{"id":89939,"date":"1989-11-05T00:01:50","date_gmt":"1989-11-04T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89939"},"modified":"2022-02-17T14:15:56","modified_gmt":"2022-02-17T13:15:56","slug":"delacroix","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/05\/delacroix\/","title":{"rendered":"Delacroix"},"content":{"rendered":"<div class=\"zenoCOMain\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Delacroix der ein Bild geliefert, vor welchem ich immer einen gro\u00dfen Volkshaufen stehen sah und das ich also zu denjenigen Gem\u00e4lden z\u00e4hle, denen die meiste Aufmerksamkeit zuteil worden. Die Heiligkeit des Sujets erlaubt keine strenge Kritik des Kolorits, welche vielleicht mi\u00dflich ausfallen k\u00f6nnte. Aber trotz etwaniger Kunstm\u00e4ngel atmet in dem Bilde ein gro\u00dfer Gedanke, der uns wunderbar entgegenweht. Eine Volksgruppe w\u00e4hrend den Juliustagen ist dargestellt, und in der Mitte, beinahe wie eine allegorische Figur, ragt hervor ein jugendliches Weib, mit einer roten phrygischen M\u00fctze auf dem Haupte, eine Flinte in der einen Hand und in der andern eine dreifarbige Fahne. Sie schreitet dahin \u00fcber Leichen, zum<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+4\" name=\"308\"><\/a>\u00a0Kampfe auffordernd, entbl\u00f6\u00dft bis zur H\u00fcfte, ein sch\u00f6ner, ungest\u00fcmer Leib, das Gesicht ein k\u00fchnes Profil, frecher Schmerz in den Z\u00fcgen, eine seltsame Mischung von Phryne, Poissarde und Freiheitsg\u00f6ttin. Da\u00df sie eigentlich letztere bedeuten solle, ist nicht ganz bestimmt ausgedr\u00fcckt, diese Figur scheint vielmehr die wilde Volkskraft, die eine fatale B\u00fcrde abwirft, darzustellen. Ich kann nicht umhin zu gestehen, diese Figur erinnert mich an jene peripatetischen Philosophinnen, an jene Schnell\u00e4uferinnen der Liebe oder Schnelliebende, die des Abends auf den Boulevards umherschw\u00e4rmen; ich gestehe, da\u00df der kleine Schornsteinkupido, der, mit einer Pistole in jeder Hand, neben dieser Gassenvenus steht, vielleicht nicht allein von Ru\u00df beschmutzt ist; da\u00df der Pantheonskandidat, der tot auf dem Boden liegt, vielleicht den Abend vorher mit Kontermarken des Theaters gehandelt; da\u00df der Held, der mit seinem Schie\u00dfgewehr hinst\u00fcrmt, in seinem Gesichte die Galeere und in seinem h\u00e4\u00dflichen Rock gewi\u00df noch den Duft des Assisenhofes tr\u00e4gt; \u2013 aber das ist es eben, ein gro\u00dfer Gedanke hat diese gemeinen Leute, diese Krap\u00fcle, geadelt und geheiligt und die entschlafene W\u00fcrde in ihrer Seele wieder aufgeweckt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Heilige Julitage von Paris! ihr werdet ewig Zeugnis geben von dem Uradel der Menschen, der nie ganz zerst\u00f6rt werden kann. Wer euch erlebt hat, der jammert nicht mehr auf den alten Gr\u00e4bern, sondern freudig glaubt er jetzt an die Auferstehung der V\u00f6lker. Heilige Julitage! wie sch\u00f6n war die Sonne und wie gro\u00df war das Volk von Paris! Die G\u00f6tter im Himmel, die dem gro\u00dfen Kampfe zusahen, jauchzten vor Bewunderung, und sie w\u00e4ren gerne aufgestanden von ihren goldenen St\u00fchlen und w\u00e4ren gerne zur Erde herabgestiegen, um B\u00fcrger zu werden von Paris! Aber neidisch, \u00e4ngstlich, wie sie sind, f\u00fcrchteten sie am Ende, da\u00df die Menschen zu hoch und zu herrlich emporbl\u00fchen m\u00f6chten, und durch ihre willigen Priester suchten sie \u00bbdas Gl\u00e4nzende zu schw\u00e4rzen und das Erhabene in den Staub zu ziehn\u00ab, und sie stifteten die belgische Rebellion, das de Pottersche Viehst\u00fcck. Es ist daf\u00fcr gesorgt, da\u00df die Freiheitsb\u00e4ume nicht in den Himmel hineinwachsen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf keinem von allen Gem\u00e4lden des Salons ist so sehr die Farbe eingeschlagen wie auf Delacroix&#8216; Julirevolution. Indessen, eben diese Abwesenheit von Firnis und Schimmer, dabei der Pulverdampf und Staub, der die Figuren wie graues Spinnweb bedeckt, das sonnengetrocknete Kolorit, das gleichsam nach einem Wassertropfen lechzt, alles dieses gibt dem Bilde eine Wahrheit, eine Wesenheit, eine Urspr\u00fcnglichkeit, und man ahnt darin die wirkliche Physiognomie der Julitage.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Unter den Beschauern waren so manche, die damals entweder mitgestritten oder doch wenigstens zugesehen hatten, und diese konnten das Bild nicht genug r\u00fchmen. \u00bbM\u00e2tin\u00ab, rief ein Epicier, \u00bbdiese Gamins haben sich wie Riesen geschlagen!\u00ab Eine junge Dame meinte, auf dem Bilde fehle der polytechnische Sch\u00fcler, wie man ihn sehe auf allen andern Darstellungen der Julirevolution, deren sehr viele, \u00fcber vierzig Gem\u00e4lde, ausgestellt waren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbPapa!\u00ab rief eine kleine Karlistin, \u00bbwer ist die schmutzige Frau mit der roten M\u00fctze?\u00ab \u2013 \u00bbNun freilich\u00ab, sp\u00f6ttelte der noble Papa mit einem s\u00fc\u00dflich zerquetschten L\u00e4cheln, \u00bbnun freilich, liebes Kind, mit der Reinheit der Lilien hat sie nichts zu schaffen. Es ist die Freiheitsg\u00f6ttin.\u00ab \u2013 \u00bbPapa, sie hat auch nicht einmal ein Hemd an.\u00ab \u2013 \u00bbEine wahre Freiheitsg\u00f6ttin, liebes Kind, hat gew\u00f6hnlich kein Hemd und ist daher sehr erbittert auf alle Leute, die wei\u00dfe W\u00e4sche tragen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bei diesen Worten zupfte der Mann seine Manschetten etwas tiefer \u00fcber die langen m\u00fc\u00dfigen H\u00e4nde und sagte zu seinem Nachbar: \u00bbEminenz! wenn es den Republikanern heut an der Pforte St. Denis gelingt, da\u00df eine alte Frau von den Nationalgarden totgeschossen wird, dann tragen sie die heilige Leiche auf den Boulevards herum, und das Volk wird rasend, und wir haben dann eine neue Revolution.\u00ab \u2013 \u00bbTant mieux!\u00ab fl\u00fcsterte die Eminenz, ein hagerer, zugekn\u00f6pfter Mensch, der sich in weltliche Tracht vermummt, wie jetzt von allen Priestern in Paris geschieht, aus Furcht vor \u00f6ffentlicher Verh\u00f6hnung, vielleicht auch des b\u00f6sen Gewissens halber; \u00bbtant mieux, Marquis! wenn nur recht viele Greuel geschehen, damit das Ma\u00df wieder voll wird! Die Revolution verschluckt dann wieder ihre eignen Anstifter, besonders jene eitlen Bankiers, die sich gottlob jetzt schon ruiniert haben.\u00ab \u2013 \u00bbJa, Eminenz, sie wollten uns \u00e0 tout prix vernichten, weil wir sie nicht in unsere Salons aufgenommen; das ist das Geheimnis der Julirevolution, und da wurde Geld verteilt an die Vorst\u00e4dter, und die Arbeiter wurden von den Fabrikherrn entlassen, und Weinwirte wurden bezahlt, die umsonst Wein schenkten und noch Pulver hineinmischten, um den P\u00f6bel zu erhitzen, et du reste, c&#8217;\u00e9tait le soleil!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Marquis hat vielleicht recht: es war die Sonne. Zumal im Monat Juli hat die Sonne immer am gewaltigsten mit ihren Strahlen die Herzen der Pariser entflammt, wenn die Freiheit bedroht war, und sonnentrunken erhob sich dann das Volk von Paris gegen die morschen Bastillen und Ordonnanzen der Knechtschaft. Sonne und Stadt verstehen sich wunderbar, und sie lieben sich. Ehe die Sonne des Abends ins Meer hinabsteigt, verweilt ihr Blick noch lange mit Wohlgefallen auf der sch\u00f6nen Stadt Paris, und mit ihren letzten Strahlen k\u00fc\u00dft sie die dreifarbigen Fahnen auf den T\u00fcrmen der sch\u00f6nen Stadt Paris. Mit Recht hatte ein franz\u00f6sischer Dichter den Vorschlag gemacht, das Julifest durch eine symbolische Verm\u00e4hlung zu feiern: und wie einst der Doge von Venedig j\u00e4hrlich den goldenen Bukentauro bestiegen, um die herrschende Venezia mit dem Adriatischen Meere zu verm\u00e4hlen, so solle allj\u00e4hrlich auf dem Bastillenplatze die Stadt Paris sich verm\u00e4hlen mit der Sonne, dem gro\u00dfen, flammenden Gl\u00fccksstern ihrer Freiheit. Casimir P\u00e9rier hat diesen Vorschlag nicht goutiert, er f\u00fcrchtet den Polterabend einer solchen Hochzeit, er f\u00fcrchtet die allzu starke Hitze einer solchen Ehe, und er bewilligt der Stadt Paris h\u00f6chstens eine morganatische Verbindung mit der Sonne.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Doch ich vergesse, da\u00df ich nur Berichterstatter einer Ausstellung bin. Als solcher gelange ich jetzt zur Erw\u00e4hnung eines Malers, der, indem er die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, zu gleicher Zeit mich selber so sehr ansprach, da\u00df seine Bilder mir nur wie buntes Echo der eignen Herzensstimme erschienen, oder vielmehr, da\u00df die wahlverwandten Farbent\u00f6ne in meinem Herzen wunderklar widerklangen.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"attachment_89942\" style=\"width: 2570px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-89942\" class=\"wp-image-89942 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"2560\" height=\"2054\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-scaled.jpg 2560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-300x241.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-1024x822.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-768x616.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-1536x1232.jpg 1536w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-2048x1643.jpg 2048w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-560x449.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-260x209.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1989\/11\/Eugene_Delacroix_-_Le_28_Juillet._La_Liberte_guidant_le_peuple-160x128.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-89942\" class=\"wp-caption-text\">La libert\u00e9 guidant le peuple, von Eug\u00e8ne Delacroix<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Delacroix der ein Bild geliefert, vor welchem ich immer einen gro\u00dfen Volkshaufen stehen sah und das ich also zu denjenigen Gem\u00e4lden z\u00e4hle, denen die meiste Aufmerksamkeit zuteil worden. 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