{"id":89671,"date":"2024-01-02T00:01:52","date_gmt":"2024-01-01T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89671"},"modified":"2022-04-10T15:04:28","modified_gmt":"2022-04-10T13:04:28","slug":"wie-entsteht-ein-text","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/02\/wie-entsteht-ein-text\/","title":{"rendered":"Wie entsteht ein Text?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<div class=\"post-content\" style=\"text-align: justify;\">Gedichte sind am ehesten mit einem Mosaik oder einer Collage vergleichbar. Sie bestehen aus unterschiedlichen Einzelteilen, die zusammengesetzt etwas Neues, etwas Selbst\u00e4ndiges ergeben. Jeder Text hat eine andere Entstehungsgeschichte, die von au\u00dfen nicht wahrnehmbar ist. Seine Inhalte unterliegen einem Prozess\u00a0 der Gestaltung und Verfremdung, an dessen Ende ein Ergebnis steht, dessen Wege, erst recht Motive, allzu rasch fehlinterpretiert werden k\u00f6nnen. Selbst bei Gedichten, die relativ geradlinig entstanden sind, dabei klar und deutlich erscheinen.\r\n<div class=\"wp-block-spacer\" aria-hidden=\"true\">\u00a0<\/div>\r\n<h5 style=\"text-align: center;\">AUSSICHT<\/h5>\r\n<p style=\"text-align: center;\">Die jungen M\u00e4dchen lachen<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">und sind sch\u00f6n Ihr Herz<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">leuchtet in Gro\u00dfaufnahme<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">Der Tag verspricht<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">Schwebet\u00e4nze am Balkon<\/p>\r\n\u00a0<\/div>\r\n<div class=\"post-content\" style=\"text-align: justify;\">Ein kurzer Moment auf der Stra\u00dfe. Ich glaube, ein P\u00e4rchen, mit ein, zwei Metern Abstand zwischen ihnen. Beschw\u00f6ren k\u00f6nnte ich es nicht. Vielleicht war es auch eine Einzelperson, die lachte, weiblich, jung, h\u00fcbsch. Das Wesentliche war nicht einmal der Anblick, sondern die Energie, die f\u00fcr einen kurzen Moment sichtbar wurde. An einem Morgen, auf dem Weg zur Arbeit. Als Signal daf\u00fcr, dass es noch eine andere M\u00f6glichkeit g\u00e4be, den Tag, sein Leben zu verbringen. <em>Die jungen M\u00e4dchen \/ lachen und sind sch\u00f6n.<\/em> Die beiden Zeilen waren da. Eine Ableitung, eine Verallgemeinerung, eine Feststellung. Nicht mehr bezogen auf eine bestimmte Person. Kurz danach die Idee: ein zweiter Vers w\u00fcrde beginnen mit: <em>Die alten Frauen<\/em>. Um die Lebensreise darzustellen, die Ver\u00e4nderungen, denen wir unterworfen sind. Aber zuerst musste das Strahlen in Worte gefasst werden. Wenige Sekunden sp\u00e4ter: <em>Ihr Herz leuchtet \/ in Gro\u00dfaufnahme<\/em>. Wobei ich nicht mehr dezidiert sagen kann, ob die Idee vom zweiten Vers oder die Zeilen drei und vier zuerst entstanden sind. Selbst die Rekonstruktion ist nicht verl\u00e4sslich. Es war ein Prozess von ein bis maximal zwei Minuten, bevor es in die U-Bahn ging. Mit der Absicht, den Entwurf im B\u00fcro sofort aufzuschreiben, um ihn nicht zu vergessen. Woran ich nat\u00fcrlich nicht dachte, auch nicht am n\u00e4chsten Tag, aber die Zeilen im Ged\u00e4chtnis behielt. Zwei Tage sp\u00e4ter versuchte ich textlich anzuschlie\u00dfen. Doch es wollte nicht gelingen, die Worte lie\u00dfen sich nicht passend formen. Ein Zeichen daf\u00fcr, wieder an den Ausgangspunkt zur\u00fcckkehren zu m\u00fcssen, zu dem Moment, an dem das Gef\u00fchl von Gl\u00fcck, von Unbeschwertheit in der Luft lag. Das Gedicht musste in eine andere Richtung. <em>Der Tag verspricht<\/em>. Kein neuer Vers, stattdessen zwei Schlusszeilen, mehr w\u00fcrde nicht n\u00f6tig sein, nachdem die Fortsetzung gefunden war, die sich zuerst noch verhalten, fast z\u00f6gernd einstellte. Wort f\u00fcr Wort. <em>Schwebet\u00e4nze<\/em>, danach <em>am Balkon<\/em>, zuletzt der Titel <em>Aussicht<\/em>. Am n\u00e4chsten Tag schrieb ich den Blogartikel: <a href=\"https:\/\/www.dragosits.at\/?p=1563\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Am besten alles verbieten?<\/a> \u00dcber die Debatte, die um das Gedicht <em>avenidas<\/em> von Eugen Gomringer gef\u00fchrt wurde. Ein angeblich sexistisches Gedicht, weil in ihm Frauen vorkommen, Blumen, Alleen. Ein Bild gemalt ohne Verben. Ein paar Tage sp\u00e4ter fiel mir auf, dass es zwei Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gedichten gab. Den Moment der Beobachtung, wie ihn wahrscheinlich schon \u00c4gypter, Sumerer und Babylonier in ihren Stra\u00dfen erlebten. Grunderfahrungen als Ausl\u00f6ser f\u00fcr Gedankeng\u00e4nge, die jeder auf seine Art und Weise in Worte oder Verse fasst. Gegebenenfalls in Bilder, Skulpturen, Theaterst\u00fccke einflie\u00dfen l\u00e4sst, gem\u00e4\u00df Handwerk, mehr oder weniger vorhandener Begabung. Und die M\u00f6glichkeit zur Fehlinterpretation, wenn man nach ihr sucht. Zur Fliegenklatsche, ihrer rigorosen Anwendung, mit dem Versuch, alles mit der gleichen Farbe zu \u00fcbermalen. Am Ende steht ein Text, der eine Geschichte in sich tr\u00e4gt, die jemand anhand des formalen Aufbaus oder ihres semantischen Inhalts nur unzul\u00e4nglich interpretieren, sich ihr bestenfalls ann\u00e4hern kann. Wenn sogar der K\u00fcnstler \u00fcber seine eigenen Quellen manchmal nur Vermutungen anzustellen vermag, wie soll jemand anderer mit Gewissheit eine objektive Wahrheit feststellen, die angeblich unwiderruflich im vorliegenden Text zu finden sei? Farbschichten, Weglassungen, verschiedenste Stilmittel lassen etwas Eigenst\u00e4ndiges entstehen. Zusammenh\u00e4nge, die jemand deuten m\u00f6chte, sagen oft mehr \u00fcber individuelle pers\u00f6nliche Landkarten aus, \u00fcber Pr\u00e4gungen und Erfahrungen des Lesers oder Kritikers. Die Nachricht ist die Botschaft des Empf\u00e4ngers. Diese Kommunikationsregel gilt erst recht f\u00fcr Kunstwerke. Sie sind mit einer Flaschenpost vergleichbar. Ausgesetzte Objekte, die eine Reise antreten, bei der Absicht und Weg zu unbestimmbaren Parametern geraten. Betrachten wir einen Stein und empfinden dabei gleichzeitig negative Gef\u00fchle, so w\u00e4re es h\u00f6chst unsinnig, diesen daf\u00fcr verantwortlich zu machen.<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">u.a. erschienen: <strong>Wei\u00dfe Kreide<\/strong>, Gedichte von Martin Dragosits, Edition Art Science, 2017<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":57266} --><\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"327\" class=\"wp-image-57266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide-183x300.jpg 183w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/cover_Kreide-160x262.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:image -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gedichte beschreiben Stars auf Zeit, selbstverliebte Welpenf\u00e4nger, schmale Tr\u00e4ume in Hosentaschen, die F\u00fc\u00dfe fest am Boden. wo doch das W\u00fcnschen \/ als Prinzip der L\u00fcge \/ in uns allen steckt. Quantenmechanische Zustandskomik, angedachte Farbplakate, kleine Schuld-und-S\u00fchne-Schleifen, in denen dar\u00fcber nachgedacht wird, was mit uns geschieht. Gedichtb\u00e4nde haben keinen Plot, keine Protagonisten: wei\u00dfe Kreide, fahrende Z\u00fcge, angespannte Augenbrauen. Aufgeteilt in sechs Kapitel zwischen Revue, Ringelspiel und Gegenwartsfragen, mit Skizzen von Provinz und Verg\u00e4nglichkeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph --><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Gedichte sind am ehesten mit einem Mosaik oder einer Collage vergleichbar. Sie bestehen aus unterschiedlichen Einzelteilen, die zusammengesetzt etwas Neues, etwas Selbst\u00e4ndiges ergeben. Jeder Text hat eine andere Entstehungsgeschichte, die von au\u00dfen nicht wahrnehmbar ist. 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