{"id":90083,"date":"2015-11-29T00:01:16","date_gmt":"2015-11-28T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90083"},"modified":"2022-02-21T16:32:00","modified_gmt":"2022-02-21T15:32:00","slug":"frische-fahrt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/11\/29\/frische-fahrt\/","title":{"rendered":"Frische Fahrt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laue Luft kommt blau geflossen,<br \/>\nFr\u00fchling, Fr\u00fchling soll es sein!<br \/>\nWaldw\u00e4rts H\u00f6rnerklang geschossen,<br \/>\nMut\u2019ger Augen lichter Schein,<br \/>\nUnd das Wirren bunt und bunter<br \/>\nWird ein magisch wilder Flu\u00df,<br \/>\nIn die sch\u00f6ne Welt hinunter<br \/>\nLockt dich dieses Stromes Gru\u00df.<\/p>\n<p>Und ich mag mich nicht bewahren!<br \/>\nWeit von Euch treibt mich der Wind,<br \/>\nAuf dem Strome will ich fahren,<br \/>\nVon dem Glanze selig blind!<br \/>\nTausend Stimmen lockend schlagen,<br \/>\nHoch Aurora flammend weht,<br \/>\nFahre zu! ich mag nicht fragen,<br \/>\nWo die Fahrt zu Ende geht!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i><b>Frische Fahrt<\/b><\/i>\u00a0wurde 1815 in dem Roman <i>Ahnung und Gegenwart<\/i> publiziert. Das Gedicht besteht aus zwei Strophen in jeweils acht Versen aus troch\u00e4ischen Vierhebern.<sup id=\"cite_ref-2\" class=\"reference\"><\/sup> Die Kadenzen wechseln im Kreuzreim der Gestalt ababcdcd von weiblich zu m\u00e4nnlich.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/><\/strong>F\u00fcr Theodor W. Adorno war Eichendorff \u201ekein Dichter der Heimat, sondern des Heimwehs im Sinne des Novalis, dem er nahe sich wu\u00dfte.\u201c<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>In seinem Essay <i>Zum Ged\u00e4chtnis Eichendorffs<\/i> weist er auf den affirmativen Tonfall hin, der dem Dunklen entrungen sei, und spricht von einem \u201eEntschlu\u00df zur Munterkeit\u201c, der sich mit seltsam paradoxer Gewalt am Ende des Werkes bekunde. Nach Ansicht Adornos erm\u00f6glichte gerade Eichendorffs Festhalten am Vorb\u00fcrgerlichen und \u00dcberkommenen einen kritischen Blick auf b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse. Indem Eichendorff sich vom Liberalismus distanzierte, gewann seine Lyrik f\u00fcr ihn ihre utopische Dimension. Um zu verhindern, dass der Dichter von \u201eKulturkonservativen\u201c und Katholiken vereinnahmt werde, bed\u00fcrfe es einer dialektischen Lekt\u00fcre gegen den Strich. Zun\u00e4chst m\u00fcsse man sich aber eingestehen, dass \u201eder Ton des Affirmativen, seine Verherrlichung des Daseins schlechthin\u201c nicht verteidigt werde, um andere Ebenen seiner Lyrik der idyllisierenden Lesart zu entziehen. Adorno weist auf den Versuch hin, Eichendorff als \u201eKronzeugen einer positiven Religiosit\u00e4t\u201c und in \u201elandsmannschaftlichem Geiste, einer Art Stammespoetik Nadlerschen Schlages\u201c zu nutzen. Derlei Bestrebungen liefen darauf hinaus, ihn im patriotischen Sinne \u201egewisserma\u00dfen r\u00fcck(zu)siedeln\u201c, was mit seinem \u201erestaurative(n) Universalismus\u201c nicht zu vereinbaren w\u00e4re.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Es sei das \u201eGegenteil sturer Apologie\u201c, ihn vor Freunden und Gegnern zu retten. Allerdings gebe es ein Element seiner Lyrik, das \u201edem M\u00e4nnergesangverein \u00fcberantwortet ward \u2026 nicht immun gegen sein Schicksal\u201c war und \u201ees vielfach herbeigezogen\u201c habe. Auch k\u00f6nne der \u201eTon des Affirmativen, der Verherrlichung des Daseins\u201c, der zu bestimmten Leseb\u00fcchern gef\u00fchrt habe, nicht verleugnet werden. F\u00fcr Adorno klingen einige seiner Verse indes \u201ewie Zitate beim ersten Mal, memoriert nach dem Lesebuch Gottes.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Konzentriere man sich auf die Funktion der Sprache, schlage der Konservatismus in die Moderne um. Die Verneinung des Herrschaftlichen, zumal \u00fcber die eigene Seele, sei progressiv. Seine Dichtung lasse sich vertrauensvoll treiben \u201evom Strom der Sprache und ohne Angst, in ihm zu versinken.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Laue Luft kommt blau geflossen, Fr\u00fchling, Fr\u00fchling soll es sein! Waldw\u00e4rts H\u00f6rnerklang geschossen, Mut\u2019ger Augen lichter Schein, Und das Wirren bunt und bunter Wird ein magisch wilder Flu\u00df, In die sch\u00f6ne Welt hinunter Lockt dich dieses Stromes Gru\u00df. 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