurora versuchte mehrere Male ein witziges Gespr\u00e4ch anzukn\u00fcpfen. Aber beim Essen verstand er keinen Spa\u00df; unaufh\u00f6rlich nach allen Seiten hin Fleisch, Pfeffer, Salz zulangend, gab er nur halbe oder gar keine Antwort. Er schien ganz eine dicke, fette Zunge voll Wohlgeschmack geworden zu sein und bemerkte nicht einmal, wie die Gr\u00e4fin, das ger\u00fcmpfte Naschen vornehm aufwerfend, endlich rasch aufstand und empfindlich sich allein in den nahen Wald begab, um hier auf einem kurzen Spaziergange ihren Verdru\u00df abzuk\u00fchlen. Die D\u00e4mmerung war schon hereingebrochen, nur einzelne V\u00f6gel sangen noch tiefer im Gebirge, die Abendluft spielte leise in allen Bl\u00e4ttern. Da h\u00f6rte sie auf einmal ein Ger\u00e4usch und bald darauf Gesang in der Ferne. Sie trat neugierig n\u00e4her und wurde endlich eine dunkle Gestalt gewahr, halb versteckt hinter Felsen und Geb\u00fcsch. \u203aWu\u00dft&#8216; ich&#8217;s ja doch!\u2039 sagte sie, heimlich in sich hineinlachend. \u2013 Und sie irrte sich wirklich nicht in dem Karbonaromantel, an dem sie sogleich den Prinzen Romano wiedererkannte. Der anschl\u00e4gige Prinz umkreiste schon lange das J\u00e4gerhaus wie der Fuchs den Taubenschlag. Da er aber von den Strapazen der vergangenen Nacht pl\u00f6tzlich heiser geworden, so hatte sich Leontin hinter ihm unter den Mantel verborgen und sang und agierte nun f\u00fcr ihn aus dem faltigen gen Karbonaro heraus. Bald aber fand Romano die Aktion \u00fcbertrieben, das Lied nicht zart genug. Leontin verteidigte sich, dar\u00fcber bekamen sie unter dem Mantel H\u00e4ndel und gerieten miteinander, erst leise, dann immer heftiger, in einen lebhaften Wortwechsel \u00fcber das schicklichste Metrum f\u00fcr ein St\u00e4ndchen. \u2013- Aurora stutzte; aber als sie auf einmal vier Arme aus dem Mantel sich hervorarbeiten sah, ergriff sie ein Grauen, und sie st\u00fcrzte unaufhaltsam nach dem J\u00e4gerhause zur\u00fcck. Da brach Romano pl\u00f6tzlich hervor, Leontin hatte kaum Zeit, in gr\u00f6\u00dfter Eile zu entfliehen. Die atemlose Gr\u00e4fin schrie laut auf, da der Prinz, der mit seinen langen Beinen ihr den Vorsprung abgewonnen hatte, auf einmal zierlich auf einem Knie vor ihr lag. \u00bbMit wem sprachen Sie soeben?\u00ab fragte die Erschrockene, noch immer \u00e4ngstlich um sich her blickend. \u2013 \u00bbMit mir selbst im Traume von dir!\u00ab \u2013 \u00bbEs lief doch aber jemand fort von Ihnen?\u00ab \u2013 \u00bbMein Schatten wahrscheinlich.\u00ab \u2013 \u00bbAch, es scheint ja weder Sonne noch Mond!\u00ab \u2013 \u00bbDesto besser, so belauscht uns nur Venus vom Himmel.\u00ab \u2013 \u00bbUnd vier Arme leibhaftig!\u00ab \u2013- \u00bbO, h\u00e4tt&#8216; ich deren viertausendvierhundertvierundvierzig, dich zu umschlingen!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das klang der Gr\u00e4fin denn doch gar zu appetitlich. Sie hob mit einem z\u00e4rtlichen Blick den Prinzen vom Rasen auf, der nicht vers\u00e4umte, sogleich seine Kniescheibe sorgf\u00e4ltig abzust\u00e4uben. Er bat die Reizende, sich noch ein Weilchen im Walde zu ergehen, sie nickte schlau mit dem sch\u00f6nen K\u00f6pfchen, und so wandelten denn die Gl\u00fccklichen unbelauscht nebeneinander her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Romano hatte mit malerischer Nachl\u00e4ssigkeit seinen Mantel halb \u00fcber die Achsel zur\u00fcckgeschlagen, er sprach von dem Bad in den kosenden Abendl\u00fcften, von den D\u00e4mmerlauben des Gem\u00fcts, von den nackten B\u00fcbchen, die in dem luftigen Laube zielen. Aber die nackten B\u00fcbchen guckten schon aus Auroras Augen, sie ging so unbedenklich in alle diese D\u00e4mmerlauben ein, und wenn es so fortw\u00e4hrte, blieb fast nichts mehr zu erobern an ihr. \u2013 Das war dem Prinzen gar nicht recht; er hatte sich&#8217;s so sch\u00f6n ausgesonnen, allen Aufwand steigender Verf\u00fchrungsk\u00fcnste, die Schn\u00f6de allm\u00e4hlich poetisch zu verlocken \u2013 er war ganz verstimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einmal stand Aurora still. \u00bbIch h\u00f6re keine Stimme mehr vom J\u00e4gerhause\u00ab, sagte sie, nach allen Seiten umschauend; \u00bbwir haben uns verirrt.\u00ab \u2013 \u00bbHat keine Not\u00ab, erwiderte Romano; \u00bbmir leuchten zwei Sterne auf dem stillen Meer der Nacht.\u00ab \u2013 Hiermit bog er schnell vom Wege auf einen freien Platz hinaus, wo Aurora mit Erstaunen einen Reitknecht mit zwei zierlich aufgez\u00e4umten Pferden erblickte. \u2013 \u00bbMein Bursch kann zu Fu\u00df wandern\u00ab, sagte der Prinz; \u00bbund wenn Sie sich meines R\u00f6\u00dfleins bedienen wollen, so besteig&#8216; ich das seinige und f\u00fchre Sie bequem und lustig heim.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die erm\u00fcdete Gr\u00e4fin, um bei l\u00e4ngerem Ausbleiben Aufsehen im J\u00e4gerhause zu verh\u00fcten, nahm den Vorschlag an, und so ritten sie bald vertraulich plaudernd in die warme Nacht hinein. Aber die Venus ging unter, der Mond ging auf, und sie ritten noch fort und immerfort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWo f\u00fchren Sie mich hin?\u00ab sagte endlich die Gr\u00e4fin wieder; \u00bbda h\u00f6r&#8216; ich einen Eisenhammer in weiter Ferne.\u00ab \u2013 \u00bbWird Amors M\u00fchle sein\u00ab, meinte der Prinz; \u00bbdie arbeitet am lustigsten in solcher Stunde.\u00ab \u2013 Mein Gott, ich glaube gar, der will mich entf\u00fchren, dachte Aurora bei sich, senkte nachdenklich das K\u00f6pfchen und wiegte sich mit einem angenehmen, schauerlichen Gef\u00fchl in der Erinnerung aller n\u00e4chtlichen Entf\u00fchrungsgeschichten, die sie in den schmierigen, halbzerlesenen Romanen aus der Leihbibliothek so oft in Gedanken mitgemacht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdes wechselten neben ihnen unbekannte Gegenden und Abgr\u00fcnde r\u00e4tselhaft im d\u00e4mmernden Mondlicht, da stutzten pl\u00f6tzlich die schnaubenden Rosse; vor ihnen scho\u00df auf einmal eine wunderliche Gestalt Purzelb\u00e4ume quer \u00fcber den Weg, eine zweite folgte und noch eine, andere standen seitw\u00e4rts am Wege auf den K\u00f6pfen und verschwanden schnell, wie sich die Reiter nahten. \u2013 \u00bbDas kommt bei dem dummen Zeug heraus!\u00ab brach da die heftig erschrockene Gr\u00e4fin pl\u00f6tzlich los; \u00bbich m\u00f6cht&#8216; auch in aller Welt nur wissen, was es hier zu entf\u00fchren gibt! Ich habe weder einen tyrannischen Vater noch eine geizige Tante, ich bin ganz frei, ich kann jeden Augenblick heiraten!\u00ab \u2013 Romano schwieg ganz still, denn ihm fing selbst an angst zu werden vor den unerkl\u00e4rlichen Erscheinungen. War ihm bei hellem Tage ein gew\u00f6hnliches Rendezvous zu gemein gewesen, so verw\u00fcnschte er nun insgeheim seine un\u00fcberwindliche Sucht nach genialen Abenteuern und w\u00e4re am liebsten wieder umgekehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In gro\u00dfer Verlegenheit sp\u00e4hte er soeben nach allen Seiten umher, als sich pl\u00f6tzlich eine Rakete prasselnd und spr\u00fchend \u00fcber dem dunkeln Wald emporri\u00df. \u00bbDorthin, dorthin!\u00ab rief Romano voll Freude und dr\u00fcckte die Sporen ein, da\u00df die erstaunte Gr\u00e4fin kaum folgen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie im Fluge erreichten sie nun bald einen einsamen, rings von Felsen eingeschlossenen Platz, von dessen anderem Ende ihnen ein Gem\u00e4uer entgegenschimmerte. Es war eine Waldkapelle, das verabredete Ziel Romanos, wo er seine sch\u00f6ne Beute einstweilen verbergen und mit Leontin das Weitere beraten wollte. Mehrere Windlichter bewegten sich an der Klause und beleuchteten wunderbar den Rasen, die Steine und Felsen in der n\u00e4chtlichen Einsamkeit. Da scho\u00df der Gr\u00e4fin auf einmal das Blatt \u2013 mit klopfendem Herzen sah sie unverwandt in das Spiel der wandelnden Lichter. Romano aber stutzte, er konnte durchaus nicht begreifen, wozu Leontin, allem Geheimnis zum Trotze, so viele Personen hier versammelt hatte. Und als er nun, indem er n\u00e4her kam, immer mehr fremde Gesichter erblickte, lauter festlich geschm\u00fcckte Leute, als er dann auch Leontin darunter erkannte, einen Klapphut unter dem Arm und einen dicken Blumenstrau\u00df vor der Brust; ja, als endlich gar ein Geistlicher mit einer Kerze in der Hand majest\u00e4tisch den Haufen teilte, da wurde Romanos Gesicht immer l\u00e4nger und l\u00e4nger vor wachsendem Grausen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdes hatte Leontin schon die Gr\u00e4fin vom Pferde gehoben, die sehr heiter und gem\u00fctlich war und sich hier sogleich recht wie zu Hause zu befinden schien. Auch Romano stieg verwirrt und z\u00f6gernd ab. Da trat der Geistliche, von dem er kein Auge verwandte, feierlich hervor und redete die Neuangekommenen folgenderma\u00dfen an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHochverehrte! Sie stehen hier soeben in dem tugendhaften Begriff, das angenehme B\u00fcndnis Ihrer Herzen mit dem s\u00fc\u00dfen Mundlack des Jaworts zu versiegeln. Indem wir daher, Vielverliebte, in diesem feierlichen Augenblick gleichsam mit einem Fu\u00df schon das Bett der Ehe bestiegen, lassen Sie uns dasselbe noch einmal mit geb\u00fchrendem Ernste betrachten! \u2013 Es ist ein Himmelbett \u2013 denn die sch\u00f6nsten Engel predigen hinter seiner Gardine. Es ist ein Thronbett \u2013 denn gekr\u00f6nte H\u00e4upter ruhen darauf. Es ist ein Paradebett, auf dem verblichene Junggesellen im erhabensten Schmuck stiller M\u00e4nnerw\u00fcrde, will sagen: in langem, damastenem Schlafrock und blendendwei\u00dfer Zipfelm\u00fctze ausgestellt werden, zum Hohn und heimlichen Neide jener sch\u00e4bigen Rotte von verwegenen Hagestolzen und Familiengl\u00fccksver\u00e4chtern. \u2013 Ja du, vergangener Junggesell, ger\u00fchrter Br\u00e4utigam, \u00fcber dessen ehrw\u00fcrdigem Scheitel endlich die Aurora deiner letzten Liebe aufgegangen, der\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier stockte er pl\u00f6tzlich \u2013 seine Augen suchten rings in dem Kreise umher, Romano war nirgends zu sehen. \u2013 Ein verworrenes Gemurmel ging bei dieser unerwarteten Entdeckung durch die ganze Versammlung, Leontin wurde unruhig, man suchte in der Kapelle, man rief laut nach den verschiedensten Richtungen, alles vergeblich. Endlich h\u00f6rten sie von einem J\u00e4ger, da\u00df der Prinz gleich zu Anfang der Rede, w\u00e4hrend alle Blicke auf den Prediger und die sch\u00f6ne Braut gerichtet waren, unbemerkt fortgeschlichen, im nahen Geb\u00fcsch sich in verst\u00f6rter Hast auf sein Pferd geworfen und wie besessen in den Wald hinausgesprengt sei. \u2013 Sp\u00e4terhin erfuhr Leontin, wie er mitten in derselben Nacht ganz verwirrt auf Publikums Schlo\u00df angekommen, seine Leute eilig geweckt und im unaufhaltsamen Entsetzen vor dem Ehestande zu allgemeinem Erstaunen noch vor Tagesanbruch abgereist sei, ohne da\u00df jemand erraten konnte, wohin er sich gewendet.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war ein Strich durch die ganze Narrenrechnung. Die G\u00e4ste sahen in ihren feierlichen Hochzeitskleidern einer den andern sp\u00f6ttisch an. Leontin lachte unm\u00e4\u00dfig, mehrere erbosten sich \u00fcber die M\u00fccken, die sie durch ihre ganz unn\u00fctzen Eskarpins stachen. Am ungeb\u00e4rdigsten aber war der Geistliche, der in dieser Verwirrung Bart, Kappe und Salbung verloren hatte. Er beteuerte, es sei unter solchem Volk leichter pokulieren als kopulieren, und schwur, seine Rede, die eben erst witzig werden sollte, bis zu Ende zu halten, und wenn er sie an die B\u00e4ume richten m\u00fc\u00dfte. Bei diesen Worten blickte ihn Aurora sch\u00e4rfer an \u2013 sie traute ihren Augen nicht: es war der ihr wohlbekannte Poet Faber! \u2013 Da brach pl\u00f6tzlich ihre bisher nur mit M\u00fche verhaltene \u00fcbelste Laune los. Sie schimpfte, ohne weiter mehr nach Grazie zu fragen, auf die Phantasten, die ihr durch ihre Tollheiten die Haube dicht \u00fcberm Kopfe wegpariert hatten, aber sie frage, meinte sie, wenig danach, sie wolle auch ohne solche Flausenmacher doch unter die Haube kommen, es gebe noch andere, reiche und w\u00fcrdige Leute, die sie besser zu sch\u00e4tzen w\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie war noch lange nicht mit allem fertig, was sie auf dem Herzen hatte, als sie zu ihrem Erstaunen sich auf einmal allein auf dem Platz erblickte. Hochrot vor \u00c4rger lie\u00df sie sich mit erzwungenem Stolz auf der Rasenbank vor der Klause nieder, sie konnte nicht begreifen, welche neue Narrheit pl\u00f6tzlich wieder in die wunderliche Gesellschaft gefahren. Sie sah Leontin und seine Spie\u00dfgesellen in gro\u00dfem Eifer durcheinanderrennen, die Herren g\u00fcrteten ihre Hirschf\u00e4nger um, Leontin schien heimlich und leise Befehle zu erteilen, und in wenigen Minuten hatte sich alles in den nahen Wald verlaufen. Jetzt h\u00f6rte sie nur noch hin und her Gewisper unter den dunkeln B\u00e4umen, manchmal war es ihr, als vern\u00e4hme sie von fern Pferdegetrappel, dann wieder alles totenstill \u2013 fast fing sie sich im Ernste zu f\u00fcrchten an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich geschieht ein Schrei im Walde, mehrere Pistolen werden abgefeuert, zwischen dem Geknatter Degengeklirr und fremde Stimmen, immer n\u00e4her und n\u00e4her, und mit gro\u00dfem L\u00e4rm st\u00fcrzt endlich der ganze verworrene Haufe vom Walde gerade auf die Klause her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aurora, die sich erschrocken in die Kapelle zur\u00fcckgezogen hatte, bemerkte durch das Fenstergitter, da\u00df Leontin und die Seinigen mehrere Gefangene einbrachten; aber wie gro\u00df war ihr Erstaunen, als sie mitten darunter einen Mann zu gewahren glaubte, der, au\u00dfer sich vor Zorn, schimpfend und vergeblich mit Arm und Beinen zerrend, von vier handfesten J\u00e4gern auf den Schultern wie im Triumphe einhergetragen wurde. \u2013 \u00bbEr r\u00e4soniert noch, bindet ihn, knebelt ihn!\u00ab rief der nacheilende Faber, der jetzt ein besonderes martialisches Ansehen hatte. \u00dcber dem Spektakel kam auch Leontin mit einer Fackel herbei, beleuchtete den ge\u00e4ngstigten Gefangenen und prallte bei seinem Anblick erschrocken zur\u00fcck. \u2013 \u00bbUnm\u00f6glich!\u00ab rief er aus; \u00bbSie sind es, Herr Publikum? mitten in der Nacht ohne Schlafrock! Ich hoffe doch nicht, da\u00df einen soliden Mann etwa gar der Klang zierlicher Pant\u00f6ffelchen verlockt hat \u2013 wir glaubten uns hier in der Geisterstunde pl\u00f6tzlich von R\u00e4ubern \u00fcberfallen.\u00ab \u2013 \u00bbPant\u00f6ffelchen! R\u00e4uber! Das ist es gerade!\u00ab erwiderte der atemlose Publikum, den die J\u00e4ger unterdes respektvoll losgelassen hatten; \u00bbder Prinz Romano hat die Gr\u00e4fin Aurora entf\u00fchrt, wir setzten soeben dem R\u00e4uber nach.\u00ab \u2013 Aber Leontin, der, durch einen J\u00e4ger von der unerwarteten Ankunft Publikums benachrichtigt, den ganzen Rumor angezettelt hatte, h\u00f6rte auf nichts, sondern rannte in einem Anfall w\u00fctender Courtoisie bald zu den gleichfalls eingefangenen Novellisten, bald zu ihrem dicken Meister, \u00fcberall das r\u00e4uberische Mi\u00dfverst\u00e4ndnis entschuldigend, und st\u00fclpte zuletzt gegen pl\u00f6tzliche Erk\u00e4ltung dem letztern die wei\u00dfe Nachtm\u00fctze eines J\u00e4gers auf den Kopf. Der schlaue Publikum lie\u00df alles geduldig \u00fcber sich ergehen, denn er hatte insgeheim eine ebenso gro\u00dfe Abneigung als un\u00fcberwindliche Furcht vor der phantastischen Grobheit des Grafen, er lobte und belachte jeden seiner Einf\u00e4lle und schrie ihn in seiner Herzensangst vor den emp\u00f6rten Novellenmachern als ein echtes Kunstgenie aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddes aber war auch Aurora aus ihrer Klause gebrochen und erschien pl\u00f6tzlich, wie eine Fee die Menge teilend, in dem Kreise der Fackeln. \u2013 \u00bbAuf ewig!\u00ab sagte sie feierlich zu dem \u00fcberraschten Publikum, ihm die sch\u00f6ne Hand reichend, die dieser mit inbr\u00fcnstigen K\u00fcssen bedeckte. Ein freudiges \u00bbAch!\u00ab ging durch die Runde der erstaunten Novellisten. Aurora aber blickte triumphierend \u00fcber den breiten R\u00fccken des k\u00fcssenden Publikums nach Leontin und seinen Gesellen hin, als wollte sie sagen: \u00bbNun, seht ihr wohl?!\u00ab\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt hatte auch Publikum wieder Mut gewonnen und befahl sogleich nach den ersten Verst\u00e4ndigungen mit einem vornehmen Ton, nach seinem Schlosse aufzubrechen. Vergebens versprach Leontin, zum Polterabend Herrn Publikum mit einem Pistol den Zipfel seiner Schlafm\u00fctze vom Kopfe zu schie\u00dfen, den Wald anzuz\u00fcnden, ja, sie alle miteinander betrunken zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gl\u00fcckliche Br\u00e4utigam, der in seiner Seligkeit ganz verga\u00df, seine Nachthaube abzunehmen, bedauerte mit hoffartiger Herablassung Leontins Einsamkeit, die zu solchem Feste keine passenden Mittel b\u00f6te; wenn es aber der Gr\u00e4fin Julie an irgend einem Agrement fehlen sollte, so m\u00f6ge sie sich nur immer nachbarlich und vertrauensvoll an seine k\u00fcnftige Gemahlin, die Gr\u00e4fin Aurora, wenden. \u2013 \u00bbK\u00f6stlich!\u00ab entgegnete Leontin; \u00bbmeiner Julie kommt manchmal der Einfall, in vollem neumodischen Kopfputz auf die Jagd zu reiten, sie wird sich dann, wenn Sie erlauben, von der Gr\u00e4fin Aurora frisieren lassen, ich wei\u00df, die versteht das wie keine andere. Nadeln mit doppelten Spitzen will ich schon selbst dazu mitbringen.\u00ab \u2013 Da wandte sich Herr Publikum mit einer kalten Verbeugung, schlug im Weggehen auf seinem Bauche dem Leontin noch heimlich und vorsichtig, damit er&#8217;s nicht bemerkte, ein Schnippchen und bestieg mit seinem Gefolge die bereits vorgef\u00fchrten Rosse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leontin sah ihnen lange kopfsch\u00fcttelnd nach. Pl\u00f6tzlich schien ihm ein Gedanke zu kommen, er verfolgte pfeilschnell die Reiter. \u00bbAber h\u00f6rt doch!\u00ab rief er; \u00bbseid ihr denn wirklich toll? Ihr seid ja abscheulich angef\u00fchrt. So h\u00f6rt doch!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gl\u00fccklichen h\u00f6rten jedoch nicht mehr. \u2013 Faber hatte unterdes eine Violine ergriffen und geigte dem Zuge lustig nach, Raketen wurden geworfen, die J\u00e4ger l\u00f6sten die f\u00fcr Romanos Kopulation herbeigeschafften Kanonen, die ein entsetzliches Geb\u00f6ller in den n\u00e4chtlichen Schl\u00fcften machten. \u2013 Herr Publikum aber mit seiner Schlafm\u00fctze, Aurora und die Novellisten zogen alle vergn\u00fcgt von dannen, um ihre Novelle mit einer weitl\u00e4ufigen Hochzeit zu beschlie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In derselben angenehmen Jahreszeit hatte Schreiber dieses das Gl\u00fcck, mehrere der denkw\u00fcrdigen Personen dieser Geschichte selbst kennen zu lernen. Als n\u00e4mlich die Kunde von der ebenso unglaublichen als f\u00fcr uns Poeten erw\u00fcnschten Verbindung zwischen Herrn Publikum und der ber\u00fchmten Gr\u00e4fin Aurora von Stadt zu Stadt erscholl, war auch ich aufgebrochen, um zum Hochzeitsfest dem Herrn Publikum eine mit besonderm Flei\u00dfe von mir ausgearbeitete Novelle pers\u00f6nlich zu verehren. In meinem neuen engen Frack, der meiner sonst ganz h\u00fcbschen, aber etwas langen und schmalen Figur ein noch knapperes Ansehen gab, mein Manuskript fest unter den Arm geklemmt, strich ich zufrieden \u00fcber Land und memorierte unterwegs laut die recht sch\u00f6n ausgedachte Anrede, womit ich das Werkchen \u00fcberreichen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie es den Dichtern oft zu gehen pflegt, da\u00df sie \u00fcberall zu sp\u00e4t kommen, wo es etwas Gutes gibt, so gewahrte ich auch mit nicht geringem Schrecken, als ich bei einbrechender Nacht an Publikums Palast anlangte, da\u00df die Hochzeit eben schon in vollem Gange war. Das ganze Schlo\u00df flimmerte von Kronleuchtern, Trompeten rasten, Tanzende schleiften in wechselndem Glanze an den Fenstern vor\u00fcber, w\u00e4hrend andere Paare, heimlich plaudernd, sich in die stille Nachtluft hinauslehnten. Unten rannten viele Bediente mit pr\u00e4chtig duftenden Gerichten an mir vorbei und mochten mich, mit meinem Paket unterm Arme, wohl f\u00fcr einen vazierenden Musikanten halten. Die Musik aber schlang sich immer wehm\u00fctiger durch die schirmenden Wipfel \u00fcber mir, ich lehnte mich an einen Baum und gedachte der bessern Tage meiner fr\u00f6hlichen Jugendzeit; neue Gedichte tauchten aus den Kl\u00e4ngen in meiner Seele auf, und ich war im besten Zuge, mein Manuskript, Publikum und alles zu vergessen, weshalb ich eigentlich hierher gewandert war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich in einiger Entfernung ein leises Ger\u00e4usch unten am Schlo\u00df, und bald darauf sagte eine liebliche Stimme: \u00bbAber wenn mich die ganze gebildete Welt so findet, so mu\u00df es doch auch wirklich so sein! Und ich brauche Sie nun nicht weiter mehr und verbitte mir von nun an alle Hofmeisterei.\u00ab \u2013 \u00bbO, du Verblendete!\u00ab entgegnete eine andere Stimme; \u00bbso fahre denn hin! Ich wende meine Hand von dir und lasse dich in der Gewalt der Philister.\u00ab \u2013 Hier streifte ein Lichtstrahl aus dem Fenster \u00fcber das Geb\u00fcsch, ein wundersch\u00f6nes Frauenbild mit Diadem und funkelndem Geschmeide blitzte pl\u00f6tzlich aus der Nacht auf und war in demselben Augenblick auch wieder verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geblendet starrte ich noch hin, als sich auf einmal in derselben Gegend ein gro\u00dfer L\u00e4rm erhob. \u00bbDort lief er hin!\u00ab rief eine zornige Stimme. Es war der junge Mann von den Novellenmachern, wie ich sp\u00e4terhin erfuhr. Er hatte einen verliebten jungen Fant das Haus umschleichen gesehen, den er soeben mit gezogenem Degen zu verfolgen schien. Aber in seiner moralischen Wut rannte der Tugendheld bei der Dunkelheit einen Bedienten mit einer gro\u00dfen Pastete \u00fcber den Haufen und hatte gleich darauf sich selbst mit dem Degen am eigenen Rockscho\u00df an einem Baume festgespickt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indem ich ihm eilig zu Hilfe springen will, bricht pl\u00f6tzlich ein feines J\u00e4gerb\u00fcrschchen wie ein gehetztes Reh durch das Geb\u00fcsch und st\u00fcrzt atemlos gerade in meine Arme. Und eh&#8216; ich mich noch besinnen kann, dr\u00e4ngt er mich, \u00f6fters scheu zur\u00fcckblickend, in wunderlichem Ungest\u00fcm \u00fcber Beete und B\u00e4ume mit sich fort. \u2013 \u00bbAber was soll&#8217;s denn?!\u00ab rief ich endlich tiefer im Garten aus. \u2013 Da stutzte das B\u00fcrschchen, das mich wahrscheinlich verkannt hatte, und sah mich von oben bis unten verwundert an. \u2013 \u00bbWer bist du denn eigentlich?\u00ab fragte er dann, \u00bbund was wolltest du hier?\u00ab \u2013 Ich berichtete ihm nun mit kurzen Worten meinen Namen, Metier und den Zweck meiner Reise. Dar\u00fcber wollt&#8216; er sich auf einmal tot lachen und lachte immer unvern\u00fcnftiger, je mehr ich meine gerechte Empfindlichkeit zeigte. \u00bbDie Anrede\u00ab, sagte er, \u00bbmu\u00dft du an mich halten, ich werde dir zeigen, wie du dazu agieren sollst. \u2013 Aber die Hochzeit! \u2013 Ich will ja eben auch heiraten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdes waren wir an den Ausgang des Parks gekommen, zwei gesattelte Pferde standen dort am Zaun. \u00bbNur schnell, schnell!\u00ab rief er wieder; \u00bbdu kannst doch reiten? Ich mu\u00df rasch fort und f\u00fcrcht&#8216; mich so allein.\u00ab Ich wu\u00dfte in der Eile gar nicht, wie mir geschah, er schob mich geschwind auf das eine Pferd hinauf, schwang sich auf das andere, und eh&#8216; ich mich&#8217;s versah, ging&#8217;s pfeilschnell in die weite Nacht hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen klang die Tanzmusik uns noch lange \u00fcber die stillen Felder nach, das Schlo\u00df lag wie eine feurige Insel \u00fcber dem dunkeln Walde. Ich betrachtete \u00f6fters den lustigen J\u00e4ger von der Seite und verwunderte mich \u00fcber seine gro\u00dfe Sch\u00f6nheit. Da h\u00f6rt&#8216; ich auf einmal aus dem fernen Geb\u00fcsch im Vor\u00fcberreiten einen \u00fcberaus lieblichen Gesang erschallen, es war, als ob der Mondschein kl\u00e4nge:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbBleib bei uns! Wir haben den Tanzplan im Tal<br \/>\nBedeckt mit Mondesglanze,<br \/>\nJohannisw\u00fcrmchen erleuchten den Saal,<br \/>\nDie Heimchen spielen zum Tanze.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte durchaus niemanden erblicken. Aber <i>Florentin<\/i> \u2013 so nannte sich das J\u00e4gerb\u00fcrschchen \u2013 antwortete ihnen zu meinem Erstaunen und zankte sich ordentlich mit den wunderlichen Musikanten. \u00bbWarum nicht gar!\u00ab rief er fast unwillig nach dem Walde gewendet aus; \u00bbjetzt hab&#8216; ich keine Zeit, heut la\u00dft mich in Frieden. Was wi\u00dft ihr von meiner Not!\u00ab \u2013 W\u00e4lder, Wiesen und D\u00f6rfer flogen unterdes im hellen Mondschein vor\u00fcber, aus den Geb\u00fcschen sang es von neuem hinter uns drein:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbStachelbeer&#8216; wei\u00df es und stichelt auf dich \u2013<br \/>\nWil \u2013 Willi \u2013 wir verraten es nicht \u2013<br \/>\nSie sagt&#8216; es dem B\u00e4chlein im Grunde,<br \/>\nDas h\u00f6rten die B\u00e4ume und wundern sich,<br \/>\nDas B\u00e4chlein macht&#8216; auf sich zur Stunde<br \/>\nUnd plaudert&#8216; es durch den ganzen Wald:<br \/>\nWil \u2013 Willi \u2013 Willibald!\u00ab\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sterne fingen schon an zu verl\u00f6schen, als wir nach dem tollen Ritt an einem Schlo\u00df im Gebirge endlich Halt machten. Ein Brunnen pl\u00e4tscherte verschlafen vor dem stillen Hause, auf dem steinernen Gel\u00e4nder schlief ein Storch auf einem Beine und fuhr \u00fcber dem Ger\u00e4usch, das wir machten, erschrocken mit dem Kopf unter den Fl\u00fcgeldecken hervor, uns mit den kleinen Augen verwundernd ansehend. Florentin aber tat hier sogleich wie zu Hause. \u00bbAch nein, lieber Adebar, es ist noch lange Zeit, uns was zu bringen!\u00ab sagte er, den Vogel streichelnd, der vergn\u00fcgt seine Federn aufsch\u00fcttelte und mit den Fl\u00fcgeln schlug. Dann klopfte er eilig an ein Fenster des Schlosses. Es wurde von innen ge\u00f6ffnet, ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen steckte erstaunt das K\u00f6pfchen hervor. \u2013 \u00bbWar er hier?\u00ab fragte Florentin hastig. \u2013 \u00bbNiemand!\u00ab war die Antwort. \u2013 Da wandte sich Florentin wieder zu mir, er schien sehr best\u00fcrzt. Das M\u00e4dchen schlo\u00df mit einem Seitenblick nach mir her\u00fcber ihr Fenster, mein Begleiter aber zog rasch einen Schl\u00fcssel aus der Tasche und \u00f6ffnete die Hauptt\u00fcr des Schlosses. \u2013 Wir betraten schweigend eine unabsehbare Reihe pr\u00e4chtiger Gem\u00e4cher, wo die durch rotseidene Gardinen brechende D\u00e4mmerung kaum noch die Schildereien erraten lie\u00df, die in vergoldeten Rahmen an den W\u00e4nden umherhingen, der get\u00e4felte Fu\u00dfboden gl\u00e4nzte in dem ungewissen Schimmer, eine Fl\u00f6tenuhr in einem der letzten Zimmer begann ihr Spiel und schallte fast geisterartig durch diese Einsamkeit. Da stie\u00df Florentin in einem der S\u00e4le eine Mittelt\u00fcr auf; sie schien nach dem Garten zu gehen, denn eine duftige K\u00fchle quoll uns pl\u00f6tzlich erfrischend entgegen. Jenseits ging soeben der Mond hinter den dunkeln Bergen unter, von der andern Seite flog schon eine leise R\u00f6te \u00fcber den ganzen Himmel, die geheimnisvolle Gegend aber lag unten wunderbar bleich in der D\u00e4mmerung, nur im Tale fern blitzte zuweilen schon ein Strom auf. Vor uns schienen verborgene Wasserk\u00fcnste zu rauschen, eine Nachtigall t\u00f6nte manchmal dazwischen wie im Traume. Florentin hatte sich auf die Schwelle des Schlosses gesetzt, schaute, den Kopf in die Hand gest\u00fctzt, in die Gegend hinaus und sang:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs geht wohl anders, als du meinst.<br \/>\nDerweil du rot und fr\u00f6hlich scheinst,<br \/>\nIst Lenz und Sonnenschein verflogen,<br \/>\nDie liebe Gegend schwarz umzogen;<br \/>\nUnd kaum hast du dich ausgeweint,<br \/>\nLacht alles wieder, die Sonne scheint \u2013<br \/>\nEs geht wohl anders als man meint.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier brach er pl\u00f6tzlich selbst in Weinen aus. Ich wu\u00dfte mir gar keinen Rat mit ihm, er war ganz untr\u00f6stlich, und lachte doch wieder dazwischen, so oft ich ihn mit angemessenen Worten zu beruhigen suchte. \u00bbNein, nein\u00ab, rief er dann von neuem schluchzend; \u00bbes ist alles vorbei, ich h\u00e4tte ihn \u00fcber den Possen nicht so gehn lassen sollen, nun ist er auf immer verloren!\u00ab \u2013 \u00bbAber wer denn?\u00ab fragte ich schon halb unwillig. \u2013 Da hob er auf einmal, gespannt in die Ferne hinaushorchend, das K\u00f6pfchen, da\u00df ihm die Tr\u00e4nen wie Tau von den sch\u00f6nen Augen spr\u00fchten, sprang dann rasch auf und war, eh&#8216; ich&#8217;s mich versah, in dem Garten verschwunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Betroffen folgte ich seiner Spur im tauigen Grase; einzelne Schlaglichter fielen schon durch die Wipfel, von fern h\u00f6rte ich zwischen dem Schwirren fr\u00fcherwachter Lerchen einen sch\u00f6nen Gesang durch die stille Luft her\u00fcbert\u00f6nen. Endlich nach langem Umherirren vernahm ich ganz in der N\u00e4he Florentins munteres Geplauder wieder. Aber wie erstaunte ich, als ich, pl\u00f6tzlich aus dem Geb\u00fcsch hervortretend, einen fremden Mann am Abhang des Gartens vor mir ruhen sah. Auf seinem R\u00e4nzel ihm zu F\u00fc\u00dfen sa\u00df Florentin, er hatte das K\u00f6pfchen vor sich auf den Wanderstab des Fremden gest\u00fctzt und sah diesem \u00fcberaus fr\u00f6hlich ins Gesicht. Bunte V\u00f6gel pickten vor ihnen auf dem Rasen und guckten aus allen Zweigen und machten lange H\u00e4lse, um den Fremden zu sehen. Hinter den fernen, blauen Bergen aber ging soeben die Sonne auf und blitzte so morgenfrisch \u00fcber die Landschaft und den Garten, da\u00df die Wasserk\u00fcnste, wie jauchzend, aus den Geb\u00fcschen emporschwangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt erst in der Blendung besann ich mich recht. \u00bbWillibald!\u00ab rief ich voller Erstaunen. \u2013 Er war der Fremde, ich kannte ihn noch von Halle her und hatte einmal mit ihm eine Fahrt nach dem Harz gemacht, von der er nachher viel Wunderbares zu erz\u00e4hlen wu\u00dfte. \u2013 Er wandte sich bei dem Klang meiner Stimme schnell herum. \u00bbAuch du! \u2013 und hier mein liebes Liebchen vom Ro\u00dftrapp!\u00ab sagte er, auf Florentin weisend. \u00bbWie! dieser \u2013 diese \u2013 dieses, Florentin? wessen Geschlechtes eigentlich\u00a0\u2013?\u00ab \u00bbGr\u00e4flichen, mein Guter, namens Aurora.\u00ab \u00bbWas? Die h\u00e4lt ja eben Hochzeit mit Herrn Publikum?\u00ab \u2013 \u00bbAch, das ist meine gewesene Jungfer\u00ab, lachte der nunmehr gewesene Florentin; \u00bbich gab sie f\u00fcr mich aus, um die tollen Freier zu foppen, und nun haben sie sich wahrhaftig geheiratet! Mich merkte keiner, nur der spitzige Romano h\u00e4tte mich bald an meinem Bilde erkannt, das der unvorsichtige Leontin in seinem alten Rittersaale h\u00e4ngen lie\u00df. \u2013Aber sieh nur, wie sch\u00f6n!\u00ab wandte sie sich wieder zu Willibald, bald ihn, bald die Gegend betrachtend, da\u00df man nicht wu\u00dfte, wen sie eigentlich meine. \u00bbIch kaufte das Gut nur f\u00fcr dich, nun ist alles wieder dein \u2013 und ich dazu\u00ab, fuhr sie err\u00f6tend und ihr Gesicht an seine Brust verbergend leise fort; \u00bbund nun brechen wir bald zusammen nach Italien auf, ich sehne mich schon recht nach meiner Heimat!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier hob pl\u00f6tzlich der Morgenwind ein gut Teil meiner Novelle aus der Rocktasche. Sie hatte sogleich die flatternden Papiere erhascht und bl\u00e4tterte auf ihrem Knie bald lachend, bald kopfsch\u00fcttelnd darin. \u00bbNein, nein\u00ab, sagte sie dann zu mir; \u00bbdas ist nichts, schreibe lieber unsre Geschichte hier auf, die B\u00e4ume bl\u00fchen ja gerade, und alle V\u00f6gel singen, soweit man h\u00f6ren kann.\u00ab \u2013 Und nun ging es lustig her auf dem Schlosse. Gr\u00e4fin Aurora erz\u00e4hlte mir alles, wie es sich begeben, von Anfang bis zu Ende. Ich aber sitze vergn\u00fcgt in dem pr\u00e4chtigen Garten, einen Teller mit frischen Pfirsichen neben mir, die sie zum Andenken mit ihren kleinen wei\u00dfen Z\u00e4hnchen angebissen; die Morgenluft bl\u00e4ttert lustig vor mir in den Papieren, seitw\u00e4rts weiden Damhirsche im schattigen Grunde, und indem ich dieses schreibe, ziehn unten Aurora und Willibald soeben durch die gl\u00e4nzende Landschaft nach Italien fort, ich h\u00f6re sie nur noch von fern singen:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnd \u00fcber die Felsenw\u00e4nde<br \/>\nUnd auf dem gr\u00fcnen Plan<br \/>\nDas wirrt und jauchzt ohn&#8216; Ende,<br \/>\nNun geht das Wandern an!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"zenoTRNavBottom\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/12\/ueber-die-pflicht-zum-ungehorsam-gegen-den-staat-3\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/20\/die-demolirte-literatur\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> auffassen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir Schatten euch beleidigt, O so glaubt \u2013 und wohl verteidigt Sind wir dann \u2013, ihr alle schier Habet nur geschlummert hier Und geschaut in Nachtgesichten Eures eignen Hirnes Dichten. 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