{"id":89910,"date":"2023-05-27T00:01:05","date_gmt":"2023-05-26T22:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89910"},"modified":"2023-05-27T05:12:08","modified_gmt":"2023-05-27T03:12:08","slug":"das-fest-von-hambach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/05\/27\/das-fest-von-hambach\/","title":{"rendered":"Das Fest von Hambach"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Das Hambacher Fest fand vom 27. Mai bis zum 1. Juni 1832 auf dem Hambacher Schloss und nahe bei Hambach sowie in Neustadt an der Haardt (heute: Neustadt an der Weinstra\u00dfe) in der damals zum K\u00f6nigreich Bayern geh\u00f6rigen Rheinpfalz statt. Es gilt als H\u00f6hepunkt b\u00fcrgerlicher Opposition in der Zeit der Restauration und zu Beginn des Vorm\u00e4rz. Die Forderungen der Festteilnehmer nach nationaler Einheit, Freiheit und Volkssouver\u00e4nit\u00e4t hatten ihre Wurzeln im Widerstand gegen die restaurativen Bem\u00fchungen des Deutschen Bundes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dennoch beurkundete das Fest von Hambach einen gro\u00dfen Fortschritt, zumal wenn man es mit jenem anderen Feste vergleicht, das einst ebenfalls zur Verherrlichung gemeinsamer Volksinteressen auf der Wartburg stattfand. Nur in Au\u00dfendingen, in Zuf\u00e4lligkeiten, sind sich beide Bergfeiern sehr \u00e4hnlich; keineswegs ihrem tieferen Wesen nach. Der Geist, der sich auf Hambach aussprach, ist grundverschieden von dem Geiste oder vielmehr von dem Gespenste, das auf der Wartburg seinen Spuk trieb. Dort, auf Hambach, jubelte die moderne Zeit ihre Sonnenaufgangslieder, und mit der ganzen Menschheit ward Br\u00fcderschaft getrunken; hier aber, auf der Wartburg, kr\u00e4chzte die Vergangenheit ihren obskuren Rabengesang, und bei Fackellicht wurden Dummheiten gesagt und getan, die des bl\u00f6dsinnigsten Mittelalters w\u00fcrdig waren! Auf Hambach hielt der franz\u00f6sische Liberalismus seine trunkensten Bergpredigten, und sprach man auch viel Unvern\u00fcnftiges, so ward doch die Vernunft selber anerkannt als jene h\u00f6chste Autorit\u00e4t, die da bindet und l\u00f6set und den Gesetzen ihre Gesetze vorschreibt; auf der Wartburg hingegen herrschte jener beschr\u00e4nkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anders war als Ha\u00df des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wu\u00dfte, als B\u00fccher zu verbrennen! Ich sage Unwissenheit, denn in dieser Beziehung war jene fr\u00fchere Opposition, die wir unter dem Namen \u00bbdie Altdeutschen\u00ab kennen, noch gro\u00dfartiger als die neuere Opposition, obgleich diese nicht gar besonders durch Gelehrsamkeit gl\u00e4nzt. Eben derjenige, welcher das B\u00fccherverbrennen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"170\"><\/a>\u00a0auf der Wartburg in Vorschlag brachte, war auch zugleich das unwissendste Gesch\u00f6pf, das je auf Erden turnte und altdeutsche Lesarten herausgab: wahrhaftig, dieses Subjekt h\u00e4tte auch Br\u00f6ders lateinische Grammatik ins Feuer werfen sollen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sonderbar! trotz ihrer Unwissenheit hatten die sogenannten Altdeutschen von der deutschen Gelahrtheit einen gewissen Pedantismus geborgt, der ebenso widerw\u00e4rtig wie l\u00e4cherlich war. Mit welchem kleinseligen Silbenstechen und Ausp\u00fcnkteln diskutierten sie \u00fcber die Kennzeichen deutscher Nationalit\u00e4t! Wo f\u00e4ngt der Germane an? Wo h\u00f6rt er auf? Darf ein Deutscher Tabak rauchen? Nein, behauptete die Mehrheit. Darf ein Deutscher Handschuhe tragen? Ja, jedoch von B\u00fcffelhaut. (Der schmutzige Ma\u00dfmann wollte ganz sichergehen und trug gar keine.) Aber Biertrinken darf ein Deutscher, und er soll es als echter Sohn Germanias; denn Tacitus spricht ganz bestimmt von deutscher Cerevisia. Im Bierkeller zu G\u00f6ttingen mu\u00dfte ich einst bewundern, mit welcher Gr\u00fcndlichkeit meine altdeutschen Freunde die Proskriptionslisten anfertigten, f\u00fcr den Tag, wo sie zur Herrschaft gelangen w\u00fcrden. Wer nur im siebenten Glied von einem Franzosen, Juden oder Slawen abstammte, ward zum Exil verurteilt. Wer nur im mindesten etwas gegen Jahn oder \u00fcberhaupt gegen altdeutsche L\u00e4cherlichkeiten geschrieben hatte, konnte sich auf den Tod gefa\u00dft machen, und zwar auf den Tod durchs Beil, nicht durch die Guillotine, obgleich diese urspr\u00fcnglich eine deutsche Erfindung und schon im Mittelalter bekannt war, unter dem Namen \u00bbdie welsche Falle\u00ab. Ich erinnere mich bei dieser Gelegenheit, da\u00df man ganz ernsthaft debattierte, ob man einen gewissen Berliner Schriftsteller, der sich im ersten Bande seines Werkes gegen die Turnkunst ausgesprochen hatte, bereits auf die erw\u00e4hnte Proskriptionsliste setzen d\u00fcrfe: denn der letzte Band seines Buches sei noch nicht erschienen, und in diesem letzten Bande k\u00f6nne der Autor vielleicht Dinge sagen, die den inkriminierten \u00c4u\u00dferungen des ersten Bandes eine ganz andere Bedeutung erteilen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sind diese dunklen Narren, die sogenannten Deutscht\u00fcmler,\u00a0ganz vom Schauplatz verschwunden? Nein. Sie haben blo\u00df ihre schwarzen R\u00f6cke, die Livree ihres Wahnsinns, abgelegt. Die meisten entledigten sich sogar ihres weinerlich brutalen Jargons, und vermummt in den Farben und Redensarten des Liberalismus, waren sie der neuen Opposition desto gef\u00e4hrlicher w\u00e4hrend der politischen Sturm-und-Drang-Periode nach den Tagen des Julius. Ja, im Heere der deutschen Revolutionsm\u00e4nner wimmelte es von ehemaligen Deutscht\u00fcmlern, die mit sauren Lippen die moderne Parole nachlallten und sogar die Marseillaise sangen&#8230; sie schnitten dabei die fatalsten Gesichter&#8230; Jedoch, es galt einen gemeinschaftlichen Kampf f\u00fcr ein gemeinschaftliches Interesse, f\u00fcr die Einheit Deutschlands, der einzigen Fortschrittsidee, die jene fr\u00fchere Opposition zu Markte gebracht. Unsere Niederlage ist vielleicht ein Gl\u00fcck&#8230; Man h\u00e4tte als Waffenbr\u00fcder treulich nebeneinander gefochten, man w\u00e4re sehr einig gewesen w\u00e4hrend der Schlacht, sogar noch in der Stunde des Sieges&#8230; aber den andern Morgen w\u00e4re eine Differenz zur Sprache gekommen, die unausgleichbar und nur durch die ultima ratio populorum zu schlichten war, n\u00e4mlich durch die welsche Falle. Die Kurzsichtigen freilich unter den deutschen Revolution\u00e4ren beurteilten alles nach franz\u00f6sischen Ma\u00dfst\u00e4ben, und sie sonderten sich schon in Konstitutionelle und Republikaner und wiederum in Girondisten und Montagnards, und nach solchen Einteilungen ha\u00dften und verleumdeten sie sich schon um die Wette: aber die Wissenden wu\u00dften sehr gut, da\u00df es im Heere der deutschen Revolution eigentlich nur zwei grundverschiedene Parteien gab, die keiner Transaktion f\u00e4hig und heimlich dem blutigsten Hader entgegenz\u00fcrnten. Welche von beiden schien die \u00fcberwiegende? Die Wissenden unter den Liberalen verhehlten einander nicht, da\u00df ihre Partei, welche den Grunds\u00e4tzen der franz\u00f6sischen Freiheitslehre huldigte, zwar an Zahl die st\u00e4rkere, aber an Glaubenseifer und H\u00fclfsmitteln die schw\u00e4chere sei. In der Tat, jene regenerierten Deutscht\u00fcmler bildeten zwar die Minorit\u00e4t, aber ihr Fanatismus, welcher mehr religi\u00f6ser Art, \u00fcberfl\u00fcgelte leicht einen Fanatismus, den nur die Vernunft ausgebr\u00fctet hat; ferner stehen ihnen jene m\u00e4chtigen Formeln zu Gebot, womit man den rohen P\u00f6bel beschw\u00f6rt, die Worte \u00bbVaterland, Deutschland, Glauben der V\u00e4ter\u00ab usw. elektrisieren die unklaren Volksmassen noch immer weit sicherer als die Worte \u00bbMenschheit, Weltb\u00fcrgertum, Vernunft der S\u00f6hne, Wahrheit&#8230;!\u00ab Ich will hiermit andeuten, da\u00df jene Repr\u00e4sentanten der Nationalit\u00e4t im deutschen Boden weit tiefer wurzeln als die Repr\u00e4sentanten des Kosmopolitismus und da\u00df letztere im Kampfe mit jenen wahrscheinlich den k\u00fcrzern ziehen, wenn sie ihnen nicht schleunigst zuvorkommen&#8230; durch die welsche Falle.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In Revolutionszeiten bleibt uns nur die Wahl zwischen T\u00f6ten und Sterben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Man hat keinen Begriff von solchen Zeiten, wenn man nicht etwas gekostet hat von dem Fieber, das alsdann die Menschen sch\u00fcttelt und ihnen eine ganz eigene Denk- und Gef\u00fchlsweise einhaucht. Es ist unm\u00f6glich, die Worte und Taten solcher Zeiten w\u00e4hrend der Windstille einer Friedensperiode, wie die jetzige, zu beurteilen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nicht, inwieweit obige Andeutungen einem stillen Verst\u00e4ndnis begegnen. Unsere Nachfolger erben vielleicht unsere geheimen \u00dcbel, und es ist Pflicht, da\u00df wir sie darauf hinweisen, welches Heilmittel wir f\u00fcr probat hielten. Zugleich habe ich hier oben insinuiert, inwiefern zwischen mir und jenen Revolution\u00e4ren, die den franz\u00f6sischen Jakobinismus auf deutsche Verh\u00e4ltnisse \u00fcbertrugen, eine gewisse Verb\u00fcndung stattfinden mu\u00dfte&#8230; Trotzdem da\u00df mich meine politischen Meinungen von ihnen schieden im Reiche des Gedankens, w\u00fcrde ich mich doch jederzeit denselben angeschlossen haben auf den Schlachtfeldern der Tat&#8230; Wir hatten ja gemeinschaftliche Feinde und gemeinschaftliche Gefahren!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Freilich, in ihrer tr\u00fcben Befangenheit haben jene Revolution\u00e4re nie die positiven Garantien dieser nat\u00fcrlichen Allianz begriffen. Auch war ich ihnen so weit vorausgeschritten, da\u00df sie mich nicht mehr sahen, und in ihrer Kurzsichtigkeit glaubten sie, ich w\u00e4re zur\u00fcckgeblieben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist weder hier der Ort, noch ist es jetzt an der Zeit, ausf\u00fchrlicher \u00fcber die Differenzen zu reden, die sich bald nach der Juliusrevolution zwischen mir und den deutschen Revolution\u00e4ren in Paris kundgeben mu\u00dften. Als der bedeutendste Repr\u00e4sentant dieser letzteren mu\u00df unser Ludwig B\u00f6rne betrachtet werden, zumal in den letzten Jahren seines Lebens, als, infolge der republikanischen Niederlagen, die zwei t\u00e4tigsten Agitatoren, Garnier und Wolfrum, vom Schauplatze abtraten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Von ersterem ist bereits Erw\u00e4hnung geschehn. Er war einer der r\u00fcstigsten Umtriebler, und man mu\u00df ihm das Zeugnis geben, da\u00df er alle demagogische Talente im h\u00f6chsten Grade besa\u00df. Ein Mensch von vielem Geiste, auch vielen Kenntnissen und gro\u00dfer Beredsamkeit. Aber ein Intrigant. In den St\u00fcrmen einer deutschen Revolution h\u00e4tte Garnier gewi\u00df eine Rolle gespielt; da aber das St\u00fcck nicht aufgef\u00fchrt wurde, ging es ihm schlecht. Man sagt, er mu\u00dfte von Paris fl\u00fcchten, weil sein Gastwirt ihm nach dem Leben trachtete, nicht, indem er ihm die Speisen zu vergiften drohte, sondern indem er ihm gar keine Speisen mehr ohne bare Bezahlung verabreichen wollte. Der andere der beiden Agitatoren, Wolfrum, war ein junger Mensch aus Altbayern, wenn ich nicht irre aus Hof, der hier als Kommis in einem Handlungshause konditionierte, aber seine Stelle aufgab, um den ausbrechenden Freiheitsideen, die auch ihn ergriffen hatten, seine ganze T\u00e4tigkeit zu widmen. Es war ein braver, uneigenn\u00fctziger, von reiner Begeisterung getriebener Mensch, und ich halte mich um so mehr verpflichtet, dieses auszusprechen, da sein Andenken noch nicht ganz gereinigt ist von einer schauderhaften Verleumdung. Als er n\u00e4mlich aus Paris verwiesen wurde und der General Lafayette den Grafen d&#8217;Argout, damaligen Minister des Innern, ob dieser Willk\u00fcr in der Kammer zur Rede stellte, schneuzte d&#8217;Argout seine lange Nase und behauptete, der Verwiesene sei ein Agent der bayerschen Jesuiten gewesen und unter seinen Papieren habe man die Beweisst\u00fccke gefunden. Als Wolfrum, welcher sich in Belgien aufhielt, von dieser schn\u00f6den Beschuldigung durch die Tagesbl\u00e4tter Kunde empfing, wollte er auf der Stelle hierher zur\u00fcckeilen, konnte aber wegen mangelnder Barschaft nur zu Fu\u00dfe reisen, und erkrankt durch \u00dcberm\u00fcdung und innere Aufregung, mu\u00dfte er bei seiner Ankunft zu Paris im H\u00f4tel de Dieu einkehren; hier starb er unter fremdem Namen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wolfrum und Garnier waren immer B\u00f6rnes treue Anh\u00e4nger, aber sie behaupteten ihm gegen\u00fcber eine gewisse Unabh\u00e4ngigkeit, und nicht selten sch\u00f6pften sie ihre Inspirationen aus ganz andern Quellen. Seitdem aber diese beiden verschwanden, trat B\u00f6rne unter den Revolution\u00e4ren zu Paris unmittelbar pers\u00f6nlich hervor, er herrschte nicht mehr durch Agenten seines Willens, sondern in eigenem Namen, und es fehlte ihm nicht an einem Hofstaat von beschr\u00e4nkten und erhitzten K\u00f6pfen, die ihm mit blinder Verehrung huldigten. Unter diesen lieben Getreuen sa\u00df er in aller Majest\u00e4t seines buntseidenen Schlafrocks und hielt Gericht \u00fcber die Gro\u00dfen dieser Erde, und neben dem Zaren aller Reu\u00dfen war es wohl der Schreiber dieser Bl\u00e4tter, den sein rhadamantischer Zorn am st\u00e4rksten traf&#8230; Was in seinen Schriften nur halbwegs angedeutet wurde, fand im m\u00fcndlichen Vortrag die grellste Erg\u00e4nzung, und der argw\u00f6hnische Kleingeist, der ihn bemeisterte, und eine gewisse infame Tugend, die f\u00fcr die heilige Sache sogar die L\u00fcge nicht verschm\u00e4ht, kurz, Beschr\u00e4nktheit und Selbstt\u00e4uschung, trieben den Mann bis in die Mor\u00e4ste der Verleumdung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Vorwurf in den Worten \u00bbargw\u00f6hnischer Kleingeist\u00ab soll hier weniger das Individuum als vielmehr die ganze Gattung treffen, die in Maximilian Robespierre, glorreichen Andenkens, ihren vollkommensten Repr\u00e4sentanten gefunden. Mit diesem hatte B\u00f6rne zuletzt die gr\u00f6\u00dfte \u00c4hnlichkeit: im Gesichte lauerndes Mi\u00dftrauen, im Herzen eine blutd\u00fcrstige Sentimentalit\u00e4t, im Kopfe n\u00fcchterne Begriffe&#8230; Nur stand ihm keine Guillotine zu Gebote, und er mu\u00dfte zu Worten seine Zuflucht nehmen und blo\u00df verleumden. Auch dieser Vorwurf trifft mehr die Gattungen; denn sonderbar! ebenso wie die Jesuiten haben die Jakobiner das L\u00fcgen als ein erlaubtes Kriegsmittel adoptiert, vielleicht weil sich beide der h\u00f6chsten Zwecke bewu\u00dft waren: jene stritten f\u00fcr die Sache Gottes, diese f\u00fcr die Sache der Menschheit&#8230; Wir wollen ihnen daher ihre Verleumdungen verzeihen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ob aber bei Ludwig B\u00f6rne nicht manchmal ein geheimer Neid im Spiele war? Er war ja ein Mensch, und w\u00e4hrend er glaubte, er ruiniere den guten Leumund eines Andersgesinnten nur im Interesse der Republik, w\u00e4hrend er sich vielleicht noch etwas darauf zugute tat, dieses Opfer gebracht zu haben, befriedigte er unbewu\u00dft die versteckten Gel\u00fcste der eignen b\u00f6sen Natur, wie einst Maximilian Robespierre, glorreichen Andenkens!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und namentlich in betreff meiner hat der Selige sich solchen Privatgef\u00fchlen hingegeben, und alle seine Anfeindungen waren am Ende nichts anders als der kleine Neid, den der kleine Tambourma\u00eetre gegen den gro\u00dfen Tambourmajor empfindet: er beneidete mich ob des gro\u00dfen Federbusches, der so keck in die L\u00fcfte hineinjauchzt, ob meiner reichgestickten Uniform, woran mehr Silber, als er, der kleine Tambourma\u00eetre, mit seinem ganzen Verm\u00f6gen bezahlen konnte, ob der Geschicklichkeit, womit ich den gro\u00dfen Stock balanciere, ob der Liebesblicke, die mir die jungen Dirnen zuwerfen und die ich vielleicht mit etwas Koketterie erwidre!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Umgebung B\u00f6rnes mag ebenfalls vieles von den angedeuteten Verirrungen zur Last fallen; er ward von den lieben Getreuen zu mancher schlimmen \u00c4u\u00dferung angestachelt, und das m\u00fcndlich Ge\u00e4u\u00dferte ward noch b\u00f6sartiger aufgestutzt und zu wunderlichen Privatzwecken verarbeitet. Bei all seinem Mi\u00dftrauen war er leicht zu betr\u00fcgen, er ahnte nie, da\u00df er ganz fremden Leidenschaften diente und nicht selten sogar den Einfl\u00fcsterungen seiner Gegner gehorchte. Man versicherte mir, einige von den Spionen, die f\u00fcr Rechnung gewisser Regierungen hier herumschn\u00fcffeln, wu\u00dften sich so patriotisch zu geb\u00e4rden, da\u00df B\u00f6rne ihnen sein ganzes Vertrauen schenkte und Tag und Nacht mit ihnen zusammenhockte und konspirierte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und doch wu\u00dfte er, da\u00df er von Spionen umgeben war, und einst sagte er mir: \u00bbDa geht best\u00e4ndig ein Kerl hinter mir her, der mich auf allen Stra\u00dfen verfolgt, vor allen H\u00e4usern stehenbleibt, wo ich hineingehe, und gewi\u00df von irgendeiner Regierung teuer daf\u00fcr bezahlt wird. W\u00fc\u00dfte ich nur, welche Regierung, ich w\u00fcrde ihr schreiben, da\u00df ich das Geld selbst verdienen m\u00f6chte, da\u00df ich selber ihr t\u00e4glich einen gewissenhaften Rapport abstatten wolle, wie ich den ganzen Tag zugebracht, mit wem ich gesprochen, wohin ich gegangen: ja, ich bin erb\u00f6tig, diesen Rapport zu weit wohlfeilerem Preise, ja f\u00fcr die H\u00e4lfte des Geldes zu liefern, das dieser Kerl, der best\u00e4ndig hinter mir einhergeht, sich zahlen l\u00e4\u00dft; denn ich mu\u00df ja alle diese G\u00e4nge ohnedies machen. Ich k\u00f6nnte vielleicht davon leben, da\u00df ich mein eigner Spion werde.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Einen gro\u00dfen, vielleicht den gr\u00f6\u00dften Einflu\u00df \u00fcbte damals auf B\u00f6rne die sogenannte Madame Wohl, eine bereits in diesen Bl\u00e4ttern erw\u00e4hnte zweideutige Dame, wovon man nicht genau wu\u00dfte, zu welchem Titel ihr Verh\u00e4ltnis zu B\u00f6rne sie berechtigte, ob sie seine Geliebte oder blo\u00df seine Gattin. Die n\u00e4chsten Freunde behaupteten lange Zeit steif und fest, da\u00df Madame Wohl ihm heimlich angetraut sei und eines fr\u00fchen Morgens als Frau Doktorin B\u00f6rne ihre Aufwartung machen werde. Andere meinten, es herrsche zwischen beiden nur eine platonische Liebe, wie einst zwischen Messer Francesco und Madonna Laura, und sie fanden gewi\u00df auch eine gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit zwischen Petrarchas Sonetten und B\u00f6rnes \u00bbPariser Briefen\u00ab. Letztere waren n\u00e4mlich nicht an eine erdichtete Luftgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet, was gewi\u00df zu ihrem Werte beitrug, indem es ihnen jene bestimmte Physiognomie und jenes Individuelle erteilte, was keine Kunst nachahmen kann. Wenn sich in Briefen nicht blo\u00df der Charakter des Schreibers, sondern auch des Empf\u00e4ngers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine h\u00f6chst respektable Person, die f\u00fcr Freiheit und Menschenrechte gl\u00fcht, ein Wesen voll Gem\u00fct, voll Begeisterung&#8230; Und in der Tat, wir m\u00fcssen dieser Ansicht Glauben schenken, wenn wir vernehmen, mit welcher Hingebung die Dame in bitterer Zeit an B\u00f6rne festhielt, wie sie ihm ihr ganzes Leben weihte und wie sie jetzt, nach seinem Tode, in trostlosem Kummer verharrt, sich in der Einsamkeit nur noch mit dem Verstorbenen besch\u00e4ftigend. Unstreitbar herrschte zwischen beiden die innigste Zuneigung, aber w\u00e4hrend das Publikum zweifelhaft war, welche sinnliche Tatsachen daraus entsprungen sein m\u00f6chten, \u00fcberraschte uns einst die pl\u00f6tzliche Nachricht, da\u00df Madame Wohl sich nicht mit B\u00f6rne, sondern mit einem jungen Kaufmann aus Frankfurt verm\u00e4hlt habe&#8230; Die Verwunderung hier\u00fcber ward noch dadurch gesteigert, da\u00df die Neuverm\u00e4hlte nebst ihrem Gatten hierherkam, mit B\u00f6rne ein und dieselbe Wohnung bezog und alle drei einen einzigen Haushalt bildeten. Ja, es hie\u00df, der junge Gatte habe die Frau nur deshalb geheuratet, um mit B\u00f6rne in n\u00e4here Ber\u00fchrung zu kommen, er habe sich ausbedungen, da\u00df zwischen beiden das fr\u00fchere Verh\u00e4ltnis unver\u00e4ndert fortwalte. Wie man mir sagt, spielte er im Hause nur die dienende Person, verrichtete die roheren Gesch\u00e4fte und ward ein sehr n\u00fctzlicher Laufbursche f\u00fcr B\u00f6rne, mit dessen Ruhm er hausieren ging und gegen dessen Gegner er unerbittlich Gift und Galle geiferte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In der Tat, jener Gatte der Madame Wohl geh\u00f6rt nicht zu der guten Sorte, die mit der Toleranz in der Ehe eine gewisse Harmlosigkeit verbindet und dadurch allen Spott entwaffnet. Nein, er erinnerte vielmehr an jene b\u00f6se Gattung, wovon in den indischen Geschichten des Ktesias Erw\u00e4hnung geschieht. Dieser Autor berichtet n\u00e4mlich: in Indien g\u00e4be es geh\u00f6rnte Esel, und w\u00e4hrend alle andere Esel gar keine Galle haben, h\u00e4tten jene geh\u00f6rnten Esel einen solchen \u00dcberflu\u00df an Galle, da\u00df ihr Fleisch dadurch ganz bitter schmecke.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich hoffe, es wird niemand mi\u00dfdeuten, weshalb ich obige Partikularit\u00e4ten aus B\u00f6rnes Privatleben hervorhebe. Sie sollen nur zeigen, da\u00df es noch ganz besondere Mi\u00dfst\u00e4nde gab, die mir geboten, mich von ihm entfernt zu halten. Das ganze Reinlichkeitsgef\u00fchl meiner Seele str\u00e4ubte sich in mir bei dem Gedanken, mit seiner n\u00e4chsten Umgebung in die mindeste Ber\u00fchrung zu geraten. Soll ich die Wahrheit gestehen, so sah ich in B\u00f6rnes Haushalt eine Immoralit\u00e4t, die mich anwiderte. Dieses Gest\u00e4ndnis mag befremdlich klingen im Munde eines Mannes, der nie im Zelotengeschrei sogenannter Sittenprediger einstimmte und selber hinl\u00e4nglich von ihnen verketzert wurde. Verdiente ich wirklich diese Verketzerungen? Nach tiefster Selbstpr\u00fcfung kann ich mir das Zeugnis geben, da\u00df niemals meine Gedanken und Handlungen in Widerspruch geraten mit der Moral, mit jener Moral, die meiner Seele eingeboren, die vielleicht meine Seele selbst ist, die beseelende Seele meines Lebens. Ich gehorche fast passiv einer sittlichen Notwendigkeit und mache deshalb keine Anspr\u00fcche auf Lorbeerkr\u00e4nze und sonstige Tugendpreise. Ich habe j\u00fcngst ein Buch gelesen, worin behauptet wird, ich h\u00e4tte mich ger\u00fchmt, es liefe keine Phryne \u00fcber die Pariser Boulevards, deren Reize mir unbekannt geblieben. Gott wei\u00df, welchem ehrw\u00fcrdigen Korrespondenzler solche saubre Anekdoten nachgesprochen wurden, ich kann aber dem Verfasser jenes Buches die Versicherung geben, da\u00df ich, selbst in meiner tollsten Jugendzeit, nie ein Weib erkannt habe, wenn ich nicht dazu begeistert ward durch ihre Sch\u00f6nheit, die k\u00f6rperliche Offenbarung Gottes, oder durch die gro\u00dfe Passion, jene gro\u00dfe Passion, die ebenfalls g\u00f6ttlicher Art, weil sie uns von allen selbsts\u00fcchtigen Kleingef\u00fchlen befreit und die eiteln G\u00fcter des Lebens, ja das Leben selbst, hinopfern l\u00e4\u00dft! Was aber unseren Ludwig B\u00f6rne betrifft, so d\u00fcrfen wir k\u00fchn behaupten, da\u00df es keineswegs die Begeisterung f\u00fcr Sch\u00f6nheit war, die ihn zu seiner Madame Wohl hinzog. Ebensowenig findet das Verh\u00e4ltnis dieser beiden Personen seine moralische Rechtfertigung in der gro\u00dfen Passion. Beherrscht von der gro\u00dfen Passion, w\u00fcrden beide keinen Anstand genommen haben, selbst ohne den Segen der Kirche und der Mairie, beieinander zu wohnen; das kleine Bedenken \u00fcber das Kopfsch\u00fctteln der Welt h\u00e4tte sie nicht davon abgehalten&#8230; Und die Welt ist am Ende gerecht, und sie verzeiht die Flammen, wenn nur der Brand stark und echt ist und sch\u00f6n lodert und lange&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Gegen eitel verpuffendes Strohfeuer ist sie hart, und sie verspottet jede \u00e4ngstliche Halbglut&#8230; Die Welt achtet und ehrt jede Leidenschaft, sobald sie sich als eine wahre erprobt, und die Zeit erzeugt auch in diesem Falle eine gewisse Legitimit\u00e4t&#8230; Aber Madame Wohl tat sich mit B\u00f6rne zusammen unter dem Deckmantel der Ehe mit einem l\u00e4cherlichen Dritten, dessen bitteres Fleisch ihr vielleicht manchmal mundete, w\u00e4hrend ihr Geist sich weidete am s\u00fc\u00dfen Geiste B\u00f6rnes&#8230; Selbst in diesem anst\u00e4ndigsten Falle, selbst im Fall dem idealischen Freunde nur das reine, sch\u00f6ne Gem\u00fct und dem rohen Gatten die nicht sehr sch\u00f6ne und nicht sehr reinliche H\u00fclle gewidmet ward, beruhte der ganze Haushalt auf der schmutzigsten L\u00fcge, auf entweihter Ehe und Heuchelei, auf Immoralit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zu dem Ekel, der mich bei dem Zusammentreffen mit B\u00f6rne von seiten seiner Umgebung bedrohte, gesellte sich auch das Mi\u00dfbehagen, womit mich sein best\u00e4ndiges Kannengie\u00dfern erf\u00fcllte. Immer politisches R\u00e4sonieren und wieder R\u00e4sonieren, und sogar beim Essen, wo er mich aufzusuchen wu\u00dfte. Bei Tische, wo ich so gern alle Misere der Welt vergesse, verdarb er mir die besten Gerichte, durch seine patriotische Galle, die er gleichsam wie eine bittere Sauce dar\u00fcber hinschwatzte. Kalbsf\u00fc\u00dfe \u00e0 la Ma\u00eetre d&#8217;h\u00f4tel, damals meine harmlose Lieblingsspeise, er verleidete sie mir durch Hiobsposten aus der Heimat, die er aus den unzuverl\u00e4ssigsten Zeitungen zusammengegabelt hatte. Und dann seine verfluchten Bemerkungen, die einem den Appetit verdarben. So z.B. kroch er mir mal nach in den Restaurant der Rue Lepelletier, wo damals nur politische Fl\u00fcchtlinge aus Italien, Spanien, Portugal und Polen zu Mittag speisten. B\u00f6rne, welcher sie alle kannte, bemerkte mit freudigem H\u00e4ndereiben: wir beide seien von der ganzen Gesellschaft die einzigen, die nicht von ihrer respektiven Regierung zum Tode verurteilt worden. \u00bbAber ich habe\u00ab, setzte er hinzu, \u00bbnoch nicht alle Hoffnung aufgegeben, es ebensoweit zu bringen. Wir werden am Ende alle gehenkt, und Sie ebensogut wie ich.\u00ab Ich \u00e4u\u00dferte bei dieser Gelegenheit, da\u00df es in der Tat f\u00fcr die Sache der deutschen Revolution sehr f\u00f6rdersam w\u00e4re, wenn unsere Regierungen etwas rascher verf\u00fchren und einige Revolution\u00e4re wirklich aufhingen, damit die \u00fcbrigen s\u00e4hen, da\u00df die Sache gar kein Spa\u00df und alles an alles gesetzt werden m\u00fcsse&#8230; \u00bbSie wollen gewi\u00df\u00ab, fiel mir B\u00f6rne in die Rede, \u00bbda\u00df wir nach dem Alphabet gehenkt werden, und da w\u00e4re ich einer der ersten und k\u00e4me schon im Buchstab B, man mag mich nun als B\u00f6rne oder als Baruch h\u00e4ngen; und es h\u00e4tte dann noch gute Weile, bis man an Sie k\u00e4me, tief ins H.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das waren nun Tischgespr\u00e4che, die mich nicht sehr erquickten, und ich r\u00e4chte mich daf\u00fcr, indem ich f\u00fcr die Gegenst\u00e4nde des B\u00f6rneschen Enthusiasmus eine \u00fcbertriebene, fast leidenschaftliche Gleichg\u00fcltigkeit affektierte. Zum Beispiel B\u00f6rne hatte sich ge\u00e4rgert, da\u00df ich gleich bei meiner Ankunft in Paris nichts Besseres zu tun wu\u00dfte, als f\u00fcr deutsche Bl\u00e4tter einen langen Bericht \u00fcber die damalige Gem\u00e4ldeausstellung zu schreiben. Ich lasse dahingestellt sein, ob das Kunstinteresse, das mich zu solcher Arbeit trieb, so ganz unvereinbar war mit den revolution\u00e4ren Interessen des Tages; aber B\u00f6rne sah hierin einen Beweis meines Indifferentismus f\u00fcr die heilige Sache der Menschheit, und ich konnte ihm ebenfalls die Freude seines patriotischen Sauerkrauts verleiden, wenn ich bei Tisch von nichts als von Bildern sprach, von Roberts \u00bbSchnittern\u00ab, von Horaz Vernets \u00bbJudith\u00ab, von Scheffers \u00bbFaust\u00ab. \u00bbWas taten Sie?\u00ab \u2013 frug er mich einst \u2013 \u00bbam ersten Tag Ihrer Ankunft in Paris? Was war Ihr erster Gang?\u00ab Er erwartete gewi\u00df, da\u00df ich ihm die Place Louis XVI oder das Pantheon, die Grabm\u00e4ler Rousseaus und Voltaires, als meine erste Ausflucht nennen w\u00fcrde, und er machte ein sonderbares Gesicht, als ich ihm ehrlich die Wahrheit gestand, da\u00df ich n\u00e4mlich gleich bei meiner Ankunft nach der Biblioth\u00e8que Royale gegangen und mir vom Aufseher der Manuskripte den Manessischen Kodex der Minnes\u00e4nger hervorholen lie\u00df. Und das ist wahr; seit Jahren gel\u00fcstete mich, mit eigenen Augen die teuern Bl\u00e4tter zu sehen, die uns unter anderen die Gedichte Walthers von der Vogelweide, des gr\u00f6\u00dften deutschen Lyrikers, aufbewahrt haben. F\u00fcr B\u00f6rne war dieses ebenfalls ein Beweis meines Indifferentismus, und er zieh mich des Widerspruchs mit meinen politischen Grunds\u00e4tzen. Da\u00df ich es nie der M\u00fche wert hielt, letztere mit ihm zu diskutieren, versteht sich von selbst; und als er einst auch in meinen Schriften einen Widerspruch entdeckt haben wollte, begn\u00fcgte ich mich mit der ironischen Antwort: \u00bbSie irren sich, Liebster, dergleichen findet sich nie in meinen B\u00fcchern, denn jedesmal, ehe ich schreibe, pflege ich vorher meine politischen Grunds\u00e4tze in meinen fr\u00fcheren Schriften wieder nachzulesen, damit ich mir nicht widerspreche und man mir keinen Abfall von meinen liberalen Prinzipien vorwerfen k\u00f6nne.\u00ab Aber nicht blo\u00df beim Essen, sondern sogar in meiner Nachtsruhe inkommodierte mich B\u00f6rne mit seiner patriotischen Exaltation. Er kam einmal um Mitternacht zu mir heraufgestiegen in meine Wohnung, weckte mich aus dem s\u00fc\u00dfesten Schlaf, setzte sich vor mein Bett und jammerte eine ganze Stunde \u00fcber die Leiden des deutschen Volks und \u00fcber die Sch\u00e4ndlichkeiten der deutschen Regierungen, und wie die Russen f\u00fcr Deutschland so gef\u00e4hrlich seien und wie er sich vorgenommen habe, zur Rettung Deutschlands gegen den Kaiser Nikolaus zu schreiben und gegen die F\u00fcrsten, die das Volk so mi\u00dfhandelten, und gegen den Bundestag&#8230; Und ich glaube, er h\u00e4tte bis zum Morgen in diesem Zuge fortgeredet, wenn ich nicht pl\u00f6tzlich, nach langem Schweigen, in die Worte ausbrach: \u00bbSind Sie Gemeindeversorger?\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur zweimal habe ich ihn seitdem wieder gesprochen. Das eine Mal bei der Heirat eines gemeinsamen Freundes, der uns beide als Zeugen gew\u00e4hlt, das andere Mal auf einem Spaziergang in den Tuilerien, dessen ich bereits erw\u00e4hnte. Bald darauf erschien der dritte und vierte Teil seiner \u00bbPariser Briefe\u00ab, und ich vermied nicht blo\u00df jede Gelegenheit des Zusammentreffens, sondern ich lie\u00df ihn auch merken, da\u00df ich ihm geflissentlich auswich, und seit der Zeit habe ich ihm zwar zwei- oder dreimal begegnet, aber nie habe ich seitdem ein einziges Wort mit ihm gesprochen. Bei seiner sanguinischen Art wurmte ihn das bis zur Verzweiflung, und er setzte alle m\u00f6glichen Erfindungen ins Spiel, um mir wieder freundschaftlich nahen zu d\u00fcrfen oder wenigstens eine Unterredung mit mir zu bewirken. Ich hatte also nie im Leben mit B\u00f6rne einen m\u00fcndlichen Disput, nie sagten wir uns irgendeine schwere Beleidigung; nur aus seinen gedruckten Reden merkte ich die lauernde B\u00f6swilligkeit, und nicht verletztes Selbstgef\u00fchl, sondern h\u00f6here Sorgen und die Treue, die ich meinem Denken und Wollen schuldig bin, bewogen mich, mit einem Mann zu brechen, der meine Gedanken und Bestrebungen kompromittieren wollte. Solches hartn\u00e4ckige Ablehnen ist aber nicht ganz in meiner Art, und ich w\u00e4re vielleicht nachgiebig genug gewesen, mit B\u00f6rne wieder zu sprechen und Umgang zu pflegen&#8230; zumal, da sehr liebe Personen mich mit vielen Bitten angingen und die gemeinschaftlichen Freunde oft in Verlegenheit gerieten bei Einladungen, deren ich keine annahm, wenn ich nicht vorher die Zusicherung erhielt, da\u00df Herr B\u00f6rne nicht geladen sei&#8230; noch au\u00dferdem rieten mir meine Privatinteressen, den grimmbl\u00fctigen Mann durch solches strenge Zur\u00fcckweisen nicht allzusehr zu reizen&#8230; aber ein Blick auf seine Umgebung, auf seine lieben Getreuen, auf den vielk\u00f6pfigen und mit den Schw\u00e4nzen zusammengewachsenen Rattenk\u00f6nig, dessen Seele er bildete, und der Ekel hielt mich zur\u00fcck von jeder neuen Ber\u00fchrung mit B\u00f6rne.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So vergingen mehrere Jahre, drei, vier Jahre, ich verlor den Mann auch geistig aus dem Gesicht, selbst von jenen Artikeln, die er in franz\u00f6sischen Zeitschriften gegen mich schrieb und die im ehrlichen Deutschland so verleumderisch ausgebeutet wurden, nahm ich wenig Notiz, als ich eines sp\u00e4ten Herbstabends die Nachricht erhielt, B\u00f6rne sei gestorben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie man mir sagt, soll er seinen Tod selbst verschuldet haben, durch Eigensinn, indem er sich lange weigerte, seinen Arzt, den vortrefflichen Dr. Sichel, rufen zu lassen. Dieser nicht blo\u00df ber\u00fchmte, sondern auch sehr gewissenhafte Arzt, der ihn wahrscheinlich gerettet h\u00e4tte, kam zu sp\u00e4t, als der Kranke bereits eine terroristische Selbstkur an sich vorgenommen und seinen ganzen K\u00f6rper ruiniert hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">B\u00f6rne hatte fr\u00fcher etwas Medizin studiert und wu\u00dfte von dieser Wissenschaft grade soviel, als man eben braucht, um zu t\u00f6ten. In der Politik, womit er sich sp\u00e4ter abgab, waren seine Kenntnisse wahrlich nicht viel bedeutender.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe seinem Begr\u00e4bnisse nicht beigewohnt, was unsere hiesigen Korrespondenzler nicht ermangelten, nach Deutschland zu berichten, und was zu b\u00f6sen Auslegungen Gelegenheit gab. Nichts ist aber t\u00f6richter, als in jenem Umstande, der rein zuf\u00e4llig sein konnte, eine feindselige H\u00e4rte zu erblicken. Die Toren, sie wissen nicht, da\u00df es kein angenehmeres Gesch\u00e4ft gibt, als dem Leichenbeg\u00e4ngnisse eines Feindes zu folgen!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich war nie B\u00f6rnes Freund, und ich war auch nie sein Feind. Der Unmut, den er manchmal in mir erregen konnte, war nie bedeutend, und er b\u00fc\u00dfte daf\u00fcr hinl\u00e4nglich durch das kalte Schweigen, das ich allen seinen Verketzerungen und N\u00fccken entgegensetzte. Ich habe, w\u00e4hrend er lebte, auch keine Zeile gegen ihn geschrieben, ich gedachte seiner nie, ich ignorierte ihn komplett, und das \u00e4rgerte ihn \u00fcber alle Ma\u00dfen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich jetzt von ihm rede, geschieht es wahrlich weder aus Enthusiasmus noch aus Mi\u00dftrauen; ich bin mir wenigstens der k\u00e4ltesten Unparteilichkeit bewu\u00dft. Ich schreibe hier weder eine Apologie noch eine Kritik, und indem ich nur von der eignen Anschauung ausgehe bei der Schilderung des Mannes, d\u00fcrfte das Standbild, das ich von ihm liefere, vielleicht als ein ikonisches zu betrachten sein. Und es geb\u00fchrt ihm ein solches Standbild, ihm, dem gro\u00dfen Ringer, der in der Arena unserer politischen Spiele so mutig rang und, wo nicht den Lorbeer, doch gewi\u00df den Kranz von Eichenlaub ersiegte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir geben sein Standbild mit seinen wahren Z\u00fcgen, ohne Idealisierung, je \u00e4hnlicher, desto ehrender f\u00fcr sein Andenken. Er war ja weder ein Genie noch ein Heros; er war kein Gott des Olymps. Er war ein Mensch, ein B\u00fcrger der Erde, er war ein guter Schriftsteller und ein gro\u00dfer Patriot.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Indem ich Ludwig B\u00f6rne einen guten Schriftsteller genannt und ihm nur das schlichte Beiwort \u00bbgut\u00ab zuerkenne, m\u00f6chte ich seinen \u00e4sthetischen Wert weder vergr\u00f6\u00dfern noch verkleinern. Ich gebe \u00fcberhaupt hier, wie ich bereits erw\u00e4hnt, keine Kritik, ebensowenig wie eine Apologie seiner Schriften; nur mein unma\u00dfgebliches Daf\u00fcrhalten darf in diesen Bl\u00e4ttern seine Stelle finden. Ich suche dieses Privaturteil so kurz als m\u00f6glich abzufassen; daher nur wenige Worte \u00fcber B\u00f6rne in rein literarischer Beziehung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Soll ich in der Literatur einen verwandten Charakter aufsuchen, so b\u00f6te sich zuerst Gotthold Ephraim Lessing, mit welchem B\u00f6rne sehr oft verglichen worden. Aber diese Verwandtschaft beruht nur auf der inneren T\u00fcchtigkeit, dem edlen Willen, der patriotischen Passion und dem Enthusiasmus f\u00fcr Humanit\u00e4t. Auch die Verstandesrichtung war in beiden dieselbe. Hier aber h\u00f6rt der Vergleich auf. Lessing war gro\u00df durch jenen offenen Sinn f\u00fcr Kunst und philosophische Spekulation, welcher dem armen B\u00f6rne g\u00e4nzlich abging. Es gibt in der ausl\u00e4ndischen Literatur zwei M\u00e4nner, die mit ihm eine weit gr\u00f6\u00dfere \u00c4hnlichkeit haben: diese M\u00e4nner sind William Hazlitt und Paul Courier. Beide sind vielleicht die n\u00e4chsten literarischen Verwandte B\u00f6rnes, nur da\u00df Hazlitt ihn ebenfalls an Kunstsinn \u00fcberfl\u00fcgelt und Courier sich keinesweges zum B\u00f6rneschen Humor erheben kann. Ein gewisser Esprit ist allen dreien gemeinsam, obgleich er bei jedem eine verschiedene F\u00e4rbung tr\u00e4gt: er ist tr\u00fcbsinnig bei Hazlitt, dem Briten, wo er wie Sonnenstrahlen aus dicken englischen Nebelwolken hervorblitzt; er ist fast mutwillig heiter bei dem Franzosen Courier, wo er wie der junge Wein der Touraine im Kelter braust und sprudelt und manchmal \u00fcberm\u00fctig emporzischt; bei B\u00f6rne, dem Deutschen, ist er beides, tr\u00fcbsinnig und heiter, wie der s\u00e4uerlich ernste Rheinwein und das n\u00e4rrische Mondlicht der deutschen Heimat&#8230; Sein Esprit wird manchmal zum Humor.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dieses ist nicht so sehr in den fr\u00fcheren Schriften B\u00f6rnes als vielmehr in seinen \u00bbPariser Briefen\u00ab der Fall. Zeit, Ort und Stoff haben hier den Humor nicht blo\u00df beg\u00fcnstigt, sondern ganz eigentlich hervorgebracht. Ich will damit sagen, den Humor in den \u00bbPariser Briefen\u00ab verdanken wir weit mehr den Zeitumst\u00e4nden als dem Talent ihres Verfassers. Die Juliusrevolution, dieses politische Erdbeben, hatte dergestalt in allen Sph\u00e4ren des Lebens die Verh\u00e4ltnisse auseinandergesprengt und so buntscheckig die verschiedenartigsten Erscheinungen zusammengeschmissen, da\u00df der Pariser Revolutionskorrespondent nur treu zu berichten brauchte, was er sah und h\u00f6rte, und er erreichte von selbst die h\u00f6chsten Effekte des Humors. Wie die Leidenschaft manchmal die Poesie ersetzt und z.B. die Liebe oder die Todesangst in begeisterte Worte ausbricht, die der wahre Dichter nicht besser und sch\u00f6ner zu erfinden wei\u00df, so ersetzen die Zeitumst\u00e4nde manchmal den angebornen Humor, und ein ganz prosaisch begabter, sinnreicher Autor liefert wahrhaft humoristische Werke, indem sein Geist die spa\u00dfhaften und kummervollen, schmutzigen und heiligen, grandiosen und winzigen Kombinationen einer umgest\u00fclpten Weltordnung treu abspiegelt. Ist der Geist eines solchen Autors noch obendrein selbst in bewegtem Zustand, ist dieser Spiegel verschoben oder grell gef\u00e4rbt von eigner Leidenschaft, dann werden tolle Bilder zum Vorschein kommen, die selbst alle Geburten des humoristischen Genius \u00fcberbieten&#8230; Hier ist das Gitter, welches den Humor vom Irrenhause trennt&#8230; Nicht selten, in den B\u00f6rneschen Briefen, zeigen sich Spuren eines wirklichen Wahnsinns, und Gef\u00fchle und Gedanken grinsen uns entgegen, die man in die Zwangsjacke stecken m\u00fc\u00dfte, denen man die Douche geben sollte&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In stilistischer Hinsicht sind die \u00bbPariser Briefe\u00ab weit sch\u00e4tzbarer als die fr\u00fcheren Schriften B\u00f6rnes, worin die kurzen S\u00e4tze, der kleine Hundetrab, eine unertr\u00e4gliche Monotonie hervorbringen und eine fast kindische Unbeholfenheit verraten. Diese kurzen S\u00e4tze verlieren sich immer mehr und mehr in den \u00bbPariser Briefen\u00ab, wo die entz\u00fcgelte Leidenschaft notgedrungen in weitere, vollere Rhythmen \u00fcberstr\u00f6mt und kolossale, gewitterschwangere Perioden dahinrollen, deren Bau sch\u00f6n und vollendet ist, wie durch die h\u00f6chste Kunst.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die \u00bbPariser Briefe\u00ab k\u00f6nnen in Beziehung auf B\u00f6rnes Stil dennoch nur als eine \u00dcbergangsstufe betrachtet werden, wenn man sie mit seiner letzten Schrift \u00bbMenzel der Franzosenfresser\u00ab vergleicht. Hier er reicht sein Stil die h\u00f6chste Ausbildung, und wie in den Worten, so auch in den Gedanken herrscht hier eine Harmonie, die von schmerzlicher, aber erhabener Beruhigung Kunde gibt. Diese Schrift ist ein klarer See, worin der Himmel mit allen Sternen sich spiegelt, und B\u00f6rnes Geist taucht hier auf und unter, wie ein sch\u00f6ner Schwan, die Schm\u00e4hungen, womit der P\u00f6bel sein reines Gefieder besudelte, ruhig von sich absp\u00fclend. Auch hat man diese Schrift mit Recht B\u00f6rnes Schwanengesang genannt. Sie ist in Deutschland wenig bekannt worden, und Betrachtungen \u00fcber ihren Inhalt w\u00e4ren hier gewi\u00df an ihrem Platze. Aber da sie direkt gegen Wolfgang Menzel gerichtet ist und ich bei dieser Gelegenheit denselben wieder ausf\u00fchrlich besprechen m\u00fc\u00dfte, so will ich lieber schweigen. Nur eine Bemerkung kann ich hier nicht unterdr\u00fccken, und sie ist gl\u00fccklicherweise von der Art, da\u00df sie vielmehr von pers\u00f6nlichen Bitternissen ableitet und dem Hader, worin sowohl B\u00f6rne als die sogenannten Mitglieder des sogenannten Jungen Deutschlands mit Menzeln gerieten, eine generelle Bedeutung zuschreibt, wo Wert oder Unwert der Individuen nicht mehr zur Sprache kommt. Vielleicht sogar liefere ich dadurch eine Justifikation des Menzelschen Betragens und seiner scheinbaren Abtr\u00fcnnigkeit.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja, er wurde nur scheinbar abtr\u00fcnnig&#8230; nur scheinbar&#8230; denn er hat der Partei der Revolution niemals mit dem Gem\u00fcte und mit dem Gedanken angeh\u00f6rt. Wolfgang Menzel war einer jener Teutomanen, jener Teutscht\u00fcmler, die, nach der Sonnenhitze der Juliusrevolution, gezwungen wurden, ihre altdeutschen R\u00f6cke und Redensarten auszuziehen und sich geistig wie k\u00f6rperlich in das moderne Gewand zu kleiden, das nach franz\u00f6sischem Ma\u00dfe zugeschnitten. Wie ich bereits zu Anfang dieses Buches gezeigt, viele von diesen Teutomanen, um an der allgemeinen Bewegung und den Triumphen des Zeitgeistes teilzunehmen, dr\u00e4ngten sich in unsere Reihen, in die Reihen der K\u00e4mpfer f\u00fcr die Prinzipien der Revolution, und ich zweifle nicht, da\u00df sie mutig mitgefochten h\u00e4tten in der gemeinsamen Gefahr. Ich f\u00fcrchtete keine Untreue von ihnen w\u00e4hrend der Schlacht, aber nach dem Siege; ihre alte Natur, die zur\u00fcckgedr\u00e4ngte Teutscht\u00fcmelei, w\u00e4re wieder hervorgebrochen, sie h\u00e4tten bald die rohe Masse mit den dunkeln Beschw\u00f6rungsliedern des Mittelalters gegen uns aufgewiegelt, und diese Beschw\u00f6rungslieder, ein Gemisch von uraltem Aberglauben und d\u00e4monischer Erdkr\u00e4fte, w\u00e4ren st\u00e4rker gewesen als alle Argumente der Vernunft&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Menzel war der erste, der, als die Luft k\u00fchler wurde, die altdeutschen Rockgedanken wieder vom Nagel herabnahm und mit Lust wieder in die alten Ideenkreise zur\u00fcckturnte. Wahrlich, bei dieser Umwendung fiel es mir wie ein Stein vom Herzen, denn in seiner wahren Gestalt war Wolfgang Menzel weit minder gef\u00e4hrlich als in seiner liberalen Vermummung; ich h\u00e4tte ihm um den Hals fallen m\u00f6gen und ihn k\u00fcssen, als er wieder gegen die Franzosen eiferte und auf Juden schimpfte und wieder f\u00fcr Gott und Vaterland, f\u00fcr das Christentum und deutsche Eichen, in die Schranken trat und erschrecklich bramarbasierte! Ich gestehe es, wie wenig Furcht er mir in dieser Gestalt einfl\u00f6\u00dfte, so sehr \u00e4ngstigte er mich einige Jahre fr\u00fcher, als er pl\u00f6tzlich f\u00fcr die Juliusrevolution und die Franzosen in schw\u00e4rmerische Begeisterung geriet, als er f\u00fcr die Rechte der Juden seine pathetischen, gro\u00dfherzigen, lafayettischen Emanzipationsreden hielt, als er Ansichten \u00fcber Welt- und Menschenschicksal loslie\u00df, worin eine Gottlosigkeit grinste, wie dergleichen kaum bei den entschlossensten Materialisten gefunden wird, Ansichten, die kaum jener Tiere w\u00fcrdig, die sich n\u00e4hren mit der Frucht der deutschen Eiche. Damals war er gef\u00e4hrlich, damals, ich gestehe es, zitterte ich vor Wolfgang Menzeln!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">B\u00f6rne, in seiner Kurzsichtigkeit, hatte die wahre Natur des letztern nie erkannt, und da man gegen Renegaten, gegen umgewandelte Gesinnungsgenossen weit mehr Unwillen empfindet als gegen alte Feinde, so loderte sein Zorn am grimmigsten gegen Menzeln. \u2013 Was mich anbelangt, der ich fast zu gleicher Zeit eine Schrift gegen Menzeln herausgab, so waren ganz andere Motive im Spiel. Der Mann hatte mich nie beleidigt, selbst seine roheste Verl\u00e4sterung hat keine verletzbare Stelle in meinem Gem\u00fcte getroffen. Wer meine Schrift gelesen, wird \u00fcbrigens daraus ersehen haben, da\u00df hier das Wort weniger verwunden als reizen sollte und alles dahin zielte, den Ritter des Deutschtums auf ein ganz anderes als ein liter\u00e4risches Schlachtfeld herauszufordern. Menzel hat meiner loyalen Absicht kein Gen\u00fcge geleistet. Es ist nicht meine Schuld, wenn das Publikum daraus allerlei verdrie\u00dfliche Folgerungen zog&#8230; Ich hatte ihm aufs gro\u00dfm\u00fctigste die Gelegenheit geboten, sich durch einen einzigen Akt der Mannhaftigkeit in der \u00f6ffentlichen Meinung zu rehabilitieren&#8230; Ich setzte Blut und Leben aufs Spiel&#8230; Er hat&#8217;s nicht gewollt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Armer Menzel! ich habe wahrlich keinen Groll gegen dich! Du warst nicht der Schlimmste. Die anderen sind weit perfider, sie verharren l\u00e4nger in der liberalen Vermummung oder lassen die Maske nicht ganz fallen&#8230; Ich meine hier zun\u00e4chst einige schw\u00e4bische Kammers\u00e4nger der Freiheit, deren liberale Triller immer leiser und leiser verklingen und die bald wieder mit der alten Bierstimme die Weisen von Anno 13 und 14 anstimmen werden&#8230; Gott erhalte euch f\u00fcrs Vaterland! Wenn ihr, um die Fetzen eurer Popularit\u00e4t zu retten, den Menzel, euren vertrautesten Gesinnungsgenossen, sakrifiziert habt, so war das eine sehr ver\u00e4chtliche Handlung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und dann mu\u00df man bei Menzeln anerkennen, da\u00df er mit bestimmter Mannesunterschrift seine Schm\u00e4hungen vertrat; er war kein anonymer Skribler und brachte immer die eigne Haut zu Markt. Nach jedem Schimpfwort, womit er uns bespritzte, hielt er fast gutm\u00fctig still, um die verdiente Z\u00fcchtigung zu empfangen. Auch hat&#8217;s ihm an geschriebenen Schl\u00e4gen nicht gefehlt, und sein literarischer R\u00fccken ist schwarz gestreift, wie eines Zebras. Armer Menzel! Er zahlte f\u00fcr manchen anderen, dessen man nicht habhaft werden konnte, f\u00fcr die anonymen und pseudonymen Buschklepper, die aus den dunkelsten Schlupfwinkeln der Tagespresse ihre feigen Pfeile abschie\u00dfen&#8230; Wie willst du sie z\u00fcchtigen? Sie haben keinen Namen, den du brandmarken k\u00f6nntest, und gel\u00e4nge es dir sogar, von einem zitternden Zeitungsredakteur die paar leere Buchstaben zu erpressen, die ihnen als Namen dienen, so bist du dadurch noch nicht sonderlich gef\u00f6rdert&#8230; Du findest alsdann, da\u00df der Verfasser des insolentesten Schm\u00e4hartikels kein anderer war als jener kl\u00e4gliche Drohbettler, der mit all seiner untert\u00e4nigen Zudringlichkeit auch keinen Sou von dir erpressen konnte&#8230; Oder, was noch bitterer ist, du erf\u00e4hrst, da\u00df im Gegenteil ein Lumpazius, der dich um zweihundert Francs geprellt, dem du einen Rock geschenkt hast, um seine Bl\u00f6\u00dfe zu bedecken, dem du aber keine schriftliche Zeile geben wolltest, womit er sich in Deutschland als deinen Freund und gro\u00dfen Mitdichter herumpr\u00e4sentieren konnte, da\u00df ein solcher Lumpazius es war, der deinen guten Leumund in der Heimat begeiferte&#8230; Ach, dieses Gesindel ist kapabel, mit vollem Namen gegen dich aufzutreten, und dann bist du erst recht in Verlegenheit! Antwortest du, so verleihst du ihnen eine lebensl\u00e4ngliche Wichtigkeit, die sie auszubeuten wissen, und sie finden eine Ehre darin, da\u00df du sie mit demselben Stocke schlugest, womit ja schon die ber\u00fchmtesten M\u00e4nner geschlagen worden&#8230; Freilich, das beste w\u00e4re, sie bek\u00e4men ihre Pr\u00fcgel ganz unfig\u00fcrlich, mit keinem geistigen, sondern mit einem wirklich materiellen Stocke, wie einst ihr Ahnherr Thersites&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja, es war ein lehrreiches Beispiel, das du uns gabest, edler Sohn des Laertes, k\u00f6niglicher Dulder Odysseus! Du, der Meister des Wortes, der in der Kunst des Sprechens alle Sterblichen \u00fcbertrafest! jedem wu\u00dftest du Rede zu stehen, und du sprachest ebenso gern wie siegreich: nur an einen klebrichten Thersites wolltest du kein Wort verlieren, einen solchen Wicht hieltest du keiner Gegenrede wert, und als er dich schm\u00e4hte, hast du ihn schweigend gepr\u00fcgelt&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn mein Vetter in L\u00fcneburg dies liest, erinnert er sich vielleicht unserer dortigen Spazierg\u00e4nge, wo ich jedem Betteljungen, der uns ansprach, immer einen Groschen gab, mit der ernstlichen Vermahnung: \u00bbLieber Bursche, wenn du dich etwa sp\u00e4ter auf Literatur legen und Kritiken f\u00fcr die Brockhausischen Literaturbl\u00e4tter schreiben solltest, so rei\u00df mich nicht herunter!\u00ab Mein Vetter lachte damals, und ich selber wu\u00dfte noch nicht, da\u00df der \u00bbGroschen, den meine Mutter einer Bettlerin<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"190\"><\/a>\u00a0verweigerte\u00ab, auch in der Literatur so fatalistisch wirken konnte!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe oben der Brockhausischen Literaturbl\u00e4tter erw\u00e4hnt. Diese sind die H\u00f6hlen, wo die ungl\u00fccklichsten aller deutschen Skribler schmachten und \u00e4chzen; die hier hinabsteigen, verlieren ihren Namen und bekommen eine Nummer, wie die verurteilten Polen in den russischen Bergwerken, in den Bleiminen von Nowgorod: hier m\u00fcssen sie, wie diese, die entsetzlichsten Arbeiten verrichten, z.B. Herrn von Raumer als gro\u00dfen Geschichtschreiber loben oder Ludwig Tieck als Gelehrten anpreisen und als Mann von Charakter usw. &#8230; Die meisten sterben davon und werden namenlos verscharrt als tote Nummer. Viele unter diesen Ungl\u00fccklichen, vielleicht die meisten, sind ehemalige Teutomanen, und wenn sie auch keine altdeutschen R\u00f6cke mehr tragen, so tragen sie doch altdeutsche Unterhosen; \u2013 sie unterscheiden sich von den schw\u00e4bischen Gesinnungsgenossen durch einen gewissen m\u00e4rkischen Akzent und durch ein weit windigeres Wesen. Die Volkst\u00fcmelei war von jeher in Norddeutschland mehr Affektation, wo nicht gar einstudierte L\u00fcge, namentlich in Preu\u00dfen, wo sogar die Championen der Nationalit\u00e4t ihren slawischen Ursprung vergebens zu verleugnen suchten. Da lob ich mir meine Schwaben, die meinen es wenigstens ehrlicher und d\u00fcrfen mit gr\u00f6\u00dferem Rechte auf germanische Rassenreinheit pochen. Ihr jetziges Hauptorgan, die Cottasche Dreimonatsrevue, ist beseelt von diesem Stolz, und ihr Redakteur, der Diplomat K\u00f6lle (ein geistreicher Mann, aber der gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4tzer dieser Erde, und der gewi\u00df nie ein Staatsgeheimnis verschwiegen hat!), der Redakteur jener Revue ist der eingefleischteste Rassenm\u00e4kler, und sein drittes Wort ist immer germanische, romanische und semitische Rasse&#8230; Sein gr\u00f6\u00dfter Schmerz ist, da\u00df der Champion des Germanentums, sein Liebling, Wolfgang Menzel, alle Kennzeichen der mongolischen Abstammung im Gesichte tr\u00e4gt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich finde es f\u00fcr n\u00f6tig, hier zu bemerken, da\u00df ich den langweilig breiten Schm\u00e4hartikel, den j\u00fcngst die erw\u00e4hnte Dreimonatsschrift gegen mich auskramte, keineswegs der blo\u00dfen Teutomanie, nicht einmal einem pers\u00f6nlichen Grolle, beimesse. Ich war lange der Meinung, als ob der Verfasser, ein gewisser G. Pf., durch jenen Artikel seinen Freund Menzel r\u00e4chen wolle. Aber ich mu\u00df der Wahrheit gem\u00e4\u00df meinen Irrtum bekennen. Ich ward seitdem verschiedenseitig eines Besseren unterrichtet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Freundschaft zwischen dem Menzel und dem erw\u00e4hnten G. Pf.\u00ab, sagte mir unl\u00e4ngst ein ehrlicher Schwabe, \u00bbbesteht nur darin, da\u00df letzterer dem Menzel, der kein Franz\u00f6sisch versteht, mit seiner Kenntnis dieser Sprache aushilft. Und was den Angriff gegen Sie betrifft, so ist das gar nicht so b\u00f6se gemeint; der G. Pf. war fr\u00fcher der gr\u00f6\u00dfte Enthusiast f\u00fcr Ihre Schriften, und wenn er jetzt so gl\u00fchend gegen die Immoralit\u00e4t derselben eifert, so geschieht das, um sich das Ansehen von strenger Tugend zu geben und sich gegen den Verdacht der sokratischen Liebe, der auf ihm lastete, etwas zu decken.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcrde den Ausdruck \u00bbsokratische Liebe\u00ab gern umschrieben haben, aber es sind die eigenen Worte des Dr. D&#8230;..r, der mir diese harmlose Konfidenz machte. Dr. D&#8230;..r, der gewi\u00df nichts dagegen h\u00e4tte, wenn ich seinen ganzen Namen mitteilte, ist ein Mann von ausgezeichnetem Geist und von einer Wahrheitsliebe, die sich in seinem ganzen Wesen ausspricht. Da er sich in diesem Augenblick zu London befindet, konnte ich ohne vorl\u00e4ufige Anfrage seinen Namen nicht ganz ausschreiben; er steht aber zu Dienst sowie auch der ganze Name eines der achtungswertesten Pariser Gelehrten, des Pr. D&#8230;..g, in dessen Gegenwart mir dieselbe Mitteilung wiederholt ward. \u2013 F\u00fcr das Publikum aber ist es n\u00fctzlich zu erfahren, welche Motive sich zuweilen unter dem bekannten \u00bbsittlich-religi\u00f6s-patriotischen Bettlermantel\u00ab verbergen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich habe mich nur scheinbar von meinem Gegenstande entfernt. Manche Angriffe gegen den seligen B\u00f6rne finden durch obige Winke ihre teilweise Erkl\u00e4rung. Dasselbe ist der Fall in Beziehung auf sein Buch \u00bbMenzel der Franzosenfresser\u00ab. Diese Schrift ist eine Verteidigung des Kosmopolitismus gegen den Nationalismus; aber in dieser Verteidigung sieht man, wie der Kosmopolitismus B\u00f6rnes nur in seinem Kopfe sa\u00df, statt da\u00df der Patriotismus tief in seinem Herzen wurzelte, w\u00e4hrend bei seinem Gegner der Patriotismus nur im Kopfe spukte und die k\u00fchlste Indifferenz im Herzen g\u00e4hnte&#8230; Die listigen Worte, womit Menzel sein Deutschtum wie ein Hausierjude seinen Plunder anpreist, seine alten Tiraden von Hermann dem Cherusker, dem Korsen, dem gesunden Pflanzenschlaf, Martin Luther, Bl\u00fccher, der Schlacht bei Leipzig, womit er den Stolz des deutschen Volkes kitzeln will, alle diese abgelebten Redensarten wei\u00df B\u00f6rne so zu beleuchten, da\u00df ihre l\u00e4cherliche Nichtigkeit aufs erg\u00f6tzlichste veranschaulicht wird; und dabei brechen aus seinem eigenen Herzen die r\u00fchrendsten Naturlaute der Vaterlandsliebe, wie versch\u00e4mte Gest\u00e4ndnisse, die man in der letzten Stunde des Lebens nicht mehr zur\u00fcckhalten kann, die wir mehr hervorschluchzen als aussprechen&#8230; Der Tod steht daneben und nickt, als unabweisbarer Zeuge der Wahrheit!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja, er war nicht blo\u00df ein guter Schriftsteller, sondern auch ein gro\u00dfer Patriot.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In Beziehung auf B\u00f6rnes schriftstellerischen Wert mu\u00df ich hier auch seine \u00dcbersetzung der \u00bbParoles d&#8217;un croyant\u00ab erw\u00e4hnen, die er ebenfalls in seinem letzten Lebensjahre angefertigt und die als ein Meisterst\u00fcck des Stils zu betrachten ist. Da\u00df er eben dieses Buch \u00fcbersetzte, da\u00df er sich \u00fcberhaupt in die Ideenkreise Lamennais&#8216; verlocken lie\u00df, will ich jedoch nicht r\u00fchmen. Der Einflu\u00df, den dieser Priester auf ihn aus\u00fcbte, zeigte sich nicht blo\u00df in der erw\u00e4hnten \u00dcbersetzung der \u00bbParoles d&#8217;un croyant\u00ab, sondern auch in verschiedenen franz\u00f6sischen Aufs\u00e4tzen, die B\u00f6rne damals f\u00fcr den \u00bbR\u00e9formateur\u00ab und die \u00bbBalance\u00ab schrieb, in jenen merkw\u00fcrdigen Urkunden seines Geistes, wo sich ein Verzagen, ein Verzweifeln an protestantischer Vernunftautorit\u00e4t gar bedenklich offenbart und das erkrankte Gem\u00fct in katholische Anschauungen hin\u00fcberschmachtet&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es war vielleicht ein Gl\u00fcck f\u00fcr B\u00f6rne, da\u00df er starb&#8230; Wenn nicht der Tod ihn rettete, vielleicht s\u00e4hen wir ihn heute r\u00f6misch-katholisch blamiert.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie ist das m\u00f6glich? B\u00f6rne w\u00e4re am Ende katholisch geworden? Er h\u00e4tte in den Scho\u00df der r\u00f6mischen Kirche sich gefl\u00fcchtet und das leidende Haupt durch Orgelton und Glockenklang zu bet\u00e4uben gesucht? Nun ja, er war auf dem Wege, dasselbe zu tun, was so manche ehrliche Leute schon getan, als der \u00c4rger ihnen ins Hirn stieg und die Vernunft zu fliehen zwang und die arme Vernunft ihnen beim Abschied nur noch den Rat gab: Wenn ihr doch verr\u00fcckt sein wollt, so werdet katholisch, und man wird euch wenigstens nicht einsperren, wie andere Monomanen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbAus \u00c4rger katholisch werden\u00ab \u2013 so lautet ein deutsches Sprichwort, dessen verflucht tiefe Bedeutung mir jetzt erst klar wird. \u2013 Ist doch der Katholizismus die schauerlich reizendste Bl\u00fcte jener Doktrin der Verzweiflung, deren schnelle Verbreitung \u00fcber die Erde nicht mehr als ein gro\u00dfes Wunder erscheint, wenn man bedenkt, in welchem grauenhaft peinlichen Zustand die ganze r\u00f6mische Welt schmachtete&#8230; Wie der einzelne sich trostlos die Adern \u00f6ffnete und im Tode ein Asyl suchte gegen die Tyrannei der C\u00e4saren, so st\u00fcrzte sich die gro\u00dfe Menge in die Asketik, in die Abt\u00f6tungslehre, in die Martyrsucht, in den ganzen Selbstmord der nazarenischen Religion, um auf einmal die damalige Lebensqual von sich zu werfen und den Folterknechten des herrschenden Materialismus zu trotzen&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Menschen, denen die Erde nichts mehr bietet, ward der Himmel erfunden&#8230; Heil dieser Erfindung! Heil einer Religion, die dem leidenden Menschengeschlecht in den bittern Kelch einige s\u00fc\u00dfe, einschl\u00e4fernde Tropfen go\u00df, geistiges Opium, einige Tropfen Liebe, Hoffnung und Glauben!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ludwig B\u00f6rne war, wie ich bereits in der ersten Abteilung erw\u00e4hnte, seiner Natur nach ein geborner Christ, und diese spiritualistische Richtung mu\u00dfte in den Katholizismus \u00fcberschnappen, als die verzweifelnden Republikaner, nach den schmerzlichsten Niederlagen, sich mit der katholischen Partei verbanden. \u2013 Wieweit ist es Ernst mit dieser Verb\u00fcndung? Ich kann&#8217;s nicht sagen. Manche Republikaner m\u00f6gen wirklich aus \u00c4rger katholisch geworden sein. Die meisten jedoch verabscheuen im Herzen ihre neuen Alliierten, und es wird Kom\u00f6die gespielt von beiden Seiten. Es gilt nur den gemeinschaftlichen Feind zu bek\u00e4mpfen, und in der Tat, die Verbindung der beiden Fanatismen, des religi\u00f6sen und des politischen, ist bedrohlich im h\u00f6chsten Grade. Zuweilen aber geschieht es, da\u00df die Menschen sich in ihrer Rolle verlieren und aus dem listigen Spiel ein plumper Ernst wird; und so mag wohl mancher Republikaner so lange mit den katholischen Symbolen gelieb\u00e4ugelt haben, bis er zuletzt daran wirklich glaubte; und mancher schlaue Pfaffe mag so lange die Marseillaise gesungen haben, bis sie sein Lieblingslied ward und er nicht mehr Messe lesen kann, ohne in die Melodie dieses Schlachtgesanges zu verfallen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wir armen Deutschen, die wir leider keinen Spa\u00df verstehen, wir haben das Fraternisieren des Republikanismus und des Katholizismus f\u00fcr baren Ernst genommen, und dieser Irrtum kann uns einst sehr teuer zu stehen kommen. Arme deutsche Republikaner, die ihr Satan bannen wollt durch Beelzebub, ihr werdet, wenn euch solcher Exorzismus gel\u00e4nge, erst recht aus dem Feuerregen in die Flammentraufe geraten! Wie gar manche deutsche Patrioten, um protestantische Regierungen zu befehden, mit der katholischen Partei gemeinschaftliche Sache treiben, kann ich nicht begreifen. Man wird mir, dem die Preu\u00dfen bekanntlich soviel Herzleid bereiteten, man wird mir schwerlich eine blinde Sympathie f\u00fcr Borussia zuschreiben: ich darf daher freim\u00fctig gestehen, da\u00df ich in dem Kampfe Preu\u00dfens mit der katholischen Partei nur ersterem den Sieg w\u00fcnsche&#8230; Denn eine Niederlage w\u00fcrde hier notwendig zur Folge haben, da\u00df einige deutsche Provinzen, die Rheinlande, f\u00fcr Deutschland verlorengingen. \u2013 Was k\u00fcmmert es aber die frommen Leute in M\u00fcnchen, ob man am Rhein deutsch oder franz\u00f6sisch spricht; f\u00fcr sie ist es hinreichend, da\u00df man dort lateinisch die Messe singt. Pfaffen haben kein Vaterland, sie haben nur einen Vater, einen Papa, in Rom.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df aber der Abfall der Rheinlande, ihr Heimfall an das romanische Frankreich, eine ausgemachte Sache ist zwischen den Helden der katholischen Partei und ihren franz\u00f6sischen Verb\u00fcndeten, wird m\u00e4nnig lich bekannt sein. Zu diesen Verb\u00fcndeten geh\u00f6rt seit einiger Zeit auch ein gewisser ehemaliger Jakobiner, der jetzt eine Krone tr\u00e4gt und mit gewissen gekr\u00f6nten Jesuiten in Deutschland unterhandelt&#8230; Frommer Schacher! scheinheiliger Verrat am Vaterland!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es versteht sich von selbst, da\u00df unser armer B\u00f6rne, der sich nicht blo\u00df von den Schriften, sondern auch von der Pers\u00f6nlichkeit Lamennais&#8216; k\u00f6dern lie\u00df und an den Umtrieben der r\u00f6mischen Freiwerber unbewu\u00dft teilnahm, es versteht sich von selbst, da\u00df unser armer B\u00f6rne nimmermehr die Gefahren ahnte, die durch die Verb\u00fcndung der katholischen und republikanischen Partei unser Deutschland bedrohen. Er hatte hiervon auch nicht die mindeste Ahnung, er, dem die Integrit\u00e4t Deutschlands, ebensosehr wie dem Schreiber dieser Bl\u00e4tter, immer am Herzen lag. Ich mu\u00df ihm in dieser Beziehung das gl\u00e4nzendste Zeugnis erteilen. \u00bbAuch keinen deutschen Nachttopf w\u00fcrde ich an Frankreich abtreten\u00ab, rief er einst im Eifer des Gespr\u00e4chs, als jemand bemerkte, da\u00df Frankreich, der nat\u00fcrliche Repr\u00e4sentant der Revolution, durch den Wiederbesitz der Rheinlande gest\u00e4rkt werden m\u00fcsse, um dem aristokratisch absolutistischen Europa desto sicherer widerstehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbKeinen Nachttopf tret ich ab\u00ab, rief B\u00f6rne, im Zimmer auf und ab stampfend, ganz zornig.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs versteht sich\u00ab, bemerkte ein Dritter, \u00bbwir treten den Franzosen keinen Fu\u00dfbreit Land vom deutschen Boden ab; aber wir sollten ihnen einige deutsche Landsleute abtreten, deren wir allenfalls entbehren k\u00f6nnen. Was d\u00e4chten Sie, wenn wir den Franzosen z.B. den Raumer und den Rotteck abtr\u00e4ten?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, nein\u00ab, rief B\u00f6rne, aus dem h\u00f6chsten Zorn in Lachen \u00fcbergehend, \u00bbauch nicht einmal den Raumer oder den Rotteck trete ich ab, die Kollektion w\u00e4re nicht mehr komplett, ich will Deutschland ganz behalten, wie es ist, mit seinen Blumen und seinen Disteln, mit seinen Riesen und seinen Zwergen&#8230; nein, auch die beiden Nachtt\u00f6pfe trete ich nicht ab!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja, dieser B\u00f6rne war ein gro\u00dfer Patriot, vielleicht der gr\u00f6\u00dfte, der aus Germanias stiefm\u00fctterlichen Br\u00fcsten das gl\u00fchendste Leben und den bittersten Tod gesogen! In der Seele dieses Mannes jauchzte und blutete eine r\u00fchrende Vaterlandsliebe, die, ihrer Natur nach versch\u00e4mt, wie jede Liebe, sich gern unter knurrenden Scheltworten und nergelndem Murrsinn versteckte, aber in unbewachter Stunde desto gewaltsamer hervorbrach. Wenn Deutschland allerlei Verkehrtheiten beging, die b\u00f6se Folgen haben konnten, wenn es den Mut nicht hatte, eine heilsame Medizin einzunehmen, sich den Star stechen zu lassen oder sonst eine kleine Operation auszuhalten, dann tobte und schimpfte Ludwig B\u00f6rne und stampfte und wetterte; \u2013 wenn aber das vorausgesehene Ungl\u00fcck wirklich eintrat, wenn man Deutschland mit F\u00fc\u00dfen trat oder so lange peitschte, bis Blut flo\u00df, dann schmollte B\u00f6rne nicht l\u00e4nger, und er fing an zu flennen, der arme Narr, der er war, und schluchzend behauptete er alsdann, Deutschland sei das beste Land der Welt und das sch\u00f6nste Land, und die Deutschen seien das sch\u00f6nste und edelste Volk, eine wahre Perle von Volk, und nirgends sei man kl\u00fcger als in Deutschland, und sogar die Narren seien dort gescheut, und die Flegelei sei eigentlich Gem\u00fct, und er sehnte sich ordentlich nach den geliebten Rippenst\u00f6\u00dfen der Heimat, und er hatte manchmal ein Gel\u00fcste nach einer recht saftigen deutschen Dummheit, wie eine schwangere Frau nach einer Birne. Auch wurde f\u00fcr ihn die Entfernung vom Vaterlande eine wahre Marter, und manches b\u00f6se Wort in seinen Schriften hat diese Qual hervorgepre\u00dft. Wer das Exil nicht kennt, begreift nicht, wie grell es unsere Schmerzen f\u00e4rbt und wie es Nacht und Gift in unsere Gedanken gie\u00dft. Dante schrieb seine \u00bbH\u00f6lle\u00ab im Exil. Nur wer im Exil gelebt hat, wei\u00df auch, was Vaterlandsliebe ist, Vaterlandsliebe mit all ihren s\u00fc\u00dfen Schrecken und sehns\u00fcchtigen K\u00fcmmernissen! Zum Gl\u00fcck f\u00fcr unsere Patrioten, die in Frankreich leben m\u00fcssen, bietet dieses Land so viele \u00c4hnlichkeit mit Deutschland; fast dasselbe Klima, dieselbe Vegetation, dieselbe Lebensweise. \u00bbWie furchtbar mu\u00df das Exil sein, wo diese \u00c4hnlichkeit fehlt\u00ab \u2013 bemerkte mir einst B\u00f6rne, als wir im Jardin des Plantes spazierengingen \u2013, \u00bbwie schrecklich, wenn man um sich her nur Palmen und tropische Gew\u00e4chse s\u00e4he und ganz wildfremde Tierarten, wie K\u00e4nguruhs und Zebras&#8230; Zu unserem Gl\u00fccke sind die Blumen in Frankreich ganz so wie bei uns zu Hause, die Veilchen und Rosen sehen ganz wie deutsche aus, und die Ochsen und K\u00fche und die Esel sind geduldig und nicht gestreift, ganz wie bei uns, und die V\u00f6gel sind gefiedert und singen in Frankreich ganz so wie in Deutschland, und wenn ich gar hier in Paris die Hunde herumlaufen sehe, kann ich mich ganz wieder \u00fcber den Rhein zur\u00fcckdenken, und mein Herz ruft mir zu: Das sind ja unsere deutschen Hunde!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein gewisser Bl\u00f6dsinn hat lange Zeit in B\u00f6rnes Schriften jene Vaterlandsliebe ganz verkannt. \u00dcber diesen Bl\u00f6dsinn konnte er sehr mitleidig die Achseln zucken, und \u00fcber die keuchenden alten Weiber, welche Holz zu seinem Scheiterhaufen herbeischleppten, konnte er mit Seelenruhe ein \u00bbSancta simplicitas!\u00ab ausrufen. Aber wenn jesuitische B\u00f6swilligkeit seinen Patriotismus zu verd\u00e4chtigen suchte, geriet er in einen vernichtenden Grimm. Seine Entr\u00fcstung kennt alsdann keine R\u00fccksicht mehr, und wie ein beleidigter Titane schleudert er die t\u00f6dlichsten Quadersteine auf die z\u00fcngelnden Schlangen, die zu seinen F\u00fc\u00dfen kriechen. Hier ist er in seinem vollen Rechte, hier lodert am edelsten sein Manneszorn. Wie merkw\u00fcrdig ist folgende Stelle in den \u00bbPariser Briefen\u00ab, die gegen Jarcke gerichtet ist, der sich unter den Gegnern B\u00f6rnes durch zwei Eigenschaften, n\u00e4mlich Geist und Anstand, einigerma\u00dfen auszeichnet:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDieser Jarcke ist ein merkw\u00fcrdiger Mensch. Man hat ihn von Berlin nach Wien berufen, wo er die halbe Besoldung von Gentz bek\u00f6mmt. Aber er verdiente nicht deren hundertsten Teil, oder er verdiente eine hundertmal gr\u00f6\u00dfere \u2013 es k\u00f6mmt nur darauf an, was man dem Gentz bezahlen wollte, das Gute oder Schlechte an ihm. Diesen katholisch und toll gewordenen Jarcke liebe ich ungemein, denn er dient mir, wie gewi\u00df auch vielen andern, zum n\u00fctzlichen Spiele und zum angenehmen Zeitvertreibe. Er gibt seit einem Jahre ein \u203aPolitisches Wochenblatt\u2039 heraus. Das ist eine unterhaltende Camera obscura; darin gehen alle Neigungen und Abneigungen, W\u00fcnsche und Verw\u00fcnschungen, Hoffnungen und Bef\u00fcrchtungen, Freuden und Leiden, \u00c4ngste und Tollk\u00fchnheiten und alle Zwecke und Mittelchen der Monarchisten und Aristokraten mit ihren Schatten hintereinander vor\u00fcber. Der gef\u00e4llige Jarcke! Er verr\u00e4t alles, er warnt alle. Die verborgensten Geheimnisse der gro\u00dfen Welt schreibt er auf die Wand meines kleinen Zimmers. Ich erfahre von ihm und erz\u00e4hle jetzt Ihnen, was sie mit uns vorhaben. Sie wollen nicht allein die Fr\u00fcchte und Bl\u00fcten und Bl\u00e4tter und Zweige und St\u00e4mme der Revolution zerst\u00f6ren, sondern auch ihre Wurzeln, ihre tiefsten, ausgebreitetsten, festesten Wurzeln, und bliebe die halbe Erde daran h\u00e4ngen. Der Hofg\u00e4rtner Jarcke geht mit Messer und Schaufel und Beil umher, von einem Felde, von einem Lande in das andere, von einem Volke zum andern. Nachdem er alle Revolutionswurzeln ausgerottet und verbrannt, nachdem er die Gegenwart zerst\u00f6rt hat, geht er zur Vergangenheit zur\u00fcck. Nachdem er der Revolution den Kopf abgeschlagen und die ungl\u00fcckliche Delinquentin ausgelitten hat, verbietet er ihrer l\u00e4ngst verstorbenen, l\u00e4ngst verwesten Gro\u00dfmutter das Heiraten; er macht die Vergangenheit zur Tochter der Gegenwart. Ist das nicht toll? Diesen Sommer eiferte er gegen das Fest von Hambach. Das unschuldige Fest! Der gute Hammel! Der Wolf von Bundestag, der oben am Flusse soff, warf dem Schafe von deutschem Volke, das weiter unten trank, vor: es tr\u00fcbe ihm das Wasser, und er m\u00fcsse es auffressen. Herr Jarcke ist Zunge des Wolfes. Dann rottet er die Revolution in Baden, Rheinbayern, Hessen, Sachsen aus; dann die englische Reformbill; dann die polnische, die belgische, die franz\u00f6sische Juliusrevolution. Dann verteidigt er die g\u00f6ttlichen Rechte des Don Miguel. So geht er immer weiter zur\u00fcck. Vor vier Wochen zerst\u00f6rte er Lafayette, nicht den Lafayette der Juliusrevolution, sondern den Lafayette vor funfzig Jahren, der f\u00fcr die amerikanische und die erste franz\u00f6sische Revolution gek\u00e4mpft. Jarcke auf den Stiefeln Lafayettes herumkriechen! Es war mir, als s\u00e4he ich einen Hund an dem Fu\u00dfe der gr\u00f6\u00dften Pyramide scharren, mit dem Gedanken, sie umzuwerfen! Immer zur\u00fcck! Vor vierzehn Tagen setzte er seine Schaufel an die hundertundfunfzigj\u00e4hrige englische Revolution, die von 1688. Bald k\u00f6mmt die Reihe an den \u00e4lteren Brutus, der die Tarquinier verjagt, und so wird Herr Jarcke endlich zum lieben Gott selbst kommen, der die Unvorsichtigkeit begangen, Adam und Eva zu erschaffen, ehe er noch f\u00fcr einen K\u00f6nig gesorgt hatte, wodurch sich die Menschheit in den Kopf gesetzt, sie k\u00f6nne auch ohne F\u00fcrsten bestehen. Herr Jarcke sollte aber nicht vergessen, da\u00df, sobald er mit Gott fertig geworden, man ihn in Wien nicht mehr braucht. Und dann adieu Hofrat, adieu Besoldung. Er wird wohl den Verstand haben, diese eine Wurzel des Hambacher Festes stehenzulassen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das ist der n\u00e4mliche Jarcke, von dem ich in einem fr\u00fcheren Briefe Ihnen etwas mitzuteilen versprochen, was er \u00fcber mich ge\u00e4u\u00dfert. Nicht \u00fcber mich allein, es betraf auch wohl andere; aber an mich gedachte er gewi\u00df am meisten dabei. Im letzten Sommer schrieb er im \u203aPolitischen Wochenblatte\u2039 einen Aufsatz: \u203aDeutschland und die Revolution\u2039. Darin kommt folgende Stelle vor. Ob die artige Bosheit oder die gro\u00dfartige Dummheit mehr zu bewundern sei, ist schwer zu entscheiden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Stelle aus Jarckes Artikel lautet folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u203a\u00dcbrigens ist es vollkommen richtig, da\u00df jene Grunds\u00e4tze, wie wir sie oben geschildert, niemals schaffend ins wirkliche Leben treten, da\u00df Deutschland niemals in eine Republik nach dem Zuschnitte der heutigen Volksverf\u00fchrer umgewandelt, da\u00df jene Freiheit und Gleichheit selbst durch die Gewalt des Schreckens niemals durchgesetzt werden k\u00f6nne; ja, es ist zweifelhaft, ob die frechsten F\u00fchrer der schlechten Richtung nicht selbst blo\u00df ein grausenhaftes Spiel mit Deutschlands h\u00f6chsten G\u00fctern spielen, ob sie nicht selbst am besten wissen, da\u00df dieser Weg ohne Rettung zum Verderben f\u00fchrt, und blo\u00df deshalb mit kluger Berechnung das Werk der Verf\u00fchrung treiben, um in einem gro\u00dfen welthistorischen Akte Rache zu nehmen f\u00fcr den Druck und die Schmach, den das Volk, dem sie ihrem Ursprung nach angeh\u00f6ren, jahrhundertelang von dem unsrigen erduldet.\u2039 \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oh, Herr Jarcke, das ist zu arg! Und als Sie dieses schrieben, waren Sie noch nicht \u00f6sterreichischer Rat, sondern nichts weiter als das preu\u00dfische Gegenteil \u2013 wie werden Sie nicht erst rasen, wenn Sie in der Wiener Staatskanzlei sitzen? Da\u00df Sie uns die Ruchlosigkeit vorwerfen, wir wollten das deutsche Volk ungl\u00fccklich machen, weil es uns selbst ungl\u00fccklich gemacht \u2013 das verzeihen wir dem Kriminalisten und seiner sch\u00f6nen Imputationstheorie. Da\u00df Sie uns die Klugheit zutrauen, unter dem Scheine der Liebe unsere Feinde zu verderben \u2013 daf\u00fcr m\u00fcssen wir uns bei dem Jesuiten bedanken, der uns dadurch zu loben glaubte. Aber da\u00df Sie uns f\u00fcr so dumm halten, wir w\u00fcrden eine Taube in der Hand f\u00fcr eine Lerche auf dem Dache fliegen lassen \u2013 daf\u00fcr m\u00fcssen Sie uns Rede stehen, Herr Jarcke. Wie! Wenn wir das deutsche Volk ha\u00dften, w\u00fcrden wir mit aller unserer Kraft daf\u00fcr streiten, es von der schmachvollsten Erniedrigung, in der es versunken, es von der bleiernen Tyrannei, die auf ihm lastet, es von dem \u00dcbermute seiner Aristokraten, dem Hochmute seiner F\u00fcrsten, von dem Spotte aller Hofnarren, den Verleumdungen aller gedungenen Schriftsteller befreien zu helfen, um es den kleinen, bald vor\u00fcbergehenden und so ehrenvollen Gefahren der Freiheit preiszugeben? Ha\u00dften wir die Deutschen, dann schrieben wir wie Sie, Herr Jarcke. Aber bezahlen lie\u00dfen wir uns nicht daf\u00fcr; denn auch noch die s\u00fcndevolle Rache hat etwas, das entheiligt werden kann.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Verd\u00e4chtigung seines Patriotismus erregte bei B\u00f6rne, in der angef\u00fchrten Stelle, eine Mi\u00dflaune, die der blo\u00dfe Vorwurf j\u00fcdischer Abstammung niemals in ihm hervorzurufen vermochte. Es am\u00fcsierte ihn sogar, wenn die Feinde, bei der Fleckenlosigkeit seines Wandels, ihm nichts Schlimmeres nachzusagen wu\u00dften, als da\u00df er der Spr\u00f6\u00dfling eines Stammes, der einst die Welt mit seinem Ruhm erf\u00fcllte und trotz aller Herabw\u00fcrdigung noch immer die uralt heilige Weihe nicht ganz eingeb\u00fc\u00dft hat. Er r\u00fchmte sich sogar oft dieses Ursprungs, freilich in seiner humoristischen Weise, und den Mirabeau parodierend, sagte er einst zu einem Franzosen: \u00bbJ\u00e9sus-Christ \u2013 qui en parenth\u00e8se \u00e9tait mon cousin \u2013 a pr\u00each\u00e9 l&#8217;\u00e9galit\u00e9\u00ab usw. In der Tat, die Juden sind aus jenem Teige, woraus man G\u00f6tter knetet; tritt man sie heute mit F\u00fc\u00dfen, f\u00e4llt man morgen vor ihnen auf die Knie; w\u00e4hrend die einen sich im sch\u00e4bigsten Kote des Schachers herumw\u00fchlen, ersteigen die anderen den h\u00f6chsten Gipfel der Menschheit, und Golgatha ist nicht der einzige Berg, wo ein j\u00fcdischer Gott f\u00fcr das Heil der Welt geblutet. Die Juden sind das Volk des Geistes, und jedesmal, wenn sie zu ihrem Prinzipe zur\u00fcckkehren, sind sie gro\u00df und herrlich und besch\u00e4men und \u00fcberwinden ihre plumpen Dr\u00e4nger. Der tiefsinnige Rosenkranz vergleicht sie mit dem Riesen Ant\u00e4us, nur da\u00df dieser jedesmal erstarkte, wenn er die Erde ber\u00fchrte, jene aber, die Juden, neue Kr\u00e4fte gewinnen, sobald sie wieder mit dem Himmel in Ber\u00fchrung kommen. Merkw\u00fcrdige Erscheinung der grellsten Extreme! W\u00e4hrend unter diesen Menschen alle m\u00f6glichen Fratzenbilder der Gemeinheit gefunden werden, findet man unter ihnen auch die Ideale des reinsten Menschentums, und wie sie einst die Welt in neue Bahnen des Fortschrittes geleitet, so hat die Welt vielleicht noch weitere Initiationen von ihnen zu erwarten&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Natur\u00ab, sagte mir einst Hegel, \u00bbist sehr wunderlich; dieselben Werkzeuge, die sie zu den erhabensten Zwecken gebraucht, benutzt sie auch zu den niedrigsten Verrichtungen, z.B. jenes Glied, welchem die h\u00f6chste Mission, die Fortpflanzung der Menschheit, anvertraut ist, dient auch zum \u2013 \u2013 \u2013\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diejenigen, welche \u00fcber die Dunkelheit Hegels klagen, werden ihn hier verstehen, und wenn er auch obige Worte nicht eben in Beziehung auf Israel aussprach, so lassen sie sich doch darauf anwenden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie dem auch sei, es ist leicht m\u00f6glich, da\u00df die Sendung dieses Stammes noch nicht ganz erf\u00fcllt, und namentlich mag dieses in Beziehung auf Deutschland der Fall sein. Auch letzteres erwartet einen Befreier, einen irdischen Messias \u2013 mit einem himmlischen haben uns die Juden schon gesegnet \u2013, einen K\u00f6nig der Erde, einen Retter mit Zepter und Schwert, und dieser deutsche Befreier ist vielleicht derselbe, dessen auch Israel harret&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">O teurer, sehns\u00fcchtig erwarteter Messias!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wo ist er jetzt, wo weilt er? Ist er noch ungeboren, oder liegt er schon seit einem Jahrtausend irgendwo versteckt, erwartend die gro\u00dfe rechte Stunde der Erl\u00f6sung? Ist es der alte Barbarossa, der im Kyffh\u00e4user schlummernd sitzt auf dem steinernen Stuhle und schon so lange schl\u00e4ft, da\u00df sein wei\u00dfer Bart durch den steinernen Tisch durchgewachsen?&#8230; nur manchmal schlaftrunken sch\u00fcttelt er das Haupt und blinzelt mit den halbgeschlossenen Augen, greift auch wohl tr\u00e4umend nach dem Schwert&#8230; und nickt wieder ein, in den schweren Jahrtausendschlaf!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nein, es ist nicht der Kaiser Rotbart, welcher Deutschland befreien wird, wie das Volk glaubt, das deutsche Volk, das schlummers\u00fcchtige, tr\u00e4umende Volk, welches sich auch seinen Messias nur in der Gestalt eines alten Schl\u00e4fers denken kann!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da machen doch die Juden sich eine weit bessere Vorstellung von ihrem Messias, und vor vielen Jahren, als ich in Polen war und mit dem gro\u00dfen Rabbi Manasse ben Naphtali zu Krakau verkehrte, horchte ich immer mit freudig offenem Herzen, wenn er von dem Messias sprach&#8230; Ich wei\u00df nicht mehr, in welchem Buche des Talmuds die Details zu lesen sind, die mir der gro\u00dfe Rabbi ganz treu mitteilte, und \u00fcberhaupt nur in den Grundz\u00fcgen schwebt mir seine Beschreibung des Messias noch im Ged\u00e4chtnisse. Der Messias, sagte er mir, sei an dem Tage geboren, wo Jerusalem durch den B\u00f6sewicht, Titus Vespasian, zerst\u00f6rt worden, und seitdem wohne er im sch\u00f6nsten Palaste<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"203\">[203]<\/a> des Himmels, umgeben von Glanz und Freude, auch eine Krone auf dem Haupte tragend, ganz wie ein K\u00f6nig&#8230; aber seine H\u00e4nde seien gefesselt mit goldenen Ketten!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas\u00ab, frug ich verwundert, \u00bbwas bedeuten diese goldenen Ketten?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie sind notwendig\u00ab \u2013 erwiderte der gro\u00dfe Rabbi, mit einem schlauen Blick und einem tiefen Seufzer \u2013, \u00bbohne diese Fessel w\u00fcrde der Messias, wenn er manchmal die Geduld verliert, pl\u00f6tzlich herabeilen und zu fr\u00fche, zur unrechten Stunde, das Erl\u00f6sungswerk unternehmen. Er ist eben keine ruhige Schlafm\u00fctze. Er ist ein sch\u00f6ner, sehr schlanker, aber doch ungeheuer kr\u00e4ftiger Mann; bl\u00fchend wie die Jugend. Das Leben, das er f\u00fchrt, ist \u00fcbrigens sehr einf\u00f6rmig. Den gr\u00f6\u00dften Teil des Morgens verbringt er mit den \u00fcblichen Gebeten oder lacht und scherzt mit seinen Dienern, welche verkleidete Engel sind und h\u00fcbsch singen und die Fl\u00f6te blasen. Dann l\u00e4\u00dft er sein langes Haupthaar k\u00e4mmen, und man salbt ihn mit Narden und bekleidet ihn mit seinem f\u00fcrstlichen Purpurgewande. Den ganzen Nachmittag studiert er die Kabbala. Gegen Abend l\u00e4\u00dft er seinen alten Kanzler kommen, der ein verkleideter Engel ist, ebenso wie die vier starken Staatsr\u00e4te, die ihn begleiten, verkleidete Engel sind. Aus einem gro\u00dfen Buche mu\u00df alsdann der Kanzler seinem Herrn vorlesen, was jeden Tag passierte&#8230; Da kommen allerlei Geschichten vor, wor\u00fcber der Messias vergn\u00fcgt l\u00e4chelt oder auch mi\u00dfm\u00fctig den Kopf sch\u00fcttelt&#8230; Wenn er aber h\u00f6rt, wie man unten sein Volk mi\u00dfhandelt, dann ger\u00e4t er in den furchtbarsten Zorn und heult, da\u00df die Himmel erzittern&#8230; Die vier starken Staatsr\u00e4te m\u00fcssen dann den Ergrimmten zur\u00fcckhalten, da\u00df er nicht herabeile auf die Erde, und sie w\u00fcrden ihn wahrlich nicht bew\u00e4ltigen, w\u00e4ren seine H\u00e4nde nicht gefesselt mit den goldenen Ketten&#8230; Man beschwichtigt ihn auch mit sanften Reden, da\u00df jetzt die Zeit noch nicht gekommen sei, die rechte Rettungsstunde, und er sinkt am Ende aufs Lager und verh\u00fcllt sein Antlitz und weint&#8230;\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So ungef\u00e4hr berichtete mir Manasse ben Naphtali zu Krakau, seine Glaubw\u00fcrdigkeit mit Hinweisung auf den Talmud verb\u00fcrgend. Ich habe oft an seine Erz\u00e4hlungen denken m\u00fcssen, besonders in den j\u00fcngsten Zeiten, nach der Juliusrevolution. Ja, in schlimmen Tagen glaubt ich manchmal mit eignen Ohren ein Gerassel zu h\u00f6ren, wie von goldenen Ketten, und dann ein verzweifelndes Schluchzen&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">O verzage nicht, sch\u00f6ner Messias, der du nicht blo\u00df Israel erl\u00f6sen willst, wie die abergl\u00e4ubischen Juden sich einbilden, sondern die ganze leidende Menschheit! Oh, zerrei\u00dft nicht, ihr goldenen Ketten! Oh, haltet ihn noch einige Zeit gefesselt, da\u00df er nicht zu fr\u00fche komme, der rettende K\u00f6nig der Welt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-97877 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine.jpg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine.jpg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Heinrich_Heine-160x227.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch Heinrich Heines Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14533\">Die deutsche Literatur.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Zu Beginn des Essayjahres machte sich Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Das Hambacher Fest fand vom 27. 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