{"id":89894,"date":"1990-07-01T00:01:25","date_gmt":"1990-06-30T22:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89894"},"modified":"2022-02-17T14:13:37","modified_gmt":"2022-02-17T13:13:37","slug":"helgoland-den-1-julius-1830","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/01\/helgoland-den-1-julius-1830\/","title":{"rendered":"Helgoland, den 1. Julius 1830"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich selber bin dieses Guerillakrieges m\u00fcde und sehne mich nach Ruhe, wenigstens nach einem Zustand, wo ich mich meinen nat\u00fcrlichen Neigungen, meiner tr\u00e4umerischen Art und Weise, meinem phantastischen Sinnen und Gr\u00fcbeln ganz fessellos hingeben kann. Welche Ironie des Geschickes, da\u00df ich, der ich mich so gerne auf die Pf\u00fchle des stillen beschaulichen Gem\u00fctlebens bette, da\u00df eben ich dazu bestimmt war, meine armen Mitdeutschen aus ihrer Behaglichkeit hervorzugei\u00dfeln und in die Bewegung hineinzuhetzen! Ich, der ich mich am liebsten damit besch\u00e4ftige, Wolkenz\u00fcge zu beobachten, metrische Wortzauber zu erkl\u00fcgeln, die Geheimnisse der Elementargeister zu erlauschen und mich in die Wunderwelt alter M\u00e4rchen zu versenken&#8230; ich mu\u00dfte politische Annalen herausgeben, Zeitinteressen vortragen, revolution\u00e4re W\u00fcnsche anzetteln, die Leidenschaften aufstacheln, den armen deutschen Michel best\u00e4ndig an der Nase zupfen, da\u00df er aus seinem gesunden Riesenschlaf erwache&#8230; Freilich, ich konnte dadurch bei dem schnarchenden Giganten nur ein sanftes Niesen, keineswegs aber ein Erwachen bewirken&#8230; Und ri\u00df ich auch heftig an seinem Kopfkissen, so r\u00fcckte er es sich doch wie der zurecht mit schlaftrunkener Hand&#8230; Einst wollte ich aus Verzweiflung seine Nachtm\u00fctze in Brand stecken, aber sie war so feucht von Gedankenschwei\u00df, da\u00df sie nur gelinde rauchte&#8230; und Michel l\u00e4chelte im Schlummer&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich bin m\u00fcde und lechze nach Ruhe. Ich werde mir ebenfalls eine deutsche Nachtm\u00fctze anschaffen und \u00fcber die Ohren ziehen. Wenn ich nur w\u00fc\u00dfte, wo ich jetzt mein Haupt niederlegen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"114\"><\/a>\u00a0kann. In Deutschland ist es unm\u00f6glich. Jeden Augenblick w\u00fcrde ein Polizeidiener herankommen und mich r\u00fctteln, um zu erproben, ob ich wirklich schlafe; schon diese Idee verdirbt mir alles Behagen. Aber in der Tat, wo soll ich hin? Wieder nach S\u00fcden? Nach dem Lande, wo die Zitronen bl\u00fchen und die Goldorangen? Ach! vor jedem Zitronenbaum steht dort eine \u00f6streichische Schildwache und donnert dir ein schreckliches \u00bbWerda!\u00ab entgegen. Wie die Zitronen, so sind auch die Goldorangen jetzt sehr sauer. Oder soll ich nach Norden? Etwa nach Nordosten? Ach, die Eisb\u00e4ren sind jetzt gef\u00e4hrlicher als je, seitdem sie sich zivilisieren und Glac\u00e9handschuh&#8216; tragen. Oder soll ich wieder nach dem verteufelten England, wo ich nicht in effigie h\u00e4ngen, wieviel weniger in Person leben m\u00f6chte! Man sollte einem noch Geld dazugeben, um dort zu wohnen, und statt dessen kostet einem der Aufenthalt in England doppelt soviel wie an anderen Orten. Nimmermehr nach diesem schn\u00f6den Lande, wo die Maschinen sich wie Menschen und die Menschen wie Maschinen geb\u00e4rden. Das schnurrt und schweigt so be\u00e4ngstigend. Als ich dem hiesigen Gouverneur pr\u00e4sentiert wurde und dieser Stockengl\u00e4nder mehrere Minuten, ohne ein Wort zu sprechen, unbeweglich vor mir stand, kam es mir unwillk\u00fcrlich in den Sinn, ihn einmal von hinten zu betrachten, um nachzusehen, ob man etwa dort vergessen habe, die Maschinen aufzuziehen. Da\u00df die Insel Helgoland unter britischer Herrschaft steht, ist mir schon hinl\u00e4nglich fatal. Ich bilde mir manchmal ein, ich r\u00f6che jene Langeweile, welche Albions S\u00f6hne \u00fcberall ausd\u00fcnsten. In der Tat, aus jedem Engl\u00e4nder entwickelt sich ein gewisses Gas, die t\u00f6dliche Stickluft der Langeweile, und dieses habe ich mit eigenen Augen beobachtet, nicht in England, wo die Atmosph\u00e4re ganz davon geschw\u00e4ngert ist, aber in s\u00fcdlichen L\u00e4ndern, wo der reisende Brite isoliert umherwandert und die graue Aureole der Langeweile, die sein Haupt umgibt, in der sonnig blauen Luft recht schneidend sichtbar wird. Die Engl\u00e4nder freilich glauben, ihre dicke Langeweile sei ein Produkt des Ortes, und um derselben zu entfliehen, reisen sie durch alle Lande, langweilen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"115\"><\/a>\u00a0sich \u00fcberall und kehren heim mit einem Diary of an ennuy\u00e9. Es geht ihnen wie dem Soldaten, dem seine Kameraden, als er schlafend auf der Pritsche lag, Unrat unter die Nase rieben; als er er wachte, bemerkte er, es r\u00f6che schlecht in der Wachtstube, und er ging hinaus, kam aber bald zur\u00fcck und behauptete, auch drau\u00dfen r\u00f6che es \u00fcbel, die ganze Welt st\u00e4nke.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Einer meiner Freunde, welcher j\u00fcngst aus Frankreich kam, behauptete, die Engl\u00e4nder bereisten den Kontinent aus Verzweiflung \u00fcber die plumpe K\u00fcche ihrer Heimat; an den franz\u00f6sischen Table d&#8217;h\u00f4ten s\u00e4he man dicke Engl\u00e4nder, die nichts als Vol-au-Vents, Cr\u00e8me, Supr\u00eames, Ragouts, Gelees und dergleichen luftige Speisen verschluckten, und zwar mit jenem kolossalen Appetite, der sich daheim an Roastbeefmassen und Yorkshirer Plumpudding ge\u00fcbt hatte und wodurch am Ende alle franz\u00f6sische Gastwirte zugrunde gehen m\u00fcssen. Ist etwa wirklich die Exploitation der Table d&#8217;h\u00f4ten der geheime Grund, weshalb die Engl\u00e4nder herumreisen? W\u00e4hrend wir \u00fcber die Fl\u00fcchtigkeit l\u00e4cheln, womit sie \u00fcberall die Merkw\u00fcrdigkeiten und Gem\u00e4ldegalerien ansehen, sind sie es vielleicht, die uns mystifizieren, und ihre bel\u00e4chelte Neugier ist nichts als ein pfiffiger Deckmantel f\u00fcr ihre gastronomischen Absichten?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber wie vortrefflich auch die franz\u00f6sische K\u00fcche, in Frankreich selbst soll es jetzt schlecht aussehen, und die gro\u00dfe Retirade hat noch kein Ende. Die Jesuiten florieren dort und singen Triumphlieder. Die dortigen Machthaber sind dieselben Toren, denen man bereits vor funfzig Jahren die K\u00f6pfe abgeschlagen&#8230; Was half&#8217;s! sie sind dem Grabe wieder entstiegen, und jetzt ist ihr Regiment t\u00f6richter als fr\u00fcher; denn als man sie aus dem Totenreich ans Tageslicht herauflie\u00df, haben manche von ihnen, in der Hast, den ersten besten Kopf aufgesetzt, der ihnen zur Hand lag, und da ereigneten sich gar heillose Mi\u00dfgriffe: die K\u00f6pfe passen manchmal nicht zu dem Rumpf und zu dem Herzen, das darin spukt. Da ist mancher, welcher wie die Vernunft selbst auf der Trib\u00fcne sich ausspricht, so da\u00df wir den klugen Kopf bewundern, und doch l\u00e4\u00dft er sich gleich darauf<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"116\"><\/a>\u00a0von dem unverbesserlich verr\u00fcckten Herzen zu den d\u00fcmmsten Handlungen verleiten&#8230; Es ist ein grauenhafter Widerspruch zwischen den Gedanken und Gef\u00fchlen, den Grunds\u00e4tzen und Leidenschaften, den Reden und den Taten dieser Revenants!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Oder soll ich nach Amerika, nach diesem ungeheuren Freiheitsgef\u00e4ngnis, wo die unsichtbaren Ketten mich noch schmerzlicher dr\u00fccken w\u00fcrden als zu Hause die sichtbaren und wo der widerw\u00e4rtigste aller Tyrannen, der P\u00f6bel, seine rohe Herrschaft aus\u00fcbt! Du wei\u00dft, wie ich \u00fcber dieses gottverfluchte Land denke, das ich einst liebte, als ich es nicht kannte&#8230; Und doch mu\u00df ich es \u00f6ffentlich loben und preisen, aus Metierpflicht&#8230; Ihr lieben deutschen Bauern! geht nach Amerika! dort gibt es weder F\u00fcrsten noch Adel, alle Menschen sind dort gleich, gleiche Flegel&#8230; mit Ausnahme freilich einiger Millionen, die eine schwarze oder braune Haut haben und wie die Hunde behandelt werden! Die eigentliche Sklaverei, die in den meisten nordamerikanischen Provinzen abgeschafft, emp\u00f6rt mich nicht so sehr wie die Brutalit\u00e4t, womit dort die freien Schwarzen und die Mulatten behandelt werden. Wer auch nur im entferntesten Grade von einem Neger stammt und wenn auch nicht mehr in der Farbe, sondern nur in der Gesichtsbildung eine solche Abstammung verr\u00e4t, mu\u00df die gr\u00f6\u00dften Kr\u00e4nkungen erdulden, Kr\u00e4nkungen, die uns in Europa fabelhaft d\u00fcnken. Dabei machen diese Amerikaner gro\u00dfes Wesen von ihrem Christentum und sind die eifrigsten Kircheng\u00e4nger. Solche Heuchelei haben sie von den Engl\u00e4ndern gelernt, die ihnen \u00fcbrigens ihre schlechtesten Eigenschaften zur\u00fccklie\u00dfen. Der weltliche Nutzen ist ihre eigentliche Religion, und das Geld ist ihr Gott, ihr einziger, allm\u00e4chtiger Gott. Freilich, manches edle Herz mag dort im stillen die allgemeine Selbstsucht und Ungerechtigkeit bejammern. Will es aber gar dagegen ank\u00e4mpfen, so harret seiner ein M\u00e4rtyrtum, das alle europ\u00e4ische Begriffe \u00fcbersteigt. Ich glaube, es war in New York, wo ein protestantischer Prediger \u00fcber die Mi\u00dfhandlung der farbigen Menschen so emp\u00f6rt war, da\u00df er, dem grausamen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"117\"><\/a>\u00a0Vorurteil trotzend, seine eigene Tochter mit einem Neger verheuratete. Sobald diese wahrhaft christliche Tat bekannt wurde, st\u00fcrmte das Volk nach dem Hause des Predigers, der nur durch die Flucht dem Tode entrann; aber das Haus ward demoliert, und die Tochter des Predigers, das arme Opfer, ward vom P\u00f6bel ergriffen und mu\u00dfte seine Wut entgelten. She was flinshed, d.h., sie ward splitternackt ausgekleidet, mit Teer bestrichen, in den aufgeschnittenen Federbetten herumgew\u00e4lzt, in solcher anklebenden Federh\u00fclle durch die ganze Stadt geschleift und verh\u00f6hnt&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">O Freiheit! du bist ein b\u00f6ser Traum!<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Helgoland, den 8. Julius<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 Da gestern Sonntag war und eine bleierne Langeweile \u00fcber der ganzen Insel lag und mir fast das Haupt eindr\u00fcckte, griff ich aus Verzweiflung zur Bibel&#8230; und ich gestehe es Dir, trotzdem da\u00df ich ein heimlicher Hellene bin, hat mich das Buch nicht blo\u00df gut unterhalten, sondern auch weidlich erbaut. Welch ein Buch! gro\u00df und weit wie die Welt, wurzelnd in die Abgr\u00fcnde der Sch\u00f6pfung und hinaufragend in die blauen Geheimnisse des Himmels&#8230; Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, Verhei\u00dfung und Erf\u00fcllung, Geburt und Tod, das ganze Drama der Menschheit, alles ist in diesem Buche&#8230; Es ist das Buch der B\u00fccher, Biblia. Die Juden sollten sich leicht tr\u00f6sten, da\u00df sie Jerusalem und den Tempel und die Bundeslade und die goldenen Ger\u00e4te und Kleinodien Salomonis eingeb\u00fc\u00dft haben&#8230; solcher Verlust ist doch nur geringf\u00fcgig in Vergleichung mit der Bibel, dem unzerst\u00f6rbaren Schatze, den sie gerettet. Wenn ich nicht irre, war es Mahomet, welcher die Juden \u00bbdas Volk des Buches\u00ab nannte, ein Name, der ihnen bis heutigen Tag im Oriente verblieben und tiefsinnig bezeichnend ist. Ein Buch ist ihr Vaterland, ihr Besitz, ihr Herrscher, ihr Gl\u00fcck und ihr Ungl\u00fcck. Sie leben in den umfriedeten Marken dieses Buches, hier \u00fcben sie ihr unver\u00e4u\u00dferliches B\u00fcrgerrecht, hier kann man sie nicht verjagen, nicht verachten, hier sind sie stark und bewundrungsw\u00fcrdig. Versenkt<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"118\"><\/a>\u00a0in der Lekt\u00fcre dieses Buches, merkten sie wenig von den Ver\u00e4nderungen, die um sie her in der wirklichen Welt vorfielen; V\u00f6lker erhuben sich und schwanden, Staaten bl\u00fchten empor und erloschen, Revolutionen st\u00fcrmten \u00fcber den Erdboden&#8230; sie aber, die Juden, lagen gebeugt \u00fcber ihrem Buche und merkten nichts von der Wilden Jagd der Zeit, die \u00fcber ihre H\u00e4upter dahinzog!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wie der Prophet des Morgenlandes sie \u00bbdas Volk des Buches\u00ab nannte, so hat sie der Prophet des Abendlands in seiner Philosophie der Geschichte als \u00bbdas Volk des Geistes\u00ab bezeichnet. Schon in ihren fr\u00fchesten Anf\u00e4ngen, wie wir im Pentateuch bemerken, bekunden die Juden ihre Vorneigung f\u00fcr das Abstrakte, und ihre ganze Religion ist nichts als ein Akt der Dialektik, wodurch Materie und Geist getrennt und das Absolute nur in der alleinigen Form des Geistes anerkannt wird. Welche schauerlich isolierte Stellung mu\u00dften sie einnehmen unter den V\u00f6lkern des Altertums, die, dem freudigsten Naturdienste ergeben, den Geist vielmehr in den Erscheinungen der Materie, in Bild und Symbol, begriffen! Welche entsetzliche Opposition bildeten sie deshalb gegen das buntgef\u00e4rbte, hieroglyphenwimmelnde \u00c4gypten, gegen Ph\u00f6nizien, den gro\u00dfen Freudetempel der Astarte, oder gar gegen die sch\u00f6ne S\u00fcnderin, das holde, s\u00fc\u00dfduftige Babylon, und endlich gar gegen Griechenland, die bl\u00fchende Heimat der Kunst!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist ein merkw\u00fcrdiges Schauspiel, wie das Volk des Geistes sich allm\u00e4hlich ganz von der Materie befreit, sich ganz spiritualisiert. Moses gab dem Geiste gleichsam materielle Bollwerke, gegen den realen Andrang der Nachbarv\u00f6lker: rings um das Feld, wo er Geist ges\u00e4et, pflanzte er das schroffe Zeremonialgesetz und eine egoistische Nationalit\u00e4t als sch\u00fctzende Dornhecke. Als aber die heilige Geistpflanze so tiefe Wurzel geschlagen und so himmelhoch emporgeschossen, da\u00df sie nicht mehr ausgereutet werden konnte, da kam Jesus Christus und ri\u00df das Zeremonialgesetz nieder, das f\u00fcrder keine n\u00fctzliche Bedeutung mehr hatte, und er sprach sogar das Vernichtungsurteil \u00fcber die j\u00fcdische Nationalit\u00e4t&#8230; Er berief alle<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"119\"><\/a> V\u00f6lker der Erde zur Teilnahme an dem Reiche Gottes, das fr\u00fcher nur einem einzigen auserlesenen Gottesvolke geh\u00f6rte, er gab der ganzen Menschheit das j\u00fcdische B\u00fcrgerrecht&#8230; Das war eine gro\u00dfe Emanzipationsfrage, die jedoch weit gro\u00dfm\u00fctiger gel\u00f6st wurde wie die heutigen Emanzipationsfragen in Sachsen und Hannover&#8230; Freilich, der Erl\u00f6ser, der seine Br\u00fcder vom Zeremonialgesetz und der Nationalit\u00e4t befreite und den Kosmopolitismus stiftete, ward ein Opfer seiner Humanit\u00e4t, und der Stadtmagistrat von Jerusalem lie\u00df ihn kreuzigen, und der P\u00f6bel verspottete ihn&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber nur der Leib ward verspottet und gekreuzigt, der Geist ward verherrlicht, und das M\u00e4rtyrtum des Triumphators, der dem Geiste die Weltherrschaft erwarb, ward Sinnbild dieses Sieges, und die ganze Menschheit strebte seitdem, in imitationem Christi, nach leiblicher Abt\u00f6tung und \u00fcbersinnlichem Aufgehen im absoluten Geiste&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wann wird die Harmonie wieder eintreten, wann wird die Welt wieder gesunden von dem einseitigen Streben nach Vergeistigung, dem tollen Irrtume, wodurch sowohl Seele wie K\u00f6rper erkrankten! Ein gro\u00dfes Heilmittel liegt in der politischen Bewegung und in der Kunst. Napoleon und Goethe haben trefflich gewirkt. Jener, indem er die V\u00f6lker zwang, sich allerlei gesunde K\u00f6rperbewegung zu gestatten; dieser, indem er uns wieder f\u00fcr griechische Kunst empf\u00e4nglich machte und solide Werke schuf, woran wir uns, wie an marmornen G\u00f6tterbildern, festklammern k\u00f6nnen, um nicht unterzugehen im Nebelmeer des absoluten Geistes&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Helgoland, den 18. Julius<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alten Testamente habe ich das erste Buch Mosis ganz durchgelesen. Wie lange Karawanenz\u00fcge zog die heilige Vorwelt durch meinen Geist. Die Kamele ragen hervor. Auf ihrem hohen R\u00fccken sitzen die verschleierten Rosen von Kanaan. Fromme Viehhirten, Ochsen und K\u00fche vor sich hin treibend. Das zieht \u00fcber kahle Berge, hei\u00dfe Sandfl\u00e4chen, wo nur hie und da eine Palmengruppe zum Vorschein kommt und K\u00fchlung<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"120\"><\/a>\u00a0f\u00e4chelt. Die Knechte graben Brunnen. S\u00fc\u00dfes, stilles, hellsonniges Morgenland! Wie lieblich ruht es sich unter deinen Zelten! O Laban, k\u00f6nnte ich deine Herden weiden! Ich w\u00fcrde dir gerne sieben Jahre dienen um Rahel und noch andere sieben Jahre f\u00fcr die Lea, die du mir in den Kauf gibst! Ich h\u00f6re, wie sie bl\u00f6ken, die Schafe Jakobs, und ich sehe, wie er ihnen die gesch\u00e4lten St\u00e4be vorh\u00e4lt, wenn sie in der Brunstzeit zur Tr\u00e4nke gehn. Die gesprenkelten geh\u00f6ren jetzt uns. Unterdessen kommt Ruben nach Hause und bringt seiner Mutter einen Strau\u00df Dudaim, die er auf dem Felde gepfl\u00fcckt. Rahel verlangt die Dudaim, und Lea gibt sie ihr mit der Bedingung, da\u00df Jakob daf\u00fcr die n\u00e4chste Nacht bei ihr schlafe. Was sind Dudaim? Die Kommentatoren haben sich vergebens dar\u00fcber den Kopf zerbrochen. Luther wei\u00df sich nicht besser zu helfen, als da\u00df er diese Blumen ebenfalls Dudaim nennt. Es sind vielleicht schw\u00e4bische Gelbveiglein. Die Liebesgeschichte von der Dina und dem jungen Sichem hat mich sehr ger\u00fchrt. Ihre Br\u00fcder Simeon und Levy haben jedoch die Sache nicht so sentimentalisch aufgefa\u00dft. Abscheulich ist es, da\u00df sie den ungl\u00fccklichen Sichem und alle seine Angeh\u00f6rigen mit grimmiger Hinterlist erw\u00fcrgten, obgleich der arme Liebhaber sich anheischig machte, ihre Schwester zu heuraten, ihnen L\u00e4nder und G\u00fcter zu geben, sich mit ihnen zu einer einzigen Familie zu verb\u00fcnden, obgleich er bereits in dieser Absicht sich und sein ganzes Volk beschneiden lie\u00df. Die beiden Burschen h\u00e4tten froh sein sollen, da\u00df ihre Schwester eine so gl\u00e4nzende Partie machte, die angelobte Verschw\u00e4gerung war f\u00fcr ihren Stamm von h\u00f6chstem Nutzen, und dabei gewannen sie, au\u00dfer der kostbarsten Morgengabe, auch eine gute Strecke Land, dessen sie eben sehr bedurften&#8230; Man kann sich nicht anst\u00e4ndiger auff\u00fchren wie dieser verliebte Sichemprinz, der am Ende doch nur aus Liebe die Rechte der Ehe antizipiert hatte&#8230; Aber das ist es, er hatte ihre Schwester geschw\u00e4cht, und f\u00fcr dieses Vergehen gibt es bei jenen ehrstolzen Br\u00fcdern keine andere Bu\u00dfe als den Tod&#8230; und wenn der Vater sie ob ihrer blutigen Tat zur Rede stellt und die Vorteile erw\u00e4hnt, die ihnen die Verschw\u00e4gerung<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"121\"><\/a>\u00a0mit Sichem verschafft h\u00e4tte, antworten sie: \u00bbSollten wir etwa Handel treiben mit der Jungfernschaft unserer Schwester?\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">St\u00f6rrige, grausame Herzen, diese Br\u00fcder. Aber unter dem harten Stein duftet das zarteste Sittlichkeitsgef\u00fchl. Sonderbar, dieses Sittlichkeitsgef\u00fchl, wie es sich noch bei anderen Gelegenheiten im Leben der Erzv\u00e4ter \u00e4u\u00dfert, ist nicht Resultat einer positiven Religion oder einer politischen Gesetzgebung \u2013 nein, damals gab es bei den Vorfahren der Juden weder positive Religion noch politisches Gesetz, beides entstand erst in sp\u00e4terer Zeit. Ich glaube daher behaupten zu k\u00f6nnen, die Sittlichkeit ist unabh\u00e4ngig von Dogma und Legislation, sie ist ein reines Produkt des gesunden Menschengef\u00fchls, und die wahre Sittlichkeit, die Vernunft des Herzens, wird ewig fortleben, wenn auch Kirche und Staat zugrunde gehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich w\u00fcnschte, wir bes\u00e4\u00dfen ein anderes Wort zur Bezeichnung dessen, was wir jetzt Sittlichkeit nennen. Wir k\u00f6nnten sonst verleitet werden, die Sittlichkeit als ein Produkt der Sitte zu betrachten. Die romanischen V\u00f6lker sind in demselben Falle, indem ihr morale von mores abgeleitet worden. Aber wahre Sittlichkeit ist, wie von Dogma und Legislation, so auch von den Sitten eines Volks unabh\u00e4ngig. Letztere sind Erzeugnisse des Klimas, der Geschichte, und aus solchen Faktoren entstandenen Legislation und Dogmatik. Es gibt daher eine indische, eine chinesische, eine christliche Sitte, aber es gibt nur eine einzige, n\u00e4mlich eine menschliche Sittlichkeit. Diese l\u00e4\u00dft sich vielleicht nicht im Begriff erfassen, und das Gesetz der Sittlichkeit, das wir Moral nennen, ist nur eine dialektische Spielerei. Die Sittlichkeit offenbart sich in Handlungen, und nur in den Motiven derselben, nicht in ihrer Form und Farbe, liegt die sittliche Bedeutung. Auf dem Titelblatt von Golowins \u00bbReise nach Japan\u00ab stehen als Motto die sch\u00f6nen Worte, welche der russische Reisende von einem vornehmen Japanesen vernommen: \u00bbDie Sitten der V\u00f6lker sind verschieden, aber gute Handlungen werden \u00fcberall als solche anerkannt werden.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Solange ich denke, habe ich \u00fcber diesen Gegenstand, die Sittlichkeit, nachgedacht. Das Problem \u00fcber die Natur des Guten und B\u00f6sen, das seit anderthalb Jahrtausend alle gro\u00dfe Gem\u00fcter in qu\u00e4lende Bewegung gesetzt, hat sich bei mir nur in der Frage von der Sittlichkeit geltend gemacht \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aus dem Alten Testament springe ich manchmal ins Neue, und auch hier \u00fcberschauert mich die Allmacht des gro\u00dfen Buches. Welchen heiligen Boden betritt hier dein Fu\u00df! Bei dieser Lekt\u00fcre sollte man die Schuhe ausziehen, wie in der N\u00e4he von Heiligt\u00fcmern.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die merkw\u00fcrdigsten Worte des Neuen Testaments sind f\u00fcr mich die Stelle im Evangelium Johannis, Kap. 16, V. 12. 13. \u00bbIch habe euch noch viel zu sagen, aber ihr k\u00f6nnet es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er h\u00f6ren wird, das wird er reden, und was zuk\u00fcnftig ist, wird er euch verk\u00fcndigen.\u00ab Das letzte Wort ist also nicht gesagt worden, und hier ist vielleicht der Ring, woran sich eine neue Offenbarung kn\u00fcpfen l\u00e4\u00dft. Sie beginnt mit der Erl\u00f6sung vom Worte, macht dem M\u00e4rtyrtum ein Ende und stiftet das Reich der ewigen Freude: das Millennium. Alle Verhei\u00dfungen finden zuletzt die reichste Erf\u00fcllung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Eine gewisse mystische Doppelsinnigkeit ist vorherrschend im Neuen Testamente. Eine kluge Abschweifung, nicht ein System sind die Worte: \u00bbGib C\u00e4sars, was des C\u00e4sars, und Gott, was Gottes ist.\u00ab So auch, wenn man Christum fr\u00e4gt: \u00bbBist du K\u00f6nig der Juden?\u00ab, ist die Antwort ausweichend. Ebenfalls auf die Frage, ob er Gottes Sohn sei. Mahomet zeigt sich weit offener, bestimmter. Als man ihn mit einer \u00e4hnlichen Frage anging, n\u00e4mlich, ob er Gottes Sohn sei, antwortete er: \u00bbGott hat keine Kinder.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Welch ein gro\u00dfes Drama ist die Passion! Und wie tief ist es motiviert durch die Prophezeiungen des Alten Testamentes! Sie konnte nicht umgangen werden, sie war das rote Siegel der Beglaubnis. Gleich den Wundern, so hat auch die Passion als Annonce gedient&#8230; Wenn jetzt ein Heiland aufsteht, braucht er sich nicht mehr kreuzigen zu lassen, um seine Lehre eindr\u00fccklich zu ver\u00f6ffentlichen&#8230; er l\u00e4\u00dft sie ruhig drucken und annunziert das B\u00fcchlein in der \u00bbAllgemeinen Zeitung\u00ab mit sechs Kreuzern die Zeile Inserationsgeb\u00fchr.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Welche s\u00fc\u00dfe Gestalt, dieser Gottmensch! Wie borniert erscheint in Vergleichung mit ihm der Heros des Alten Testaments! Moses liebt sein Volk mit einer r\u00fchrenden Innigkeit; wie eine Mutter sorgt er f\u00fcr die Zukunft dieses Volks. Christus liebt die Menschheit, jene Sonne umflammte die ganze Erde mit den w\u00e4rmenden Strahlen seiner Liebe. Welch ein lindernder Balsam f\u00fcr alle Wunden dieser Welt sind seine Worte! Welch ein Heilquell f\u00fcr alle Leidende war das Blut, welches auf Golgatha flo\u00df!&#8230; Die wei\u00dfen marmornen Griecheng\u00f6tter wurden bespritzt von diesem Blute und erkrankten vor innerem Grauen und konnten nimmermehr genesen! Die meisten freilich trugen schon l\u00e4ngst in sich das verzehrende Siechtum, und nur der Schreck beschleunigte ihren Tod. Zuerst starb Pan. Kennst Du die Sage, wie Plutarch sie erz\u00e4hlt? Diese Schiffersage des Altertums ist h\u00f6chst merkw\u00fcrdig. \u2013 Sie lautet folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Zur Zeit des Tiberius fuhr ein Schiff nahe an den Inseln Par\u00e4, welche an der K\u00fcste von \u00c4tolien liegen, des Abends vor\u00fcber. Die Leute, die sich darauf befanden, waren noch nicht schlafen gegangen, und viele sa\u00dfen nach dem Nachtessen beim Trinken, als man auf einmal von der K\u00fcste her eine Stimme vernahm, welche den Namen des Thamus (so hie\u00df n\u00e4mlich der Steuermann) so laut rief, da\u00df alle in die gr\u00f6\u00dfte Verwunderung gerieten. Beim ersten und zweiten Rufe schwieg Thamus, beim dritten antwortete er; worauf dann die Stimme mit noch verst\u00e4rktem Tone diese Worte zu ihm sagte: \u00bbWenn du auf die H\u00f6he von Palodes anlangst, so verk\u00fcndige, da\u00df der gro\u00dfe Pan gestorben ist!\u00ab Als er nun diese H\u00f6he erreichte, vollzog Thamus den Auftrag und rief vom Hinterteil des Schiffes nach dem Lande hin: \u00bbDer gro\u00dfe Pan ist tot!\u00ab Auf diesen Ruf erfolgten von dort her die sonderbarsten Klaget\u00f6ne, ein Gemisch von Seufzen und Geschrei der Verwunderung, und wie von vielen zugleich erhoben. Die Augenzeugen erz\u00e4hlten dies Ereignis in Rom, wo man die wunderlichsten Meinungen dar\u00fcber \u00e4u\u00dferte. Tiberius lie\u00df die Sache n\u00e4her untersuchen und zweifelte nicht an der Wahrheit.<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\">Helgoland, den 29. Julius<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe wieder im Alten Testamente gelesen. Welch ein gro\u00dfes Buch! Merkw\u00fcrdiger noch als der Inhalt ist f\u00fcr mich diese Darstellung, wo das Wort gleichsam ein Naturprodukt ist, wie ein Baum, wie eine Blume, wie das Meer, wie die Sterne, wie der Mensch selbst. Das spro\u00dft, das flie\u00dft, das funkelt, das l\u00e4chelt, man wei\u00df nicht wie, man wei\u00df nicht warum, man findet alles ganz nat\u00fcrlich. Das ist wirklich das Wort Gottes, statt da\u00df andere B\u00fccher nur von Menschenwitz zeugen. Im Homer, dem anderen gro\u00dfen Buche, ist die Darstellung ein Produkt der Kunst, und wenn auch der Stoff immer, ebenso wie in der Bibel, aus der Realit\u00e4t aufgegriffen ist, so gestaltet er sich doch zu einem poetischen Gebilde, gleichsam umgeschmolzen im Tiegel des menschlichen Geistes; er wird gel\u00e4utert durch einen geistigen Proze\u00df, welchen wir die Kunst nennen. In der Bibel erscheint auch keine Spur von Kunst; das ist der Stil eines Notizenbuchs, worin der absolute Geist, gleichsam ohne alle individuelle menschliche Beih\u00fclfe, die Tagesvorf\u00e4lle eingezeichnet, ungef\u00e4hr mit derselben tats\u00e4chlichen Treue, womit wir unsere Waschzettel schreiben. \u00dcber diesen Stil l\u00e4\u00dft sich gar kein Urteil aussprechen, man kann nur seine Wirkung auf unser Gem\u00fctkonstatieren, und nicht wenig mu\u00dften die griechischen Grammatiker in Verlegenheit geraten, als sie manche frappante Sch\u00f6nheiten in der Bibel nach hergebrachten Kunstbegriffen definieren sollten. Longinus spricht von Erhabenheit. Neuere \u00c4sthetiker sprechen von Naivit\u00e4t. Ach! wie gesagt, hier fehlen alle Ma\u00dfst\u00e4be der Beurteilung die Bibel ist das Wort Gottes.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Nur bei einem einzigen Schriftsteller finde ich etwas, was an jenen unmittelbaren Stil der Bibel erinnert. Das ist Shakespeare. Auch bei ihm tritt das Wort manchmal in jener schauerlichen Nacktheit hervor, die uns erschreckt und ersch\u00fcttert; in den Shakespeareschen Werken sehen wir manchmal die leibhaftige Wahrheit ohne Kunstgewand. Aber das geschieht nur in einzelnen Momenten; der Genius der Kunst, vielleicht seine Ohnmacht f\u00fchlend, \u00fcberlie\u00df hier der Natur sein Amt auf einige Augenblicke und behauptet hernach um so eifers\u00fcchtiger seine Herrschaft in der plastischen Gestaltung und in der witzigen Verkn\u00fcpfung des Dramas. Shakespeare ist zu gleicher Zeit Jude und Grieche, oder vielmehr beide Elemente, der Spiritualismus und die Kunst, haben sich in ihm vers\u00f6hnungsvoll durchdrungen und zu einem h\u00f6heren Ganzen entfaltet.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ist vielleicht solche harmonische Vermischung der beiden Elemente die Aufgabe der ganzen europ\u00e4ischen Zivilisation? Wir sind noch sehr weit entfernt von einem solchen Resultate. Der Grieche Goethe und mit ihm die ganze poetische Partei hat in j\u00fcngster Zeit seine Antipathie gegen Jerusalem fast leidenschaftlich ausgesprochen. Die Gegenpartei, die keinen gro\u00dfen Namen an ihrer Spitze hat, sondern nur einige Schreih\u00e4lse, wie z.B. der Jude Pustkuchen, der Jude Wolfgang Menzel, der Jude Hengstenberg, diese erheben ihr pharis\u00e4isches Zeter um so kr\u00e4chzender gegen Athen und den gro\u00dfen Heiden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mein Stubennachbar, ein Justizrat aus K\u00f6nigsberg, der hier badet, h\u00e4lt mich f\u00fcr einen Pietisten, da er immer, wenn er mir seinen Besuch abstattet, die Bibel in meinen H\u00e4nden findet. Er m\u00f6chte mich deshalb gern ein bi\u00dfchen prickeln, und ein kaustisch ostpreu\u00dfisches L\u00e4cheln beflimmert sein mageres hagestolzes Gesicht jedesmal, wenn er \u00fcber Religion mit mir sprechen kann. Wir disputierten gestern \u00fcber die Dreieinigkeit. Mit dem Vater ging es noch gut; das ist ja der Weltsch\u00f6pfer, und jedes Ding mu\u00df seine Ursache haben. Es haperte schon bedeutend mit dem Glauben an den Sohn, den sich der kluge Mann gern verbitten m\u00f6chte, aber jedoch am Ende, mit fast ironischer Gutm\u00fctigkeit, annahm. Jedoch die dritte Person der Dreieinigkeit, der Heilige Geist, fand den unbedingtesten Widerspruch. Was der Heilige Geist ist, konnte er durchaus<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"126\">[126]<\/a> nicht begreifen, und pl\u00f6tzlich auflachend, rief er: \u00bbMit dem Heiligen Geist hat es wohl am Ende dieselbe Bewandtnis wie mit dem dritten Pferde, wenn man Extrapost reist; man mu\u00df immer daf\u00fcr bezahlen und bek\u00f6mmt es doch nie zu sehen, dieses dritte Pferd.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mein Nachbar, der unter mir wohnt, ist weder Pietist noch Rationalist, sondern ein Holl\u00e4nder, indolent und ausgebuttert wie der K\u00e4se, womit er handelt. Nichts kann ihn in Bewegung setzen, er ist das Bild der n\u00fcchternsten Ruhe, und sogar wenn er sich mit meiner Wirtin \u00fcber sein Lieblingsthema, das Einsalzen der Fische, unterh\u00e4lt, erhebt sich seine Stimme nicht aus der plattesten Monotonie. Leider, wegen des d\u00fcnnen Bretterbodens, mu\u00df ich manchmal dergleichen Gespr\u00e4che anh\u00f6ren, und w\u00e4hrend ich hier oben mit dem Preu\u00dfen \u00fcber die Dreieinigkeit sprach, erkl\u00e4rte unten der Holl\u00e4nder, wie man Kabeljau, Laberdan und Stockfisch voneinander unterscheidet; es sei im Grunde ein und dasselbe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mein Hauswirt ist ein pr\u00e4chtiger Seemann, ber\u00fchmt auf der ganzen Insel wegen seiner Unerschrockenheit in Sturm und Not, dabei gutm\u00fctig und sanft wie ein Kind. Er ist eben von einer gro\u00dfen Fahrt zur\u00fcckgekehrt, und mit lustigem Ernste erz\u00e4hlte er mir von einem Ph\u00e4nomen, welches er gestern, am 28. Juli, auf der hohen See wahrnahm. Es klingt drollig: mein Hauswirt behauptet n\u00e4mlich, die ganze See roch nach frischgebackenem Kuchen, und zwar sei ihm der warme delikate Kuchenduft so verf\u00fchrerisch in die Nase gestiegen, da\u00df ihm ordentlich weh ums Herz ward. Siehst Du, das ist ein Seitenst\u00fcck zu dem neckenden Lustbild, das dem lechzenden Wandrer in der arabischen Sandw\u00fcste eine klare erquickende Wasserfl\u00e4che vorspiegelt. Eine gebackene Fata Morgana.<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Helgoland, den 1. August<\/span><\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 Du hast keinen Begriff davon, wie das Dolcefarniente mir hier behagt. Ich habe kein einziges Buch, das sich mit den Tagesinteressen besch\u00e4ftigt, hierher mitgenommen. Meine ganze Bibliothek besteht aus Paul Warnefrieds \u00bbGeschichte<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"127\"><\/a>\u00a0der Longobarden\u00ab, der Bibel, dem Homer und einigen Scharteken \u00fcber Hexenwesen. \u00dcber letzteres m\u00f6chte ich gern ein interessantes B\u00fcchlein schreiben. Zu diesem Behufe besch\u00e4ftigte ich mich j\u00fcngst mit Nachforschung \u00fcber die letzten Spuren des Heidentums in der getauften modernen Zeit. Es ist h\u00f6chst merkw\u00fcrdig, wie lange und unter welchen Vermummungen sich die sch\u00f6nen Wesen der griechischen Fabelwelt in Europa erhalten haben. \u2013 Und im Grunde erhielten sie sich ja bei uns bis auf heutigen Tag, bei uns, den Dichtern. Letztere haben, seit dem Sieg der christlichen Kirche, immer eine stille Gemeinde gebildet, wo die Freude des alten Bilderdienstes, der jauchzende G\u00f6tterglaube sich fortpflanzte von Geschlecht auf Geschlecht, durch die Tradition der heiligen Ges\u00e4nge&#8230; Aber ach! die Ecclesia pressa, die den Homeros als ihren Propheten verehrt, wird t\u00e4glich mehr und mehr bedr\u00e4ngt, der Eifer der schwarzen Familiaren wird immer bedenklicher angefacht. Sind wir bedroht mit einer neuen G\u00f6tterverfolgung?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Furcht und Hoffnung wechseln ab in meinem Geiste, und mir wird sehr ungewi\u00df zumute.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u2013 \u2013 Ich habe mich mit dem Meere wieder ausges\u00f6hnt (Du wei\u00dft, wir waren en d\u00e9licatesse), und wir sitzen wieder des Abends beisammen und halten geheime Zwiegespr\u00e4che. Ja, ich will die Politik und die Philosophie an den Nagel h\u00e4ngen und mich wieder der Naturbetrachtung und der Kunst hingeben. Ist doch all dieses Qu\u00e4len und Abm\u00fchen nutzlos, und obgleich ich mich marterte f\u00fcr das allgemeine Heil, so wird doch dieses wenig dadurch gef\u00f6rdert. Die Welt bleibt, nicht im starren Stillstand, aber im erfolglosesten Kreislauf. Einst, als ich noch jung und unerfahren, glaubte ich, da\u00df, wenn auch im Befreiungskampfe der Menschheit der einzelne K\u00e4mpfer zugrunde geht, dennoch die gro\u00dfe Sache am Ende siege&#8230; Und ich erquickte mich an jenen sch\u00f6nen Versen Byrons:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Wellen kommen eine nach der andern herangeschwommen, und eine nach der anderen zerbrechen sie und zerstieben sie auf dem Strande, aber das Meer selber schreitet vorw\u00e4rts \u2013 \u2013\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ach! wenn man dieser Naturerscheinung l\u00e4nger zuschaut, so bemerkt man, da\u00df das vorw\u00e4rtsgeschrittene Meer, nach einem gewissen Zeitlauf, sich wieder in sein voriges Bett zur\u00fcckzieht, sp\u00e4ter aufs neue daraus hervortritt, mit derselben Heftigkeit das verlassene Terrain wiederzugewinnen sucht, endlich kleinm\u00fctig wie vorher die Flucht ergreift und, dieses Spiel best\u00e4ndig wiederholend, dennoch niemals weiterkommt&#8230; Auch die Menschheit bewegt sich nach den Gesetzen von Ebb&#8216; und Flut, und vielleicht auch auf die Geisterwelt \u00fcbt der Mond seine siderischen Einfl\u00fcsse. \u2013 \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist heute junges Licht, und trotz aller wehm\u00fctigen Zweifelsucht, womit sich meine Seele hin und her qu\u00e4lt, beschleichen mich wunderliche Ahnungen&#8230; Es geschieht jetzt etwas Au\u00dferordentliches in der Welt&#8230; Die See riecht nach Kuchen, und die Wolkenm\u00f6nche sahen vorige Nacht so traurig aus, so betr\u00fcbt&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich wandelte einsam am Strand in der Abendd\u00e4mmerung. Ringsum herrschte feierliche Stille. Der hochgew\u00f6lbte Himmel glich der Kuppel einer gotischen Kirche. Wie unz\u00e4hlige Lampen hingen darin die Sterne; aber sie brannten d\u00fcster und zitternd. Wie eine Wasserorgel rauschten die Meereswellen; st\u00fcrmische Chor\u00e4le, schmerzlich verzweiflungsvoll, jedoch mitunter auch triumphierend. \u00dcber mir ein luftiger Zug von wei\u00dfen Wolkenbildern, die wie M\u00f6nche aussahen, alle gebeugten Hauptes und kummervollen Blickes dahinziehend, eine traurige Prozession&#8230; Es sah fast aus, als ob sie einer Leiche folgten.. \u203aWer wird begraben? Wer ist gestorben?\u2039 sprach ich zu mir selber. \u203aIst der gro\u00dfe Pan tot?\u2039<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Helgoland, den 6. August<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sein Heer mit den Longobarden k\u00e4mpfte, sa\u00df der K\u00f6nig der Heruler ruhig in seinem Zelte und spielte Schach. Er bedrohte mit dem Tode denjenigen, der ihm eine Niederlage melden w\u00fcrde. Der Sp\u00e4her, der, auf einem Baume sitzend, dem Kampfe zuschaute, rief immer: \u00bbWir siegen, wir siegen!\u00ab \u2013 bis er endlich laut aufseufzte: \u00bbUngl\u00fccklicher K\u00f6nig! Ungl\u00fcckliches<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"129\"><\/a>\u00a0Volk der Heruler!\u00ab Da merkte der K\u00f6nig, da\u00df die Schlacht verloren, aber zu sp\u00e4t! Denn die Longobarden drangen zu gleicher Zeit in sein Zelt und erstachen ihn&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Eben diese Geschichte las ich, im Paul Warnefried, als das dicke Zeitungspaket mit den warmen, gl\u00fchend hei\u00dfen Neuigkeiten vom festen Lande ankam. Es waren Sonnenstrahlen, eingewickelt in Druckpapier, und sie entflammten meine Seele, bis zum wildesten Brand. Mir war, als k\u00f6nnte ich den ganzen Ozean bis zum Nordpol anz\u00fcnden mit den Gluten der Begeisterung und der tollen Freude, die in mir loderten. Jetzt wei\u00df ich auch, warum die ganze See nach Kuchen roch. Der Seineflu\u00df hatte die gute Nachricht unmittelbar ins Meer verbreitet, und in ihren Kristallpal\u00e4sten haben die sch\u00f6nen Wasserfrauen, die von jeher allem Heldentum hold, gleich einen th\u00e9 dansant gegeben, zur Feier der gro\u00dfen Begebenheiten, und deshalb roch das ganze Meer nach Kuchen. Ich lief wie wahnsinnig im Hause herum und k\u00fc\u00dfte zuerst die dicke Wirtin und dann ihren freundlichen Seewolf, auch umarmte ich den preu\u00dfischen Justizkommissarius, um dessen Lippen freilich das frostige L\u00e4cheln des Unglaubens nicht ganz verschwand. Sogar den Holl\u00e4nder dr\u00fcckte ich an mein Herz&#8230; Aber dieses indifferente Fettgesicht blieb k\u00fchl und ruhig, und ich glaube, w\u00e4r ihm die Juliussonne in Person um den Hals gefallen, Mynheer w\u00fcrde nur in einen gelinden Schwei\u00df, aber keineswegs in Flammen geraten sein. Diese N\u00fcchternheit inmitten einer allgemeinen Begeisterung ist emp\u00f6rend. Wie die Spartaner ihre Kinder vor der Trunkenheit bewahrten, indem sie ihnen als warnendes Beispiel einen berauschten Heloten zeigten, so sollten wir in unseren Erziehungsanstalten einen Holl\u00e4nder f\u00fcttern, dessen sympathielose, geh\u00e4bige Fischnatur den Kindern einen Abscheu vor der N\u00fcchternheit einfl\u00f6\u00dfen m\u00f6ge. Wahrlich, diese holl\u00e4ndische N\u00fcchternheit ist ein weit fataleres Laster als die Besoffenheit eines Heloten. Ich m\u00f6chte Mynheer pr\u00fcgeln&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber nein, keine Exzesse! Die Pariser haben uns ein so brillantes Beispiel von Schonung gegeben. Wahrlich, ihr verdient es, frei zu sein, ihr Franzosen, denn ihr tragt die Freiheit im<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"130\"><\/a>\u00a0Herzen. Dadurch unterscheidet ihr euch von euren armen V\u00e4tern, welche sich aus jahrtausendlicher Knechtschaft erhoben und bei allen ihren Heldentaten auch jene wahnsinnige Greuel aus\u00fcbten, wor\u00fcber der Genius der Menschheit sein Antlitz verh\u00fcllte. Die H\u00e4nde des Volks sind diesmal nur blutig geworden im Schlachtgew\u00fchle gerechter Gegenwehr, nicht nach dem Kampf. Das Volk verband selbst die Wunden seiner Feinde, und als die Tat abgetan war, ging es wieder ruhig an seine Tagesbesch\u00e4ftigung, ohne f\u00fcr die gro\u00dfe Arbeit auch nur ein Trinkgeld verlangt zu haben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Sklaven, wenn er die Kette bricht,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den freien Mann, den f\u00fcrchte nicht!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du siehst, wie berauscht ich bin, wie au\u00dfer mir, wie allgemein&#8230; ich zitiere Schillers \u00bbGlocke\u00ab.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und den alten Knaben, dessen unverbesserliche Torheit soviel B\u00fcrgerblut gekostet, haben die Pariser mit r\u00fchrender Schonung behandelt. Er sa\u00df wirklich beim Schachspiel, wie der K\u00f6nig der Heruler, als die Sieger in sein Zelt st\u00fcrzten. Mit zitternder Hand unterzeichnete er die Abdankung. Er hat die Wahrheit nicht h\u00f6ren wollen. Er behielt ein offnes Ohr nur f\u00fcr die L\u00fcge der H\u00f6flinge. Diese riefen immer: \u00bbWir siegen! wir siegen!\u00ab Unbegreiflich war diese Zuversicht des k\u00f6niglichen Toren&#8230; Verwundert blickte er auf, als das \u00bbJournal des d\u00e9bats\u00ab wie einst der W\u00e4chter w\u00e4hrend der Longobardenschlacht pl\u00f6tzlich ausrief: \u00bbMalheureux roi! malheureuse France!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit ihm, mit Karl X., hat endlich das Reich Karls des Gro\u00dfen ein Ende, wie das Reich des Romulus sich endigte mit Romulus Augustulus. Wie einst ein neues Rom, so beginnt jetzt ein neues Frankreich.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist mir alles noch wie ein Traum; besonders der Name Lafayette klingt mir wie eine Sage aus der fr\u00fchesten Kindheit. Sitzt er wirklich jetzt wieder zu Pferde, kommandierend die Nationalgarde? Ich f\u00fcrchte fast, es sei nicht wahr, denn es ist gedruckt. Ich will selbst nach Paris gehen, um mich mit leiblichen Augen davon zu \u00fcberzeugen&#8230; Es mu\u00df pr\u00e4chtig aussehen, wenn er dort durch die Stra\u00dfen reitet, der B\u00fcrger beider Welten, der g\u00f6ttergleiche Greis, die silbernen Locken herabwallend \u00fcber die heilige Schulter&#8230; Er gr\u00fc\u00dft mit den alten lieben Augen die Enkel jener V\u00e4ter, die einst mit ihm k\u00e4mpften f\u00fcr Freiheit und Gleichheit&#8230; Es sind jetzt sechzig Jahr, da\u00df er aus Amerika zur\u00fcckgekehrt mit der Erkl\u00e4rung der Menschheitsrechte, den zehn Geboten des neuen Weltglaubens, die ihm dort offenbart wurden unter Kanonendonner und Blitz&#8230; Dabei weht wieder auf den T\u00fcrmen von Paris die dreifarbige Fahne, und es klingt die Marseillaise!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise&#8230; Ich bin wie berauscht. K\u00fchne Hoffnungen steigen leidenschaftlich empor, wie B\u00e4ume mit goldenen Fr\u00fcchten und wilden, wachsenden Zweigen, die ihr Laubwerk weit ausstrecken bis in die Wolken&#8230; Die Wolken aber im raschen Fluge entwurzeln diese Riesenb\u00e4ume und jagen damit von dannen. Der Himmel h\u00e4ngt voller Violinen, und auch ich rieche es jetzt, die See duftet nach frischgebackenen Kuchen. Das ist ein best\u00e4ndiges Geigen da droben in himmelblauer Freudigkeit, und das klingt aus den smaragdenen Wellen wie heiteres M\u00e4dchengekicher. Unter der Erde aber kracht es und klopft es, der Boden \u00f6ffnet sich, die alten G\u00f6tter strecken daraus ihre K\u00f6pfe hervor, und mit hastiger Verwunderung fragen sie: \u00bbWas bedeutet der Jubel, der bis ins Mark der Erde drang? Was gibt&#8217;s Neues? d\u00fcrfen wir wieder hinauf?\u00ab \u2013 Nein, ihr bleibt unten in Nebelheim, wo bald ein neuer Todesgenosse zu euch hinabsteigt&#8230; \u2013 \u00bbWie hei\u00dft er?\u00ab \u2013 Ihr kennt ihn gut, ihn, der euch einst hinabstie\u00df in das Reich der ewigen Nacht&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Pan ist tot!<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Helgoland, den 10. August<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lafayette, die dreifarbige Fahne, die Marseillaise&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Fort ist meine Sehnsucht nach Ruhe. Ich wei\u00df jetzt wieder, was ich will, was ich soll, was ich mu\u00df&#8230; Ich bin der Sohn der Revolution und greife wieder zu den gefeiten Waffen, wor\u00fcber meine Mutter ihren Zaubersegen ausgesprochen&#8230; Blumen! Blumen! Ich will mein Haupt bekr\u00e4nzen zum Todeskampf. Und auch die Leier, reicht mir die Leier, damit ich ein Schlachtlied singe&#8230; Worte gleich flammenden Sternen, die aus der H\u00f6he herabschie\u00dfen und die Pal\u00e4ste verbrennen und die H\u00fctten erleuchten&#8230; Worte gleich blanken Wurfspeeren, die bis in den siebenten Himmel hinaufschwirren und die frommen Heuchler treffen, die sich dort eingeschlichen ins Allerheiligste&#8230; Ich bin ganz Freude und Gesang, ganz Schwert und Flamme!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht auch ganz toll&#8230; Von jenen wilden, in Druckpapier gewickelten Sonnenstrahlen ist mir einer ins Hirn geflogen, und alle meine Gedanken brennen lichterloh. Vergebens tauche ich den Kopf in die See. Kein Wasser l\u00f6scht dieses griechische Feuer. Aber es geht den anderen nicht viel besser. Auch die \u00fcbrigen Badeg\u00e4ste traf der Pariser Sonnenstich, zumal die Berliner, die dieses Jahr in gro\u00dfer Anzahl hier befindlich und von einer Insel zur andern kreuzen, so da\u00df man sagen konnte, die ganze Nordsee sei \u00fcberschwemmt von Berlinern. Sogar die armen Helgolander jubeln vor Freude, obgleich sie die Ereignisse nur instinktm\u00e4\u00dfig begreifen. Der Fischer, welcher mich gestern nach der kleinen Sandinsel, wo man badet, \u00fcberfuhr, lachte mich an mit den Worten: \u00bbDie armen Leute haben gesiegt!\u00ab Ja, mit seinem Instinkt begreift das Volk die Ereignisse vielleicht besser als wir mit allen unseren H\u00fclfskenntnissen. So erz\u00e4hlte mir einst Frau v. Varnhagen: als man den Ausgang der Schlacht bei Leipzig noch nicht wu\u00dfte, sei pl\u00f6tzlich die Magd ins Zimmer gest\u00fcrzt, mit dem Angstschrei: \u00bbDer Adel hat gewonnen.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diesmal haben die armen Leute den Sieg erfochten. \u00bbAber es hilft ihnen nichts, wenn sie nicht auch das Erbrecht besiegen!\u00ab Diese Worte sprach der ostpreu\u00dfische Justizrat in einem Tone, der mir sehr auffiel. Ich wei\u00df nicht, warum diese Worte, die ich nicht begreife, mir so be\u00e4ngstigend im Ged\u00e4chtnis bleiben. Was will er damit sagen, der trockene Kauz?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diesen Morgen ist wieder ein Paket Zeitungen angekommen. Ich verschlinge sie wie Manna. Ein Kind, wie ich bin, besch\u00e4ftigen mich die r\u00fchrenden Einzelheiten noch weit mehr als das bedeutungsvolle Ganze. Oh, k\u00f6nnte ich nur den Hund Medor sehen! Dieser interessiert mich weit mehr als die anderen, die dem Philipp von Orleans mit schnellen Spr\u00fcngen die Krone apportiert haben. Der Hund Medor apportierte seinem Herrn Flinte und Patrontasche, und als sein Herr fiel und samt seinen Mithelden auf dem Hofe des Louvre begraben wurde, da blieb der arme Hund, wie ein Steinbild der Treue, regungslos auf dem Grabe sitzen, Tag und Nacht, von den Speisen, die man ihm bot, nur wenig genie\u00dfend, den gr\u00f6\u00dften Teil derselben in die Erde verscharrend, vielleicht als Atzung f\u00fcr seinen begrabenen Herrn!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich kann gar nicht mehr schlafen, und durch den \u00fcberreizten Geist jagen die bizarrsten Nachtgesichte. Wachende Tr\u00e4ume, die \u00fcbereinander hinstolpern, so da\u00df die Gestalten sich abenteuerlich vermischen und wie im chinesischen Schattenspiel sich jetzt zwerghaft verk\u00fcrzen, dann wieder gigantisch verl\u00e4ngern; zum Verr\u00fccktwerden. In diesem Zustande ist mir manchmal zu Sinne, als ob meine eignen Glieder ebenfalls sich kolossal ausdehnten und da\u00df ich, wie mit ungeheuer langen Beinen, von Deutschland nach Frankreich und wieder zur\u00fcck liefe. Ja, ich erinnere mich, vorige Nacht lief ich solcherma\u00dfen durch alle deutsche L\u00e4nder und L\u00e4ndchen und klopfte an den T\u00fcren meiner Freunde und st\u00f6rte die Leute aus dem Schlafe&#8230; Sie glotzten mich manchmal an mit verwunderten Glasaugen, so da\u00df ich selbst erschrak und nicht gleich wu\u00dfte, was ich eigentlich wollte und warum ich sie weckte! Manche dicke Philister, die allzu widerw\u00e4rtig schnarchten, stie\u00df ich bedeutungsvoll in die Rippen, und g\u00e4hnend frugen sie: \u00bbWieviel Uhr ist es denn?\u00ab In Paris, lieben Freunde, hat der Hahn gekr\u00e4ht; das ist alles, was ich wei\u00df. \u2013 Hinter Augsburg, auf dem Wege nach M\u00fcnchen, begegneten mir eine Menge gotischer Dome, die auf der Flucht zu sein schienen und \u00e4ngstlich wackelten. Ich selber, des vielen Umherlaufens satt, ich gab mich endlich ans Fliegen, und so flog ich von einem Stern zum andern. Sind aber keine bev\u00f6lkerte Welten, wie andere tr\u00e4umen, sondern nur gl\u00e4nzende Steinkugeln, \u00f6de und fruchtlos. Sie fallen nicht herunter, weil sie nicht wissen, worauf sie fallen k\u00f6nnen. Schweben dort oben auf und ab, in der gr\u00f6\u00dften Verlegenheit. Kam auch in den Himmel. T\u00fcr und Tor stand offen. Lange, hohe, weithallende S\u00e4le, mit altmodischen Vergoldungen, ganz leer, nur da\u00df hie und da, auf einem samtnen Armsessel, ein alter gepuderter Bedienter sa\u00df, in verblichen roter Livree und gelinde schlummernd. In manchen Zimmern waren die T\u00fcrfl\u00fcgel aus ihren Angeln gehoben, an andern Orten waren die T\u00fcren fest verschlossen und obendrein mit gro\u00dfen runden Amtssiegeln dreifach versiegelt, wie in H\u00e4usern, wo ein Bankrott oder ein Todesfall eingetreten. Kam endlich in ein Zimmer, wo an einem Schreibpult ein alter d\u00fcnner Mann sa\u00df, der unter hohen Papierst\u00f6\u00dfen kramte. War schwarz gekleidet, hatte ganz wei\u00dfe Haare, ein faltiges Gesch\u00e4ftsgesicht und frug mich mit ged\u00e4mpfter Stimme, was ich wolle. In meiner Naivit\u00e4t hielt ich ihn f\u00fcr den lieben Herrgott, und ich sprach zu ihm ganz zutrauungsvoll: \u00bbAch, lieber Herrgott, ich m\u00f6chte donnern lernen, blitzen kann ich&#8230; ach, lehren Sie mich auch donnern!\u00ab \u2013 \u00bbSprechen Sie nicht so laut\u00ab, entgegnete mir heftig der alte d\u00fcnne Mann, drehte mir den R\u00fccken und kramte weiter unter seinen Papieren. \u00bbDas ist der Herr Registrator\u00ab, fl\u00fcsterte mir einer von den roten Bedienten, der von seinem Schlafsessel sich erhob und sich g\u00e4hnend die Augen rieb&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Pan ist tot!<\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Kuxhaven, den 19. August<\/span><\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unangenehme \u00dcberfahrt, in einem offenen Kahn, gegen Wind und Wetter; so da\u00df ich, wie immer in solchen F\u00e4llen, von der Seekrankheit zu leiden hatte. Auch das Meer, wie andre Personen, lohnt meine Liebe mit Ungemach und Qu\u00e4lnissen. Anfangs geht es gut, da la\u00df ich mir das neckende Schaukeln gern gefallen. Aber allm\u00e4hlich schwindelt es mir im Kopfe, und allerlei fabelhafte Gesichte umschwirren mich. Aus den dunkeln Meerstrudeln steigen die alten D\u00e4monen hervor, in scheu\u00dflicher Nacktheit bis an die H\u00fcften, und sie heulen schlechte, unverst\u00e4ndliche Verse und spritzen mir den wei\u00dfen Wellenschaum ins Antlitz. Zu noch weit fataleren Fratzenbildern gestalten sich droben die Wolken, die so tief herabh\u00e4ngen, da\u00df sie fast mein Haupt ber\u00fchren und mir mit ihren dummen Fistelstimmchen die unheimlichsten Narreteien ins Ohr pfeifen. Solche Seekrankheit, ohne gef\u00e4hrlich zu sein, gew\u00e4hrt sie dennoch die entsetzlichsten Mi\u00dfempfindungen, unleidlich bis zum Wahnsinn. Am Ende, im fieberhaften Katzenjammer, bildete ich mir ein, ich sei ein Walfisch und ich tr\u00fcge im Bauche den Propheten Jonas.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Prophet Jonas aber rumorte und w\u00fctete in meinem Bauche und schrie best\u00e4ndig:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbO Ninive! O Ninive! Du wirst untergehen! In deinen Pal\u00e4sten werden Bettler sich lausen, und in deinen Tempeln werden die babylonischen K\u00fcrassiere ihre Stuten f\u00fcttern. Aber euch, ihr Priester Baals, euch wird man bei den Ohren fassen und eure Ohren festnageln an die Pforte der Tempel! Ja, an die T\u00fcren eurer L\u00e4den wird man euch mit den Ohren annageln, ihr Leibb\u00e4cker Gottes! Denn ihr habt falsches Gewicht gegeben, ihr habt leichte betr\u00fcgerische Brote dem Volke verkauft! Oh, ihr geschorenen Schlauk\u00f6pfe! wenn das Volk hungerte, reichtet ihr ihm eine d\u00fcnne hom\u00f6opathische Scheinspeise, und wenn es d\u00fcrstete, tranket ihr statt seiner; h\u00f6chstens den K\u00f6nigen reichtet ihr den vollen Kelch. Ihr aber, ihr assyrischen Spie\u00dfb\u00fcrger und Grobiane, ihr werdet Schl\u00e4ge bekommen mit Stocken und Ruten, und auch Fu\u00dftritte werdet ihr bekommen und Ohrfeigen, und ich kann es euch voraussagen mit Bestimmtheit, denn erstens werde ich alles m\u00f6gliche tun, damit ihr sie bekommt, und zweitens bin ich Prophet, der Prophet Jonas, Sohn Amithai&#8230; O Ninive, o Ninive, du wirst untergehn!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So ungef\u00e4hr predigte mein Bauchredner, und er schien dabei so stark zu gestikulieren und sich in meinen Ged\u00e4rmen zu verwickeln, da\u00df sich mir alles kullernd im Leibe herumdrehte&#8230; bis ich es endlich nicht l\u00e4nger ertragen konnte und den Propheten Jonas ausspuckte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Solcherweise ward ich erleichtert und genas endlich ganz und gar, als ich landete und im Gasthofe eine gute Tasse Tee bekam.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Hier wimmelt&#8217;s von Hamburgern und ihren Gemahlinnen, die das Seebad gebrauchen. Auch Schiffskapit\u00e4ne aus allen L\u00e4ndern, die auf guten Fahrwind warten, spazieren hier hin und her, auf den hohen D\u00e4mmen, oder sie liegen in den Kneipen und trinken sehr starken Grog und jubeln \u00fcber die drei Julitage. In allen Sprachen bringt man den Franzosen ihr wohlverdientes Vivat, und der sonst so wortkarge Brite preist sie ebenso redselig wie jener geschw\u00e4tzige Portugiese, der es bedauerte, da\u00df er seine Ladung Orangen nicht direkt nach Paris bringen k\u00f6nne, um das Volk zu erfrischen nach der Hitze des Kampfes. Sogar in Hamburg, wie man mir erz\u00e4hlt, in jenem Hamburg, wo der Franzosenha\u00df am tiefsten wurzelte, herrscht jetzt nichts als Enthusiasmus f\u00fcr Frankreich&#8230; Alles ist vergessen, Davoust, die beraubte Bank, die f\u00fcsilierten B\u00fcrger, die altdeutschen R\u00f6cke, die schlechten Befreiungsverse, Vater Bl\u00fccher, \u00bbHeil dir im Siegerkranze\u00ab, alles ist vergessen&#8230; In Hamburg flattert die Trikolore, \u00fcberall erklingt dort die Marseillaise, sogar die Damen erscheinen im Theater mit dreifarbigen Bandschleifen auf der Brust, und sie l\u00e4cheln mit ihren blauen Augen, roten M\u00fcndlein und wei\u00dfen N\u00e4schen&#8230; Sogar die reichen Bankiers, welche infolge der revolution\u00e4ren Bewegung an ihren Staatspapieren sehr viel Geld verlieren, teilen gro\u00dfm\u00fctig die allgemeine Freude, und jedesmal, wenn ihnen der Makler meldet, da\u00df die Kurse noch tiefer gefallen, schauen sie desto vergn\u00fcgter und antworten:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist schon gut, es tut nichts, es tut nichts!\u00ab \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ja, \u00fcberall, in allen Landen, werden die Menschen die Bedeutung dieser drei Julitage sehr leicht begreifen und darin einen Triumph der eigenen Interessen erkennen und feiern. Die gro\u00dfe Tat der Franzosen spricht so deutlich zu allen V\u00f6lkern und allen Intelligenzen, den h\u00f6chsten und den niedrigsten, und in den Steppen der Baschkiren werden die Gem\u00fcter ebenso tief ersch\u00fcttert werden wie auf den H\u00f6hen Andalusiens&#8230; Ich sehe schon, wie dem Neapolitaner der Makkaroni und dem Irl\u00e4nder seine Kartoffel im Munde steckenbleibt, wenn die Nachricht bei ihnen anlangt&#8230; Pulischinell ist kapabel, zum Schwert zu greifen, und Paddy wird vielleicht einen Bull machen, wor\u00fcber den Engl\u00e4ndern das Lachen vergeht.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und Deutschland? Ich wei\u00df nicht. Werden wir endlich von unseren Eichenw\u00e4ldern den rechten Gebrauch machen, n\u00e4mlich zu Barrikaden f\u00fcr die Befreiung der Welt? Werden wir, denen die Natur soviel Tiefsinn, soviel Kraft, soviel Mut erteilt hat, endlich unsere Gottesgaben benutzen und das Wort des gro\u00dfen Meisters, die Lehre von den Rechten der Menschheit, begreifen, proklamieren und in Erf\u00fcllung bringen?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es sind jetzt sechs Jahre, da\u00df ich, zu Fu\u00df das Vaterland durchwandernd, auf die Wartburg ankam und die Zelle besuchte, wo Doktor Luther gehaust. Ein braver Mann, auf den ich keinen Tadel kommen lasse; er vollbrachte ein Riesenwerk, und wir wollen ihm immer dankbar die H\u00e4nde k\u00fcssen f\u00fcr das, was er tat. Wir wollen nicht mit ihm schmollen, da\u00df er unsere Freunde allzu unh\u00f6flich anlie\u00df, als sie in der Exegese des g\u00f6ttlichen Wortes etwas weiter gehen wollten als er selber, als sie auch die irdische Gleichheit der Menschen in Vorschlag brachten&#8230; Ein solcher Vorschlag war freilich damals noch unzeitgem\u00e4\u00df, und Meister Hemling, der dir dein Haupt abschlug, armer Thomas M\u00fcnzer, er war in gewisser Hinsicht wohl berechtigt zu solchem Verfahren: denn er hatte das Schwert in H\u00e4nden, und sein Arm war stark!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Auf der Wartburg besuchte ich auch die R\u00fcstkammer, wo die alten Harnische h\u00e4ngen, die alten Pickelhauben, Tartschen, Hellebarden, Flamberge, die eiserne Garderobe des Mittelalters. Ich wandelte nachsinnend im Saale herum mit einem Universit\u00e4tsfreunde, einem jungen Herrn vom Adel, dessen Vater damals einer der m\u00e4chtigsten Viertelf\u00fcrsten in unserer Heimat war und das ganze zitternde L\u00e4ndchen beherrschte. Auch seine Vorfahren sind m\u00e4chtige Barone gewesen, und der junge Mann schwelgte in heraldischen Erinnerungen bei Anblick der R\u00fcstungen und der Waffen, die, wie ein angehefteter Zettel meldete, irgendeinem Ritter seiner Sippschaft angeh\u00f6rt hatten. Als er das lange Schwert des Ahnherrn von dem Haken herablangte und aus Neugier versuchte, ob er es wohl handhaben k\u00f6nnte, gestand er, da\u00df es ihm doch etwas zu schwer sei, und er lie\u00df entmutigt den Arm sinken. Als ich dieses sah, als ich sah, wie der Arm des Enkels zu schwach f\u00fcr das Schwert seiner V\u00e4ter, da dachte ich heimlich in meinem Sinn: Deutschland k\u00f6nnte frei sein.<\/p>\n<p class=\"zenoPC\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><i>Neun Jahre sp\u00e4ter<\/i><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Begegnis mit Ludwig B\u00f6rne liegt jene Juliusrevolution, welche unsere Zeit gleichsam in zwei H\u00e4lften auseinandersprengte. Die vorstehenden Briefe m\u00f6gen Kunde geben von der Stimmung, in welcher mich die gro\u00dfe Begebenheit antraf, und in gegenw\u00e4rtiger Denkschrift sollen sie als vermittelnde Br\u00fccke dienen, zwischen dem ersten und dem dritten Buche. Der \u00dcbergang w\u00e4re sonst zu schroff. Ich trug Bedenken, eine gr\u00f6\u00dfere Anzahl dieser Briefe mitzuteilen, da in den n\u00e4chstfolgenden der zeitliche Freiheitsrausch allzu ungest\u00fcm \u00fcber alle Polizeiverordnungen hinaustaumelte, w\u00e4hrend sp\u00e4terhin allzu ern\u00fcchterte Betrachtungen eintreten und das entt\u00e4uschte Herz in mutlose, verzagende und verzweifelnde Gedanken sich verliert! Schon die ersten Tage meiner Ankunft in der Hauptstadt der Revolution merkte ich, da\u00df die Dinge in der Wirklichkeit ganz andere Farben trugen, als ihnen die Lichteffekte meiner Begeisterung in der Ferne geliehen hatten. Das Silberhaar, das ich um die Schulter Lafayettes, des Helden beider Welten, so majest\u00e4tisch flattern sah, verwandelte sich bei n\u00e4herer Betrachtung in eine braune Per\u00fccke, die einen engen Sch\u00e4del kl\u00e4glich bedeckte. Und gar der Hund Medor, den ich auf dem Hofe des Louvre besuchte und der, gelagert unter dreifarbigen Fahnen und Troph\u00e4en, sich ruhig f\u00fcttern lie\u00df: er war gar nicht der rechte Hund, sondern eine ganz gew\u00f6hnliche Bestie, die sich fremde<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Heine-WuB+Bd.+6\" name=\"139\">[139]<\/a> Verdienste anma\u00dfte, wie bei den Franzosen oft geschieht, und ebenso wie viele andre exploitierte er den Ruhm der Juliusrevolution&#8230; Er ward geh\u00e4tschelt, gef\u00f6rdert, vielleicht zu den h\u00f6chsten Ehrenstellen erhoben, w\u00e4hrend der wahre Medor, einige Tage nach dem Siege, bescheiden davongeschlichen war, wie das wahre Volk, das die Revolution gemacht&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Armes Volk! Armer Hund! sic.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es ist eine schon \u00e4ltliche Geschichte. Nicht f\u00fcr sich, seit undenklicher Zeit, nicht f\u00fcr sich hat das Volk geblutet und gelitten, sondern f\u00fcr andre. Im Juli 1830 erfocht es den Sieg f\u00fcr jene Bourgeoisie, die ebensowenig taugt wie jene Noblesse, an deren Stelle sie trat, mit demselben Egoismus&#8230; Das Volk hat nichts gewonnen durch seinen Sieg als Reue und gr\u00f6\u00dfere Not. Aber seid \u00fcberzeugt, wenn wieder die Sturmglocke gel\u00e4utet wird und das Volk zur Flinte greift, diesmal k\u00e4mpft es f\u00fcr sich selber und verlangt den wohlverdienten Lohn. Diesmal wird der wahre, echte Medor geehrt und gef\u00fcttert werden&#8230; Gott wei\u00df, wo er jetzt heruml\u00e4uft, verachtet, verh\u00f6hnt und hungernd&#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Doch still, mein Herz, du verr\u00e4tst dich zu sehr&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_14208\" style=\"width: 246px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14208\" class=\"size-medium wp-image-14208\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1-236x300.jpg 236w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/Boerne1.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14208\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig B\u00f6rne (Gem\u00e4lde von Moritz Oppenheim, 1827)<\/p><\/div>\n<p class=\"rez\" style=\"text-align: justify;\">Die <i>Denkschrift \u00fcber Ludwig B\u00f6rne<\/i> ist die am meisten verkannte Schrift von Heinrich Heine. Das zuerst 1840 ver\u00f6ffentlichte Buch enth\u00e4lt Heines Darstellung der Weltgeschichte, seine scharfsichtige Analyse der Neuzeit, der Entstehung des modernen Staates, des Finanzkapitalismus, die Marx\u2018 Analyse im <i>Kapital <\/i>vorwegnimmt und die in der These von den drei gr\u00f6\u00dften Terroristen der Neuzeit \u2013 Richelieu f\u00fcr den Staat, Rothschild f\u00fcr den Finanzkapitalismus, Robespierre f\u00fcr die Revolution \u2013 kulminiert. Weitere Themen sind: Heines Begriff der Revolution und seine Auffassung von Weltgeschichte und Geschichtsschreibung, die Analyse der Kunstform f\u00fcr die Art der Geschichtsschreibung, die polemischen Portr\u00e4ts als Merkmal der politischen \u00d6ffentlichkeit des 19. Jahrhunderts, in die sich die Kontroverse mit B\u00f6rne einf\u00fcgt, der Einfluss der Zensur auf Heines Publikationen.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch Heinrich Heines Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14533\">Die deutsche Literatur.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich selber bin dieses Guerillakrieges m\u00fcde und sehne mich nach Ruhe, wenigstens nach einem Zustand, wo ich mich meinen nat\u00fcrlichen Neigungen, meiner tr\u00e4umerischen Art und Weise, meinem phantastischen Sinnen und Gr\u00fcbeln ganz fessellos hingeben kann. Welche Ironie des Geschickes,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/07\/01\/helgoland-den-1-julius-1830\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":94,"featured_media":97877,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[853,1184],"class_list":["post-89894","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-heinrich-heine","tag-ludwig-borne"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89894","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/94"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89894"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89894\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":97898,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89894\/revisions\/97898"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97877"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89894"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89894"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89894"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}