{"id":89945,"date":"1997-02-10T00:01:14","date_gmt":"1997-02-09T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89945"},"modified":"2022-02-17T14:11:08","modified_gmt":"2022-02-17T13:11:08","slug":"einleitung-zum-don-quixote","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/02\/10\/einleitung-zum-don-quixote\/","title":{"rendered":"Einleitung zum Don Quixote"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLeben und Taten des scharfsinnigen Junkers Don Quixote von der Mancha, beschrieben von Miguel Cervantes de Saavedra, war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein verst\u00e4ndiges Kindesalter getreten und des Buchstabenwesens einigerma\u00dfen kundig war. Ich erinnere mich noch ganz genau jener kleinen Zeit, wo ich mich eines fr\u00fchen Morgens von Hause wegstahl und nach dem Hofgarten eilte, um dort ungest\u00f6rt den \u203aDon Quixote\u2039 zu lesen. Es war ein sch\u00f6ner Maitag, lauschend im stillen Morgenlichte lag der bl\u00fchende Fr\u00fchling und lie\u00df sich loben von der Nachtigall, seiner s\u00fc\u00dfen Schmeichlerin, und diese sang ihr Loblied so karessierend weich, so schmelzend enthusiastisch, da\u00df die versch\u00e4mtesten Knospen aufsprangen und die l\u00fcsternen Gr\u00e4ser und die duftigen Sonnenstrahlen sich hastiger k\u00fc\u00dften und B\u00e4ume und Blumen schauerten vor eitel Entz\u00fccken. Ich aber setzte mich auf eine alte moosige Steinbank in der sogenannten Seufzerallee, unfern des Wasserfalls, und erg\u00f6tzte mein kleines Herz an den gro\u00dfen Abenteuern des k\u00fchnen Ritters. In meiner kindischen Ehrlichkeit nahm ich alles f\u00fcr baren Ernst; so l\u00e4cherlich auch dem armen Helden von dem Geschicke mitgespielt wurde, so meinte ich doch, das m\u00fcsse so sein, das geh\u00f6re nun mal zum Heldentum, das Ausgelachtwerden ebensogut wie die Wunden des Leibes, und jenes verdro\u00df mich ebensosehr, wie ich diese in meiner Seele mitf\u00fchlte. \u2013 Ich war ein Kind und kannte nicht die Ironie, die Gott in die Welt hineingeschaffen und die der gro\u00dfe Dichter in seiner gedruckten Kleinwelt nachgeahmt hatte, und ich konnte die bittersten Tr\u00e4nen vergie\u00dfen, wenn der edle Ritter f\u00fcr all seinen Edelmut nur Undank und Pr\u00fcgel<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+5\" name=\"406\"><\/a>\u00a0geno\u00df. Da ich, noch unge\u00fcbt im Lesen, jedes Wort laut aussprach, so konnten V\u00f6gel und B\u00e4ume, Bach und Blume alles mit anh\u00f6ren, und da solche unschuldige Naturwesen, ebenso wie die Kinder, von der Weltironie nichts wissen, so hielten sie gleichfalls alles f\u00fcr baren Ernst und weinten mit mir \u00fcber die Leiden des armen Ritters; sogar eine alte ausgediente Eiche schluchzte, und der Wasserfall sch\u00fcttelte heftiger seinen wei\u00dfen Bart und schien zu schelten auf die Schlechtigkeit der Welt. Wir f\u00fchlten, da\u00df der Heldensinn des Ritters darum nicht mindere Bewunderung verdient, wenn ihm der L\u00f6we ohne Kampflust den R\u00fccken kehrte, und da\u00df seine Taten um so preisenswerter, je schw\u00e4cher und ausged\u00f6rrter sein Leib, je morscher die R\u00fcstung, die ihn sch\u00fctzte, und je armseliger der Klepper, der ihn trug. Wir verachteten den niedrigen P\u00f6bel, der, geschm\u00fcckt mit buntseidenen M\u00e4nteln, vornehmen Redensarten und Herzogstiteln, einen Mann verh\u00f6hnte, der ihm an Geisteskraft und Edelsinn so weit \u00fcberlegen war. Dulcineas Ritter stieg immer h\u00f6her in meiner Achtung und gewann immer mehr meine Liebe, je l\u00e4nger ich in dem wundersamen Buche las, was in demselben Garten t\u00e4glich geschah, so da\u00df ich schon im Herbste das Ende der Geschichte erreichte \u2013 und nie werde ich den Tag vergessen, wo ich von dem kummervollen Zweikampfe las, worin der Ritter so schm\u00e4hlich unterliegen mu\u00dfte!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war ein tr\u00fcber Tag, h\u00e4\u00dfliche Nebelwolken zogen den grauen Himmel entlang, die gelben Bl\u00e4tter fielen schmerzlich von den B\u00e4umen, schwere Tr\u00e4nentropfen hingen an den letzten Blumen, die gar traurig welk die sterbenden K\u00f6pfchen senkten, die Nachtigallen waren l\u00e4ngst verschollen, von allen Seiten starrte mich an das Bild der Verg\u00e4nglichkeit \u2013 und mein Herz wollte schier brechen, als ich las, wie der edle Ritter bet\u00e4ubt und zermalmt am Boden lag und, ohne das Visier zu heben, als wenn er aus dem Grabe gesprochen h\u00e4tte, mit schwacher, kranker Stimme zu dem Sieger hinaufrief: \u203aDulcinea ist das sch\u00f6nste Weib der Welt und ich der ungl\u00fccklichste Ritter auf Erden, aber es ziemt sich nicht, da\u00df meine Schw\u00e4che diese Wahrheit verleugne \u2013 sto\u00dft zu mit der Lanze, Ritter!\u2039<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ach, dieser leuchtende Ritter vom silbernen Monde, der den mutigsten und edelsten Mann der Welt besiegte, war ein verkappter Barbier!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es sind nun acht Jahre, da\u00df ich, f\u00fcr den vierten Teil der \u00bbReisebilder\u00ab, diese Zeilen geschrieben, worin ich den Eindruck schilderte, den die Lekt\u00fcre des \u00bbDon Quixote\u00ab vor weit l\u00e4ngerer Zeit in meinem Geiste hervorbrachte. Lieber Himmel, wie doch die Jahre schnell dahinschwinden! Es ist mir, als habe ich erst gestern in der Seufzerallee des D\u00fcsseldorfer Hofgartens das Buch zu Ende gelesen und mein Herz sei noch ersch\u00fcttert von Bewunderung f\u00fcr die Taten und Leiden des gro\u00dfen Ritters. Ist mein Herz die ganze Zeit \u00fcber stabil geblieben, oder ist es, nach einem wunderbaren Kreislauf, zu den Gef\u00fchlen der Kindheit zur\u00fcckgekehrt? Das letztere mag wohl der Fall sein: denn ich erinnere mich, da\u00df ich in jedem Lustrum meines Lebens den \u00bbDon Quixote\u00ab mit abwechselnd verschiedenartigen Empfindungen gelesen habe. Als ich ins J\u00fcnglingsalter emporbl\u00fchete und mit unerfahrenen H\u00e4nden in die Rosenb\u00fcsche des Lebens hineingriff und auf die h\u00f6chsten Felsen klomm, um der Sonne n\u00e4her zu sein, und des Nachts von nichts tr\u00e4umte als von Adlern und reinen Jungfrauen, da war mir der \u00bbDon Quixote\u00ab ein sehr unerquickliches Buch, und lag es in meinem Wege, so schob ich es unwillig zur Seite. Sp\u00e4terhin, als ich zum Manne heranreifte, vers\u00f6hnte ich mich schon einigerma\u00dfen mit Dulcineas ungl\u00fccklichem K\u00e4mpen, und ich fing schon an, \u00fcber ihn zu lachen. \u00bbDer Kerl ist ein Narr\u00ab, sagte ich. Doch, sonderbarerweise, auf allen meinen Lebensfahrten verfolgten mich die Schattenbilder des d\u00fcrren Ritters und seines fetten Knappen, namentlich wenn ich an einen bedenklichen Scheideweg gelangte. So erinnere ich mich, als ich nach Frankreich reiste und eines Morgens im Wagen aus einem fieberhaften Halbschlummer erwachte, sah ich im Fr\u00fchnebel zwei wohlbekannte Gestalten neben mir einherreiten, und die eine, an meiner rechten Seite, war Don Quixote von der Mancha auf seiner abstrakten Rosinante, und die andere, zu meiner Linken, war Sancho Pansa auf seinem positiven Grauchen. Wir hatten eben die franz\u00f6sische Grenze erreicht. Der edle Manchaner beugte ehrfurchtsvoll das Haupt vor der dreifarbigen Fahne, die uns vom hohen Grenzpfahl entgegenflatterte, der gute Sancho gr\u00fc\u00dfte mit etwas k\u00fchlerem Kopfnicken die ersten franz\u00f6sischen Gendarmen, die unfern zum Vorschein kamen; endlich aber jagten beide Freunde mir voran, ich verlor sie aus dem Gesichte, und nur noch zuweilen h\u00f6rte ich Rosinantes begeistertes Gewieher und die bejahenden T\u00f6ne des Esels.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich war damals der Meinung, die L\u00e4cherlichkeit des Donquixotismus bestehe darin, da\u00df der edle Ritter eine l\u00e4ngst abgelebte Vergangenheit ins Leben zur\u00fcckrufen wollte und seine armen Glieder, namentlich sein R\u00fccken, mit den Tatsachen der Gegenwart in schmerzliche Reibungen gerieten. Ach, ich habe seitdem erfahren, da\u00df es eine ebenso undankbare Tollheit ist, wenn man die Zukunft allzu fr\u00fchzeitig in die Gegenwart einf\u00fchren will und bei solchem Ankampf gegen die schweren Interessen des Tages nur einen sehr mageren Klepper, eine sehr morsche R\u00fcstung und einen ebenso gebrechlichen K\u00f6rper besitzt! Wie \u00fcber jenen, so auch \u00fcber diesen Donquixotismus sch\u00fcttelt der Weise sein vern\u00fcnftiges Haupt. \u2013 Aber Dulcinea von Toboso ist dennoch das sch\u00f6nste Weib der Welt; obgleich ich elend zu Boden liege, nehme ich dennoch diese Behauptung nimmermehr zur\u00fcck, ich kann nicht anders \u2013 sto\u00dft zu mit euren Lanzen, ihr silberne Mondritter, ihr verkappte Barbiergesellen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Welcher Grundgedanke leitete den gro\u00dfen Cervantes, als er sein gro\u00dfes Buch schrieb? Beabsichtigte er nur den Ruin der Ritterromane, deren Lekt\u00fcre zu seiner Zeit in Spanien so stark grassierte, da\u00df geistliche und weltliche Verordnungen dagegen unm\u00e4chtig waren? Oder wollte er alle Erscheinungen der menschlichen Begeisterung \u00fcberhaupt und zun\u00e4chst das Heldentum der Schwertf\u00fchrer ins L\u00e4cherliche ziehen? Offenbar bezweckte er nur eine Satire gegen die erw\u00e4hnten Romane, die er, durch Beleuchtung ihrer Absurdit\u00e4ten, dem allgemeinen Gesp\u00f6tte und also dem Untergange \u00fcberliefern wollte. Dieses gelang ihm auch aufs gl\u00e4nzendste: denn was weder die Ermahnungen der Kanzel noch die Drohungen der Kanzelei bewerkstelligen konnten, das erwirkte ein armer Schriftsteller mit seiner Feder: er richtete die Ritterromane so gr\u00fcndlich zugrunde, da\u00df bald nach dem Erscheinen des \u00bbDon Quixote\u00ab der Geschmack f\u00fcr jene B\u00fccher in ganz Spanien erlosch und auch keins derselben mehr gedruckt ward. Aber die Feder des Genius ist immer gr\u00f6\u00dfer als er selber, sie reicht immer weit hinaus \u00fcber seine zeitlichen Absichten, und ohne da\u00df er sich dessen klar bewu\u00dft wurde, schrieb Cervantes die gr\u00f6\u00dfte Satire gegen die menschliche Begeisterung. Nimmermehr ahnte er dieses, er selber, der Held, welcher den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens in ritterlichen K\u00e4mpfen zugebracht hatte und im sp\u00e4ten Alter sich noch oft dar\u00fcber freute, da\u00df er in der Schlacht bei Lepanto mitgefochten, obgleich er diesen Ruhm mit dem Verluste seiner linken Hand bezahlt hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Person und Lebensverh\u00e4ltnisse des Dichters, der den \u00bbDon Quixote\u00ab geschrieben, wei\u00df der Biograph nur weniges zu melden. Wir verlieren nicht viel durch solchen Mangel an Notizen, die gew\u00f6hnlich bei den Frau Basen der Nachbarschaft aufgegabelt werden. Diese sehen ja nur die H\u00fclle; wir aber sehen den Mann selbst, seine wahre, treue, unverleumdete Gestalt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er war ein sch\u00f6ner, kr\u00e4ftiger Mann, Don Miguel Cervantes de Saavedra. Seine Stirn war hoch, und sein Herz war weit. Wundersam war die Zauberkraft seines Auges. Wie es Leute gibt, welche durch die Erde schauen und die darin begrabenen Sch\u00e4tze oder Leichen sehen k\u00f6nnen, so drang das Auge des gro\u00dfen Dichters durch die Brust der Menschen, und er sah deutlich, was dort vergraben. Den Guten war sein Blick ein Sonnenstrahl, der ihr Inneres freudig erhellte; den B\u00f6sen war sein Blick ein Schwert, das ihre Gef\u00fchle grausam zerschnitt. Sein Blick drang forschend in die Seele eines Menschen und sprach mit ihr, und wenn sie nicht antworten wollte, folterte er sie, und die Seele lag blutend auf der Folter, w\u00e4hrend vielleicht ihre leibliche H\u00fclle sich herablassend vornehm geb\u00e4rdete. Was Wunder, da\u00df ihm dadurch sehr viele Leute abhold wurden und ihn auf seiner irdischen Laufbahn nur saumselig bef\u00f6rderten! Auch gelangte er niemals zu Rang und Wohlstand, und von all seinen m\u00fchseligen Pilgerfahrten brachte er keine Perlen, sondern nur leere Muscheln nach Hause. Man sagt, er habe den Wert des Geldes nicht zu sch\u00e4tzen gewu\u00dft; aber ich versichere euch, er wu\u00dfte den Wert des Geldes sehr zu sch\u00e4tzen, sobald er keins mehr hatte. Nie aber sch\u00e4tzte er es so hoch wie seine Ehre. Er hatte Schulden, und in einer von ihm verfa\u00dften Charte, die Apollo den Dichtern oktroyiert, bestimmt der erste Paragraph: wenn ein Dichter versichert, kein Geld zu haben, so solle man ihm aufs Wort glauben und keinen Eid von ihm verlangen. Er liebte Musik, Blumen und Weiber. Doch auch in der Liebe f\u00fcr letztere ging es ihm manchmal herzlich schlecht, namentlich als er noch jung war. Konnte das Bewu\u00dftsein k\u00fcnftiger Gr\u00f6\u00dfe ihn genugsam tr\u00f6sten in seiner Jugend, wenn schnippische Rosen ihn mit ihren Dornen verletzten? \u2013 Einst an einem hellen Sommernachmittag ging er, ein junger Fant, am Tajo spazieren mit einer sechzehnj\u00e4hrigen Sch\u00f6nen, die sich best\u00e4ndig \u00fcber seine Z\u00e4rtlichkeit mokierte. Die Sonne war noch nicht untergegangen, sie gl\u00fchte noch in ihrer goldigsten Pracht; aber oben am Himmel stand schon der Mond, winzig und bla\u00df, wie ein wei\u00dfes W\u00f6lkchen. \u00bbSiehst du\u00ab, sprach der junge Dichter zu seiner Geliebten, \u00bbsiehst du dort oben jene kleine bleiche Scheibe? Der Flu\u00df hier neben uns, worin sie sich abspiegelt, scheint nur aus Mitleiden ihr \u00e4rmliches Abbild auf seinen stolzen Fluten zu tragen, und die gekr\u00e4uselten Wellen werfen es zuweilen spottend ans Ufer. Aber la\u00df nur den alten Tag verd\u00e4mmern! Sobald die Dunkelheit anbricht, ergl\u00fcht droben jene blasse Scheibe immer herrlicher und herrlicher, der ganze Flu\u00df wird \u00fcberstrahlt von ihrem Lichte, und die Wellen, die vorhin so wegwerfend \u00fcberm\u00fctig, erschauern jetzt bei dem Anblick dieses gl\u00e4nzenden Gestirns und schwellen ihm entgegen mit Wollust.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In den Werken der Dichter mu\u00df man ihre Geschichte suchen, und hier findet man ihre geheimsten Bekenntnisse. \u00dcberall, mehr noch in seinen Dramen als im \u00bbDon Quixote\u00ab, sehen wir, was ich bereits erw\u00e4hnt habe, da\u00df Cervantes lange Zeit Soldat war. In der Tat, das r\u00f6mische Wort: \u00bbLeben hei\u00dft Krieg f\u00fchren!\u00ab findet auf ihn seine doppelte Anwendung. Als gemeiner Soldat k\u00e4mpfte er in den meisten jener wilden Waffenspiele, die K\u00f6nig Philipp II. zur Ehre Gottes und seiner eigenen Lust in allen Landen auff\u00fchrte. Dieser Umstand, da\u00df Cervantes dem gr\u00f6\u00dften K\u00e4mpen des Katholizismus seine ganze Jugend gewidmet, da\u00df er f\u00fcr die katholischen Interessen pers\u00f6nlich gek\u00e4mpft, l\u00e4\u00dft vermuten, da\u00df diese Interessen ihm auch teuer am Herzen lagen, und widerlegt wird dadurch jene vielverbreitete Meinung, da\u00df nur die Furcht vor der Inquisition ihn abgehalten habe, die protestantischen Zeitgedanken im \u00bbDon Quixote\u00ab zu besprechen. Nein, Cervantes war ein getreuer Sohn der r\u00f6mischen Kirche, und nicht blo\u00df blutete sein Leib im ritterlichen Kampfe f\u00fcr ihre gebenedeite Fahne, sondern er litt f\u00fcr sie auch mit seiner ganzen Seele das peinlichste M\u00e4rtyrtum w\u00e4hrend seiner langj\u00e4hrigen Gefangenschaft unter den Ungl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dem Zufall verdanken wir mehr Details \u00fcber das Treiben des Cervantes zu Algier, und hier erkennen wir in dem gro\u00dfen Dichter einen ebenso gro\u00dfen Helden. Die Gefangenschaftsgeschichte widerspricht aufs gl\u00e4nzendste der melodischen L\u00fcge jenes glatten Lebemannes, der dem Augustus und allen deutschen Schulf\u00fcchsen weisgemacht hat, er sei ein Dichter, und Dichter seien feige. Nein, der wahre Dichter ist auch ein wahrer Held, und in seiner Brust wohnt die Geduld, die, wie der Spanier sagt, ein zweiter Mut ist. Es gibt kein erhabeneres Schauspiel als den Anblick jenes edeln Kastilianers, der dem Dei zu Algier als Sklave dient, best\u00e4ndig auf Befreiung sinnt, seine k\u00fchnen Plane unerm\u00fcdlich vorbereitet, allen Gefahren ruhig entgegenblickt und, wenn das Unternehmen scheitert, lieber Tod und Folter ertr\u00fcge, als da\u00df er nur mit einer Silbe die Mitschuldigen verriete. Der blutgierige Herr seines Leibes wird entwaffnet von soviel Gro\u00dfmut und Tugend, der Tiger schont den gefesselten L\u00f6wen und zittert vor dem schrecklichen Einarm, den er doch mit einem Wort in den Tod schicken k\u00f6nnte. Unter dem Namen \u00bbder Einarm\u00ab ist Cervantes in ganz Algier bekannt, und der Dei gesteht, da\u00df er ruhig schlafen k\u00f6nne und der Ruhe seiner Stadt, seiner Armee und seiner Sklaven versichert sei, wenn er nur den einh\u00e4ndigen Spanier in festem Gewahrsam wisse.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe erw\u00e4hnt, da\u00df Cervantes best\u00e4ndig gemeiner Soldat war; aber da er sogar in so untergeordneter Stellung sich auszeichnen und namentlich seinem gro\u00dfen Feldherrn, Don Juan d&#8217;Austria, bemerkbar machen konnte, so erhielt er, als er aus Italien nach Spanien zur\u00fcckkehren wollte, die r\u00fchmlichsten Zeugnisbriefe f\u00fcr den K\u00f6nig, dem seine Bef\u00f6rderung darin nachdr\u00fccklich empfohlen ward. Als nun die algierischen Korsaren, die ihn auf dem Mittell\u00e4ndischen Meere gefangennahmen, diese Briefe sahen, hielten sie ihn f\u00fcr eine Person von \u00e4u\u00dferst bedeutendem Stande und forderten deshalb ein so erh\u00f6hetes L\u00f6segeld, da\u00df seine Familie, trotz aller M\u00fchen und Opfer, ihn nicht loszukaufen vermochte und der arme Dichter dadurch desto l\u00e4nger und qualsamer in der Gefangenschaft gehalten wurde. So ward sogar die Anerkennung seiner Vortrefflichkeit f\u00fcr ihn nur eine neue Quelle des Ungl\u00fccks, und so, bis ans Ende seiner Tage, spottete seiner jenes grausame Weib, die G\u00f6ttin Fortuna, die es dem Genius nie verzeiht, da\u00df er auch ohne ihre G\u00f6nnerschaft zu Ruhm und Ehre gelangen kann.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber ist das Ungl\u00fcck des Genius immer nur das Werk eines blinden Zufalls, oder entspringt es als Notwendigkeit aus seiner innern Natur und der Natur seiner Umgebung? Tritt seine Seele in Kampf mit der Wirklichkeit, oder beginnt die rohe Wirklichkeit einen ungleichen Kampf mit seiner edeln Seele?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Gesellschaft ist eine Republik. Wenn der einzelne emporstrebt, dr\u00e4ngt ihn die Gesamtheit zur\u00fcck durch Ridik\u00fcle und Verl\u00e4sterung. Keiner soll tugendhafter und geistreicher sein als die \u00fcbrigen. Wer aber durch die unbeugsame Gewalt des Genius hinausragt \u00fcber das banale Gemeindema\u00df, diesen trifft der Ostrazismus der Gesellschaft, sie verfolgt ihn mit so gnadenloser Verspottung und Verleumdung, da\u00df er sich endlich zur\u00fcckziehen mu\u00df in die Einsamkeit seiner Gedanken.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja, die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach republikanisch. Jede F\u00fcrstlichkeit ist ihr verha\u00dft, die geistige ebensosehr wie die materielle. Letztere st\u00fctzt nicht selten auch die erstere mehr, als man gew\u00f6hnlich ahnt. Gelangten wir doch selber zu dieser Einsicht bald nach der Juliusrevolution, als der Geist des Republikanismus in allen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen sich kundgab. Der Lorbeer eines gro\u00dfen Dichters war unsern Republikanern ebenso verha\u00dft wie der Purpur eines gro\u00dfen K\u00f6nigs. Auch die geistigen Unterschiede der Menschen wollten sie vertilgen, und indem sie alle Gedanken, die auf dem Territorium des Staates entsprossen, als b\u00fcrgerliches Gemeingut betrachteten, blieb ihnen nichts mehr \u00fcbrig, als auch die Gleichheit des Stils zu dekretieren. Und in der Tat, ein guter Stil wurde als etwas Aristokratisches verschrien, und vielfach h\u00f6rten wir die Behauptung: \u00bbDer echte Demokrat schreibt, wie das Volk, herzlich schlicht und schlecht.\u00ab Den meisten M\u00e4nnern der Bewegung gelang dieses sehr leicht; aber nicht jedem ist es gegeben, schlecht zu schreiben, zumal wenn man sich zuvor das Sch\u00f6nschreiben angew\u00f6hnt hatte, und da hie\u00df es gleich: \u00bbDas ist ein Aristokrat, ein Liebhaber der Form, ein Freund der Kunst, ein Feind des Volks.\u00ab Sie meinten es gewi\u00df ehrlich wie der heilige Hieronymus, der seinen guten Stil f\u00fcr eine S\u00fcnde hielt und sich weidlich daf\u00fcr gei\u00dfelte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ebensowenig wie antikatholische finden wir auch antiabsolutistische Kl\u00e4nge im \u00bbDon Quixote\u00ab. Kritiker, welche dergleichen darin wittern, sind offenbar im Irrtum. Cervantes war der Sohn einer Schule, welche den unbedingten Gehorsam f\u00fcr den Oberherrn sogar poetisch idealisiert hatte. Und dieser Oberherr war K\u00f6nig von Spanien zu einer Zeit, wo die Majest\u00e4t desselben die ganze Welt \u00fcberstrahlte. Der gemeine Soldat f\u00fchlte sich im Lichtstrahl jener Majest\u00e4t und opferte gern seine individuelle Freiheit f\u00fcr solche Befriedigung des kastilianischen Nationalstolzes.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die politische Gr\u00f6\u00dfe Spaniens zu jener Zeit mochte nicht wenig das Gem\u00fct seiner Schriftsteller erh\u00f6hen und erweitern. Auch im Geiste eines spanischen Dichters ging die Sonne nicht<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+5\" name=\"414\">[414]<\/a> unter, wie im Reiche Karls V. Die wilden K\u00e4mpfe mit den Morisken waren beendigt, und wie nach einem Gewitter die Blumen am st\u00e4rksten duften, so erbl\u00fcht die Poesie immer am herrlichsten nach einem B\u00fcrgerkrieg. Dieselbe Erscheinung sehen wir in England zur Zeit der Elisabeth, und gleichzeitig mit Spanien entsprang dort eine Dichterschule, die zu merkw\u00fcrdigen Vergleichungen auffordert. Dort sehen wir Shakespeare, hier Cervantes als die Bl\u00fcte der Schule.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie die spanischen Dichter unter den drei Philippen, so haben auch die englischen unter der Elisabeth eine gewisse Familien\u00e4hnlichkeit, und weder Shakespeare noch Cervantes k\u00f6nnen auf Originalit\u00e4t in unserem Sinne Anspruch machen. Sie unterscheiden sich von ihren Zeitgenossen keineswegs durch besonderes F\u00fchlen und Denken oder besondere Darstellungsart, sondern nur durch bedeutendere Tiefe, Innigkeit, Z\u00e4rte und Kraft; ihre Dichtungen sind mehr durchdrungen und umflossen vom \u00c4ther der Poesie.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber beide Dichter sind nicht blo\u00df die Bl\u00fcte ihrer Zeit, sondern sie waren auch die Wurzel der Zukunft. Wie Shakespeare durch den Einflu\u00df seiner Werke, namentlich auf Deutschland und das heutige Frankreich, als der Stifter der sp\u00e4teren dramatischen Kunst zu betrachten ist, so m\u00fcssen wir im Cervantes den Stifter des modernen Romans verehren. Hier\u00fcber erlaube ich mir einige fl\u00fcchtige Bemerkungen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der \u00e4ltere Roman, der sogenannte Ritterroman, entsprang aus der Poesie des Mittelalters; er war zuerst eine prosaische Bearbeitung jener epischen Gedichte, deren Helden zum Sagenkreise Karls des Gro\u00dfen und des heiligen Grals geh\u00f6rten; immer bestand der Stoff aus ritterlichen Abenteuern. Es war der Roman des Adels, und die Personen, die darin agierten, waren entweder fabelhafte Phantasiegebilde oder Reiter mit goldenen Sporen; nirgends eine Spur von Volk. Diese Ritterromane, die in der absurdesten Weise ausarteten, st\u00fcrzte Cervantes durch seinen \u00bbDon Quixote\u00ab. Aber indem er eine Satire schrieb, die den \u00e4lteren Roman zugrunde richtete, lieferte er selber wieder das Vorbild zu einer neuen Dichtungsart, die wir den modernen Roman nennen. So pflegen immer gro\u00dfe Poeten zu verfahren: sie begr\u00fcnden zugleich etwas Neues, indem sie das Alte zerst\u00f6ren; sie negieren nie, ohne etwas zu bejahen. Cervantes stiftete den modernen Roman, indem er in den Ritterroman die getreue Schilderung der niederen Klassen einf\u00fchrte, indem er ihm das Volksleben beimischte. Die Neigung, das Treiben des gemeinsten P\u00f6bels, des verworfensten Lumpenpacks zu beschreiben, geh\u00f6rt nicht blo\u00df dem Cervantes, sondern der ganzen literarischen Zeitgenossenschaft, und sie findet sich wie bei den Poeten so auch bei den Malern des damaligen Spanien; ein Murillo, der dem Himmel die heiligsten Farben stahl, womit er seine sch\u00f6nen Madonnen malte, konterfeite mit derselben Liebe auch die schmutzigsten Erscheinungen dieser Erde. Es war vielleicht die Begeisterung f\u00fcr die Kunst selber, wenn diese edeln Spanier manchmal an der treuen Abbildung eines Betteljungen, der sich laust, dasselbe Vergn\u00fcgen empfanden wie an der Darstellung der hochgebenedeiten Jungfrau. Oder es war der Reiz des Kontrastes, welcher eben die vornehmsten Edelleute, einen geschniegelten Hofmann wie Quevedo oder einen m\u00e4chtigen Minister wie Mendoza, antrieb, ihre zerlumpten Bettler- und Gaunerromane zu schreiben; sie wollten sich vielleicht aus der Eint\u00f6nigkeit ihrer Standesumgebung durch die Phantasie in eine entgegengesetzte Lebenssph\u00e4re versetzen, wie wir dasselbe Bed\u00fcrfnis bei manchen deutschen Schriftstellern finden, die ihre Romane nur mit Schilderungen der vornehmen Welt f\u00fcllen und ihre Helden immer zu Grafen und Baronen machen. Bei Cervantes finden wir noch nicht diese einseitige Richtung, das Unedle ganz abgesondert darzustellen; er vermischt nur das Ideale mit dem Gemeinen, das eine dient dem andern zur Abschattung oder zur Beleuchtung, und das adelt\u00fcmliche Element ist darin noch ebenso m\u00e4chtig wie das volkst\u00fcmliche. Dieses adelt\u00fcmliche, chevalereske, aristokratische Element verschwindet aber ganz in dem Roman der Engl\u00e4nder, die den Cervantes zuerst nachgeahmt und ihn bis auf den heutigen Tag immer als Vorbild vor Augen haben. Es sind prosaische Naturen, diese englischen Romandichter seit Richardsons Regierung, der pr\u00fcde Geist ihrer Zeit widerstrebt sogar aller kernigen Schilderung des gemeinen Volkslebens, und wir sehen jenseit des Kanals jene b\u00fcrgerlichen Romane entstehen, worin das n\u00fcchterne Kleinleben der Bourgeoisie sich abspiegelt. Diese kl\u00e4gliche Lekt\u00fcre \u00fcberw\u00e4sserte das englische Publikum bis auf die letzte Zeit, wo der gro\u00dfe Schotte auftrat, der im Roman eine Revolution oder eigentlich eine Restauration bewirkte. Wie n\u00e4mlich Cervantes das demokratische Element in den Roman hineinbrachte, als darin nur das einseitig rittert\u00fcmliche herrschend war, so brachte Walter Scott in den Roman wieder das aristokratische Element zur\u00fcck, als dieses g\u00e4nzlich darin erloschen war und nur prosaische Spie\u00dfb\u00fcrgerlichkeit dort ihr Wesen trieb. Durch ein entgegengesetztes Verfahren hat Walter Scott dem Roman jenes sch\u00f6ne Ebenma\u00df wiedergegeben, welches wir im \u00bbDon Quixote\u00ab des Cervantes bewundern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, in dieser Beziehung ist das Verdienst des zweiten gro\u00dfen Dichters Englands noch nie anerkannt worden. Seine toryschen Neigungen, seine Vorliebe f\u00fcr die Vergangenheit waren heilsam f\u00fcr die Literatur, f\u00fcr jene Meisterwerke seines Genius, die \u00fcberall sowohl Anklang als Nachahmung fanden und die aschgrauen Schemen des b\u00fcrgerlichen Romans in die dunkleren Winkel der Leihbibliotheken verdr\u00e4ngten. Es ist ein Irrtum, wenn man Walter Scott nicht als den wahren Begr\u00fcnder des sogenannten historischen Romans ansehen will und letztern von deutschen Anregungen herleitet. Man verkennt, da\u00df das Charakteristische der historischen Romane eben in der Harmonie des aristokratischen und demokratischen Elements besteht; da\u00df Walter Scott diese Harmonie, welche w\u00e4hrend der Alleinherrschaft des demokratischen Elements gest\u00f6rt war, durch die Wiedereinsetzung des aristokratischen Elements aufs sch\u00f6nste herstellte, statt da\u00df unsere deutschen Romantiker das demokratische Element in ihren Romanen g\u00e4nzlich verleugneten und wieder in das aberwitzige Gleise des Ritterromans, der vor Cervantes bl\u00fchte, zur\u00fcckkehrten.<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+5\" name=\"417\">[417]<\/a> Unser de la Motte Fouqu\u00e9 ist nichts als ein Nachz\u00fcgler jener Dichter, die den \u00bbAmadis von Gallien\u00ab und \u00e4hnliche Abenteuerlichkeiten zur Welt gebracht, und ich bewundere nicht blo\u00df das Talent, sondern auch den Mut, womit der edle Freiherr zweihundert Jahre nach dem Erscheinen des \u00bbDon Quixote\u00ab seine Ritterb\u00fccher geschrieben hat. Es war eine sonderbare Periode in Deutschland, als letztere erschienen und das Publikum daran Gefallen fand. Was bedeutete in der Literatur diese Vorliebe f\u00fcr das Rittertum und die Bilder der alten Feudalzeit? Ich glaube, das deutsche Volk wollte auf immer Abschied nehmen von dem Mittelalter; aber ger\u00fchrt, wie wir es leicht sind, nahmen wir Abschied mit einem Kusse. Wir dr\u00fcckten zum letzten Male unsere Lippen auf die alten Leichensteine. Mancher von uns freilich geb\u00e4rdete sich dabei h\u00f6chst n\u00e4rrisch. Ludwig Tieck, der kleine Junge der Schule, grub die toten Voreltern aus dem Grabe heraus, schaukelte ihren Sarg, als w\u00e4r es eine Wiege, und mit aberwitzig kindischem Lallen sang er dabei: \u00bbSchlaf, Gro\u00dfv\u00e4terchen, schlafe!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe Walter Scott den zweiten gro\u00dfen Dichter Englands und seine Romane Meisterwerke genannt. Aber nur seinem Genius wollte ich das h\u00f6chste Lob erteilen. Seine Romane selbst kann ich dem gro\u00dfen Roman des Cervantes keineswegs gleichstellen. Dieser \u00fcbertrifft ihn an epischem Geist. Cervantes war, wie ich schon erw\u00e4hnt habe, ein katholischer Dichter, und dieser Eigenschaft verdankt er vielleicht jene gro\u00dfe epische Seelenruhe, die, wie ein Kristallhimmel, seine bunten Dichtungen \u00fcberw\u00f6lbt: nirgends eine Spalte des Zweifels. Dazu k\u00f6mmt noch die Ruhe des spanischen Nationalcharakters. Walter Scott aber geh\u00f6rt einer Kirche, welche selbst die g\u00f6ttlichen Dinge einer scharfen Diskussion unterwirft; als Advokat und Schotte ist er gew\u00f6hnt an Handlung und Diskussion, und wie in seinem Geiste und Leben, so ist auch in seinen Romanen das Dramatische vorherrschend. Seine Werke k\u00f6nnen daher nimmermehr als reine Muster jener Dichtungsart, die wir Roman nennen, betrachtet werden. Den Spaniern geb\u00fchrt der Ruhm, den besten Roman hervorgebracht zu haben, wie man den Engl\u00e4ndern den Ruhm zusprechen mu\u00df, da\u00df sie im Drama das H\u00f6chste geleistet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und den Deutschen, welche Palme bleibt ihnen \u00fcbrig? Nun, wir sind die besten Liederdichter dieser Erde. Kein Volk besitzt so sch\u00f6ne Lieder wie die Deutschen. Jetzt haben die V\u00f6lker allzu viele politische Gesch\u00e4fte; wenn aber diese einmal abgetan sind, wollen wir Deutsche, Briten, Spanier, Franzosen, Italiener, wir wollen alle hinausgehen in den gr\u00fcnen Wald und singen, und die Nachtigall soll Schiedsrichterin sein. Ich bin \u00fcberzeugt, bei diesem Wettgesange wird das Lied von Wolfgang Goethe den Preis gewinnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Cervantes, Shakespeare und Goethe bilden das Dichtertriumvirat, das in den drei Gattungen poetischer Darstellung, im Epischen, Dramatischen und Lyrischen, das H\u00f6chste hervorgebracht. Vielleicht ist der Schreiber dieser Bl\u00e4tter besonders befugt, unsern gro\u00dfen Landsmann als den vollendetsten Liederdichter zu preisen. Goethe steht in der Mitte zwischen den beiden Ausartungen des Liedes, jenen zwei Schulen, wovon die eine leider mit meinem eigenen Namen, die andere mit dem Namen Schwabens bezeichnet wird. Beide freilich haben ihre Verdienste: sie f\u00f6rderten indirekterweise das Gedeihen der deutschen Poesie. Die erstere bewirkte eine heilsame Reaktion gegen den einseitigen Idealismus im deutschen Liede, sie f\u00fchrte den Geist zur\u00fcck zur starken Realit\u00e4t und entwurzelte jenen sentimentalen Petrarchismus, der uns immer als eine lyrische Donquichotterie erschienen ist. Die schw\u00e4bische Schule wirkte ebenfalls indirekt zum Heile der deutschen Poesie. Wenn in Norddeutschland kr\u00e4ftig gesunde Dichtungen zum Vorschein kommen konnten, so verdankt man dieses vielleicht der schw\u00e4bischen Schule, die alle kr\u00e4nkliche, bleichs\u00fcchtige, fromm gem\u00fctliche Feuchtigkeiten der deutschen Muse an sich zog. Stuttgart war gleichsam die Fontanelle der deutschen Muse.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Indem ich die h\u00f6chsten Leistungen im Drama, im Roman und im Liede dem erw\u00e4hnten gro\u00dfen Triumvirate zuschreibe, bin ich weit davon entfernt, an dem poetischen Werte anderer gro\u00dfen Dichter zu m\u00e4keln. Nichts ist t\u00f6richter als die Frage, welcher Dichter gr\u00f6\u00dfer sei als der andere. Flamme ist Flamme, und ihr Gewicht l\u00e4\u00dft sich nicht bestimmen nach Pfund und Unze. Nur platter Kr\u00e4mersinn kommt mit seiner sch\u00e4bigen K\u00e4sewaage und will den Genius wiegen. Nicht blo\u00df die Alten, sondern auch manche Neuere haben Dichtungen geliefert, worin die Flamme der Poesie ebenso prachtvoll lodert wie in den Meisterwerken von Shakespeare, Cervantes und Goethe. Jedoch diese Namen halten zusammen wie durch ein geheimes Band. Es strahlt ein verwandter Geist aus ihren Sch\u00f6pfungen; es weht darin eine ewige Milde, wie der Atem Gottes; es bl\u00fcht darin die Bescheidenheit der Natur. Wie an Shakespeare erinnert Goethe auch best\u00e4ndig an Cervantes, und diesem \u00e4hnelt er bis in die Einzelnheiten des Stils, in jener behaglichen Prosa, die von der s\u00fc\u00dfesten und harmlosesten Ironie gef\u00e4rbt ist. Cervantes und Goethe gleichen sich sogar in ihren Untugenden: in der Weitschweifigkeit der Rede, in jenen langen Perioden, die wir zuweilen bei ihnen finden und die einem Aufzug k\u00f6niglicher Equipagen vergleichbar. Nicht selten sitzt nur ein einziger Gedanke in so einer breitausgedehnten Periode, die wie eine gro\u00dfe vergoldete Hofkutsche mit sechs panaschierten Pferden gravit\u00e4tisch dahinf\u00e4hrt. Aber dieser einzige Gedanke ist immer etwas Hohes, wo nicht gar der Souver\u00e4n.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den Geist des Cervantes und den Einflu\u00df seines Buches habe ich nur mit wenigen Andeutungen reden k\u00f6nnen. \u00dcber den eigentlichen Kunstwert seines Romans kann ich mich hier noch weniger verbreiten, indem Er\u00f6rterungen zur Sprache k\u00e4men, die allzuweit ins Gebiet der \u00c4sthetik hinabf\u00fchren w\u00fcrden. Ich darf hier auf die Form seines Romans und die zwei Figuren, die den Mittelpunkt desselben bilden, nur im allgemeinen aufmerksam machen. Die Form ist n\u00e4mlich die der Reisebeschreibung, wie solches von jeher die nat\u00fcrlichste Form f\u00fcr diese Dichtungsart. Ich erinnere hier nur an den \u00bbGoldenen Esel\u00ab des Apulejus, den ersten Roman des Altertums. Der Einf\u00f6rmigkeit dieser Form haben die sp\u00e4teren Dichter durch das, was wir heute die Fabel des Romans nennen, abzuhelfen gesucht. Aber wegen Armut an Erfindung haben jetzt die meisten Romanschreiber ihre Fabeln voneinander geborgt, wenigstens haben die einen mit wenig Modifikationen immer die Fabeln der andern benutzt, und durch die dadurch entstehende Wiederkehr derselben Charaktere, Situationen und Verwicklungen ward dem Publikum am Ende die Romanlekt\u00fcre einigerma\u00dfen verleidet. Um sich vor der Langweiligkeit abgedroschener Romanfabeln zu retten, fl\u00fcchtete man sich f\u00fcr einige Zeit in die uralte, urspr\u00fcngliche Form der Reisebeschreibung. Diese wird aber wieder ganz verdr\u00e4ngt, sobald ein Originaldichter mit neuen, frischen Romanfabeln auftritt. In der Literatur wie in der Politik bewegt sich alles nach dem Gesetz der Aktion und Reaktion.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was nun jene zwei Gestalten betrifft, die sich Don Quixote und Sancho Pansa nennen, sich best\u00e4ndig parodieren und doch so wunderbar erg\u00e4nzen, da\u00df sie den eigentlichen Helden des Romans bilden, so zeugen sie im gleichen Ma\u00dfe von dem Kunstsinn wie von der Geistestiefe des Dichters. Wenn andere Schriftsteller, in deren Roman der Held nur als einzelne Person durch die Welt zieht, zu Monologen, Briefen oder Tageb\u00fcchern ihre Zuflucht nehmen m\u00fcssen, um die Gedanken und Empfindungen des Helden kundzugeben, so kann Cervantes \u00fcberall einen nat\u00fcrlichen Dialog hervortreten lassen; und indem die eine Figur immer die Rede der andern parodiert, tritt die Intention des Dichters um so sichtbarer hervor. Vielfach nachgeahmt ward seitdem die Doppelfigur, die dem Roman des Cervantes eine so kunstvolle Nat\u00fcrlichkeit verleiht und aus deren Charakter, wie aus einem einzigen Kern, der ganze Roman mit all seinem wilden Laubwerk, seinen duftigen Bl\u00fcten, strahlenden Fr\u00fcchten und Affen und Wunderv\u00f6geln, die sich auf den Zweigen wiegen, gleich einem indischen Riesenbaum sich entfaltet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber es w\u00e4re ungerecht, hier alles auf Rechnung sklavischer Nachahmung zu setzen; sie lag so nahe, die Einf\u00fchrung solcher zwei Figuren wie Don Quixote und Sancho Pansa, wovon die eine, die poetische, auf Abenteuer zieht und die andere, halb aus Anh\u00e4nglichkeit, halb aus Eigennutz, hinterdreinl\u00e4uft durch Sonnenschein und Regen, wie wir selber sie oft im Leben begegnet haben. Um dieses Paar, unter den verschiedenartigsten Vermummungen, \u00fcberall wiederzuerkennen, in der Kunst wie im Leben, mu\u00df man freilich nur das Wesentliche, die geistige Signatur, nicht das Zuf\u00e4llige ihrer \u00e4u\u00dfern Erscheinung ins Auge fassen. Der Beispiele k\u00f6nnte ich unz\u00e4hlige anf\u00fchren. Finden wir Don Quixote und Sancho Pansa nicht ebensogut in den Gestalten Don Juans und Leporellos wie etwa in der Person Lord Byrons und seines Bedienten Fletcher? Erkennen wir dieselben zwei Typen und ihr Wechselverh\u00e4ltnis nicht in der Gestalt des Ritters von Waldsee und seines Kaspar Larifari ebensogut wie in der Gestalt von so manchem Schriftsteller und seinem Buchh\u00e4ndler, welcher letztere die Narrheiten seines Autors wohl einsieht, aber dennoch, um reellen Vorteil daraus zu ziehen, ihn getreusam auf allen seinen idealen Irrfahrten begleitet? Und der Herr Verleger Sancho, wenn er auch manchmal nur P\u00fcffe bei diesem Gesch\u00e4fte gewinnt, bleibt doch immer fett, w\u00e4hrend der edle Ritter t\u00e4glich immer mehr und mehr abmagert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber nicht blo\u00df unter M\u00e4nnern, sondern auch unter Frauenzimmern habe ich \u00f6fters die Typen Don Quixotes und seines Schildknappen wiedergefunden. Namentlich erinnere ich mich einer sch\u00f6nen Engl\u00e4nderin, einer schw\u00e4rmerischen Blondine, die mit ihrer Freundin aus einer Londoner M\u00e4dchenpension entsprungen war und die ganze Welt durchziehen wollte, um ein so edles M\u00e4nnerherz zu suchen, wie sie es in sanften Mondscheinn\u00e4chten getr\u00e4umt hatte. Die Freundin, eine untersetzte Br\u00fcnette, hoffte bei dieser Gelegenheit, wenn auch nicht etwas ganz apartes Ideale, doch wenigstens einen Mann von gutem Aussehen zu erbeuten. Ich sehe sie noch mit ihren liebes\u00fcchtigen blauen Augen, die schlanke Gestalt, wie sie am Strande von Brighton weit \u00fcber das flutende Meer nach der franz\u00f6sischen K\u00fcste hin\u00fcberschmachtete&#8230; Ihre Freundin knackte unterdessen Haseln\u00fcsse, freute sich des s\u00fc\u00dfen Kerns und warf die Schalen ins Wasser.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jedoch weder in den Meisterwerken anderer K\u00fcnstler noch in der Natur selber finden wir die erw\u00e4hnten beiden Typen in ihrem Wechselverh\u00e4ltnisse so genau ausgef\u00fchrt wie bei Cervantes. Jeder Zug im Charakter und der Erscheinung des einen entspricht hier einem entgegengesetzten und doch verwandten Zuge bei dem andern. Hier hat jede Einzelnheit eine parodistische Bedeutung. Ja, sogar zwischen Rosinanten und Sanchos Grauchen herrscht derselbe ironische Parallelismus wie zwischen dem Knappen und seinem Ritter, und auch die beiden Tiere sind gewisserma\u00dfen die symbolischen Tr\u00e4ger derselben Ideen. Wie in ihrer Denkungsart, so offenbaren Herr und Diener auch in ihrer Sprache die merkw\u00fcrdigsten Gegens\u00e4tze, und hier kann ich nicht umhin, der Schwierigkeiten zu erw\u00e4hnen, welche der \u00dcbersetzer zu \u00fcberwinden hatte, der die hausbackene, knorrige, niedrige Sprechart des guten Sancho ins Deutsche \u00fcbertrug. Durch seine gehackte, nicht selten unsaubere Sprichw\u00f6rtlichkeit mahnt der gute Sancho ganz an den Narren des K\u00f6nigs Salomon, an Markulf, der ebenfalls einem pathetischen Idealismus gegen\u00fcber das Erfahrungswissen des gemeinen Volkes in kurzen Spr\u00fcchen vortr\u00e4gt. Don Quixote hingegen redet die Sprache der Bildung, des h\u00f6heren Standes, und auch in der Grandezza des wohlger\u00fcndeten Periodenbaues repr\u00e4sentiert er den vornehmen Hidalgo. Zuweilen ist dieser Periodenbau allzuweit ausgesponnen, und die Sprache des Ritters gleicht einer stolzen Hofdame in aufgebauschtem Seidenkleid mit langer rauschender Schleppe. Aber die Grazien, als Pagen verkleidet, tragen l\u00e4chelnd einen Zipfel dieser Schleppe: die langen Perioden schlie\u00dfen mit den anmutigsten Wendungen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Den Charakter der Sprache Don Quixotes und Sancho Pansas res\u00fcmieren wir in den Worten: der erstere, wenn er redet, scheint immer auf seinem hohen Pferde zu sitzen, der andere spricht, als s\u00e4\u00dfe er auf seinem niedrigen Esel.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mir bliebe noch \u00fcbrig, von den Illustrationen zu sprechen, womit die Verlagshandlung diese neue \u00dcbersetzung des \u00bbDon Quixote\u00ab, die ich hier bevorworte, ausgeschm\u00fcckt hat. Diese Ausgabe ist das erste der sch\u00f6nen Literatur angeh\u00f6rige Buch, das in Deutschland auf diese Weise verziert ans Licht tritt. In England und namentlich in Frankreich sind dergleichen Illustrationen an der Tagesordnung und finden einen fast enthusiastischen Beifall. Deutsche Gewissenhaftigkeit und Gr\u00fcndlichkeit wird aber gewi\u00df die Frage aufwerfen: Sind den Interessen wahrer Kunst dergleichen Illustrationen f\u00f6rderlich? Ich glaube nicht. Zwar zeigen sie, wie die geistreich und leicht schaffende Hand eines Malers die Gestalten des Dichters auffa\u00dft und wiedergibt; sie bieten auch f\u00fcr die etwaige Erm\u00fcdung durch die Lekt\u00fcre eine angenehme Unterbrechung; aber sie sind ein Zeichen mehr, wie die Kunst, herabgezerrt von dem Piedestale ihrer Selbst\u00e4ndigkeit, zur Dienerin des Luxus entw\u00fcrdigt wird. Und dann ist hier f\u00fcr den K\u00fcnstler nicht blo\u00df die Gelegenheit und Verf\u00fchrung, sondern sogar die Verpflichtung, seinen Gegenstand nur fl\u00fcchtig zu ber\u00fchren, ihn beileibe nicht zu ersch\u00f6pfen. Die Holzschnitte in alten B\u00fcchern dienten anderen Zwecken und k\u00f6nnen mit diesen Illustrationen nicht verglichen werden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Illustrationen der vorliegenden Ausgabe sind, nach Zeichnungen von Tony Johannot, von den ersten Holzschneidern Englands und Frankreichs geschnitten. Sie sind, wie es schon Tony Johannots Name verb\u00fcrgt, ebenso elegant als charakteristisch aufgefa\u00dft und gezeichnet; trotz der Fl\u00fcchtigkeit der Behandlung sieht man, wie der K\u00fcnstler in den Geist des Dichters eingedrungen ist. Sehr geistreich und phantastisch sind die Initialen und Culs de lampe erfunden, und gewi\u00df mit tiefsinnig poetischer Intention hat der K\u00fcnstler zu den Verzierungen meistens moreske Dessins gew\u00e4hlt. Sehen wir ja doch die Erinnerung an die heitere Maurenzeit wie einen sch\u00f6nen fernen Hintergrund \u00fcberall im \u00bbDon Quixote\u00ab hervorschwimmen. Tony Johannot, einer der vortrefflichsten und bedeutendsten K\u00fcnstler in Paris, ist ein Deutscher von Geburt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auffallend ist es, da\u00df ein Buch, welches so reich an pittoreskem Stoff wie der \u00bbDon Quixote\u00ab, noch keinen Maler gefunden hat, der daraus Sujets zu einer Reihe selbst\u00e4ndiger Kunstwerke entnommen h\u00e4tte. Ist der Geist des Buches etwa zu leicht und phantastisch, als da\u00df nicht unter der Hand des K\u00fcnstlers der bunte Farbenstaub entfl\u00f6he? Ich glaube nicht. Denn der \u00bbDon Quixote\u00ab, so leicht und phantastisch er ist, fu\u00dft auf derber, irdischer Wirklichkeit, wie das ja sein mu\u00dfte, um ihn zu einem Volksbuche zu machen. Ist es etwa, weil hinter den Gestalten, die uns der Dichter vorf\u00fchrt, tiefere Ideen liegen, die der bildende K\u00fcnstler nicht wiedergeben kann, so da\u00df er nur die \u00e4u\u00dfere Erscheinung, wie saillant sie auch vielleicht sei, nicht aber den tieferen Sinn festhalten und reproduzieren k\u00f6nnte? Das ist wahrscheinlich der Grund. \u2013 Versucht haben sich \u00fcbrigens viele K\u00fcnstler an Zeichnungen zum \u00bbDon Quixote\u00ab. Was ich von englischen, spanischen und fr\u00fcheren franz\u00f6sischen Arbeiten dieser Art gesehen habe, war abscheulich. Was deutsche K\u00fcnstler betrifft, so mu\u00df ich hier an unseren gro\u00dfen Daniel Chodowiecki erinnern. Er hat eine Reihe Darstellungen zum \u00bbDon Quixote\u00ab gezeichnet, die, von Berger in Chodowieckis Sinn radiert, die Bertuchsche \u00dcbersetzung begleiteten. Es sind vortreffliche Sachen darunter. Der falsche theatralisch-konventionelle Begriff, den der K\u00fcnstler, wie seine \u00fcbrigen Zeitgenossen, vom spanischen Kost\u00fcme hatte, hat ihm sehr geschadet. Man sieht aber \u00fcberall, da\u00df Chodowiecki den \u00bbDon Quixote\u00ab vollkommen verstanden hat. Das hat mich grade bei diesem K\u00fcnstler gefreut und war mir um seinetwillen wie des Cervantes wegen lieb. Denn es ist mir immer angenehm, wenn zwei meiner Freunde sich lieben, wie es mich auch stets freut, wenn zwei meiner Feinde aufeinander losschlagen. Chodowieckis Zeit, als Periode einer sich erst bildenden Literatur, die der Begeisterung noch bedurfte und Satire ablehnen mu\u00dfte, war dem Verst\u00e4ndnis des \u00bbDon Quixote\u00ab eben nicht g\u00fcnstig, und da zeugt es denn f\u00fcr Cervantes, da\u00df seine Gestalten damals dennoch verstanden wurden und Anklang fanden, wie es f\u00fcr Chodowiecki zeugt, da\u00df er Gestalten wie Don Quixote und Sancho Pansa begriff, er, welcher mehr als vielleicht je ein anderer K\u00fcnstler das Kind seiner Zeit war, in ihr wurzelte, nur ihr angeh\u00f6rte, von ihr getragen, verstanden und anerkannt wurde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Von neuesten Darstellungen zum \u00bbDon Quixote\u00ab erw\u00e4hne ich mit Vergn\u00fcgen einige Skizzen von Decamps, dem originellsten aller lebenden franz\u00f6sischen Maler. \u2013 Aber nur ein Deutscher kann den \u00bbDon Quixote\u00ab ganz verstehen, und das f\u00fchlte ich dieser Tage in erfreutester Seele, als ich an den Fenstern eines Bilderladens auf dem Boulevard Montmartre ein Blatt sah, welches den edeln Manchaner in seinem Studierzimmer darstellt und nach Adolf Schr\u00f6dter, einem gro\u00dfen Meister, gezeichnet ist<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: right;\">Geschrieben zu Paris, im Karneval 1837<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Heinrich_Heine_1837-scaled-e1610465735884.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-75865 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Heinrich_Heine_1837-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><\/a>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbLeben und Taten des scharfsinnigen Junkers Don Quixote von der Mancha, beschrieben von Miguel Cervantes de Saavedra, war das erste Buch, das ich gelesen habe, nachdem ich schon in ein verst\u00e4ndiges Kindesalter getreten und des Buchstabenwesens einigerma\u00dfen kundig war.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/02\/10\/einleitung-zum-don-quixote\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":94,"featured_media":97877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[853],"class_list":["post-89945","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-heine"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89945","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/94"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89945"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89945\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97894,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89945\/revisions\/97894"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97877"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89945"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89945"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89945"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}