{"id":89926,"date":"1989-12-29T00:01:44","date_gmt":"1989-12-28T23:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89926"},"modified":"2022-02-17T14:14:19","modified_gmt":"2022-02-17T13:14:19","slug":"ueber-polen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/12\/29\/ueber-polen\/","title":{"rendered":"\u00dcber Polen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Am 29. Dezember 1989 beschloss das Abgeordnetenhaus eine Verfassungs\u00e4nderung.\u00a0Darin wurde die Umbenennung der Volksrepublik Polen in <i>Republik Polen<\/i> zum 1. Januar 1990 beschlossen, sowie die Bezeichnung Polens als \u201esozialistischer Staat\u201c zu Gunsten der Bezeichnung \u201edemokratischer Rechtsstaat\u201c.<span style=\"font-size: 12px;\">\u00a0<\/span>Auch der F\u00fchrungsanspruch der Kommunistischen Partei wurde gestrichen und das Wappen ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit einigen Monaten habe ich den preu\u00dfischen Teil Polens die Kreuz und die Quer durchstreift; in dem russischen Teil bin ich nicht weit gekommen, nach dem \u00f6sterreichischen gar nicht. Von den Menschen hab ich sehr viele, und aus allen Teilen Polens, kennengelernt. Diese waren freilich meistens nur Edelleute, und zwar die vornehmsten. Aber wenn auch mein Leib sich blo\u00df in den Kreisen der h\u00f6heren Gesellschaft, in dem Schlo\u00dfbann der polnischen Gro\u00dfen, bewegte, so schweifte der Geist doch oft auch in den H\u00fctten des niedern Volks. Hier haben Sie den Standpunkt f\u00fcr die W\u00fcrdigung meines Urteils \u00fcber Polen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vom \u00c4u\u00dfern des Landes w\u00fc\u00dfte ich Ihnen nicht viel Reizendes mitzuteilen. Hier sind nirgends pikante Felsengruppen, romantische Wasserf\u00e4lle, Nachtigallengeh\u00f6lze usw.; hier gibt es nur weite Fl\u00e4chen von Ackerland, das meistens gut ist, und dicke, m\u00fcrrische Fichtenw\u00e4lder. Polen lebt nur von Ackerbau und Viehzucht; von Fabriken und Industrie gibt es hier fast keine Spur. Den traurigsten Anblick geben die polnischen D\u00f6rfer: niedere St\u00e4lle von Lehm, mit d\u00fcnnen Latten oder Binsen bedeckt. In diesen lebt der polnische Bauer mit seinem Vieh und seiner \u00fcbrigen Familie, erfreut sich seines Daseins und denkt an nichts weniger als an die \u2013 \u00e4sthetischen <i>Pustkuchen<\/i>. Leugnen l\u00e4\u00dft es sich indessen nicht, da\u00df der polnische Bauer oft mehr Verstand und Gef\u00fchl hat als der deutsche Bauer in manchen L\u00e4ndern. Nicht selten fand ich bei dem geringsten Polen jenen originellen Witz (nicht Gem\u00fctswitz, Humor), der bei jedem Anla\u00df mit wunderlichem Farbenspiel hervorsprudelt, und jenen schw\u00e4rmerisch-sentimentalen Zug, jenes brillante Aufleuchten eines Ossianschen Naturgef\u00fchls, dessen pl\u00f6tzliches Hervorbrechen bei leidenschaftlichen Anl\u00e4ssen ebenso unwillk\u00fcrlich ist wie das Insgesichtsteigen des Blutes. Der polnische Bauer tr\u00e4gt noch seine Nationaltracht: eine Jacke ohne \u00c4rmel, die bis zur Mitte der Schenkel reicht; dar\u00fcber einen Oberrock, mit hellen Schn\u00fcren besetzt. Letzterer, gew\u00f6hnlich von hellblauer oder gr\u00fcner Farbe, ist das grobe Original jener feinen Polenr\u00f6cke unserer Elegants. Den Kopf bedeckt ein kleines rundes H\u00fctchen, wei\u00dfger\u00e4ndert, oben wie ein abgekappter Kegel spitz zulaufend und vorn mit bunten Bandschleifen oder mit einigen Pfauenfedern geschm\u00fcckt. In diesem Kost\u00fcm sieht man den polnischen Bauer des Sonntags nach der Stadt wandern, um dort ein dreifaches Gesch\u00e4ft zu verrichten: erstens, sich rasieren zu lassen; zweitens, die Messe zu h\u00f6ren, und drittens, sich vollzusaufen. Den durch das dritte Gesch\u00e4ft gewi\u00df Seliggewordenen sieht man des Sonntags, alle viere ausgestreckt, in einer Stra\u00dfengosse liegen, sinnberaubt und umgeben von einem Haufen Freunde, die, in wehm\u00fctiger Gruppierung, die Betrachtung zu machen scheinen, da\u00df der Mensch hienieden so wenig vertragen kann! Was ist der Mensch, wenn \u2013 drei Kannen Schnaps ihn zu Boden werfen! Aber die Polen haben es doch im Trinken \u00fcbermenschlich weit gebracht. \u2013 Der Bauer ist von gutem K\u00f6rperbau, starkst\u00e4mmig, soldatischen Ansehens und hat gew\u00f6hnlich blondes Haar; die meisten lassen dasselbe lang herunterwallen. Dadurch haben so viele Bauern die Plica polonica (Weichselzopf), eine sehr anmutige Krankheit, womit auch wir hoffentlich einst gesegnet werden, wenn das Lange-Haartum in den deutschen Gauen allgemeiner wird. Die Unterw\u00fcrfigkeit des polnischen Bauers gegen den Edelmann ist emp\u00f6rend. Er beugt sich mit dem Kopf fast bis zu den F\u00fc\u00dfen des gn\u00e4digen Herrn und spricht die Formel: \u00bbIch k\u00fcsse die F\u00fc\u00dfe.\u00ab Wer den Gehorsam personifiziert haben will, sehe einen polnischen Bauer vor seinem Edelmann stehen; es fehlt nur der wedelnde Hundeschweif. Bei einem solchen Anblick denke ich unwillk\u00fcrlich: Und Gott erschuf den Menschen nach seinem Ebenbilde! \u2013 und es ergreift mich ein unendlicher Schmerz, wenn ich einen Menschen vor einem andern so tief erniedrigt sehe. Nur vor dem K\u00f6nige soll man sich beugen; bis auf dieses letztere Glaubensgesetz bekenne ich mich ganz zum nordamerikanischen Katechismus. Ich leugne es nicht, da\u00df ich die B\u00e4ume der Flur mehr liebe als Stammb\u00e4ume, da\u00df ich das Menschenrecht mehr achte als das kanonische Recht und da\u00df ich die Gebote der Vernunft h\u00f6her sch\u00e4tze als die Abstraktionen kurzsichtiger Historiker; wenn Sie mich aber fragen, ob der polnische Bauer wirklich ungl\u00fccklich ist und ob seine Lage besser wird, wenn jetzt aus den gedr\u00fcckten H\u00f6rigen lauter freie Eigent\u00fcmer gemacht werden, so m\u00fc\u00dfte ich l\u00fcgen, sollte ich diese Frage unbedingt bejahen. Wenn man den Begriff von Gl\u00fccklichsein in seiner Relativit\u00e4t auffa\u00dft und sich wohl merkt, da\u00df es kein Ungl\u00fcck ist, wenn man von Jugend auf gew\u00f6hnt ist, den ganzen Tag zu arbeiten und Lebensbequemlichkeiten zu entbehren, die man gar nicht kennt, so mu\u00df man gestehen, da\u00df der polnische Bauer im eigentlichen Sinne nicht ungl\u00fccklich ist: um so mehr, da er gar nichts hat und folglich in der gro\u00dfen Sorglosigkeit, die ja von vielen als das h\u00f6chste Gl\u00fcck geschildert wird, sein Leben dahinlebt. Aber es ist keine Ironie, wenn ich sage, da\u00df, im Fall man jetzt die polnischen Bauern pl\u00f6tzlich zu selbst\u00e4ndigen Eigent\u00fcmern machte, sie sich gewi\u00df bald in der unbehaglichsten Lage von der Welt befinden und manche gewi\u00df dadurch in gr\u00f6\u00dferes Elend geraten w\u00fcrden. Bei seiner jetzt zur zweiten Natur gewordenen Sorglosigkeit w\u00fcrde der Bauer sein Eigentum schlecht verwalten, und tr\u00e4fe ihn ein Ungl\u00fcck, w\u00e4r er ganz und gar verloren. Wenn jetzt ein Mi\u00dfwachs ist, so mu\u00df der Edelmann dem Bauer von seinem eigenen Getreide schicken; es w\u00e4re ja auch sein eigener Verlust, wenn der Bauer verhungerte oder nicht s\u00e4en k\u00f6nnte. Er mu\u00df ihm aus demselben Grunde ein neues St\u00fcck Vieh schicken, wenn der Ochs oder die Kuh des Bauers krepiert ist. Er gibt ihm Holz im Winter, er schickt ihm \u00c4rzte, Arzneien, wenn er oder einer von der Familie krank ist; kurz, der Edelmann ist der best\u00e4ndige Vormund desselben. Ich habe mich \u00fcberzeugt, da\u00df diese Vormundschaft von den meisten Edelleuten sehr gewissenhaft und liebreich ausge\u00fcbt wird, und \u00fcberhaupt gefunden, da\u00df die Edelleute ihre Bauern milde und g\u00fctig behandeln; wenigstens sind die Reste der alten Strenge selten. Viele Edelleute w\u00fcnschen sogar die Selbst\u00e4ndigkeit der Bauern \u2013 der gr\u00f6\u00dfte Mensch, den Polen hervorgebracht hat und dessen Andenken noch in allen Herzen lebt, Thadd\u00e4us Kosciuszko, war eifriger Bef\u00f6rderer der Bauernemanzipation, und die Grunds\u00e4tze eines Lieblings dringen unbemerkt in alle Gem\u00fcter. Au\u00dferdem ist der Einflu\u00df franz\u00f6sischer Lehren, die in Polen leichter als irgendwo Eingang finden, von unberechenbarer Wirkung f\u00fcr den Zustand der Bauern. Sie sehen, da\u00df es mit letzteren nicht mehr so schlimm steht und da\u00df ein allm\u00e4hliches Selbst\u00e4ndigwerden derselben wohl zu hoffen ist. Auch die preu\u00dfische Regierung scheint dies durch zweckm\u00e4\u00dfige Einrichtungen nach und nach zu erzielen. M\u00f6ge diese beg\u00fctigende Allm\u00e4hlichkeit gedeihen; sie ist gewisser, zeitlich n\u00fctzlicher als die zerst\u00f6rungss\u00fcchtige Pl\u00f6tzlichkeit. Aber auch das Pl\u00f6tzliche ist zuweilen gut, wie sehr man dagegen eifere. \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zwischen dem Bauer und dem Edelmann stehen in Polen die Juden. Diese betragen fast mehr als den vierten Teil der Bev\u00f6lkerung, treiben alle Gewerbe und k\u00f6nnen f\u00fcglich der dritte Stand Polens genannt werden. Unsere Statistikkompendienmacher, die an alles den deutschen, wenigstens den franz\u00f6sischen Ma\u00dfstab legen, schreiben also mit Unrecht, da\u00df Polen keinen tiers \u00e9tat habe, weil dort dieser Stand von den \u00fcbrigen schroffer abgesondert ist, weil seine Glieder am Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse des Alten Testaments \u2013 Gefallen finden \u2013 \u2013 \u2013 und weil dieselben vom Ideal gem\u00fctlicher B\u00fcrgerlichkeit, wie dasselbe in einem N\u00fcrnberger Frauentaschenbuche, unter dem Bilde reichsst\u00e4dtischer Philistr\u00f6sit\u00e4t, so niedlich und sonnt\u00e4glich schmuck dargestellt wird, \u00e4u\u00dferlich noch sehr entfernt sind. Sie sehen also, da\u00df die Juden in Polen durch Zahl und Stellung von gr\u00f6\u00dferer staatswirtschaftlicher Wichtigkeit sind als bei uns in Deutschland und da\u00df, um Gediegenes \u00fcber dieselben zu sagen, etwas mehr dazu geh\u00f6rt als die gro\u00dfartige Leihhausanschauung gef\u00fchlvoller Romanenschreiber des Nordens oder der naturphilosophische Tiefsinn geistreicher Ladendiener des S\u00fcdens. Man sagte mir, da\u00df die Juden des Gro\u00dfherzogtums auf einer niedrigeren Humanit\u00e4tsstufe st\u00e4nden als ihre \u00f6stlicheren Glaubensgenossen; ich will daher nichts Bestimmtes von polnischen Juden \u00fcberhaupt sprechen und verweise Sie lieber auf David Friedl\u00e4nders \u00bb\u00dcber die Verbesserung der Israeliten (Juden) im K\u00f6nigreich Polen\u00ab, Berlin 1819. Seit dem Erscheinen dieses Buches, das, bis auf eine zu ungerechte Verkennung der Verdienste und der sittlichen Bedeutung der Rabbinen, mit einer seltenen Wahrheit- und Menschenliebe geschrieben ist, hat sich der Zustand der polnischen Juden wahrscheinlich nicht gar besonders ver\u00e4ndert. Im Gro\u00dfherzogtum sollen sie einst, wie noch im \u00fcbrigen Polen, alle Handwerke ausschlie\u00dflich getrieben haben; jetzt aber sieht man viele christliche Handwerker aus Deutschland einwandern, und auch die polnischen Bauern scheinen an Handwerken und andern Gewerben mehr Geschmack zu finden. Seltsam aber ist es, da\u00df der gemeine Pole gew\u00f6hnlich Schuster oder Bierbrauer und Branntweinbrenner wird. In der Wallischei, einer Vorstadt Posens, fand ich das zweite Haus immer mit einem Schuhmacherschilde verziert, und ich dachte an die Stadt Bradford in Shakespeares \u00bbFlursch\u00fctz von Wakefield\u00ab. Im preu\u00dfischen Polen erlangen die Juden kein Staatsamt, die sich nicht taufen lassen; im russischen Polen werden auch die Juden zu allen Staats\u00e4mtern zugelassen, weil man es dort f\u00fcr zweckm\u00e4\u00dfig h\u00e4lt. \u00dcbrigens ist der Arsenik in den dortigen Bergwerken auch noch nicht zu einer \u00fcberfrommen Philosophie sublimiert, und die W\u00f6lfe in den altpolnischen W\u00e4ldern sind noch nicht darauf abgerichtet, mit historischen Zitaten zu heulen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, da\u00df unsere Regierung, durch zweckm\u00e4\u00dfige Mittel, den Juden des Gro\u00dfherzogtums mehr Liebe zum Ackerbau einzufl\u00f6\u00dfen suchte; denn j\u00fcdische Ackerbauer soll es hier nur sehr wenige geben. Im russischen Polen sind sie h\u00e4ufig. Die Abneigung gegen den Pflug soll bei den polnischen Juden daher entstanden sein, weil sie ehemals den leibeigenen Bauer in einem \u00e4u\u00dferlich so sehr traurigen Zustande sahen. Hebt sich jetzt der Bauernstand aus seiner Erniedrigung, so werden auch die Juden zum Pflug greifen. \u2013 Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Wirtsh\u00e4user Polens in den H\u00e4nden der Juden, und ihre vielen Branntweinbrennereien werden dem Lande sehr sch\u00e4dlich, indem die Bauern dadurch zur V\u00f6llerei angereizt werden. Aber ich habe ja schon oben gezeigt, wie das Branntweintrinken zur Seligmachung der Bauern geh\u00f6rt. \u2013 Jeder Edelmann hat einen Juden im Dorf oder in der Stadt, den er Faktor nennt und der alle seine Kommissionen, Ein- und Verk\u00e4ufe, Erkundigungen usw. ausf\u00fchrt. Eine originelle Einrichtung, welche ganz die Bequemlichkeitsliebe der polnischen Edelleute zeigt. Das \u00c4u\u00dfere des polnischen Juden ist schrecklich. Mich \u00fcberl\u00e4uft ein Schauder, wenn ich daran denke, wie ich hinter Meseritz zuerst ein polnisches Dorf sah, meistens von Juden bewohnt. Das W\u2013cksche Wochenblatt, auch zu physischem Brei gekocht, h\u00e4tte mich nicht so brechpulverisch anwidern k\u00f6nnen als der Anblick jener zerlumpten Schmutzgestalten; und die hochherzige Rede eines f\u00fcr Turnplatz und Vaterland begeisterten Tertianers h\u00e4tte nicht so zerrei\u00dfend meine Ohren martern k\u00f6nnen als der polnische Judenjargon. Dennoch wurde der Ekel bald verdr\u00e4ngt von Mitleid, nachdem ich den Zustand dieser Menschen n\u00e4her betrachtete und die schweinestallartigen L\u00f6cher sah, worin sie wohnen, mauscheln, beten, schachern und \u2013 elend sind. Ihre Sprache ist ein mit Hebr\u00e4isch durchwirktes und mit Polnisch fassoniertes Deutsch. Sie sind in sehr fr\u00fchen Zeiten wegen Religionsverfolgung aus Deutschland nach Polen eingewandert; denn die Polen haben sich in solchen F\u00e4llen immer durch Toleranz ausgezeichnet. Als Fr\u00f6mmlinge einem polnischen K\u00f6nige rieten, die polnischen Protestanten zum Katholizismus zur\u00fcckzuzwingen, antwortete derselbe: \u00bbSum rex populorum, sed non conscientiarum!\u00ab \u2013 Die Juden brachten zuerst Gewerbe und Handel nach Polen und wurden unter Kasimir dem Gro\u00dfen mit bedeutenden Privilegien beg\u00fcnstigt. Sie scheinen dem Adel weit n\u00e4her gestanden zu haben als den Bauern; denn nach einem alten Gesetze wurde der Jude durch seinen \u00dcbertritt zum Christentum eo ipso in den Adelstand erhoben. Ich wei\u00df nicht, ob und warum dieses Gesetz untergegangen und was etwa mit Bestimmtheit im Werte gesunken ist. \u2013 In jenen fr\u00fchern Zeiten standen indessen die Juden in Kultur und Geistesausbildung gewi\u00df weit \u00fcber dem Edelmann, der nur das rauhe Kriegshandwerk trieb und noch den franz\u00f6sischen Firnis entbehrte. Jene aber besch\u00e4ftigten sich wenigstens immer mit ihren hebr\u00e4ischen Wissenschaft- und Religionsb\u00fcchern, um derentwillen eben sie Vaterland und Lebensbehaglichkeit verlassen. Aber sie sind offenbar mit der europ\u00e4ischen Kultur nicht fortgeschritten, und ihre Geisteswelt versumpfte zu einem unerquicklichen Aberglauben, den eine spitzfindige Scholastik in tausenderlei wunderliche Formen hineinquetscht. Dennoch, trotz der barbarischen Pelzm\u00fctze, die seinen Kopf bedeckt, und der noch barbarischeren Ideen, die denselben f\u00fcllen, sch\u00e4tze ich den polnischen Juden weit h\u00f6her als so manchen deutschen Juden, der seinen Bolivar auf dem Kopf und seinen Jean Paul im Kopfe tr\u00e4gt. In der schroffen Abgeschlossenheit wurde der Charakter des polnischen Juden ein Ganzes; durch das Einatmen toleranter Luft bekam dieser Charakter den Stempel der Freiheit. Der innere Mensch wurde kein quodlibetartiges Kompositum heterogener Gef\u00fchle und verk\u00fcmmerte nicht durch die Einzw\u00e4ngung Frankfurter Judenga\u00dfmauern, hochweiser Stadtverordnungen und liebreicher Gesetzbeschr\u00e4nkungen. Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze, mit seinem bev\u00f6lkerten Barte und Knoblauchgeruch und Gemauschel ist mir noch immer lieber als mancher in all seiner staatspapiernen Herrlichkeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie ich bereits oben bemerkt, d\u00fcrfen Sie in diesem Briefe keine Schilderungen reizender Naturszenen, herrlicher Kunstwerke usw. erwarten; nur die Menschen, und zwar besonders die nobelste Sorte, die Edelleute, verdienen hier in Polen die Aufmerksamkeit des Reisenden. Und wahrlich, ich sollte denken, wenn man einen kr\u00e4ftigen, echten polnischen Edelmann oder eine sch\u00f6ne edle Polin in ihrem wahren Glanze sieht, so k\u00f6nnte dieses die Seele ebenso erfreuen wie etwa der Anblick einer romantischen Felsenburg oder einer marmornen Mediceerin. Ich lieferte Ihnen sehr gerne eine Charakterschilderung der polnischen Edelleute, und das g\u00e4be eine sehr kostbare Mosaikarbeit von den Adjektiven: gastfrei, stolz, mutig, geschmeidig, falsch (dieses gelbe Steinchen darf nicht fehlen), reizbar, enthusiastisch, spiels\u00fcchtig, lebenslustig, edelm\u00fctig und \u00fcberm\u00fctig. Aber ich selbst habe zu oft geeifert gegen unsre Brosch\u00fcrenskribler, die, wenn sie einen Pariser Tanzmeister h\u00fcpfen sehen, aus dem Stegreif die Charakteristik eines Volkes schreiben \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 und die, wenn sie einen dicken Liverpooler Baumwollh\u00e4ndler j\u00e4hnen sahen, auf der Stelle eine Beurteilung jenes Volkes liefern \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 Diese allgemeinen Charakteristiken sind die Quelle aller \u00dcbel. Es geh\u00f6rt mehr als ein Menschenalter dazu, um den Charakter eines einzigen Menschen zu begreifen: und aus Millionen einzelnen Menschen besteht eine Nation. Nur wenn wir die Geschichte eines Menschen, die Geschichte seiner Erziehung und seines Lebens, betrachten, wird es uns m\u00f6glich, einzelne Hauptz\u00fcge seines Charakters aufzufassen. \u2013 Bei Menschenklassen, deren einzelne Glieder durch Erziehung und Leben eine gleiche Richtung gewinnen, m\u00fcssen sich indessen einige hervortretende Charakterz\u00fcge bemerken lassen; dies ist bei den polnischen Edelleuten der Fall, und nur von diesem Standpunkte aus l\u00e4\u00dft sich etwas Allgemeines \u00fcber ihren Charakter ausmitteln. Die Erziehung selbst wird \u00fcberall und immer bedingt durch das Lokale und durch das Temporale, durch den Boden und durch die politische Geschichte. In Polen ist ersteres weit mehr der Fall als irgendwo. Polen liegt zwischen Ru\u00dfland und \u2013 Frankreich. Das noch vor Frankreich liegende Deutschland will ich nicht rechnen, da ein gro\u00dfer Teil der Polen es ungerechterweise wie einen breiten Sumpf ansah, den man schnell \u00fcberspringen m\u00fcsse, um nach dem gebenedeiten Lande zu gelangen, wo die Sitten und die Pomaden am feinsten fabriziert werden. Den heterogensten Einfl\u00fcssen war Polen dadurch ausgesetzt. Eindringende Barbarei von Osten, durch die feindlichen Ber\u00fchrungen mit Ru\u00dfland; eindringende \u00dcberkultur von Westen, durch die freundschaftlichen Ber\u00fchrungen mit Frankreich: daher jene seltsamen Mischungen von Kultur und Barbarei im Charakter und im h\u00e4uslichen Leben der Polen. Ich sage just nicht, da\u00df alle Barbarei von Osten eingedrungen, ein sehr betr\u00e4chtlicher Teil mag im Lande selbst vorr\u00e4tig gewesen sein; aber in der neuern Zeit war dieses Eindr\u00e4ngen sehr sichtbar. Einen Haupteinflu\u00df \u00fcbt das Landleben auf den Charakter der polnischen Edelleute. Nur wenige derselben werden in den St\u00e4dten erzogen; die meisten Knaben bleiben auf den Landg\u00fctern ihrer Angeh\u00f6rigen, bis sie erwachsen sind und durch die nicht gar zu gro\u00dfen Bem\u00fchungen eines Hofmeisters oder durch einen nicht gar zu langen Schulbesuch oder durch das blo\u00dfe Walten der lieben Natur in den Stand gesetzt sind, Kriegsdienste zu nehmen oder eine Universit\u00e4t zu beziehen oder von der b\u00e4renleckenden Lutetia die Weihe der h\u00f6chsten Ausbildung zu empfangen. Da nicht allen hierzu dieselben Mittel zu Gebot stehen, so ist es einleuchtend, da\u00df man einen Unterschied machen mu\u00df zwischen armen Edelleuten, reichen Edelleuten und Magnaten. Erstere leben oft h\u00f6chst j\u00e4mmerlich, fast wie der Bauer, und machen keine besonderen Anspr\u00fcche an Kultur. Bei den reichen Edelleuten und den Magnaten ist die Unterscheidung nicht schroff, dem Fremden ist sie sogar sehr wenig bemerkbar. An und f\u00fcr sich selbst ist die W\u00fcrde eines polnischen Edelmanns (civis polonus) bei dem \u00e4rmsten wie bei dem reichsten von demselben Umfange und demselben innern Werte. Aber an die Namen gewisser Familien, die sich immer durch gro\u00dfen G\u00fcterbesitz und durch Verdienste um den Staat ausgezeichnet, hat sich die Idee einer h\u00f6hern W\u00fcrde gekn\u00fcpft, und man bezeichnet sie gemeiniglich mit dem Namen Magnaten. Die Czartoryskis, die Radziwills, die Zamoyskis, die Sapiehas, die Poniatowskis, die Potockis usw. werden zwar ebensogut als blo\u00dfe polnische Edelleute betrachtet wie mancher arme Edelmann, der vielleicht hinterm Pflug geht; dennoch sind sie der h\u00f6here Adel de facto, wenn auch nicht de nomine. Ihr Ansehen ist sogar fester begr\u00fcndet als das von unserm hohen Adel, weil sie selbst sich ihre W\u00fcrde gegeben und weil nicht blo\u00df manches geschn\u00fcrte alte Fr\u00e4ulein, sondern das ganze Volk ihren Stammbaum im Kopfe tr\u00e4gt. Die Benennung Starost findet man jetzt selten, und sie ist ein blo\u00dfer Titel geworden. Der Name Graf ist ebenfalls bei den Polen ein blo\u00dfer Titel, und es sind nur von Preu\u00dfen und \u00d6sterreich einige derselben verteilt. Von Adelstolz gegen B\u00fcrgerliche wissen die Polen nichts, und er kann sich nur in L\u00e4ndern bilden, wo ein m\u00e4chtiger und mit Anspr\u00fcchen hervortretender B\u00fcrgerstand sich erhebt. Erst dann, wenn der polnische Bauer G\u00fcter kaufen wird und der polnische Jude sich nicht mehr dem Edelmann zuvorkommend erzeigt, m\u00f6chte sich bei diesem der Adelstolz regen, der also das Emporkommen des Landes beweisen w\u00fcrde. Weil hier die Juden h\u00f6her als die Bauern gestellt sind, m\u00fcssen sie zuerst mit diesem Adelstolze kollidieren; aber die Sache wird gewi\u00df alsdann einen religi\u00f6seren Namen annehmen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dieses hier nur fl\u00fcchtig angedeutete Wesen des polnischen Adels hat, wie man sich denken kann, am meisten beigetragen zu der h\u00f6chst wunderlichen Gestaltung von Polens politischer Geschichte, und die Einfl\u00fcsse dieser letztern auf die Erziehung der Polen, und also auf ihren Nationalcharakter, waren fast noch wichtiger als die obenerw\u00e4hnten Einfl\u00fcsse des Bodens. Durch die Idee der Gleichheit entwickelte sich bei den polnischen Edelleuten jener Nationalstolz, der uns oft so sehr \u00fcberrascht durch seine Herrlichkeit, der uns oft auch so sehr \u00e4rgert durch seine Geringsch\u00e4tzung des Deutschen und der so sehr kontrastiert mit eingeknuteter Bescheidenheit. Durch eben jene Gleichheit entwickelte sich der bekannte gro\u00dfartige Ehrgeiz, der den Geringsten wie den H\u00f6chsten beseelte und der oft nach dem Gipfel der Macht strebte: da Polen meistens ein Wahlreich war. Herrschen hie\u00df die s\u00fc\u00dfe Frucht, nach der es jedem Polen gel\u00fcstete. Nicht durch Geisteswaffen wollte der Pole sie erbeuten, diese f\u00fchren nur langsam zum Ziele; ein k\u00fchner Schwerthieb sollte die s\u00fc\u00dfe Frucht zum raschen Genu\u00df herunterhauen. Daher aber bei den Polen die Vorliebe f\u00fcr den Milit\u00e4rstand, wozu ihr heftiger und streitlustiger Charakter sie hinzog; daher bei den Polen gute Soldaten und Generale, aber gar wenige seidene Staatsm\u00e4nner, noch viel weniger zu Ansehen gestiegene Gelehrte. Die Vaterlandsliebe ist bei den Polen das gro\u00dfe Gef\u00fchl, worin alle anderen Gef\u00fchle wie der Strom in das Weltmeer zusammenflie\u00dfen; und dennoch tr\u00e4gt dieses Vaterland kein sonderlich reizendes \u00c4u\u00dfere. Ein Franzose, der diese Liebe nicht begreifen konnte, betrachtete eine tr\u00fcbselige polnische Sumpfgegend, stampfte ein St\u00fcck aus dem Boden und sprach pfiffig und kopfsch\u00fcttelnd: \u00bbUnd das nennen die Kerls ein Vaterland!\u00ab Aber nicht aus dem Boden selbst, nur aus dem Kampfe um Selbst\u00e4ndigkeit, aus historischen Erinnerungen und aus dem Ungl\u00fcck ist bei den Polen diese Vaterlandsliebe entsprossen. Sie flammt jetzt noch immer so gl\u00fchend wie in den Tagen Kosciuszkos, vielleicht noch gl\u00fchender. Fast bis zur L\u00e4cherlichkeit ehren jetzt die Polen alles, was vaterl\u00e4ndisch ist. Wie ein Sterbender, der sich in krampfhafter Angst gegen den Tod str\u00e4ubt, so emp\u00f6rt und str\u00e4ubt sich ihr Gem\u00fct gegen die Idee der Vernichtung ihrer Nationalit\u00e4t. Dieses Todeszucken des polnischen Volksk\u00f6rpers ist ein entsetzlicher Anblick! Aber alle V\u00f6lker Europas und der ganzen Erde werden diesen Todeskampf \u00fcberstehen m\u00fcssen, damit aus dem Tode das Leben, aus der heidnischen Nationalit\u00e4t die christliche Fraternit\u00e4t hervorgehe. Ich meine hier nicht alles Aufgeben sch\u00f6ner Besonderheiten, worin sich die Liebe am liebsten abspiegelt, sondern jene von uns Deutschen am meisten erstrebte und von unsern edelsten Volkssprechern, Lessing, Herder, Schiller usw., am sch\u00f6nsten ausgesprochene allgemeine Menschenverbr\u00fcderung, das Urchristentum. Von diesem sind die polnischen Edelleute, ebensogut wie wir, noch sehr entfernt. Ein gro\u00dfer Teil lebt noch in den Formen des Katholizismus, ohne leider den gro\u00dfen Geist dieser Formen und ihren jetzigen \u00dcbergang zum Weltgeschichtlichen zu ahnen; ein gr\u00f6\u00dferer Teil bekennt sich zur franz\u00f6sischen Philosophie. Ich will hier diese gewi\u00df nicht verunglimpfen: es gibt Stunden, wo ich sie verehre, und sehr verehre; ich selbst bin gewisserma\u00dfen ein Kind derselben. Aber ich glaube doch, es fehlt ihr die Hauptsache \u2013 die Liebe. Wo dieser Stern nicht leuchtet, da ist es Nacht, und wenn auch alle Lichter der Enzyklop\u00e4die ihr Brillantfeuer umherspr\u00fchen. \u2013 Wenn Vaterland das erste Wort des Polen ist, so ist Freiheit das zweite. Ein sch\u00f6nes Wort! N\u00e4chst der Liebe gewi\u00df das sch\u00f6nste. Aber es ist auch n\u00e4chst der Liebe das Wort, das am meisten mi\u00dfverstanden wird und ganz entgegengesetzten Dingen zur Bezeichnung dienen mu\u00df. Hier ist das der Fall. Die Freiheit der meisten Polen ist nicht die g\u00f6ttliche, die Washingtonsche; nur ein geringer Teil, nur M\u00e4nner wie Kosciuszko haben letztere begriffen und zu verbreiten gesucht. Viele zwar sprechen enthusiastisch von dieser Freiheit, aber sie machen keine Anstalt, ihre Bauern zu emanzipieren. Das Wort Freiheit, das so sch\u00f6n und vollt\u00f6nend in der polnischen Geschichte durchklingt, war nur der Wahlspruch des Adels, der dem K\u00f6nige soviel Rechte als m\u00f6glich abzuzw\u00e4ngen suchte, um seine eigne Macht zu vergr\u00f6\u00dfern und auf solche Weise die Anarchie hervorzurufen. C&#8217;\u00e9tait tout comme chez nous, wo ebenfalls deutsche Freiheit einst nichts anders hie\u00df, als den Kaiser zum Bettler machen, damit der Adel desto reichlicher schlemmen und desto willk\u00fcrlicher herrschen konnte; und ein Reich mu\u00dfte untergehen, dessen Vogt auf seinem Stuhle festgebunden war und endlich nur ein Holzschwert in der Hand trug. In der Tat, die polnische Geschichte ist die Miniaturgeschichte Deutschlands; nur da\u00df in Polen die Gro\u00dfen sich vom Reichsoberhaupte nicht so ganz losgerissen und selbst\u00e4ndig gemacht hatten wie bei uns und da\u00df durch die deutsche Bed\u00e4chtigkeit doch immer einige Ordnung in die Anarchie hineingelangsamt wurde. H\u00e4tte Luther, der Mann Gottes und Katharinas, vor einem Krakauer Reichstage gestanden, so h\u00e4tte man ihn sicher nicht so ruhig wie in Augsburg aussprechen lassen. Jener Grundsatz von der st\u00fcrmischen Freiheit, die besser sein mag als ruhige Knechtschaft, hat dennoch, trotz seiner Herrlichkeit, die Polen ins Verderben gest\u00fcrzt. Aber es ist auch erstaunlich, wenn man sieht, welche Macht schon das blo\u00dfe Wort Freiheit auf ihre Gem\u00fcter aus\u00fcbt; sie gl\u00fchen und flammen, wenn sie h\u00f6ren, da\u00df irgend f\u00fcr die Freiheit gestritten wird; ihre Augen schauen leuchtend<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+3\" name=\"570\"><\/a>\u00a0nach Griechenland und S\u00fcdamerika. In Polen selbst aber wird, wie ich oben schon gesagt, unter Niederdr\u00fcckung der Freiheit blo\u00df die Beschr\u00e4nkung der Adelsrechte verstanden oder gar die allm\u00e4hliche Ausgleichung der St\u00e4nde. Wir wissen das besser; die Freiheiten m\u00fcssen untergehen, wo die allgemeine gesetzliche Freiheit gedeihen soll.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jetzt aber knien Sie nieder, oder wenigstens ziehen Sie den Hut ab \u2013 ich spreche von Polens Weibern. Mein Geist schweift an den Ufern des Ganges und sucht die zartesten und lieblichsten Blumen, um sie damit zu vergleichen. Aber was sind gegen diese Holden alle Reize der Mallika, der Kuwalaja, der Oschadhi, der Nagakesarbl\u00fcten, der heiligen Lotosblumen, und wie sie alle hei\u00dfen m\u00f6gen \u2013 Kamalata, Pedma, Kamala, Tamala, Sirischa usw.!! H\u00e4tte ich den Pinsel Raffaels, die Melodien Mozarts und die Sprache Calderons, so gel\u00e4nge es mir vielleicht, Ihnen ein Gef\u00fchl in die Brust zu zaubern, das Sie empfinden w\u00fcrden, wenn eine wahre Polin, eine Weichsel-Aphrodite, vor Ihren hochbegnadigten Augen leibhaftig erschiene. Aber was sind Raffaelsche Farbenkleckse gegen diese Altarbilder der Sch\u00f6nheit, die der lebendige Gott in seinen heitersten Stunden fr\u00f6hlich hingezeichnet! Was sind Mozartsche Klimpereien gegen die Worte, die gef\u00fcllten Bonbons f\u00fcr die Seele, die aus den Rosenlippen dieser S\u00fc\u00dfen hervorquellen! Was sind alle Calderonischen Sterne der Erde und Blumen des Himmels gegen diese Holden, die ich ebenfalls, auf gut calderonisch, Engel der Erde benamse, weil ich die Engel selbst Polinnen des Himmels nenne! Ja, mein Lieber, wer in ihre Gazellenaugen blickt, glaubt an den Himmel, und wenn er der eifrigste Anh\u00e4nger des Baron Holbach war; \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 \u2013 Wenn ich \u00fcber den Charakter der Polinnen sprechen soll, so bemerke ich blo\u00df: sie sind Weiber. Wer will sich anheischig machen, den Charakter dieser letztern zu zeichnen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein sehr werter Weltweiser, der zehn Oktavb\u00e4nde \u00bbweibliche Charaktere\u00ab geschrieben, hat endlich seine eigne Frau in milit\u00e4rischen Umarmungen gefunden. Ich will hier nicht sagen,\u00a0die Weiber h\u00e4tten gar keinen Charakter. Beileibe nicht! Sie haben vielmehr jeden Tag einen andern. Diesen immerw\u00e4hrenden Wechsel des Charakters will ich ebenfalls durchaus nicht tadeln. Es ist sogar ein Vorzug. Ein Charakter entsteht durch ein System stereotyper Grunds\u00e4tze. Sind letztere irrig, so wird das ganze Leben desjenigen Menschen, der sie systematisch in seinem Geiste aufgestellt, nur ein gro\u00dfer, langer Irrtum sein. Wir loben das und nennen es \u00bbCharakter haben\u00ab, wenn ein Mensch nach festen Grunds\u00e4tzen handelt, und bedenken nicht, da\u00df in einem solchen Menschen die Willensfreiheit untergegangen, da\u00df sein Geist nicht fortschreitet und da\u00df er selbst ein blinder Knecht seiner verj\u00e4hrten Gedanken ist. Wir nennen das auch Konsequenz, wenn jemand dabei bleibt, was er ein f\u00fcr allemal in sich aufgestellt und ausgesprochen hat, und wir sind oft tolerant genug, Narren zu bewundern und B\u00f6sewichter zu entschuldigen, wenn sich nur von ihnen sagen l\u00e4\u00dft, da\u00df sie konsequent gehandelt. Diese moralische Selbstunterjochung findet sich aber fast nur bei M\u00e4nnern; im Geiste der Frauen bleibt immer lebendig und in lebendiger Bewegung das Element der Freiheit. Jeden Tag wechseln sie ihre Weltansichten, meistens ohne sich dessen bewu\u00dft zu sein. Sie stehen des Morgens auf wie unbefangene Kinder, bauen des Mittags ein Gedankensystem, das wie ein Kartenhaus des Abends wieder zusammenf\u00e4llt. Haben sie heute schlechte Grunds\u00e4tze, so wette ich darauf, haben sie morgen die allerbesten. Sie wechseln ihre Meinungen so oft wie ihre Kleider. Wenn in ihrem Geiste just kein herrschender Gedanke steht, so zeigt sich das Allererfreulichste, das Interregnum des Gem\u00fcts. Und dieses ist bei den Frauen am reinsten und am st\u00e4rksten und f\u00fchrt sie sicherer als die Verstandesabstraktionslaternen, die uns M\u00e4nner so oft irreleiten. Glauben Sie nicht etwa, ich wollte hier den Advocatus Diaboli spielen und die Weiber noch obendrein preisen wegen jenes Charaktermangels, den unsere Gelbschn\u00e4bel und Grauschn\u00e4bel \u2013 die einen durch Amor, die andern durch Hymen maltr\u00e4tiert \u2013 mit so vielen Sto\u00dfseufzern beklagen. Auch m\u00fcssen Sie bemerken, da\u00df, bei diesem allgemeinen Ausspruch<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+3\" name=\"572\">[572]<\/a> \u00fcber die Weiber, die Polinnen haupts\u00e4chlich gemeint sind und die deutschen Frauen so halb und halb ausgenommen werden. Das ganze deutsche Volk hat, durch seinen angeborenen Tiefsinn, ganz besondere Anlage zu einem festen Charakter, und auch den Frauen hat sich ein Anflug davon mitgeteilt, der durch die Zeit sich immer mehr und mehr verdichtet, so da\u00df man bei \u00e4ltlichen deutschen Damen, sogar bei Frauen aus dem Mittelalter, d.h. bei Vierzigerinnen, eine ziemlich dicke, schuppige Charakterhornhaut vorfindet. Unendlich verschieden sind die Polinnen von den deutschen Frauen. Das slawische Wesen \u00fcberhaupt und die polnische Sitte insbesondere mag dieses hervorgebracht haben. In Hinsicht der Liebensw\u00fcrdigkeit will ich die Polin nicht \u00fcber die Deutsche erheben: sie sind nicht zu vergleichen. Wer will eine Venus von Tizian \u00fcber eine Maria von Correggio setzen? In einem sonnenhellen Blumentale w\u00fcrde ich mir eine Polin zur Begleiterin w\u00e4hlen; in einem mondbeleuchteten Lindengarten w\u00e4hlte ich eine Deutsche. Zu einer Reise durch Spanien, Frankreich und Italien w\u00fcnschte ich eine Polin zur Begleiterin; zu einer Reise durch das Leben w\u00fcnschte ich eine Deutsche. Muster von H\u00e4uslichkeit, Kindererziehung, frommer Demut und allen jenen stillen Tugenden der deutschen Frauen wird man wenige unter den Polinnen finden. Jene Haustugenden finden sich aber auch bei uns meistens nur im B\u00fcrgerstande und einem Teile des Adels, der sich in Sitten und Anspr\u00fcchen dem B\u00fcrgerstande angeschlossen. Bei dem \u00fcbrigen Teile des deutschen Adels werden oft jene Haustugenden in h\u00f6herem Grade und auf eine weit empfindlichere Weise vermi\u00dft als bei den Frauen des polnischen Adels. Ja, bei diesen ist es doch nie der Fall, da\u00df auf diesen Mangel sogar ein Wert gelegt wird, da\u00df man sich etwas darauf einbildet; wie von so manchen deutschen adligen Damen geschieht, die nicht Geld- oder Geisteskraft genug besitzen, um sich \u00fcber den B\u00fcrgerstand zu erheben, und die sich wenigstens durch Verachtung b\u00fcrgerlicher Tugenden und Beibehaltung nichtskostender altadliger Gebrechen auszuzeichnen suchen. Auch die Frauen der Polen sind nicht ahnenstolz, und es f\u00e4llt keinem polnischen Fr\u00e4ulein ein, sich etwas darauf einzubilden, da\u00df vor einigen hundert Jahren ihr wegelagernder Ahnherr, der Raubritter, der verdienten Strafe \u2013 entgangen ist. \u2013 Das religi\u00f6se Gef\u00fchl ist bei den deutschen Frauen tiefer als bei den Polinnen. Diese leben mehr nach au\u00dfen als nach innen; sie sind heitere Kinder, die sich vor Heiligenbildern bekreuzen, durch das Leben wie durch einen sch\u00f6nen Redoutensaal gaukeln und lachen und tanzen und liebensw\u00fcrdig sind. Ich m\u00f6chte wahrlich nicht Leichtfertigkeit und nicht einmal Leichtsinn nennen jenen leichten Sinn der Polinnen, der so sehr beg\u00fcnstigt wird durch die leichten polnischen Sitten \u00fcberhaupt, durch den leichten franz\u00f6sischen Ton, der sich mit diesen vermischt, durch die leichte franz\u00f6sische Sprache, die in Polen mit Vorliebe, und fast wie eine Muttersprache, gesprochen wird, und durch die leichte franz\u00f6sische Literatur, deren Dessert, die Romane, von den Polinnen verschlungen werden; und was die Sittenreinheit betrifft, so bin ich \u00fcberzeugt, da\u00df die Polinnen hierin den deutschen Frauen nicht nachzustehen brauchen. Die Ausschweifungen einiger polnischen Magnatenweiber haben, wegen ihrer Gro\u00dfartigkeit, zu verschiedenen Zeiten viele Augen auf sich gezogen, und unser P\u00f6bel, wie ich schon oben bemerkt, beurteilt eine ganze Nation nach den paar schmutzigen Exemplaren, die ihm davon zu Gesicht gekommen. Au\u00dferdem mu\u00df man bedenken, da\u00df die Polinnen sch\u00f6n sind und da\u00df sch\u00f6ne Frauen, aus bekannten Gr\u00fcnden, dem b\u00f6sen Leumund am meisten ausgesetzt sind und demselben nie entgehen, wenn sie, wie die Polinnen, freudig dahinleben in leichter, anmutiger Unbefangenheit. Glauben Sie mir, man ist in Warschau um nichts weniger tugendhaft wie in Berlin, nur da\u00df die Wogen der Weichsel etwas wilder brausen als die stillen Wasser der seichten Spree.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Heinrich_Heine_1837-scaled-e1610465735884.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-75865 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/02\/Heinrich_Heine_1837-211x300.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" \/><\/a>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Am 29. Dezember 1989 beschloss das Abgeordnetenhaus eine Verfassungs\u00e4nderung.\u00a0Darin wurde die Umbenennung der Volksrepublik Polen in Republik Polen zum 1. Januar 1990 beschlossen, sowie die Bezeichnung Polens als \u201esozialistischer Staat\u201c zu Gunsten der Bezeichnung \u201edemokratischer Rechtsstaat\u201c.\u00a0Auch der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/12\/29\/ueber-polen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":94,"featured_media":97877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[853],"class_list":["post-89926","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-heine"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89926","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/94"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89926"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89926\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97899,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89926\/revisions\/97899"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97877"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89926"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89926"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89926"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}