{"id":89731,"date":"1990-11-04T00:01:02","date_gmt":"1990-11-03T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89731"},"modified":"2021-07-28T08:53:43","modified_gmt":"2021-07-28T06:53:43","slug":"die-bedeutung-der-literatur-im-neuen-europa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/11\/04\/die-bedeutung-der-literatur-im-neuen-europa\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung der Literatur im neuen Europa"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0 \u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch vor einem Jahr und noch mehr vor zwei Jahren w\u00e4re dieses Symposium mit diesem Gespr\u00e4chsthema nicht m\u00f6glich, sogar un\u00advorstellbar gewesen, weil wir nicht die entsprechenden Gedankeninhalte zu diesem Thema gehabt h\u00e4tten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch vor zwei Jahren trennte der \u201cEiserne Vorhang\u201d Ost und West, bedeutete das Wort ,,Ostblock&#8220; einen politischen Begriff, dessen Wirklichkeit un\u00fcberwindbar schien. Die an Moskau orientierte Staatsideologie des Kommunismus schien ungebrochen, wenngleich da und dort schon etwas br\u00fcchig, die politisch-gesellschaftlichen Systeme der Satellitenstaaten schienen, wenngleich reformbed\u00fcrftig, so doch noch in sich gefestigt. Der Staatsapparat, der ein alles dominierender Parteiapparat war, schien intakt zu sein. Der Polizeiapparat und die nicht unabh\u00e4ngige Justiz hatten alles fest im Griff. NATO und Warschauer Pakt waren milit\u00e4rische B\u00fcndnisse, die Europa in zwei Teile spalteten, in den Westen und in den Osten. In der damaligen DDR jubelten noch die werkt\u00e4tigen Massen dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker, in Rum\u00e4nien dem Conductator Nikolae Ceausescu zu. In Prag und Pre\u00dfburg herrschte der politische Alltag. In Ungarn gab es erste Anzeichen von Reformbestrebungen innerhalb des vorgegebenen politischen Systems. In Jugoslawien war wie seit jeher das Kosovo-Problem virulent, die Bestrebungen von Slowenien und Kroatien nach einer Lockerung der gesamtstaatlichen Zentralgewalt in Belgrad wurden deutlicher. Im Sp\u00e4therbst 1989 kam es zu \u201csanften Revolutionen\u201d in der ehemaligen DDR, Tschechoslowakei, aber auch zu blutigen Aufst\u00e4nden (Rum\u00e4nien), welche die politische Landschaft in Europa und die bisherigen gesellschaftlichen Gegebenheiten in diesen ehemaligen Ostblockl\u00e4ndern grundlegend ver\u00e4nderten. Der Freiheitswille vieler Einzelner und der V\u00f6lker (,,Wir sind das Volk!&#8220;) siegte \u00fcber die jahrzehntelange Knechtschaft durch den Primat von Staats- und Einheitspartei-Ideologie, von Geheimdienst und Militarismus. Die G\u00f6tzenbilder st\u00fcrzten, die Diktaturen zerbrachen, die Mauern und der \u201cEiserne Vorhang \u201c fielen, die Menschen wurden frei. Es kam zu den ersten freien und geheimen Wahlen mit Mehrparteien- Kandidatur. Die innenpolitischen Landschaften wurden neu strukturiert. Die Regierungen wurden vom Volk durch die Wahlen best\u00e4tigt. Der erste Schritt im Demokratisierungsproze\u00df war getan. Jetzt galt es, das Erreichte abzusichern, den Status der konstitutionellen, parlamentarischen Demokratie ins Staats- und Gesellschaftswirklichkeit umzusetzen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es begann die Phase der Neuorientierung sowohl im Innern wie nach au\u00dfen. Identit\u00e4tssuche setzte ein, mit der Aufgabenstellung, nicht nur eine neue Rolle, sondern seinen eigenen Platz in der neuen und neu zu gestaltenden politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Landschaft Europas zu finden und einzunehmen. Allen, auch den westlichen Staaten war bald klar, da\u00df das ,,gemeinsame europ\u00e4ische Haus&#8220; nur errichtet und bewohnbar gemacht werden k\u00f6nne, wenn es zu einem Proze\u00df der gesamteurop\u00e4ischen Integration inklusive einer neuen Friedensordnung komme und dieser Proze\u00df mit einem f\u00fcr alle Beteiligten befriedigenden und der Zielsetzung entsprechenden Ergebnis abgeschlossen werden k\u00f6nne. Von diesem Ziel haben wir im letzten Jahr genauere Vorstellungen bekommen, wenngleich wir von ihm noch weit entfernt sind.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon die Schlu\u00dfakte von Helsinki brachte zum ersten Mal eine weltweite Einmahnung und Bereitchaftserkl\u00e4rung zur Einhaltung der Menschenrechte und zur Gew\u00e4hrung menschlicher Grundrechte, wenngleich die Praxis in manchen Staaten, die diese Akte mitunterzeichnet hatten, dann doch noch oft v\u00f6llig anders aussah. Die KSZE-Verhandlungen bedeuteten einen weiteren Schritt in der weltweiten Entspannungspolitik der beiden Superm\u00e4chte und im Hinblick auf eine Stabilisierung des Friedensgedankens in Europa. Am 11. und 12. November 1989 fand das erste Treffen der Au\u00dfenminister und der stellvertretenden Regierungschefs von Italien, Jugoslawien, \u00d6sterreich, Ungarn in Budapest statt, das mit der Unterzeichnung eines ,,Grundsatzdokuments der Zusammenarbeit&#8220; in Fragen des Verkehrs, des Umweltschutzes, der Wirtschaft, der Information und Telekommunikation abschlo\u00df. Die gemeinsame Deklaration spricht von der F\u00f6rderung der guten nachbarschaftlichen Beziehungen, von der Br\u00fccken bildenden Funktion nationaler Minderheiten, vom Bewu\u00dftsein eines gemeinsamen kulturellen und historischen Erbes. Vom 7. bis 9. April dieses Jahres kam es zur ,,Wiener Kulturministerkonferenz&#8220;, an der auf Einladung von \u00d6sterreichs Kulturministerin Hilde Hawlicek neben den Kulturministern aus Bulgarien, der CSFR, Polen, Rum\u00e4nien, der Sowjetunion und der damaligen DDR Experten aus den verschiedensten Bereichen der Kultur teilnahmen und einen Erfahrungsaustausch bez\u00fcglich der neuen Problemstellungen, Aufgaben und L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge vornahmen. Man sprach von der neuen Situation im eigenen Land, aber auch von den gemeinsamen Verbindungslinien in einem neu zu schaffenden multikulturellen Kulturraum Europa.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anl\u00e4\u00dflich des Au\u00dfenministertreffens in Wien am 20. Mai dieses Jahres wurde die CSFR als vollberechtigtes Mitglied in die Interessensgemeinschaft jener Staaten des Budapester-Treffens vom November 1989 aufgenommen. Seither spricht man von der ,,Pentagonale&#8220;. Im August dieses Jahres trafen sich die Pentagonale-Regierungschefs und -Au\u00dfenminister in Venedig. Trotz unterschiedlicher Motivierungen und Interpretationen des eigenen Status in dieser Pentagonale, die keine eigene Organisation, sondern nur ein ,,loser Zusammenschlu\u00df interessierter Staaten&#8220; ist, gibt es nat\u00fcrlich gemeinsame Problemstellungen, in vielem ein gemeinsames Problemverst\u00e4ndnis, in manchem gemeinsame Vorstellungen bez\u00fcglich Probleml\u00f6sungen. Allen aber ist sicherlich eines gemeinsam: Das Wissen um die Notwendigkeit ihrer aktiven Teilnahme am Proze\u00df der gesamteurop\u00e4ischen Integration. Da\u00df diese mehr sein mu\u00df als die Erf\u00fcllung der Zielvorstellungen einer k\u00fcnftigen EG, da\u00df sie dar\u00fcber hinausgreifen und vor allem im Interesse Europas qualitativ anders sein mu\u00df, das, glaube und hoffe ich, ist allen Beteiligten klar. Hier beginnt das Denken von einem neuen Europa, von einer Europ\u00e4isierung Europas. Hier beginnt auch die politische und kulturelle Programmatik. Hier beginnt das neue Handeln.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wie k\u00f6nnte\/sollte\/m\u00fc\u00dfte nun dieses neue Europa aussehen?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Welche Erwartungshaltungen haben wir daf\u00fcr, welche Wunschbilder davon?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Entwerfen wir gemeinsam, unabh\u00e4ngig von den Zielvorstellungen der Politiker, der Wirtschafts- und Kulturfunktion\u00e4re, der Parteidoktrinen, die von anderen Motivationen und Interessen geleitet sind als wir, eine gemeinsame Vision dieses neuen Europa, eine Vision sowohl des Guten als auch des B\u00f6sen, des Sch\u00e4dlichen. Ich glaube, da\u00df wir dabei von einem schon vorhandenen oder doch zu erzielenden Grundkonsens ausgehen k\u00f6nnen. Das neue, das k\u00fcnftige Europa mu\u00df sich konsolidieren im Gedanken und auf der Basis einer Europ\u00e4isierung von Europa. Was aber was bedeutet dies? Das ist die R\u00fcckkehr zu den Wurzeln dieses Europa als einem gro\u00dfen geistigen Kulturraum voller Vielfalt im ethnisch-sprachlichen-gesellschaftlichen Bereich, bis in jene Zeit, da dieses Europa durch den Ersten und dann durch den Zweiten Weltkrieg zerrissen und durch die Nachkriegsordnung getrennt wurde. Das hei\u00dft, dort mit unserem Denken und mit unserer Vision wieder anschlie\u00dfen und &#8211; nat\u00fcrlich unter Beachtung der von der Geschichte als unumkehrbar gegebenen Fakten &#8211; ein Zukunftsbild von diesem neuen, diesem neu zu schaffenden Europa zu entwerfen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wissen &#8211; auch aus den j\u00fcngsten Ereignissen &#8211; da\u00df Geschichte, da\u00df Zukunft nicht prognostizierbar ist. Wir wissen aber auch<sub>, <\/sub>da\u00df Geschichte nicht (nur) das Ergebnis einer evolution\u00e4ren Entwicklung mit einem ab einem gewissen Punkt einsetzende Proze\u00df der Eigendynamik ist, sondern da\u00df Geschichte (auch) von Menschen gemacht und das Ergebnis des eigenen, zielgerichteten Handelns und dessen Folgen ist. Dies gilt f\u00fcr einzelne Staaten und Nationen, dies gilt aber auch und immer mehr f\u00fcr die gesamte Welt. Daraus ergibt sich unser Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Problemstellungen und somit auch f\u00fcr unser eigenes politisches Handeln. Wir k\u00f6nnen und sollen aus der Geschichte lernen, die Frage ist nur, ob wir das auch tun; ob der Mensch dazu &#8211; auch auf Grund des Generationensprunges (wir vergessen und verdr\u00e4ngen die Geschichte) &#8211; wirklich willens und in der Lage ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt zu unserer, zu meiner Vision von einem neuen Europa. Dieses neue Europa darf nicht die gleichen Fehler machen, die es schon einmal gemacht hat und die Europa in den Abgrund gest\u00fcrzt haben. Ich meine damit den Nationalismus und den Zentralismus. An die Stelle jener Einengungen aus kommunistischer Partei- und Staatsideologie, die mit ihren Apparaten jahrzehnetelang ein Staatsgef\u00e4ngnis f\u00fcr die V\u00f6lker gebildet haben, d\u00fcrfen nicht neue, andere Ein- und Ausgrenzungen aufgrund nationaler Engstirnigkeit und nationalem Hegemonismus treten. Dies w\u00fcrde genauso wieder Isolation, Abkapselung und Separatismus bedeuten und den Weg nach Europa, zur\u00fcck in die Europ\u00e4isierung versperren oder jedenfalls sehr erschweren. Was den Westen und die westlichen Industriel\u00e4nder im Hinblick auf die Schaffung des Europ\u00e4ischen Binnenmarktes betrifft, so darf es hier zu keinem neuen Zentralismus, weder wirtschaftlich, noch politisch kommen. Wir brauchen keinen ,,harten Kern&#8220; bestimmter Staaten, etwa den einer F\u00f6deration eines geeinten Deutschland mit Frankreich und Italien, die hier Lobbys bilden, den Kurs vorgeben oder gar Bedingungen diktieren. Wir brauchen keine Zentralregierung Europas etwa in Br\u00fcssel, Bonn\/Berlin oder Paris. Wir brauchen keine neuen Wirtschafts-Machtbl\u00f6cke, die zunehmend auch politische sind, welche die Entwicklung einzelner Regionen und kleinerer Staaten, vor allem jener, die am Beginn ihres Demokratisierungsprozesses stehen, einschr\u00e4nken oder in ihrem Sog verschlucken. Wir brauchen keine neue Uniformit\u00e4t.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das neue Europa mu\u00df ein vereintes Europa sein, das auf geistigen und kulturellen Zugeh\u00f6rigkeitstraditionen aufbaut und diese selbst\u00e4ndig weiterentwickelt unter dem Dach einer gleichberechtigten Staatengemeinschaft mit der Zielsetzung der Herausbildung einer toleranten, demokratischen, pluralistischen, multikultrellen Gesellschaft in einer gro\u00dfen Vielfalt und mit allen Unterschieden. Das neue Europa darf nicht reduziert werden auf die Mitgliederstaaten innerhalb der EWG. Es darf zu keinem neuen Separatismus, zu keiner neuen Ausgrenzung kommen, zu keiner neuen Aufteilung Europas in jene Staaten, die drinnen sind und dazugeh\u00f6ren und jene Staaten, die drau\u00dfen bleiben, die nicht assoziiert sind, die nach dem Reglement der EG und deren Vorstellung nicht assoziierungsf\u00e4hig sind. Das hie\u00dfe, Entwicklungsm\u00f6glichkeiten von vornherein abschneiden und verwehren. Die fr\u00fcher durch den Eisernen Vorhang gegebene Ostgrenze, dieser ,,Ostwall&#8220;, darf nicht weiter nach Osten verlegt werden, etwa an die Grenze der USSR, Bulgariens, Rum\u00e4niens, Polens. Das West-Ost-Gef\u00e4lle und auch das Nord-S\u00fcd-Gef\u00e4lle, sowohl im wirtschaftlichen und politischen, als auch im sozialen und kulturellen Bereich mu\u00df ausgeglichen und das Verh\u00e4ltnis mu\u00df harmonisiert werden. Die Voraussetzung f\u00fcr eine Europ\u00e4isierung Europas scheint mir aber vor allem das Streben nach gr\u00f6\u00dferer Unabh\u00e4ngigkeit und Eigenst\u00e4ndigkeit und somit die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des Einflusses der USA sowie der Sowjetunion zu sein. Dies einerseits und sowohl im ideologisch-politischen, aber auch im kulturellen Bereich. Die Amerikanisierung im kulturell-gesellschaftlichen Bereich, die weltweit geworden ist, ganze Kulturlandschaften nivelliert oder sogar zerst\u00f6rt hat, mu\u00df zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden. Die Isolierung und Isolation von Staaten, V\u00f6lkern und Kulturen in Ost- und S\u00fcdosteuropa mu\u00df aufgebrochen und endlich beendet werden. Eine neue Art des Kulturaustausches, nicht nur auf der institutionalisierten, sondern auch auf der pers\u00f6nlichen Ebene, auf der von Begegnung und Beziehung der Menschen untereinander mu\u00df beginnen und praktiziert werden. Und dies sozusagen nicht in einem \u201cZentralstaat Europa\u201d, sondern in einer f\u00f6deralistischen europ\u00e4ischen Staatengemeinschaft, die nicht von Uniformit\u00e4t gepr\u00e4gt ist, sondern in der Unterschiede verstanden und gelebt werden k\u00f6nnen und sollen als Voraussetzung f\u00fcr die Vielfalt, f\u00fcr den Reichtum und die Vitalit\u00e4t einer gro\u00dfen gemeinsamen Kulturlandschaft und Lebensgemeinschaft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber bedeutet dies nun f\u00fcr die Kultur, f\u00fcr die Kulturpolitik von Kulturgemeinschaften, der Nationen und Staaten, der L\u00e4nder, f\u00fcr ein gemeinsames Europa? Was bedeutet das insbesondere f\u00fcr die Literatur, f\u00fcr den, der Literatur schafft, f\u00fcr den Dichter, Schriftsteller, Sachbuchautor, f\u00fcr die Verleger, f\u00fcr den Leser, f\u00fcr das Publikum, f\u00fcr die Konsumenten? Was bedeutet es, in diesem Spannungsfeld des globalen Internationalismus im Zeichen der politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verflechtung (Telekommunikation) und in dem der Notwendigkeit der Erhaltung, ja der Neufindung der eigenen nationalen und regionalen Identit\u00e4t zu stehen? Zwischen Weltkultur und Dorfkultur? Zwischen globalen Transmissionsmechanismen und dem kulturellem Erbe, das noch in manchen kleinen, geschlossenen Kulturr\u00e4umen vorhanden ist und gelebt wird. Was bedeutet das angesichts einer globalen touristischen Monokultur, die bis in die letzten Winkel von einstmals intakten Kulturr\u00e4umen vordringt oder angesichts von Massen-Ballungszentren europ\u00e4ischer Gro\u00dfst\u00e4dte, die schon l\u00e4ngst ihre Urbanit\u00e4t verloren haben und unbewohnbar geworden sind, in denen wir nur mehr hausen, aufbewahrt werden, als Produkt einer Gesellschaft, als Funktionstr\u00e4ger von Funktionsmechanismen, die l\u00e4ngst schon sinnlos und inhuman geworden sind? Was hat Literatur damit zu tun? Was ist hier ihre Aufgabe, worin kann ihre Bedeutung liegen, welchen Stellenwert hat sie? Worum mu\u00df sie sich im &#8211; Interesse des Menschen &#8211; annehmen?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, ich glaube, da\u00df die Aufgabe der Literatur zuk\u00fcnftig und im neuen Europa grunds\u00e4tzlich genau die gleiche Aufgabe sein wird, wie sie f\u00fcr die Literatur im Wesentlichen immer schon war und auch als solche wahrgenommen und erf\u00fcllt wurde. Literatur hat als ein Bereich des K\u00fcnstlerischen und der Kunst, als Sprachkunstwerk, die Frage nach dem Menschen zu stellen und dieses Fragen in den Mittelpunkt aller Bestrebungen und Auseinandersetzungen zu stellen. Sie mu\u00df und wird nat\u00fcrlich diese Frage im Kontext mit der jeweiligen Zeit, der Epoche, in die sie geistes- und kulturgeschichtlich eingebettet und verbunden ist, und auf der Basis der wirtschaftlichen, der politischen, der sozialen, der gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen stets neu \u00fcberdenken und formulieren m\u00fcssen. Da\u00df es hier die Ausbildung von Schwerpunkten im Bereich von Kultur- und Geistesstr\u00f6mungen gibt, die oft Schnittpunkte von gesellschaftlichen und kulturellen Str\u00f6mungen markieren und aufzeigen, das geh\u00f6rt mit zum Wesentlichen einer analytisch fundierten und kritischen Literatur. Literatur, wie Kunst \u00fcberhaupt, stellt nun einmal die Frage nach dem Wesen und nach dem Wesentlichen des Menschen, nach den Bedingungen und Spannungsfeldern, nach den Konditionen innerhalb jener Lebensr\u00e4ume, in denen sich menschliches Leben ereignet und die Existenz des Menschen angesiedelt ist. Die Frage nach seiner Freiheit, sowohl jener, die aus seiner inneren Disposition, als auch jener, die aus \u00e4u\u00dferen Bedingungen resultiert, mu\u00df stets von neuem sowohl philosophisch, als auch konkret gestellt, dargelegt und nach M\u00f6glichkeit auch beantwortet werden. Das Unbegreifliche, die Tragik des Lebens, sichtbar gemacht in der Schilderung von Einzelschicksalen, hat in der Literatur genauso seinen Platz wie das Aufzeigen historischer Zusammenh\u00e4nge, die Beschreibung konkreter Vorf\u00e4lle und Ereignisse. Literatur schildert Leben, um es zu hinterfragen und begreifbar zu machen, um es verstehen zu lernen. Literatur schafft aber auch oft den Entwurf einer anderen Welt, als es jene ist, in der man lebt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz dieser gleichbleibenden grunds\u00e4tzlichen Aufgabe der Literatur gibt es nat\u00fcrlich immer wieder neue Aufgaben, neue Themen, neue M\u00f6glichkeiten und Richtungen in der \u00c4sthetik, in der Gestaltung, im Formalen, in der Vermittlung. Hier befindet sich Literatur nat\u00fcrlich in einem st\u00e4ndigen Wandlungsproze\u00df. Auch das Publikum \u00e4ndert sich. Neue M\u00f6glichkeiten und Formen der Distribution und der Rezeption entstehen. Hier hat sich gerade in den letzten zehn bis zwanzig Jahren in zunehmendem Ma\u00dfe ganz entscheidend etwas ver\u00e4ndert. Das Buch ist immer mehr zum Produkt wie jedes andere geworden, zum Massenartikel, zum Konsumgut. Die Produktion von B\u00fcchern stieg und steigt weiterhin fast ins Unerme\u00dfliche, wie man dies bei jeder Frankfurter Buchmesse feststellen kann. Die Lebensdauer eines Buches auf dem Markt hat sich jedoch drastisch verringert, ist sehr viel k\u00fcrzer geworden, beschr\u00e4nkt sich auf etwa zwei bis drei Jahre. Dann ist das einstmals neue Buch markttechnisch gesehen nur mehr ein Wegwerfprodukt, es hat bei seiner von Marktkriterien bestimmten und vom Verlag vorgenommenen Verramschung nur mehr den Altpapierwert, den Rohstoffwert. Einer immer gr\u00f6\u00dferen und vielf\u00e4ltigeren Produktion, ja \u00dcberproduktion von B\u00fcchern, steht aber eine immer geringer werdende Leserschaft gegen\u00fcber. Bei der breiten Masse steht es mit dem Lesen von B\u00fcchern, jedenfalls in der westlichen Konsumgesellschaft, ganz schlecht. Nicht nur die Leselust, sondern auch das Leseverm\u00f6gen, die Leseintelligenz haben drastisch abgenommen; besonders bei der Jugend. Der Griff zum Buch wurde vom Griff nach der Videokasette abgel\u00f6st. Die elektronischen Medien haben das geschriebene und gedruckte Wort bereits verdr\u00e4ngt. Eine immer umfassendere Freizeitgesellschaft schlittert hinein in den Massenkonsum von elektronischer Massenware. Das Grundmuster der Rezeption ist nicht mehr aktive Teilnahme in Form von Mitdenken, Nachdenken, im Ged\u00e4chtnis-Behalten, sondern trotz partiell gesteigerter Emotionalit\u00e4t doch v\u00f6llige Passivit\u00e4t bei der Aufnahme dieser oft allzu anspruchlosen oder sogar wertlosen Kommerzprodukte. Verkabelung, Satellitenfernsehen, der ungeheure Markt der Musik- und Schallplattenindustrie tun das ihre, um die Menschen der westlichen Industriel\u00e4nder, die ohnedies schon eine einzige ungeheure Masse von Konsumenten geworden sind, in die F\u00e4nge ihrer Freizeitangebote zu bekommen und sie damit zu \u00fcbersch\u00fctten und zuzudecken.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles steht den fr\u00fcheren sogenannten Ostblockl\u00e4ndern nun bevor. Ihr Hunger, ihre Gier nach den Statussymbolen des Westens ist zu verstehen. Der Kassettenrecorder, das Videoger\u00e4t werden jene Freizeitanteile und Interessenspotentiale, die fr\u00fcher dort das Buch hatte und noch hat, mit Sicherheit, zumindest am Anfang der Entwicklung, f\u00fcr sich beanspruchen und einnehmen. Auch ein neues Zeitschriftenwesen mit einem interessanteren und vielf\u00e4ltigeren Angebot wird das Leserpublikum f\u00fcr das Buch noch mehr einschr\u00e4nken. Die Begegnungszeit mit dem gedruckten Wort, mit der Sprache, mit Gedanken, wird entsprechend der Entwicklung im Westen f\u00fcr viele um vieles k\u00fcrzer werden. Dort wo man sich bisher nicht nur um Fleisch, Brot und \u00d6l, sondern auch um die neue Ausgabe eines Buches in Schlangenreihen anstellte, und selbst sehr hohe Auflagen, sogar von Gedichtb\u00e4nden oder Romanen, in k\u00fcrzester Zeit verkauft waren, dort wird man nach westlichem Muster jetzt marktgerecht produzieren und anbieten und den Leser, der zum neugierigen, aber unkritischen K\u00e4ufer wird, mit allen Mitteln marktgerechter Werbestrategie umwerben. Sowie \u00fcberhaupt der Markt, die freie Marktwirtschaft anstatt der zentralen Planung alles bestimmen und lenken wird. Bedeutet das nun eine Gefahr f\u00fcr die Literatur, f\u00fcr das Buch, f\u00fcr die so hohe Lesekultur in diesen L\u00e4ndern, die wir immer bewundert und auch f\u00fcr uns gew\u00fcnscht haben? Der Buchmarkt wird sich auf jeden Fall neu strukturieren. Anspruchsvolle Literatur, vor allem von Autoren, die noch nicht bekannt und arriviert sind, und auch bestimmte Literaturgattungen, etwa die Lyrik, werden es schwer haben. Die Auflagenh\u00f6he, gerade f\u00fcr solche Literatur, wird drastisch sinken. Der Trend zum Bestseller, auch dem auf dem internationalen Markt, mit hoher Auflage jedoch, wird steigen. Die ,,Literarische Mode&#8220; wird dort einziehen. Autoren und ihre B\u00fccher werden von einer m\u00e4chtigen Literaturindustrie ,,gemacht&#8220; werden. Das Sachbuch, das Buch als Lebenshilfe, die Reisebuchliteratur &#8211; als Zeichen und Ergebnis der endlich gewonnenen Reisefreiheit &#8211; das alles wird auf einer breit aufgef\u00e4cherten Palette des internationalen Buchmarktes seinen Platz einnehmen. Und doch wird es gleichzeitig auch eine zunehmende Internationalisierung auf dem Gebiet der anspruchsvollen Literatur, der Weltliteratur, vor allem jener aus den letzten f\u00fcnfzig Jahren, geben. Umgekehrt wird der Westen mit Literatur aus dem bisherigen Ostl\u00e4ndern konfrontiert und bereichert werden. Ein gro\u00dfer kultureller Austausch, auch auf dem Gebiet der Literatur, wird stattfinden. Ich hoffe und w\u00fcnsche es jedenfalls.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man sich die Autorenverzeichnisse in den Buchprospekten der gro\u00dfen westlichen Verlage, ich kenne nat\u00fcrlich haupts\u00e4chlich nur die der deutschsprachigen, wie Rowohlt, S.Fischer, Suhrkamp, Luchterhand, Diogenes, dtv , um nur einige zu nennen, ansieht, so macht der Anteil der publizierten Werke von Autoren aus den fr\u00fcheren Ostblockl\u00e4ndern nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der gesamten Buchproduktion dieser Verlage aus. Es dominieren die Werke von Autoren aus dem Westen, hier vor allem aus Frankreich, Italien, Deutschland. Und was den internationalen Markt betrifft, sind B\u00fccher aus den USA die dominierenden Marktleader. Interessanterweise ist in den letzten Jahren auf dem europ\u00e4ischen Buchmarkt vor allem Polen mit einer ganzen Reihe von Autoren und Werken dazugekommen. Wenig vertreten sind die Benelux-Staaten, der Norden. Spanien und England mit wichtigen Autoren und Werken. Kaum da\u00df es neuere Werke aus Ungarn, Bulgarien, Rum\u00e4nien, Griechenland, T\u00fcrkei, Jugoslawien gibt; jedenfalls nicht in dem Ausma\u00dfe, wie man es sich w\u00fcnschen und wie es die zeitgen\u00f6ssische Literatur dieser L\u00e4nder verdienen w\u00fcrde. Etwas besser ist es, was die Literatur aus der Tschechoslowakei betrifft, dies jedoch auch erst in den letzten Jahren. Wie es umgekehrt aussieht, welche B\u00fccher aus den westlichen L\u00e4ndern \u00fcbersetzt und in den ehemaligen Oststaaten gelesen werden, das kann ich nicht beurteilen, weil mir hier die n\u00f6tigen Informationen, die einen Gesamt\u00fcberblick erlauben w\u00fcrden, fehlen. Ich kann mich da nur auf meine pers\u00f6nliche Erfahrung st\u00fctzen. Aufgrund dieser jedoch wei\u00df ich eines sicher: Da\u00df die Literatur des Westens im Osten viel bekannter ist, weil viel mehr gelesener wird, als umgekehrt. Woran mag das liegen? Und was kann und mu\u00df dagegen &#8211; im Interesse eines lebendigen Kulturaustausches im neuen Europa, in dem nun auch die Schranken f\u00fcr B\u00fccher gefallen sind, in dem es keine Zensur und kein Staatsmonopol mehr gibt, getan werden? Dies zu \u00fcberlegen und zielf\u00fchrende Vorschl\u00e4ge hierf\u00fcr zu machen, ist auch eine unserer Aufgaben. Was also m\u00fcssen, was k\u00f6nnen wir tun?<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sinnvolle menschliche Kommunikation, die \u00dcbermittlung von Informationen und der Gedankenaustausch setzen Sprache, ein Miteinander-Sprechen und gegenseitiges Verst\u00e4ndnis voraus. Dies zu erreichen ist nur m\u00f6glich, wenn wir die vorhandenen Sprachbarrieren \u00fcberwinden. Die Herausbildung von Englisch als einer globalen Verst\u00e4ndigungssprache im Bereich von Wissenschaft, Technologie, Informatik, Wirtschaft, Touristik und \u00fcberhaupt als internationale Konversationssprache, ist sicher notwendig und auch schon weitgehend Realit\u00e4t. Dies allein jedoch ist zu wenig, vor allem im Bereich der Literatur, wo es um die Kongruenz zwischen Denken und Sprache geht. Auch in Bezug auf eine weltweite Amerikanisierung im Kultur- und Gesellschaftsbereich w\u00e4re die absolute Dominanz einer oder nur dieser Sprache nicht vorteilhaft, weil dies geistige und kulturelle Uniformit\u00e4t zur Folge h\u00e4tte, die im Widerspruch zum Gedanken von der Identit\u00e4t des Einzelnen, einer Minorit\u00e4t oder eines ganzen Volkes und seiner Kultur steht. Es wird also notwendig sein, auch andere Sprachen zu lernen und zu beherrschen, vor allem jene der Nachbarl\u00e4nder. Das k\u00fcnftige Europa mu\u00df im Sinne und in der Zielsetzung eines \u201cEuropa der Regionen\u201d einerseits ein Europa der Sprachenvielfalt sein, in Bezug auch die Internationalisierung aber auch eines mit einer gemeinsamen Verst\u00e4ndigungssprache. Da wird es notwendig sein, das durch Jahrzehnte in den Schulen der ehemaligen Ostblockstaaten aufoktroyierte, obligate Pflichtfach Russisch durch Englisch zu ersetzen. Umgekehrt aber wird es auch notwendig sein, da\u00df der Intellektuelle und Gebildete im Westen neben den bisher schon gelernten und verwendeten Kultursprachen, wie Franz\u00f6sisch, Italienisch und Deutsch, sich auch f\u00fcr slawische Sprachen interessiert und die eine oder andere davon erlernt und ben\u00fctzt. Dies ist nicht etwa eine ganz neue Idee, sondern w\u00e4re nur die R\u00fcckkehr zu einer Praxis, die es zur Zeit und innerhalb der Grenzen der einstigen Habsburg-Donaumonarchie gegeben hat. Und wenn man sich das Gebiet der Regionen ansieht, das durch die Staaten und V\u00f6lker der sogenannten Pentagonale abgedeckt wird, so kann man leicht erkennen, da\u00df dieses Gebiet fast deckungsgleich mit den Kronl\u00e4ndern der ehemaligen \u00d6sterreichisch-Ungarischen Monarchie ist. Dies bedeutet nun nicht und auf keinen Fall die Spekulation mit irgendeinem Gedanken der Restauration, das w\u00e4re einfach l\u00e4cherlich, es bedeutet aber das Erkennen von Chancen f\u00fcr die Schaffung und Gestaltung eines gemeinsamen europ\u00e4ischen Kulturraums, wie es ihn fr\u00fcher schon einmal gegeben und wie er funktioniert hat. Der Anschlu\u00df an gemeinsame und \u00fcber Jahrhunderte einander verbindende Traditionen bedeutet nicht Restauration der Vergangenheit, sondern Wahrnehmung von Chancen, M\u00f6glichkeiten und Richtlinien f\u00fcr die Zukunft.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Literatur folgt daraus, da\u00df wir unsere Literaturen einander wieder n\u00e4herbringen m\u00fcssen; und dies in einem sehr intensiven und dynamischen Proze\u00df, der nat\u00fcrlich gesteuert und durch entsprechende Hilfsma\u00dfnahmen unterst\u00fctzt, ja \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht werden mu\u00df. Eine dieser Hilfsma\u00dfnahmen mu\u00df und wird das \u00dcbersetzen sein, das \u00dcbertragen literarischer Werke in andere, vor allem in europ\u00e4ische Sprachen. Auch die \u00dcbertragung ins Englische wird notwendig und n\u00fctzlich sein, weil damit die internationale Verbreitung und die Pr\u00e4senz der verschiedensten Nationalliteraturen auf einem gr\u00f6\u00dferen Markt, auf dem Weltmarkt, gegeben ist. Dies erfordert ein N\u00e4herr\u00fccken und das Kennenlernen der geistigen und kulturellen Welt im slawischen Raum, der f\u00fcr uns zwar geographisch nahe, aber auf Grund der politischen Gegebenheiten der letzten Jahrzehnte doch eher verschlossen war. Und f\u00fcr die Literaturen dieser L\u00e4nder wird das Gleiche gelten, was f\u00fcr den marktwirtschaftlichen Bereich und f\u00fcr die \u00f6konomischen Grundlagen und M\u00f6glichkeiten des Produktionsbetriebes hinsichtlich Literatur und Buchkultur in diesen L\u00e4ndern, auch im Sinne des Wettbewerbes, wichtig ist. Durch den Wegfall von Zensur, Staatsmonopol und Planwirtschaft sowie durch die Herausbildung einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft mit freier Marktwirtschaft und Einf\u00fchrung des Wettbewerbes werden sich auch die Produktionsverh\u00e4ltnisse, das Angebot und die Rezeptionsgewohnheiten von Literatur in diesen L\u00e4ndern entscheidend \u00e4ndern. Auch inhaltlich wird es eine Neuorientierung geben. Literatur zum Zweck und in einer Sprache der staatspolitischen, ideologischer Propaganda wird es nicht mehr geben. Der \u201cSoziale Realismus&#8220; und das ,,Kollektive Bewu\u00dftsein&#8220; werden der Vergangenheit angeh\u00f6ren und im Keller der Geschichte verschwinden; und damit auch jene Schriftsteller und B\u00fccher, die diesem Zweck gedient haben. Eine Individualisierung wird einsetzen. Neue Inhalte und Gestaltungsformen werden auftauchen. Die Literatur wird ihr Verh\u00e4ltnis auch hinsichtlich der Kunstkritik und zu Fragen der \u00c4sthetik neu \u00fcberdenken und definieren m\u00fcssen. Die Freiheit der Kunst, in \u00d6sterreich zum Beispiel verfassungsm\u00e4\u00dfig verankert, wird eine gro\u00dfe Herausforderung f\u00fcr den Schriftsteller bedeuten. Selbstzensur wird nicht mehr notwendig sein, daf\u00fcr aber eine Ausrichtung auf den internationalen Markt und seine Bedingungen.. Samisdat- und Dissidentenliteratur werden mit der Meinungsfreiheit verschwinden. Der neue Bestseller wird von anderer Art und von anderer Qualit\u00e4t sein. Es werden neue Zw\u00e4nge, vor allem solche \u00f6konomischer Art, f\u00fcr den Schriftsteller entstehen. Anstelle der fr\u00fcheren ideologischen Begrenzung und Ausgrenzung wird es bald solche im Sozialbereich f\u00fcr den Schriftsteller geben. Den K\u00fcnstler, den Dichter als repr\u00e4sentativen Staatsdiener, der vom Staat zwar abh\u00e4ngig, dessen materielle Grundlage aber auch von diesem garantiert war, so er sich loyal zur Partei und zum Staatsapparat verhielt, wird man nicht mehr finden. Er wird vielleicht irgendwo am Rande einer von Massenmanipulation vereinnahmten Konsumgesellschaft leben, von dieser m\u00f6glicherweise sogar \u201cdiskriminiert\u201d, auf jeden Fall aber ignoriert werden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts dieser drohenden Gefahr, die kein Hirngespinst ist, sondern die wir aus unserer Erfahrung der Wirklichkeit und ihrer Interpretation als real gegeben kennen, m\u00fcssen wir alles tun, um die Position der Literatur als bedeutenden kulturellen und gesellschaftlichen Faktor, als Bildungsinstrument, zu st\u00e4rken und zu verbessern. Und damit auch den Status des Schriftstellers. Hier m\u00fcssen wir die Aufgabe des Staates, der Kulturpolitik sehen, festzulegen und einzufordern. Staat und Politik haben nun die Aufgabe, positive Rahmenbedingungen und entsprechende M\u00f6glichkeiten zur Bildung und Entfaltung sowohl des Einzelnen wie der ganzen Gesellschaft zu schaffen und zu garantieren. Dies gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr eine Kunst; und auch f\u00fcr eine Literatur, die kritisch, radikal und unbequem ist. Kunst und Literatur sollen und d\u00fcrfen nicht institutionalisiert, in neue Gef\u00e4ngnisse von \u00fcber sie dominierenden Institutionen eingesperrt werden. Aber sie m\u00fcssen sich gewisser, sowohl staatlicher, \u00f6ffentlicher und privater Institutionen bedienen, um ihren Austausch auf der Basis und mit Hilfe der von diesen Institutionen geschaffenen Strukturen realisieren k\u00f6nnen. Es gibt bereits eine Menge solcher Institutionen. Ich denke da zum Beispiel an die \u00d6sterreichischen Kulturinstitute in den verschiedenen L\u00e4ndern und an die Kulturabteilungen an unseren Botschaften; an die \u00d6sterreich-Bibliothekern, an Lesehallen, Galerien, Festivals, an gemischtsprachliche Schulen. Ich denke an die nationalen und internationalen kulturellen Einrichtungen, an Schriftstellerverb\u00e4nde und Interessensgemeinschaften; an Tagungen und Kongresse; an die bilateralen und regionalen sowie die internationalen Kulturabkommen und an einen entsprechenden Kulturaustausch. Und nat\u00fcrlich an die wissenschaftlichen Ebene der Universit\u00e4ten. Das alles hat sich bew\u00e4hrt. Der Weg ist richtig. Die Anstrengungen auf diesen Gebieten m\u00fcssen intensiviert, die M\u00f6glichkeiten m\u00fcssen weiter ausgebaut werden; auch was die finanzielle Seite und den wirtschaftlichen Bereich betrifft. Literaturgesellschaften, etwa nach dem Modell der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur in Wien, in der in den f\u00fcnfundzwangig Jahren ihres Bestehens viele Schriftsteller und Dichter, gerade aus dem Ost- und Mittelost-Europ\u00e4ischen Raum, mit Lesungen zu Wort gekommen sind, k\u00f6nnen eine wichtige Br\u00fccken-funktion f\u00fcr den geistigen und literarischen Dialog darstellen und erf\u00fcllen. Auch die ethnisch-sprachlichen Minderheiten in den einzelnen L\u00e4ndern und Staaten haben hier eine gro\u00dfe und wertvolle Aufgabe zu erf\u00fcllen. Ich denke da f\u00fcr \u00d6sterreich an unsere K\u00e4rntnerslowenen, an die Burgenlandkroaten, an die kleine Minderheit der Ungarn und Tschechen in \u00d6sterreich, aber auch an die Mitb\u00fcrger aus anderen L\u00e4ndern, die f\u00fcr die Herausbildung einer multikulturellen Gesellschaft im neuen Europa von gro\u00dfer Bedeutung sind. Die Politik mu\u00df sich auch auf diesem Gebiet neu orientieren und zu einer wirklich glaubhaften und zielf\u00fchrenden Minderheitenpolitik durchringen, auf der Basis einer grunds\u00e4tzlichen \u00dcberzeugung, da\u00df Minderheiten nicht etwas L\u00e4stiges und Belastendes f\u00fcr das Mehrheitsvolk darstellen, sondern da\u00df sie f\u00fcr die kulturelle Vielfalt eine gro\u00dfe Bereicherung sind; und da\u00df gerade in der Behandlung der Minderheiten, auch der religi\u00f6sen und sozialen, die demokratische Reife eines Staates, seiner Politik und seiner Gesellschaft gepr\u00fcft wird und zum Ausdruck kommt. Hier kann Literatur, hier k\u00f6nnen wir Schriftsteller und Dichter &#8211; auch als Staatsb\u00fcrger und Demokraten &#8211; eine beispielhafte Vorbildfunktion einnehmen und erf\u00fcllen. Eine neue Kulturoffensive ist notwendig im Osten wie im Westen, auch im Hinblick auf eine neue Demokratisierung unserer Gesellschaft und unseres politischen Lebens.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Staaten und L\u00e4nder der sogenannten Pentagonale und wir als Vertreter der PEN-Zentren dieser L\u00e4nder k\u00f6nnen und m\u00fcssen neue Gedankenmodelle f\u00fcr einen praktikablen Handlungsansatz entwickeln. Das ist unsere Aufgabe. Hierin liegt unsere Verpflichtung. Angesichts der gro\u00dfen Probleme in der Welt, wie Hunger, drohender Zusammenbruch des \u00f6kologischen Systems, Gef\u00e4hrdung des Weltfriedens, auch jetzt durch die Krise am Golf, erscheinen unsere Sorgen gering und unsere Aufgaben von sekund\u00e4rer Bedeutung. Doch wir wissen, da\u00df manchmal aus vorerst noch kleinen nationalen Konflikten in politischen, sozialen, religi\u00f6sen, wirtschaftlichen, sprachlichen Belangen, schon gro\u00dfe Krisen und sogar Katastrophen entstanden sind und entstehen k\u00f6nnen. Deshalb ist auch die Arbeit im Kleinen, im scheinbar nicht so bedeutenden Bereich von Kultur und Literatur, so wichtig und bedeutsam. Wir wissen, da\u00df nicht nur Wissenschaft und Technik, wirtschaftlicher und konsumorientierter Fortschritt, sondern auch Kultur und Kunst einen wesentlichen Beitrag leisten k\u00f6nnen zur Humanisierung des Menschen und der Welt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vortrag bei der Konferenz der PEN-Zentren der \u201cPentagonale\u201d &#8211; \u00d6sterreich, Italien, Ungarn, Tschechoslowakei, Jugoslawien &#8211; in Dubrovnik, vom 1. bis 4. November 1990.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<div id=\"attachment_19167\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19167\" class=\"size-medium wp-image-19167\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19167\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul, Portr\u00e4t von Annemarie Susanne<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 \u00a0 Noch vor einem Jahr und noch mehr vor zwei Jahren w\u00e4re dieses Symposium mit diesem Gespr\u00e4chsthema nicht m\u00f6glich, sogar un\u00advorstellbar gewesen, weil wir nicht die entsprechenden Gedankeninhalte zu diesem Thema gehabt h\u00e4tten. 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