{"id":90067,"date":"1995-03-30T00:11:21","date_gmt":"1995-03-29T22:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90067"},"modified":"2022-03-11T18:07:00","modified_gmt":"2022-03-11T17:07:00","slug":"die-zwei-gesellen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/30\/die-zwei-gesellen\/","title":{"rendered":"Die zwei Gesellen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es zogen zwei r\u00fcst\u2019ge Gesellen<br \/>\nZum erstenmal von Haus,<br \/>\nSo jubelnd recht in die hellen,<br \/>\nKlingenden, singenden Wellen<br \/>\nDes vollen Fr\u00fchlings hinaus.<\/p>\n<p>Die strebten nach hohen Dingen,<br \/>\nDie wollten, trotz Lust und Schmerz,<br \/>\nWas Rechts in der Welt vollbringen,<br \/>\nUnd wem sie vor\u00fcbergingen,<br \/>\nDem lachten Sinnen und Herz. \u2013<\/p>\n<p>Der erste, der fand ein Liebchen,<br \/>\nDie Schwieger kauft\u2019 Hof und Haus;<br \/>\nDer wiegte gar bald ein B\u00fcbchen,<br \/>\nUnd sah aus heimlichem St\u00fcbchen<br \/>\nBehaglich ins Feld hinaus.<\/p>\n<p>Dem zweiten sangen und logen<br \/>\nDie tausend Stimmen im Grund,<br \/>\nVerlockend\u2019 Sirenen, und zogen<br \/>\nIhn in der buhlenden Wogen<br \/>\nFarbig klingenden Schlund.<\/p>\n<p>Und wie er auftaucht\u2019 vom Schlunde,<br \/>\nDa war er m\u00fcde und alt,<br \/>\nSein Schifflein das lag im Grunde,<br \/>\nSo still war\u2019s rings in die Runde,<br \/>\nUnd \u00fcber die Wasser weht\u2019s kalt.<\/p>\n<p>Es singen und klingen die Wellen<br \/>\nDes Fr\u00fchlings wohl \u00fcber mir;<br \/>\nUnd seh ich so kecke Gesellen,<br \/>\nDie Tr\u00e4nen im Auge mir schwellen \u2013<br \/>\nAch Gott, f\u00fchr uns liebreich zu dir!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gedicht <b>Die zwei Gesellen<\/b> wurde im Jahr 1818 von Joseph von Eichendorff verfasst. Es wird teilweise auch unter dem Titel \u201eFr\u00fchlingsfahrt\u201c gef\u00fchrt und ist unter diesem Namen 1840 von Robert Schumann vertont worden (op. 45 no. 2 in \u201eRomanzen und Balladen\u201c).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99278\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Eichendorff-e1645457368227.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/><\/strong>F\u00fcr Theodor W. Adorno war Eichendorff \u201ekein Dichter der Heimat, sondern des Heimwehs im Sinne des Novalis, dem er nahe sich wu\u00dfte.\u201c<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>In seinem Essay <i>Zum Ged\u00e4chtnis Eichendorffs<\/i> weist er auf den affirmativen Tonfall hin, der dem Dunklen entrungen sei, und spricht von einem \u201eEntschlu\u00df zur Munterkeit\u201c, der sich mit seltsam paradoxer Gewalt am Ende des Werkes bekunde. Nach Ansicht Adornos erm\u00f6glichte gerade Eichendorffs Festhalten am Vorb\u00fcrgerlichen und \u00dcberkommenen einen kritischen Blick auf b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse. Indem Eichendorff sich vom Liberalismus distanzierte, gewann seine Lyrik f\u00fcr ihn ihre utopische Dimension. Um zu verhindern, dass der Dichter von \u201eKulturkonservativen\u201c und Katholiken vereinnahmt werde, bed\u00fcrfe es einer dialektischen Lekt\u00fcre gegen den Strich. Zun\u00e4chst m\u00fcsse man sich aber eingestehen, dass \u201eder Ton des Affirmativen, seine Verherrlichung des Daseins schlechthin\u201c nicht verteidigt werde, um andere Ebenen seiner Lyrik der idyllisierenden Lesart zu entziehen. Adorno weist auf den Versuch hin, Eichendorff als \u201eKronzeugen einer positiven Religiosit\u00e4t\u201c und in \u201elandsmannschaftlichem Geiste, einer Art Stammespoetik Nadlerschen Schlages\u201c zu nutzen. Derlei Bestrebungen liefen darauf hinaus, ihn im patriotischen Sinne \u201egewisserma\u00dfen r\u00fcck(zu)siedeln\u201c, was mit seinem \u201erestaurative(n) Universalismus\u201c nicht zu vereinbaren w\u00e4re.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Es sei das \u201eGegenteil sturer Apologie\u201c, ihn vor Freunden und Gegnern zu retten. Allerdings gebe es ein Element seiner Lyrik, das \u201edem M\u00e4nnergesangverein \u00fcberantwortet ward \u2026 nicht immun gegen sein Schicksal\u201c war und \u201ees vielfach herbeigezogen\u201c habe. Auch k\u00f6nne der \u201eTon des Affirmativen, der Verherrlichung des Daseins\u201c, der zu bestimmten Leseb\u00fcchern gef\u00fchrt habe, nicht verleugnet werden. F\u00fcr Adorno klingen einige seiner Verse indes \u201ewie Zitate beim ersten Mal, memoriert nach dem Lesebuch Gottes.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Konzentriere man sich auf die Funktion der Sprache, schlage der Konservatismus in die Moderne um. Die Verneinung des Herrschaftlichen, zumal \u00fcber die eigene Seele, sei progressiv. Seine Dichtung lasse sich vertrauensvoll treiben \u201evom Strom der Sprache und ohne Angst, in ihm zu versinken.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es zogen zwei r\u00fcst\u2019ge Gesellen Zum erstenmal von Haus, So jubelnd recht in die hellen, Klingenden, singenden Wellen Des vollen Fr\u00fchlings hinaus. 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