{"id":90108,"date":"2023-06-30T00:01:33","date_gmt":"2023-06-29T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90108"},"modified":"2022-02-25T16:56:56","modified_gmt":"2022-02-25T15:56:56","slug":"halle-und-heidelberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/30\/halle-und-heidelberg\/","title":{"rendered":"Halle und Heidelberg"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vorige Jahrhundert wird mit Recht als das Zeitalter der Geisterrevolution bezeichnet. Allein damals wurden nur erst Parole und Feldgeschrei ausgeteilt, es war nur der erste Ausbruch des gro\u00dfen Kampfes, der sich unter wechselnden Evolutionen an das neunzehnte Jahrhundert vererbt hat und noch bis heute nicht ausgefochten ist. Die deutschen Universit\u00e4ten aber sind die Werbepl\u00e4tze und \u00dcbungslager dieses von Generation zu Generation sich erneuernden Kriegsheeres. Von Wittenberg ging einst die Reformation aus, von Halle die Wolffsche Lehre, von K\u00f6nigsberg die Kantsche, von Jena die Fichtesche und Schellingsche Philosophie; lauter unsichtbare Gedankenkatastrophen, die einen wesentlicheren und entscheidenderen Einflu\u00df auf das Gesamtleben ausge\u00fcbt haben, als sich die Staatsk\u00fcnstler tr\u00e4umen lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bekanntlich ist unser Jahrhundert unter dem Gestirn der Aufkl\u00e4rung geboren. Kant hatte soeben die philosophische Arbeit seiner Vorg\u00e4nger streng geordnet und, da er dieselbe in seiner gro\u00dfartigen Wahrheitsliebe f\u00fcr das Ganze als unzureichend <a name=\"page612\"><\/a>erkannte, die Welt lieber sogleich in zwei Provinzen geteilt: in die durch menschliche Erfahrung wahrnehmbare, die er sich glorreich erobert, und in die terra incognita des Unsichtbaren, die er mit der nur dem Genie eigenen heiligen Scheu auf sich beruhen lie\u00df. Seine Sch\u00fcler aber wollten kl\u00fcger sein als der Meister und <i>alles<\/i>aufkl\u00e4ren; eine Art chinesischer Sch\u00f6nmalerei ohne allen Schatten, der doch das Bild erst wahrhaft lebendig macht. Sie setzten daher nun ihren lichtseligen Verstand ganz allgemein als alleinigen Weltbeherrscher ein; es sollte fortan nur noch einen Vernunftstaat, nur Vernunftreligion, Vernunftpoesie usw. geben. Da jedoch jene zweite dunkle Provinz h\u00f6chst unvern\u00fcnftig mit ihrer Phantasie, mit ihrem Glauben, ihren Volksgef\u00fchlen und Traditionen gegen dieses unerh\u00f6rte Regiment zu rebellieren unternahm, so machten sie sichs bequem, indem sie das Geheimnisvolle und Unerforschliche, das sich durch das ganze menschliche Dasein hindurchzieht, ohne weiteres als st\u00f6rend und \u00fcberfl\u00fcssig negierten. Kein Wunder demnach, da\u00df das deutsche Leben und das deutsche Reich, das grade auf diesen unsichtbaren Fundamenten vorzugsweise geruht, sich nun nach allen Seiten hin bedenklich senkte und zuletzt so lebensgef\u00e4hrliche Risse bekam, da\u00df es von Polizei wegen abgetragen werden mu\u00dfte. Und so war denn in der Tat der ganze alte Bau schon im Anfange unseres Jahrhunderts in sich zusammengebrochen; der Sturm <a name=\"page613\"><\/a>der Franz\u00f6sischen Revolution und der nachfolgenden Fremdherrschaft hat nur den unn\u00fctzen Schutt auseinandergefegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein auf freiem Felde k\u00f6nnen dauernd nur Wilde wohnen, \u00fcber die man sich bei aller Naturverg\u00f6tterung doch so unendlich erhaben f\u00fchlte. Das begriffen alle, und so entstand damals sofort ein unerh\u00f6rtes Treiben, Klopfen, H\u00e4mmern und Richten, als w\u00e4re alle Welt pl\u00f6tzlich Freimaurer geworden. Aber der Neubau f\u00f6rderte nicht, weil sie \u00fcber Fundament, Grund- und Aufri\u00df fortw\u00e4hrend untereinander zankten. Am gesch\u00e4ftigsten und vergn\u00fcgtesten n\u00e4mlich zeigten sich zun\u00e4chst die alten z\u00e4hen Enzyklop\u00e4disten, die jetzt auf dem v\u00f6llig kahlgefegten Bauplatze endlich ganz freie Hand hatten. Diese wu\u00dften wirklich nicht, da\u00df seit Erschaffung der Erde schon mancherlei Bemerkenswertes darauf sich zugetragen; sie wollten daher schlechterdings die Welt ganz von neuem anfangen und abstrakt konstruieren. Als Material hierzu trockneten sie vorerst alle Seelenkr\u00e4fte auf, um sie in ihren philosophischen Herbarien geh\u00f6rig zu klassifizieren, und daraus gingen damals die zahllosen neuen Gesetzb\u00fccher mit ihren Urrechten und Menschenveredelungen hervor. Sie waren, was sie freilich am wenigsten sein wollten, eigentlich gutm\u00fctige Phantasten, wie ja jederzeit grade bei den N\u00fcchternsten das bi\u00dfchen defekte Phantasie am h\u00e4ufigsten \u00fcberschnappt, welches der gesunden <a name=\"page614\"><\/a>nicht leicht begegnet. Es ist hiernach auch sehr begreiflich, da\u00df in dieser alles verwischenden Gleichmacherei ohne Nationalit\u00e4t und Geschichte ein k\u00fchner Geist wie Napoleon den Gedanken einer ganz gleichf\u00f6rmigen europ\u00e4ischen Universalmonarchie fassen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber diesen Transzendentalen gegen\u00fcber oder vielmehr direkt entgegen arbeiteten gleichzeitig ganz andere Bauleute: die Freischar der Romantiker, die in Religion, Haus und Staat auf die Vergangenheit wieder zur\u00fcckgingen; also eigentlich die historische Schule. Das deutsche Leben sollte aus seinen versch\u00fctteten geheimnisvollen Wurzeln wieder frisch ausschlagen, das ewig Alte und Neue wieder zu Bewu\u00dftsein und Ehren kommen. \u2013 Da jedoch beide Parteien einander keineswegs hinreichend gewachsen waren, so nahm bei solchem Sto\u00df und Gegensto\u00df sp\u00e4terhin die ganze Sache eine diagonale Richtung. Es entstand die aus beiden widerstrebenden Elementen wunderlich komponierte moderne Vaterl\u00e4nderei; ein imagin\u00e4res Deutschland, das weder recht vern\u00fcnftig noch recht historisch war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle diese verschiedenen Richtungen waren nat\u00fcrlich vorzugsweise und in m\u00f6glichster Konzentration auch auf den deutschen Universit\u00e4ten repr\u00e4sentiert. Namentlich in dem ersten Dezennium unseres Jahrhunderts bildeten dort die obenerw\u00e4hnten Abstrakten, meist halbverkommene Kantianer, <a name=\"page615\"><\/a>durchaus noch die tonangebende Majorit\u00e4t. Die Philosophen setzten in ihrer Logik, wie wenn man beim Lesen erst wieder buchstabieren sollte, umst\u00e4ndlich auseinander, was sich ganz von selbst verstand; die Theologen lehrten eine elegante Aufkl\u00e4rungsreligion; die Juristen ein sogenanntes Naturrecht, das nirgends galt und niemals gelten konnte. Nur etwa die Lehrer des r\u00f6mischen Rechts machten hie und da eine auffallende Ausnahme, weil der Gegenstand sie zwang, sich in das Positive einer gro\u00dfartigen Vergangenheit zu vertiefen. Es ist bekannt, wie Bedeutendes <i>Thibaut<\/i> auf diesem Felde geleistet und wie der mild-ernste <i>Savigny<\/i>, der \u00fcberdies niemals in dieser Reihe gestanden, grade damals sich \u00fcberall neue Bahnen gebrochen hat. Jene halbinvaliden und philosophischen Handwerker dagegen, da sie an sich so wenig Anziehungskraft besa\u00dfen, suchten nun mit allerlei schlauen Kunstst\u00fccken zu werben; die Derbsten unter ihnen durch zum Teil sehr schmutzige Witze und Sp\u00e4\u00dfe, die allj\u00e4hrlich bei demselben Paragraphen wiederkehrten; die vornehmeren, zumal wenn sie heiratslustige T\u00f6chter hatten, durch intime Soireen und Plaudertees, um die b\u00e4rtigen Burschen zu zivilisieren. Und das gelang auch ganz vortrefflich, denn zu ihnen hielt in der Tat bei weitem die Mehrzahl der jungen Leute, n\u00e4mlich alle die unsterblichen Bettelstudenten, wie man sie billigerweise nennen sollte, da sie blo\u00df auf Brot studieren. Es war <a name=\"page616\"><\/a>wahrhaft r\u00fchrend anzusehen, wie da in den \u00fcberf\u00fcllten Auditorien in der schw\u00fclen Atmosph\u00e4re der entsetzlichsten Langenweile Lehrer und Sch\u00fcler um die Wette verzweiflungsvoll mit dem Schlummer rangen und dennoch \u00fcberall die Federn unerm\u00fcdlich fortschwirrten, um die verschlafene Wissenschaft zu Papier zu bringen und in sauberen Heften gewissenhaft heimzutragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein nebenher ging auch noch ein anderer geharnischter Geist durch diese Universit\u00e4ten. Sie hatten vom Mittelalter noch ein gut St\u00fcck Romantik ererbt, was freilich in der ver\u00e4nderten Welt wunderlich und seltsam genug, fast wie Don Quijote, sich ausnahm. Der durchgreifende Grundgedanke war dennoch ein kerngesunder: der Gegensatz von Ritter und Philister. Stets schlagfertige Tapferkeit war die Kardinaltugend des Studenten, die Muse, die er oft gar nicht kannte, war seine Dame, der Philister der tausendk\u00f6pfige Drache, der sie schm\u00e4hlich gebunden hielt und gegen den er daher, wie der Malteser gegen die Ungl\u00e4ubigen, mit Faust, List und Spott best\u00e4ndig zu Felde lag; denn die Jugend kapituliert nicht und kennt noch keine Konzessionen. Und gleichwie \u00fcberall grade unter Verwandten \u2013 weil sie durch gleichartige Gewohnheiten und Pr\u00e4tensionen einander wechselseitig in den Weg treten \u2013 oft die grimmigste Feindschaft ausbricht, so wurde auch hier aller Philisterha\u00df ganz besonders auf die <a name=\"page617\"><\/a>Handwerksburschen (Knoten) gerichtet. Wo diese etwa auf dem sogenannten breiten Steine (dem bescheidenen Vorl\u00e4ufer des jetzigen Trottoirs) sich betreten lie\u00dfen oder gar Studentenlieder anzustimmen wagten, wurden sie sofort in die Flucht geschlagen. Waren sie aber vielleicht in allzu bedeutender Mehrzahl, so erscholl das allgemeine Feldgeschrei: Burschen heraus! Da st\u00fcrzten, ohne nach Grund und Veranlassung zu fragen, halbentkleidete Studenten mit Rapieren und Kn\u00fctteln aus allen T\u00fcren, durch den herbeieilenden Sukkurs des nicht minder rauflustigen Gegenparts wuchs das improvisierte Handgemenge von Schritt zu Schritt, dichte Staubwirbel verh\u00fcllten Freund und Feind, die Hunde bellten, die H\u00e4scher warfen ihre Bleistifte (mit Fangeisen versehene Stangen) in den verwickelten Kn\u00e4uel; so w\u00e4lzte sich der Kampf oft mitten in der Nacht durch Stra\u00dfen und G\u00e4\u00dfchen fort, da\u00df \u00fcberall Schlafm\u00fctzen erschrocken aus den Fenstern fuhren und hie und da wohl auch ein gelocktes M\u00e4dchenk\u00f6pfchen in scheuer Neugier hinter den Scheiben sichtbar wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die damaligen Universit\u00e4ten hatten \u00fcberhaupt noch ein durchaus fremdes Aussehen, als l\u00e4gen sie au\u00dfer der Welt. Man konnte kaum etwas Malerischeres sehen als diese phantastischen Studententrachten, ihre sangreichen Wanderz\u00fcge in der Umgebung, die n\u00e4chtlichen St\u00e4ndchen unter den Fenstern imagin\u00e4rer Liebchen; dazu das best\u00e4ndige <a name=\"page618\"><\/a>Klirren von Sporen und Rapieren auf allen Stra\u00dfen, die sch\u00f6nen jugendlichen Gestalten zu Ro\u00df, und alles bewaffnet und kampfbereit wie ein lustiges Kriegslager oder ein permanenter Mummenschanz. Alles dies aber kam erst zu rechter Bl\u00fcte und Bedeutsamkeit, wo die Natur, die, ewig jung, auch am getreusten zu der Jugend h\u00e4lt, selber mitdichtend studieren half. Wo, wie z.\u00a0B. in Heidelberg, der Waldhauch von den Bergen erfrischend durch die Stra\u00dfen ging und nachts die Brunnen auf den stillen Pl\u00e4tzen rauschten und in dem Bl\u00fctenmeer der G\u00e4rten rings die Nachtigallen schlugen, mitten zwischen Burgen und Erinnerungen einer gro\u00dfen Vergangenheit, da atmete auch der Student freier auf und sch\u00e4mte vor der ernsten Sagenwelt sich der kleinlichen Brotj\u00e4gerei und der kindischen Brutalit\u00e4t. Wie gro\u00dfartig, im Vergleich mit anderen Studentengelagen, war namentlich der Heidelberger Kommers, hoch \u00fcber der Stadt auf der Altane des halbverfallenen Burgschlosses, wenn rings die T\u00e4ler abendlich versunken und von dem Schlosse nun der Widerschein der Fackeln die Stadt, den Neckar und die drauf hingleitenden Nachen beleuchtete, die freudigen Burschenlieder dann wie ein Fr\u00fchlingsgru\u00df durch die tr\u00e4umerische Stille hinzogen und Wald und Neckar wunderbar mitsangen. \u2013 So war das ganze Studentenwesen eigentlich ein wildsch\u00f6nes M\u00e4rchen, dem gegen\u00fcber die \u00fcbrige Menschheit, die altklug den Ma\u00dfstab des <a name=\"page619\"><\/a>gew\u00f6hnlichen Lebens daran legte, notwendig, wie Sancho Pansa neben Don Quijote, philisterhaft und l\u00e4cherlich erscheinen mu\u00dfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In jener Zeit br\u00fctete \u00e4u\u00dferlich noch ein unheimlicher Frieden \u00fcber Deutschland, aber die prophetischen Gedanken, die den Krieg bedeuten, arbeiteten gebunden in jeder Brust und suchten sich \u00fcberall in wunderlichen Geheimb\u00fcnden Luft zu machen. Auch auf den Universit\u00e4ten bestanden dergleichen Ordensverbindungen, noch ohne speziell politischen Beischmack, blo\u00df auf allgemeine humanistische Zwecke gerichtet, mit allerlei abenteuerlichen Symbolen, furchtbaren Eiden und rasselndem Heldenschmuck, wie man es damals in den vielen Ritterromanen fand. Bestand auch ihr Hauptreiz eben nur in ihrer Heimlichkeit, die Sache war doch ehrlich, bitterernst und f\u00fcr die ganze Lebenszeit gemeint. Als aber jene humanistischen Ideen nach und nach abgenutzt und alle Lebensverh\u00e4ltnisse immer matter wurden, da trat auch hier an die Stelle der strengen Orden die laxere Observanz der Landsmannschaften. Wie man drau\u00dfen in der Philisterwelt nun mit dem Anstand statt der Tugend sich begn\u00fcgte, so gingen auch diese Landsmannschaften eigentlich nur auf den Schein des Seins, auf den blo\u00dfen \u00bbKomment\u00ab. Gegen eine n\u00e4here Verbr\u00fcderung der speziellen Landsleute, obgleich im allgemeinen beengend und einseitig, lie\u00df sich im Grunde nicht viel einwenden. <a name=\"page620\"><\/a>Allein dies war nicht einmal der Fall bei ihnen, sie warben eifers\u00fcchtig auch aus anderen Provinzen und verfolgten die eigenen Landsleute, wenn sie sich ihrem Zwange nicht unterwerfen mochten. Und da mithin hier die rechte sittliche Grundlage fehlte, dieses Treiben vielmehr, wie schon der selbstgew\u00e4hlte fade Name \u00bbKr\u00e4nzchen\u00ab andeutet, sich lediglich auf der Oberfl\u00e4che geselliger Verh\u00e4ltnisse bewegte, so artete das Ganze sehr bald in blo\u00dfes Dekorationswesen, in ein pedantisches Systematisieren der Jugendlust aus; Mut, Fr\u00f6hlichkeit, Tracht, Trinken, Singen, alles hatte seine handwerksm\u00e4\u00dfige Tabulatur, das unw\u00fcrdige Prellen und Pressen der \u00bbF\u00fcchse\u00ab war ein l\u00f6bliches Gesch\u00e4ft, Sittenlosigkeit und affektierte Roheit eine besondere Auszeichnung, und es ist hiernach leicht erkl\u00e4rlich, da\u00df gerade ihre Matadore im sp\u00e4teren Leben oft die stattlichsten Philister wurden. Mit der inneren Hohlheit aber wuchs die Pr\u00e4tension, sie knechteten die akademische Freiheit, indem jeder nur auf <i>ihre<\/i> Weise frei sein sollte, und so w\u00e4hrte noch langehin ein gewaltiges Ringen zwischen ihnen und den alternden Orden; ein Kampf, der in einzelnen F\u00e4llen mit einer heroischen Aufopferung gef\u00fchrt wurde, die wohl eines gr\u00f6\u00dferen Ziels w\u00fcrdig gewesen w\u00e4re. So fa\u00dfte z.\u00a0B. einst ein hervorragendes Ordensmitglied den k\u00fchnen Gedanken, sich unerkannt mitten in das feindliche Lager zu begeben, um durch \u00dcberredung, Rat und Tat die <a name=\"page621\"><\/a>Gegenpartei zu den Seinigen her\u00fcberzuf\u00fchren. Er hatte sich auch wirklich bereits zum Senior einer Landsmannschaft heraufgeschwungen, und der abenteuerliche Plan w\u00e4re fast gegl\u00fcckt, als feiger Verrat alles zu fr\u00fch aufdeckte und er nun in zahllosen Zweik\u00e4mpfen sich durch s\u00e4mtliche Landsmannschaften wieder herausschlagen mu\u00dfte, was allerdings ein Kampf auf Tod und Leben war. Das mag uns in gesetzteren Jahren jetzt unn\u00fctz und kindisch erscheinen; es war aber immerhin eine Vorschule bedeutender Charaktere, die, wie wir wissen, zur Zeit der Not und als es h\u00f6here Dinge galt, sich als t\u00fcchtig bew\u00e4hrt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war in der Tat auf den Universit\u00e4ten eine gewisse mittelalterliche Ritterlichkeit niemals v\u00f6llig ausgegangen und selbst in jener Verzerrung und Profanation noch erkennbar. Unter allen diesen J\u00fcnglingen aber bildeten die eigentlichen, die <i>literarischen<\/i> Romantiker wiederum eine ganz besondere Sekte. \u2013 Die allgemeine Stimmung oder vielmehr Verstimmung war schon seit langer Zeit so prosaisch geworden, da\u00df jeder romantische Anflug f\u00fcr ein Sakrilegium gegen den gesunden Menschenverstand gehalten und h\u00f6chstens als ein barocker Jugendstreich noch toleriert wurde. Der schwere Proviantwagen der Brotwissenschaften bewegte sich langsam in dem hergebrachten Geleise eines h\u00f6lzernen Schematismus, die Religion mu\u00dfte Vernunft annehmen und beim Rationalismus in die <a name=\"page622\"><\/a>Schule gehn, die Natur wurde atomistisch wie ein toter Leichnam zerlegt, die Philologie vergn\u00fcgte sich gleich einem kindisch gewordenen Greise mit Silbenstechen und endlosen Variationen \u00fcber ein Thema, das sie l\u00e4ngst vergessen; die bildende Kunst endlich br\u00fcstete sich mit einer sklavischen Nachahmung der sogenannten Natur. Die Kraftgenies in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten durch ihre \u00dcbertreibung und l\u00e4rmende Renommisterei das \u00dcbel eigentlich nur noch schlimmer und unheilbarer gemacht, indem sie in vollem Burschenwichs ohne weiteres aus der Universit\u00e4t in die Welt hinaussprengten und Leben und Literatur burschikos einrichten wollten, was nat\u00fcrlicherweise einen allgemeinen Landsturm der Gelehrten gegen die Freibeuter auf die Beine brachte. Zwar hatten Lessing, Hamann und Herder nach den verschiedensten Richtungen hin schon Blitze und Leuchtkugeln dazwischen geschleudert. Allein Lessings kritische Blitze waren nur kalte Schl\u00e4ge, und da sie nicht z\u00fcndeten, meinte jeder, es gelte den Nachbar, und hielt ihn getrost f\u00fcr den Seinigen. Herder dagegen trug aus aller Welt herrliche Bausteine zusammen, als es aber ans Bauen kam, war er inzwischen alt und m\u00fcde geworden, sein Leben und Wirken blieb ein gro\u00dfartiges Fragment; und Hamanns Geisterstimme verklang unverstanden in den Wolken. Auch in der Poesie hatten Goethe und Schiller bereits den neuen Tag angebrochen, <a name=\"page623\"><\/a>aber sie hatten noch keine Gemeinde. Das Wetterleuchten dieser Genien, obgleich den Fr\u00fchling andeutend und vorbereitend, blendete und erschreckte vielmehr im ersten Augenblick die Menge; man h\u00f6rte \u00fcberall die Sturmglocken gehn, niemand aber wu\u00dfte, ob und wo es brennt, die einen wollten l\u00f6schen, die anderen sch\u00fcren, und so entstand die allgemeine Konfusion, womit das neunzehnte Jahrhundert deb\u00fctierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da standen unerwartet und fast gleichzeitig mehrere gewaltige Geister in bisher ganz unerh\u00f6rter R\u00fcstung auf: Schelling, Novalis, die Schlegels, G\u00f6rres, Steffens und Tieck. <i>Schelling<\/i> mit seiner kleinen Schrift \u00fcber das akademische Studium, worin er den geheimnisvollen Zusammenhang in den Erscheinungen der Natur sowie in den Wissenschaften andeutete, warf den ersten Feuerbrand in die Jugend; gleich darauf suchten andere diese pulsierende Weltseele in den einzelnen Doktrinen nachzuweisen: Werner in der Geologie, Creuzer im Altertum und dessen G\u00f6tterlehre, Novalis in der Poesie. Es war, als sei \u00fcberall, ohne Verabredung und sichtbaren Verein, eine Verschw\u00f6rung der Gelehrten ausgebrochen, die auf einmal eine ganz neue, wunderbare Welt aufdeckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am auffallendsten wohl zeigte sich die Verwirrung, welche diese pl\u00f6tzliche Revolution anrichtete, auf der damals frequentesten Universit\u00e4t: in <i>Halle,<\/i> weil dort das heterogenste Material auch <a name=\"page624\"><\/a>den entschiedensten Kampf provozierte. Hier trennte sich alles in zwei Hauptlager: in das stabile der Halbinvaliden und das bewegliche des neuen Freikorps, w\u00e4hrend das letztere wieder in mehrere verschiedenartige Gruppen zerfiel, welche aber von der Jugend, die noch nicht so \u00e4ngstlich sondert, unter den Begriff der Romantik zusammengefa\u00dft wurden. An der Spitze der Romantiker stand <i>Steffens<\/i>. Jung, schlank, von edler Gesichtsbildung und feurigem Auge, in begeisterter Rede k\u00fchn und wunderbar mit der ihm noch fremden Sprache ringend, so war seine Pers\u00f6nlichkeit selbst schon eine romantische Erscheinung und zum F\u00fchrer einer begeisterungsf\u00e4higen Jugend vorz\u00fcglich geeignet. Sein freier Vortrag hatte durchaus etwas Hinrei\u00dfendes durch die dichterische Improvisation, womit er in allen Erscheinungen des Lebens die verh\u00fcllte Poesie mehr divinierte als wirklich nachwies. Am unmittelbarsten mu\u00dfte diese Naturphilosophie begreiflicherweise die Mediziner ber\u00fchren, unter denen die besseren K\u00f6pfe sich jetzt von der bisherigen Empirie zu dem ritterlichen <i>Reil<\/i> und zu <i>Froriep<\/i> wandten, die \u00fcberall auf das geheimnisvolle Walten h\u00f6herer Naturkr\u00e4fte hindeuteten. \u2013 Eine andere Gruppe wieder bildeten die jungen Theologen, welche sich um <i>Schleiermacher<\/i> scharten. Dieser merkw\u00fcrdig komponierte Geist schien, seiner urspr\u00fcnglichen stachelichten Anlage nach, zum Antipoden der Romantik geeignet; und doch hielt er <a name=\"page625\"><\/a>wacker zu ihr und hat auf demselben platonischen Wege der Theologie, die damals zum Teil in toten Formeln, zum Teil in fader Erfahrungsseelenlehre sich erging, wieder Gem\u00fct erobert; eine Art von geharnischtem Pietismus, der mit scharfer Dialektik alle Sentimentalit\u00e4t m\u00e4nnlich zur\u00fcckwies. \u2013 Am entferntesten w\u00e4ren vielleicht die Philologen geblieben, h\u00e4tte nicht <i>Wolf,<\/i> obgleich pers\u00f6nlich nichts weniger als Romantiker, hier wider Wissen und Willen die Vermittlung \u00fcbernommen durch den divinatorischen Geist, womit er das ganze Altertum wieder lebendig zu machen wu\u00dfte, sowie durch eine geniale Humoristik und den schneidenden Witz, mit dem der stets Streitlustige gegen <i>Sch\u00fctz<\/i>und andere, welche die Alten noch immer mumienhaft einzubalsamieren fortfuhren, fast in dramatischer Weise best\u00e4ndig zu Felde lag. \u2013 Zwischen diese Gruppen klemmte sich endlich noch eine ganz besondere Spezies von Philosophen herein, die den unm\u00f6glichen Versuch machte, die Kantsche Lehre ins Romantische zu \u00fcbersetzen. Hierher geh\u00f6rte Professor <i>Kai\u00dfler,<\/i> ein ehemaliger katholischer Priester, der geheiratet und nun, gleichsam zur Rechtfertigung dieses abenteuerlichen Schrittes, sich eine noch abenteuerlichere Philosophie erfunden hatte. Er hatte es indes als doppelter Renegat mit den Kantianern wie mit den Romantikern verdorben; seine trockenen, abstrusen Vortr\u00e4ge fanden fast nur unter seinen <a name=\"page626\"><\/a>schlesischen Landsleuten geringen Anklang, und wir wollten ihn hier blo\u00df nennen, um das Bild der damaligen elementarischen G\u00e4rung m\u00f6glichst zu vervollst\u00e4ndigen.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen\u00fcber allen diesen neuen Bestrebungen lag aber die breite schwere Masse der Kantschen Orthodoxen und der Stockjuristen, s\u00e4mtlich von dem wohlfeilen Kunstst\u00fcck vornehmen Ignorierens flei\u00dfig Gebrauch machend; unter den letzteren einerseits <i>Schmaltz,<\/i> der nachherige Geheimrat der Demagogenj\u00e4ger, der die Kantsche Philosophie, die er vor kurzem sich in K\u00f6nigsberg geholt, auf seine faselige Weise elegant zu machen suchte; andrerseits Dabelow, K\u00f6nig, Woltaer und andere, die von der Philosophie \u00fcberhaupt nichts wu\u00dften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcbrigens stand Halle, so unfreundlich auch die Stadt und ein gro\u00dfer Teil ihrer Umgebung ist, in jener Zeit noch in mancherlei lokalem Rapport mit der romantischen Stimmung. Der nahe Gibichenstein mit seiner Burgruine, an die sich die Sage von Ludwig dem Springer kn\u00fcpft, war damals noch nicht modern englisiert und eingehegt wie jetzt und bot in seiner verwilderten Einsamkeit eine ganz artige Werkstatt f\u00fcr ein junges Dichterherz. Wer als J\u00fcngling von dieser H\u00f6he hinabgeblickt und sie im Alter nach vielen Jahren wiedersieht, dem wird vielleicht dabei ungef\u00e4hr zumute sein wie dem Autor nachstehenden Liedchens: <a name=\"page627\"><\/a><\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Da steht eine Burg \u00fcberm Tale<br \/>\nUnd schaut in den Strom hinein,<br \/>\nDas ist die fr\u00f6hliche Saale,<br \/>\nDas ist der Gibichenstein.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Da hab ich so oft gestanden,<br \/>\nEs bl\u00fchten T\u00e4ler und H\u00f6hn,<br \/>\nUnd seitdem in allen Landen<br \/>\nSah ich nimmer die Welt so sch\u00f6n!<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Durchs Gr\u00fcn da Ges\u00e4nge schallten,<br \/>\nVon Rossen, zu Lust und Streit,<br \/>\nSchauten viel schlanke Gestalten<br \/>\nGleichwie in der Ritterzeit.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Wir waren die fahrenden Ritter,<br \/>\nEine Burg war noch jedes Haus,<br \/>\nEs schaute durchs Blumengitter<br \/>\nMansch sch\u00f6nes Fr\u00e4ulein heraus.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Das Fr\u00e4ulein ist alt geworden,<br \/>\nUnd unter Philistern umher<br \/>\nZerstreut ist der Ritterorden,<br \/>\nKennt keiner den andern mehr.<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Auf dem verfallenen Schlosse,<br \/>\nWie der Burggeist, halb im Traum,<br \/>\nSteh ich jetzt ohne Genossen<br \/>\nUnd kenne die Gegend kaum. <a name=\"page628\"><\/a><\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: center;\">Und Lieder und Lust und Schmerzen,<br \/>\nWie liegen sie nun so weit \u2013<br \/>\nO Jugend, wie tut im Herzen<br \/>\nMir deine Sch\u00f6nheit so leid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">V\u00f6llig mystisch dagegen erschien gar vielen der am Gibichenstein gelegene Reichhardsche Garten mit seinen geistreichen und sch\u00f6nen T\u00f6chtern, von denen die eine Goethesche Lieder komponierte, die andere sogar Steffens&#8216; Braut war. Dort aus den geheimnisvollen Bosketts schallten oft in lauen Sommern\u00e4chten, wie von einer unnahbaren Zauberinsel, Gesang und Gitarrenkl\u00e4nge her\u00fcber; und wie mancher junge Poet blickte da vergeblich durch das Gittertor oder sa\u00df auf der Gartenmauer zwischen den bl\u00fchenden Zweigen die halbe Nacht, k\u00fcnftige Romane voraustr\u00e4umend. \u2013 Nicht allzu fern davon aber, um auch in dieser Beziehung die Gegens\u00e4tze zu vervollst\u00e4ndigen, bewohnte <i>Lafontaine<\/i> ein idyllisches Landhaus. Man erz\u00e4hlte von ihm, da\u00df er selbst an seinen schlechten Romanen eigentlich am wenigsten schuld sei, da\u00df ihn vielmehr seine Verleger von Zeit zu Zeit nach Berlin verlockten und dort so lange gleichsam eingesperrt hielten, bis er einen neuen dicken Roman fertig gemacht; was er denn, um nur wieder freizukommen, jedesmal mit unglaublicher Geschwindigkeit besorgt habe. Und hiemit stimmte in der Tat auch seine ganze \u00e4u\u00dfere Erscheinung. Es war ein <a name=\"page629\"><\/a>bequemer, freundlicher, lebensfroher Mann, der jetzt, da die Zeit seine Sentimentalit\u00e4t quiesziert hatte, sich getrost auf das \u00dcbersetzen alter Klassiker verlegte und wie ein harmloser Revenant unter der verwandelten Generation umherging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von nicht geringer Bedeutsamkeit war auch die N\u00e4he von Lauchst\u00e4dt, wo die Weimarschen Schauspieler w\u00e4hrend der Badesaison Vorstellungen gaben. Diese Truppe war damals in der Tat ein merkw\u00fcrdiges Ph\u00e4nomen und hatte unter Goethes und Schillers pers\u00f6nlicher Leitung wirklich erreicht, was sp\u00e4terhin andere, z.\u00a0B. Immermann in D\u00fcsseldorf, vergeblich anstrebten, n\u00e4mlich das Theater zu einer h\u00f6heren Kunstanstalt und poetischen Schule des Publikums emporzuheben. Sie hatten allerdings, und wir m\u00f6chten fast hinzuf\u00fcgen: gl\u00fccklicherweise, keine eminent hervorragenden Talente, die durch das Hervortreten einer \u00fcberm\u00e4chtigen Pers\u00f6nlichkeit so oft die Harmonie des <i>Ganzen<\/i> mehr st\u00f6ren als f\u00f6rdern, gleichwie die sogenannten sch\u00f6nen Stellen noch lange kein Gedicht machen. Aber sie hatten, was damals \u00fcberall fehlte, ein k\u00fcnstlerisches Zusammenspiel. Denn eben jener h\u00f6here Aufschwung der waltenden Intentionen hob alle gleichm\u00e4\u00dfig \u00fcber das Gew\u00f6hnliche und schlo\u00df das Gemeine oder Mittelm\u00e4\u00dfige von selbst aus; jeder hatte ein intimeres Verst\u00e4ndnis seiner Kunst und seiner jedesmaligen Aufgabe und ging daher mit Lust und Begeisterung ans Werk. Und so <a name=\"page630\"><\/a>durften sie wagen, was den ber\u00fchmtesten Hoftheatern bei unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dferen Kr\u00e4ften damals noch gar nicht in den Sinn kam. Mitten in der allgemeinen Misere der Kotzebueaden und Iffl\u00e4nderei eroberten sie sich k\u00fchn ganz neue Provinzen; gleichsam die Tragweite der Kunstwerke und des Publikums nach allen Seiten hin pr\u00fcfend, brachten sie Calderon auf die B\u00fchne, gaben den Alarcos und den Ion der Schlegel, Brentanos Ponce de Leon usw. \u2013 Man kann leicht denken, wie sehr dieses Verfahren grade das empf\u00e4nglichste und dankbarste Publikum der Studenten enthusiasmieren mu\u00dfte. Die Kom\u00f6dienzettel kamen des Morgens schon, gleich G\u00f6tterboten, nach Halle her\u00fcber, und wurden, wie sp\u00e4ter etwa die politischen Zeitungen und Kriegsbulletins, beim \u00bbKuchenprofessor\u00ab eifrigst studiert. War nun eines jener literarischen Meteore oder ein St\u00fcck von Goethe oder Schiller angek\u00fcndigt, so begann sofort eine wahre V\u00f6lkerwanderung zu Pferde, zu Fu\u00df oder in einsp\u00e4nnigen Kabriolets, nicht selten einer gro\u00dfen Retirade mit lahmen G\u00e4ulen und umgeworfenen W\u00e4gen vergleichbar, niemand wollte zur\u00fcckbleiben, die Reicheren griffen den Unbemittelten mit Entr\u00e9e und sonstiger Ausr\u00fcstung willig unter die Arme, denn die Sache wurde ganz richtig als eine Nationalangelegenheit betrachtet. In Lauchst\u00e4dt selbst aber konnte man, wenn es sich gl\u00fccklich f\u00fcgte, Goethe und Schiller oft leibhaftig erblicken, <a name=\"page631\"><\/a>als ob die olympischen G\u00f6tter wieder unter den Sterblichen umherwandelten. Und au\u00dferdem gab es dort auch vor und nach der Theatervorstellung in der gro\u00dfen Promenade noch eine kleine Weltkom\u00f6die, in welcher, wenigstens in den Augen der j\u00fcngeren Damen, die Studenten selbst die Heldenrollen spielten. Diese f\u00fchlten sich hier \u00fcberhaupt wahrhaft als Musens\u00f6hne, es war ihnen zumute, als sei dies alles eigentlich nur ihretwegen veranstaltet; und sie hatten im Grunde recht, da sie vor allen andern das rechte Herz dazu mitbrachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses althallesche Leben aber wurde im Jahre 1806 beim Zusammensturz der Preu\u00dfischen Monarchie unter ihren Tr\u00fcmmern mitbegraben. Die Studenten hatten unzweideutig Miene gemacht, sich in ein bewaffnetes Freikorps zusammenzutun. Napoleon, dem hier zum ersten Male ein Symptom ernsteren Volkswillens gleichsam prophetisch warnend entgegentrat, hob daher zornentbrannt die Universit\u00e4t auf, die Studenten wurden mit unerh\u00f6rtem Vandalismus pl\u00f6tzlich und unter gro\u00dfem Wehgeschrei der B\u00fcrger nach allen Weltgegenden auseinandergetrieben und mu\u00dften, ausgepl\u00fcndert und zum Teil selbst der n\u00f6tigen Kleidungsst\u00fccke beraubt, sich einzeln nach Hause betteln.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wunderbarer Gang der Weltgerichte! Dieselben vom \u00fcberm\u00fctigen Sieger in den Staub getretenen J\u00fcnglinge sollten einst siegreich in Paris einziehen. <a name=\"page632\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Geist einer bestimmten Bildungsphase l\u00e4\u00dft sich nicht aufheben wie eine Universit\u00e4t. Was wir vorhin als das Charakteristische jener Periode bezeichnet: die Opposition der jungen Romantik gegen die alte Prosa war keineswegs auf Halle beschr\u00e4nkt, sondern ging wie ein unsichtbarer Fr\u00fchlingssturm allm\u00e4hlich wachsend durch ganz Deutschland. Insbesondere aber gab es dazumal in Heidelberg einen tiefen, nachhaltenden Klang. Heidelberg ist selbst eine pr\u00e4chtige Romantik; da umschlingt der Fr\u00fchling Haus und Hof und alles Gew\u00f6hnliche mit Reben und Blumen und erz\u00e4hlen Burgen und W\u00e4lder ein wunderbares M\u00e4rchen der Vorzeit, als g\u00e4be es nichts Gemeines auf der Welt. Solch gewaltige Szenerie konnte zu allen Zeiten nicht verfehlen, die Stimmung der Jugend zu erh\u00f6hen und von den Fesseln eines pedantischen Komments zu befreien; die Studenten tranken leichten Wein anstatt des schweren Bieres und waren fr\u00f6hlicher und gesitteter zugleich als in Halle. Aber es trat grade damals in Heidelberg noch eine ganz besondere Macht hinzu, um jene gl\u00fcckliche Stimmung zu vertiefen. Es hauste dort ein einsiedlerischer Zauberer, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft mit seinen magischen Kreisen umschreibend \u2013 das war <i>G\u00f6rres<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unglaublich, welche Gewalt dieser Mann, damals selbst noch jung und unber\u00fchmt, \u00fcber alle Jugend, die irgend geistig mit ihm in Ber\u00fchrung <a name=\"page633\"><\/a>kam, nach allen Richtungen hin aus\u00fcbte. Und diese geheimnisvolle Gewalt lag lediglich in der Gro\u00dfartigkeit seines Charakters, in der wahrhaft brennenden Liebe zur Wahrheit und einem unverw\u00fcstlichen Freiheitsgef\u00fchl, womit er die einmal erkannte Wahrheit gegen offene und verkappte Feinde und falsche Freunde r\u00fccksichtslos auf Tod und Leben verteidigte; denn alles Halbe war ihm t\u00f6dlich verha\u00dft, ja unm\u00f6glich, er wollte die <i>ganze<\/i> Wahrheit. Wenn Gott noch in unserer Zeit einzelne mit prophetischer Gabe begnadigt, so war G\u00f6rres ein Prophet, in Bildern denkend und \u00fcberall auf den h\u00f6chsten Zinnen der wildbewegten Zeit weissagend, mahnend und z\u00fcchtigend, auch darin den Propheten vergleichbar, da\u00df das \u00bbSteiniget ihn!\u00ab h\u00e4ufig genug \u00fcber ihm ausgerufen wurde. Dr\u00fcben in Frankreich hatte er bei den Banketten der bluttriefenden Revolution, hier in den Kongre\u00dfs\u00e4len der politischen Weltweisen das Menetekel k\u00fchn an die Wand geschrieben und konnte sich nur durch rasche Flucht vor Kerker und Banden retten, oft monatelang arm und heimatlos umherirrend. \u2013 Seine \u00e4u\u00dfere Erscheinung erinnerte einigerma\u00dfen an Steffens und war doch wieder grundverschieden. Steffens hatte bei aller T\u00fcchtigkeit etwas Theatralisches, w\u00e4hrend G\u00f6rres, ohne es zu wollen oder auch nur zu wissen, schlicht und bis zum Extrem selbst die unschuldigsten Mittel des Effekts verschm\u00e4hte. Sein durchaus freier Vortrag <a name=\"page634\"><\/a>war monoton, fast wie fernes Meeresrauschen schwellend und sinkend, aber durch dieses einf\u00f6rmige Gemurmel leuchteten zwei wunderbare Augen und zuckten Gedankenblitze best\u00e4ndig hin und wieder; es war wie ein pr\u00e4chtiges n\u00e4chtliches Gewitter, hier verh\u00fcllte Abgr\u00fcnde, dort neue, ungeahnte Landschaften pl\u00f6tzlich aufdeckend, und \u00fcberall gewaltig, weckend und z\u00fcndend f\u00fcrs ganze Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben ihm standen zwei Freunde und Kampfgenossen: <i>Achim von Arnim<\/i> und <i>Clemens Brentano<\/i>, welche sich zur selben Zeit nach mancherlei Wanderz\u00fcgen in Heidelberg niedergelassen hatten. Sie bewohnten im \u00bbFaulpelz\u00ab, einer ehrbaren, aber obskuren Kneipe am Schlo\u00dfberg, einen gro\u00dfen luftigen Saal, dessen sechs Fenster mit der Aussicht \u00fcber Stadt und Land die herrlichsten Wandgem\u00e4lde, das her\u00fcberfunkelnde Zifferblatt des Kirchturms ihre Stockuhr vorstellte; sonst war wenig von Pracht oder Hausger\u00e4t darin zu bemerken. Beide verhielten sich zu G\u00f6rres eigentlich wie fahrende Sch\u00fcler zum Meister, untereinander aber wie ein seltsames Ehepaar, wovon der ruhig mild-ernste Arnim den Mann, der ewig bewegliche Brentano den weiblichen Part machte. Arnim geh\u00f6rte zu den seltenen Dichternaturen, die, wie Goethe, ihr poetische Weltansicht jederzeit von der Wirklichkeit zu sondern wissen und daher besonnen <i>\u00fcber<\/i>dem Leben stehen und dieses frei als ein Kunstwerk <a name=\"page635\"><\/a>behandeln. Den lebhafteren Brentano dagegen ri\u00df eine \u00fcberm\u00e4chtige Phantasie best\u00e4ndig hin, die Poesie ins Leben zu mischen, was denn h\u00e4ufig eine Konfusion und Verwicklungen gab, aus welchen Arnim den unruhigen Freund durch Rat und Tat zu l\u00f6sen hatte. Auch \u00e4u\u00dferlich zeigte sich der gro\u00dfe Unterschied. Achim von Arnim war von hohem Wuchs und so auffallender m\u00e4nnlicher Sch\u00f6nheit, da\u00df eine geistreiche Dame einst bei seinem Anblick und Namen in das begeisterte Wortspiel: \u00bbAch im Arm ihm\u00ab ausbrach; w\u00e4hrend Bettina, welcher, wie sie selber sagt, eigentlich alle Menschen n\u00e4rrisch vorkamen, damals an ihren Bruder Clemens schrieb: \u00bbDer Arnim sieht doch k\u00f6niglich aus, er ist nicht in der Welt zum zweitenmal.\u00ab \u2013 Das letztere konnte man zwar auch von Brentano, nur in ganz anderer Beziehung sagen. W\u00e4hrend Arnims Wesen etwas wohltuend Beschwichtigendes hatte, war Brentano durchaus aufregend; jener erschien im vollsten Sinne des Worts wie ein Dichter, Brentano dagegen selber wie ein Gedicht, das, nach Art der Volkslieder, oft unbeschreiblich r\u00fchrend, pl\u00f6tzlich und ohne sichtbaren \u00dcbergang in sein Gegenteil umschlug und sich best\u00e4ndig in \u00fcberraschenden Spr\u00fcngen bewegte. Der Grundton war eigentlich eine tiefe, fast weiche Sentimentalit\u00e4t, die er aber gr\u00fcndlich verachtete, eine eingeborene Genialit\u00e4t, die er selbst keineswegs respektierte und auch von andern nicht respektiert wissen wollte. Und dieser <a name=\"page636\"><\/a>unvers\u00f6hnliche Kampf mit dem eigenen D\u00e4mon war die eigentliche Geschichte seines Lebens und Dichtens und erzeugte in ihm jenen unb\u00e4ndigen Witz, der jede verborgene Narrheit der Welt instinktartig aufsp\u00fcrte und niemals unterlassen konnte, jedem Toren, der sich weise d\u00fcnkte, die ihm geb\u00fchrende Schellenkappe aufzust\u00fclpen und sich somit \u00fcberall ingrimmige Feinde zu erwecken. Klein, gewandt und s\u00fcdlichen Ausdrucks, mit wunderbar sch\u00f6nen, fast geisterhaften Augen, war er wahrhaft zauberisch, wenn er selbstkomponierte Lieder oft aus dem Stegreif zur Gitarre sang. Dies tat er am liebsten in G\u00f6rres einsamer Klause, wo die Freunde allabendlich einzusprechen pflegten; und man k\u00f6nnte schwerlich einen erg\u00f6tzlicheren Gegensatz der damals florierenden \u00e4sthetischen Tees ersinnen als diese Abendunterhaltungen, h\u00e4ufig ohne Licht und brauchbare St\u00fchle, bis tief in die Nacht hinein: wie da die dreie alles Gro\u00dfe und Bedeutende, das je die Welt bewegt hat, in ihre belebenden Kreise zogen und mitten in dem Wetterleuchten tiefsinniger Gespr\u00e4che Brentano mit seinem witzspr\u00fchenden Feuerwerk dazwischenfuhr, das dann gew\u00f6hnlich in ein schallendes Gel\u00e4chter zerplatzte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das n\u00e4chste Resultat dieser Abende war die Einsiedlerzeitung, welche damals Arnim und Brentano in Heidelberg herausgaben. Das selten gewordene Blatt war eigentlich ein Programm der <a name=\"page637\"><\/a>Romantik; einerseits die Kriegserkl\u00e4rung an das philisterhafte Publikum, dem es feierlich gewidmet und mit dessen wohlgetroffenen Portr\u00e4t es verziert war; andrerseits eine Probe- und Musterkarte der neuen Bestrebungen: Beleuchtung des vergessenen Mittelalters und seiner poetischen Meisterwerke, sowie die ersten Lieder von Uhland, Justinus Kerner u.\u00a0a. Die merkw\u00fcrdige Zeitung hat nicht lange gelebt, aber ihren Zweck als Leuchtkugel und Feuersignal vollkommen erf\u00fcllt. \u00dcbrigens standen ihre Verfasser in der Tat einsiedlerisch genug \u00fcber dem gro\u00dfen Treiben, und Arnim und Brentano, obgleich sie neben Tieck die einzigen <i>Produzenten<\/i> der Romantiker waren, wurden doch von der Schule niemals als vollkommen z\u00fcnftig anerkannt. Sie strebten vielmehr, die Schule, die schon damals in \u00fcberk\u00fcnstlichen Formen \u00fcppig zu luxurieren anfing, auf die urspr\u00fcngliche Reinheit und Einfachheit des Naturlauts zur\u00fcckzuweisen. In diesem Sinne sammelten sie selbst auf ihren Fahrten und durch gleichgestimmte Studenten \u00fcberall die halbverschollenen Volkslieder f\u00fcr \u00bbdes Knaben Wunderhorn\u00ab, das, wie einst Herders Stimmen der V\u00f6lker, durch ganz Deutschland einen erfrischenden Klang gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch <i>Creuzer<\/i> lebte damals in Heidelberg und geh\u00f6rte, wiewohl dem genannten Triumvirat pers\u00f6nlich ziemlich fernstehend, durch seine Bestrebungen diesem Kreise an. Seine mystische Lehre <a name=\"page638\"><\/a>hat, z.\u00a0B. sp\u00e4ter in Lobeck, sehr t\u00fcchtige Gegner gefunden, und wir wollen keineswegs in Abrede stellen, da\u00df die phantastische Weise, womit er die alte G\u00f6tterlehre als ein blo\u00dfes Symbolum christlich umzudeuten sucht, gar oft an den mittelalterlichen Neuplatonismus erinnert und am Ende zu einer g\u00e4nzlichen Aufl\u00f6sung des Altertums f\u00fchrt. Allein in Kriegszeiten bedarf ein grober Feind auch eines gewaltsamen Gegensto\u00dfes. Erw\u00e4gt man, wie geistlos dazumal die Mythologie als ein blo\u00dfes Schulpensum getrieben wurde, so wird man Creuzers Tat billigerweise wenigstens als eine sehr zeitgem\u00e4\u00dfe und heilsame Aufregung anerkennen m\u00fcssen. \u2013 Noch zwei andere, h\u00f6chst verschiedene Heidelberger Zeitgenossen d\u00fcrfen hier nicht unerw\u00e4hnt bleiben; wir meinen: <i>Thibaut<\/i> und <i>Gries<\/i>. In solchen \u00dcbergangsperioden ist die sanguinische Jugend gern bereit, den Spruch: \u00bbWer nicht mit uns ist, ist gegen uns\u00ab gelegentlich auch umzukehren und jeden f\u00fcr den ihrigen zu nehmen, der nicht zum Gegenpart h\u00e4lt; und in dieser Lage befand sich <i>Thibaut<\/i>. Schon seine \u00e4u\u00dfere Erscheinung mit den langherabwallenden, damals noch dunklen Locken, was ihm ein gewisses apostolisches Ansehen gab, noch mehr der eingeborene Widerwillen gegen alles Kleinliche und Gemeine unterschied ihn sehr f\u00fchlbar von dem Tro\u00df seiner eigentlichen Zunftgenossen, und mit seiner propagandistischen Liebe und Kenntnis von der Musik der alten tiefsinnigen <a name=\"page639\"><\/a>Meister ber\u00fchrte er in der Tat den Kreis der Romantiker. \u2013 Bei weitem unmittelbarer indes wirkte <i>Gries<\/i>. Wilhelm Schlegel hatte soeben durch das dicke Gew\u00f6lk verj\u00e4hrter Vorurteile auf das Zauberland der s\u00fcdlichen Poesie hingewiesen. Gries hat es uns wirklich erobert. Seine meisterhaften \u00dcbersetzungen von Ariost, Tasso und Calderons Schauspielen treffen, ohne philologische Pedanterie und Wort\u00e4ngstlichkeit, \u00fcberall den eigent\u00fcmlichen Sinn und Klang dieser Wunderwelt; sie haben den poetischen Sinn und Gesichtskreis unendlich erweitert und jene gl\u00fcckliche Formfertigkeit erzeugt, deren sich unsere j\u00fcngeren Poeten noch bis heute erfreuen. Auch war Gries sehr geeignet, f\u00fcr den Ritt in das alte romantische Land Proselyten zu machen. Er verkehrte gern und viel mit den Studenten, die Abendtafel im Gasthofe zum Prinzen Karl war sein Katheder, und es war, da er sehr schwerh\u00f6rig, oft wahrhaft komisch, wie da die leichten Scherze und Witze gleichsam aus der Trompete gesto\u00dfen wurden, so da\u00df die heitere Konversation sich nicht selten wie ein heftiges Gez\u00e4nke ausnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sieht, die Romantik war dort reich vertreten. Allein sie hatte auch damals schon ihren sehr bedenklichen Afterkultus. <i>Graf von L\u00f6ben<\/i> war in Heidelberg der Hohepriester dieser Winkelkirche. Der alte Goethe soll ihn einst den vorz\u00fcglichsten Dichter jener Zeit genannt haben. Und in der Tat, er besa\u00df eine ganz unglaubliche <a name=\"page640\"><\/a>Formengewandtheit und alles \u00e4u\u00dfere R\u00fcstzeug des Dichters, aber nicht die Kraft, es geh\u00f6rig zu brauchen und zu schwingen. Er hatte ein durchaus weibliches Gem\u00fct mit unendlich feinem Gef\u00fchl f\u00fcr den salonm\u00e4\u00dfigen Anstand der Poesie, eine \u00fcberzarte empf\u00e4ngliche Weichheit, die nichts Sch\u00f6nes selbst\u00e4ndig gestaltete, sondern von allem Sch\u00f6nen wechselnd umgestaltet wurde. So durchwandelte er in seiner kurzen Lebenszeit ziemlich fast alle Zonen und Regionen der Romantik; \u2013 bald erschien er als begeisterungsw\u00fctiger Seher, bald als arkadischer Sch\u00e4fer, dann pl\u00f6tzlich wieder als aszetischer M\u00f6nch, ohne sich jemals ein eigent\u00fcmliches Revier schaffen zu k\u00f6nnen. In Heidelberg war er gerade \u00bbIsidorus Orientalis\u00abund novalisierte, nur leider ohne den Tiefsinn und den dichterischen Verstand von Novalis. In dieser Periode entstand sein fr\u00fchester Roman \u00bbGuido\u00ab, sowie die \u00bbBl\u00e4tter aus dem Reiseb\u00fcchlein eines and\u00e4chtigen Pilgrims\u00ab; jener durch seine mystische \u00dcberschwenglichkeit, diese durch ein unkatholisches Katholisieren, ganz wider Wissen und Willen, die erstaunlichste Karikatur der Romantik darstellend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte in Heidelberg nur wenige sehr junge J\u00fcnger, die ihn geh\u00f6rig bewunderten; aber die Gemeinde dieser Gleichgestimmten war damals sehr zahlreich durch ganz Deutschland verbreitet. Es w\u00e4re eine schwierige, ja fast unm\u00f6gliche Aufgabe, jenes wunderliche Gewirr von Talent und Zopf, <a name=\"page641\"><\/a>L\u00fcge und Wahrheit mit wenigen Worten in einem Begriff zusammenzufassen; und doch ist dieses Treiben insofern von literarhistorischer Wichtigkeit, als dasselbe den schm\u00e4hlichen Verfall der Romantik vorz\u00fcglich verschuldet hat.<\/p>\n<p class=\"centerbig\" style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist sehr begreiflich, da\u00df dieses pr\u00e4tenti\u00f6se Unwesen von den Gedankenlosen und Schwachm\u00fctigen f\u00fcr die wirkliche Romantik gehalten, von den H\u00e4mischen aber gern benutzt wurde, den neuen Aufschwung \u00fcberhaupt zu verketzern. Vergebens verspottete Tieck selbst in den wenigen Nummern seines \u00bbPoetischen Journals\u00ab jene falsche Romantik, vergebens zogen Arnim und G\u00f6rres mitten durch den L\u00e4rm neue leuchtende Bahnen; das Gekl\u00e4ff der W\u00e4chter des guten Geschmacks, die den Mond anbellen und bei Musik heulen, war einmal unaufhaltsam erwacht. Es erschien ein \u00bbKlingkling-Almanach\u00ab, der die Lyrik der Romantiker parodisch l\u00e4cherlich machen sollte, aber durch ein stupides Mi\u00dfverst\u00e4ndnis des Parodierten nur sich selbst blamierte. Der D\u00e4ne Baggesen schrieb einen \u00bbFaust\u00ab, eine Kom\u00f6die, worin Fichte, Schelling, Schlegel und Tieck die l\u00e4cherlichen Personen spielen; an Witzlosigkeit, Bosheit und Langweiligkeit etwa Nicolais \u00bbWerthers Leiden\u00ab vergleichbar. Garlieb Merkel endlich trommelte in seinem \u00bbFreim\u00fctigen\u00ab ein wahres Falstaffsheer zusammen, allerdings <a name=\"page642\"><\/a>freim\u00fctig genug, denn die armutselige Gemeinheit lag ganz offen zutage. In Heidelberg selbst aber sa\u00df der alte Vo\u00df, der sich bereits \u00fcberlebt hatte und dar\u00fcber ganz gr\u00e4mlich geworden war. Mitten in dem staubigen Gewebe seiner Gelehrsamkeit lauerte er wie eine ungesellige Spinne, t\u00fcckisch auf alles Junge und Neue zufahrend, das sich unvorsichtig dem Gespinste zu n\u00e4hern unterfing. Besonders waren ihm, nebst dem Katholizismus, die Sonette verha\u00dft. Daher konnte Arnim, oblgeich er anfangs aus gro\u00dfm\u00fctiger Piet\u00e4t mit dem vereinsamten Greise friedlich zu verkehren suchte, dennoch zuletzt nicht umhin, ihm zu Ehren in der Einsiedlerzeitung in hundert Sonetten den Kampf des Sonetts mit dem alten Drachen zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und auf \u00e4hnliche Weise hatte sich die Romantik \u00fcberhaupt ihren Gegnern gegen\u00fcbergestellt, indem sie, \u2013 wie in Tiecks verkehrter Welt, im Zerbino und gestiefelten Kater, in Schlegels Triumphpforte f\u00fcr den Theaterpr\u00e4sidenten Kotzebue, in Mahlmanns Hussiten vor Naumburg \u2013 jenes h\u00e4mische Treiben heiter als blo\u00dfes Material nahm und humoristisch der Poesie selbst dienstbar zu machen wu\u00dfte. Aber die Romantik war keine blo\u00df literarische Erscheinung, sie unternahm vielmehr eine innere Regeneration des Gesamtlebens, wie sie Novalis angek\u00fcndigt hat; und was man sp\u00e4ter die romantische Schule nannte, war eben nur ein literarisch abgesonderter Zweig des schon kr\u00e4nkelnden <a name=\"page643\"><\/a>Baumes. Ihre urspr\u00fcnglichen Intentionen, alles Irdische auf ein H\u00f6heres, das Diesseits auf ein gr\u00f6\u00dferes Jenseits zu beziehen, mu\u00dften daher insbesondere auch das ganze Gebiet der Kunst gleichm\u00e4\u00dfig umfassen und durchdringen. Die Revolution, die sie in der Poesie bewirkt, ist schon zu vielfach besprochen, um hier noch besonders er\u00f6rtert zu werden. Der Malerei vindizierte sie die Sch\u00f6nheit der Religion als h\u00f6chste Aufgabe und begr\u00fcndete durch deutsche J\u00fcnglinge in Rom die bekannte Malerschule, deren F\u00fchrer Overbeck, Philipp Veit und Cornelius waren. Derselbe ernstere Sinn f\u00fchrte die Tonkunst vom frivolen Sinnenkitzel zur Kirche, zu den altitalienischen Meistern, zu Sebastian Bach, Gluck und H\u00e4ndel zur\u00fcck; er weckte auch in der Profanmusik das geheimnisvolle wunderbare Lied, das verborgen in allen Dingen schlummert, und Mozart, Beethoven und Karl Maria von Weber sind echte Romantiker. Die Baukunst endlich, diese hieroglyphische Lapidarschrift der wechselnden Nationalbildung, war gerade in das allgemeine Stadium der damaligen Literatur mit einger\u00fcckt: kaserniertes B\u00fcrgerwohl mit heidnischen Substruktionen, die Antike im Schlafrock des h\u00e4uslichen Familiengl\u00fccks. Da erfa\u00dfte pl\u00f6tzlich die erstaunten Deutschen wieder eine Ahnung von der Sch\u00f6nheit und symbolischen Bedeutung ihrer alten Bauwerke, an denen sie so lange gleichg\u00fcltig vor\u00fcbergegangen. Der junge Goethe hatte zuerst vom <a name=\"page644\"><\/a>Stra\u00dfburger M\u00fcnster den neuen Tag ausgerufen, sich aber leider dabei so bedeutend \u00fcberschrien, da\u00df er seitdem ziemlich heiser blieb. Besonnener und gr\u00fcndlicher wies Sulpice Boisser\u00e9e auf den Riesengeist des K\u00f6lner Domes hin, der bekanntlich noch bis heut sein m\u00fchseliges Auferstehungsfest feiert. \u2013 Das augenf\u00e4lligste Bild dieser Umwandlung aber gibt die Geschichte der Marienburg, des Haupthauses des deutschen Ritterordens in Preu\u00dfen. Dieser merkw\u00fcrdige Bau hatte nicht einmal die Genugtuung, in malerische Tr\u00fcmmer zerfallen zu d\u00fcrfen, er wurde methodisch f\u00fcr den neuen Orden der Industrieritter verst\u00fcmmelt und zugerichtet. Die k\u00fchnen Gew\u00f6lbe wurden mit uns\u00e4glicher M\u00fche eingeschlagen, in den hohen, luftigen S\u00e4len drei niedrige Stockwerke schmutziger Weberwerkst\u00e4tten eingeklebt; ja um den letzten Prachtgiebel des Schlosses waren bereits die Stricke geschlungen, um ihn niederzurei\u00dfen, als ein Romantiker, Max von Schenkendorf, ganz unerwartet in einer vielgelesenen Zeitschrift Protest einlegte gegen diesen modernen Vandalismus, den der damalige Minister von Schr\u00f6tter, ein sonst geistvoller und f\u00fcr alles Gro\u00dfe empf\u00e4nglicher Mann, im Namen der Aufkl\u00e4rung als ein l\u00f6blich Unternehmen trieb. Jetzt ver\u00e4nderte sich pl\u00f6tzlich die Szene. Schr\u00f6tter, da er seinen wohlgemeinten Mi\u00dfverstand begriff, hie\u00df, fast erschrocken dar\u00fcber, sofort alle weitere Zerst\u00f6rung einstellen, die Weber wurden ausgetrieben, <a name=\"page645\"><\/a>K\u00fcnstler, Altertumsfreunde und Techniker stiegen verwundert in den r\u00e4tselhaft gewordenen Bau hinab, wie in einem Bergwerke dort ein Fenster, hier einen verborgenen Gang oder Remter entdeckend, und je mehr allm\u00e4hlich von der alten Pracht zutage kam, je mehr wuchs, erst in der Provinz, dann in immer weiteren Kreisen der Enthusiasmus und erweckte, soviel davon noch zu retten war, das wunderbare Bauwerk aus seinem jahrhundertelangen Zauberschlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein \u00e4hnliches Bewandtnis beinah hatte es mit dem Einflu\u00df der Romantik auf die religi\u00f6se Stimmung der Jugend, indem sie gleichfalls den halbvergessenen Wunderbau der alten Kirche aus seinem Schutt wieder emporzuheben strebte. Allein was dort gen\u00fcgte, konnte hier unm\u00f6glich ausreichen, denn die Romantiker, wenn wir Novalis, G\u00f6rres und Friedrich Schlegel ausnehmen, taten es nicht um der Religion, sondern um der Kunst willen, f\u00fcr die ihnen der Protestantismus allzu geringe Ausbeute bot; ein Grundthema, das in \u00bbSternbalds Wanderungen\u00ab, in Tiecks \u00bbPhantasien\u00ab und in den \u00bbHerzensergie\u00dfungen eines kunstliebenden Klosterbruders\u00ab durch die ganze Klaviatur der K\u00fcnste hindurch auf das anmutigste variiert ist. Wir wollen daher auf die Konversion einiger durch die Musik, die Pracht des \u00e4u\u00dferen Gottesdienstes und dergleichen mehr bekehrter protestantischer J\u00fcnglinge keineswegs ein besonderes Gewicht legen. Der ganze <a name=\"page646\"><\/a>Hergang aber erinnert lebhaft an Schillers Grundsatz von der \u00e4sthetischen Erziehung des Menschengeschlechts; wir meinen die indirekte Macht, welche diese katholisierende \u00c4sthetik auf die katholische Jugend selber ausge\u00fcbt. Es ist nicht zu leugnen, ein gro\u00dfer Teil dieser fast \u00fcberall protestantisch geschulten Jugend ist in der Tat durch die Vorhalle der Romantik zur Kirche zur\u00fcckgekehrt. Die katholischen Studenten, die \u00fcberhaupt etwas wollten und konnten, erstaunten nicht wenig, als sie in jenen Schriften auf einmal die Sch\u00f6nheit ihrer Religion erkannten, die sie bisher nur geschm\u00e4ht oder mitleidig bel\u00e4chelt gesehen. Der Widerspruch, in den sie durch diese Entdeckung mit der gemeinen Menge gerieten, entz\u00fcndete ihren Eifer, voll Begeisterung brachten sie die altneue Lehre von der Universit\u00e4t mit nach Hause, ja sie kokettierten zum Teil damit in der Philisterwelt, wo man \u00fcber die jungen Zeloten verwundert den Kopf sch\u00fcttelte; mit einem Wort: das Katholische wurde f\u00f6rmlich Mode. Die Mode ging nach Art aller Mode bald vor\u00fcber, aber der einmal angeschlagene Ton blieb und hallte in immer weiteren Kreisen nach, und daraus entstand im Verlauf der immer ernster werdenden Zeiten endlich wieder eine starke katholische Gesinnung, die der Romantik nicht mehr bedarf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war die Romantik bei ihrem Aufgange ein Fr\u00fchlingshauch, der alle verborgenen Keime <a name=\"page647\"><\/a>belebte, eine sch\u00f6ne Zeit des Erwachens, der Erwartung und Verhei\u00dfung. Allein sie hat die Verhei\u00dfung nicht erf\u00fcllt, und weil sie sie nicht erf\u00fcllte, ging sie unter, und wie und warum dies geschehen mu\u00dfte, haben wir bereits an einem anderen Orte ausf\u00fchrlich nachzuweisen versucht. Als jedoch auf solche Weise die Ebbe kam und jene Springfluten zur\u00fccktobten, wurde auch der alte Boden wieder trockengelegt, den man f\u00fcr neuentdecktes Land hielt. Der z\u00e4he Rationalismus, die altkluge Verachtung des Mittelalters, die Lehre von der alleinseligmachenden N\u00fctzlichkeit, wozu die sublime Wissenschaft nicht sonderlich n\u00f6tig sei, all das vorromantische Ungeziefer, das sich unterdes im Sande eingew\u00fchlt, kam jetzt wieder zum Vorschein und heckte erstaunlich. Dennoch war aber der blo\u00dfgelegte Boden nicht mehr ganz derselbe. Die Romantik hatte einige unvertilgbare Spuren darauf hinterlassen; sie hatte durch ihr best\u00e4ndiges Hinweisen auf die nationale Vergangenheit die Vaterlandsliebe, durch ihren Experimental-Katholizismus ein religi\u00f6ses Bed\u00fcrfnis erweckt. Allein diese Vaterlandsliebe war durch die abermalige Trennung vom Mittelalter ihres historischen Bodens und aller nationalen F\u00e4rbung beraubt, und so entstand aus dem alten abstrakten Weltb\u00fcrgertum die ebenso abstrakte Deutscht\u00fcmelei. Andrerseits konnte das wiederangeregte religi\u00f6se Gef\u00fchl nat\u00fcrlicherweise weder von dem romantischen Katholisieren, noch von <a name=\"page648\"><\/a>dem wiedererstandenen Rationalismus befriedigt werden und fl\u00fcchtete sich daher bei den Protestanten zu dem neuesten Pietismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von diesen ver\u00e4nderten Zust\u00e4nden mu\u00dften denn auch zun\u00e4chst die Universit\u00e4ten wieder ber\u00fchrt werden; sie verloren allm\u00e4hlich ihr mittelalterliches Kost\u00fcm und suchten sich der modernen Gegenwart m\u00f6glichst zu akkomodieren. Das deutsche Universit\u00e4tsleben war bis dahin im Grunde ein lustiger Mummenschanz, in exzeptioneller Maskenfreiheit die \u00fcbrige Welt neckend, herausfordernd und parodierend; eine Art harmloser Humoristik, die der Jugend, weil sie ihr nat\u00fcrlich ist, gro\u00dfenteils gar wohl anstand. Jetzt dagegen, durch die halbe Schulweisheit und Vielwisserei aufgeblasen und von der epidemischen neuen Altklugheit mit fortgerissen, begn\u00fcgten sie sich nicht mehr, sich an den d\u00fcnkelhaften Torheiten der Philisterwelt lachend zu erg\u00f6tzen; sie wollten sich <i>\u00fcber<\/i> die Welt stellen, sie meistern und vern\u00fcnftiger einrichten. Dazu kam, da\u00df sie in den Befreiungskriegen wirklich auf dem Welttheater r\u00fchmlich mitagiert hatten und nun auch das Recht beanspruchten, die \u00fcbrigen Akte des gro\u00dfen Weltdramas mit fortzuspielen, mit einem Worte: Politik zu machen. Das war aber h\u00f6chst unpolitisch, denn auf dieser komplizierten B\u00fchne fehlte es gl\u00fccklicherweise der Jugend durchaus an der unerl\u00e4\u00dflichen Kenntnis, Erfahrung und Routine. Die Burschenschaften, die <a name=\"page649\"><\/a>zun\u00e4chst aus jener inneren Umwandlung der Universit\u00e4ten hervorgingen, waren ohne allen Zweifel urspr\u00fcnglich gut und ernst gemeint und mit einem nicht genug zu w\u00fcrdigenden moralischen Stoizismus gegen die alte Roheit und Sittenlosigkeit gerichtet. Anstatt aber nur erst sich selbst geh\u00f6rig zu befestigen, wollten sie sehr bald im leicht erkl\u00e4rlichen Eifer des guten Gewissens auch die kranken Staaten durch utopische Weltverbesserungspl\u00e4ne regenerieren, die man am f\u00fcglichsten als unsch\u00e4dliche Donquijotiaden h\u00e4tte \u00fcbersehen sollen, wenn sich nicht, wie es scheint, nun die wirklichen Politiker mit darein gemischt und die jugendliche Unbefangenheit f\u00fcr ihre ehrgeizigen und unlauteren Zwecke mi\u00dfbraucht h\u00e4tten. Und so wurden die Studenten, die so lange heiter die Welt d\u00fcpiert hatten, nun selber von der undankbaren Welt d\u00fcpiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ein anderes Symptom der neuesten Zeit haben wir vorhin den bei den Protestanten wieder erwachten Pietismus bezeichnet. Man k\u00f6nnte ihn, da er wesentlich auf der subjektiven Gef\u00fchlsauffassung beruht, f\u00fcglich die Sentimentalit\u00e4t der Religion nennen. Daher der absonderliche Ha\u00df der Pietisten gegen das strenge positive Prinzip der Kirche, die von einem subjektiven Daf\u00fcrhalten und Umdeuten der Glaubenswahrheiten nichts wei\u00df. Dieser moderne Pietismus ist jetzt auf den deutschen Universit\u00e4ten sehr zahlreich vertreten, nicht eben zum sonderlichen Heile der Jugend. Denn der <a name=\"page650\"><\/a>nackte Rationalismus war an sich so arm, trocken und trostlos, da\u00df er ein t\u00fcchtiges Gem\u00fct von selbst zur resoluten Umkehr trieb. Der weichliche, sanft einschmeichelnde Pietismus dagegen, zumal wenn er Mode wird und zeitliche Vorteile in Aussicht stellt, erzeugt gar leicht heuchlerische Tart\u00fcffe, oder, wo er tiefer gegriffen, einen geistlichen D\u00fcnkel und Fanatismus, der das ganze folgende Leben vergiftet. Eine Sekte dieser Pietisten gef\u00e4llt sich darin, grunds\u00e4tzlich allen Zweikampf abzulehnen und sich dies als einen Akt besonderen Mutes anzurechnen. Allein dieser passive Mut, die gemeine Meinung zu verachten und gelassen \u00fcber sich ergehen zu lassen, ist noch sehr verschieden von der pers\u00f6nlichen Tapferkeit, die jeden J\u00fcngling ziert. Es ist ganz l\u00f6blich, aber noch lange nicht genug, das Unrechte hinter dem breiten Schilde der vortrefflichsten Grunds\u00e4tze von sich selber abzuwehren; das B\u00f6se soll direkt <i>bek\u00e4mpft<\/i>werden. \u00dcberhaupt aber darf hierbei nicht \u00fcbersehen werden, da\u00df dem Zweikampf ein an sich sehr ehrenwertes Motiv zum Grunde liegt: das der gesunden Jugend eigent\u00fcmliche, spartanische Gerechtigkeitsgef\u00fchl, das sich ohne innere Einbu\u00dfe nicht unterdr\u00fccken l\u00e4\u00dft. Es gibt fast unsichtbare Kr\u00e4nkungen, infam, perfid und boshaft, die bis in das innerste Mark verwunden und doch, eben weil sie juridisch ungreifbar sind, vom Gesetz nicht vorgesehen werden k\u00f6nnen. Dies ist der eigentliche Sitz des \u00dcbels, der <a name=\"page651\"><\/a>Kampfplatz, wo der Zweikampf, wie fr\u00fcher die Gottesgerichte, ausgleichend eintritt. Dasselbe gilt im gro\u00dfen auch von den Kriegen, diesen barbarischen V\u00f6lkerduellen um G\u00fcter, die das materielle Staatsrecht nicht zu w\u00fcrdigen und zu sch\u00fctzen vermag und zu denen wir namentlich die Nationalehre rechnen. \u2013 Demungeachtet sind wir weit entfernt, die ganz unchristliche Selbsthilfe des Zweikampfs irgendwie verteidigen zu wollen, w\u00fcnschen vielmehr vorerst nur eine gen\u00fcgende Vermittlung und Beseitigung seines tieferen Grundes, ohne welche, nach menschlichem Ermessen, alle Verbotsgesetze dagegen stets illusorisch bleiben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der neuen Umwandlung des Zeitgeistes h\u00e4ngt auch der Grundsatz wesentlich zusammen, die Universit\u00e4ten m\u00f6glichst in die gro\u00dfen Residenzst\u00e4dte zu verlegen. Wir wollen keineswegs in Abrede stellen, da\u00df die gro\u00dfen St\u00e4dte mit ihrem geselligen Verkehr, mit ihren Kunstsch\u00e4tzen, Bibliotheken, Museen und industriellen Anstalten eine sehr bequeme Umschau, eine wahre Universitas alles Wissensw\u00fcrdigen bieten. Allein es fr\u00e4gt sich nur, ob dieser Vorteil nicht etwa durch Nachteile anderer Art wieder neutralisiert, ja \u00fcberwogen wird? Uns wenigstens scheint das alles mehr f\u00fcr die Professoren als f\u00fcr die Studenten geeignet zu sein. Es kommt f\u00fcr die letzteren auf der Universit\u00e4t doch vorz\u00fcglich nur auf eine Orientierung in dem Labyrinth der neuen Bildung an. Auf jenen gro\u00dfen <a name=\"page652\"><\/a>Stapelpl\u00e4tzen der Kunst und Wissenschaft aber erdr\u00fcckt und verwirrt die \u00fcberw\u00e4ltigende Masse des Verschiedenartigsten, gleichwie schon jeder Reisende, wenn er eine reiche Bildergalerie hastig durchlaufen hat, zuletzt selbst nicht mehr wei\u00df, was er gesehen; und namentlich die gro\u00dfen Bibliotheken kann nur der Gelehrte, der sich bereits f\u00fcr ein bestimmtes Studium entschieden und geh\u00f6rig vorbereitet hat, mit Nutzen gebrauchen. Wie aber soll der f\u00fcr alles gleich empf\u00e4ngliche J\u00fcngling mitten zwischen den nach allen Seiten auslaufenden Bahnen sich wahrhaft entscheiden, wo jedes nat\u00fcrliche Verh\u00e4ltnis zwischen Lehrer und Sch\u00fcler, wie es in kleinen Universit\u00e4tsst\u00e4dten stattfindet, durch den bet\u00e4ubenden L\u00e4rm und die allgemeine Zerfahrenheit der Residenz ganz unm\u00f6glich wird? Auch hier also droht abermals ein vager Dilettantismus und der l\u00e4hmende D\u00fcnkel der Vielwisserei. Bei der Jugend ist eine kecke Wanderlust, sie ahnt hinter dem Morgenduft die wunderbare Sch\u00f6nheit der Welt; sie sich selbstt\u00e4tig zu erobern ist ihre Freude. In den gro\u00dfen St\u00e4dten aber f\u00e4ngt die Jugend gleich mit dem Ende an: aller Reichtum der Welt liegt in der staubigen Mittagsschw\u00fcle schon wohlgeordnet um sie her, sie braucht ihren Fauteuil nur g\u00e4hnend da oder dorthin zu wenden, sie hat nichts mehr zu w\u00fcnschen und zu ahnen \u2013 und ist blasiert. Und auch in sittlicher Hinsicht ist der Gewinn nur illusorisch. In den kleinen <a name=\"page653\"><\/a>Universit\u00e4tsst\u00e4dten herrscht allerdings oft eine arge Verwilderung, und die Studenten werden in den gro\u00dfen St\u00e4dten gewi\u00df ruhiger und manierlicher sein. Allein dort erscheint die Liederlichkeit in der Regel so handgreiflich, bestialisch roh und abschreckend, da\u00df jedes gesunde Gem\u00fct von selbst ein Ekel davor \u00fcberkommt, w\u00e4hrend hier die sch\u00f6n \u00fcbert\u00fcnchten und \u00e4sthetisierten Pestgruben wohl auch die Besseren mit ihrem Gifthauch bet\u00e4uben. \u2013 Unsere Universit\u00e4ten sind endlich bisher eine Art von Republik gewesen, die einzigen noch \u00fcbriggebliebenen Tr\u00fcmmer deutscher Einheit, ein br\u00fcderlicher Verein ohne R\u00fccksicht auf die Unterschiede der Provinz, des Ranges oder Reichtums, wo den Niedriggeborenen die \u00dcberlegenheit des Geistes und Charakters zum Senior \u00fcber F\u00fcrsten und Grafen erhob. Diese uralte Bedeutung der Universit\u00e4ten wird von der in ganz andern Bahnen kreisenden Gro\u00dfst\u00e4dterei notwendig verwischt, die Studenten werden immer mehr in das allgemeine Philisterium eingefangen und fr\u00fchzeitig gew\u00f6hnt, die Welt diplomatisch mit Glac\u00e9handschuhen anzufassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies halten wir aber, zumal in unserer materialistischen Zeit, f\u00fcr ein bedeutendes Ungl\u00fcck. Denn was ist denn eigentlich die Jugend? Doch im Grunde nichts anderes als das noch gesunde und unzerknitterte, vom kleinlichen Treiben der Welt noch unber\u00fchrte Gef\u00fchl der urspr\u00fcnglichen Freiheit und der Unendlichkeit der Lebensaufgabe. Daher ist die <a name=\"page654\"><\/a>Jugend jederzeit f\u00e4higer zu entscheidenden Entschl\u00fcssen und Aufopferungen und steht in der Tat dem Himmel n\u00e4her als das m\u00fcde und abgenutzte Alter; daher legt sie so gern den ungeheuersten Ma\u00dfstab gro\u00dfer Gedanken und Taten an ihre Zukunft. Ganz recht! denn die gesch\u00e4ftige Welt wird schon daf\u00fcr sorgen, da\u00df die B\u00e4ume nicht in den Himmel wachsen, und ihnen die kleine Kr\u00e4merelle aufdr\u00e4ngen. Die Jugend ist die Poesie des Lebens, und die \u00e4u\u00dferlich ungebundene und sorgenlose Freiheit der Studenten auf der Universit\u00e4t die bedeutendste Schule dieser Poesie, und man m\u00f6chte ihr best\u00e4ndig zurufen: sei nur vor allen Dingen <i>jung!<\/i> Denn ohne Bl\u00fcte keine Frucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"zenoTRNavBottom\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr die frei drehende Phantasie. Wir begreifen die Gattung des Essays als eine Versuchsanordnung, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Auch ein Essay handelt ausschliesslich mit Fiktionen, also mit Modellen der Wirklichkeit. Wir betrachten Michel de Montaigne als einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/04\/23\/die-ehe-ist-ein-vertrag-nur-der-erste-anfang-ist-frei\/\">Blogger aus dem 16. Jahrhundert<\/a>. Henry David Thoreau gilt als Schriftsteller auch in formaler Hinsicht als eine der markantesten Gestalten der klassischen amerikanischen Literatur. Als sorgf\u00e4ltig feilender Stilist, als hervorragender Sprachk\u00fcnstler hat er durch die f\u00fcr ihn <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/07\/12\/ueber-die-pflicht-zum-ungehorsam-gegen-den-staat-3\/\">charakteristische Essayform<\/a> auf Generationen von Schriftstellern anregend gewirkt. Karl Kraus war der erste Autor, der die kulturkritische Kommen\u00adtie\u00adrung der Welt\u00adlage zur Dauer\u00adbesch\u00e4f\u00adtigung erhob. Seine Zeit\u00adschrift \u201eDie Fackel\u201c war gewisser\u00adma\u00ad\u00dfen der erste <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/20\/die-demolirte-literatur\/\">Kultur-Blog<\/a>. Die Redaktion nimmt Rosa Luxemburg beim Wort und versucht in diesem Online-Magazin auch \u00fcberkommene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/05\/01\/wie-entstand-die-maifeier\/\">journalistische Formen<\/a> neu zu denken. Enrik Lauer zieht die Dusche dem Wannenbad vor. Warum erstere im Sp\u00e4tkapitalismus \u2013 zum Beispiel als Zeit und Ressourcen sparend \u2013 zweiteres als Form der K\u00f6rperreinigung weitgehend verdr\u00e4ngt hat, ist einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/25\/wohlbefinden\/\">eigenen Betrachtung<\/a> wert. Ulrich Bergmann setzte sich mit den Wachowski-Br\u00fcdern und der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/06\/the-matrix-has-you\/\">Matrix<\/a> auseinander. Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">weitere Betrachtungen<\/a> von J.C. Albers. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf den Geistreichtum eines guten Essays kann man den Essay als den gro\u00dfen Bruder der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> auffassen.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das vorige Jahrhundert wird mit Recht als das Zeitalter der Geisterrevolution bezeichnet. 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