{"id":89806,"date":"2009-06-30T00:01:29","date_gmt":"2009-06-29T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89806"},"modified":"2022-10-09T13:43:34","modified_gmt":"2022-10-09T11:43:34","slug":"der-weisse-wal-an-der-wupper","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/30\/der-weisse-wal-an-der-wupper\/","title":{"rendered":"Der weisse Wal an der Wupper"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span class=\"cr-original-review-content\" style=\"color: #999999;\">Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span class=\"cr-original-review-content\" style=\"color: #999999;\">Pina Bausch<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend meine Jungendfreude sich alle nach D-Dorf, Berlin oder Hamburg orientierten, kam ich als \u201eKriegsdienstverweigerer\u201c mit dem Zivi-Ticket nach Elberfeld. Im doppelten Sinn, damals fuhr der <span style=\"color: #ff0000;\"><a style=\"color: #ff0000;\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/10\/03\/erinnerungsfahrt\/\">Schienenbus<\/a><\/span> noch zwischen D\u00fcsseldorf und Wichlinghausen. Mein Haltepunkt war Osterbaum, direkt in der N\u00e4he des \u201eheiligen Bergs\u201c. Mein Einsatzort, die Thomaskirche in der Nordstadt. Ich wohnte direkt unter dem Glockenstuhl in einem Raum ohne Dusche, nur mit einem Raum f\u00fcr die Toilette, die K\u00f6rperpflege erfolgte am Waschbecken. Morgens um 7:00 Uhr wurde ich nicht durch das Gl\u00f6ckengel\u00e4ut geweckt, sondern durch die Schwingungen, die sich durch den Holzboden ank\u00fcndigten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00e4tigkeit was physisch und psychisch sehr anstrengend, wie sich herausstellen sollte. Am Vormittag das Betreuen von alten Gemeindemitglieder und am sp\u00e4ten Nachmittag dann Jugendarbeit. F\u00fcr jemanden, die v\u00f6llig unausgebildet auf Menschen losgelassen wurde, gelinde gesagt fordernd. So erkl\u00e4rt sich vielleicht, warum ich sp\u00e4ter auch mit den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/22\/durch-sprache-kenntlich-werden\/\">Wackelk\u00f6ppen<\/a> klargekommen bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kontemplation boten die fr\u00fchen St\u00fccke der Bausch, die Begegnungen mit dem Free-Jazz (mit Br\u00f6tzmann habe ich sp\u00e4ter an einer H\u00f6rspielproduktion gearbeitet) und eben Else. Als lyrischer Beltracchi gelang mir nach dem flanieren durch die Nordstadt eine wahrscheinlich angemessene Lasker-Sch\u00fcler-<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/08\/18\/nordstadt\/\">F\u00e4lschung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Schauspielhaus und das von der Heydt-Museum bereicherten meine Bildung, und in der \u201eB\u00f6rse\u201c erweiterte z.B.\u00a0Albert Mangelsdorff mein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Musik, einem Menschen, der \u00e4hnlich frei von allem war, traf ich sp\u00e4ter nur mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/07\/frank-michaelis-hungertuch\/\">Frank Michaelis<\/a>, aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<div id=\"attachment_89808\" style=\"width: 1034px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-89808\" class=\"wp-image-89808 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch-300x200.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch-768x512.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch-560x374.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch-260x173.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/Pina_Bausch-160x107.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-89808\" class=\"wp-caption-text\">Pina Bausch (Mitte), 30. Januar 2009 (v. l. n. r.) Pascal Merighi, Dominique Mercy, Pina Bausch, Fernando Suels Mendoza, Peter Pabst. Photo: Leafar aka Raphael Labb\u00e9<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Tage eine Re:Lekt\u00fcre von Else Lasker-Sch\u00fcler. Erinnerte mich daran, dass ich kaum in Wuppertal lebte, ihr St\u00fcck\u00a0<em>IchundIch<\/em> sah, \u00e4hnlich wie die fr\u00fchen St\u00fccke von Pina Bausch machte es einen \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindruck auf mich.\u00a0Es f\u00fchrte damals zu zahlreichen Kontroversen unter Werkkundigen der Dichterin. W\u00e4hrend die einen Else Lasker-Sch\u00fcler nahezu prophetische Weitsicht unterstellten, da sie schon weit vor 1944 den Untergang des Nazi-Regimes beschrieb, sahen andere in dem Drama vielmehr Anzeichen geistigen Verfalls. So schrieb Armin Juhre voller Bewunderung:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Welcher der vielen deutschen emigrierten Schriftsteller hat sich je zu solcher K\u00fchnheit aufgeworfen?<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ernst Ginsberg bemerkt dagegen 1958 in einem Brief an den Nachlassverwalter Manfred Sturmann:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich habe es nur mit tiefster Ersch\u00fctterung, ja ich gestehe: zuweilen nur unter Tr\u00e4nen lesen k\u00f6nnen. [\u2026] Man sp\u00fcrt die geistige Nacht \u00fcber die greise Dichterin hereinbrechen, \u00fcber die nur noch seltene Sternschnuppen hinzucken.<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war das Werk viele Jahre lang nur zu wissenschaftlichen Zwecken \u00fcberhaupt einsehbar: <em>IchundIch<\/em>\u00a0wurde zun\u00e4chst gar nicht, 1961 in wenigen Ausschnitten und erst 1969 kritisch kommentiert vollst\u00e4ndig im\u00a0<em>Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft<\/em> ver\u00f6ffentlicht. Es wurde schlie\u00dflich am 10. November 1979 im Gro\u00dfen Schauspielhaus D\u00fcsseldorf welturaufgef\u00fchrt, am 8. Dezember 1979 folgte die Auff\u00fchrung im Schauspielhaus Wuppertal. Und ich habs schauen d\u00fcrfen. \u00dcber eine Bekannte vom Stadtjugendring bekam ich erm\u00e4ssigte Eintrittskarten f\u00fcr das Schauspielhaus: zu 3,60 DeMark! Nach der Pause verliessen die meisten Bildungsb\u00fcrger die Vorstellung und wir konnte uns in den ersten Reihen l\u00fcmmeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das St\u00fcck von Pina Bausch \u00fcber Else Lasker-Sch\u00fcler, begleitet vom Saxophonisten Br\u00f6tzmann&#8230; gibt es nur in meiner Erinnerung&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192 <\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_75724\" style=\"width: 197px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-75724\" class=\"wp-image-75724 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-260x417.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler-160x256.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/Else_Lasker-Schueler.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-75724\" class=\"wp-caption-text\">Else Lasker-Sch\u00fcler aka Prinz Yussu<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO w\u00fcrdigte Else Lasker-Sch\u00fcler mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=80975\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr die <em>Kulturnotizen<\/em> weiterhin zu den wichtigsten identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern, was sie bewegt. Pina Bausch W\u00e4hrend meine Jungendfreude sich alle nach D-Dorf, Berlin oder Hamburg orientierten, kam ich als \u201eKriegsdienstverweigerer\u201c mit dem Zivi-Ticket nach Elberfeld. Im doppelten Sinn, damals fuhr der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/30\/der-weisse-wal-an-der-wupper\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":14,"featured_media":100916,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628,2738,1152,62,3098],"class_list":["post-89806","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni","tag-else-lasker-schueler","tag-frank-michaelis","tag-peter-brotzmann","tag-pina-bausch"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89806","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/14"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89806"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89806\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104083,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89806\/revisions\/104083"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100916"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89806"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89806"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89806"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}