{"id":89761,"date":"2005-01-05T00:01:24","date_gmt":"2005-01-04T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89761"},"modified":"2021-07-30T07:07:09","modified_gmt":"2021-07-30T05:07:09","slug":"was-die-lyrik-betrifft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/05\/was-die-lyrik-betrifft\/","title":{"rendered":"Was die Lyrik betrifft"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ihr Wert, ihre Bedeutung und Stellung in \u00d6sterreich<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vorweg mu\u00df gesagt werden: Eine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema, eine statistische Datenerfassung, eine Vergleichsstudie gibt es nicht, ist weder mir noch anderen bekannt. Also mu\u00df ich mich bei meinen Betrachtungen auf meine Eindr\u00fccke und Erfahrungen, sowohl als Lyrik-Autor als auch als Lyrik-Leser, beziehen und verlassen, bei meinen Fragen und Antwortversuchen davon ausgehen. Das bedeutet nat\u00fcrlich, da\u00df das hier Ausgesagte und \u00dcbermittelte subjektiv, segmentarisch, unvollst\u00e4ndig, unvollkommen und somit auch erg\u00e4nzbar, angreifbar, ja vielleicht sogar widerlegbar ist. W\u00fcrde man heute in \u00d6sterreich auf die Stra\u00dfe gehen und Passanten fragen, welches Gedicht oder welche Gedichtpassage sie auswendig kennen oder welchen Gedichtband sie geradelesen, so w\u00fcrde man, denke ich, nur erstauntes, hilfloses Kopfsch\u00fctteln ob der Unbegreiflichkeit einer solchen Frage bekommen. Gedichte &#8211; das kommt in ihrem geistigen Mobiliar nicht vor; Fernsehserien, Klatschgeschichten, propagandistische, manipulative Medienberichte: ja, das schon. Gedichte &#8211; nein, Literatur &#8211; kaum, Theater &#8211; vielleicht. Hier geht es nicht um Bildung, um Bildungsunterschiede im Sinne einer Klassengesellschaft. Meine Aussage trifft auf alle zu. &#8211; Welche Gedichte lesen heutzutage die Hektiker des Gesch\u00e4ftslebens, welche die Arbeitslosen, welche die Rentner, welche die Sch\u00fcler und Studenten? Lesen sie \u00fcberhaupt Gedichte? &#8211; Ich glaube: nein. Dieser Fragenkomplex ist ganz entscheidend mit dem gestellten Thema und seinen Tatsachen und Problemen verbunden, von ihm her kommen die wesentlichen Antworten, die sich in der Gesamtheit auf die lapidare Feststellung reduzieren lassen: F\u00fcr Lyrik gibt es keine Lesermehr, jedenfalls kaum noch in der breiten \u00d6ffentlichkeit. Und so gibt es sie auch nicht mehr oder kaum noch im \u2018literarischen Ged\u00e4chtnis\u2019. Die Poesie stirbt aus, verschwindet; aus dem Leben, aus der Literatur. Das ist noch nicht Tatsache, aber Ansatzpunkt einer m\u00f6glichen Entwicklung, jedenfalls bef\u00fcrchte ich dies. Die Zukunft, ja l\u00e4ngst schon die Gegenwart, geh\u00f6rt der Medienwelt, dem real existierenden Bild, nicht dem innerlichen, imagin\u00e4r geschauten, das auch ein Dichter uns in seinem Gedicht \u00fcbermittelt, das wir empfangen, an dem wir weitergestalten mit unserer Phantasie. Die Zukunft, die Gegenwart geh\u00f6rt der Informatik, nicht der Poesie. Man will Fakten, hantierbare, verwertbare Daten; eine faktenabgesicherte, nicht eine erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftige Welt; denn eine solche verunsichert. Und das k\u00f6nnen wir uns nicht leisten. Also: Keine Poesie! Das scheint mir die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, da\u00df Poesie &#8211; au\u00dfer f\u00fcr den, der sie schreibt und ein paarseiner Freunde sowie ein paar ganz wenige \u2018Exoten\u2019 &#8211; nicht mehr gebraucht wird; auch nicht zur eigenen Orientierung, geschweige denn f\u00fcr mehr. Poesie hat keinen Nutzen, ist nichts Praktisches. Sie ist etwas \u00dcberfl\u00fcssiges, Verzichtbares; l\u00e4ngst schon etwas Unbegreifbares, Unverst\u00e4ndliches, Fremdes. Junge Reisende sieht man mit einem Walkman, \u00e4ltere mit Analphabeten-Bildchen-Zeitungen &#8211; oder mit gar nichts; aber kaum noch mit einem Buch, geschweige denn mit einem Gedichtband. So etwas geh\u00f6rt nicht mehr zu den Reiseutensilien, zu den lebensbegleitenden, notwendigen, unverzichtbaren Gebrauchsgegenst\u00e4nden, die man nach einer gewissen Zeit zu lieben beginnt, sein eigen nennt, die zu einem selber ganz einfachgeh\u00f6ren. Nat\u00fcrlich gibt es auch in \u00d6sterreich noch Lyrik &#8211; so wie seltene Alpenpflanzen etwa. Sie steht auch unter einem besonderen Schutz: Unter dem der staatlichen F\u00f6rderung durch Subventionen. Ohne diese w\u00e4re sie wahrscheinlich bereits ausgestorben. Aber Stellenwert im Bereich der Literatur, der Rezeption von Literatur, auch der Literaturwissenschaft hat sie &#8211; mitwenigen Ausnahmen &#8211; kaum noch, Marktwert in Bezug auf den gesamten Buchmarkt und was die Verkaufszahlen betrifft sowieso \u00fcberhaupt nicht; das ist nicht der Rede, weil nicht des Lesens wert. In den Prospekten der Verlage und Verlagskonzerne dominieren das Sachbuch, der Roman, die Prosa. Genauso ist es mit den Buchauslagen der Buchhandlungen. Der Buchmarkt wird &#8211; wie jeder andere Markt auch &#8211; gemacht; von Produktmanagern, Lobbys, Kritikern. Die Tagesaktualit\u00e4t oder das Modische oder &#8211; am besten &#8211; das Sensationelle bestimmen eben auch den Verlags- und den Buchmarkt. Da und dort gibt es sogenannte Marktnischen, da gibt es &#8211; nat\u00fcrlich auch wiederum nur am Rande und sehr spezifisch &#8211; Lyrik; wie Exotica in einem Glashaus. Oder es gibt auch &#8211; und dies in den letzten Jahren immer mehr und immer h\u00e4ufiger &#8211; bestimmte Verlage, Kleinverlage, Miniverlage (mit oft nur einer Personals Verlagskapazit\u00e4t!), die sich auf Lyrik spezialisiert haben, die abseits vom Marktproduzieren, existieren; die Frage ist immer: wie lange? Eine Alternative, ja eine Gegenweltwurde so in den letzten Jahren in der \u00f6sterreichischen Verlagsszene aufgebaut, eine, die auch unabh\u00e4ngig ist, unabh\u00e4ngig sein will von den gro\u00dfen Verlagen in Deutschland, in denen fr\u00fcher von bekannten und arrivierten \u00f6sterreichischen Autoren &#8211; sozusagen als Nebenprodukt- auch mal Lyrik erschien. Jetzt erscheint solche Lyrik immer \u00f6fter in sogenannten \u201e\u00f6sterreichischen Kleinverlagen\u201c, auch in Einmann-\/Einfrau-Verlagen, auch in der Provinz(\u201eBibliothek der Provinz\u201c). Unbekannten \u00f6sterreichischen Autoren bleiben &#8211; so wie immer -auch unbekanntere \u00f6sterreichische Verlage und Publikationsinstrumentarien, die sich als Verlage bezeichnen, weil sie sich selber gerne als solche sehen und einstufen, auch wenn sie nichts weiter tun, als gegen Bezahlung ein Manuskript zum Druck zu bef\u00f6rdern; das Buch mu\u00df dann der Autor selber irgendwie vertreiben, verkaufen; bei Freunden, bei Lesungen, bei irgendwelchen sonstigen Veranstaltungen, am \u2018Flohmarkt\u2019 vielleicht. So ist das eben mit der Lyrik, mit den Dichtern und den Dichterinnen. Sie werden subventioniert, manchmal sogar preisgekr\u00f6nt, aber gebraucht und gelesen werden sie nicht; geachtet &#8211; als K\u00fcnstler &#8211; sowieso nicht; jedenfalls nicht in der \u00f6sterreichischen Gesellschaft, nicht in diesem Land.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Referat zum Thema \u201eA New Deal For Poetry\u201c bei \u201eThe First Round Table Of European Poetry\u201c der Finnish Writer\u2019s Union, Helsinki, 4.-6. Juli 1997.<\/p>\n<div id=\"attachment_14681\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Peter_Paul_Wiplinger.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14681\" class=\"size-full wp-image-14681\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Peter_Paul_Wiplinger.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"330\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Peter_Paul_Wiplinger.jpg 220w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/220px-Peter_Paul_Wiplinger-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14681\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Gerald Ganglbauer<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr Wert, ihre Bedeutung und Stellung in \u00d6sterreich Vorweg mu\u00df gesagt werden: Eine wissenschaftliche Untersuchung zu diesem Thema, eine statistische Datenerfassung, eine Vergleichsstudie gibt es nicht, ist weder mir noch anderen bekannt. 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