{"id":90062,"date":"1995-11-26T00:01:44","date_gmt":"1995-11-25T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=90062"},"modified":"2021-08-02T10:31:13","modified_gmt":"2021-08-02T08:31:13","slug":"zwielicht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/11\/26\/zwielicht\/","title":{"rendered":"Zwielicht"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>D\u00e4mmrung will die Fl\u00fcgel spreiten,<br \/>\nSchaurig r\u00fchren sich die B\u00e4ume,<br \/>\nWolken zieh\u2019n wie schwere Tr\u00e4ume &#8211;<br \/>\nWas will dieses Grau\u00b4n bedeuten?<\/p>\n<p>Hast ein Reh du lieb vor andern,<br \/>\nLa\u00df es nicht alleine grasen,<br \/>\nJ\u00e4ger zieh\u2019n im Wald\u2019 und blasen,<br \/>\nStimmen hin und wider wandern.<\/p>\n<p>Hast du einen Freund hienieden,<br \/>\nTrau ihm nicht zu dieser Stunde,<br \/>\nFreundlich wohl mit Aug\u2019 und Munde,<br \/>\nSinnt er Krieg im t\u00fcck\u2019schen Frieden.<\/p>\n<p>Was heut m\u00fcde gehet unter,<br \/>\nHebt sich morgen neu geboren.<br \/>\nManches bleibt in Nacht verloren &#8211;<br \/>\nH\u00fcte dich, bleib\u2019 wach und munter!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><b>Zwielicht<\/b> ist der Titel eines Gedichts von Joseph von Eichendorff. Es geh\u00f6rt zu seinen verst\u00f6renden und dunklen Werken\u00a0und findet sich im 17. Kapitel seines Romans Ahnung und Gegenwart, der 1812 vollendet und 1815 ver\u00f6ffentlicht wurde. Die \u00dcberschrift \u201eZwielicht\u201c f\u00fcgte Eichendorff erst 1837 in seiner ersten Gedichtsammlung hinzu.\u00a0Das Gedicht verwendet die unheimliche Mehrdeutigkeit der Abendd\u00e4mmerung als Gleichnis f\u00fcr die Gef\u00e4hrdung der Liebe und die Unsicherheit einer Freundschaft.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"><\/sup> In der Stunde des \u00dcbergangs vom Tag in die Nacht w\u00e4chst die Angst\u00a0vor einer nicht genau zu beschreibenden Bedrohung, die sich in der Natur widerspiegelt, zu Verlusten f\u00fchren kann und Wachsamkeit verlangt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/eichepor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-79676 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/eichepor-207x300.jpg\" alt=\"\" width=\"207\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/eichepor-207x300.jpg 207w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/eichepor-260x377.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/eichepor-160x232.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/eichepor.jpg 345w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<div>\n<p style=\"text-align: justify\">F\u00fcr Theodor W. Adorno war Eichendorff \u201ekein Dichter der Heimat, sondern des Heimwehs im Sinne des Novalis, dem er nahe sich wu\u00dfte.\u201c<span style=\"font-size: 12px\">\u00a0<\/span>In seinem Essay <i>Zum Ged\u00e4chtnis Eichendorffs<\/i> weist er auf den affirmativen Tonfall hin, der dem Dunklen entrungen sei, und spricht von einem \u201eEntschlu\u00df zur Munterkeit\u201c, der sich mit seltsam paradoxer Gewalt am Ende des Werkes bekunde. Nach Ansicht Adornos erm\u00f6glichte gerade Eichendorffs Festhalten am Vorb\u00fcrgerlichen und \u00dcberkommenen einen kritischen Blick auf b\u00fcrgerliche Verh\u00e4ltnisse. Indem Eichendorff sich vom Liberalismus distanzierte, gewann seine Lyrik f\u00fcr ihn ihre utopische Dimension. Um zu verhindern, dass der Dichter von \u201eKulturkonservativen\u201c und Katholiken vereinnahmt werde, bed\u00fcrfe es einer dialektischen Lekt\u00fcre gegen den Strich. Zun\u00e4chst m\u00fcsse man sich aber eingestehen, dass \u201eder Ton des Affirmativen, seine Verherrlichung des Daseins schlechthin\u201c nicht verteidigt werde, um andere Ebenen seiner Lyrik der idyllisierenden Lesart zu entziehen. Adorno weist auf den Versuch hin, Eichendorff als \u201eKronzeugen einer positiven Religiosit\u00e4t\u201c und in \u201elandsmannschaftlichem Geiste, einer Art Stammespoetik Nadlerschen Schlages\u201c zu nutzen. Derlei Bestrebungen liefen darauf hinaus, ihn im patriotischen Sinne \u201egewisserma\u00dfen r\u00fcck(zu)siedeln\u201c, was mit seinem \u201erestaurative(n) Universalismus\u201c nicht zu vereinbaren w\u00e4re.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>Es sei das \u201eGegenteil sturer Apologie\u201c, ihn vor Freunden und Gegnern zu retten. Allerdings gebe es ein Element seiner Lyrik, das \u201edem M\u00e4nnergesangverein \u00fcberantwortet ward \u2026 nicht immun gegen sein Schicksal\u201c war und \u201ees vielfach herbeigezogen\u201c habe. Auch k\u00f6nne der \u201eTon des Affirmativen, der Verherrlichung des Daseins\u201c, der zu bestimmten Leseb\u00fcchern gef\u00fchrt habe, nicht verleugnet werden. F\u00fcr Adorno klingen einige seiner Verse indes \u201ewie Zitate beim ersten Mal, memoriert nach dem Lesebuch Gottes.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<p>Konzentriere man sich auf die Funktion der Sprache, schlage der Konservatismus in die Moderne um. Die Verneinung des Herrschaftlichen, zumal \u00fcber die eigene Seele, sei progressiv. Seine Dichtung lasse sich vertrauensvoll treiben \u201evom Strom der Sprache und ohne Angst, in ihm zu versinken.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; D\u00e4mmrung will die Fl\u00fcgel spreiten, Schaurig r\u00fchren sich die B\u00e4ume, Wolken zieh\u2019n wie schwere Tr\u00e4ume &#8211; Was will dieses Grau\u00b4n bedeuten? 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