{"id":89582,"date":"2022-10-11T00:01:41","date_gmt":"2022-10-10T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89582"},"modified":"2025-02-15T08:14:43","modified_gmt":"2025-02-15T07:14:43","slug":"anton-bruckner-ein-charakterbild","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/11\/anton-bruckner-ein-charakterbild\/","title":{"rendered":"Anton Bruckner &#8211; Ein Charakterbild"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden Seiten bringen meinen Dank an ein Musikerdasein dar, in das zu versenken mir w\u00e4hrend bald vierzig Jahren oft das Innigste und Gewaltigste des eigenen Lebens war. Poetendank \u2013 Laiendank. Selbst vertraute Freunde und Kameraden haben in dieser langen Zeit kaum erfahren, was der Meister mir bedeutete und was er in mir vollzog. In der Verehrung der Gr\u00f6\u00dfesten aus allen K\u00fcnsten waren wir einig oder belagerten uns doch im Kampf um die Wahrheit \u2013 dieser Eine stand drau\u00dfen in der K\u00e4lte oder sollte abseits in der lauen W\u00e4rme warten, wo er mit anderen teilen und schlimme Vergleiche ertragen mu\u00dfte, falls er mit seinem Namen berufen wurde. Ich habe geschwiegen, wo ich Widerstand gegen Bruckner auch nur witterte, weil ich den Verkl\u00e4rten und Unversehrbaren nicht kr\u00e4nken lassen wollte, denn ich hatte eine Empfindung, als w\u00e4re er noch verletzlich, wenn ein Schimmer oder Klang seiner Seele in einem anderen noch lebenden Fleisch und Blute verweilte. Es war wie eine tr\u00f6stliche Genugtuung, seine irdischen Leiden am Abglanz seines Einwirkens auf solche, die er gewonnen und gefeit hatte, fortgesetzt zu sehen. Als w\u00e4re er, indem man diese dem\u00fctigte, \u00fcber seinen irdischen Wandel unter den Feinden und Sp\u00f6ttern hinaus noch weiter zu dem\u00fctigen gewesen! Da\u00df der Verehrer Bruckners ein Schw\u00e4rmer, Eigenbr\u00f6tler, Fanatiker oder ein Mann mangelhaften Geschmacks und allzu gen\u00fcgsamer Bildung und Kenntnis hie\u00df, das ist lange her. Aber es war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist noch heute vielfach so, wenn auch unter h\u00f6flicheren Formen. Da hei\u00dft es: Man verst\u00e4nde zu wenig von Musik, um sich \u00fcber die Bezirke privater musikalischer <a id=\"page6\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page6\"><\/a>Vorliebe nach dem schwerer Zug\u00e4nglichen hinauszubem\u00fchen. Man m\u00f6ge sich dem immer verd\u00e4chtigen, allzu massiv gewordenen Jubel der \u00dcberzeugten nicht als Nachz\u00fcgler anschlie\u00dfen. Man bedauert pl\u00f6tzlich, auch in aller \u00fcbrigen Musik nur ganz ungef\u00e4hr zu verstehen, was sie meine. Gewisses tue dennoch erquicklich wohl, Gewisses rei\u00dfe hin, Gewisses sei von vornherein zuwider. Man f\u00fcrchtet sich vor der \u00dcberheblichkeit des Analphabeten. Man gibt sich als Kr\u00fcppel, ohne bresthaft zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Widerstrebenden befinden sich in bester Gesellschaft. Nicht, als ob es unnat\u00fcrlich w\u00e4re, da\u00df die meisten bedeutenden Musiker aus Bruckners Lebzeiten ihn nicht voll erkannten oder sich wider ihn str\u00e4ubten. Auch heute f\u00fchlen sich ernste K\u00f6nner \u2013 Schreiber, Spieler, Dirigenten \u2013 vor ihm und nach ihm zu Hause, bei ihm aber nicht. Vortreffliche H\u00f6rer, die sich wie sie im Technischen der Faktur auskennen, wenden ebenfalls ihre F\u00e4higkeit lieber an andere als an ihn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sollte meinen, deutlicher, als es durch eine Schar hochragender Gelehrter geschehen ist, k\u00f6nne nicht bewiesen werden, da\u00df bei Bruckner sogar die Technik nach gro\u00df\u00e4ugiger Logik, Dichtigkeit, Gedrungenheit dem Zepter des Genies gehorcht, also der Bezirk, wo sonst das Talent sich f\u00fcrsten mag; und an keinen anderen Meister hat die Wissenschaft mehr technische Leistung aufschlie\u00dfen k\u00f6nnen als eben die \u00e4u\u00dferste. Aber beweisbar in der Kunst ist nicht einmal die Richtigkeit des Einmaleins, weil es, f\u00fcr sich allein, die Kunst nicht ber\u00fchrt. So lassen sich in all ihrem Zubeh\u00f6r, wo nicht die Zeichen, doch immer die Werte leugnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinwieder gibt es H\u00f6rer, die, obwohl im Abstrakten wenig bewandert, alle Melodien Bruckners singen, pfeifen oder sich doch sinnlich vergegenw\u00e4rtigen k\u00f6nnen, <a id=\"page7\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page7\"><\/a>genau wie die Mozarts, und die Verlauf und Sinn seiner Symphonien so seelenheiter auswendig wissen wie das Gef\u00fcge der Symphonien Beethovens. Manche lassen sich hinterher eine Analyse vorf\u00fchren: es w\u00e4re unanst\u00e4ndig, einen empfangenen Hort nicht ordnen zu lernen. Aber sie vergessen nicht, da\u00df niemand eine musikalische Analyse h\u00f6ren und niemand sie spielen kann, selbst der nicht, der sie gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demnach gr\u00fcnden Liebe und Nichtliebe Bruckners anderswo. Man verneigt sich oder man versteift sich vor seinem Charakter. In ihm vollzieht sich das mystische Schauspiel, wie ein Wesen bei schlagendem Herzen aus der Zeit ins Zeitlose, aus dem Raum ins Unr\u00e4umliche, aus dem Menschlichen ins Welthafte \u00fcbertritt. In allen Schichten seines Daseins waltet der Zug von der Mitte der Person in die Mitte des Ungeheuren. Dem zu folgen ist unser einfaches Gl\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es w\u00e4re schlimm f\u00fcr mich, wenn ich nicht Lehre angenommen h\u00e4tte, wo so viel gute Lehre am Wege liegt, historische, philologische, hermeneutische. Bruckner ist zu gro\u00df, um ein Geschenk nur an die Musiker, nur an die Musik zu bleiben. Auch die gr\u00f6\u00dften Dichter greifen \u00fcber die Schrifttumskundigen und \u00fcber das Schrifttum hinaus. Darum wenden wir das schwierigere \u00bbIm Anfang war\u00ab bald um in das wandernde \u00bbUns ist in alten M\u00e4ren\u00ab oder \u00bbEs begab sich\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Erstes St\u00fcck<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber einen Bach bei der nieder\u00f6sterreichischen Schlo\u00dfherrschaft Wallsee s\u00fcdlich der Donau f\u00fchrte seit Urgedenken eine Br\u00fccke. Nach ihr hie\u00df der \u00e4lteste geradenwegs auf Anton Bruckner f\u00fchrende Ahn im Mannesstamm J\u00f6rg Prukner \u00bban der Prugh auf seiner hueb\u00ab (Hufe). J\u00f6rg war um 1400 geboren. Vielleicht sind die Br\u00fcckenbauern aus Franken eingewandert. Sie sa\u00dfen dann die Jahrhunderte hindurch um die Kirchen von Sindelburg und Strengberg auf dem Pruckenhofe, dem Pyragute, in dem Markte Oed bei Amstetten, als Bauern urspr\u00fcnglich, sp\u00e4ter als Gastwirte, B\u00f6ttchermeister, Steinbrecher und andere Gewerbetreibende, auch als Ratsherren, manche von ihnen geadelt. Und erst Bruckners Vater Josef wurde in Ober\u00f6sterreich geboren. Sie \u00fcberdauerten in der Heimat viel kriegerische Not, Aufst\u00e4nde des Landvolkes, T\u00fcrkeneinf\u00e4lle, Pest und Pocken. Wir m\u00f6gen Get\u00f6se, Gest\u00f6hn, Geschrei und Gel\u00e4chter aus ihrer Zeitentiefe heraufhallen h\u00f6ren, aber wir vernehmen keinen einzigen Ton einer Musik zu Trost oder Trotz, die einer von ihnen erfunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufbruch in die N\u00e4he der zu Klang verkl\u00e4rten Sch\u00f6pfung geschah durch Bruckners Gro\u00dfvater, \u2013 freilich nur in die N\u00e4he. Er hatte zwar das B\u00f6ttcherhandwerk erlernt, doch gehorsam dem Drange zum Lehrberufe und damit zur Armut, ging er, ein sechzehnj\u00e4hriger J\u00fcngling, zur Vorbereitung nach Linz und wurde nach langer Helfert\u00e4tigkeit in dem zwei reichliche Stunden von Linz entfernten Dorfe Ansfelden als Schulmeister ans\u00e4ssig. Sein Sohn Anton, der \u00c4ltere, folgte ihm im Dienste und heiratete 1823 Theresia Helm, die Tochter eines Amtsverwalters, ein aus Kreisen wohlhabender Gesch\u00e4ftsleute <a id=\"page10\" title=\"JohannN\/uhermann\" name=\"page10\"><\/a>in der Gegend von Steyr stammendes M\u00e4dchen. Theresia gebar am 4. September 1824 ihren Sohn Anton, unseren Meister, als erstes von elf Kindern. Und auch dieser tat Schulmeisterarbeit beinahe bis an seinen Tod, wenn man das zw\u00f6lfj\u00e4hrige Organistentum um die Lebensmitte abrechnet. Dabei bleibe unvergessen, da\u00df es der alternde und krankende Musikprofessor in der Hauptstadt seines Landes bitterer hatte als der jugendliche Anf\u00e4nger in weltverlorenen und weltbeh\u00fcteten D\u00f6rfern. Zuerst die Trockenheit im Kinderschulbetrieb, nachher die N\u00fcchternheit in der theoretischen Lehre und immer die Sorge und immer der Mangel trachteten seine menschliche F\u00fclle von der Grenze des Klangreiches zu verbannen, in dem sein Geist doch mitteninne wohnte und m\u00e4chtig war. Wie sein fr\u00fcher Ahn J\u00f6rg hauste auch er nach dem Namen, den er vom Schicksal empfangen hatte, gleichsam an einer Br\u00fccke, aber das andere Ufer war so fern, da\u00df die F\u00fc\u00dfe nicht hinf\u00fchrten und da\u00df wohl das Jenseits in das wesensgleiche Diesseits her\u00fcberkommen oder das Diesseits sich ganz in das ihm wesensgleiche Jenseits verwandeln mu\u00dfte. Der Rhythmus, der sich durch die s\u00e4mtliche g\u00fcltige Musik Bruckners zieht und der zwei Viertel mit einer Triole von derselben Dauer bindet, mutet wie ein Sinnbild dessen an. Manchmal steht die Zweiheit am Anfang des rhythmischen Gebildes, manchmal die Dreiheit. Die Zweiheit schreitet auf festem Grunde, die Dreiheit \u2013 so ist es bemerkt worden \u2013 schwebt und l\u00f6st sich ab, und doch haben sie nur verbunden diese Wirkung. Bis zur wesensaufschlie\u00dfenden unwillk\u00fcrlichen Formel und gar zu den riesigen durch zwei und drei teilbaren Satzf\u00fcgungen der Symphonien war es ein langer Weg. Gehn altbayrische Volkst\u00e4nze, die \u00bbZwiefachen\u00ab, und manche Weisen der \u00bbMeistersinger\u00ab Wagners im \u00bbBrucknerrhythmus\u00ab, <a id=\"page11\" title=\"JohannN\/uhermann\" name=\"page11\"><\/a>so ist der Rhythmus hier dennoch nicht von Bruckners Puls getrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckners Vater und Gro\u00dfvater und ihre Amtsbr\u00fcder wollten gewi\u00df \u00fcberhaupt keine frei ge\u00e4u\u00dferte Musik treiben, als sie von Katheder und Kirchenchor Musik machen mu\u00dften. Trauungen und Begr\u00e4bnisse befahlen ihnen, nicht Genien und D\u00e4monen. Sie lie\u00dfen sich ergeben einspannen, wie man Ackerg\u00e4ule vor den Wagen spannt. Zogen sie freudig an, so bewies sich die bewegungsfrohe Art aller Kreatur, wiewohl die Art der Kunst davon nicht unterschieden ist, wenn sie zur Herrlichkeit gelangt. Der Linzer Domkapellmeister Franz Xaver Gl\u00f6ggl und sein Sohn schrieben in den zwanziger Jahren, da\u00df der musikalische Gottesdienst vor allem den kirchlichen Erlassen zu folgen habe. Er solle \u00bbgleichf\u00f6rmig, anst\u00e4ndig und nach Vorschrift der Kirche und des Staates gehalten werden\u00ab (Robert Haas). Gefordert wurde Kenntnis der zerstreuten Verordnungen neben Kenntnissen in der lateinischen Sprache und Unterscheidungskraft bei der Auswahl angemessener St\u00fccke: beigegeben wurden dem Handbuche ein Kalender wie die ausf\u00fchrlichen heiligen Texte Roms, insgleichen aufreihende Erkl\u00e4rungen der kompositorischen Gattungen. Empfohlen wurden sonderlich geeignete Tonarten f\u00fcr Andacht, Glaube, Bu\u00dfe, Bitte. Viel war den W\u00e4chtern \u00fcber den Vollzug der Feiern und Weihen schon gewonnen, wenn die Festmusiker sich einem sauberen Schema einpa\u00dften. Das strenge \u00bbDu sollst nicht!\u00ab und das zuredende \u00bbDu sollst!\u00ab waren damals offenbar n\u00f6tig, denn nach ernstem Zeugnis war der Landschulmeister oft tr\u00e4g und anma\u00dfend, und mehr als einem gefiel es, Possengassenhauer selbst in die Musik der Messen zu mischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Anton Bruckner wird von einer verborgen <a id=\"page12\" title=\"JohannN\/uhermann\" name=\"page12\"><\/a>sp\u00fcrbaren Lenkung zur Gotteszucht bald ber\u00fchrt worden sein. Pfiff er auch immer etwas, \u00bbwas man nicht gekannt hat\u00ab, und fuhr er in seiner Sehnsucht, Gutsbesitzer zu werden, auf einem bockbespannten W\u00e4glein Heu zu Stalle, ritt er das Steckenpferd und machte den Soldaten, so predigte er daneben gern vom Kasten herab und war ein barscher Vertreter seines Vaters im Unterricht der Kleinsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Zucht geh\u00f6rte ihm offenbar von Anbeginn die Pracht: beide gaben einander wechselseitig den Sinn. Es freute ihn, das Spinett des Vaters \u00bbfurchtbar\u00ab zu spielen und im Kirchenchor mitzusingen, zumal wenn die Musik durch Trompeter und Pauker von au\u00dferhalb Zuzug erhielt. Zweifellos empfand er keine Lockung des Unerlaubten, blo\u00df weil ihn kein Muckertum lockte. So liefen, als er elfj\u00e4hrig bei seinem damals zweiundzwanzig Jahre alten Vetter Johann Baptist Wei\u00df in H\u00f6rsching den Anfangsunterricht im Orgelspiel und in der Harmonielehre erhielt, hier und da stolze Ungew\u00f6hnlichkeiten des Klanges unter, als er seine ersten eigenen Orgelpr\u00e4ludien aufschrieb. Erkl\u00e4rt man das Auffallende als Ungeschick, so w\u00e4hlt doch das Ungeschick das eine Mal t\u00e4ppisch, das andere Mal gl\u00fcckhaft und neugierig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier griff die Neugier f\u00fcr einen Augenblick in die Reifezeit Bruckners voraus und tauchte dann sehr lange nicht mehr auf. Der Knabe s\u00e4ttigte sich an der Musik der \u00f6sterreichischen Schule, lernte St\u00fccke von Haydn und Mozart kennen und ahmte den Stil des in der Umgebung von H\u00f6rsching so ber\u00fchmten Vetters und Firmpaten nach. In Wei\u00df mu\u00df er zum erstenmal in seinem Dasein die Macht der Pers\u00f6nlichkeit gesp\u00fcrt haben, der es verliehen ist, \u00fcber das Bekannte und Gegebene in die eigene Sph\u00e4re hinaufzurei\u00dfen. Besa\u00df er nicht selbst schon <a id=\"page13\" title=\"JohannN\/uhermann\" name=\"page13\"><\/a>Macht, wenn er so jung derma\u00dfen gef\u00f6rdert war, da\u00df er selbst\u00e4ndig und gut zum Gemeindegesang spielte? W\u00fcrde die Macht nicht wachsen, wenn er den Generalba\u00df anging, wahrscheinlich mit einem Treuversprechen bis ans Grab, w\u00e4hrend Altersgenossen noch Bubenspiele trieben? Der Geist des Baptist Wei\u00df begleitete Bruckner fort und fort, als er l\u00e4ngst sein Haus verlassen hatte. Wei\u00df endete sein Leben durch Selbstmord, Bruckner bewahrte Notenhandschriften des Toten als Reliquien und bem\u00fchte sich, seinen Sch\u00e4del dazuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufenthalt in H\u00f6rsching war die magische Erweckung einer Wesensschicht. Schnell folgte die vulkanische Ersch\u00fctterung einer anderen, tieferen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herbst 1836 mu\u00dfte das Kind Anton Bruckner nach Ansfelden zur\u00fcck, um die \u00c4mter seines unheilbar schwinds\u00fcchtigen Vaters zu betreuen, Sommer 1837 starb der Vater. Mit dem Priester hatte der Sohn die letzte \u00d6lung verrichtet, und der Schmerz hatte ihn dabei ohnm\u00e4chtig hinsinken lassen. Oder war es die Gr\u00f6\u00dfe des Abschiedswunders, das ernste Gesicht des Erdgeistes, der pl\u00f6tzlich erschien und etwas raunte, was sp\u00e4t den ersten Satz der achten Symphonie beschlo\u00df und was Bruckner, von der eigenen Klangvision ersch\u00fcttert, in die Worte fa\u00dfte: \u00bbDas ist die Totenuhr. Die schl\u00e4gt unerbittlich, bis alles aus ist.\u00ab Nichts sonst aus dem Leben Bruckners ist bezeugt, was ihn so bis zum Verl\u00f6schen der Sinne ergriffen h\u00e4tte wie das Sterben des Vaters. Selbst die Kunde vom Tode Wagners, den er ehrte wie keinen Sterblichen, traf ihn milder. Er hatte sich da schon zu dem \u00bbnon confundar in aeternum\u00ab \u2013 ich werde in Ewigkeit nicht zuschanden werden \u2013 durchgerungen. Dieser Trost stand, vorher f\u00fcr die Kirche gesungen, nun von Anbeginn im Adagio der siebenten Symphonie, und als in den Abgesang <a id=\"page14\" title=\"JohannN\/uhermann\" name=\"page14\"><\/a>des Satzes die Trauerbotschaft brach, l\u00f6sten sich aus Bruckners Augen befreiend die Tr\u00e4nen: Wie hab&#8216; ich da geweint, ach, wie hab&#8216; ich geweint!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abschied des Vaters aber von der Erde zeigte ihm zum ersten Male das Unbegreifliche einer unentrinnbaren Ordnung. Der Ri\u00df nach dr\u00fcben zeigte wohl noch in grausige Leere. Hatte er auf seinen Versehg\u00e4ngen schon Sterbende gesehen: hier sah er die noch fremde Nacht der Welt. Zudem zertr\u00fcmmerte ihm dieser Tod die Gnade des Elternhauses \u2013 denn sie ist nicht zu verpflanzen \u2013 und den Rest der Kindheit. Das Schicksal sprach zu ihm: Nun siehe du zu! Es ri\u00df ihn zun\u00e4chst in Extreme, in eins der Herrlichkeit und eins der D\u00fcrftigkeit, die beide m\u00e4rchenhaft anmuten, wenn man sie sich recht zu vergegenw\u00e4rtigen sucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Mutter zog mit ihren kleinen Kindern nach Ebelsberg, f\u00fcr ihren Anton aber wandte sie sich an den eigentlichen F\u00fcrsten \u00fcber die Heimat, den Pr\u00e4laten in St. Florian, Propst Arneth. Dieser nahm Bruckner als S\u00e4ngerknaben in das Chorherrenstift der Augustiner auf. Durch 800 Jahre war die Abtei an Glanz und Macht gewachsen, im vierten Jahrhundert wurde der Grundstein der Krypta gelegt. Und ein Dreizehnj\u00e4hriger war nun wie am Schopfe der kahlen Enge und Armut entr\u00fcckt, um an seinem Teile im prunkvollen Kirchenregiment mitzuwirken. \u00bbDenn die S\u00e4ngerknaben\u00ab, so unterrichtet uns Orel, \u00bbz\u00e4hlten zu den n\u00e4chsten Angeh\u00f6rigen des Stiftes nach den geistlichen Herren, sie waren gleichsam die Kinder einer gro\u00dfen Familie, an deren Spitze Seine Gnaden, der m\u00e4chtige Pr\u00e4lat, als Vater stand. \u2013 Wer nicht Gelegenheit hatte, eines der reichen Stifte \u00d6sterreichs zu besuchen, kann sich schwer eine Vorstellung machen von der Breite, dem feudalen Glanze, der machtgegr\u00fcndeten Ruhe und <a id=\"page15\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page15\"><\/a>Sicherheit, die \u00e4u\u00dferlich und innerlich das Leben an diesen St\u00e4tten durchstr\u00f6men.\u00ab \u2013 Vor dem Krummstab als dem Symbol der h\u00f6chsten Macht habe sich Bruckner hier zuerst und dann zeitlebens gebeugt, und sogar den Kaiser, als er diesen kennengelernt h\u00e4tte, habe er davor geneigt gesehen. \u00bbAuch die Wiener Hofkapelle lie\u00df immer noch den Bischofsstab vor dem Zepter den Vorrang behaupten.\u00ab Ein ungeheures Schlo\u00dfmassiv, in sechzig Jahren erbaut, unter dem der f\u00fcr das Christentum gefallene r\u00f6mische Oberst Florianus den langen Schlaf schlief, war in St. Florian der Sitz dieser Macht. Ihr Herz jedoch pulste f\u00fcr Bruckner in der von Franz Xaver Krismann erbauten Orgel. Sie z\u00e4hlte \u00bb59 Registerz\u00fcge, von denen aber mehrere mit zwei bis drei Pfeifenregistern besetzt\u00ab waren, ungerechnet die drei- bis zw\u00f6lffachen Mixturen, wodurch wenigstens 74 \u00bbvollst\u00e4ndige, klangbare Register\u00ab entstanden. Im Hauptmanual waren \u00bb2200 Pfeifen, im mittleren 1592, im oberen Manual 758, im Pedal 680\u00ab. Die gr\u00f6\u00dften zweiunddrei\u00dfigf\u00fc\u00dfigen Zinnpfeifen wogen an die 500 Pfund. Die Orgel war ein taugliches Organ f\u00fcr den gesamten von innen erklingenden Kosmos, ger\u00e4umig genug f\u00fcr alle Mysterien, gelassen genug auch f\u00fcr die \u00fcberkreat\u00fcrlichen Leidenschaften, ger\u00fcstet f\u00fcr den Empfang des brausenden Heiligen Geistes, eine Berge allen Lichtes und allen Dunkels. Ohne von sich zu wissen, ruhten Urbilder der Symphonien Bruckners in ihr. Doch als der Meister sie erkannt und befreit hatte, war es eine Befreiung \u00fcber das vorstellbare Ma\u00df geworden. Sie hatten nicht mehr die Seele der Orgel, sie genossen die Freiheit eines Raumes, wo ein Tr\u00e4umen und ein Schluchzen gleicher Art und gleichen Ranges waren wie Nebelzug und Wolkenflor. Kirchlich und weltlich waren darin verschollene Rufe. Die Tongestalten erinnerten an <a id=\"page16\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page16\"><\/a>ihre Florianischen Vorgestalten nur noch durch die W\u00fcrde und Souver\u00e4nit\u00e4t ihrer Haltung, durch die Neigung zu j\u00e4her Stille wie zu j\u00e4h gesteigerten Gluten und unb\u00e4ndigen Umbr\u00fcchen, sowie durch die fl\u00f6zweise Lagerung der Klangmassen. Zu ihrem Ursprung ist Bruckner nie zur\u00fcckgekehrt, nur zur St\u00e4tte ihres Ursprungs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Blick auf den vollendeten Weg zum Gipfel gleitet das Auge behutsamer \u00fcber hinterlassene Spuren einzelner Schritte, als es den Stapfen auf geraderer und bekannterer Stra\u00dfe folgen w\u00fcrde. Es ist, als sollten die Spuren zu leuchten beginnen. In den ersten Jahren zu St. Florian leuchten sie nicht. Bei dem Schulleiter Michael Bogner empfing Bruckner Wohnung und Volksschulunterricht. An Klavier und Orgel wurde er von dem t\u00fcchtigen Stiftsorganisten Anton Kattinger weitergebildet, Gesang und Violinspiel lernte er zuerst bei einem gewissen Raab, dann bei dem Geiger Franz Gruber, der bei Schuppanzigh, dem Violinlehrer Beethovens und f\u00fchrenden Spieler der Beethovenschen Quartette, ausgebildet worden war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles war Nebenwerk und allenfalls notwendiges Hilfsmittel bei dem Trachten Bruckners, ein Schulmeister zu werden wie der Vater. F\u00fcr die Vorstufe dazu, die Pr\u00e4parandie, bereitete ihn der Schulgehilfe Steinmayr vor. Der war also einstweilen sein wichtigster Hauptlehrer. Und selbstverst\u00e4ndlich durfte er nicht etwa an der gro\u00dfen Krismannschen Orgel \u00fcben: an der Seitenorgel tat er es um so eifriger und bis zum \u00c4rger seines Violinlehrers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am 1. Oktober 1840 war er in Linz zum Antritt des Pr\u00e4parandenkurses und wurde mit lauter \u00bbsehr gut\u00ab und \u00bbgut\u00ab im Zeugnis vom 16. August 1841 Kandidat des Gehilfentums f\u00fcr Trivialschulen. Abgesehen von der <a id=\"page17\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page17\"><\/a>musiktheoretischen F\u00f6rderung durch August D\u00fcrrnberger, den Verfasser eines von Bruckner stets hochgesch\u00e4tzten Generalba\u00df-Lehrbuches, abgesehen von dem Gewinn, Webers Euryanthe-Ouvert\u00fcre und Beethovens vierte Symphonie geh\u00f6rt zu haben, trug er ein d\u00fcrres B\u00fcndelchen Wissen aus Linz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">War denn das \u00dcberw\u00e4ltigende an St. Florian nur eine feierliche Phantasmagorie gewesen, und die Papst-, Prinzen- und Kaiserzimmer mit ihren farbigen Seidentapeten, Gem\u00e4lden, Gobelins, die hunderttausendb\u00e4ndige Bibliothek, die wei\u00dfen weiten Stiegeng\u00e4nge mit ihren Prunkstukkaturen wichen zur\u00fcck vor einem zu Knechtsm\u00fchen bestimmten einsamen Schelm? Wir glauben in der Tat, die Ber\u00fchrung jener Dinge hatte etwas Halbwirkliches, k\u00fchl Dem\u00fctigendes, und erst allm\u00e4hlich erstarkte das Phantom zur Wirklichkeit. F\u00fcr das Gl\u00fcck, au\u00dfer in der Sehnsucht, war es zu fr\u00fch, f\u00fcr die schwere Zubereitung in der Verbannung war es Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre erste Station hie\u00df Windhaag. Das Dorf lag an der Maltsch gegen die b\u00f6hmische Grenze. Ein Gro\u00dffeuer hatte es k\u00fcrzlich verw\u00fcstet. Seine zweihundert Bewohner hausten abgeschnitten von jedem Verkehr. Das Lehrerhaus drohte einzust\u00fcrzen und wurde geschlossen. Die Schule wurde verlegt, das neue Haus war noch nicht zu Ende gebaut, als der Gehilfe Bruckner dort den Dienst antrat. Er erhielt monatlich einen Gulden \u00bbM\u00fcnz\u00ab. Das geizige Essen mu\u00dfte er morgens und mittags gemeinsam mit einer Dienstmagd, die ihm zuwider war, verzehren. Sein Vorgesetzter, der Lehrer Fuchs, durfte mit ihm tun, was ihn gut d\u00fcnkte. Fr\u00fch um vier Uhr mu\u00dfte er den Tag anl\u00e4uten und m\u00e4hen, dann den Pfarrer ankleiden, Orgel schlagen, Wein holen, den Geistlichen begleiten, den Kleinen etwas beibringen, f\u00fcr Fuchs viele Noten <a id=\"page18\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page18\"><\/a>schreiben, nach der Schule Heu wenden, dreschen, ackern, Kartoffeln graben, Mist laden, abends zum Gebet und Hausschlu\u00df l\u00e4uten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfarrer forderte, empfing und bescheinigte Unterw\u00fcrfigkeit, obgleich er kein Tyrann war. Damit m\u00f6glichst viele an der Erniedrigung des Gehilfen mitwirkten, war es so eingerichtet, da\u00df er bei Festen, bei denen er als Gast ausgeschlossen war, zum Tanze fiedeln mu\u00dfte. Nicht genug damit; er hatte die Brautpaare auch fiedelnd von der Kirche nach Hause zu begleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner tat es bestimmt ungern, weil dieses lakaienhafte \u00bbHerumdudeln\u00ab ihn von der Musik abhielt. Ein Dorfbewohner, der sein Leben ansah, war der Meinung: lieber ein Schuster als ein Schullehrer. Bauern sind immer K\u00f6nige und der milchb\u00e4rtige Driller des Nachwuchses ein hereingeschneiter Hans Naseweis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Musik nach Herzenslust betrieb der Fremdling freilich auch, aber die mochte Fuchs an Bruckner nicht leiden, weil Bruckner mehr wollte und gew\u00e4ltigte als er. Dicht unter der Demut lauerte die musikantische Unm\u00e4\u00dfigkeit. Fuchs hatte um sein Spinett Angst, er jammerte, Bruckner werde ihm die Orgel zusammenschlagen. Er schrieb ihm auch nachher nichts \u00fcber sein Spiel ins Zeugnis. Wenn er ihn nicht in seine Unterrichtsstunden sperrte, wo er f\u00fcr die Kinder Kielfedern schnitt, lief Bruckner querfeldein und spann harmonies\u00fcchtige Hirngespinste. So sahen ihn die Landleute und nannten ihn bald den halbverr\u00fcckten Gehilfen. Er brachte die Kirchengemeinde durch seine sonderbare Liedbegleitung in Verlegenheit. Als alte Windhaager sp\u00e4ter nach ihm ausgefragt wurden, gaben sie widersprechende Auskunft \u00fcber seine Leistungen. Kaum die zweite Geige und das Einfachste auf der Orgel habe er ordentlich spielen k\u00f6nnen, <a id=\"page19\" title=\"wedi\/uhermann\" name=\"page19\"><\/a>hie\u00df es einmal, und das andere Mal, er sei ein ungew\u00f6hnlicher Musikus gewesen. Wie dem sei, an unerm\u00fcdlichem Auftrieb kann es ihm nicht gefehlt haben. Auch nicht an unerm\u00fcdlicher Lust: Alle Abende geigte er mit dem Webersohne Franz S\u00fccka; dieser spielte die erste, Bruckner die zweite Violine. Zur Faschingszeit gesellte sich ihnen der Vater S\u00fccka mit seiner Trompete. Dann wurde reihum durch die Spinnstuben gezogen und die ganze Nacht hindurch gegen kleines Entgelt zum Tanze aufgespielt. Auch eine Klarinette war im Dorf, und der Arzt blies Fl\u00f6te. Das au\u00dferamtliche Musizieren erl\u00f6ste Bruckner in abgesparten Dunkelstunden aus den Fesseln. Und er ging auch in den aufgegebenen Verrichtungen \u00fcber das Amt hinaus. Den Kindern erz\u00e4hlte er von dem Lauf der Himmelsk\u00f6rper. Franz S\u00fccka bereitete er vor Tagesanbruch, da\u00df es keiner merke, zum Pr\u00e4parandenkurse mit vortrefflichem Erfolge vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir m\u00fcssen aus alledem seine Subordination zu begreifen suchen. Er hatte, wie jeder in seinem Alter, eine F\u00fclle niederer und h\u00f6herer Dinge kennengelernt. Wie nicht jeder, besa\u00df er die Gabe der Unterscheidung. Das Gr\u00f6\u00dfte unter dem, was er bisher gesehen hatte \u2013 sinnlich, geistig war noch einerlei \u2013, war die Kirche. F\u00fcr andere war sie eine Anstalt in den D\u00f6rfern und St\u00e4dten, f\u00fcr ihn die Pfalz eines Reiches, das alle Reiche einschlo\u00df. Manche sahen auf die Kirche von einem Bauernhofe, aus einer Weberstube, er sah aus der Kirche auf H\u00f6fe, Felder, Gem\u00e4cher, und sie waren alle in ihr. Sein Zutrauen zu den weltlichen Dingen brauchte deshalb nicht karger zu sein als das der anderen, es konnte sogar w\u00e4rmer, unbefangener sein, da sie in einer einheitlichen Regierungsplanung geborgen waren. War seinem Anblick das Ganze zuteil geworden, so brauchten Wunsch und Arbeit nicht <a id=\"page20\" title=\"wedi\/Konmax\" name=\"page20\"><\/a>den Teil zu erstreben, der ihm nicht von dem Ganzen zugebilligt war. In dem Ganzen war seine Sehnsucht bereits am Ziel, au\u00dferhalb des Ganzen m\u00fchte sie sich in Last und Hitze. Darum stand ihm, was zur Kirche geh\u00f6rte, unter dem h\u00f6chsten Recht. Die Priester wurden ihm zu Symbolgestalten. Er gr\u00fc\u00dfte in ihnen \u00fcber Schw\u00e4che und Fehlbarkeit hinweg das unbefleckbare Amt, und davor erlischt der Eigenwille. Vor dem Sinnbild verliert der Wille die Macht; Wille kann es nicht einmal annehmen, geschweige denn es zerst\u00f6ren: er w\u00fcrde nur sich zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun wurde Bruckner aber von einem Willen umgetrieben, der so stark war wie sein Glaube. Der Glaube war das Statische, der Wille das Motorische seines Wesens. Und auch das Motorische zielte auf die hohen Dinge. Doch mu\u00dften diese, wollten sie f\u00fcr die Erfassung durch den in Arbeit, Flei\u00df, Sehnsucht, Traum umgesetzten Willen geschickt bleiben, selbst arbeitshaltig, flei\u00dfhaltig, sehnsuchtshaltig, traumhaltig sein. Sonst war die Vereinigung, die Identifizierung nicht zu erreichen. Den gewordenen Symbolen der Kirche setzten sich eigene werdende entgegen, den \u00fcberkommenen ankommende, den innerlich und \u00e4u\u00dferlich sichtbaren innerlich und sinnlich h\u00f6rbare. Sie waren erst dunkle Visionen des Geistes, sie duldeten kein S\u00e4umen und Nachlassen. Darum b\u00fcckte man sich wunderlich freundlich vor den Hindernissen, um von ihnen nicht gebeugt zu werden. Es war, als b\u00e4te der plumpe und auch der j\u00e4he Eifer alle Mi\u00dfg\u00fcnstigen, die Bahn freizugeben \u2013 sie war ja die Bahn des Lebens. Das konnten die Mi\u00dfg\u00fcnstigen nicht wissen, und so braute sich bisweilen bei Spott und Fron eine b\u00f6se Witterung f\u00fcr eine empfindliche Seele zusammen. <a id=\"page21\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page21\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner verlor nach eineinviertelj\u00e4hriger T\u00e4tigkeit in Windhaag die Geduld und verweigerte eine ihm aufgetragene Landarbeit. Propst Arneth von St. Florian, der ihn vielleicht daf\u00fcr strafen sollte, erbarmte sich seiner. Er kannte ihn und wu\u00dfte, da\u00df seine Klagen frommer waren als die Anklage. Er mochte seine Liebe zur Tonkunst nicht weiter k\u00fcmmern lassen und bewirkte Bruckners Versetzung nach Kronstorf, einem D\u00f6rfchen zwischen Steyr und Enns. In beiden St\u00e4dten bl\u00fchte eine ernsthafte Musikpflege, beide konnten leicht erwandert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner f\u00fchlte sich \u00bbin den Himmel\u00ab gehoben. Die Mitte des Himmels war das \u00bbSpeckkammerl\u00ab, worin er wohnte, ein enger Verschlag im Schulzimmer. Da zog er Ende Januar 1843 ein. Johann Sebastian Bach zog mit ihm ein: in die Schulstube kam ein altes Klavier, das er bei einem Bauern lieh. Darauf spielte er fr\u00fch vor dem Dienst und sp\u00e4t bis in den Morgen. Der kr\u00e4nkliche Lehrer Lehofer duldete es gern, und seine Frau, die nach Mitternacht manchmal aufstand, um ihn ins Bett zu schicken, versorgte ihn wie ihr Kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den St\u00e4dten standen gute Orgeln, in Steyr eine von Krismann, dem Meister des Florianer Werkes. Dort fanden sich alsbald auch Freunde, wie er sie bisher noch nicht gehabt hatte. Pl\u00f6tzlich war unter den Besten sein menschlicher Wert anerkannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Pfarrhof in Steyr wurde auf Lebenszeit sein Zufluchtsort, wenn er m\u00fcde und krank war, und er sa\u00df im Hause von Karoline Eberstaller \u00fcber Liedern Schuberts mit einer Frau vor den Tasten, die einst mit Schubert selbst hier am Klaviere gesessen hatte. Nachkl\u00e4nge von daher gingen bald in seine Erfindungen ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bereicherte er in Steyr sein Wissen nach der Seite der <a id=\"page22\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page22\"><\/a>Ruhe und Sch\u00f6nheit, so vertiefte er es in Enns nach der Richtung des Ernstes und der Gr\u00fcndlichkeit. Der Organist an der Ennser Stadtkirche, Leopold Edler von Zenetti, unterwies ihn zum erstenmal umfassend in den musiktheoretischen Wissenschaften, wie auch die praktische Hinleitung zu Bachs Choralkunst und zum \u00bbWohltemperierten Klavier\u00ab best\u00e4tigt. Das Bildnis Zenettis zeigt einen klugen Kopf mit sinnend verkleinerten Augen hoch \u00fcber dem kr\u00e4ftigen Munde. Er hielt sich an das altert\u00fcmlich solide Lehrbuch von Daniel Gottlob T\u00fcrk. Bruckner kl\u00e4rte sich den Wissensstoff in einem Schriftheft, dessen Inhalt Selbst\u00e4ndigkeit nachger\u00fchmt wird. Dreimal w\u00f6chentlich holte Bruckner neue Aufgaben von Zenetti und brachte die L\u00f6sungen manchmal noch am Abend des Empfangstages nach Enns zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hunderte von Meilen hat er w\u00e4hrend der zweieinhalb Kronstorfer Jahre f\u00fcr die Mehrung seiner Kenntnis zu Fu\u00df zur\u00fcckgelegt. Es gemahnt an die Wanderungen des jungen Bach. Dann bestand er mit Auszeichnung die Konkurspr\u00fcfung f\u00fcr \u00bbsistemisierte\u00ab Schulen und wurde am 25. September 1845 in St. Florian als Lehrer angestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben Bruckner nun schon durch eine Anzahl von D\u00f6rfern und St\u00e4dten begleitet und haben ihn immer in deren Kirchen, Pfarreien, Schulen, Wirtsh\u00e4usern, Rockenstuben und Kammerverschl\u00e4gen gefunden, niemals recht im Freien. Oder h\u00e4tte er die Landschaft genossen, wenn er auf den Rainen Notenpapier aus dem Hute zog und die Liniensysteme mit grauen Saaten bestellte? Wenn einer zum Tanz fiedeln mu\u00dfte wie er an den Sonntagabenden, so reichte das Freie vom Geigenleibe bis an das Ende des Tanzbodens. Wenn einer Dung laden mu\u00dfte wie er, so reichte es von der Forke bis auf den <a id=\"page23\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page23\"><\/a>Wagen hinauf. Wenn einer zu arm ist, um zu fahren, und mehrere Stunden traben mu\u00df, nur damit er seine \u00dcbungshefte kurz dem Theorielehrer vorzeigen und neue Aufgaben zusammenraffen kann, so hantieren unterwegs seine Gedanken nach gewichtigen Regeln mit Notenk\u00f6pfen und ruhen kaum neben der Stra\u00dfe in der Sonne, \u00e4ngsten sich kaum in den Nachtschauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war damals der Landschaft, die ihn doch besa\u00df und ihm einfl\u00fcsterte, nicht zugekehrt, nicht abgekehrt, nur den Menschen und ihren Gesch\u00e4ften. Aber alle seine Arbeiten unter Menschen, mit Menschen und f\u00fcr Menschen wirkten an der andern Arbeit, die das Geschick mit ihm vorhatte: ihn den Menschen verlorengehen zu lassen. Er mu\u00dfte so nahe, derb und handfest bei ihnen sein bis in seine letzten Zeiten, um nicht in raunenden, brausenden, donnernden Klanggewalten ohne Gestalt zerschliffen, zermahlen, zerschmettert zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei der Betrachtung des zweiten Aufenthalts in der Chorherrensiedlung behalten wir vor Augen, wie er ausging: in Friedlosigkeit des Herzens, Schwermut, Flackern des Triebhaften. Sein Leichtes, Freudiges, Lustiges, Tapferes stieg ans Licht, und zugleich senkte und setzte sich das Schwierige und Schwere. Wir haben den Eindruck, das Genie, das vorher schon keimen wollte, habe sich in den Jahren zwischen zweiundzwanzig und zweiunddrei\u00dfig zusammengezogen und geschwiegen, indessen das Talent sich ausbreitete. Der Flei\u00df zwar blieb ehrw\u00fcrdig emsig, die Zahl und der Umfang der Werke schwollen an, Eile, Geduld, Meisterung und Gelegenheit arbeiteten Hand in Hand, das technische \u00dcben und K\u00f6nnen erreichte die Kraft hoher Vorbilder, aber w\u00e4re Bruckner so jung wie Schubert und noch wie Mozart gestorben, wir Laien w\u00fc\u00dften heute nicht viel von ihm. In seiner Sp\u00e4tzeit wollte er das meiste von diesen Kompositionen vernichtet wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem sind das Requiem in dmoll, das <i>Libera<\/i> in fmoll und die <i>Missa<\/i> <i>solemnis<\/i> in bmoll darunter. Er lehnt sich manchmal wohl notengetreu an Mozart an, doch auch an Beethovens von ihm damals noch nicht gekannte neunte Symphonie und an Wagners damals noch nicht vorhandenes \u00bbRheingold\u00ab haben hineinhorchende Nachfahren gedacht. In seinen Abschriften ging er bis auf Caldara und H\u00e4ndel zur\u00fcck. Studien zur Religion und in der lateinischen Sprache bei dem Chorherrn Paulitsch zogen den Bildungskreis ins Weite. Vorspiel und Fuge in cmoll f\u00fcr Orgel gemahnt an die gro\u00dfen Beherrscher des Orgelstils. Werden wir nur nachtr\u00e4glich seiner so froh?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es f\u00e4llt auf, da\u00df in dem Jahrzehnt vor der wohl sch\u00f6nsten Orgel des ganzen Landes ganz wenige reine <a id=\"page25\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page25\"><\/a>Orgelst\u00fccke entstanden, wahrscheinlich drei. Die Orgel begleitete Ges\u00e4nge und Ch\u00f6re, so das f\u00fcr eine Singstimme geschriebene Lied \u00bbO du mein liebes Jesukind\u00ab, die gemischten Ch\u00f6re der sechs \u00bb <i>Tantum<\/i> <i>ergo<\/i>\u00ab und des \u00bbHerz-Jesu-Liedes\u00ab, ebensooft fand sich ein Orchester hinzu mit einer Vorliebe f\u00fcr mehrere Trompeten und drei Posaunen, in anderen F\u00e4llen blieb die Orgel fort, und in wieder anderen auch das Orchester. Die Orgel s\u00e4ttigte in der Produktion die Klangfarben, nichts weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als selbst\u00e4ndigem Instrumente schien, was sie herzugeben geruhte, ihr eingebaut, wie sie selbst eingebaut war. Sie diente beim Nachspielen fremder Meisterwerke und war dem Improvisieren und Phantasieren eines schlagfertig kombinierenden Geistes aufbehalten. Imitationen durch Stimmen und Register laufen und Figuren quirlen lassen, Akkordgedr\u00f6hn gegen Grund und Gew\u00f6lbe schleudern, das mu\u00dfte man immer k\u00f6nnen, es verachtete die langsame Schreibfeder: diese Kunst munter bis zum Schwei\u00dftriefen fortsetzen, hie\u00df schon sie aufbewahren, sie wartete tagt\u00e4glich auf ihren Zauberer, es war eine parate und m\u00fcndliche Kunst, ihr Medium war die triumphale Gegenwart. Das bedeutet: Das Weltkind erwachte auf der Kirchenempore zu seiner Art Andacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drunten tummelte es sich schon ohnehin beim wendigen Schwimmen und Tauchen, es sang den ersten Ba\u00df im M\u00e4nnerquartett der Freunde und drehte sich zur Faschingszeit im Tanze. Gern getanzt hat Bruckner, der von Frauen Ungeliebte, zeitlebens, wie er, der vom Gelde Gemiedene, gern im Wagen fuhr. Seine Besoldung stieg jetzt allerdings und verf\u00fcnffachte sich schlie\u00dflich ungef\u00e4hr zu kl\u00e4glicher H\u00f6he. Aber die Weltlust gedieh. Wenn er und ein Lehrerkollege und der Regenschori und sein sp\u00e4terer Schwager Hueber in den Pausen zwischen den <a id=\"page26\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page26\"><\/a>T\u00e4nzen anstimmten, mag es etwas aus dem Gebiet seiner b\u00fcrgerlichen M\u00e4nnerch\u00f6re gewesen sein, worin ein \u00bbSt\u00e4ndchen\u00ab gebracht wird, der \u00bbLehrerstand\u00ab, die \u00bbSternschnuppen\u00ab und das \u00bbedle Herz\u00ab ihn bewegt, aber auch ein \u00bbLied an das Vaterland\u00ab dargebracht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn die politische M\u00e4rzluft drang bis in die Entlegenheit der Kl\u00f6ster. In Wien hatte der Volksaufstand am 13. M\u00e4rz 1848 begonnen. Metternich wurde entlassen, die Einwohnerschaft bewaffnete, die Presse befreite sich. Aus der Gesamtmonarchie wurden Abgeordnete zur Beratung der Verfassung berufen. Wie rasch die Revolution das Land aufr\u00fcttelte, geht daraus hervor, da\u00df die Linzer, also Bruckners n\u00e4chste Landsleute, schon am 19. eine schwelgerische Dankadresse an die B\u00fcrger der k. k. Haupt- und Residenzstadt Wien richteten. Sie beginnt: \u00bbMuth und Entschlossenheit der edlen B\u00fcrger Wiens und seiner Hochschule haben \u00d6sterreichs Macht neu begr\u00fcndet, uns das erhabenste Geschenk f\u00fcr freie V\u00f6lker, die Zusicherung einer Constitution, erworben. Das konstitutionelle Kaiserreich \u00d6sterreich wird Segen bringen dem Kaiser, dem Volke. Kostbar wird die Frucht der Erf\u00fcllung sein, sie fordert uns Alle auf, sie treu zu bewachen. Ferdinands Worte sind Wahrheit, unbegr\u00e4nzte Liebe ist die Erwiderung.\u00ab Sie schlie\u00dft:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00bbHoch lebe die edle tapfere B\u00fcrgerschaft unserer Hauptstadt Wien!\u00ab<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der selige Schwung erfa\u00dfte auch Bruckner, er schlo\u00df sich (nach Schwanzaras Forschungen) der Nationalgarde an und \u00fcbte milit\u00e4risch. Da die an Erbe und Eigentum der Grundherren haftende Gerichtsbarkeit, die patrimoniale Rechtspflege, aufgehoben wurde, benutzten auch M\u00e4nner wie der Stiftsorganist Kattinger die Gelegenheit, aus der geistlichen Bannmeile zu entfliehen. Allerdings durchschauten die Weisen, wie der Rausch endet. Stifter <a id=\"page27\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page27\"><\/a>warnte damals: \u00bbJeder Mi\u00dfstand, jedes \u00dcbel (von jeder Seite) wird nur durch das ges\u00e4nftigte, edle, ruhige, aber allseitig beleuchtete Wort gut \u2013 durch dieses wird es aber ganz gewi\u00df gut \u2013, und das Wort, diesen \u203asanften \u00d6lzweig\u2039, so hei\u00df ersehnt, endlich errungen, gebrauchen wir jetzt so selten recht, oft wird es eine Z\u00fcndfackel, oft wird es kurz beiseite geschoben und die Gewalt gebraucht, die nur noch mehr verwirrt, die Gem\u00fcter von jeder Seite mi\u00dftrauischer macht, Verzagtheit, Ohnmacht, Z\u00fcgellosigkeit, Despotie und Reaktion hervorruft und in vielen F\u00e4llen nicht einmal die gew\u00fcnschte Frucht, sondern oft die Mi\u00dffrucht erzeugt. Ich bin ein Mann des Ma\u00dfes und der Freiheit \u2013 beides ist jetzt leider gef\u00e4hrdet, und viele meinen, die Freiheit erst recht zu gr\u00fcnden, wenn sie nur sehr weit von dem fr\u00fcheren Systeme abgehen, aber da kommen sie an das andere Ende der Freiheit.\u00ab Weiter fand Stifter, mancher Ehrenmann sei jetzt pl\u00f6tzlich von b\u00f6sen Leidenschaften und gierigen Gel\u00fcsten beherrscht \u2013 \u00bber war n\u00e4mlich nie ein Ehrenmann, sondern seine Triebe waren blo\u00df gehemmt, jetzt f\u00fchlt er den Damm weg, und sie str\u00f6men aus. Wer ein echter, innerer Ehrenmann war, ist es auch jetzt noch, ja, sein Gold hat Gelegenheit, noch mehr zu leuchten als fr\u00fcher. Er gab sich auch im alten System seine Gesetze selber, und diese bestehen noch. Darum ist die Freiheit allein der Probestein der Charaktere, und sie macht auch allein die gro\u00dfen Menschen m\u00f6glich.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir denken bei Stifters \u00dcberlegungen an Bruckner wie an seinen k\u00fcnftigen Oberhirten Bischof Rudigier, der von seinem sakralen Standort aus dachte wie Stifter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner waren die eigenen Gesetze vorausgereicht aus der unpolitischen Revolution seines Innern, die noch kommen sollte. Zu ihnen hin handelte er, grub, um sie zu ergraben, in die Tiefe, harnischte sich in H\u00e4rte, wie sie <a id=\"page28\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page28\"><\/a>noch unentwirrbar forderten, begab sich bei bescheidener Lustbarkeit nicht aus ihrer H\u00f6rweite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er lehrte nun, wo er Sch\u00fcler gewesen war. Gute Kinderbehandlung hatte sein mitgebrachtes Zeugnis hervorgehoben, dabei blieb es. Kindlich-v\u00e4terlich gab er sich auch in den Familien, in denen er verkehrte. Er wohnte wie dereinst im Hause des Lehrers Bogner. Dort bl\u00fchten junge T\u00f6chter auf. Die eine schaukelte er auf den Knien, sang ihr Liedchen vor, spielte l\u00e4chelnd etwas volkst\u00fcmlich Albernes auf dem Klaviere ihres Vaters. Das Kind verwechselte sich als Greisin mit ihrer Schwester Luise, die von dem Hausgenossen ein in Liebe gewidmetes Lied erhalten hatte. Die sechzehnj\u00e4hrige Luise aber lie\u00df Bruckners Liebe nicht ins Herz, wie bald darauf auch die Tochter Antonie des Steuereinnehmers Werner nicht. Bruckner flammte bis ins hohe Alter noch oft und oft auf, wurde nie erh\u00f6rt oder gekr\u00e4nkt und entt\u00e4uscht. F\u00fcr den Jungm\u00e4dchenzirkel von St. Florian entstanden zwei T\u00e4nze f\u00fcr Klavier zu zwei H\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erhalten haben sich noch vier Klavierst\u00fccke zu vier H\u00e4nden. Auch sie sind Hausmusik. Bruckner besa\u00df als Erbst\u00fcck von dem 1848 verstorbenen Stiftsbeamten Sailer einen neuen B\u00f6sendorferfl\u00fcgel, welcher bis zu seinem Tode in seinem Besitz blieb und auf dem er nach der Sage t\u00e4glich zehn Stunden ge\u00fcbt habe neben t\u00e4glich dreist\u00fcndigen Orgel\u00fcbungen. Die Leute h\u00f6rten unter den Fenstern gern zu. Die \u00dcbermachung des Fl\u00fcgels deutet auf Achtung und Freundschaft. Bruckner erwiderte mit der Gedenkmusik des Requiems. Die Zueignungen lassen \u00fcberhaupt erkennen, wie seine kleinen und gro\u00dfen Anh\u00e4nglichkeiten verteilt waren. An Kinder wendeten sich liebe kurze Klaviersachen, an Fr\u00e4ulein Quadrillen und \u00bbSteierm\u00e4rker\u00ab, der Freund Seiberl empfing zwei <a id=\"page29\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page29\"><\/a>Totenlieder und einen Chor \u00bbDie Geburt\u00ab, dem Pr\u00e4laten Arneth weihte den Namenstag eine Kantate, die Bestattung 1854 das <i>Libera<\/i> in fmoll. Seinem Nachfolger Mayr, ebenfalls einem Freunde Bruckners, wurde als dem \u00bbHochw\u00fcrdigsten Herrn Pr\u00e4laten Friederich I.\u00ab zur Infulierung die erste lange Messe zugeschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist einleuchtend, da\u00df Bruckner sich in St. Florian am meisten beheimatet f\u00fchlen mu\u00dfte. In drei Daseinsformen hatte er es in sich aufgenommen, als Sch\u00fcler, als Lehrer, als Gast aus Kronstorf. Nach L\u00e4nge und Vielfalt h\u00e4uften die Aufenthalte im Stift die Erf\u00fcllung der ersten Lebensh\u00e4lfte. Sie erhoben sich aus den Gegens\u00e4tzen kleiner Verh\u00e4ltnisse. Und die erste Lebensh\u00e4lfte ist, weil sie mit beiden H\u00e4nden zubringt und mit einer wegnimmt, mindestens doppelt so lang wie die zweite, wo zwei H\u00e4nde nehmen, was eine schenkte. Darum blieb f\u00fcr Bruckner die Sehnsucht hierher immer heil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gegenwart aber war schlimmer. Prometheische Anstrengungen brachen sich immer an den geistlichen W\u00e4llen, und es freute nicht immer, von den Spielen au\u00dferhalb der Umwallung zur unsichtbaren Burg zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">St. Florian hatte sich spukhaft ver\u00e4ndert. Es war zum zweiten Verbannungsort geworden, \u00e4ngstigender als der erste. Die Einsamkeit unter Mitgefangenen begann Bruckner zu dr\u00fccken, und je mehr Str\u00e4flingsw\u00e4rter um ihn waren \u2013 man wurde als Drei\u00dfiger geduzt! \u2013, um so beklemmender zog sich das Verlorensein in ihm zusammen. In dreitausend Tagen hatte er es nicht gelernt und wehrte sich mit dem Gef\u00fchlswiderstand, der ihm seine Lage \u00fcberhaupt erst deutlich machte. Ihm war es verwehrt, auf die Hochschule zu gehen, wie es sein Freund Josef Seiberl hatte tun d\u00fcrfen. So sandte er ihm <a id=\"page30\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page30\"><\/a>wenigstens schriftlich seine traurigen Gedanken nach. Ein als guter Tenorist ihnen willkommener Kollege sei versetzt worden, sein Nachfolger h\u00e4tte zur Pflege des kr\u00e4nklichen Vaters heim m\u00fcssen, und der Regenschori sei am Nervenfieber gestorben. \u00bbSiehst Du, welch schauerliche Ver\u00e4nderungen! Ich sitze immer arm und verlassen ganz melancholisch in meinem K\u00e4mmerlein.\u00ab Wo k\u00f6nnte er einen Helfer finden? Er besann sich; dem Hofkapellmeister A\u00dfmayr war er vorspielen gereist, und dieser hatte ihn \u00bbgewandt und gr\u00fcndlich\u00ab befunden. W\u00fcrde der sein Gl\u00fcck begr\u00fcnden k\u00f6nnen? Noch immer sprach er vom Gl\u00fcck. In sp\u00e4teren Gesuchen an einflu\u00dfreiche M\u00e4nner flehte er um Rettung, und er \u00fcbertrieb nicht. Er begr\u00fcndete die \u00dcbersendung seines vielleicht noch schwachen und schonungsbed\u00fcrftigen 114. Psalms an A\u00dfmayr so: \u00bbIch habe hier gar keinen Menschen, dem ich mein Herz \u00f6ffnen d\u00fcrfte, werde auch in mancher Beziehung verkannt, was mir oft heimlich sehr schwerf\u00e4llt. Unser Stift behandelt Musik und folglich auch Musiker ganz gleichg\u00fcltig \u2013 oh, k\u00f6nnte ich recht bald wieder m\u00fcndlich mit Ihnen sprechen! Ich kenne Ihr vortreffliches Herz welch ein Trost! Ich kann hier nie heiter sein und darf von Pl\u00e4nen nichts merken lassen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page24\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page24\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er die vielentscheidende Reise zum Herrn Hofkapellmeister A\u00dfmayr nach Wien machte, lie\u00df er ein Lichtbild von sich herstellen. Es hat das Verschollene und das Saubere der alten Daguerreotypien. Bruckner steht auf einem mit diagonal angeordneten Quadraten gemusterten Teppich gegen eine leere Wand. Er hat dem Photographen offenbar mitgeteilt, wer er sei, und sich danach gestellt. Der rechte Arm m\u00f6chte l\u00e4ssiges Selbstbewu\u00dftsein zeigen, die Hand hat die Jacke zur\u00fcckgeschlagen und steckt mit herausgespreiztem Daumen in <a id=\"page31\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page31\"><\/a>der Hosentasche, neben der Uhrkette. Die Linke h\u00e4lt eine wei\u00dfe Rolle schr\u00e4g \u00fcber die Beine und fesselt ihren herabh\u00e4ngenden Arm lose an den K\u00f6rper. Die Gestalt ist schlank und h\u00e4lt sich trotz der niederziehenden Falten im Beinkleid mit bescheidner Straffung aufrecht. Nur der Kopf neigt sich eine Winzigkeit nach links. Ein kr\u00e4ftiger Bart unter kr\u00e4ftiger Nase nimmt den Mund weg. Die dichten, dunklen, kurzen Haare fassen die hart gew\u00f6lbte Stirn in zwei rechten Winkeln ein. Das ganze Antlitz w\u00e4re verschlossen, richteten sich nicht ernste, fast bek\u00fcmmerte Augen auf etwas Entlegeneres, als es diese Stunde des Einheimsens von Anerkennung f\u00fcr jugendliches Streben ist. Ein Hauch bitterlicher Luft um das Haupt (oder ist es nur die Abwesenheit jeder L\u00fcge?) wich nicht, w\u00e4hrend die Figur den kl\u00f6sterlichen Kavalier stellte und eine gro\u00dfe schwarze Halsschleife den Ruhm von morgen anheftete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Jahr sp\u00e4ter war ihm die Gef\u00e4ngnisluft schon so unertr\u00e4glich geworden, da\u00df er auszubrechen versuchte. Schl\u00fcssig, von sich zu werfen, was er bisher erarbeitet und geplant hatte, wollte er Kanzleischreiber werden und wandte sich an die Landesbeh\u00f6rde mit einem wahrhaft phantastischen Schreiben. In abenteuerlich erzwungener Vorstellung sah er den B\u00fcroschemel als den Thron, f\u00fcr den er von je sich berufen gef\u00fchlt, auf den er sich gesehnt habe. Das l\u00f6bliche k. k. Bezirksgericht St. Florian bezeuge, da\u00df er diesem vor ein paar Jahren ganz unentgeltlich, flei\u00dfig und hingebungsvoll seine Dienste gewidmet habe. Er legte der Bewerbung alle Atteste, \u00fcber die er bis dahin verf\u00fcgte, als Anlagen a, b, c, d, e, f, g bei und wurde dann doch mit langen Aktenzeichen kurz abgewiesen, eiskalt, n\u00e4mlich nach l\u00e4nger als einem Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die innere Unruhe w\u00fchlte in ihm weiter. M\u00f6glicherweise <a id=\"page32\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page32\"><\/a>nagte ein Unbehagen dar\u00fcber an ihm, da\u00df seinen Kompositionen, nun schon einem halben Hundert an der Zahl, noch der Freispruch durch einen Geist fehle, der in keinem Menschen hauste und vor den er nicht als Pr\u00fcfling treten konnte. Kirchlich waren sie wissend, technisch waren sie eingeweiht, gleichwohl wandelten sie vor ihm wie Unerweckte, von ihm nicht erweckbar. Die Hand jenes Geistes hatte zuweilen schon die seine gef\u00fchrt, doch er erkannte nicht, was sie schrieb. Im Orchestereingang zum <i>Resurrexit<\/i> der bmollMesse steigt der Streicherchor, vom Pianissimo her aufwehend, \u00fcber leise sch\u00fcttelndem Dominantorgelpunkt chromatisch im Tremolo empor \u2013 das war er selbst, und er erkannte sich nicht. Dem Kyriechor quillt in der Tat beim versunkenen Aufbangen zur Terz und Zur\u00fcckneigen zum Grundton aus der Kehle ein Hauch der acht H\u00f6rner, die misterioso die neunte Symphonie \u00f6ffnen \u2013 er erkannte es nicht. Alt\u00e4re waren um ihn, er war in ihrem Heiligtum, noch nicht im Segen ohne Alt\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darum hatte er in ein langes Jahrzehnt unabl\u00e4ssig die Energien gepre\u00dft, die ihn in ein seinem Werte und seiner Zuversicht entsprechendes Amt tragen konnten. Sein Ehrgeiz durfte sich gekr\u00e4nkt f\u00fchlen, wenn er als supplierender Stiftsorganist von 1845 bis 1849 dienen mu\u00dfte, dann nach Kattingers \u00dcbertritt zur Steuer als provisorischer bis 1855 (er vermerkte das provisorisch auch auf dem Titelblatt der <i>Missa<\/i> <i>solemnis<\/i> in b von 1854), und erst von da ab, als es seelisch f\u00fcr ihn zu sp\u00e4t war, als ordentlicher. Man hat seine Verbissenheit, sich sein K\u00f6nnen immer wieder best\u00e4tigen und bescheinigen zu lassen, eine Sucht genannt, aber er brauchte vorl\u00e4ufig die Scheine alle. Als Lehrer wie als Musiker kam er aus unterster Tiefe. Um nicht ein Handlanger in Trivialschulen <a id=\"page33\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page33\"><\/a>zu bleiben, mu\u00dfte er nochmals nach Linz zu dem zweij\u00e4hrigen neugeschaffenen Kurse, und dann nochmals zu dem ebenfalls zweij\u00e4hrigen Unterrichte f\u00fcr Unterrealschulen, immer von St. Florian aus, schlie\u00dflich zur Lehramtspr\u00fcfung f\u00fcr Hauptschulen. Die letzte hatte er ohnehin drei Jahre \u00fcber die F\u00e4lligkeit hinaus bis 1855 verschoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrenddessen wollte er vor sich wissen, ob er auch in der musikalischen Ausbildung gleichsam als Angeklagter vor Schwurgerichten bestand. Daher hatte er sich Kattinger offiziell gestellt und dessen Kollegen im Stifte Seitenstetten, und sie sollten nicht wohlmeinen, sondern ihr Urteil dokumentarisch vertreten. Daher hatte er Ignaz A\u00dfmayr vorgespielt und Simon Sechter und Gottfried Preyer und Robert F\u00fchrer, lauter M\u00e4nnern von Ruf, die ihm einen obersten Gerichtshof in Dingen der Musik bildeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie hart gebettet aber er sich in dem Florianer Kloster glaubte, geht daraus hervor, da\u00df er, der Mensch ohne Hinterhalt, sich heimlich um die in Olm\u00fctz ausgeschriebene Domorganistenstelle bewarb, zum Zorne seines Pr\u00e4laten und Freundes.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das war im Sommer 1855. Er blieb.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darauf befiel ihn eine Art Gleichg\u00fcltigkeit und Saumseligkeit: Im Herbst starb der Dom- und Stadtpfarrorganist Wenzel Pranghofer in Linz; Bruckner h\u00e4tte sich zum Probewettspiel f\u00fcr die Neubesetzung des Postens melden k\u00f6nnen, er ging aber nur als Zuschauer und Zuh\u00f6rer hin. Sein ehemaliger Theorieprofessor D\u00fcrrnberger nahm die Pr\u00fcfung ab und war mit den Stegreiffugisten unzufrieden. Da holte er den widerstrebenden Bruckner auf die Orgelbank, und unter seinen H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen erschlo\u00df sich aus dem von den anderen <a id=\"page34\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page34\"><\/a>verdorbenen Thema eine hinrei\u00dfende Fuge. Als nach zwei Monaten das entscheidende Wettspiel stattfinden sollte, zauderte Bruckner wiederum unbegreiflich, als l\u00e4ge ihm nichts daran, sein unp\u00e4\u00dfliches Dasein zu verbessern. Mehrere unwirsche Ermahnungsschreiben aus Linz holten ihn endlich heran. Namhafte Organisten stritten mit ihm im Dome, \u00bbder ersten und obersten Kirche in der ganzen Di\u00f6zese\u00ab, zwei aus der Stadt, der dritte und bedeutendste war der Komponist Ludwig Paupie aus Wels. Bruckner triumphierte im \u00bbOrganistenkrieg\u00ab, wie, dar\u00fcber gibt das in der Sakristei aufgenommene Protokoll gravit\u00e4tisch Bescheid. Bis zu Bruckners Auftritt referiert es verhalten schadenfroh. Der erste Bewerber, Privatmusiklehrer in seinem Wochentag, versuchte und versagte. \u00bbDerselbe hat sich daraufhin unbemerkt freywillig entfernt und der weiteren Pr\u00fcfung \u00fcber Choralbegleitung gar nicht unterzogen.\u00ab Der zweite, Paupie, gestand ein, das ihm aufgegebene Thema in cminor sei ihm zu schwer und die von ihm verlangte Choralbegleitung sei ihm ganz fremd. Er griff das Thema an, phantasierte sich jedoch pfiffig aus ihm heraus. Bruckner als letzter errichtete \u00fcber ihm dann eine strenge Fuge, wie er denn \u00bbauch die ihm aufgelegte schwierige Choralbegleitung mit so hervorragender Gewandtheit und Vollendung zum herrlichsten Genusse verarbeitet und ausgef\u00fchrt hat, da\u00df dessen ohnedies in der praktischen Behandlung der Orgel wie nicht minder in seinen bekannten, sehr gediegenen Kirchenkompositionen bew\u00e4hrte Meisterschaft sich neuerdings mit aller Auszeichnung fest erprobte\u00ab. Die Stelle wurde ihm zugesprochen, damit er in seinem Beruf ein Vorbild, \u00bbMuster wahrer erhabener kirchlicher Kunst\u00fcbung f\u00fcr alle Organisten der Di\u00f6zese\u00ab werde. <a id=\"page35\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page35\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im Linzer Jahrzw\u00f6lft traten vier Gestalten vor die anderen in den Vordergrund.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein F\u00fcrst: Bischof Rudigier<\/em>. \u2013 Linz scheint damals eine B\u00fcrgerstadt von etwas klebriger Liberalit\u00e4t gewesen zu sein. Massenhafte Unterschriften unter eine Revolutionsadresse sind gerade aus solch einem Zustande heraus leicht geleistet. Die Stadt hatte bei ungef\u00e4hr zwanzigtausend Einwohnern neun Kirchen, ihre Donauschiffahrt und die Pferdeeisenbahn nach Budweis. Im Jahre 1859 wurde ein Aufsatz \u00fcber den Baustil von Linzer H\u00e4usern geschrieben, der die \u00bbKisten\u00ab und ihre \u00bbwei\u00dfliche, gelbliche, grauliche, gr\u00fcnliche, nichtssagende und kunstlose T\u00fcnche, mit der man so oft Geb\u00e4ude und ganze Gassen \u00fcberzogen hat\u00ab, unf\u00f6rmig, v\u00f6llig gedankenleer und kunsttrostlos schilt. Der Verfasser war ein Dichter, doch er meinte, als Seifensieder w\u00fcrde er seinen Mitb\u00fcrgern weit willkommener gewesen sein. Es war Adalbert Stifter, der gr\u00f6\u00dfte Poet seiner Zeit in \u00d6sterreich, und nicht nur dort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war um die vorige Jahrhundertmitte einer der drei Geistesf\u00fcrsten, die gleichzeitig in den Mauern des kleinen Linz lebten: Stifter, Bischof Rudigier, Anton Bruckner. Ob Stifter je den beiden anderen begegnet ist? Er sandte zwar den Lehramtskandidaten Hager zu dem zweiten, dem Domorganisten, der den musikalischen jungen Mann auf den Kirchenchor zog und sich von ihm h\u00e4ufig an der Orgel vertreten lie\u00df, aber ob Bruckner mit Stifter jemals ein m\u00fcndliches Wort gewechselt hat, ist unbezeugt. Als Stifter sich mit einem Rasiermesser die Kehle durchschnitt, erfuhr Bruckner es nicht; als ein paar Monate sp\u00e4ter die Donaubr\u00fccke von eisernen Schleppern eingerissen wurde, wobei Menschen ins Wasser fielen, geriet die Stadt in Aufregung. <a id=\"page36\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page36\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Bischof Franz Josef Rudigier und Bruckner standen im Bunde der Verehrung dessen, was sie waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudigier, ein Bauernsohn aus Vorarlberg, gebildet in den theologischen Fakult\u00e4ten zu Innsbruck, Wien, Brixen, dann junger Professor des kanonischen Rechts und der Kirchengeschichte in Brixen, Professor der Moraltheologie in Wien, seiner hohen Gaben wegen schon seit 1852 Bischof im neuen Bistum Linz, war ein \u00bbeiserner Charakter\u00ab, ein wilder mittelalterlicher Herzog seines ewigen Herrn, dessen feuerfl\u00fcssige Bilderschrift \u00fcber die ganze Welt hin in den Sternbildern zu lesen stand. Zur Dom\u00e4ne des Ewigen geh\u00f6rten Rudigier selbstverst\u00e4ndlich Schule und Ehe, die Jugend, die da wuchs, die Jugend, die da wachsen w\u00fcrde. Alle Knaben und M\u00e4dchen reiften vom Puppenstand durch die Totenh\u00fclle Gott zu. Daher lag es seiner irdischen Vertretung ob, die Schule zu beh\u00fcten und den Ehestreit zu schlichten und zu richten. Die nachm\u00e4rzlichen Sturmfluten wollten die \u00fcberkommenen apostolischen Rechte als Strandgut in die H\u00e4nde der schwatzenden Spie\u00dfer am ungef\u00e4hrlichen Ufer sp\u00fclen. Sie umgarnten das lebendige Recht mit den Netzen ihrer Gesetze. Empfand Bischof Rudigier in der klerikalen Ordnung die Botschaft von oben, so verstand er sich ebensogut auf die Redensarten der Paragraphenmacher. Bei seinem Parlamentieren stoben die Fetzen. Ungehorsam gegen die Gesetze der Unbefugten war schlie\u00dflich die Forderung seines Hirtenbriefs; der Hirtenstab schlug und stach wie eine Hellebarde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein in Linz residierender Erzherzog wollte ihn zu einer Haustaufe bestellen; er weigerte sich, es sei \u00fcblich, da\u00df der T\u00e4ufling in der Kirche erscheine. Davon war auch ein erzherzoglicher T\u00e4ufling nicht ausgenommen. Dem Kaiser Franz Joseph sagte er in Ischl ins Gesicht, <a id=\"page37\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page37\"><\/a>da\u00df er sich wegen der Unterzeichnung der freisinnigen Schulgesetze vor dem g\u00f6ttlichen Richter werde verantworten m\u00fcssen. Er sp\u00fcrte das Unreife, Unernste, Gro\u00dfmannss\u00fcchtige in den Verordnungen. Er hatte sich oft genug mit dem Linzer liberalen Doktorenregiment herumgeschlagen. Er sah, um an den Weisen zu denken, gegen das Ideal der Sittlichkeit \u00bbdas Ideal der h\u00f6chsten St\u00e4rke aufkommen, das Maximum der Barbaren, das in Zeiten verwildernder Kultur gerade unter den Schw\u00e4chlingen sehr viel Anh\u00e4nger finde\u00ab. Rudigier wurde f\u00fcr die rauhe Folgerung aus seiner Einsicht verhaftet. Der geb\u00fcrtige Linzer Hermann Bahr erinnerte sich aus seinem siebenten Jahre, wie die unertr\u00e4gliche Doktorenherrschaft \u00bbsich erk\u00fchnt hatte, dem hochw\u00fcrdigsten Herrn Bischof Franz Josef Rudigier in seinem eigenen Hause vom B\u00fcrgermeister der Stadt Viktor Drouot durch den Gemeindesekret\u00e4r, den sonst so gef\u00e4lligen, so gem\u00fctlichen, schnaufenden Herrn Eduard Thum, &#8230; Gewalt anzutun und ihn, wie einen gemeinen Verbrecher, just an eben dem Tage, da er vor sechzehn Jahren zum Bischof geweiht worden war, mit der Polizei zum Landesgericht einliefern zu lassen\u00ab. Rudigier nahm weltliches Gericht nicht an, wurde trotzdem zu Kerker verurteilt, aber n\u00e4chsten Tages vom Kaiser begnadigt. Bahr nennt ihn einen im Absoluten ruhenden Geist in der Fehde mit allen Relativit\u00e4ten des irdischen Lebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gleiche Gew\u00e4hrsmann berichtet auch, wie der von ihm verehrte Bruckner vor den Linzer Pfahlb\u00fcrgern und -b\u00fcrgerinnen erschien: er kam eine Zeit ins Haus \u00bbals Klavierlehrer eines losen Tantchens, dem er, verliebt, unabl\u00e4ssig die kleinen ungeschickten H\u00e4ndchen abzuk\u00fcssen nicht m\u00fcde ward &#8230; Bruckner war mit seinen Kratzf\u00fc\u00dfen, vor Verlegenheit schwitzend, in seinen <a id=\"page38\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page38\"><\/a>ungelenken Huldigungen ein b\u00e4urischer Tolpatsch von solcher Possenkomik, da\u00df meine Mutter vor Lachen nicht dazu kam, sich ihn einmal n\u00e4her anzusehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bischof sah ihn durchdringend an und erkannte sein Ma\u00df, schweigend, handelnd. Er ahnte vielleicht, wie der Klavierlehrer sich wegen absch\u00e4tziger Behandlung heimlich ausweinte, er h\u00e4tte verstanden, da\u00df er vor \u00dcberm\u00fcdung in den Lektionen einschlief und, wenn sie ihm einmal zu hoffnungslos schienen, auf dem Klaviere selber vortrug. Als erster in Bruckners Leben gab der Bischof durch die Art seines Schweigens und Handelns die einsame Gr\u00f6\u00dfe des Meisters zu. Er soll ihn auf der Stra\u00dfe mit ausladender Geste wie einen K\u00f6nig gegr\u00fc\u00dft haben. Da\u00df der Bann, den Bruckner aus\u00fcbte, ihm in dem Kerne, in dem die triebhafte Pers\u00f6nlichkeit sitzt, unverst\u00e4ndlich bleiben mu\u00dfte \u2013 dieser einf\u00e4ltige Famulusdrang, sich im grauesten Mottenbr\u00fcten zu vergraben, diese zyklopische Ausb\u00fcndigkeit des Phantasierens auf der Orgel, dann wieder das harmlose Mundartgesprudel des Unbedarften! \u2013, das webte das Vertrauen nur dichter. Er \u00e4ngstigte sich nicht vor dem Zyklopen, und er spottete nicht \u00fcber den sch\u00fcchternen Muttersohn eines liebevoll besuchten Dorfweibleins im nahen Ebelsberg. Er erfuhr am Spiele seines Organisten das D\u00e4monische im Frommen und das Fromme im D\u00e4monischen und bekannte ihm, es erginge ihm wie weiland Saul beim Harfenschlag Davids. Andere, beispielsweise die breite Zuh\u00f6rerschaft Bruckners beim Wettspiel im Salzburger Dom mit dem Virtuosen und Komponisten F\u00fchrer, den er nach dem Urteil der Eingeweihten tief niedergerungen hatte, erkl\u00e4rten ihn f\u00fcr einen Narren. Rudigier kannte ihn lange: er hatte ihn oft aus St. Florian geholt, wenn der Saulswahn ihn \u00fcberkam und Heilung verlangte. Er hatte <a id=\"page39\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page39\"><\/a>ihn jetzt auch im Dienst kennengelernt, wo Bruckner sich mit den rein praktischen Erfordernissen zu besch\u00e4ftigen hatte. Aus seiner ersten Linzer Zeit lagen zwei Eingaben an das bisch\u00f6fliche Ordinariat vor, von denen die eine sich auf Restaurierung und Ausbau der Domorgel bezieht, die andere um Verteilung des Doppelamts an den Orgeln der Stadtpfarrkirche und des Doms auf zwei Personen bittet; Bruckner n\u00e4mlich hatte den Dienst an beiden zu versehen und mu\u00dfte sich von einem ehemaligen K\u00fcrschner helfen lassen, aber \u00bbbei dessen schon sehr hohem Alter werde auch sein Spiel schon sehr mangelhaft, und es kamen diesfalls wiederholt Beschwerden an den Gefertigten, dessen diesf\u00e4llige Verantwortlichkeit ihm wohl sehr schwer f\u00e4llt\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bischof jedoch wandte lieber seine Sorge dem K\u00fcnstler \u00fcber dem Amte zu. Er sa\u00df wie fr\u00fcher als einziger H\u00f6rer in der Kirche, wenn Bruckner f\u00fcr sich \u00fcbte und spielte. Nun war der andere der Priester und er der And\u00e4chtige ohne Weihen. Er f\u00f6rderte Bruckner zun\u00e4chst, indem er ihm reichlichen Urlaub f\u00fcr seine Studien-, sp\u00e4ter f\u00fcr seine Kunstreisen verschaffte. Simon Sechter, der f\u00fcr Bruckner der Magus der Theorie war und ihre letzten Geheimnisse besa\u00df, wohnte in Wien. Es war beschwerlich, brieflich den Unterrichtsdialog zu f\u00fchren. So durfte denn Bruckner jahrelang au\u00dfer f\u00fcr die sechs Ferienwochen sommers, in Zeiten der Orgelstille, noch drei Wochen im Advent und drei in den Fasten zu Sechter fahren. Vielleicht begriff der Bischof die Lebensnotwendigkeit dieser Lehre f\u00fcr Bruckner. Sie war eine Entsprechung des Katholizismus, ihr Dogma duldete keine Abweichung. Sie hatte auch geschlossenes Eigenleben, weil sie nur sich selbst wollte. Auch sie war Einkehr in den Urgrund. <a id=\"page40\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page40\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht minder verstand der Bischof die Dringlichkeit, da\u00df Bruckner seine kirchliche und weltliche Kunst au\u00dferhalb der Stadtmauern befruchte. Bruckner w\u00fcrde am besten entscheiden, wohin er fahren, wen er suchen m\u00fcsse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bischof Rudigier lie\u00df es aber auch an Auftr\u00e4gen nicht fehlen. Zur Grundsteinlegung des neuen Mari\u00e4-Empf\u00e4ngnis-Domes schrieb Bruckner auf seine Bitte die Festkantate. Da sie auf dem Bauplatz aufgef\u00fchrt wurde, wirkte Milit\u00e4rmusik mit. Als die Votivkapelle des neuen Domes fertig wurde und eingeweiht werden sollte, lud der Bischof den schon in Wien t\u00e4tigen Meister ein, wieder die Festmusik zu \u00fcbernehmen; Bruckner widmete ihm darauf die bereits drei Jahre fr\u00fcher, 1866, geschriebene emollMesse \u00bbf\u00fcr Doppelchor und Harmoniebegleitung\u00ab und f\u00fchrte sie nach achtundzwanzig Proben auf. Er verwandte ausschlie\u00dflich Bl\u00e4ser, darunter vier H\u00f6rner und drei Posaunen, weil er an die Auff\u00fchrung im Freien gedacht hatte. Solange Bruckner ihm in seinem Sprengel unterstand, mochte es dem Bischof vornehmer scheinen, Bruckner anders zu helfen als durch Geld. Am Ende hat er es doch nicht absch\u00e4tzen k\u00f6nnen, wie aufreibend der gro\u00dfe reisende Sch\u00fcler als Privatstundenlehrer sich hatte schinden m\u00fcssen, um seinen Aufwand unterwegs einigerma\u00dfen zu decken. Aber als Bruckner so schwer an den Nerven erkrankte, da\u00df er nicht allein gelassen werden konnte, gab Bischof Rudigier ihm einen Priester in das Heilbad mit. Und als Bruckner beim Scheiden aus Linz um die Festigkeit seiner neuen Stellung f\u00fcrchtete, lie\u00df er ihm den Linzer Organistenposten jahrelang aufheben, bis Bruckner selbst auf die weitere Freihaltung verzichtete. Nun aber, zur Auff\u00fchrung der Messe, kam er als ausw\u00e4rtiger freier K\u00fcnstler, und er <a id=\"page41\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page41\"><\/a>wurde als solcher, ungeachtet, da\u00df sein Werk liturgisch weitabgewandt, in den acappellaStil Palestrinas versunken war, gefeiert und hoch ausgezeichnet und erhielt nach einigen Wochen ein Honorar von zweihundert Gulden. Noch sechzehn Jahre sp\u00e4ter schrieb er im Gedenken an den \u00f6ffentlichen Geburtstag der Messe: \u00bb1869 von mir einstudiert und dirigiert an dem herrlichsten meiner Lebenstage bei der Einweihung der Votivkapelle. Bischof und Statthalter toastierten auf mich bei der bisch\u00f6flichen Tafel.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dankbrief Bruckners an den Bischof aber l\u00e4\u00dft uns erschrecken. Wir werden inne, da\u00df der Musiker mit Rudigier die lange Frist \u00fcber nicht wie mit einer Person, sondern wie mit einer Macht verkehrt hatte. Der Bischof mu\u00dfte, um \u00fcber die Unterw\u00fcrfigkeiten seines Sch\u00fctzlings nicht zu err\u00f6ten, versuchen zu erblinden und zu ertauben. Bruckner sieht in dem Briefe als K\u00fchnheit an, da\u00df er es wage, an die bisch\u00f6flichen Gnaden, an den hochgeborenen Oberhirten zu schreiben; doch die Schranken des Anstandes w\u00fcrden durch seine Gef\u00fchle heftigst durchbrochen. \u00bbWohl schon seit 1855 ward durch die bisch\u00f6fliche Gnade mit Auszeichnungen und Wohltaten jeder Art ich Unw\u00fcrdiger hochbegl\u00fcckt.\u00ab Mit R\u00fchrung nehme er das gro\u00dfe Geschenk an, k\u00fcsse dem Geber ehrfurchtsvoll die H\u00e4nde, \u00bbbittend, mir nie Hochdero Gnade entziehen zu wollen\u00ab. Dann bittet er Gott um Lohn und Segen f\u00fcr den Bischof und um Kraft und Ausdauer in schweren K\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer hier noch das Gesprochene nach dem Alltagsgebrauch abw\u00f6ge, begriffe nicht, da\u00df Bruckner in Gew\u00f6lben der inneren Natur angekommen war, wo alles anders scholl und wog als gemeinhin. Er hatte gelernt, sich mit dem Munde der Instrumente vollkommen auszudr\u00fccken, <a id=\"page42\" title=\"Samuel\/Konmax\" name=\"page42\"><\/a>und verlernt, es mit anderem Munde zul\u00e4nglich zu tun. Er gebrauchte Phrasen ohne W\u00fcrde, wenn seine S\u00e4tze selige Fl\u00fcgel h\u00e4tten gewinnen m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Magus: Simon Sechter<\/em>. \u2013 Den Gang zu den M\u00fcttern m\u00f6chten wir das nennen, was bei Bruckner in seinen Bem\u00fchungen um das Letzte und \u00c4u\u00dferste der Theorie \u00fcber die Theorie hinausf\u00fchrt ins Geheimnis. Sein Studium der abstrakten Grunds\u00e4tze der musikalischen Komposition bis zu dem Endzeugnisse Sechters dauerte von H\u00f6rsching an ein gutes Vierteljahrhundert. In dieser Spanne hatte er fast jeden Tag und viele N\u00e4chte daf\u00fcr gen\u00fctzt. Die Kreise waren gewachsen, der weiteste von ihnen fiel mit dem absehbaren Horizonte zusammen. Und es ist keine L\u00fcge, zu sagen, er habe die Akkorde und alle Lebensregung in ihnen mit den F\u00fc\u00dfen erwandert, Schritt f\u00fcr Schritt. Die Kammern, in denen er gewohnt hatte, waren ihre Geburtsstuben, die Felder um H\u00f6rsching, Florian, Windhaag, Kronstorf, Steyr, Enns, Linz, waren ihre Saatfelder, die Lehrb\u00fccher waren ihre unsichtbaren Burgen. Bruckner w\u00e4hlte die schwierigsten Wege, auf denen die meiste Vorsicht und Beharrlichkeit vonn\u00f6ten war. Bei dem \u00fcberwachten, halsstarrigen, halluzinierenden Verweilen wurden die Beziehungen der T\u00f6ne durchleuchtend und lie\u00dfen anschauen, was sich in ihnen verkappte. Wenn von ihren H\u00f6hlen jedes andere abgeschlossen blieb, war der Aufenthalt in ihnen eben der einzige Aufenthalt, und die Bedingungen, von denen er abhing, spiegelten die allgemeinen Bedingungen. Sie hatten ihren Werdedrang, ihr Alter, wurden befolgt oder verletzt. Sie wurden von geistiger Meteorologie erhellt und getr\u00fcbt, trugen ihre Beschwerden und fanden ihren Humor. Hirn und Blut <a id=\"page43\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page43\"><\/a>ihres Pflegers nahte ihnen so dicht, da\u00df sie sich, wie selber mit Blut und Hirn begabt, eigenkr\u00e4ftig zu bewegen begannen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Deshalb erkannten sie kein Geflunker der Vielgereisten und Gewitzigten an, in deren Augen ihre Sitten als altvaterisch erschienen w\u00e4ren. In dem alten d&#8217;Alembert, der da gelehrt hatte, der Grundba\u00df sei der wahre Wegweiser des Ohrs und die wahrhafte Quelle des diatonischen Gesangs, waren sie jung und j\u00fcnger als in irgendeinem Pedanten von heute. Seinem Professor D\u00fcrrnberger in der Pr\u00e4parandenzeit schrieb Bruckner noch aus seiner eigenen Wiener Professur, wie er sich freute, einem Kurse D\u00fcrrnbergers treffliches Lehrbuch zugrunde zu legen. Ebensowenig war ihm der w\u00fcrdige Daniel Gottlob T\u00fcrk gro\u00dfv\u00e4terlich erschienen, als er ihn durch den Mund des Edlen von Zenetti mahnte, die Vorbereitung der Dissonanzen nicht zu vers\u00e4umen, \u00bbdamit das Gef\u00fchl bey dem freyen Eintritte derselben nicht so heftig angegriffen werde\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das zuletzt in dem Hoforganisten und Konservatoriumslehrer Simon Sechter aufgesuchte Orakel vollends berief sich auf die genialen Entdeckungen Rameaus und spann sie nach der Kritik der Gelehrten in den drei B\u00e4nden seines Hauptwerkes bis zu irrigen Konsequenzen aus. Sechter, in der theoretischen Literatur seiner Vorl\u00e4ufer rundum belesen, wurde gar nicht gewahr, wo der Stamm der vielen \u00c4ste wurzelte. Sollte er Rameau noch einmal erfunden haben, so w\u00e4re das f\u00fcr diesen wie f\u00fcr Sechter ehrenvoll. Der wohl beste Kenner der Theoriegeschichte, Riemann, bezeichnet Rameau als den Stammherrn der eigentlichen Harmonielehre und begr\u00fcndet das am k\u00fcrzesten so: \u00bbDer geniale Grundgedanke von Rameaus theoretischem System ist die Zur\u00fcckf\u00fchrung <a id=\"page44\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page44\"><\/a>aller m\u00f6glichen Akkorde auf eine beschr\u00e4nkte Zahl von Grundformen ( <i>accords<\/i> <i>fondamenteaux<\/i>) zun\u00e4chst in der Gestalt der Lehre von der Umkehrung der Akkorde. Da\u00df egc harmonisch dasselbe ist wie ceg, sprach Rameau zuerst aus. Seine <i>Basse<\/i> <i>fondamentale<\/i>(Grundba\u00df) ist eine fingierte (nicht klingende) Stimme, die Reihenfolge der Grundt\u00f6ne der Stammakkorde, von denen der Satz beliebige Umkehrungen bringt; sein Zweck war, einfache Grundformen f\u00fcr die Logik der Harmoniefolgen kenntlich zu machen.\u00ab Ein Sch\u00fcler Bruckners sagte \u00fcber den nach Rameau komplizierten Sechterismus, in der Lehre, die \u00fcber den m\u00e4chtigen Urschritten des Quintfallens und Quartsteigens durch alle sieben Stufen ihre Akkordketten wie Girlanden hinz\u00f6ge, stecke so viel Gesundes, Lebenskr\u00e4ftiges, ja Verf\u00fchrerisches, da\u00df man unter viel Gerumpel \u00fcberall das Elementare gefunden habe. Dem Terzfallen entsprach ein Zwischenfundament.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner dr\u00e4ngte es nach den archaischen Fundamenten. \u00bbUm sie kein Ort, noch weniger eine Zeit; von ihnen sprechen ist Verlegenheit.\u00ab Aber er stieg wie ein Doktor Faust wieder hinauf in das jenseitige Licht seiner Musik, und nun ist der majest\u00e4tisch ruhige Bau noch im tobenden Gedr\u00e4nge schon als graphische Figur in den Partituren abzulesen. Und alle seine Schichten sind aus Gesang erbaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner berief sich oft mit Stolz darauf, da\u00df die Lehrzeit bei Sechter sieben Jahre gedauert hatte. Schwer war es schon, bei ihm angenommen zu werden. Immerhin, von Florian nach Wien zu reisen und die <i>Missa<\/i> <i>solemnis<\/i>vorzulegen, hatte gen\u00fcgt. Dann, als die Hindernisse der \u00dcbersiedlung nach Linz und die des Einlebens \u00fcberwunden waren, begann die Askese: es war Sechters Sch\u00fclern verboten, neben der Lehre zu komponieren, und <a id=\"page45\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page45\"><\/a>Bruckner besuchte w\u00e4hrend der Unterrichts j\u00e4hre auch die Oper nicht. Angesichts versuchter Satzfreiheiten w\u00fcrde der Alte, wie Bruckner erz\u00e4hlte, \u00bbfurchtbar\u00ab. 1855 tauchte er unter und verwendete, wie er in einem sp\u00e4ten Promemoria betont, \u00bball sein Ersparnis und alle seine Zeit, ja die N\u00e4chte f\u00fcr seine Ausbildung\u00ab. 1861 tauchte er auf, da freilich wie \u00bbein Kettenhund, der sich von seiner Kette losgerissen hat\u00ab. Unterweilen trug er sein Haupt aufrecht und rettete sich nur durch vieles Phantasieren auf der Orgel vor Trockenheit. \u00bbFreien Compositionen g\u00f6nnt\u00ab er \u00bbnicht die erforderliche Zeit, nur einige Lieder und Ch\u00f6re f\u00fcr die Liedertafel schrieb er, die, namentlich das (siebenstimmige) Ave Maria, sowohl in Salzburg als in Linz ausnehmend gut aufgenommen wurden.\u00ab Als eine Linzer Zeitungsbesprechung \u00fcber: \u00bbDer Rose Pilgerfahrt\u00ab von Schumann mit deutlichem Fingerzeig auf ihn bemerkte, Schumann sei keine von den traurigen Gestalten, die noch jetzt mit gesenktem Haupte herumschlichen und glaubten, der Kunst Gen\u00fcge getan zu haben, wenn sie den Kontrapunkt in trostloser Abstraktion recht t\u00fcchtig handhabten und in scholastischer D\u00fcrre herumirrten, wehrte er sich: \u00bbIn Linz bin ich der Einzige, der den Contrap. studiert, aber ich senke weder mein Haupt, noch <em>schleiche<\/em> ich herum.\u00ab Der Rezensent solle ja nicht voraussetzen, da\u00df er nach Vollendung seiner Studien glauben werde, der Kunst Gen\u00fcge geleistet zu haben. Wer sollte ahnen, was es bedeutete, wenn er Sechters Buch mit Randbemerkungen f\u00fcllte, wobei sein Meister sogar mithalf, bis der Band nicht mehr zusammenhielt? Wer sollte begreifen, da\u00df die handgeschriebenen Folianten mit \u00dcbungen und wiederum Bemerkungen rund um die Notensysteme herum vom Fu\u00dfboden seiner Wohnung herauf bis an <a id=\"page46\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page46\"><\/a>den Fl\u00fcgelboden anwuchsen? Ihn selbst beruhigte es, da\u00df Sechter seiner Gewohnheit gem\u00e4\u00df allj\u00e4hrlich Zeugnisse erteilte, zuerst \u00fcber Harmonielehre und Fundamentalba\u00df, dann \u00fcber den einfachen Kontrapunkt, zwischenein wieder einmal \u00fcber Orgelspiel, dann \u00fcber den doppelten, den dreifachen und vierfachen Kontrapunkt. Mag der einfache Kontrapunkt, also die Erfindung einer selbst\u00e4ndigen und harmonisch richtigen Gegenstimme zu einem <i>Cantus<\/i> <i>firmus<\/i>, leicht sein, so beginnen beim doppelten, also bei der Vertauschung der oberen und unteren Stimme, Verwicklungen, weil parallel gehende Quarten, die in der Umkehrung ja zu den verbotenen Quintenparallelen werden, ausscheiden sollen. Da handelt es sich trotz der lediglich formalen Absicht bereits darum, eine scheinbar ungefesselte, <em>sch\u00f6ne<\/em> Gegenstimme zu erfinden. Bruckner besa\u00df Sinn f\u00fcr die vertrackte Mathematik dabei, und als er Sch\u00fcler hatte, die es gut machten, freute es ihn, selbst noch trefflichere L\u00f6sungen im Hinterhalte zu wissen. Vor Sechter aber bezweifelte er noch im besten Gelingen gelegentlich seine durchgehenden Aufl\u00f6sungen, so da\u00df der gef\u00fcrchtete, l\u00e4ngst freundschaftlich aufmerksame Theoriemeister ihn just am Tage seines vollendeten sechsunddrei\u00dfigsten Hoforganistenjahres tr\u00f6stete: \u00bb\u00dcbrigens macht es gerade nichts, in diesen Beispielen die Durchg\u00e4nge als unwesentlich zu betrachten, ich ziehe es aber vor, die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit derselben durch neue Fundamente darzutun, dann ist es f\u00fcr jeden Fall gerechtfertigt.\u00ab Bruckner blieb auch in der Folge mit sich nicht zufrieden, als gingen Konvulsionen eines Erdbebens durch das feste Tongeb\u00e4ude, und er m\u00fcsse es unzerrei\u00dfbar in sich f\u00fcgen. Er schickte Sechter neue Berge von Studien. Da gebot der zweiundsiebenzigj\u00e4hrige Greis dem J\u00fcngeren Einhalt. <a id=\"page47\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page47\"><\/a>\u00bbIhre siebzehn Hefte \u00fcber den doppelten Kontrapunkt habe ich durchgesehen und mich mit Recht \u00fcber Ihren Hei\u00df gewundert, sowie \u00fcber die Fortschritte, die Sie darin gemacht haben &#8230; Damit Sie aber in Gesundheit nach Wien kommen k\u00f6nnen, ersuche ich Sie, sich mehr zu schonen und sich die n\u00f6tige Ruhe zu g\u00f6nnen. Ich bin ja ohnehin von Ihrem Flei\u00df und Ihrem Eifer \u00fcberzeugt und m\u00f6chte daher nicht haben, da\u00df Ihre Gesundheit durch zu gro\u00dfe geistige Anstrengung zu leiden h\u00e4tte. Ich f\u00fchle mich gedrungen Ihnen zu sagen, da\u00df ich noch gar keinen flei\u00dfigeren Sch\u00fcler hatte als Sie.\u00ab Wenig sp\u00e4ter hielt Bruckner das letzte Zeugnis Sechters \u00fcber Kanon und Fuge in H\u00e4nden sowie ein musikalisches Abschiedsgeschenk seines Lehrmeisters, die Fuge \u00bbAn Gottes Segen ist alles gelegen\u00ab. Sechter besuchte ihn dann bald darauf auf vier Tage in Linz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne eine amtliche Best\u00e4tigung war der Studienabschlu\u00df f\u00fcr Bruckner kein Abschlu\u00df. Wo war eine ihm \u00fcberlegene Instanz aufzutreiben? Die F\u00fchrer der hauptst\u00e4dtischen Musikk\u00f6rperschaften mu\u00dften zusammentreten. Zum imagin\u00e4ren Konservatoriumsprofessor sollten sie ihn machen. Es waren f\u00fcnf, unter ihnen au\u00dfer Sechter der artistische Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde Johann Herbeck, forthin bis an seinen Tod der Betreuer Bruckners. Vor einer m\u00fcndlichen Befragung scheute man sich und begab sich auf die freigestellte Bitte Bruckners vor die Orgel der Piaristenkirche. Es ist oft erz\u00e4hlt worden, wie dort durch Verl\u00e4ngerung des aufgegebenen Themas dem Pr\u00fcfling eine Falle gestellt wurde, wie dieser durch sein \u00dcberlegen vor dem Spielbeginn eine heitere Spannung erzeugte, wie er dann gl\u00e4nzte und Herbeck zu dem Wort hinri\u00df, das heute jedem in Bruckners Leben Eintretenden wie eine Krone <a id=\"page48\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page48\"><\/a>gezeigt wird: \u00bbEr h\u00e4tte <em>uns<\/em> pr\u00fcfen sollen! Wenn ich den zehnten Teil von dem w\u00fc\u00dfte, was der wei\u00df, w\u00e4re ich gl\u00fccklich!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun war der Aufruhr der Begierde, alles wissen zu wollen und begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, f\u00fcr ein kurzes beruhigt. Es verbarg sich darin mehr, als eine Unterweisung stillen konnte. Der unsichtbare Stern der Sch\u00f6pfung wollte licht werden, und daher mu\u00dfte mit seinem Zustand als Lichtaura aufger\u00e4umt werden. Die Korona war von gleicher Substanz wie der Kern. War sie in ihrer Tr\u00e4chtigkeit durchschaut, so wurde sie aus ihrer liederlichen Herrlichkeit und prahlenden Willk\u00fcr verjagt. Sie wurde ernst und m\u00fctterlich, um den Spruch zu neuer geordneter Regung aus dem Anfang zu erwarten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das All des musikalisch Formalen war entwickelt, bewohnt und benutzt gewesen, bevor der Neugeborene das Ohr ge\u00f6ffnet hatte. Nun entstieg es gleichsam wieder dem Nichts. Gleichsam, denn das Nichts ist nicht vorstellbar und denkbar. Es ist nicht wahr, da\u00df nur das geringste der musikalischen Form im Uralter von der Natur gestiftet worden sei. Es gibt in ihr keinen Ton, der den Willen in sich tr\u00fcge, einmal zur Tonika zu werden, keine Tondreiheit, die sich aus dem Zufall zum Dreiklang beriefe, kein Miteinander von T\u00f6nen, das sich \u00fcbel bef\u00e4nde und nach Wohlbefinden dr\u00e4ngte, keine Konsonanz in nachbarlicher oder verschmitzter oder geharnischter Auseinandersetzung mit einer Dissonanz, keine Tonfolge, die sich anderswohin versetzen oder kanonisch nachahmen wollte, es gibt keine Tonleiter, die doch einmal, wie beispielsweise bei Bach, die Entfernung vom Zenit bis zum Nadir ausdr\u00fccken wird. Alles ist menschliche \u00dcbereinkunft, alles mu\u00dfte erfunden werden. Die griechischen Tetrachorde mu\u00dften in der Meditation entdeckt <a id=\"page49\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page49\"><\/a>und gepaart untereinandergesetzt werden, damit sie ihren Ausgangspunkt anderswo, wir nennen es in der Oktave, wieder entdeckten. Die verschiedene Lagerung der Ausgangsstufen aber lie\u00df die gleichlangen Wanderungen durchaus verschieden erscheinen: Sie f\u00fchrten jeweils durch ganz andere Sitten und Gewohnheiten, durch Provinzen mit eigent\u00fcmlicher Blutmischung und eigent\u00fcmlichem Klima, so da\u00df sie mit L\u00e4ndernamen wie ionisch, dorisch, phrygisch, lydisch, \u00e4olisch ausgestattet werden konnten. Die Tonv\u00f6lker aber sehen eines langen Tages ein, da\u00df sie ein Volk sind und da\u00df dieses sich aus zwei Geschlechtern fortzeugt. Die Geschlechter Dur und Moll vervielf\u00e4ltigen und verfeinern ihren Umgang, die Pers\u00f6nlichkeiten in ihnen lernen \u00fcber sich, ihre Eltern, Verwandten, Freunde, Feinde, G\u00f6tter nachdenken, und allgemach besteht ihr Wesen nicht mehr in mathematisch ausdr\u00fcckbaren Beziehungen, sondern sie haben die nat\u00fcrliche Wirklichkeit inne. Die so weit ausgedehnten Bez\u00fcge gr\u00fcnden aber immerdar auf Prinzipien der ordnenden menschlichen Vernunft und auf Konventionen der auf diese besondere Weise Vern\u00fcnftigen und Willigen. Da\u00df die Dissonanz, die keineswegs gattungsm\u00e4\u00dfig, sondern allein durch ein etwas komplizierteres physikalisches Zahlenverh\u00e4ltnis von der Konsonanz unterschieden ist, dieser entgegengesetzt wurde, ist sowohl ein dialektisches Vergn\u00fcgen wie eine Not, eine Erziehung des Gef\u00fchls wie seine Auslieferung an den Verstand. Der Sinn des Intervalls ist nichts Gegebenes, die Klausel der Kadenz ist nichts Geschenktes, wie denn auch sonst ein Ja und Amen zwar den Beschlu\u00df macht, aber nicht der Beschlu\u00df ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts Festes oben und unten, nichts inmitten und zu Seiten. In mancherlei Idiomen und Grammatiken ist die <a id=\"page50\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page50\"><\/a>Musik des Erdkreises zur Gegenwart herangewandelt. Sie wurden immer nur in ihrem Heimatbereich, der oft genug hinter der Gr\u00f6\u00dfe des europ\u00e4ischen Kontinents zur\u00fcckblieb, verstanden, und ganz nur von den Zeitgenossen. Die Verst\u00e4ndigung war ausgeschlossen, wenn die Entwicklungsstadien der Ausdrucksmittel nur so weit voneinander ab lagen wie die Sprachstufen des Gotischen und Mittelhochdeutschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle urspr\u00fcnglichen Musiksch\u00f6pfer stehen unter dem Zwange, sich den \u00fcberlieferten Hauptgesetzen ihrer Kunst zu vertrauen, bis alsdann das Vertrauen der Gesetze sie zu Gesetzgebern freit. Manche absolvieren die Gesetzeskunde, manche rechnen und spielen, manche wissen, ohne zu lernen. Wir stellen die grunds\u00e4tzliche Frage aber gerade vor Bruckner, weil er zuerst glaubte und dann erkannte, und weil sein Glaube zu Geboten und Verboten sprach: Weil du bist, so sei! Darum liefen die Tag- und Nachtwachen seines Lehrlingtums so ungeheuerlich auf, darum hatte er so lange Fundamente in den grundlosen Grund zu rammen. Endlich war das Wissen so stark wie das Glauben, und beides war im K\u00f6nnen vereinigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier steht es uns an, vorzugreifen und einige Abschnitte aus Bruckners Antrittsvorlesung an der Wiener Universit\u00e4t anzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie Sie selbst aus verschiedenen Quellen wissen werden, hat die Musik innerhalb eines Zeitraumes von zwei Jahrhunderten so kolossale Fortschritte gemacht, sich in ihrem inneren Organismus so erweitert und vervollst\u00e4ndigt, da\u00df wir heute \u2013 werfen wir einen Blick auf dieses reiche Material \u2013 vor einem bereits vollendeten Kunstbau stehen, an welchem wir eine gewisse Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit in den Gliederungen desselben sowie eine <a id=\"page51\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page51\"><\/a>gleiche von diesen Gliedern dem ganzen Kunstbau gegen\u00fcber erkennen werden. Wir sehen, wie das eine aus dem anderen hervorw\u00e4chst; eins ohne das andere nicht bestehen kann und doch jedes <em>f\u00fcr sich<\/em> wieder ein Ganzes bildet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wie jeder wissenschaftliche Zweig sich zur Aufgabe macht, sein Material durch das Aufstellen von Gesetzen und Regeln zu ordnen und zu sichten, so hat ebenfalls auch die musikalische Wissenschaft \u2013 ich erlaube mir, ihr dieses Attribut beizulegen \u2013 ihren ganzen Kunstbau bis in die Atome seziert, die Elemente nach gewissen Gesetzen zusammengruppiert und somit eine Lehre geschaffen, welche auch mit anderen Worten die musikalische Architektur genannt werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Lehre bilden wieder die vornehmen Kapitel der Harmonielehre und des Kontrapunktes die Fundamente derselben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach dem Vorausgelassenen werden Sie, meine Herren, mir zugeben m\u00fcssen, da\u00df zur richtigen W\u00fcrdigung und genauen Beurteilung eines Tonwerkes, wobei zuerst erforscht werden mu\u00df, <em>wie<\/em> und <em>inwieweit<\/em> diesen oben erw\u00e4hnten Gesetzen in demselben entsprochen wurde, sowie zum eigenen Schaffen \u2013 n\u00e4mlich eigene Gedanken musikalisch korrekt verwirklichen, sie belebend machen \u2013 vor allem die volle Kenntnis von der erw\u00e4hnten Musikarchitektur beziehungsweise von den Fundamenten dieser Lehre notwendig ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Entwickelten m\u00f6gen Sie nun selbst entnehmen, da\u00df die Gegenst\u00e4nde \u203aHarmonielehre\u2039 und \u203aKontrapunkt\u2039 bei dem im \u00fcbrigen so weit entwickelten geistigen Leben ebenfalls einen notwendigen Platz finden m\u00fcssen, wo selbe gepflegt, wo selbe, auch ohne den Endzweck, ausschlie\u00dflich K\u00fcnstler heranzubilden, gelehrt <a id=\"page52\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page52\"><\/a>werden k\u00f6nnen; denn sie geh\u00f6ren \u2013 und das mit Recht zu den Tr\u00e4gern unserer geistigen Bildung; da wir durch sie in die Lage kommen, <em>unseren Gedanken und Gef\u00fchlen<\/em> nach musikalischer Richtung hin in \u00e4sthetischer Weise gerechten Ausdruck zu verleihen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weiter verspricht er seinen H\u00f6rern, ihnen manche H\u00e4rten durch praktische \u00dcbungen zu vermindern und sie \u00bbmit sicheren Schritten durch dieses Reich des Wissens von einer Grenze zu der anderen zu bringen\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von einer Grenze bis zur anderen: das war immer die hochherzige Meinung seiner Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Mann der weiten Welt: Otto Kitzler<\/em>. \u2013 Wenn Bruckner den Domkapellmeister Zappe, seinen Hausgenossen, die Kirchenmusik dirigieren sah, dann mu\u00dfte ihm im Orchester ein ausgezeichneter Cellist auffallen. Es war ein junger Mann um die Mitte der Zwanzig, der da freiwillig mitspielte. Seinem Berufe nach war er Theaterkapellmeister. Er hatte schon eine lange Kometenbahn durch den Musikhimmel gezogen, verweilte auch in Linz nicht lange, verschwand nach K\u00f6nigsberg, kehrte jedoch auf drei Jahre wieder, um darauf nach Temesvar, Hermannstadt und Brunn weiterzuwandern. Er hie\u00df Otto Kitzler und war nach vielseitiger Ausbildung in Dresden, Br\u00fcssel, Prag nach Stra\u00dfburg, Troyes, Lyon, Paris und \u2013 Eutin gelangt. Als Studierender, Mitglied von Opernorchestern, Solorepetitor, Musikdirektor, Theaterdirigent war er mit vielen M\u00e4nnern des Fortschritts in F\u00fchlung gekommen, hatte in Beethovens neunter Symphonie unter Wagner gesungen und beherrschte sein Handwerk, ohne im Betriebe zu verstauben. Er brachte den Atem der freien Welt mit. <a id=\"page53\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page53\"><\/a>Um seine schm\u00e4chtige Gestalt, auf seinem Antlitz, in seiner Stimme soll etwas Heiteres gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sp\u00fcrte, da\u00df er Bruckner aus der kontrapunktlichen Grotte zur Aussicht auf dem Berggipfel leiten konnte, und Bruckner, da\u00df er ihm dazu die Hand bieten mu\u00dfte. Kaum war das Spinnen mit Sechter vorbei, ein Spinnen in einer Welt ohne Kunst, so erfolgte mit einem Ruck die Besinnung in umgekehrter Richtung. Beethovens Klaviersonaten offenbarten, wie man von Stund an in gro\u00dfen Formen komponieren konnte, Sechters Scharfsinn hatte gepredigt, wie man sozusagen in einem Jahrtausend die Allwissenheit erwarb. Jetzt dienten Lehrb\u00fccher der Komposition wie die von Lobe, Richter und Adolf Bernhard Marx nur wie geschickte Gehilfen, fr\u00fcher war der Sch\u00fcler ein Gehilfe seiner W\u00e4lzer gewesen. Mit Keckheit und Spa\u00df, die bei Bruckner beinahe wie Vorwitz rechnen, wurden im Beethoven die Vers\u00fcndigungen gegen die unfehlbaren Prinzipien aufgest\u00f6bert. Eine Gesinnung meldet sich darin an, die lange nachher zu dem drastischen Ausspruch gegen Mottl f\u00fchrte: \u00bbAlles, was wir hier machen, geschieht nach den strengen Gesetzen des Generalbasses, jede Dissonanz wird der Regel gem\u00e4\u00df vorbereitet und ebenso aufgel\u00f6st, Freiheiten gibt&#8217;s keine; wenn mir aber sp\u00e4ter einmal einer was bringt, was so ausschaut wie das, was wir hier in der Schule gemacht haben, den schmei\u00df&#8216; i naus.\u00ab So stellten sich auch, als er die Wagnerschen Enharmonien als Zauber erfahren hatte, Sechters und seine Ansicht schroff gegen\u00fcber. W\u00e4hrend der Dogmatiker die enharmonischen Verwechslungen ausschalt als die nat\u00fcrlichen Feinde der gesunden Melodie, welche zwar das Unwichtige mit einem gewissen Gl\u00e4nze umg\u00e4ben, bezeichnete er sie als den Schl\u00fcssel zur neuen Schule. <a id=\"page54\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page54\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Freudigkeit erkl\u00e4rt die rei\u00dfende Eile, mit der er bei Kitzler fortschritt. Der Lehrgang bei ihm dauerte nicht so viele Monate, wie die fr\u00fcheren Klassen Jahre verschlungen hatten. Doch selbst nun noch d\u00fcnkte er sich nicht mehr als ein Scholar. Aus der M\u00fchsal beiseite sehend, bangte er, es werde f\u00fcr ihn zu sp\u00e4t werden zu heiraten: um so r\u00fchrender mutet es an, in einem Briefe die kindliche Mitteilung zu h\u00f6ren: \u00bbWir haben bereits die Instrumentation u. dann die Symphonie, wo auch nur, wie du wei\u00dft, die Sonatenform ist. \u2013 In drei bis vier Monaten bin ich fertig.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kamen die Tage des \u00dcberschwanges, die Tannh\u00e4user-Auff\u00fchrungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie waren Benefizvorstellungen f\u00fcr Kitzler und seine Frau, der Veranstalter hatte sich die Erlaubnis bei Wagner erbeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wagner wurde f\u00fcr Bruckner durch seinen Siebenmeilenstiefelmann Kitzler als Bewohner der weiten Welt entdeckt, als der \u00e4ltere Bruder unter der heutigen allbescheinenden Sonne. Er war ihm nicht der ferne Fixstern, der sich mit jungen Planeten umgab. Bruckner war sogar in seiner Demut der j\u00fcngere Bruder, nicht der Trabant. Aus Wagners fr\u00fchen Partituren, die den Linzern zu Ohren kamen \u2013 \u00bbTannh\u00e4user\u00ab, \u00bbLiebesmahl der Apostel\u00ab, \u00bbFliegender Holl\u00e4nder\u00ab, \u00bbLohengrin\u00ab \u2013, ist kein Gedanke auf Bruckner \u00fcbergegangen, nur, da er auch ein Baumeister war, der Traum von neuer Architektur, neuem Ma\u00dfwerk, neuen Bogeng\u00e4ngen. In den Farben schimmerte nicht mehr nur die Psyche auf, sondern auch die Physis \u00e4u\u00dferte sich darin, und das bedeutete die Aufnahme des Verweslichen in die Unverweslichkeit der T\u00f6ne, weil ja auch im Werkeltag nie das Leibliche aus dem Seelischen verdammt war. <a id=\"page55\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page55\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Koloristik erlebte die Musik seit alters die h\u00e4ufigsten Stilwenden. Gen\u00fcgten dem Geiste auf lange hin die immer gleichpr\u00e4genden Formen, dem kurzlebigen K\u00f6rper gen\u00fcgten sie nicht. Die t\u00f6nenden Hieroglyphen f\u00fcr Bewegungen, Gesten, Geb\u00e4rden wechselten mit den Generationen, wie dann nicht das sie Versinnlichende? War einer erw\u00e4hlt, die Erneuerung zu verk\u00fcnden, so war er es nicht mehr, wenn er allein blieb. Dem Giovanni Gabrieli folgte Heinrich Sch\u00fctz, dem Londoner Bach Mozart. Bruckner fand Wagner nicht allein, doch begn\u00fcgte er sich mit ihm als dem Vollkommensten unter seinesgleichen. Und nicht einmal das: er besuchte Liszt in Budapest. 1864 und 1865 machte er f\u00fcnf Kunstreisen nach dem Neuesten. Da\u00df Liszt seinen Symphonien \u00dcberschriften gab und da\u00df er seinem \u00bbTasso\u00ab, \u00bbPrometheus\u00ab, \u00bbOrpheus\u00ab und weiteren Arbeiten ausf\u00fchrliche Paraphrasen der anregenden Idee voranstellte, warf sie nicht aus den Angeln und versklavte sie nicht der Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So hei\u00df ihn die farbige Orchesterlohe des \u00bbTannh\u00e4user\u00ab anstrahlte, so wenig st\u00f6rte ihn die N\u00e4he des Brandes bei dem, was er Schularbeiten nannte. Kurz nach der Auff\u00fchrung der Oper begann er seine Studiensymphonie. Sie hatte von Wagner nichts gelernt, und auch von Kitzler gerade das Hinl\u00e4ngliche \u00fcber die Sonatenform. Schon die d\u00fcstere Tonart fmoll fand der erfahrene Theatermann ung\u00fcnstig. Aber vom Zeitgeist der Romantik war trotzdem einzelnes gebildet worden, was die Schulluft nicht ausbilden konnte. Der leise Anfangsgru\u00df eines Instrumentes war Gru\u00df dieses Zeitgeistes, der Anklang daran im Lebensabschiedsgru\u00df des allersp\u00e4testen Symphoniesatzes war es dereinst ebenfalls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die nun sich ballenden Musikgestalten wie gleich <a id=\"page56\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page56\"><\/a>die nicht numerierte dmollSymphonie zitierte schon manche noch nicht geschriebene k\u00fcnftige: zuerst die f\u00fcnfte, dann im Andante die dritte, im Scherzo die erste, im Trio die siebente. Die gro\u00dfe dmollMesse spielte im Kyrie Motive aus dem noch unver\u00f6ffentlichten \u00bbTristan\u00ab, aus dem unvorhandenen \u00bbParsival\u00ab, im Agnus aus den ungekannten Nibelungen. Sogar in der R\u00fcckschau auf die Arbeiten der Zur\u00fcstung wimmelt es pl\u00f6tzlich von Wagnerischen Redewendungen. Die Gelehrten haben sie im einzelnen festgestellt. Man h\u00e4tte sie kaum aufgefunden, w\u00e4ren die von solchen Vorahnungen freien Meistersch\u00f6pfungen Bruckners ausgeblieben, denn sie haben nur einen Umri\u00df aus ihrem Entstehungsalter, doch keine Ziele f\u00fcr die Zukunft. Sie w\u00e4ren untergegangen mit den Verb\u00e4nden, in denen sie stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollte Kitzler nicht verwundert gewesen sein, als Bruckner eines Julitages w\u00fcnschte, freigesprochen zu werden? Es schmeckte nach Zunft und Innung. Das innere Auge Bruckners sah unwillk\u00fcrlich, ohne da\u00df sein Bewu\u00dftsein aufzumerken brauchte, die Musikantenzunft mit Lehrbuben, Gesellen und Meistern in Stufenringen aufgebaut. Daher sein stetes Verlangen nach Lehrbriefen und Freibriefen. Kitzler versagte ihm den seinen nicht; sein Abschied von der Stadt stand bevor, man hielt sich wert und lieb, die Freisprechung wurde ein Freundschaftsfest. Bruckner lud das Ehepaar Kitzler ein, nahm einen Wagen und fuhr nach dem J\u00e4gerhause in Kirnburg. Mahl, Brief und Gl\u00fcckwunsch setzten der Unrast ein Ende. Kitzlers Nachfolger, Ignaz Dorn, hatte nur noch Anregungen zu geben, keine Lehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verfolgten ein ungew\u00f6hnlich langwieriges und z\u00e4hes Aufarbeiten der technischen Dinge. Doch auch der Arbeiter war von den technischen Dingen aufgearbeitet <a id=\"page57\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page57\"><\/a>worden. Diese These meint nicht, da\u00df er verletzt oder gebrochen war. Er blieb heil als geistige Person und hatte sie doch in die theoretischen Gegenst\u00e4nde hinein aufgegeben. Er war in die Bauformen und Baustoffe seines Werkes hinein versunken. Machte sich dieses nun mit Gewalt in die Erscheinung auf, so schuf es in handwerklicher Beziehung ebenso sich selbst, wie er es schuf. Der Verzicht auf den Ehrgeiz des Einzelmenschen hatte nicht von geizloser, allmenschlicher Ehre abgelassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Der Freund: Rudolf Weinwurm.<\/em> \u2013 Bruckners Linzer Frist wollte vom Geiste ohne Rest zu fristentr\u00fccktem Gewirke verwebt werden, und doch h\u00e4ngte sich der ganze kleinst\u00e4dtische Alltag an ihn, der Stunden verschmatzte, Wochen pra\u00dfte, Monate wiederk\u00e4ute. Die Liedertafel \u00bbFrohsinn\u00ab, deren Chormeister er eine Zeitlang war, tagte nicht nur, wenn sie in ihrem Vereinssaale \u00fcbte, ihre Seele hauste \u00fcberall und war am schlimmsten, wenn sie nicht sang. Sie l\u00e4chelte sp\u00f6ttisch, wenn Bruckner brummend aus dem Domportal trat, sie schielte bei seinen zahlreichen Lektionen ihm auf Haltung und Lippen, sie tuschelte in Intrigen und schrieb in Zeitungen, so da\u00df er vielleicht am liebsten die T\u00fcr zu seiner Zweizimmerwohnung im \u00bbMesnerst\u00fcckl\u00ab neben der Stadtpfarrkirche hinter sich schlo\u00df. Die Linzer waren nach seinem Urteil \u00bbechte Kr\u00e4hwinkler-Charaktere\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um sie zu erdulden, mu\u00dfte man ab und zu sie schm\u00e4len oder sie mindestens mit Wehmut abschlagen. Dazu bedurfte man eines Freundes, der nicht zu gro\u00df, anh\u00e4nglich und selber im Leiden an Kleinlichkeiten bewandert war. Bruckner fand ihn in Rudolf Weinwurm, dem Begr\u00fcnder des Akademischen Gesangvereins der Wiener Universit\u00e4t. Fl\u00fcchtig hatte er ihn in St. Florian gesehen <a id=\"page58\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page58\"><\/a>und bald nach seinem Antritt in Linz die Bekanntschaft erneuert, auf der R\u00fcckfahrt Weinwurms vom Salzburger Mozartfeste. Als dieser zum dritten Male die Orgelkunst Bruckners in Wien bewundert und den dankbaren Bericht Ludwig Speidels dar\u00fcber gesandt hatte, war der Bund geschlossen. Weinwurm hatte einen Kreis ber\u00fchmter Musiker zu dem \u00bbPrivatgenusse\u00ab aufgefordert, und Bruckner antwortete: \u00bbAlso du bist es, der sich geopfert, du, der f\u00fcr mich so treu sorgte, du, der mich auch k\u00fcnftig nicht verl\u00e4\u00dft.\u00ab Von nun ab nannte er Weinwurm den einzigen wahren Freund, den er besitze. Er f\u00e4nde in ihm das teilnehmende Gem\u00fct, das er bei anderen Vertrauten vergebens suche. Er bat ihn um ein Bildnis, damit es lebenslang einen Ehrenplatz in seiner Wohnung einnehme. In der Mehrzahl der Briefe an ihn freut er sich auf ein Wiedersehen oder bittet inst\u00e4ndig, der Freund m\u00f6ge gleich schreiben. Weinwurm mu\u00dfte mehrmals mit Geld aushelfen, weil die 542 Gulden Sold und der Nebenverdienst nicht reichten. Um so notpeinlicher gr\u00e4mte sich Bruckner, als er eine Gegenbitte Weinwurms zu erf\u00fcllen nicht imstande war. Die l\u00e4ppischen Kleinigkeiten versch\u00f6nerten sich im Herzen des Freundes. Bruckner z\u00f6gerte nicht, ihm seine Quartierw\u00fcnsche f\u00fcr Wien mit ausf\u00fchrlichen Einzelheiten vorzutragen, von der Gartenaussicht an bis auf die Retirade hinab. Das Poetische an derlei hausbackener Kameradschaft war die Gewi\u00dfheit, alles werde wie von einem zweiten besseren und hurtigeren Ich ausgef\u00fchrt werden. Er wu\u00dfte seine Klagen \u00fcber \u00fcble Behandlung durch die Mitb\u00fcrger nicht in den Wind geworfen, darum jammerte er nicht viel, stie\u00df ein paar kr\u00e4ftige Seufzer aus, polterte, rumorte ein wenig, damit der andere begriffe, wie es stand, und beide Verb\u00fcndeten labten sich alsdann an der Wohltat, da\u00df <a id=\"page59\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page59\"><\/a>leisere Klageechos zwischen ihnen hin und her gingen. Einmal teilte Bruckner mit, wie die M\u00e4dchen einer ausw\u00e4rtigen Singakademie gegen ihn aufgereizt gewesen seien, wie er infolge arger Beleidigungen aus der Liedertafel ausgetreten sei, ein anderes Mal, wie ihm Weinwurms Bruder Alois in Linz das Du aufgek\u00fcndigt habe, und er h\u00e4tte den Grund der Verleumdungen und der Hetze nicht aufdecken k\u00f6nnen. Einmal best\u00fcrmte er Rudolf, ihm zu sagen, warum er gar auch bei ihm beschuldigt worden sei, des weiteren gestand er ihm, wie er, selber grippekrank, sich um ihn wegen der Cholera in Wien gesorgt habe. Die Anh\u00e4nglichkeit zog ihn aus allen dumpfen Winkeln des Daseins fort, aber sie tr\u00fcbte ihm nicht den Blick f\u00fcr das Gerechte. Als auf einem S\u00e4ngerbundesfest sein neuer erhabener Chor \u00bbGermanenzug\u00ab gegen Weinwurms \u00bbGermania\u00ab unterlag, mu\u00dfte er von seinen Anh\u00e4ngern mit Zureden fast auf das Podium gezerrt werden, um mit dem zweiten Preise vorliebzunehmen. Das hinderte nicht, da\u00df Weinwurm weiter sein \u00bbliebster und w\u00e4rmster Freund auf der Welt\u00ab und der \u00bbBalsam des Lebens\u00ab blieb, da\u00df er ihm sachlicher als irgendwem sein Aussp\u00e4hen nach Liebe und Ehe anvertraute, da\u00df er ihm die Kr\u00e4nkung erz\u00e4hlte, wie ihm das Schubertsche St\u00e4ndchen als Geschenk zur\u00fcckgewiesen worden w\u00e4re, kurzum: \u00bbDu bist mir unentbehrlich \u2013 ich habe nur einen Freund \u2013 und der bist du.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erschlie\u00dfen aus dieser Freundschaft, was Bruckner von Freundschaft \u00fcberhaupt erwartete und worin er am einsamsten war. G\u00f6nner, Huldiger, Stifter haben ihn in den Hochgefilden seiner Sendung mehr begl\u00fcckt, aber in den Tiefen des Alltags, mochten ihn die Fr\u00f6hlichen umringen und er selber mit ihnen behaglich sein, kam ihm die Heimat abhanden. <a id=\"page60\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page60\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den ausgehenden Linzer Jahren wiederholten sich, ungeheuer verst\u00e4rkt, die Spannungen, die vor dem Abschied aus St. Florian an ihm ger\u00fcttelt haben. Unheimliches hatte seine Nerven befallen, sie brachen zusammen. Es war jetzt nicht gut, wenn er allein blieb. Es war vortrefflich, da\u00df ihn in der Kaltwasserheilanstalt Kreuzen der von Bischof Rudigier entsandte Priester bewachte und zu Hause w\u00e4hrend der letzten drei Jahre seine j\u00fcngste Schwester Maria Anna versorgte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wurzeln seiner \u00fcberaus herben Melancholie sind in keinen \u00e4u\u00dferen Tatsachen zu ergraben. Was lag vor? Die Menge der Privatstunden schrumpfte zusammen und mit ihnen der Gelds\u00e4ckel, aber ein Zuschu\u00df zum Kurgebrauch wurde erbeten und gew\u00e4hrt, der Wunsch nach Gehaltsaufbesserung wurde gewagt in der Hoffnung, nicht taube Ohren zu finden. Bewerbungen um einen zus\u00e4tzlichen Posten in der Stadt beim heruntergewirtschafteten Musikverein waren an Bruckners k\u00fcnstlerischen Bedingungen gescheitert \u2013 die S\u00e4nger sollten wenigstens f\u00fcr eine Stunde w\u00f6chentlich auf Ehrenwort p\u00fcnktlich erscheinen \u2013, Bewerbungen nach au\u00dferhalb, so um die Stelle des verstorbenen Hoforganisten A\u00dfmayr oder die um eine Besch\u00e4ftigung unter K\u00f6nig Ludwig von Bayern, schlugen fehl, aber immerhin waren die Hochherzigen in Linz nicht tr\u00e4ge geworden. Der Kreiskommiss\u00e4r, der Bischof, der Domdechant Schiedermayr blieben ihm gewogen, den Feldzeugmeister Grafen Huyn versetzte er bei einem Besuch durch sein Orgelspiel in eine Stimmung: Ehrfurcht! Ehrfurcht! Ihnen voran hielt, ihm unverbr\u00fcchlich verschworen, ein Sch\u00fcler aus, sein einstiger Amtsnachfolger Karl Waldeck. Bruckner stie\u00df ihn einmal im Zorn \u00fcber unp\u00fcnktliche Me\u00dfhilfe von sich, Waldeck aber vermittelte ihm Arbeit, immer treu. <a id=\"page61\" title=\"isenheim\/gary\" name=\"page61\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch viel ungl\u00fcckliche Liebe erl\u00e4utert uns seinen verzweifelten Zustand nicht. Sie war ebenso Folge wie Grund seiner Verst\u00f6rtheit. Die siebzehnj\u00e4hrige Josefine Lang richtete die ernsteste Wirrsal in ihm an. Er hatte sie bei einer Schulvertretung kennengelernt, war in seliger Angst um sie, die anderen l\u00e4chernd vorkam, stellte sie vor die unbedingte Wahl des Ja oder Nein und erhielt die \u00bbg\u00e4nzliche ewige Absage\u00ab. Die Glut schwelte unterirdisch weiter und war nicht zu ersticken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Gesangsproben blieben leer. Warum? War die Welt als \u00bbPagage\u00ab begriffen, wie es an Weinwurm hei\u00dft, war die Schwermut in Menschenfeindlichkeit umgeschlagen, warum dann der menschenhungrige Verzweiflungsschrei aus der Ein\u00f6de: \u00bbBitte innigst, retten Sie mich, sonst bin ich verloren\u00ab? Phantastische Auswanderungspl\u00e4ne gebaren sich in seinem Kopf. Er habe geh\u00f6rt, Weinwurm wolle zur Hofkapelle nach Mexiko gehen. \u00bbIst etwas Wahres daran? Auch mir wurde ein solcher Antrag gestellt. Schweige gegen Jedermann hier\u00fcber und schreib mir. Gehen wir nach Ru\u00dfland und wo immer hin, wenn man uns im Vaterland nicht kennen will.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Gaukelei t\u00e4uschte ihn: er war bereits ausgewandert und hatte sein Land erreicht, kein anderes h\u00e4tte ihm gefrommt. Der Blitz, um den er solange gerungen, war in mehreren Strahlen niedergefahren und hatte gez\u00fcndet; eine alte Welt brannte aus, und er war mit unsichtbaren Brandwunden bedeckt. In die neue Welt, aus der die Blitze gespr\u00fcht waren, pa\u00dften die Gef\u00e4hrten nicht mehr hinein, und auch er als sterbliche Gestalt fand sich fortan nur unbeholfen darin zurecht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den zweiten Symphonieversuch in dmoll glaubte er eines Tages selbst mit einer Null \u00fcberschreiben zu <a id=\"page62\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page62\"><\/a>m\u00fcssen. Obgleich er ihn \u00fcberarbeitet hatte, fragte ihn ein Sachkenner, wo denn das Thema sei. Richtig, das Thema war eine arbeitende Begleitung. Die brauchbare Keimkraft im weiteren bewahrte sich ohne Zutun auf und streute ihre Samen von neuem aus, als sie gereift waren. Das Scherzo erschien schon in. der n\u00e4chsten Symphonie wieder, verwandelt, gestrafft, herrischer im Geist, doch verwandt dem Vorg\u00e4nger schon in dem anfangenden Unisono der Streicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung plagte Bruckner nie. Aber als die Nullte (entstanden 1863\/64, revidiert 1869) unverz\u00fcglich von der dmollMesse beiseite gedr\u00e4ngt war, f\u00fchlte er die Glieder der neuen Gestalt an und sagte sich auf seine Weise: Es sind Gigantenlieder. Er hie\u00df sie \u00bbmein Kleinod\u00ab und schenkte sie in der Widmung der Gottheit. Ihre Form umschreitet schon sein All, hier das der religi\u00f6sen Erl\u00f6sung, in geschlossenem Kreise, wie deutlicher und deutlicher die Symphonien. Er stimmte dem golden in wei\u00dfe Seide gestickten Motto zu, das ihm nach der Auff\u00fchrung im Dome \u00fcberreicht wurde: \u00bbVon der Gottheit einstens ausgegangen, mu\u00df die Kunst zur Gottheit wieder f\u00fchren.\u00ab Erst der Tod entzog es seinen Augen; er hatte den kleinen Lorbeerkranz, an dem die bestickte Schleife hing, unter Glas rahmen lassen. Es begann und beschlo\u00df das Dankgedicht eines seiner besten H\u00f6rer, Mayfelds.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ebenso war ihm der Rang seiner ersten bleibenden Symphonie in cmoll bewu\u00dft. Wir lesen es wieder mehr in \u00c4u\u00dferungen seiner ganzen Natur als in gestochenen Worten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Proben weinte er. Die Musiker mu\u00dften sich doch erbitten lassen, das Werk vor dem H\u00f6llensturz zu bewahren. Nach der Urauff\u00fchrung war er trotz des Erfolges <a id=\"page63\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page63\"><\/a>zerbrochen, nicht weil er wegen des schwachen Besuchs lediglich aus den Reihen der Aristokratie draufzahlen mu\u00dfte, sondern weil er es mi\u00dfkannt f\u00fchlte. Die Schwierigkeiten ohnegleichen f\u00fcr das Orchester besiegte er in sich nach dem Glauben, auf den Bach einst eine Motette gebaut hatte: Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf mit unaussprechlichem Seufzen. Die technischen Unbarmherzigkeiten waren aber leichter zu bezwingen als eben der unf\u00fcgsame k\u00fchne Geist. Nach Jahrzehnten noch war Hugo Wolf vor ihm stutzig und gestand, bis auf das Scherzo und einiges aus dem ersten Satz gar nichts verstanden zu haben. Und Bruckner erinnerte sich aus der schmerzmildernden R\u00fcckschau, sich beim Finale um keine Katze geschert und nur den funkelnden \u00dcberf\u00e4llen nachkomponiert zu haben. Absichtliche Vermessenheit widersprach seinem Sorgenweg bisher. Was wu\u00dfte er, was er B\u00f6ses mit der in langen Ehren ergrauten Sonatenform getan hatte, wie die drei Themen statt der klassischen zwei sowohl dehnten wie pre\u00dften, l\u00e4ngten und k\u00fcrzten, wie sich die Verh\u00e4ltnisse der Hauptteile verschoben hatten, wie statt der vorgefa\u00dften Geschlossenheit der Gliederung die offenen Flutungen der Entwicklung eingedrungen waren, wie sogar der Tonalit\u00e4t schwindelte, wie sie sich langsam, atemschwer herankl\u00e4rte! Was wu\u00dfte er, welche Riesen er eingelassen und welche Lasten sie besonders in das Finale, den bisherigen Ort der Entlastung, hineingeschleppt hatten! Ebenso axiomatisch waren ihm die Qualst\u00fcrme im Kyrie der emollMesse, die Verzahnungen und Verbei\u00dfungen der Geschlechter Dur und Phrygisch in ihrem Gloria.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem widerspricht keineswegs sein fr\u00f6hliches, geradezu mutwilliges Untertauchen in b\u00fcrgerlichem Behagen. Er wollte kein mystischer Meister werden, seine Ohren <a id=\"page64\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page64\"><\/a>hatten von dergleichen nicht vernommen, er war es aber, und sein g\u00fctiger D\u00e4mon fl\u00fcsterte ihm ein, er solle probieren, es zu verleugnen. Zudem brauchte er die breite ober\u00f6sterreichische Weltlust, um mit ihr in seinem Klangreich die Feierabendt\u00e4nze zu begehen. Das Vergn\u00fcgen, mit dem er deftigen Speisen \u00fcberreichlich zusprach, die Munterkeit, mit der er Wein trank, schnupfte und rauchte, in unbel\u00e4stigende, wohlig weite Kleidung gesteckt, gab ihn der bescheidenen Mitmenschheit wieder, und sie huldigte ihm in geselligem Geschw\u00e4tz, wie sie es verstand. Der \u00bbBayerische Hof\u00ab und der \u00bbRote Krebs\u00ab haben ihn oft gesehen und ihm Leckeres geboten. Seine strotzende Gesundheit wollte in der Arbeit wie in der Rast gleich besch\u00e4ftigt sein. Er d\u00e4mpfte sich, er r\u00e4umte den einen Tisch ab, indem er den anderen besetzen lie\u00df. Er heilte die spukhafte Krankheit der \u00dcberanstrengung, die in Spalten seines Ichs nistete, gleichsam durch Auflegen des n\u00e4chstbesten Lauwarmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur Sangesbruderumgebung, der er Seichtes und S\u00fc\u00dfliches aus der Kehle zu schmeicheln hatte, konnte er von seinem Vollbringen unm\u00f6glich sprechen, und zu sich selbst davon zu sprechen, war \u00fcberfl\u00fcssig, da er als Vollbringer sich schon ohnehin mit F\u00fc\u00dfen trat. Damit hielt er den Schein aufrecht, als w\u00e4re er noch der Bruckner vom \u00bbKrebs\u00ab, nachdem er durch unbegreifliche Explosionen zu neuer Pers\u00f6nlichkeit umgeschaffen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcberg\u00e4nge wurden ihm unkenntlich wie \u00fcberschwemmte Furten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie die Tiere eine in ihrer Umgebung unauff\u00e4llige Schutzfarbe annehmen, war seine k\u00f6rperliche Gestalt von einer in die Provinzstadt passenden Schutzgestalt \u00fcberdeckt. Der gut mittelgro\u00dfe Mann war st\u00e4mmig, ein biederer Blick konnte ihn f\u00fcr beh\u00e4big halten. Der volle <a id=\"page65\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page65\"><\/a>Hals, die breite Brust verrieten zwischen und in den \u00bbH\u00e4userkisten\u00ab nichts von der Muskelanstrengung, die in den Orkanen des Orgelspiels notwendig und so hitzig war, da\u00df die W\u00e4sche oft mehrmals am Tage gewechselt werden mu\u00dfte. Und doch scheint in einem damaligen Lichtbild der Ansatz des Nackens, den hartstirnigen Rundkopf gebieterisch zur\u00fcckzuwerfen, nur geb\u00e4ndigt. Das fleischige Gesicht unter der schlichten Kappe brauner, kurzgeschnittener Haare ist f\u00fcr die erste Musterung wohlwollend intelligent, es k\u00f6nnte, wenn auch nicht gerade einem Gastwirt oder Gewerbetreibenden unter seinen Vorfahren, einem im Verwaltungsberuf Aufstrebenden geh\u00f6ren. Noch ist die Nasenwurzel verdeckt, und was an Leid und Energie auf der Oberlippe \u00fcber dem geschwungenen Mund irisieren mag, verh\u00fcllt sich unter dem breiten Schnurrbart. Die Augen allerdings fragen wie auf jedem Bilde ruhig in ein hinter den Erscheinungen liegendes Erstaunliches hinaus. Noch ist ihr Blau dunkel, sp\u00e4ter scheint es blasser geworden zu sein. Die von ihnen ausgehenden Falten haben etwas G\u00fctiges und Blankes. Unter dem rechten Auge hat sich in den erbarmungslosen Vigilien ein schmaler Sack angestaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er einmal auf dem Fasching den weltreisenden Geiger in wallendem Mantel vorstellte, war die Violine winzig. Die vorgegebene Winzigkeit war auch im Leben ohne Faschingsflitter oft sein Schutz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie vor dem Abschied aus St. Florian befiel ihn wieder eine halb aufgeregte, halb lethargische Unentschlossenheit. Simon Sechter war im September 1867 gestorben, es gab keinen geeigneteren f\u00fcr die Nachfolge als ihn. Herbeck wollte ihn demnach an seine Anstalt, das Wiener Konservatorium, ziehen. Bruckner, ganz Kniefall und ganz Zweifel, sah ihn wie den Versucher zu sich <a id=\"page66\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page66\"><\/a>kommen, der die Herrlichkeit der Welt in H\u00e4nden hielt und, ach, sie ihm nicht zu F\u00fc\u00dfen legte. Er begann zu schwanken, nach r\u00fcckw\u00e4rts Halt, nach vorw\u00e4rts Sicherung suchend, da\u00df sein Fall furchtbar nahe war. Das hinter ihm Liegende war gediegen, aber karg, das vor ihm Lockende nebelhaft, aber ger\u00e4umig. Das \u00e4u\u00dfere Leben starrte ihn mit einem Male so kahl und unfruchtbar an, wie es war. Er zitterte und forderte wie ein Wucherer. Einmal mu\u00dfte sich sein Los wenden. Griff er diesmal falsch, so schlugen die bitteren Wasser \u00fcber ihm zu. Herbeck mu\u00dfte ihm die unw\u00fcrdige Verzagtheit verweisen. Er solle nicht so \u00fcberspannt vom Gehen \u00bbaus der Welt\u00ab schreiben, wo er \u00bbin die Welt\u00ab aufbr\u00e4che. \u00bbEs geht ja alles gut! Also ruhig Blut! Haben Sie so wenig Vertrauen auf mein gegebenes Wort, da\u00df Sie sich zu so jammervollen Ausbr\u00fcchen gedr\u00e4ngt glauben. Es ist nicht wahr, da\u00df Sie \u00fcberall daneben kommen, da\u00df Sie Ihr Vaterland verst\u00f6\u00dft, Sie m\u00fcssen nur so gerecht sein, einzusehen, da\u00df eine Existenzfrage nicht im Handumdrehen abgetan werden kann, namentlich wenn von dem Betroffenen wichtige und begr\u00fcndete Besorgnisse ausgesprochen werden.\u00ab Am gleichen Tage, an dem Herbeck dies schrieb, gab sich Bruckner in einem Briefe an Weinwurm verloren. Statt des Vertrages \u00fcber die Professur in Generalba\u00df und Kontrapunkt und Orgellehre am Wiener Konservatorium mit 800 Gulden Gehalt neben der Exspektanz einer Hoforganistenstelle blieb das Nichts. \u00dcber Linz war er durch die Verhandlungen innerlich l\u00e4ngst hinaus. Es heulte in ihm wie ein aschentreibender Wind. Weinwurm k\u00f6nne sich von seinen Schmerzen und seiner gr\u00e4\u00dflichen Trauer keinen Begriff machen, er k\u00f6nne weder essen noch schlafen und meine, er m\u00fcsse hinabkriechen. \u00bbWeinwurm, bemitleide mich <a id=\"page67\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page67\"><\/a>doch, da\u00df ich hoffnungslos \u2013 vielleicht auf ewig verlassen dastehe!\u00ab Ebenfalls selbigen Tages streckte er die H\u00e4nde nach Hans von B\u00fclow aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine wahre Apokalypse der Kleinmut brauste \u00fcber ihn hin. Sie ist nicht der Spuktraum eines Beliebigen. Die H\u00e4lfte seines Lebens hatte er dem Satan der Plage geopfert, um die andere dem Erzengel opfern zu d\u00fcrfen. Nun erhob sich die Gefahr, da\u00df das erste Opfer vergeblich sein, das zweite nicht angenommen werden w\u00fcrde. Das Gewissen, die Lauterkeit und den Edelmut in der Mittlerschaft Herbecks leugnete er nicht, aber wie sollte Herbeck ahnen, da\u00df seine Grundkraft nicht der Sto\u00df war, sondern das Aushalten: Andacht in der n\u00fcchternen Arbeit, in der Bewunderung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indessen, wie ihm verhei\u00dfen war, es ging ja alles gut. Er erhielt die Professur. Um den glei\u00dfenden Titel Professor hatte er sich schon fr\u00fcher vergebens bem\u00fcht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nein, es ging nicht gut, ohne Schuld Herbecks. Nach der ersten Verbannung in Windhaag hatte er die zweite vor dem Losrei\u00dfen aus St. Florian durchlebt, die dritte l\u00e4ngere vor dem Losrei\u00dfen aus Linz \u2013 nun ging er in das vierte und endg\u00fcltige Exil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Linz aber wurde nach seinem Abschied zur eigentlichen Brucknerstadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der \u00dcbersiedlung nach Wien ab scheint Bruckners \u00e4u\u00dferes Leben stillezustehen. Wir fahren uns \u00fcber die Augen, als m\u00fc\u00dften wir eine T\u00e4uschung wegwischen: War er nicht in zahlreicheren und gewichtigeren \u00c4mtern eingespannt als bisher? Machte er nicht h\u00e4ufigere und weitere Reisen? Wuchsen nicht die Triumphe aus H\u00fcgeln zu Bergen, die Niederlagen aus Gruben zu Schl\u00fcnden? Dr\u00e4ngten sich nicht die Auff\u00fchrungen seiner Werke in St\u00e4dten und L\u00e4ndern bis \u00fcber den Ozean? Reichte seine Bekanntschaft nicht vom Gauner bis zum Kaiser?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page68\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page68\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haben wir die siebente, die achte oder die neunte Symphonie im Geh\u00f6r, um nur diese drei zu nennen, die K\u00f6nigen gewidmet sind \u2013 mit Bruckners Worten dem K\u00f6nig vom Geist Ludwig II., dem K\u00f6nig der Macht Franz Joseph und dem K\u00f6nig von oben \u2013, so z\u00e4hlt das alles nicht. Die \u00c4mter, sie sind Fortsetzung des Fr\u00fcheren, und sie fangen ihn nicht mehr. Die Erfolge und Mi\u00dferfolge, sie sind Vergr\u00f6\u00dferungen und Verkleinerungen des Bisherigen, die Reisen, sie sind Wiederholungen, die Auff\u00fchrungen \u2013 wir behalten die Daten nicht mehr, wir nennen uns nur mehr die Dirigenten der ersten Darstellungen, nicht mehr die der zweiten und dritten, wir schlagen das in den Annalen nach. Die Chronik erfa\u00dft pl\u00f6tzlich nicht genug, sie scheint \u00fcberdr\u00fcssige und untreue Dienste zu tun. Sie leitet nicht in die Fl\u00fcsse der Geschichte, sondern in die Weiher und Lachen der Anekdote. Die Lebensentwicklung z\u00f6gert auf den zielstrebigen Pfaden und durchquert und umkreist daf\u00fcr Schichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Stadt Wien selbst zog sich vor Bruckner zur\u00fcck und \u00fcbersprang ihre alten W\u00e4lle und Gr\u00e4ben. Eine prachtreiche Bauepoche brach an, die Oper und das Konservatorium waren unter ihren ersten Zeugen. In die <a id=\"page69\" title=\"cal\/Muerei\" name=\"page69\"><\/a>Breitspurigkeit und \u2013 da die breiten Spuren auch seeleneinw\u00e4rts f\u00fchren \u2013 L\u00fcgenhaftigkeit des Lebens fand sich Bruckner nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen bauten unsichtbare F\u00e4uste einen vision\u00e4ren Weltraum aus. Die Reihe der Symphonien scheint auf, in gr\u00f6\u00dferer H\u00f6he nochmals ann\u00e4hernd vollst\u00e4ndig die gleiche Reihe, in dritter \u00dcberh\u00f6hung abermals, dazwischen unter den Firnen k\u00fcrzere Gesangswerke. W\u00e4hrend der Jahre 1869 bis 1896, von der Ankunft in Wien bis zum Tode, h\u00f6rt das Wimmeln und Webern der Gedanken an und ab, hin und wieder nicht auf, gleichgesonnener gro\u00dfer Gedanken. Die zweite Symphonie entstand 1871\/72, die letzte Eintragung darin 1891, die dritte in dmoll, die Wagnersymphonie, in erster Fassung 1873, in zweiter 1876\/77, in dritter 1888 bis 89, die vierte, romantische in erster Fassung 1874, in zweiter 1877\/80, in dritter 1888\/90, die f\u00fcnfte, kontrapunktisch dichteste in Bdur 1875\/77, die sechste, luftigste und \u00bbkeckste\u00ab in Adur 1879\/81, die siebente mit dem ewigen Lichte \u00bb <i>non<\/i> <i>confundar<\/i>\u00ab in Edur 1881\/83, die achte, prophetisch heldische in cmoll in erster Fassung 1884\/85, in zweiter 1887, in dritter 1890, die neunte gotische in dmoll bis zum vollendeten Adagio 1891\/94, mit f\u00fcnffachen weitausgef\u00fchrten Skizzen zum Finale bis 1896. Die erste wurde 1890\/91 nochmals bearbeitet, das Streichquintett 1879 geschrieben, das Tedeum zwischen 1881 und 1884, der 150. Psalm f\u00fcr gemischten Chor, Sopransolo und Orchester 1892, der orchesterbegleitete M\u00e4nnerchor \u00bbHelgoland\u00ab 1893. Dazu gesellen sich wohl zwanzig Gelegenheitsarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1878 entstand ein chorischer Nachruf f\u00fcr den Freund aus der Jugend, Seiberl, ein Antiphon \u00bb <i>Tota<\/i> <i>pulchra<\/i>\u00ab f\u00fcr Tenorsolo mit Chor und Orgel zum f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen <a id=\"page70\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page70\"><\/a>Bischofsjubil\u00e4um Rudigiers. 1879 ein \u00bb <i>Os justi<\/i>\u00ab, 1882 zu dem in der \u00dcberschrift ausgedr\u00fcckten Zwecke der \u00bbS\u00e4ngerbund\u00ab, 1883 f\u00fcr das sch\u00f6nstimmige Fr\u00e4ulein Luise Hochleitner ein \u00bb <i>Ave<\/i> <i>Maria<\/i>\u00ab f\u00fcr Alt und Harmonium, 1884 ein acappellaGraduale \u00bb <i>Virga<\/i> <i>Jesse<\/i>\u00ab, ein \u00bb <i>Ecce<\/i><i>sacerdos<\/i>\u00ab f\u00fcr siebenstimmigen gemischten Chor, Orgel, drei Posaunen, 1886 der M\u00e4nnerchor \u00bbUm Mitternacht\u00ab, 1891 ein Karfreitagsgesang f\u00fcr St. Florian \u00bb <i>Vexilla<\/i> <i>regis<\/i>\u00ab und der M\u00e4nnerchor \u00bbDas deutsche Lied\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Tafel dieser Daten lesen wir, wie Bruckner, abwendig den Niederungen, aus denen er ins gebirgig Schroffe stieg, doch der Treue zur Herkunft auf keiner Stufe verga\u00df. Zwar schrieb er, wenn er s\u00fcchtig nach Orchesterklang war, nicht Brummch\u00f6re wie einstmals, aber eigenwillige Zusammensetzungen des Instrumentenensembles stellten sich noch immer ein; zwar komponierte er nicht mehr f\u00fcr die Kurzweil im Lehrer- und B\u00fcrgerst\u00fcbchen, aber der Salon einer aufrichtig bestrebten Dame blieb ihm recht; zwar bot er M\u00e4nnerch\u00f6ren, die sich in die Brust werfen wollten, nichts Taugliches mehr, aber solchen, die sich vor Schwierigkeiten nicht f\u00fcrchteten, richtete er die Phalanx. Der Kirche, in der seine zeitliche Wohnung wohnlicher war als in Zinsh\u00e4usern, versagte er seinen t\u00f6nenden Dienst nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber in einer Wachheit \u00fcber dem allen bauten unsichtbare F\u00e4uste jenen vision\u00e4ren Weltraum aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mustert man das reife Schaffen Bruckners aus zusammendr\u00e4ngendem Abstand, so zeigt es eine merkw\u00fcrdige Symmetrie, als h\u00e4tte dem Schicksal diese ausgewogene Einheit vorgeschwebt. In der Mitte der Symphonienreihe liegt die Burg der F\u00fcnften mit dem ungeheuren orchestralen Fugenmassiv, wo bei den ersten Auff\u00fchrungen <a id=\"page71\" title=\"cal\/Muerei\" name=\"page71\"><\/a>zwei Bl\u00e4serorchester sich abl\u00f6sten, so gewaltig war der befohlene Aufwand an Atem. Alle Teile und S\u00e4tze sind ineinandergeklammert, aufeinander bezogen, aus zyklopisch simplem Grundmaterial aufgef\u00fchrt (siehe die Tabelle bei Haas). Drei Jahre blieb Bruckner an der Arbeit; er hat das Werk nie geh\u00f6rt, die Welt hat es fast bis auf unsere Tage nicht gekannt, denn der Druck hat seine Form im entscheidenden Finale durch vernichtende Striche, f\u00e4lschende \u00c4nderungen der Instrumentation, der Tempi, der Dynamik und noch Roheres verw\u00fcstet. Und gerade dieses Werk ist uneinnehmbar, unzerbrechbar, unzerrei\u00dfbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu seinen Seiten liegen je vier Symphonien. Vor der ersten g\u00fcltigen liegen zwei auf dem Papier zwar vollendete, aber innerlich noch nicht vollendete Vorsymphonien, die sogenannte Studiensymphonie und die sogenannte Nullte. Hinter der dreis\u00e4tzig fertigen neunten Symphonie liegt das innerlich zwar vollendete, aber auf dem Papier nicht zu Ende gediehene Fragment des Finales dieser Neunten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen die Erste und Zweite schiebt sich die fmollMesse, zwischen die letzten v\u00f6llig durchgef\u00fchrten Symphonien das Tedeum und der 150. Psalm \u2013 jene riesenhaften symphonischen Dichtungen mit menschlichen Stimmen, die erste nach der Pr\u00fcfung durch den Wahnsinn, die letzte vor der Pr\u00fcfung durch den Tod.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Neben dem harten Werke der Mitte, der f\u00fcnften Symphonie, welche die Sonatenform nicht sprengt trotz der aus den Tiefen des harmonischen Magmas flammenden, ganz unlinearen Fugengewalten, sondern die Sonate an die Grenze ihres Gebiets r\u00fcckt \u2013 man mu\u00df an die Gro\u00dfe Mauer in China denken \u2013, neben diesem Werk oder vielleicht in seinem Schutz und Innenhof steht die <a id=\"page72\" title=\"cal\/Muerei\" name=\"page72\"><\/a>in den Mitteln zarteste Sch\u00f6pfung Bruckners, seine einzige Kammermusik, das Streichquintett.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das strotzend wild in den Vordergrund preschende Hauptthema des ersten Finales mit seinem Sprung in die Oktave hinauf und seinem Rollen die Oktave hinunter empfing von seinem Erfinder in der R\u00fcckschau den Namen \u00bbDa bin i!\u00ab, das allerinnerste Thema im letzten Adagio-Finale wurde von ihm in der Vorschau \u00bbAbschied vom Leben\u00ab getauft, und es war in der Jugend schon einmal getauft worden, in einer Messe, und es hatte damals \u00bbMiserere\u00ab gehei\u00dfen. Jetzt hei\u00dft es nicht mehr so, sondern Helle aus der h\u00f6chsten H\u00f6he f\u00e4llt als Schlu\u00dfverk\u00fcndung auf sein Gebet: das Hauptthema der siebenten Symphonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist selbstverst\u00e4ndlich, da\u00df solcherlei Symmetrien, nun aber nicht mehr im blo\u00dfen Anblick, sondern t\u00e4tig, das Einzelwerk durchwalten, aber wir finden sie in erstaunlicher Reinheit schon in seinen kleinen Einheiten. Viele Themen bieten wunderbare, gleichsam mathematische Figuren dar, errichten, w\u00e4hrend sie sich entfalten, ein statisches Gesetz, so das die dritte Symphonie beginnende Trompetenthema. Es steigt von der Oktave seiner Tonart \u00fcber die feste Hauptstufe schr\u00e4g zum Grundton hinab, dann, wieder mit nachdr\u00fccklicher Rast auf der Hauptteilungsstufe, die gleiche Oktave hinauf, mit vermehrter Bewegungsenergie, denn der Aufstieg ist etwas m\u00fchsamer. Die Z\u00e4hlzeiten der Noten des Abstiegs sind: vier, dann drei und eins, dann wieder vier. So wurde eine Oktave in ihrer Leere ausgemessen, denn hallt sie nicht leerer, wenn die Quint hinzutritt, als wenn unterster und oberster Ton ein Unisono bilden? Durch die Quint ist das Fl\u00e4chige r\u00e4umlich geworden. Was nun? Die folgende halbe Pause scheint es zu fragen. Da regt <a id=\"page73\" title=\"Samuel\/Muerei\" name=\"page73\"><\/a>es sich im verlassenen tiefen Grundton, nimmt einen triolischen Anlauf mit kleiner Terz, ersteigt die Quint und dann, gedehnt, Schritt f\u00fcr Schritt die Oktave des Ausgangs. Der Weg aufw\u00e4rts ist nicht mehr leer, er ist voll Bewegung und Leben. Was zuerst harmonisch war, ist nun melodisch geworden, und beide Abschnitte sind, als werdender sowohl wie als gewordener Inhalt betrachtet, doch fast kongruent.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ganze dieses Themas aber hat Symmetrien mit dem Bau aller Brucknerschen Hauptthemen. In ihnen ist ein Typ zu enth\u00fcllen. Auer formuliert: \u00bbAlle diese Themen zeigen als Urzelle den Quintschritt als harmonisches und die um seine Randpunkte oszillierenden Wechselnoten als melodisches Element.\u00ab In der Doppelung gibt sich wie in den beiden Keimbl\u00e4ttern der von Goethe geschauten Urpflanze die unbegrenzte Metamorphosenkraft der Brucknerschen Musik als erster mythischer Spruch kund. Die zweiten Themen singen, wie die ersten sagen, die dritten arbeiten danach \u2013 ausw\u00e4rts, einw\u00e4rts: alle aus gleichem Baustoff. Welchen Kosmos?<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zweites<\/span> <span style=\"color: #999999;\">St\u00fcck<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Thomas von Aquino spricht in seiner \u00bbSumme wider die Heiden\u00ab davon, da\u00df Unzutr\u00e4glichkeiten folgen w\u00fcrden, wenn die Wahrheit von den g\u00f6ttlichen Dingen nur durch die Vernunft erforschbar und nicht auch durch Glaubens\u00fcberlieferung zug\u00e4nglich w\u00e4re. \u00bbDenn von der Frucht m\u00fchefreudigen Forschens, welche das Auffinden der Wahrheit ist, werden die meisten aus drei Ursachen abgehalten. Einige n\u00e4mlich durch das Nichtveranlagtsein ihrer S\u00e4ftemischung, aus dem heraus viele von Natur her zum Wissen nicht veranlagt sind, weshalb sie auch durch keine Bem\u00fchung daran w\u00fcrden heranreichen k\u00f6nnen, da\u00df sie den h\u00f6chsten Grad menschlicher Erkenntnis erreichten, der im Erkennen Gottes besteht. Einige hingegen werden durch den Zwang h\u00e4uslicher Verh\u00e4ltnisse behindert. Es mu\u00df n\u00e4mlich unter den Menschen solche geben, die sich mit der Verwaltung der zeitlichen Dinge befassen und die so viel Zeit in der Mu\u00dfe beschaulichen Forschens nicht w\u00fcrden aufwenden k\u00f6nnen, da\u00df sie an den h\u00f6chsten Gipfel menschlichen Forschens heranreichten, das ist: an die Gotterkenntnis. Einige aber werden durch Faulheit gehindert.\u00ab Als weitere Unzutr\u00e4glichkeit nennt Thomas dann die notwendige lange \u00dcbung zur Anpassung an das H\u00f6chste, da die Seele in der Jugendzeit noch in verschiedenen Regungen der Leidenschaft flute, und als letzte die unserer Vernunft zumeist beigemischte Falschheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Anton Bruckner von Ansfelden tr\u00e4gt die f\u00fcnf Kennmale, die hier nach der Einschau eines der erleuchtetsten Sucher aller Zeiten einen Menschen bef\u00e4higen, die Wahrheit von den g\u00f6ttlichen Dingen zu sammeln und zu erfahren. Er besa\u00df die S\u00e4ftemischung, die ihn bef\u00e4higte, <a id=\"page76\" title=\"Samuel\/joe_ebc\" name=\"page76\"><\/a>die \u2013 doch auch aus Feuer gemachte \u2013 Flamme der Geduld anzuz\u00fcnden, eine Kienspanflamme wie in den Windhaager N\u00e4chten, und bei ihrem Lichte drei\u00dfig Jahre lang zu forschen, \u2013 dann die Fackel zu entfachen und sie drei\u00dfig Jahre dem Genius zu halten. Ferner wurde der ehelose Mann in winzigen Wohnungen mit einem Weihwasserbecken und einem alternden Fl\u00fcgel nicht von h\u00e4uslichen Verh\u00e4ltnissen zerstreut. Drittens: das Hindernis der Faulheit war ihm so fremd wie der Unglaube; ihm st\u00e4nde der Name \u00bbdas flei\u00dfige Herz\u00ab an. Viertens lie\u00df er es an der notwendigen langen \u00dcbung zur Anpassung an das H\u00f6chste nicht mangeln und lenkte die Flutungen der Leidenschaft ihm zu. Endlich war seiner Vernunft keine Falschheit beigemischt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war wohlausgestattet, in seiner Musik die Wahrheit der g\u00f6ttlichen Dinge zu k\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier stocken wir schon. Woher wissen wir, da\u00df es in den Symphonien Bruckners um \u00e4u\u00dferste Dinge wie Gotteserkenntnis und Gottesaussage gehe? Wir meinen die Frage nicht eng; wir meinen sie wie ein durchbohrendes Schwert, gerichtet gegen das Letzte. Billige Beweise f\u00fcr Bruckners Einigkeit mit seinem katholisch konfessionellen Gewissen sogar innerhalb der Kunst helfen uns nicht. Ein paar <i>Miserere<\/i>&#8211; und <i>Benedictus<\/i>-Zitate, aus Messen in die Symphonien hin\u00fcbergenommen, erkl\u00e4ren nicht das geringste an unserem Eindruck: <i>Deum a tergo vidi et obstupui<\/i>. Die Gottheit nur vom R\u00fccken gesehen zu haben und zu erschauern, es zerschl\u00e4gt den Gedanken an jede kodifizierte Konfession. Der Schreck soll uns nicht k\u00f6rperlich gelten, sondern sein Zeichen soll die letzte seelische Erweckung andeuten, das letzte Staunen, das letzte Merken, die letzte Andacht. Unser Frommwerden vor Bruckners Symphonik n\u00e4hrt sich nicht an Weihrauchgeruch, <a id=\"page77\" title=\"cal\/gary\" name=\"page77\"><\/a>eher an Gewitterozon, es sieht auf keine Gei\u00dfel der Kasteiung, eher auf peitschende Gischtbrandungen des Ozeans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4re es nicht trotzdem vermessen, dieses Elementare trotz unserer Vorbehalte und Verwahrungen vor abnutzbaren Hyperbeln mit unserem Begriff aller Begriffe zu taufen? Zwar schrieb Bruckner, als er das Tor seiner Welt mit der dmollMesse auftat, \u00fcber den Eingang: O. A. M. D. G., das ist: <i>Omnia ad majorem dei gloriam<\/i>, und als er das Tor schlo\u00df, stand die Inschrift vom <i>Tedeum<\/i> her und als gedachte Widmung der Neunten wieder da. Das ist eine stolze Entsprechung des J. J. Johann Sebastian Bachs: <i>Jova juva<\/i> oder <i>Jesu juva<\/i>. Aber schon in die erste gro\u00dfe Messe ist die Symphonie eingebrochen: Leiden und Sterben Jesu sind dem Orchester vorbehalten, welches das \u00fcberlieferte Symbolum nicht beten kann. Ebenso rei\u00dft das Orchester au\u00dfer dem Erdbeben die Auferstehung an sich; im Hosianna verf\u00e4rbt es r\u00fccksichtslos die Harmonien nach seiner Lust. Auch die Einleitung des Benedictus bleibt durch sechzehn Takte Herrlichkeit des Orchesters: das Cello f\u00fchrt an und beginnt vor dem Chor. \u2013 F\u00fcr einen \u00fcber das Bekenntnis hinausgerichteten Willen spricht auch, da\u00df in der fMesse Inkarnation, Eintritt ins Menschenwesen und Kreuzigung thematisch gleichlaufen: der Gottmensch befindet sich in allen Stadien im vorweggenommenen Lichtreich des Auferstandenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sollen wir dieses christliche Lichtreich mit dem Wohnsitze der Gottheit identifizieren? Wir haben etwas h\u00f6chstes Namenloses gesp\u00fcrt und verzichten nicht darauf, den h\u00f6chsten uns bekannten Namen aus der Umklammerung durch den Gebrauch in Tausenden von Jahren und Millionen von H\u00e4nden zu l\u00f6sen. <a id=\"page78\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page78\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der erste bedeutende Apostel Bruckners bemerkte, beim Anfang einer Symphonie Bruckners beginne nicht ein Musikst\u00fcck, sondern die Musik. Weil der un\u00fcberhebliche H\u00f6rer sich diesem Eindruck schwer weigern kann, tr\u00e4gt sein Ohr ihn \u00fcber den Anfang hinaus in den Uranfang. Zuweilen ist wirklich die Regung im anhebenden Orchester noch jenseits von Ton und Klang, dabei von einer eben noch ertr\u00e4glichen Weihe der Erwartung, wenn man wei\u00df, was in den n\u00e4chsten Takten sich geb\u00e4ren wird, denn wundersamerweise h\u00f6rt man erst bei wiederholtem H\u00f6ren zum ersten Male, nicht beim ersten. Doch h\u00e4tte die Weihe mit etwas Au\u00dferweltlichem zu tun? Entsteht aus dem T\u00f6nen der Ton und aus dem Zusamment\u00f6nen der Klang, Harmonie, Melodie, so geht das Schicksal der T\u00f6ne nach menschlichen Methoden fort bis ans Ende. Von wann ab w\u00e4re der Eintritt der Gottheit festzustellen, durch welche Pforte tr\u00e4te der Gott in seine Welt, wo w\u00e4re \u00fcberhaupt eine Welt? Heften wir dem Unaussprechbaren hinterr\u00fccks doch wieder ein Dogma an? Blieb es unaussprechbar, da es im Klange sinnlich ausgesprochen wurde? Wir sahen Dogmatisches in die Instrumente verlegt: Leiden und Sterben Christi. Leidet Christus dort noch? Stirbt er noch dort?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fchren wir an den Schlaf des Alls, in dem wir uns nur eine Fingerspanne weit tr\u00e4umend hin und her bewegen, so verschwindet der perspektivische Irrtum, der die Natur und den Geist getrennt und widersetzlich zeigt. Die Menschheitsgeschichte mit dem Geiste als ihrem Regenten verkleinert sich zu einem winzigen Ausschnitte aus der Gesellschaftsgeschichte der organischen Gattungen, soviele ihrer sind, und diese wiederum bildet einen Bruchteil in der Entwicklungsgeschichte der gesamten Lebewesen. Die Epoche der Wissenschaft von der Gottheit, <a id=\"page79\" title=\"cal\/gary\" name=\"page79\"><\/a>gestalte sie sich in Mythen und Kulten, Prophetien und Theologien, in der Furcht des Totems oder im Vertrauen der Kunst, ist nur ein Kapitel in der anthropotropen Artgeschichte, \u2013 das letzte bis jetzt, aber was uns im R\u00fccken liegt, kann auch vor unserer Stirn liegen. Es hie\u00dfe an der Gottheit freveln, sie nur dem einen Kapitel der versuchten Erkenntnis vorzubehalten. Die Verzweiflung dar\u00fcber, stets auf ein Vorletztes zu sto\u00dfen, niemals auf ein Letztes, hat die ehrw\u00fcrdigen und manchmal nur bunten Sorgen, sich des Letzten dennoch zu bem\u00e4chtigen, hervorgetrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die M\u00e4chtigsten unserer Gattung werden in der Tat des Geheimnisses teilhaftig, nicht seines Inhalts, doch seiner \u00c4u\u00dferung in ihnen. Es neigt sich ihrem Glauben sowohl wie ihrer Offenbarung. Das Was ihres Glaubens und ihrer Offenbarung w\u00e4re wieder nur Inhalt, das Wie ist \u00c4u\u00dferung wie in der \u00fcbrigen Natur. Das l\u00e4uft nicht auf jene Allbeseelung hinaus, die wir Pantheismus nennen, denn auch die Seele ist schon \u00c4u\u00dferung. Und eine \u00c4u\u00dferung \u00fcber viele zu erh\u00f6hen, w\u00e4re d\u00fcnkelhaft vom Humanen her.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Abscheu davor haben die gro\u00dfen scholastischen Denker sich ge\u00fcbt, zu teilen und nochmals zu teilen, abzuziehen und nochmals abzuziehen, und sie haben dennoch das Ganze \u00fcbrigbehalten, nicht krank und mager, sondern unendlich gest\u00e4rkt. Im L\u00e4cheln dar\u00fcber haben die gro\u00dfen mystischen Denker sich beflei\u00dfigt, zusammenzutun und zusammenzutun, Armut und Armut, F\u00fclle und F\u00fclle, Schweigen und Schweigen, und das Ganze ruhte fort in sich, kein Mehr und kein Minder. Die Natur mutet in ihren Nachdenksamkeiten fern an, als sollte sie erst erscheinen, aber auch der Geist, aber auch der Gott. Der Eindruck r\u00fchrt daher, da\u00df die Gewohnheit <a id=\"page80\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page80\"><\/a>und das Gew\u00f6hnliche unseres Denkens ausgeschaltet sind, da\u00df die zahllosen Eigennamen f\u00fcr die Einheit ausgel\u00f6scht wurden. Man kann sie nicht mehr anrufen, als kennte man sie. Sobald man die Einheit nicht wie seinesgleichen anruft, offenbart sie sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine dieser Offenbarungen ist in Bruckners Musik zu uns gekommen. Da sie als <em>Musik<\/em> kam. ist ihr Erstes nicht K\u00fchle der Natur, des Geistes, der Sch\u00f6pfung, der Gottheit \u2013 wie soll man ihr Elementares am triftigsten ausdr\u00fccken? \u2013, sondern Strahlung. In ihrer W\u00e4rme liegt der Glaube an g\u00f6ttliche Wirklichkeit wie an jede.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir beg\u00e4ben uns in die Irre, wenn nicht viel von dem, was wir f\u00fcr Bruckners Musik in Anspruch nehmen, f\u00fcr alle oberste Musik g\u00e4lte. Nur das Entz\u00fccken, als entst\u00e4nde das Elementare hier zum ersten Male, bef\u00e4llt uns selbst wie etwas Elementares.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am geizigsten sind die Menschen mit dem Gef\u00fchlsopfer. Sie haben als Kinder aufgenommen und angenommen, ehrlich zu sich, redlich zur Gabe; sie haben sich kneten lassen, umgestalten, verunstalten lassen aus dem Naturstand, wenn man will. Nun kommt je und je einer, der sie wieder mit dem Einfachen beschenken will, der sie aufmerksam macht wie Adalbert Stifter, da\u00df Gehen, Stehen, Sitzen, Schlafen in den Jahrtausenden dauernder sind als ihr Wann und Wohin, ihr Wer und Was, da\u00df Gru\u00df und Abschied im Grundri\u00df menschlicher Begegnung wichtiger sind als ihr Anla\u00df, Zweck und Inhalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es kommt einer wie Bruckner, dem das Leben gerade hinreicht, um mit dem Entz\u00fccken \u00fcber Dreikl\u00e4nge und Septakkorde fertigzuwerden. All der wahrhaft zermalmende Kunstverstand, den er um dieses Entz\u00fccken breitete und tummelte, d\u00fcnkt sich nicht erhabener als die Seligkeit eines solchen Dreiklangs. Das sollte den H\u00f6rer <a id=\"page81\" title=\"cal\/gary\" name=\"page81\"><\/a>zum Erstaunen einladen, doch der entsinnt sich lieber, da\u00df es schon lange her ist, als Haydn in der \u00bbSch\u00f6pfung\u00ab mit so einfachen Harmonien aus Moll malte, wie Gott sprach: Es werde Licht! \u2013 und wie er dann im parallelen CdurDreiklang aufw\u00e4rtsjubelte, um mit gewaltiger Wirkung auszudr\u00fccken: und es ward Licht! Es ist dem H\u00f6rer unverge\u00dflich, weil das Einfache, auch nach zehntausend Wiederholungen, erstmalig bleibt, wenn es als ein Einmaliges erfunden wurde. Vereisende H\u00f6rer aus Altland und versengende aus Neuland \u00fcberh\u00f6ren leicht, was weder in Altland noch Neuland noch in der Mitte liegt. Bruckners Schlichtes, seine Pausen, sein Stieg in Staffeln, sein animalisch sp\u00fcrsames tonales Geh\u00f6r, sein selbstverst\u00e4ndliches Ankn\u00fcpfen \u00fcber breiteste Strecken hin verficht seinen besonderen Anspruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst wenn die Natur sich ganz und gar als Natur \u00e4u\u00dfert, zeigt sie sich als Geist, erst wenn der Geist sich ganz und gar als Geist bekennt, bekennt er die Natur. Den kosmischen Einblick in beide sucht von ihrer letzten Warte auch gro\u00dfe Wissenschaft, gro\u00dfe Philosophie, gro\u00dfe Theologie. Ihre Systeme beweisen nur scheinbar das Unbeweisbare, dem sie als ihrem einzigen Sinn allesamt zulaufen. Am hellsten ist der Einblick von den K\u00fcnsten her. In ihnen sammelt sich die Leidenschaft des Seins, Werdens, Vergehens \u2013 \u00e4therisches Spiel, welches das Dasein ist. Der K\u00fcnstler rei\u00dft dieses reinste Spiel an sich wie Beethoven, oder er l\u00e4\u00dft sich von ihm hinnehmen wie viele andere auf vielerlei Arten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein fr\u00fcher Christus von D\u00fcrer liegt auf der Erde von Gethsemane hingeworfen, er gibt die Brust, den Leib, die Beine an sie auf, er breitet die Arme an sie hin, als w\u00e4re es die ganze Erdkugel, die er umklammere. Bach lauscht in dem sausenden Geschehen mitten inne: ihm ist <a id=\"page82\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page82\"><\/a>es immer da im Kreislauf der Heilsgeschichte \u2013 Geburt, Erdenwandel, Tod, Auferstehung und wieder Geburt, ohne Abla\u00df. Es hat nicht begonnen und endet nicht. Das Kirchenjahr kreist, so das S\u00fcnderjahr, das K\u00f6nigsjahr, der \u00c4on des menschgewordenen Ewigen. Weihnacht, Passion, Pfingsten sind \u00fcberall, kehren immer wieder, in den L\u00fcften und Wettern, in allen Gesch\u00f6pfen, in der Dreiheit H\u00f6lle, Erde, Himmel, in der Trinit\u00e4t. Wo er hingreift, sei es, da\u00df er ein Instrumentalkonzert ersinne oder einen Inkarnatus-Chor. ist ein St\u00fcck davon; das Schweigen unterbricht das All-T\u00f6nen nur zuf\u00e4llig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page83\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page83\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je nachdem wir die Schwerkraftsmitte des Brucknerschen Werkes unter wechselnden Begriffen zu bestimmen suchen, ereignet es sich in den verschiedenen Sph\u00e4ren des Gef\u00fchls, die alle das Gleiche bedeuten. Die Sph\u00e4ren stecken ineinander, die Umfange der einen verlaufen n\u00e4her, die der anderen ferner zur Mitte. Wir bedienen uns dieses Gleichnisses und vieler anderer, weil auch die abstrakte Sprache nicht von der Anschauung zu l\u00f6sen ist, doch vergessen wir keinen Augenblick, da\u00df Gleichnis nie die Gegenwart ersetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00fcchternsten benannt, k\u00f6nnte das die Sph\u00e4re dieser Musik Zusammenballende vielleicht das Scholastische hei\u00dfen. Es enth\u00e4lt, was die Jahrhunderte an Lehre gefunden haben. Es betreibt ein bewu\u00dftes Verwalten des Geheimnisvollen. Die Scholastik beruft sich immer auf einen Aristoteles, und h\u00e4tte sie ihn der Gottheit so nahe gebracht wie Thomas von Aquino. Schrieb Bruckner einmal das Wort \u00e4olisch nachtr\u00e4glich auf eins seiner Notenbl\u00e4tter, ziemlich fr\u00fch, so rief er die Autorit\u00e4t der Kirchent\u00f6ne an; unterzog er die Posaunench\u00f6re seiner Symphonik einer Sondermusterung, ob sie der Sechterschen Fundamentallehre standhielten, so gr\u00fc\u00dfte er die hohe Schule, die allgemeinverbindlich und unersch\u00fctterlich das Falsche vom Richtigen schied, nicht zu Lohn und Strafe, nur zur restlosen Erfassung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere Sehweise w\u00e4re die geschichtliche. Die Sph\u00e4re w\u00e4chst. Beethoven schlie\u00dft sich auf der einen Seite an, Wagner auf der anderen; Schubert lebt mit seinem volkst\u00fcmlichen Ges\u00e4nge und seinen Harmonier\u00fcckungen in Bruckner weiter; Verdi denkt in einer Messe wie er. Eine ziemlich h\u00e4ufige, holde Kadenz, die nach ihrer Verschwisterung mit Textworten Marienkadenz benannt werden konnte, schreibt sich von Mozart <a id=\"page84\" title=\"cal\/gary\" name=\"page84\"><\/a>und Haydn her. Die gro\u00dfe gmollOrgelfuge von Bach leiht sich mit einem St\u00fcck ihres Subjekts dem unbewu\u00dften Ged\u00e4chtnis dar. Aber auch h\u00f6chstwahrscheinlich Ungekanntes wie das Thema der BACHFuge Bachs wird wiedergeboren. Die Gesinnung der letzten Quartette Beethovens wird vor dem Kennenlernen in Bruckners Quintett Gesang. Ebenso geistert der Kampf unserer Tage um erweiterte Tonartlichkeit in k\u00fcrzeren Strecken Brucknerscher Musik voraus. Nicht in der emsig besuchten Vorlesung des Professors Hanslick, der eine breite formalistische W\u00fcste bis ins achtzehnte Jahrhundert hineingedehnt sah, hat Bruckner die Geschichte seiner Kunst gelernt, nicht in Archiven. Bibliotheken und historischen Konzerten hat er sie studiert, sondern sie entstand in ihm autochthon noch einmal. Sie war in der Realit\u00e4t, unbeschadet der Um- und Abwege, vom <em>gro\u00dfen<\/em> Gesetz beherrscht. Es ist transzendent. Das kleine Gesetz zu erf\u00fcllen, wenn das gro\u00dfe es will, ist selbstverst\u00e4ndlich; ebenso das kleine zu brechen, verlangt es das gro\u00dfe. Nicht anders verfuhr der Meister in dem ihm eigenen historischen Kosmos. Nur war das Wesensungem\u00e4\u00dfe auszulassen, um bis zur Gregorianischen Litanei in sich hinabzudringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberdies geh\u00f6ren alle sch\u00f6pferischen Geisler auch der Vorzeit der Geschichte nur zeitweilig an. Sie verlassen sie im k\u00fcnstlerischen Aufbruch, und die Nachfahren, welche auf sie h\u00f6ren, nehmen sie unhistorisch, so wie sie waren. Herleitungen versagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine andere Sehweise ist die der unhistorischen Gleichzeitigkeit aller Dinge. Keine Werkreihe war dann zu vollenden, sondern eine Welt zu enth\u00fcllen. Das Nacheinander entschiede nun nicht viel. Der Musikant w\u00e4re nun das Instrument. Auf diesem Instrumente spielte sich <a id=\"page85\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page85\"><\/a>das kosmische Wesen \u00f6fter als in den geschriebenen Noten: immer. Der M\u00f6nch Petrus Forschegrund entschlummerte im Walde und erwachte in sich. Als ein solcher M\u00f6nch konnte Bruckner auf der Orgel phantasierend schon l\u00e4ngst das Gleichzeitige sagen, bevor er es schreiben konnte. Als er es zu schreiben verstand, verlie\u00df die Finger mehr und mehr die Lust am phantastischen Greifen, und die kranken F\u00fc\u00dfe wurden zu schwer f\u00fcr seine kolossalischen Pedaltriller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das blinde Gesicht des Simultangeistes erkennt nicht den Zwang, warum das eine zuerst, das andere sodann ausgef\u00fchrt werden m\u00fcsse, weil es dem logischen Zwange schon im Urgr\u00fcnde alles Gegenst\u00e4ndlichen verfallen war. Es gibt nicht viele Urgr\u00fcnde, sondern nur einen Urgrund. Wenn er in manchen Symphonien von neuem aufgetan wird, so ist es keine neue Erfindung, sondern eine neue Erinnerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiterer Aspekt ist der des Heidnischen. Die tellurischen Leidenschaften beziehen den Plan. Sie schonen auch die Menschenseele nicht. Ihr Temperament liegt \u00fcber allen Temperamenten. Noch seine Stille ist unselbstisch, sie geh\u00f6rt nicht dir oder mir, sie ist Weltenstille. Heidnisch grell funkeln Sonneneinbr\u00fcche in die Struktur, Fanale, von unten r\u00fchrt sich zu Katastrophen das niemals schl\u00e4frige, immer krei\u00dfende Chaos, das gierig ist, sich zur Gestalt und in ihr aufzuzehren. Und auch die lange Dauer wird nur, um sich zu verschlingen. Riesige Akkordkolonnen haben sich aus dem Boden erhoben und m\u00fcssen vor\u00fcber, sie straffen sich, sie stampfen uniform heran, sie dr\u00f6hnen vorbei und haben ihre Dauer mit sich fortgetragen. Wo dagegen (in zweiten Themengruppen) gesungen wird, ach, es sind meist nur zwei innig ges\u00e4ttigte Strophen, und bei der Wiederkehr sind <a id=\"page86\" title=\"cal\/gary\" name=\"page86\"><\/a>sie in anderes Tonartlicht verkl\u00e4rt, und ihre Stimmen haben sich mitverwandelt, erklingen aus anderen Instrumenten. Unbesorgt um das erzogene Geh\u00f6r eines Sp\u00e4tlings, das sein Heidentum abgelegt h\u00e4tte und unnaiv vergleichen k\u00f6nnte, steigen auch sie in keine durch Schuld und S\u00fchne gek\u00fchlte Zeit nieder. Sie f\u00fchlen sich sicher zwischen lastenden gequetschten Akkordgletschern, gepre\u00dftem Niederwuchten, in schreiender Welt. Sie behalten das unschuldig Prangende, Strahlende, Selbstleuchtende, Erhellte oder das ebenso unschuldig \u00dcberschattete, Zitternde, Niedersinkende. In der Ruhe wird das Heidnische zum Panischen. Voller Selbsterl\u00f6sung ist die Ruhe Triumph ohne vorhergegangene Gewalttat. Darum werden nicht Kadenzwirkungen gesucht, also Heimkehr der Kraft, sondern Fortleitungen der Kraft. So geben sich auch die tollk\u00fchnsten Steigerungen nicht als verzweifelnde, ersch\u00f6pfbare Kr\u00e4fte. Ihnen bleibt nur \u00fcbrig, in der Raserei abzubrechen und neu aufzubauen oder alles zu zerschmettern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der letzte Aspekt ist vielleicht der magische. Es werden ohne erkennbare Mittel Berge versetzt. Die thematischen Kolosse von den Anf\u00e4ngen schwingen sich \u00fcber den Makrokosmos des ersten Satzes, um, wie in der neunten Symphonie, erst gegen Satzschlu\u00df niederzuwuchten, oder sie \u00fcberschweben, wie von der dritten ab immer, die ganze Symphonie und rei\u00dfen sie zuletzt mit sich in den Weltraum empor, wo nur noch die unb\u00e4ndige, ma\u00dflose Glutform vor der Erkaltung und mithin die Erm\u00f6glichung irdischen Lebens besteht. Man hat das oft eine Apotheose genannt: wenn darunter die R\u00fcckgabe des Lebensstoffs in die H\u00e4nde des unbekannten Demiurgen verstanden wird, soll es gelten. Vor diesem Ziele ereignen sich magische Ekstasen, die ebenfalls gesonnen <a id=\"page87\" title=\"cal\/gary\" name=\"page87\"><\/a>scheinen, sich ohne Cherubimfl\u00fcgel, alle Ber\u00fchrung mit K\u00f6rperschwerem meidend, durch sich selbst zu tragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Widerstrebenden bef\u00e4llt nicht die Bezauberung durch solche unzeitigen M\u00e4chte. Er erhebt Vorw\u00fcrfe wegen der Verschwendung an melodischer Erfindung, die angereiht, unbedachtsam versch\u00fcttet sei. Das Getast der Entwicklung, der Sog der Umgestaltung, der Schu\u00df ins Wachstum sind so stark, da\u00df man im J\u00e4hrling, im Tausendgr\u00fcn, im rissigen Tempelhain das Pflanzreis nicht mehr erkennt. Schon die blo\u00dfe Umkehrung entfremdet manche Themen f\u00fcr das Gef\u00fchl ihrer geraden Gestalt. Sie verkehren sich nicht in ihr eitles Spiegelbild, sondern sie st\u00fclpen ihren Sinn mit um. Es ist unfa\u00dfbar erstaunlich, wie aus dem Gottesruf: Es werde Licht! \u2013 dem viel vorweltlicheren als bei Haydn \u2013 eine Weidwerkfanfare wird; und nichts als die Umkehrung einer Quinte und die \u00dcbernahme eines Rhythmus brachte das Wunder hervor. Nichts verbindet mehr in der Empfindung das einleitende Streicherpizzikato des f\u00fcnften Adagios mit seiner Parodie im f\u00fcnften Scherzo. Es ist nur zum Streicherstakkato im schleunigen Dreivierteltakt geworden, w\u00e4hrend es vorher in langsam und erschrocken gezupften Triolen den Viervierteltakt durchma\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ein Dichter anschaut und das Gesehene ausdr\u00fcckt, unterscheidet er sich in dem \u00fcber den Mitteln liegenden Ergebnis nicht von dem Musiker, der das gleiche geschaut und ausgedr\u00fcckt h\u00e4tte. Viele Amusische teilen mit den beiden das Sehen und das Mitteilen, aber ihre Aufz\u00e4hlung und Beschreibung ermangelt, wo nicht der Eindringlichkeit, der Ausdr\u00fccklichkeit der Kunst. Die Ausdr\u00fccklichkeit ist in der Musik sowohl unbestimmter wie zugleich ungleich bestimmter als in den \u00fcbrigen K\u00fcnsten. Kann sie Baum und Stein nicht nachbilden, <a id=\"page88\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page88\"><\/a>Gesichter und Erlebnisse nicht malen: die in uns erregten Beziehungen zum Au\u00dfenweltlichen trifft sie genauer als jegliche andere Ausdruckskunst. Ebenso kann sie Gott und Teufel, Verdammnis und ewiges Leben nicht aufzeichnen, aber die Ausstrahlungen der \u00dcberwelten mit gleicher Deutlichkeit wie die der Dinge und Ereignisse hinieden. Daraus folgt ein G\u00fcnstiges f\u00fcr die Gef\u00fchlsreichweite der Musik, ohne da\u00df sie f\u00fcr ihre Vision irgendwo zu borgen h\u00e4tte. Das sich bewegende Gef\u00fchl ist das sehende Organ, das Auge ist es nicht. Das Kr\u00e4ftedr\u00e4ngen zu befragen, was da dr\u00e4nge, ist unm\u00f6glich. Nicht privat, nicht ichhaft, nicht welthaft, vermittelt es dennoch Gehalt und Inhalt, und zwar in der Unheimlichkeit des Absoluten. Zugleich verf\u00fcgt diese Abstraktion \u00fcber die Macht, Wunden zu heilen, Bed\u00fcrfnisse zu stillen, die meist noch nicht eingestanden waren. Und hat einer diese Wunden nicht, so mu\u00df er in der Kunst seinen Wunsch erkennen: h\u00e4tte ich sie doch! \u2013 Und er wird sie entdecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page89\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page89\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die vergebliche Herausforderung der erkl\u00e4renden Vernunft sind eine Reihe von Stellen in den Symphonien Bruckners ber\u00fchmt geworden. Die Analytiker haben scharfsinnig die Vorg\u00e4nge darin um und um gewendet, und zuweilen fand sich der Scharfsinn vor der \u00fcbergro\u00dfen Einfachheit besch\u00e4ftigungslos, er bewunderte. In der Maestoso-Koda der Sechsten l\u00e4uft das Thema schulstubengerecht im Quintenzirkel durch alle Tonarten, und nie scheint Trompete und H\u00f6rn so viel von der Seelenweite der Welt gewu\u00dft zu haben. In der ersten Koda der Siebenten erbaut sich \u00fcber einem dreiundf\u00fcnfzigtaktigen Orgelpunkt der erstaunlichste metaphysische Lichtberg. In kanonischer Umschlingung erschwebt ihn der Nachsatz des Hauptthemas, und dann h\u00e4lt ihn sein Anfang in den grenzenlosen Raum. Die siebzehn einleitenden Takte des ersten Adagios wirren sich unter Druck und banger Spannung, unter Seufzen und R\u00f6cheln von unten, leisestem Hornrufen von irgendwo im Ungewissen, langsam sich entschlie\u00dfender Vorw\u00e4rtsregung durch das Tonartlose, bis das sanftgestillte feste Asdur endlich durchbricht. Den Gr\u00fcblerweg kann man nachgehen, aber nicht entdecken, was den Gr\u00fcbler bis ins Mark l\u00e4hmte. R\u00e4tselhaft vor dem Erreichen der Haupttonart ist auch der vortonartliche Anfang des neunten Adagios, wiewohl sich alles technisch deuten l\u00e4\u00dft. Und am Eingang des neunten Scherzos liegt die akkordliche Sphinx. Um den vorher nie geh\u00f6rten Akkord hat sich eine beobachtende Literatur gesetzt. Der Akkord erkennt keine Verwandtschaften an; die Umlagerung auch nur eines Tones in die Oktave ver\u00e4ndert seinen Charakter vollst\u00e4ndig: er will nicht tristan-erotisch bl\u00fchen, sondern im Totentanz mittanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist unleugbar eine Auslegung des Alls in dieser <a id=\"page90\" title=\"Samuel\/cal\" name=\"page90\"><\/a>Musik, doch w\u00fcrde sie alsbald verf\u00e4lscht, wenn ihr ein System aus Worten erbaut werden sollte. Denn der Verlauf ist ja musikalisch, das hei\u00dft weder dem Worte verwandt noch auch entgegengesetzt. Scheuen wir uns nicht, einer Tonerscheinung eine Vorstellung zu gesellen, oder m\u00fcssen wir es manchmal sogar unwillk\u00fcrlich, so sollen wir diesem Schatten nicht weit folgen, er geleitet uns sonst zum Hades. Empfinden wir beispielsweise einen Orgelpunkt auf der Tonika als das reine Element, so wollen wir uns nicht an die alten reinen Elemente Erde, Wasser, Luft, Feuer verlieren. Gleichnisse nach der Musik k\u00f6nnen immer nur einen Augenblick dienen, sie lassen sich nicht durchf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn es der sterbliche Mensch Bruckner sagte: es gibt im Scherzo seiner vierten Symphonie weder eine erz\u00e4hlbare Jagd, noch im Trio dazu einen e\u00dfbaren Schmaus der J\u00e4ger mit Tanz. Ebensowenig gibt es im Finale eine Jagd des sagenhaften wilden J\u00e4gers in krachendem Nachtsturm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gelegentlichen hilflosen Programmworte Bruckners sind von fast allen seinen H\u00f6rern verworfen worden. Wenn Ehrf\u00fcrchtige meinten, der Sch\u00f6pfer m\u00fcsse doch sagen k\u00f6nnen, was er geschaffen habe, oder wenn Neugierige erfahren wollten, was der Musikant musiziert habe, so haben sie auf eine Weise recht, die tiefsinniger ist als sie selbst. Der Musikant Bruckner wei\u00df, was er musiziert, in der Tat so genau, da\u00df er es nur in der Anwendung der klingenden Saiten, des Blechs, des Holzes ausdr\u00fcckt, ohne Umweg und Abschweifung in au\u00dfermusikalische Gerechtsame. Erst hinterher ist er sich zuweilen mit Begriffen der Schule nachgegangen und hat in seine Partituren eingezeichnet, was sich da harmonisch entwickelt hatte, wie es nach den immanenten Gesetzen <a id=\"page91\" title=\"akling\/cal\" name=\"page91\"><\/a>der Akkorde fortgeschritten war und ob es noch stichhielt. Und der Sch\u00f6pfer Bruckner wei\u00df, was er schafft: daher ist sein Geschaffenes als <em>Leben<\/em> den Begriffen entzogen, wie nichts Lebendiges von Begriffen, die sich ihm n\u00e4hern, wirklich ber\u00fchrt wird. Verm\u00f6gen Worte an einer Blume die Gestalt, die Farbe, den Duft, den Standort zu beschreiben, so verm\u00f6gen sie ein \u00c4hnliches vor einem musikalischen Thema. Indessen das Leben selbst verwandelt sich, ob Worte, Blicke, H\u00e4nde, die es halten wollen, im Anz\u00fcge sind oder nicht, und da es in dieser Verwandlung dauert, solange es w\u00e4hrt, entr\u00fcckt es sich der Erscheinung in jeder anderen Form au\u00dfer seiner eigenen. Das trifft auf die Verkn\u00fcpfungen und Gegens\u00e4tze des Lebens vervielfacht zu. Mit einem die begrifflichen Kategorien nur nebenher mitschaffenden Verst\u00e4nde binden sich die Motive in Themen, in Themengruppen und l\u00f6sen sich wieder, so laufen sie durch die \u00fcbergeordneten Verbindungen und Teilungen in der Sonatenform, durch Exposition, Durchf\u00fchrung, Reprise, Koda. Das Offenbare ist, nach Novalis, das ganz Geheimnisvolle, so auch das im Klang Offenbare.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichwohl lassen sich aus den wenigen Deutungsworten Bruckners zu seinen Werken mit Vorsicht einige Schl\u00fcsse ziehen. In einer Stelle der achten Symphonie vernahm er den Tod im Vollzuge seiner Sendung. Er vernahm es in der Weite des musikalischen Raumes. Nicht nur Einer starb und nicht Er f\u00fcrchtete sich, dieser eine zu sein, nicht viele vergingen, sondern alle und alles, und das nochmalige und nochmalige und nochmalige Hinunterrollen des chromatischen Motivs stand f\u00fcr die uners\u00e4ttliche und ewige Wiederkehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verlegen und stammelnd, dabei stolz auf den Fund, klingt seine zweite ausf\u00fchrlichere Deutung der gleichen <a id=\"page92\" title=\"akling\/gary\" name=\"page92\"><\/a>Symphonie. \u00bbIm 1. Satze ist der Tromp.- und Cornisatz aus dem Rhythmus des Thema: die Todesverk\u00fcndigung, die immer sporadisch st\u00e4rker, endlich sehr stark auftritt, am Schlu\u00df: die Ergebung. Scherzo: Hpth.: deutscher Michel genannt; in der 2. Abteilung will der Kerl schlafen, u. tr\u00e4umerisch findet er sein Liedchen nicht; endlich klagend kehrt er selbes um. Finale. Unser Kaiser bekam damals den Besuch des Czaren in Olm\u00fctz; daher Streicher: Ritt der Kosaken; Blech: Milit\u00e4rmusik; Trompeten: Fanfare, wie sich die Majest\u00e4ten begegnen.\u00ab Wer Bruckner erfahren hat, wird sich scheuen, diese wunderlichen Sp\u00e4ne und noch weitere, die von dem kosmisch gro\u00dfen Werke fielen, zu zertreten. Kaiser und Kosaken oder daf\u00fcr Johanneische Reiter von den Enden der Welt, gleichviel, wenn ihr Eingaloppieren in den Klang sie unsichtbar macht. Tappte ihm mit dem Thema des dritten Satzes dieser Symphonie der deutsche Michel durch das Scherzo, tr\u00e4umte ihm beim Trio der Michel in das Land, so mag uns wohl eine riesige Urgestalt erscheinen, und sie mag uns vielleicht sogar nie wieder entschwinden. Nur was sie wirkt und was sie tr\u00e4umt, besitzen wir nie anders als in den T\u00f6nen des Orchesters, und es wiegt gleich, ob wir den Mann Anton Bruckner aus Ansfelden oder seinen vorgeschobenen Stellvertreter als Urheber und Gef\u00e4\u00df der Tr\u00e4ume verstehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es verh\u00e4lt sich damit nicht anders als mit der sagenhaften Geburt der s\u00e4mtlichen Leitgedanken der siebenten Symphonie. Nach Bruckners Angabe war ihm ein verstorbener Freund, der Linzer Kapellmeister Ignaz Dorn, in einer Nacht erschienen und hatte ihm das Hauptthema des ersten Satze;: diktiert und dabei die Worte gesagt: Pa\u00df auf, mit dem wirst du dein Gl\u00fcck machen. Er habe es sogleich aufgeschrieben. Das Finale <a id=\"page93\" title=\"akling\/gary\" name=\"page93\"><\/a>wird von dem Thema in formaler Abwandlung beherrscht, und sein Haupt bricht, vom Erlebnisgang durch das Werk machtvoll erf\u00fcllt, am Schl\u00fcsse durch. So w\u00e4re die Konzeption auch dieses Satzes auf den toten Freund zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Erfindung des Adagios war von der Vorstellung der Todeskrankheit Richard Wagners gef\u00fchrt, und der Tod des Meisters hatte ihm den Abgesang eingesungen. So war wiederum ein Fremder an der Arbeit mitbeteiligt gewesen. Schlie\u00dflich der Einfall zu dem noch \u00fcbrigen Satze hatte ihn beim Kr\u00e4hen eines Gockels \u00fcberfallen. Nun, der tierische Mitsch\u00f6pfer mit seinem d\u00e4monischen Hahnenschrei weckt den Erdkreis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Danach w\u00e4ren die Grundweisungen zu dem ganzen Werke von Sendboten aus dem Unbetretbaren \u00fcberbracht worden, und f\u00fcr Bruckner bliebe davon nichts \u00fcbrig. Wir leuchten in die Kunde vom Verkehr des Dr\u00fcben mit dem H\u00fcben nicht hinein, weil sie selbst leuchtet. Bruckners Seele reicht als Einzelseele von der christlichen Fr\u00fche bis in die Zukunft; sofern sie an der Allseele teilnimmt, ist sie au\u00dferhalb der Begrenzbarkeit. Jedenfalls f\u00fchren seine Angaben \u00fcber den Inhalt seiner Musik diese Musik aus der Reichweite des Programmatischen. War sein Gem\u00fct neben anderen mittelalterlich, so sagte er b\u00e4urisch das Moderne nach, das er ringsum gewahrte. Es schien auch ihm verf\u00fchrerisch angetan, es lockte auch ihn durch den Neuerungswillen, die Erfolge und den Gehalt an Vork\u00e4mpfertum. Da er nicht primitiv war, mochte er nicht argw\u00f6hnen lassen, da\u00df er irgendwo zur\u00fcckgeblieben sei, und w\u00e4re es nur in der Unterstellung unter Programme. Gelegentlicher Nachahmungen der Laute, die den epischen Tag durcht\u00f6nen, war er nat\u00fcrlich f\u00e4hig wie alle ihrer Sinne frohen Musiker. Indessen, die Schl\u00e4ge der Gei\u00dfelung und der Hahnenschrei machen <a id=\"page94\" title=\"akling\/gary\" name=\"page94\"><\/a>nicht Bachs Passionen, Kuckuck und Nachtigall nicht Beethovens Pastorale. Ebensowenig dringt der Ruf des Vogels Zizibe, der Waldmeise, in das Gewebe der romantischen Symphonie Bruckners. Er ist nur eine Allegorie in ihrer wirklichen Sprache. Wer wei\u00df, wie wenige der Ruf an den Rufer erinnert h\u00e4tte, w\u00e4ren sie nicht durch Bruckner aufmerksam gemacht worden. Die t\u00f6nenden Findlinge von drau\u00dfen bekr\u00e4ftigen, da\u00df es nur <em>eine<\/em> Natur gibt, die sich in mannigfachen Mundarten kundgibt, einmal prosaisch, einmal sibyllinisch, einmal orphisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies vorausgesetzt, gewinnen Bruckners R\u00fcckspiegelungen des Klanges ins Sichtbare doch symbolische Bedeutung. Sein Klingen schweift etwa ins romantisch Entlegene: da hebt sich eine mittelalterliche Stadt aus der Morgend\u00e4mmerung, die Tore \u00f6ffnen sich, Ritter reiten in den Wald. Indem er dies mitteilt, spricht er von gro\u00dfen Entfernungen im R\u00e4ume und in der Zeit. Denken die Ritter unbewu\u00dft an den Gral und an Christus, mit dessen Blute er sich gef\u00fcllt hat? Hebt die Sonne sich zum ersten Male aus den erw\u00e4rmenden Nebeln wie damals, als sie geschaffen wurde, und t\u00f6nt nun wie aus Faustens Himmel in Brudersph\u00e4ren Wettgesang, und vollendet sie ihre vorgeschriebene Reise mit Donnergang? Es soll Bruckner nichts untergeschoben werden. Ob die Vorstellungszusammenh\u00e4nge der Empfindungen in dem Symphoniebeginn \u00e4hnlich den hier angedeuteten sind oder sein k\u00f6nnten, niemand wird es erforschen. Nur stehn die heiligen Worte des Tons und die allt\u00e4glichen einander gegen\u00fcber, weltenfern. Das Bewu\u00dftsein hascht vergebens nach dem \u00dcberbewu\u00dftsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Weg in dieses \u00dcberbewu\u00dftsein war der Weg des Brucknerschen Lebens. An ihm hatte er nicht als verweslicher <a id=\"page95\" title=\"akling\/gary\" name=\"page95\"><\/a>Mensch teil, sondern als Gef\u00e4\u00df unverweslicher Natur. Und das Wort Natur streng genommen, gibt es f\u00fcr das menschliche Urteil nicht ein St\u00fcck Natur und nicht das Ganze der Natur, denn das Wesen hebt den Begriff der Grenze auf. Ein Vogel w\u00e4re nicht ohne alle V\u00f6gel, ein Mensch nicht ohne die Menschheit. Eins r\u00fchrt alles an. Der Weg, den etwa Herder in seinen Ideen zu einer Philosophie der Menschheitsgeschichte enth\u00fcllt hat, die Erde sei ein Planet um die Sonne, und so hinab durch die Organisationen bis auf uns, l\u00e4\u00dft sich auch in umgekehrter Richtung erfliegen. Das Ganze der Sch\u00f6pfung \u00e4u\u00dfert sich in jeder einzelnen seiner Gestaltungen, hier klar, hier tr\u00fcb, hier im Traum, den wir Leben nennen, hier in dem Leben, das wir Tod nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie wenig es auf das Erh\u00e4rtete f\u00fcr den Augenschein ankommt, entnehmen wir, um mit den weisen Augen eines Antipoden auf uns hin\u00fcberzublicken, der Philosophie Buddhas. Auch er offenbart die Gottheit der Natur, obschon er keinen Gott offenbart. An seiner Strahlung werden wir milder und heller, als habe das All sich an seinem Blute zur Freude erw\u00e4rmt, und doch \u00fcberredet er uns fort und fort, mit unseren Leidenschaften keiner anderen Leidenschaft und keinem Dinge anzuhaften. Verl\u00f6schen in uns sollen wir um der Befreiung vom Leide willen. Der Kampf, uns vom Schmerze der Welt zu heilen, wird uns zur Heilung des Schmerzes in der Welt. Uns will er befreien, und er befreit die Welt. Dies ist gewi\u00df nicht der denkerische, aber der musikalische Sinn seiner Lehre.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein solcher Sinn ist weder archaisch noch zeitlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner ist nicht unzeitgem\u00e4\u00df, weil die Zeit, die ihn z\u00e4hlt und in der er z\u00e4hlt, in ihm wie eine Quelle zutage trat. So quellhaft war sie in fr\u00fcheren ihm \u00e4hnlichen <a id=\"page96\" title=\"akling\/gary\" name=\"page96\"><\/a>Geistern zutage getreten, so kann sie in k\u00fcnftigen wieder aufbrechen. Da es unm\u00f6glich ist, die Raumvorstellung aus dem Bilde zu entfernen, und weiter unm\u00f6glich, hier\u00fcber anders als im Bilde zu sprechen, m\u00f6gen wir es in uns verbreitern und vermehren, \u00fcber den Quellmund hinauf in sein Gebirge und hinab in seine Ebene; und sinnen wir noch bewachsene Ufer hinzu und Gestalten, welche den Trank trinken, so fehlt nicht viel, da\u00df sich die abstrakt ohnehin unbegreifliche Zeit mit Welt aus ihrem Verm\u00f6gen umgebe und die alte Welt verdr\u00e4nge. Der Vorgang ist die \u00dcbermannung der Wirklichkeit durch die Vision, welche die Wirklichkeit zwar nie zerst\u00f6rt noch st\u00f6rt, aber in neuen Ordnungen leuchtend und herrlich macht. In den K\u00e4mpfen gro\u00dfer K\u00fcnstler befehdet die Welt mit ihren Realen oft die K\u00fcnstler, diese jedoch k\u00e4mpfen mit ihren Visionen um die Realit\u00e4t. Bruckner ging waffenlos in seinem Kosmos, w\u00e4hrend einige, die seine Br\u00fcder h\u00e4tten sein sollen, mit vergifteten Waffen auf ihn eindrangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Br\u00fcder? Der n\u00e4chste Nachbar wohnte hundert Jahre weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page97\" title=\"akling\/gary\" name=\"page97\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Beethovens und Schuberts Tode war die Sonate, besonders nat\u00fcrlicherweise ihre angestrengteste Form, die Orchestersonate, alt und m\u00fcde geworden. Ihre Glieder waren steif und unlustig, ihre Gedanken hatten sich erfahren und festgefahren. Die Musik ging zu den anderen K\u00fcnsten auf Besuch, um sich nach Anregungen und Erfrischungen umzutun. Die Maler wirtschafteten im klar anschaulichen Vordergrunde, konnte man das musizierend nicht auch einmal versuchen? Die Dichter waren pfiffige Leute, sie hatten unverbrauchte Ideen, sollte man nicht das Poetische auf die Symphonie zu \u00fcbertragen probieren? Schon das Grunds\u00e4tzliche solcher Vermischungen sieht nach Bluttransfusionen aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner wandte den Blick nicht ausw\u00e4rts, sondern einw\u00e4rts. Wie ehemals sein Studieren durch Ausschlu\u00df alles dessen, was nicht Studium war, den Kosmos ausschritt, so wurde sein Schaffen durch Ausschlu\u00df alles dessen, was jenseits des Sch\u00f6pferischen lag, erst recht kosmisch. Innerhalb des Kosmos war <em>alles<\/em> zu erfinden, daneben lag nichts. Die Versenkungsgewalt spannte alle Abst\u00e4nde innerhalb der Symphonie so weit auseinander, da\u00df die alten schematischen Bezeichnungen f\u00fcr die Verfassung darin zopfig und kurzatmig werden. Sie sind von den Betrachtern vielfach ausgewechselt worden. Die formalistischen Chrien werden sofort Ausgeburt des Wahnsinns, wenn sie hier noch Geist und Seele in Formalien einzukramen versuchen. Will einer von achttaktiger Periode, Vorder- und Nachsatz sprechen, so ger\u00e4t er, obwohl auch das m\u00f6glich ist, sehr bald ins Stolpern, will er von der althergebrachten Reprise im Sonatensatze reden, so mu\u00df er sich dabei bescheiden, von Wiederholung meist nicht viel zu finden, dagegen wom\u00f6glich Durchf\u00fchrungshaftes <a id=\"page98\" title=\"akling\/gary\" name=\"page98\"><\/a>und trotzdem eine leuchtende Erinnerung an die Exposition. Sucht der Schematiker in Finales oder Adagios die Rondoform A B, A B, so kann er sie zwar befriedigend oft finden, aber er wird den Kopf dar\u00fcber sch\u00fctteln, was aus ihr geworden sei, wie sie, mit Sonate, Fuge, Choral und was immer gemengt, einhergehe, und wird sich dennoch sch\u00e4men, das niedere Recht vor dem h\u00f6heren zu verteidigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die formale Satzkunde aus dem fr\u00fcheren Besitzstande wurde beibehalten, nur wurde sie mit l\u00f6wenm\u00fctiger Vernunftst\u00e4rke begr\u00fcndet. Warum hat eine Symphonie auch bei Bruckner noch zwei Ecks\u00e4tze? Nicht etwa, weil es sich aus altmeisterlichem Herkommen rechtfertigte, sondern weil der vierte Satz eine Fortsetzung und Beendigung des ersten ist. Wer nicht blo\u00df Get\u00f6n und Get\u00f6se h\u00f6rt, kann das Brucknersche Finale ohne die ganze Symphonie nicht verstehen. Die letzten S\u00e4tze haben Taktart und meist Tonart mit den ersten gemein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stehen urhaft immer in Viervierteln, fr\u00fchere Tondichter waren darin freier, moderner gewesen. Keiner aber hatte ja auch so weit her zu kommen und so weit hin zu gehen. Wegen der Entfernung vom Anfang bis zum Ende tritt der Held des Ereignisses, das Hauptthema, im Bewu\u00dftsein seines Vorhabens majest\u00e4tisch, ruhegro\u00df an, w\u00e4hrend er im Finale heldisch, lapithisch, kentaurisch sich vorzuschleudern wei\u00df. In den beiden mittleren S\u00e4tzen, wenn er in den Abgrund seines Innern versinkt oder wie ein Halbgott mit den Menschen tanzt, l\u00e4\u00dft er nat\u00fcrlich das Bewu\u00dftsein von seiner Gestalt und Aufgabe aus dem inneren Blickfeld. Er schlafwandelt ja in seinen Schmerzen, Seligkeiten und Verkl\u00e4rungen. Das Bewu\u00dftsein seiner Einheit mit sich selbst geht ihm dabei nicht verloren. Die Mittels\u00e4tze stehen zu den Ecks\u00e4tzen <a id=\"page99\" title=\"akling\/gary\" name=\"page99\"><\/a>immer in Dominant- oder Parallelverwandtschaft oder Nachbarschaftr\u00fcckung zur Sekunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum aber \u00fcberhaupt das heldengleiche Grundthema? Auch das ist durch Bruckner neu und profund begr\u00fcndet worden. Es ist keineswegs gegeben, keineswegs aus dem Einfall aufgelesen, sondern es wird geboren. Es entsteht, um zu sein. Es f\u00e4ngt niemals im Forte an. Es verdankt sein Dasein einer Gruppe von Kr\u00e4ften, die alle zusammenwirken, alle unentbehrlich sind. Im Finale sodann w\u00e4re es widersinnig, wenn es sich nochmals entwickeln wollte. Es tritt fertig auf, wohl aber durch das Lebenserlebnis verwandelt. Es hat sein Kindes-, J\u00fcnglings-, Mannesalter, nur das Greisentum fehlt ihm, denn es verachtet den Tod und tut den Schritt gleich in die Unsterblichkeit mit unverbrennbaren Seraphsfl\u00fcgeln. Es wei\u00df, da\u00df es aus den Grundintervallen, den Grundrhythmen sich erschuf, die auch unsterblich sein m\u00fcssen, sonst h\u00e4tten sie nicht die Kraft des Erzeugens besessen, und sie w\u00e4ren nicht vorhanden gewesen. Wie aber etwa ein Mensch nicht in jedem Augenblick nur die Summe seiner Kr\u00e4fte ist, sondern vor allem deren Potenz, die sich einmal wacker und einmal besinnlich erweist, die immerfort Teile daraus verbindet, entwickelt, steigert, ausscheidet, so ist das Thematische Bruckners beschaffen. Wenn es geworden ist, wird es noch immer, im ganzen und im Teile. Die \u00dcbergestalt im Gestaltwandel zeigt sich nur selten. Der Wandel ist Erlebnis; daher das \u00dcbergewicht dessen, was man Entwicklungsmotive genannt hat. Es leuchtet ein, da\u00df die Symphonie Bruckners drei- oder viermal so lang ist als die fr\u00fcherer L\u00e4ufte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hauptthemen der letzten S\u00e4tze erst sind Klanggestalt und Klanggewalt in einem. Wer die Gestalt nicht sieht und daher vor ihrem Get\u00f6n erschrickt, fa\u00dft auch <a id=\"page100\" title=\"akling\/gary\" name=\"page100\"><\/a>die Gewalt nicht. Wer diese nicht f\u00fchlt, sieht die Gestalt nicht. Er sieht nur etwa den einst\u00fcrzenden Turm einer Oktave, die nochmals eine Terz tiefer hinabbricht und sich dann, als sei sie doch wieder ein lebendes Wesen, in mehreren Abs\u00e4tzen wieder hinaufqu\u00e4lt. Der synthetische Blick auf das \u00c4u\u00dfere und Innere ist unentbehrlich. Was in keiner Gestalt erscheint, ist nicht. Die Synthese kann sich nicht mehr blo\u00df in spezifisch musikalischen Begriffen bewegen. Sie erkennt die Musik in dem, was allen K\u00fcnsten gemeinsam ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr den Ausdruck dieses Gemeinsamen stellen sich, nicht zu vermeiden, Grunderfahrungen aus dem ewigen menschlichen Epos \u00fcber allen Epen ein. Wir k\u00f6nnen nicht umhin, von stehen, gehen, laufen, treten, stampfen zu sprechen, von st\u00fcrmen, tragen, schieben, schweben, von ermatten, sinken, sich senken, versinken, von heulen, pfeifen, w\u00fcten, dr\u00f6hnen, \u00fcbersch\u00e4umen, von seufzen, schluchzen, tr\u00f6sten, verkl\u00e4ren, erl\u00f6sen. Begegnen wir dem bei allen Musikern, so machen wir Rangunterschiede, je nachdem wir mehr das Zeichen der Figur oder den ihr innewohnenden Willen meinen. In ausgehenden Stilepochen wei\u00df der H\u00f6rer sehr weit voraus den Verlauf bis ins einzelne, er ahnt, wie von dem Komponisten gef\u00fchlt und geordnet werden wird. Harmonik, Rhythmik, Dynamik, selbst die sie anf\u00fchrende Melodik haben dann ihren Reiz darin, da\u00df sie ein jedes Ding in dem Satz richtig und straff an seinen Platz bringen. Ein neues St\u00fcck bietet dann nur ein neues Beispiel mit anderem Material.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Brucknerschen Symphonie treibt unverbrauchte Regung nicht nur in horizontaler Richtung gegen das Unendliche, sondern ebenso nach oben, nach unten. Ist das Dynamische ausdehnungslos, so mag seine Weise zu <a id=\"page101\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page101\"><\/a>wirken sich in r\u00e4umlichen Symbolen am leichtesten erl\u00e4utern. Nach August Halm hat es mit besonderem Veranschaulichungsgl\u00fcck Ernst Kurth unternommen, das dionysische Spiel der symphonischen Wellen, ihr An- und R\u00fcckfluten, ihre Steigerungen zu H\u00f6henk\u00e4mmen, ihre Ermattungen, ihr Ineinandergischten. ihre Neubildungen, ihre Farben zu verfolgen. Er brauchte, weil das Meer unaussch\u00f6pflich ist, weit mehr als tausend Gro\u00dfoktavseiten. Das Bild geht sofort in seinem psychologischen Wesen weiter: Feuermeere, Nebelmeere, Lichtmeere, Berggipfelmeere \u2013 man darf nichts lokalisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lokalisiert aber ist die Tonsprache. In allem f\u00fchrt der Weg von einer Grenze bis zur anderen, wie es jene Antrittsvorlesung Bruckners f\u00fcr das Harmonische und Kontrapunktische verhie\u00df. In seiner Verstrickung liegt etwa ein Ton, spannungsgeladen. Er \u00bbspaltet\u00ab sich, und das Zerf\u00e4llte wird wieder Ton. Aus eins wird zwei, nach oben, nach unten. Wir haben uns vom Ausgang nach beiden Seiten um eine kleine Sekunde entfernt. Die Wendung nach den angrenzenden Halbt\u00f6nen finden wir in allen Gr\u00f6\u00dfen festgehalten. Die vier ersten T\u00f6ne des Hauptthemas der zweiten Symphonie zeigen den Vorgang im engsten Zirkel. Die R\u00e4nder der Themenbahn zu Beginn des neunten Adagios zeigen ihn verbreitert und verinnerlicht. Ganze Satzstrecken leben von seiner Energie, wie im vierten Finale zwischen dmoll und Edur lange das unerl\u00f6ste Esdur schlummert. Die Tonartr\u00fcckungen unter Abschneidung der alten Umwege keimen ebenfalls in der geheimnisstillen Tonspaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Spalten sich die T\u00f6ne nicht, so behalten sie im Akkorde und seinen Strebungen zu weiteren Akkorden, damit durch die mehrfache Deutbarkeit die gleiche unbeschr\u00e4nkte Spannung. Zu geborenen Dissonanzen kommen <a id=\"page102\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page102\"><\/a>solche durch Erh\u00f6hung und Erniedrigung, gleichsam durch Rangver\u00e4nderung, und solche, die als Schicksal durch die Stimmf\u00fchrung zufallen. Diese Schicksalsm\u00f6glichkeiten werden entweder auf der Stelle oder bei k\u00fcnftigen Neuans\u00e4tzen verwirklicht. Aus den Akkorden spinnen sich polyphone Bewegungen hinaus, in Akkorden spinnt Polyphonie sich ein. Oft dringen dabei zwei Tonarten ineinander, rei\u00dfen aneinander in gigantischem Sch\u00fctteln, bis die Lawine an den Rand eines H\u00f6llenkessels gerollt ist, dar\u00fcber schweben bleibt oder pl\u00f6tzlich im Unraum verschwindet. Selbst in Gesangsthemen mischen sich wundersam friedliche Gesandtschaften fremder Tonarten. Aus verschiedenen Landschaften hergepilgerte Akkorde scheinen sich an, nehmen, als w\u00e4ren sie kristallen, gegenseitig vom Eigenlichte des anderen auf. Die Tonarten breiten die Skala des Lichtspektrums aus. Die Kreuztonarten erstrecken sich bis zur Blendung ins Helle, wir denken an so manches Edur und Hdur, BTonarten suchen das Milde und Dunkle, sanft und rein das Asdur, verkl\u00e4rt und verz\u00fcckt Des- und Cesdur, schmerzlich cmoll, furchtbar fmoll, gotisch gro\u00dfartig dmoll. Das sind nur ein paar grobe Risse. Weil die Tonarten f\u00fcr Bruckner so durchaus Charakter sind, wendet er sie, unbek\u00fcmmert um das Fortkommen der Werke in der kalten Welt, dem inneren Auftrag gem\u00e4\u00df an. Drei Symphonien stehen in cmoll, zwei in dmoll, darunter die neunte, den Vergleich mit Beethovens Neunter herausfordernd. Aus dem n\u00e4mlichen Charaktergrunde kann er mit einer Tonart sehr sparsam sein. Kurth f\u00fchrt sehr sch\u00f6n aus, wie uns der Anfang der vierten Symphonie in ein Meer, in ein nur an der Oberfl\u00e4che in andere Farben gebrochenes Weltall von Esdur versetzt, dann aber das Esdur erst auf dem H\u00f6hepunkte des Satzes <a id=\"page103\" title=\"Samuel\/gary\" name=\"page103\"><\/a>wiedererscheinen und erst am Schlusse des Werkes ganz deutlich ausbrechen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Aufgang des Lichtes in den Harmonien oder sein Erl\u00f6schen wird oft nicht gleich von helleren oder dunkleren Instrumenten verk\u00f6rpert. Zwischen den klaren und dumpfgef\u00e4rbten Instrumenten liegen Empfindungszwischenr\u00e4ume wie zwischen den T\u00f6nen der leeren und vollen Akkorde. Die Streicher, das Holz, das Blech bilden in sich geschlossene Sippen, sie werden einander gern entgegengesetzt, nicht nur ihre Weisen. Fernen klaffen zuweilen zwischen ihnen; aber sie reiben und qu\u00e4len einander. Die Sippenmitglieder schlie\u00dfen sich ungern anderen Familien an, der orchestrale Besitz bleibt oft \u00fcber l\u00e4ngere Satzteile erhalten. Die Instrumente wechseln, wenn zum Beispiel mit Eintritt eines neuen Themas der Inhalt umgestimmt wird. Dann folgen etwa die h\u00f6lzernen S\u00e4nger den harmonischen Tr\u00fcbungen und Hellungen leise nach in Kreuz und Be, in Licht und Weh. Und doch ist das Instrument noch etwas anderes als der Erf\u00fcller harmonischer Wege. Zum Kraftwillen im ganzen tritt die Kraft an sich. Der Gedanke wird plastisch in verschiedener Dichtigkeit, Schwere, Leichte. Bruckner liebt kein Verst\u00e4rken, kein Verbleichen um seiner selbst willen, sondern er pr\u00e4gt seelisch das St\u00e4rkere, er gestaltet seelisch das Blassere, das Lautere, das Leisere. Die Blechbl\u00e4ser weben ihm das entwerdende Dunkel, das Licht bei geschlossenen Augen: bei anderen Tonsch\u00f6pfern ergeben sie sich gerade umgekehrt der weltlichen Helle und Freude. Der Blechbl\u00e4sersatz kann mit Sanftmut Gottvater und im Affekt Gott den Geist verehren. Aber der eherne Mund der Trompeten, Posaunen, sp\u00e4ter Tuben wei\u00df auch ungeheure Runenspr\u00fcche, er wei\u00df den autochthon erfundenen protestantischen Choral, der, <a id=\"page104\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page104\"><\/a>manchmal zu einem einzigen leisen Akkord verk\u00fcrzt, eine Frage aus nicht antreffbaren Welten beantwortet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Streicher sind das Allgegenw\u00e4rtige, sie lassen die Atmosph\u00e4re des Alls wogen, zittern, duften, sie steigen in flirrende H\u00f6hen diatonisch hinauf, ihre B\u00e4sse schleichen chromatisch in die Tiefe, wo der Boden schwankend wird. Sie machen in der Mitte Schmerz und Sehnsucht bl\u00fchen, gro\u00df und frei wie die Geigen im Adagio des Streichquintetts, oder die Celli inbr\u00fcnstig in hohen Lagen am Beginn der zweiten Symphonie, wo es die Bratschen leichter h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Holz ist gern \u00fcber leeren Weiten einsam. Die Leere und die Weite vergeht nie. In ihr gebiert sich das Ereignis, und es stirbt da. Geschlechter der Helden und Leidenden haben ihren Raum darin und gleichsam ihr Grab und ihre Auferstehung. Die Erlebnisse verdr\u00e4ngen nicht den Weltraum, der sie h\u00e4lt und tr\u00e4gt. Sie werden sich nicht selbst genug in einem Verst\u00e4nde des Hochmuts, der das Zeitliche und Ewige vergi\u00dft, sondern sie besiegen das Zeitliche und anerkennen das Ewige, indem sie in beides eingehen. Bruckner ert\u00f6nt registerhaft wie Bach, er meidet das Einschmelzen und Einf\u00e4rben des Klanges. Dieser tritt auf als Substanz durch und durch, er verst\u00e4rkt das den meisten Unvernehmbare so, da\u00df es auch andere vernehmen. Mixturen enth\u00e4lt das Akkordliche genug, die Kolorierung dieser Mixturen ist \u00fcberfl\u00fcssig. Die Skala spannt sich doch vom Ger\u00e4usch bis zur schwelgerischen Melodie. Es gibt der rechtm\u00e4\u00dfigen Mittel, sie r\u00e4umlich, nicht fl\u00e4chig zu erf\u00fcllen, so viele. Da l\u00f6st sich aus dem Hintergrunde in gezupften Streicherakkorden der bange Schemen eines Chorals, und erst nachher wird er aus dem somnambulen Geschwirr zum vollen Chor erwachen. Eine andere Achse des Gesangs <a id=\"page105\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page105\"><\/a>reicht vom gregorianisch Felsigen bis zum atonalen Sp\u00e4tnebel. Eine andere l\u00e4uft vom Tremolo in der H\u00f6he bis zum Tremolo in der Grundtiefe, mit klingenden Inseln oben, unten. Nimmt man&#8217;s formalistisch, so beh\u00e4lt man Materie in der Hand, eine chromatische Begleitfigur drunten, droben ein paar Fl\u00f6tent\u00f6ne, die jeder erfinden und blasen k\u00f6nnte, anders aber belauscht man Grundwasser, nicht geheuer, verwehende Cirrusflocken: nur lasse man das H\u00f6rende nicht vom Akustischen vergiften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die kontrapunktische Gegens\u00e4tzlichkeit schert ebenfalls vom Punkte bis dahin auseinander, wo Ma\u00df und Zahl nicht sind. Vom gleichen Ansatz her richtet sich eine thematische Linie in die H\u00f6he und als Umkehrung in die Tiefe. Verkleinerungen, also Beschleunigungen eines Motives bringen Verdichtungen und Aufgipfelungen zustande, Vergr\u00f6\u00dferungen, also Verlangsamungen verlieren sich in stillen T\u00e4lern. Melodische Doppelerfindungen, besonders in den Gesangsthemengruppen, verbinden zwei Lebensstimmungen, eine mehr menschliche und eine mehr naturhafte. Sprichw\u00f6rtlich sind solche Koppelungen geworden wie die im dritten Finale, wo ein Choral und ein L\u00e4ndler gleichzeitig miteinander gehen: hier tr\u00e4gt man einen Toten hinaus, und nebenan tanzt man auf der Hochzeit \u2013 in diesem Sinne dr\u00fcckte sich Bruckner dar\u00fcber aus. So kommt die zwei- und dreiteilige H\u00e4lfte des Brucknerrhythmus \u00fcbereinander zu stehen, wie es noch viele andere Kontrapunkte der Rhythmen gibt. Sinnbildlich gesprochen, liegen Kristallinisches und Schwarzerdiges in den verschiedenen S\u00e4tzen horizontal widereinander. Wenn Teile der Durchf\u00fchrung und der Wiederaufnahme ineinandergeschoben sind, so entspringen nat\u00fcrlich daraus auch Gegens\u00e4tze des Denkstils. Einen Kontrapunkt der geschichtlichen <a id=\"page106\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page106\"><\/a>Zeiten stellt jenes Miteinander von Symphonie, Choralfuge und Doppelfuge mit dem ersten Hauptthema und dem Finalethema im letzten Satze der f\u00fcnften Symphonie auf. Die Altkirche und die neue singen widereinander, die Urlandschaft raunt am Anfang, der offene Himmel drommetet am Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00fchnheit ist ein fast schwaches Wort f\u00fcr die Vereinigung aller Hauptthemen der vier S\u00e4tze im Finale der achten Symphonie. Bach hat einmal die vier Zeilen des Liedes \u00bbVom Himmel hoch, da komm ich her\u00ab gleichzeitig ert\u00f6nen lassen. Bruckner schrieb, als er seine Viereinigkeit im \u00e4therreinen Cdur vollbracht hatte, in die Noten: Halleluja! Eine \u00e4hnliche Zusammenballung erreicht er in vielen seiner Unisonos. \u00bbEs werden gleichsam alle Stimmen im Einklang zusammengefa\u00dft, die sonst nach verschiedenen Richtungen hin wirkenden Energien werden vereinigt, und in dieser vom H\u00f6rer vielleicht unbewu\u00dft empfundenen Vervielf\u00e4ltigung der Intensit\u00e4t der Energie mag nicht zuletzt die H\u00f6hepunktswirkung derartiger Unisoni gelegen sein\u00ab (Orel).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Strecken der Einfachheit, Ruhe, Sammlung tun sich allenthalben in den Leidenschaften des Scharfsinns und den Gef\u00fchlsst\u00fcrmen auf. Noch einmal sind hier die Chor\u00e4le und vor allem die tiefen, keineswegs stummen Generalpausen zu nennen. Die Pausen dienen manchmal dazu, einen Nachhall abzuwarten, der erst stark, dann matter aus der Ferne eintrifft. Dann wird es leer \u00fcber der Tiefe, und etwas Neues macht sich daraus auf. Dann sind unsichtbar knetende, knotende, emsige H\u00e4nde in unterweltlicher Werkstatt fertiggeworden. Manche Pausen k\u00f6nnten so gedeutet werden, als sei ein Choral eben darin verklungen oder sollte aufklingen. Denn oft gibt er sich nur in dunkel eingeschlossenen Fragmenten, in <a id=\"page107\" title=\"Fuchs\/cal\" name=\"page107\"><\/a>einsamen Registern zu erkennen, als ein Getr\u00fcmmer von Bangigkeit, h\u00e4ngengebliebener Weihrauch, verlorene Lichtspur irgendwo. Vereinzelte Pianissimo-Akkorde der Posaunen und H\u00f6rner vergewissern sich dann des warmen Dreiklangs. Sie blicken aus nach den gebundenen Chor\u00e4len vor, in und nach den gro\u00dfen K\u00e4mpfen. Die stehen in unverziertem akkordischen Satz: Macht und Wahrheit des Errungenen oder des in Hinkunft Gewissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf Vereinfachung und Verdeutlichung war Bruckner immer aus. Seine Verbesserungen beziehen sich auf \u00bbBeseitigung unspielbarer Violinpartien, Beseitigung der \u00dcberladung und Unruhe der Instrumentation\u00ab. Die urspr\u00fcnglich vier gleichzeitigen Gesangsthemen im ersten Satz der Vierten wurden auf zwei vermindert. Alle Finales bis auf eins wurden umgegossen. Freilich erzwang sich neben der formalen Vervollkommnung zuletzt auch das Schwerm\u00fctige und verzerrt Unb\u00e4ndige den sp\u00e4ten Einla\u00df in die Vierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Abschnitte innerhalb der S\u00e4tze sind klar geschieden, in den Ends\u00e4tzen sinken zwischen ihnen Kl\u00fcfte ein. Das war bei einem Geh\u00f6r sehr weit voraus, sehr weit zur\u00fcck notwendig. Die Verwandlungen unterwegs waren so entschlossen, da\u00df die Wiederkehr der Urform nicht mehr zu erwarten stand. Und gerade sie arbeitete sich nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten, aus all dem Leben heraus zu ihrer unantastbaren G\u00fcltigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nun lenken wir den Blick zur\u00fcck in die irdische Form, wo Bruckner im Gedr\u00e4nge wohnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Drittes St\u00fcck<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckners Amtliches lag wie ein vielverzweigter Kraken auf dem Werk seiner Seele. Da war nun der Sto\u00df seiner Zeugnisse geh\u00e4uft, und er mu\u00dfte rechnen um Brot, um Zeit. Zw\u00f6lf Stunden w\u00f6chentlich am Konservatorium, die brachten die Nagez\u00e4hne der gr\u00f6bsten Notdurft zur Ruhe. Die Hilfsdienste an der Orgel der Hofkapelle hatte er unentgeltlich zu leisten, die Erziehung der Hofs\u00e4ngerknaben zum Gesang, die Handreichungen als zweiter Archivar des Hoforchesters erbrachten eine weitere kleine Entsch\u00e4digung. Ein wenig reichlicher kleckte die Hilfslehrerstelle f\u00fcr Klavierspiel am Lehrerinnenseminar zu St. Anna. Aber die wurde ihm verg\u00e4llt, weil er eine Schuhmachertochter lustig \u00bbmein Schatz\u00ab genannt hatte, was eine notpeinliche Untersuchung heraufbeschwor. Er wollte lieber die 500 Gulden einb\u00fc\u00dfen, als t\u00f6richter Ann\u00e4herungen verd\u00e4chtigt werden. Amt war Amt. Zum Gl\u00fcck wurde er in die Abteilung f\u00fcr junge M\u00e4nner an derselben Anstalt \u00fcbernommen: Harmonie- und Orgellehre \u2013 immer das n\u00e4mliche. Nach dem Unterricht nahm er gern ein Auge voll Schlaf auf der Orgelbank. Ein kleines Stipendium vom Minister, wenig hilfreich, fiel zwischenein. Bald \u00e4nderte sich der Lehrplan zu St. Anna, man brauchte keinen Aushelfer, Weinwurm erhielt das Musikfach. Bruckner schrieb: \u00bbMu\u00dfte schon im Sept. und sp\u00e4ter wieder Geld aufnehmen, wenn es mir nicht beliebte zu verhungern. Kein Mensch hilft mir.\u00ab Er fand ein paar Ausl\u00e4nder, die Lektionen bei ihm nahmen, die einheimischen Professoren schanzten ihm fast nichts zu. Des Musikhistorikers Hanslick Standesd\u00fcnkel hielt ihn, den Nichtakademiker, von der Universit\u00e4t fern, bis dann doch wenigstens sein wissenschaftlicher <a id=\"page110\" title=\"Fuchs\/cal\" name=\"page110\"><\/a>Ehrgeiz ges\u00e4ttigt wurde: Ende 1874 wurde er als unbesoldeter Lektor f\u00fcr Harmonielehre und Kontrapunkt in der philosophischen Fakult\u00e4t zugelassen, nach vier Gesuchen. Drei Jahre sp\u00e4ter wurde ihm auf seine Bitte eine Bezahlung zugebilligt, nach weiteren drei Jahren hatte er ein festes Einkommen von 800 Gulden f\u00fcr seine T\u00e4tigkeit an der Universit\u00e4t erklommen. Als er mit der Todeskrankheit k\u00e4mpfen mu\u00dfte, wurde es ihm ungek\u00fcrzt sogar als Ehrengabe zuteil. Hanslick grollte um sich herum, in sich hinein. Seine Haupteinkunft freilich war kein Bargeld, es war die Aufrichtung, die er durch die Studenten, seine \u00bbGaudeamus\u00ab, erfuhr. Sie verehrten in seiner Person die unbekannte Sendung, sie liebten die W\u00e4rme, den Witz, die \u00fcberlegene Klugheit ihres Lehrers, sie setzten sich ein f\u00fcr ihn als Anh\u00e4nger der neuen Richtung. Im akademischen Wagnerverein dienten sie seinen kleineren chorischen Werken. Im H\u00f6rsaale aber sa\u00dfen sie zu siebzig, zu achtzig, zu hundert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts stillte die Klage in Bruckners Innerem: Gebt mir Zeit zum Schaffen! Nur eine Spitzenstellung konnte ihn aus der Kleinfron erl\u00f6sen. Als der Kapellmeisterposten der Kirche \u00bbAm Hof\u00ab erledigt war, bewarb er sich, erfolglos wie schon so oft F\u00fcnf Monate nach seiner Bewerbung erhielt er den einen Satz zur Antwort: \u00bbDer inangesuchte Dienstposten wurde anderweitig verliehen.\u00ab 1878 machte ihn die Hofkapelle zum wirklichen Mitgliede mit 600 Gulden Lohn und mit langfristiger Aussicht auf mehr. Archivar und Singlehrer war er nun dort nicht weiter, aber viele freie Nachmittage und Ferientage mu\u00dfte er opfern. Er konnte den Erl\u00f6s aus Privatstunden noch immer nicht entbehren. Erst als sein Abend sank, nahm man ihm nach und nach seine Ketten ab. <a id=\"page111\" title=\"Fuchs\/cal\" name=\"page111\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Stille des Wartens werfen sich ab und zu j\u00e4he steile Gipfel des Virtuosen-Erfolges auf wie pl\u00f6tzlich aus dem Erdreich aufberstende Vulkane. Die meisten dieser Feuergipfel erhoben sich fern von Wien, als wollte das Schicksal eine fahle, leere Zone der Freudlosigkeit um den Meister ziehen. Die Vulkane erloschen so rasch, wie sie entstanden waren. Bruckner blieb geblendet im Dunkel, arbeitete und sehnte sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Anfang der Jahrzehnte zu Wien wurde ihm in fremden L\u00e4ndern zweimal der Ruhm als Organist bis zum Rausch. Nach Nancy eingeladen zur Orgelweihe in einer neuen Kirche, fand er die bedeutendsten Spieler aus der Stadt, aus Paris, Reims, Stra\u00dfburg, Soissons, Luxemburg und woher noch immer versammelt, er obsiegte allen, kein Name wurde neben seinem genannt au\u00dfer einem. Die Erbauer der Orgel, Merklin-Sch\u00fctze, zogen ihn darauf nach Paris. Im Schiff der Notre Dame erwarteten ihn wohl alle lebenden franz\u00f6sischen Komponisten von Ruf und Glanz, ferner Kenner aus Frankreich, Deutschland, Belgien. Was man h\u00f6rte, hatte man noch nie geh\u00f6rt. Mit der Produktion Bruckners hatte die f\u00fcnfmanualige Metropolenorgel von Notre Dame ihren gr\u00f6\u00dften Tag erlebt. Das scholl nicht nur aus dem Tagesruhm wider, noch nach seinem Tode pries man ihn als den Wundermann an der Orgel von Notre Dame.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf volkst\u00fcmlicher Ebene wiederholte sich sein Triumph 1871 in London. Hier ri\u00df er \u00fcber die Lauheit der Presse hinweg die Herzen der Zehntausende empor. Wieder sa\u00df er an einer Riesenorgel in der neuerbauten k\u00f6niglichen Alberthalle. Schon als er am Abend seiner Ankunft sie ausprobierte, heizte man die Dampfmaschine, die mit zwanzig Pferdekr\u00e4ften den Druck in das Werk pre\u00dfte und deren Kessel am Verl\u00f6schen war, neu auf. Er <a id=\"page112\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page112\"><\/a>spielte in einem wahren Reigen von Konzerten klassische St\u00fccke und zu besonderem Jubel eigene aus dem Stegreif; f\u00fcnfmal konzertierte er noch im Kristallpalast. Was \u00fcber den Aufruhr der Wirkung verlautet, erinnert an das, was \u00fcber die Orgelzauberei des Altmeisters Frescobaldi berichtet wird, den Pilgerscharen durch die St\u00e4dte Italiens begleitet hatten. Auch Bruckner wurde angeboten, als Virtuos durch alle gro\u00dfen St\u00e4dte Englands zu ziehen. Ihm lag nichts daran, er mu\u00dfte ja auch flehm\u00fctig um Verl\u00e4ngerung des Urlaubs bitten, er kehrte heim.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht als Virtuosenmeteor wollte er \u00fcber Europa herfallen, wie er schon im Begriffe war. In Wien blieben ihm die Geh\u00e4use der gro\u00dfen Orgeln geschlossen, er entwich in die geistlichen Stifte au\u00dferhalb, um hinter Mauern zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Massenwirkung gegen\u00fcber mu\u00dfte er sich zu Hause lange bei der zwingenden Wirkung auf einzelne bescheiden. Sein Entf\u00fchrer Herbeck rang sich durch ein dumpfes Labyrinth ins helle Wissen, da\u00df Bruckners fMesse neben Beethovens Missa solemnis st\u00e4nde. Eine ungl\u00e4ubige Dame f\u00fchlte sich durch das gleiche Werk \u00fcbernat\u00fcrlich gerettet. Die Menge jedoch nahm ihre Begeisterung dar\u00fcber zehn Jahre sp\u00e4ter in \u00bbeiner Art musikalischen B\u00fcrgerkriegs\u00ab zur\u00fcck. Ebenso seicht mu\u00df wohl der grenzenlose Beifall bei der Auff\u00fchrung der zweiten Symphonie gewesen sein, denn ihm folgte bei der Urauff\u00fchrung schon der dritten der grenzenlose Abfall. Nur M\u00e4nner wie Speidel schrieben, kein gew\u00f6hnlicher Sterblicher habe das musiziert, und die Gegner seien unw\u00fcrdig, ihm die Schuhriemen zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich die Werkerfolge dichter einstellten, wichen auch sie in gro\u00dfem Bogen vor ihm zur\u00fcck. Er mu\u00dfte <a id=\"page113\" title=\"wedi\/cal\" name=\"page113\"><\/a>ihnen meist nachreisen. Vor der entscheidenden Auff\u00fchrung in Wien starb der Dirigent Herbeck (Oktober 1877). Dem Quintett wurde bei der zweiten Vorf\u00fchrung das Finale abgehackt. Josef Schalk und Ferdinand L\u00f6we, seine Sch\u00fcler, f\u00fchrten einige seiner Symphonien auf zwei Klavieren im B\u00f6sendorfersaal vor. Die erste Wiedergabe des Tedeums unter Bruckner wurde ebenfalls von zwei Klavieren begleitet. Die Funken guten Willens konnten die Dem\u00fctigung des einundsechzigj\u00e4hrigen Mannes nicht erleuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der drau\u00dfen wachsende Ruhm war nicht zu verpflanzen. Nach der Leipziger Urauff\u00fchrung der Siebenten unter Nikisch 1884 konnte Bruckners Name nicht mehr untergehen, aber er selbst konnte es. M\u00fcnchen folgte bald, und Bruckner wurde dort buchst\u00e4blich auf H\u00e4nden getragen, es folgte K\u00f6ln, Hamburg, Graz, Chikago, Neuyork, Amsterdam, Berlin, Budapest, Dresden, London \u2013 ja, und Wien war auch unter den St\u00e4dten. Die Dritte war nach Dresden, Frankfurt, den Haag, Neuyork gegangen \u2013 und Wien war schm\u00e4hend auch unter den St\u00e4dten gewesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotz der Kinderfreude, die jegliche gute Nachricht in Bruckner weckte, scheint ihn die Grundstimmung eingesponnen zu haben, die er einmal in die Worte fa\u00dfte: \u00bbMir ist auf dieser Welt schon alles recht, und ich werde ganz gleichg\u00fcltig der edlen Menschheit gegen\u00fcber.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Reichere Ehrungen wurden erst in seinem letzten Lebensjahrzehnt \u00fcber ihn ausgesch\u00fcttet. Sie kamen zu sp\u00e4t, um ihn noch einzuholen. Das will zun\u00e4chst bitter besagen: sie befreiten ihn nicht von seinen ungeb\u00fchrlichen Opfern an Sch\u00f6pferstunden. Denn die Befreiung brachte das infolge der \u00dcberarbeitung verfr\u00fchte Greisenalter und im letzten Jahrf\u00fcnft die katarrhalische <a id=\"page114\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page114\"><\/a>Erkrankung des Rachens und Kehlkopfs, Magen- und Leberleiden, Venenerweiterung an den F\u00fc\u00dfen, die fortschreitende Erkrankung der Nerven und des Herzens. Die eingeborene stete Bereitschaft zur Freude war auch eine erm\u00fcdende Anstrengung. Die Erfolgsdaten waren sein flammender Kalender, und auf manche hohe Feste darin fiel eine Sonnen- oder Mondfinsternis. Die \u00c4rzte, als w\u00e4ren sie seine Astrologen, wiegten besorgt die K\u00f6pfe, als er die Urauff\u00fchrung seiner Achten (Ende 1892) ausstehen sollte. Da\u00df sie ein gro\u00dfer Sieg f\u00fcr ihn wurde, \u00e4nderte nichts daran, da\u00df auch das Gl\u00fcck f\u00fcr ihn zu lastbar geworden war. Von der Urauff\u00fchrung der F\u00fcnften in Graz (1894) unter seinem Sch\u00fcler Franz Schalk war er durch sein Leiden ausgeschlossen, so da\u00df er sie niemals geh\u00f6rt hat. In den Erprobungen der Werke lief sein Lebensinterpunktionssystem, das System der Zeichensetzung durch bestandene Pr\u00fcfungen, weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die anderen Ehren nehmen in seinen Kalendern, die ihm als Merk- und Tageb\u00fccher dienten, keinen gr\u00f6\u00dferen Platz ein als etwa die sorgf\u00e4ltige Einzeichnung der jungen Damen, die er auf B\u00e4llen kennengelernt und mit denen er sich unterhalten und getanzt hatte, zum Fasching beim Juristenball, bei der \u00bbConcordia\u00ab der Schriftsteller, bei den Industriellen, auf \u00bbK\u00fcnstlerabenden\u00ab. Es hei\u00dft \u00fcber die Verleihung des Franz-Josefs-Ordens 1886: \u00bbAm 9. Juli von Sr. Durchlaucht F\u00fcrst Hohenlohe Franz Josef Orden \u00fcberreicht circa 1 Uhr.\u00ab \u00dcber seinen Dankbesuch notierte er: \u00bb23. September um \u00bc \u00fcber 11 Audienz bei Sr. Majest\u00e4t, dem Kaiser.\u00ab Das letzte, ihm erfreulichste Examen brachte er ohne sein Zutun im November 1891 hinter sich: es war die Ernennung zum Ehrendoktor der Wiener Universit\u00e4t. Der Kalender vermerkt dar\u00fcber auf einem Blatte, das au\u00dfer <a id=\"page115\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page115\"><\/a>einer Geldausgabe an seine Wirtschafterin die Wohnung einer Valerie Pistor eintr\u00e4gt, das folgende: \u00bb7. Nov. Promotion als Ehrendoktor der Philosophie an der Wiener Universit\u00e4t. 22. 11. beim Minister. 26. 11. beim Kaiser (\u00e4u\u00dferst huldvoll).\u00ab Namen aus dem Alltag beschlie\u00dfen die Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In die h\u00f6fische Rangordnung des Kaiserreichs eingereiht zu werden, erregte ihn nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig, so vorbehaltlos er jedem an seinem Orte die ihm geb\u00fchrende Devotion spendete, so selbstverst\u00e4ndlich ihm die Krone des Kaisers von Liebe getragen werden mu\u00dfte, damit sie den Monarchen nicht dr\u00fccke. Wie im kirchlichen Staate schimmerten im weltlichen durch die Personen die \u00c4mter. Da sein Teilnehmen an den kollektiven Einrichtungen au\u00dferhalb der Frage nach ihrer W\u00fcrdigkeit erfolgte, hatte er nicht n\u00f6tig, sich zu unterwerfen. B\u00fcckte er sich, so nicht kriecherisch, sondern enthusiastisch, seine H\u00e4nde dr\u00fcckten dabei sein Herz, seine Arme breiteten sich dabei von selbst weit aus. Aber Ehrendoktor zu werden, das war, als h\u00e4tte die profunde Wissenschaft selbst ihn in ihren Thronsaal gewiesen. Verstand es nicht auch der Universit\u00e4tsrektor Hofrat Exner so, als er beim Festkommers des akademischen Gesangvereins vor dreitausend Geladenen denkw\u00fcrdige Worte sprach? \u00bbWo die Wissenschaft haltmacht\u00ab, sagte er, \u00bbwo ihr un\u00fcbersteigliche Schranken gesetzt sind, da beginnt das Reich der Kunst, welche das auszudr\u00fccken vermag, was allem Wissen verschlossen bleibt. Ich beuge mich vor dem ehemaligen Unterlehrer von Windhaag.\u00ab Der Geistliche Dr. Kluger von Stift Klosterneuburg brachte ihn im Wagen heim, in dem ein riesiger Kranz die Fahrtgenossen beiseitedr\u00e4ngte, und Bruckner seufzte den Dank in sich hinein: \u00bbZu viel, zu viel.\u00ab Bei der eigentlichen Promotionsfeier <a id=\"page116\" title=\"wedi\/cal\" name=\"page116\"><\/a>hatte er sich eine Orgel gew\u00fcnscht, um zu danken. So versetzte er den Geist in das Instrument, das noch beredter in Zungen sprach als die Orgel: in das Orchester. Er \u00fcbereignete der Universit\u00e4t seine erste Symphonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er konnte auf die Stufen hinabsehen, die zu seinem Throne hinanf\u00fchrten. S\u00e4ngervereinigungen der Heimat hatten ihn zum Ehrenmitgliede erw\u00e4hlt, das Salzburger Mozarteum, die Amsterdamer Maatschappij tor Bevordering der Tonkunst, der akademische Gesangverein. Ober\u00f6sterreich hatte j\u00fcngst einen Ehrensold, die Stadt Linz die Ehrenb\u00fcrgerschaft bewilligt. Er hatte in Prag die neue Orgel des Rudolfinums weihen helfen, die alte im Dome dort beim Hochamte gespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird der Lohn auch sonst gemeinhin nach der Arbeit ausgeh\u00e4ndigt, so f\u00f6rdert er meist doch das weitere Vollbringen. Bei Bruckner entwich der Lohn allzuglatt in die Gestalt von Anerkennungen. Der Ruhm hatte in einem Leben des Robotts etwas Posthumes, so, als st\u00e4nde ein Begrabener von den Toten auf und d\u00fcrfte sich mit tr\u00e4nenverschleierten Augen hienieden umsehen, wo er sich einst auf seine Kosten ein Orchester mieten oder durch einen G\u00f6nner mieten lassen mu\u00dfte, wo er zweimal freundschaftlich in der Fremde gesammelte tausend Gulden zum Druck eines Werks entgegengenommen hatte, wo es an Geld f\u00fcr Abschriften fehlte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Martern haben sich ihre k\u00fchle Klamm durch den Humus seiner zweiten Wirklichkeit gegraben. Darin wandelte er gegen das verborgen brausende Meer hinab. Wie eine M\u00fcnchener Beobachterin sp\u00fcrte, \u00bblag trotz seiner guten Laune ein Hauch Trauer \u00fcber all dem, was er sagte\u00ab. Die Feinde fra\u00dfen an ihm wie ein \u00bblangsames, aber desto sichereres Krebsleiden\u00ab. Die Philharmoniker <a id=\"page117\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page117\"><\/a>lachten ihn in den Proben laut an, erfanden Spitznamen f\u00fcr seine Musiken. Er verga\u00df wohl einmal, das Zeichen zum Anfang zu geben, nahm den Taktstock verkehrt in die Hand, warf ihn bei anderer Gelegenheit fort, um seinen Freund Moritz von Mayfeld zu umarmen. Dergleichen wurde aufgebauscht und umzischelt. Bei der Urauff\u00fchrung der Dritten flohen alle bis auf zehn oder zwanzig, die Musiker zuerst. Bei der Vorprobe der n\u00e4chsten Symphonie verwarfen die Philharmoniker das meiste als verr\u00fcckt. \u00bbAlles ist zu sp\u00e4t. Flei\u00dfig Schulden machen, und am Ende im Schuldenarreste die Fr\u00fcchte meines Flei\u00dfes genie\u00dfen und die Torheit meines \u00dcbersiedelns nach Wien ebendort besingen, kann mein endliches Los werden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dr\u00fcckendsten Dem\u00fctigungen erfuhr er am Konservatorium. Lehrbuben und Diener entsetzten sich. Allen vorauf wetteiferte der Generalsekret\u00e4r Zellner, ihn zu verbittern. Das Licht wurde ihm ausgedreht, Zellner stellte w\u00e4hrend Bruckners Harmonielehre im Zimmer nebenan Sirenen an, er riet ihm, seine Symphonien auf den Mist zu werfen und sich gescheiter mit Klavierausz\u00fcgen etwas zu verdienen. Zellner sprach ihm sogar die Bef\u00e4higung zum Organistentum ab. Da\u00df Bruckner ungeschliffen und l\u00e4cherlich wirkte, ha\u00dfte man, weil man nicht glauben konnte, einer, der Gro\u00dfes in sich hatte, k\u00f6nne so geduckt worden sein. Sein D\u00e4monion forderte von ihm, da\u00df er als Zerst\u00f6rer in seine Sch\u00f6pfungen selbst eingriff. Er erlaubte sinnst\u00f6rende K\u00fcrzungen, bat, flehte wiederholentlich darum. Die vollst\u00e4ndige Fassung sei f\u00fcr sp\u00e4tere Zeiten und f\u00fcr Kenner. Seine besten J\u00fcnger rieben ihm falsche Farben, die den klaren Glanz seiner Gebilde tr\u00fcbten und dem Teufel der Mode dienten. Die ver\u00e4nderten Gebilde reizten und reizten auf, doch waren <a id=\"page118\" title=\"Fuchs\/cal\" name=\"page118\"><\/a>sie den einzelnen Wissern, die vielleicht schon heranwuchsen, nun nicht ganz kenntlich: sie schienen nun nicht so unabh\u00e4ngig, wie sie waren; durch die St\u00e4rkung waren sie geschw\u00e4cht. Da wurde er auch m\u00fcrbe genug, um mit der Verteilung einer Symphonie auf zwei Abende einverstanden zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Geschichte hat vor einen der Eing\u00e4nge zu Bruckners Leben eine Reihe von Galgen aufgerichtet. Daran hat sie etliche Kritiker geh\u00e4ngt, M\u00e4nner, die im \u00fcbrigen nicht ohne Verdienst sind. Vornean erkennen wir Eduard Hanslick, Max Kalbeck, Gustav D\u00f6mpke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie und andere h\u00f6rten Bruckners Musik trotz ihres \u00bbPr\u00e4latenstils\u00ab als eine lemurische Spukh\u00f6lle. So mu\u00df es gewesen sein, sonst h\u00e4tte ihr Hohn nicht bisweilen in infernalischen Urha\u00df umschlagen k\u00f6nnen. Es bleibt ihnen ein R\u00e4tsel, \u00bbwie dieser sanfteste und friedfertigste aller Menschen im Moment des Komponierens zum Anarchisten wird\u00ab. Er komponiere \u00bbHochverrat, Emp\u00f6rung und Tyrannenmord\u00ab. \u00bbWie eine unf\u00f6rmliche, gl\u00fchende Rauchs\u00e4ule steigt seine Musik auf, bald diese, bald jene Gestalt annehmend.\u00ab Er sei unnat\u00fcrlich, aufgeblasen, krankhaft und verderblich Halb Genie, halb Trottel, biete er antimusikalischen Bl\u00f6dsinn. Man glaube an seine Stegreifkom\u00f6dien so wenig wie an den Sieg des Chaos \u00fcber den Kosmos. Er taumle in haltlos zerfallenden, musivischen Formen. Das Credo seiner fMesse sei eine christliche Wolfsschlucht. Er komme aus den Nibelungen und gehe zum Teufel. Sein bengalisches Feuer hinterlasse keinen sonderlich feinen Geruch. Er komponiere wie ein Betrunkener. Der Modergeruch eines verwesungss\u00fcchtigen Kontrapunktes steige in die Nasen. Es dufte bei ihm nach himmlischen Rosen und stinke nach h\u00f6llischem Schwefel. Man wendet sich von dem \u00bbh\u00e4\u00dflichen <a id=\"page119\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page119\"><\/a>Gemisch von Roheit und \u00dcberfeinerung\u00ab, vom \u00bbnackten Unsinn\u00ab. Man erliegt dem \u00bbverwirrenden Dunkel, der m\u00fcden Abspannung, der fieberhaften \u00dcberreizung\u00ab im \u00bbtraumverwirrten Katzenjammerstil hinauf- und hinablamentierender Schusterflecken\u00ab. Man schmeckt aus den T\u00f6nen des anderthalbmal N\u00e4rrischen Geselchtes mit Kn\u00f6deln und Kraut. Noch dem Todkranken wirft man \u00bbmit fixen Ideen abwechselnde Gedankenflucht\u00ab vor, die \u00bbewigen Verlegenheitstremolos, Rettungstonleitern, Angstpausen, Notsequenzen, Verzweiflungsfanfaren, das gro\u00dfe Tschingdarassasa, Schnedderengteng und Bumbum\u00ab. Und wieder sehen dem \u00bbEindruck der Trostlosigkeit\u00ab die Werke aus \u00bbwie Musikd\u00e4mpfe\u00ab. In schmutzigen, faulen Ohren gespensterte ein travestierter Bruckner, den es nie gegeben hat und nie geben konnte: er w\u00e4re ein Widerspruch in sich selbst. Der Gegengeist, und sei er noch so spitzig, dringt nicht in den Geist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner wu\u00dfte sich nur selten und nur schwach zu wehren. \u00bbIch bin kein Orgelpunkt-Puffer und gebe gar nichts drum. Contrap. ist nicht Genialit\u00e4t, sondern nur Mittel zum Zweck &#8230; Gei\u00dfle den traurigen Mann &#8230; Bitte \u00fcbrigens ja nicht Hanslick meinetwegen zu tadeln, denn sein Zorn ist schrecklich; er ist imstande, einen zu vernichten. Mit ihm ist nicht zu k\u00e4mpfen. Nur bittend kann man an ihn herantreten. Ich selbst auch so nicht, da er sich stets verleugnen l\u00e4\u00dft.\u00ab Er h\u00e4tte zudem seine zwei Adjunkten, die auf Kommando schreiben m\u00fc\u00dften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So brachte er bei der letzten Audienz die Kinderbitte vor seinen Kaiser, er m\u00f6ge doch den Professor Hanslick zur M\u00e4\u00dfigung bewegen. Franz Josef sch\u00e4tzte Bruckner mehr als die Menge der Fachleute, sein Orgelspiel war ihm in Ischl sogleich aufgefallen, er machte ihm Zuwendungen, bezahlte den Druck zweier Symphonien und war <a id=\"page120\" title=\"Fuchs\/cal\" name=\"page120\"><\/a>bereit, die Kosten von Kunstreisen zu \u00fcbernehmen, \u00bbund sollten es Tausende sein\u00ab, aber den mephitischen Geschmack konnte er nicht von dem Gaumen nehmen, das unvorhandene Ger\u00fcmpel sch\u00f6ner Torsen konnte er nicht abschleppen lassen, das Denken konnte er nicht \u00e4ndern, sondern die H\u00e4lfte des Publikums stand, ohne die Hanslicke zu kennen, ein halb Jahrhundert auf ihrer Seite.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner wehrte sich manchmal auch falsch: durften Praktiker seine Orchesterpalette verschmieren, forderte er selbst zu Weglassungen f\u00fcr den Augenblick auf, und verbot er daf\u00fcr grimmig \u00c4nderungen in den Stimmen oder im Ganzen, so beleidigte er hilfsbereite Freunde, wenn sie beim Kopieren seiner Handschriften nur ein einziges \u00fcberfl\u00fcssiges Versetzungszeichen fortgelassen hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page121\" title=\"Fuchs\/cal\" name=\"page121\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Figuren der Wiener Jahrzehnte schrumpften angesichts der Mittengestalt Richard Wagners ein. Wiederum, wie fr\u00fcher A\u00dfmayr, D\u00fcrrnberger, Zenetti, Sechter, hatte der Mann des Bekenntnisses seinen Wohnsitz nicht ein paar Gassen weiter, diesmal lebte er sogar in einem anderen Lande. Wie die anderen erwandert und erpilgert worden waren, mu\u00dfte er erreist werden. Doch der Abwesende ist so erdr\u00fcckend gegenw\u00e4rtig, da\u00df er nat\u00fcrliche Kameradschaften zerrei\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner geriet zwischen die Fronten. In dem einen Heerlager frohlockte die Mannschaft der Studenten, f\u00fchrte etwa Hugo Wolf, Herbeck, Weinwurm, in dem andern heulten musikalische Klippsch\u00fcler, Kritiker, Schulmeister, lange die Philharmoniker, f\u00fchrten Hanslick und Brahms. Weil die Gegner, bevor sie aufeinandertrafen, auf Bruckner trafen, durchstachen sie ihn mit ihrem Hasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wollte nichts als seine Symphonie \u2013 das war ein Kampf nach innen. Darum glich die \u00e4u\u00dferliche Befehdung so sehr einer k\u00f6rperlichen Mi\u00dfhandlung. Er, der Hilfloseste, hatte nicht nur das zu leiden, was ihm als originalem Machthaber auf keinen Fall erspart geblieben w\u00e4re, sondern er wurde geschunden f\u00fcr hundert, gewi\u00df aber f\u00fcr zwei, f\u00fcr Wagner und Bruckner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die Treue zu Richard Wagner hatte er sich nie zu entscheiden brauchen, ihn band Verehrung tiefer als Treue. Verehrung ist Schicksal, das, selbst wenn es fragt, nicht zweifelt. War nun der Bayreuther Meister ihm in der Wesensanschauung entgegengesetzt, \u2013 es gab keinen lebenden K\u00fcnstler auf Erden, zu dem er eher h\u00e4tte sagen m\u00f6gen: gleich zu gleich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Wagner nicht zur\u00fcckgesto\u00dfen zu sein, bedeutete ihm mehr, als von anderen mit Lob gehudelt zu werden. <a id=\"page122\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page122\"><\/a>Wagner, der Eroberer, w\u00fcrde vielleicht auch seiner Arbeit das Leben auf Erden erobern. Es ging um das Leben des Werks, nicht um seinen Ruhm. Darum nannte er nach Wagners Tode die Orchesterleiter, die sich seiner annahmen, die ihm von dem Meister hinterlassenen Vorm\u00fcnder. Er hatte ihn, ehe er ihn selbst kennenlernte, von einem Stabe mutiger und m\u00e4chtiger M\u00e4nner umgeben gesehen. Begeistert f\u00fchrten sie aus, was er ihnen befahl. Es lag bei ihm, ihnen auch zu Bruckners Gunsten zu befehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner hatte in der Ahnung den vollst\u00e4ndigen Klangkomplex Wagner wie eine Astralbildung vor sich aufglimmen sehen, ehe er in den Kern zu der lebendigen Person des Lichtspenders vordrang. Er war 1865 zu einem S\u00e4ngerbundesfest in M\u00fcnchen und erlebte dort dann die Urauff\u00fchrung von \u00bbTristan und Isolde\u00ab. In den zwischen diesen Feiern liegenden Wochen war er bei Wagner zu Gaste und hatte die fertigen Teile seiner Erstlingssymphonie mitgebracht, welche er indessen nur Hans von B\u00fclow lesen lie\u00df zu dessen Staunen und Erschrecken. Sie dem zu zeigen, den er meinte, \u00fcberwand er sich nicht, wie er sich in seiner Gegenwart nicht einmal setzte. Trotzdem war Wagner ihm gewonnen: drei Jahre sp\u00e4ter durfte er die in Korrekturbogen gern \u00fcberlassene Szene Hans Sachsens auf der Festwiese der Meistersinger von seinem Linzer Chor s\u00e4mtlichen Auff\u00fchrungen des Dramas voraussingen lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wieder f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter brach er von einer Marienbader Kur entschlossen nach Bayreuth auf. um die Annahme der Widmung seiner Symphonien Nr. 2 oder Nr. 3 zu erbitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wagnis und das Gl\u00fcck, mit dem es ausging, drehte sein Gem\u00fct in Wirbeln. Diesmal unterdr\u00fcckte er nicht, <a id=\"page123\" title=\"Fuchs\/gary\" name=\"page123\"><\/a>was er sich vorgenommen hatte. Wagner war durch den Bau des Festspielhauses \u00fcberlastet und hatte seine \u00bbNibelungen\u00ab beiseite legen m\u00fcssen: Bruckner blieb bei seinem inst\u00e4ndigen Verlangen, die Symphonien m\u00fc\u00dften angesehen, die Annahme der Zueignung erwogen werden. Ein fl\u00fcchtiger Einblick werde genug kundtun. Wagner nahm die Partituren, die Zweite fesselte ihn sofort, doch schien sie ihm, nach einem Berichte Bruckners, zu zahm zu sein. Die Dritte lie\u00df ihn nicht los; er erbat sie zu genauerer Durchsicht bis auf den Nachmittag. Es trieb Bruckner erwartungsbang durch die Stadt, Schauer der \u00dcberlegung, da\u00df hier eine Idee Wagners K\u00f6rper werde, hielten ihn dann beim Neubau des Theaters fest, obendrein beschmutzte er sich unter den Maurern, und zuletzt mu\u00dfte er sich sputen, um rechtzeitig in Wahnfried zu erscheinen. Wagners Auge habe geleuchtet, anfangs habe er gar nichts gesagt, nur um den Hals sei er ihm gefallen und habe ihn ein \u00fcbers andere Mal abgek\u00fc\u00dft. Er habe nat\u00fcrlich gleich weinen m\u00fcssen, und das sei auch nicht besser geworden, als Wagner endlich seine ungemein gro\u00dfe Freude und die Annahme der Widmung erkl\u00e4rte. Zweieinhalb Stunden sei er zur\u00fcckbehalten worden, habe den Garten und die Grabst\u00e4tte Wagners gesehen. Wagner aber machte die Feierlichkeit fr\u00f6hlich durch ein F\u00e4\u00dfchen Weihenstephanbier. Bruckner jammerte, er komme doch eben aus Marienbad, aber er glaubte der Versicherung des Gastgebers, da\u00df dieser Trunk gesund mache, und unterwarf sich seiner Autorit\u00e4t, bis er n\u00e4chsten Morgens nicht mehr auseinanderhielt, welche Symphonie Wagner gew\u00e4hlt hatte. Der Zettel, auf dem er danach fragte und auf dem die Antwort zur\u00fcckkam, ist oft faksimiliert worden. Er lautet: \u00bbSymphonie in dmoll, wo die Trompete das Thema beginnt. A. Bruckner \u2013 Ja! Ja! <a id=\"page124\" title=\"Konmax\/cal\" name=\"page124\"><\/a>Herzlichen Gru\u00df! Richard Wagner.\u00ab Das Wort \u00bbdie Trompete\u00ab gebrauchte dann Wagner oft wie einen Rufnamen Bruckners. Bei einem Besuche in Wien ging er am Bahnhof schnell auf ihn zu und stellte ihn den anderen Wartenden als seinen Mann vor. In den Parsifaltagen kam Bruckner an vielen Morgen in das Haus Wahnfried, und im Freundeskreise \u00e4u\u00dferte Wagner, er kenne nur einen, der an Beethoven heranreiche \u2013 Bruckner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den Abschied f\u00fcr immer schrieb Bruckner an Hans von Wolzogen: \u00bbAnno 1882 sagte mir der damals schon leidende Meister, indem er mich bei der Hand hielt: Verlassen Sie sich, ich selbst werde die Symphonie und alle Ihre Werke auff\u00fchren. Ich sagte: Oh, Meister.\u00ab Darauf \u00fcberw\u00e4ltigte es ihn so haltlos, da\u00df Wagner ihn bes\u00e4nftigen mu\u00dfte und sein letztes Wort an ihn sprach: \u00bbNur ruhig \u2013 Bruckner \u2013 Gute Nacht!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor fast einem Vierteljahrhundert hatte er den Meister bei der Generalprobe eines Konzertes mit einem Klaviervirtuosen zum ersten Male von ferne gesehen, jetzt blieb ihm \u00fcbrig, ebenso stumm bei Wallfahrten an sein Grab zu ihm hin\u00fcberzusehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6glich, da\u00df seine Hoffnung auf Wagner zuweilen einer Fata Morgana nachgeeilt war. So viel bleibt bestehen, da\u00df kein anderer Zeitgenosse den Wuchs Bruckners so anstrengungslos riesenhaft sah wie Wagner, kannte er auch nur zwei Symphonien.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verehrung des \u00bbHehren, Unsterblichen, Unerreichbaren\u00ab war in Bruckner pr\u00e4destiniert, und so warf sich beispielsweise das Gralsmotiv als unbewu\u00dfte Huldigung nicht erst im <i>Christus factus est<\/i> von 1884 und im <i>Virga Jesse<\/i>von 1885, sondern schon im <i>Tantum ergo<\/i> in Asdur von 1846 aus. So mu\u00dfte er den Abgott noch im freundschaftlichen Gespr\u00e4ch durch Handku\u00df und Sinken <a id=\"page125\" title=\"Konmax\/isenheim\" name=\"page125\"><\/a>in die Knie aus der allt\u00e4glichen N\u00e4he entfernen, was nat\u00fcrlich abgewehrt wurde. Er hat Wagners Musik nie anders als aus seiner eigenen Wesensmitte geh\u00f6rt. Darum k\u00f6nnen wir nicht ermessen, was er dabei empfand, als nach einer Auff\u00fchrung seiner Siebenten (1886) Wagners B\u00fcste im Festsaal aufgestellt und als ihr sein Lorbeerkranz um den Hals gelegt wurde. Wir k\u00f6nnen nicht ermessen, welche Kommunion in ihm gefeiert wurde, w\u00e4hrend im M\u00fcnchener Hoftheater, als das Publikum sich entfernt hatte und Dunkelheit eingetreten war, dreimal der Abgesang aus dem Adagio dieser Symphonie mit seinen trauernden H\u00f6rnern und Tuben gespielt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df Wagners t\u00f6nende Gedanken an dramatische Personen gebunden waren, st\u00f6rte Bruckner nicht, weil sein Inneres, in dem er diese Gedanken versammelte, von Theaterpersonen nicht bev\u00f6lkert war. Die schillernden Tonstr\u00f6me ergossen sich durch seinen Raum wie eine absolute Musik. Ihm war das Drama verborgen, in dem es hie\u00df: \u00bbVerging wie Hauch der G\u00f6tter Geschlecht, la\u00df ohne Walter die Welt ich zur\u00fcck: meines heiligsten Wissens Hort weis ich der Welt nun zu.\u00ab Der Hort war Seligkeit durch irdische Liebe. Dieses Drama breitete sich in ihm aus als Sch\u00f6pfungsmythe mit vulkanischen Blitzen, neptunischen Katastrophen. Die G\u00f6tter vergingen ihm nicht wie Hauch, die Welt blieb ihm keinen Augenblick ohne Walter, die Liebe verlie\u00df ihre sch\u00f6ne Schw\u00fcle und wurde Sehnsucht des Eros. Der Weltbrand Muspilli wurde ein christlich glorioser Weltbrand. Bedenkt man die gelegentliche Frage Bruckners, warum Br\u00fcnnhilde verbrannt w\u00fcrde, so setzt ihn die Annahme nicht herab, er habe sich bei Wagners Texten mit einem Wundergepr\u00e4nge von Rittern und Reisigen, von Helden und K\u00e4mpfern, silberner R\u00fcstung, Sagenschwan und <a id=\"page126\" title=\"wedi\/gary\" name=\"page126\"><\/a>Taube des Heiligen Geistes begn\u00fcgt. Er war wohl vom Vorspiel an in einem nur musikalischen Venusberg und Monsalvatsch. Das Land, unnahbar unsern Schritten, bereiste man nicht mit Ochsenkarren und nicht mit Ikarusfl\u00fcgeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er nahm, und auch das war bei ihm Ehrfurcht, Wagner das Denken in einer Welt des Willens und der Vorstellung weg. Die Partitur des \u00bbTristan\u00ab war ihm ein Buch der Heiligen Schrift, die Tristandichtung h\u00e4tte ihm das Buch vielleicht s\u00e4kularisiert \u2013 er sah sie nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die musikalische Arbeit empfing von den Vorg\u00e4ngen auf der B\u00fchne her sch\u00e4rfere Einkerbungen, als sie in der \u00e4lteren symphonischen Gliederung durch Kadenzen abgeschnitten wurden. Bruckner vertiefte die Einschnitte noch. So wirkte er geheimnisvoll auf Wagner ein, wie dieser geheimnisvoll auf ihn eingewirkt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den mit ihm t\u00e4tigen Musikern Wiens stand er Herbeck am n\u00e4chsten. Er nannte ihn, der mit gleichm\u00e4\u00dfigem Nachdruck f\u00fcr ihn sorgte, seinen zweiten Vater, obgleich Herbeck sieben Jahre sp\u00e4ter als er geboren war. Der Sohn eines Schneiders brachte es als Hofkapellmeister zum Ritter Johann von Herbeck. In Wien geboren, bei den Zisterziensern in Neukreuz erzogen, im Gymnasium zu Wien und gleichzeitig auf der Universit\u00e4t autodidaktischer Musikliebhaber, 1848 Legion\u00e4r und Rechtsstudent, wurde er als Einundzwanzigj\u00e4hriger Chorregent an der Piaristenkirche, als F\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hriger Chormeister des Wiener M\u00e4nnergesangvereins und bald darauf Dirigent der Gesellschaftskonzerte des von ihm gegr\u00fcndeten Singvereins, als Siebenundzwanzigj\u00e4hriger Konservatoriumsprofessor, als F\u00fcnfunddrei\u00dfigj\u00e4hriger erster Hofkapellmeister, dann Direktor der Hofoper und starb, nachdem er sich aus der Intrigenluft <a id=\"page127\" title=\"cal\/gary\" name=\"page127\"><\/a>des Theaters wieder zur Gesellschaft der Musikfreunde zur\u00fcckgezogen hatte, mit sechsundvierzig Jahren an einer Lungenentz\u00fcndung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Presto seines Lebenslaufs wurde durch seine Begeisterungsf\u00e4higkeit f\u00fcr das neuartig Gediegene ausgewogen. Er war der eigentliche Entdecker des Schuberts der gro\u00dfen Formen f\u00fcr Wien, wie er dessen Unvollendete Symphonie und den \u00bbGesang der Geister \u00fcber den Wassern\u00ab \u00fcberhaupt wieder aufgefunden hat. Dazu war er der Entdecker der Verwandtschaft Bruckners mit Schubert. Sie ist innerlich weit m\u00e4chtiger als die zu Wagner. \u00dcberzeugend beschreibt Robert Haas die gemeinsamen Merkmale: \u00bbDie Sonatenform wird in Gruppen geschichtet, wobei die Gliederung in Klangfl\u00e4chen stark hervortritt, die Exposition verf\u00fcgt \u00fcber drei einander gegen\u00fcbergestellte gro\u00dfe Komplexe, ein \u203aDreitonartensystem\u2039, die Tonart des Seitensatzes wird (wie schon bei Beethoven) von der klassischen Norm befreit, die Gliedertrennung geschieht gelegentlich durch v\u00f6lligen Stillstand, einen Halteton oder eine Generalpause (hSymphonie), die Durchf\u00fchrung wird neu gewertet und in Exposition sowie Reprise eingebaut, die Themengestaltung vollzieht sich aus dem Klang heraus und ist durch das instrumentale Kolorit gest\u00fctzt, in der terrassenf\u00f6rmigen Harmonik und Motivik atmet eine ver\u00e4nderte Formgesinnung, &#8230; die innere Geschlossenheit ergibt sich durch die einheitliche gedankliche Durchdringung aller Gruppen, insbesondere auch durch die Einbeziehung der langsamen Einleitung vor dem ersten Allegro.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Herbeck, vom Intendanten F\u00fcrsten Constantin Hohenlohe-Schillingsf\u00fcrst an den ersten Platz des \u00f6sterreichischen Musiklebens gestellt, nach Schuberts CdurMesse, einer eigenen, einer von Beethoven und Cherubini <a id=\"page128\" title=\"cal\/gary\" name=\"page128\"><\/a>Bruckners dmollMesse ansetzte, bekannte Bruckner, er \u00bbf\u00fcrchte sich so\u00ab. Aber er hatte sich dem zweiten Vater schon l\u00e4ngst ergeben m\u00fcssen. In N\u00fcrnberg beim S\u00e4ngerfest war Herbeck dem Linzer S\u00e4ngerdirigenten Bruckner um den Hals gefallen. Der Sohn freilich durfte nicht eine \u00e4hnliche, allzu kindliche Liebesbezeigung wagen: als er in Wien auf offener Stra\u00dfe nach Herbecks Hand haschte, um sie zu k\u00fcssen, wurde es streng abgelehnt. Ein wenig Bangen sorgte immer daf\u00fcr, da\u00df die Verehrung nicht zu weich wurde. Sollte Herbeck wieder einmal K\u00fcrzungen und Ver\u00e4nderungen fordern, wie so oft? Dann galt es aufzupassen und z\u00e4h zu fechten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicher war ja, da\u00df Herbeck es gut meinte, woran immer er seinen energischen Kopf setzte. Mochte er ihn nur auslachen, wenn er sich abgr\u00e4mte, da\u00df ein Witzblatt ihn gepritscht hatte. Er war doch der gute Unhold gewesen, der ihn aus Linz, von wo aus er schlie\u00dflich nicht in die ewige Seligkeit eingehen wollte, erl\u00f6st hatte. Und er hatte ihn dabei behandelt, wie es ihm am liebsten war: er hatte ihn nach St. Florian mitgenommen und sich dort vorspielen lassen, er hatte ihn auch vor seiner Berufung dem F\u00fcrsten Hohenlohe allein vorspielen lassen: in der Tastensprache konnte man ihm am besten seine Kenntnisse abhorchen. Herbeck bohrte ihm die Mauern an, die ihn nicht durchlassen wollten, er sch\u00fctzte ihn in der elenden M\u00e4dchenverschw\u00f6rung von St. Anna. Er war hochherzig und gl\u00fchend und kargte nicht mit seinem Lobe. In den Proben der zweiten Symphonie behauptete er, der Saal w\u00fcrde vor Applaus demoliert werden, wenn Brahms das geschrieben h\u00e4tte. Und: Bruckner f\u00fchre eine verschwenderische K\u00fcche, mancher musikalische Lazarus k\u00f6nne sich da sattessen. Seine h\u00f6chste Anerkennung war: das k\u00f6nnte Schubert geschrieben haben. Darum schwor <a id=\"page129\" title=\"cal\/isenheim\" name=\"page129\"><\/a>ihm Bruckner zu, er st\u00e4nde unter seiner Fahne voran, und verteidigte ihn, ungeschickt genug, vor dem wort\u00fcberlegenen Richard Wagner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Feste blieb fest: auf die zuredende Frage Herbecks, ob er sich mit seiner fMesse nicht geirrt haben k\u00f6nne wie Wagner mit dem \u00bbTristan\u00ab, antwortete er: Nein. Sp\u00e4ter wurde er von dem Zweifler wie in N\u00fcrnberg umhalst. Das Feste blieb fest: beim Avel\u00e4uten wurde dreimal der Hut gel\u00fcftet, wenn man auch vor dem Gro\u00dfst\u00e4dter verlegen wurde und ihm, um die Sicht auf die Zukunft offen zu halten, bei den Verhandlungen auf der Veranda des \u00bbKrebses\u00ab in Linz gesagt hatte, es sei in der Herbstesk\u00e4lte so warm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herbecks Tod zerbrach ihn. Er mu\u00dfte die von dem Helfer eben einstudierte Symphonie selbst dirigieren, die ungeheure Niederlage wurde in ihm durch nichts mehr ausgewetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herbecks Nachfolger, Josef Hellmesberger, bis dahin artistischer Direktor der Gesellschaft der Musikfreunde und damit des Konservatoriums, war bald g\u00fcnstig und bald hochfahrend. Bruckner hatte nun keinen Halt mehr an \u00fcberlegenen Menschen. Am Konservatorium hatte er anfangs einen nahen Kollegen, den Klavierprofessor Schenner, der mit ihm zur Mahlzeit ging, alle seine Arbeiten ansah und sein Duzbruder wurde. Aus Schenners Klasse kam vielleicht Hugo Wolf f\u00fcr ein kurzes in seinen Unterricht. Es ist genugtuend, da\u00df wenigstens dieser ebenb\u00fcrtig strebende J\u00fcngling (geb. 1860), der an den Schubert der Lieder anschlo\u00df wie Bruckner an den Schubert der Symphonien, nicht abseits blieb. Zwar hatte sich ihm das Feuer der Wahrheit wie das der Ehrgier vom Rauche zu reinigen, so da\u00df er einige Male nicht verstand, wo andere vorgaben zu verstehen, und einige Zeit <a id=\"page130\" title=\"cal\/gary\" name=\"page130\"><\/a>eifers\u00fcchtig war, wo andere geiferten. Nun, was das Verst\u00e4ndnis anbetraf, so hatte Bruckner selbst von einem seiner S\u00e4tze geschrieben, ihn beim ersten Male aufzunehmen sei eine Unm\u00f6glichkeit, und was die Eifersucht anging, so meinte er just \u00fcber Hugo Wolf, der komponiere den ganzen Tag, w\u00e4hrend er sich mit Stundengeben plagen m\u00fcsse. Aber das dritte Feuer, das der hymnischen Leidenschaft, brannte in Wolf ohne Qualm. Wie das Weinen von vielen Unsterblichen, nicht nur von Herder, Jean Paul und Bruckner selbst, ge\u00fcbt wurde, fiel er dem Meister nach der dmollSymphonie heftig weinend um den Hals. Nach dem Adagio der Achten sprang er begeistert auf und rief, erst in tausend Jahren werde man diese Herrlichkeit verstehen. Er erlie\u00df inmitten der Feindschaft ringsum einen Aufruf, der dringend f\u00fcr Bruckner warb. Er besuchte ihn als Zwanziger h\u00e4ufig, legte ihm seine Sch\u00f6pfungen vor, und sie freuten sich miteinander. Er stellte ihn hoch \u00fcber alles, was in Wien Noten schrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Brahms? \u2013 \u00bbMein Herz ist kummervoll!!!\u00ab, hei\u00dft es in einem Briefe Bruckners \u00fcber ihn. Es scheint, als habe Brahms gegen seinen gro\u00dfen Rivalen unvornehm gew\u00fchlt. Er hoffte, der \u00bbSchwindel\u00ab dieser \u00bbsymphonischen Riesenschlangen\u00ab werde in einigen Jahren vergessen sein. Als zeitweiliger Pr\u00e4sident der Gesellschaft der Musikfreunde lie\u00df er sich von seinem Konservatoriumsuntergebenen begr\u00fc\u00dfen: \u00bbErgebenster Diener, Herr Pr\u00e4sident!\u00ab Des verhaltenen Hohnes aber war auch der Unterdr\u00fcckte m\u00e4chtig: die Sachen von Brahms seien zur Beruhigung gut, zum Aufr\u00fctteln andere. Auf das Gepl\u00e4nkel Brahms&#8216;, er k\u00f6nne sich nicht in die Richtung der Brucknerschen Kompositionen finden, erwiderte der Angegriffene zuvorkommend, aber das mache doch gar <a id=\"page131\" title=\"cal\/isenheim\" name=\"page131\"><\/a>nichts, ihm ginge es mit den Arbeiten von Brahms ebenso. Einmal wurde von Anh\u00e4ngern der beiden versucht, sie im Wirtshaus miteinander auszus\u00f6hnen. Die beiden Hofstaaten setzten sich an verschiedene Tische und verkapselten sich gespr\u00e4chsweise, bis man wenigstens die \u00dcbereinstimmung des Geschmacks an der gleichen Speise feststellte. Brahms fand, die jungen Leute im Konservatorium w\u00fcrden von Bruckner gr\u00fcndlich und unheilbar ruiniert, aber vor Kampfesbeginn war er ihm der gr\u00f6\u00dfte lebende Symphoniker gewesen, und als f\u00fcr beide die ewige Urfehde eintreten sollte, bereute er. \u00c4hnlich verhielt sich der Brahmsprophet Hans von B\u00fclow. Solange er leben werde, werde er f\u00fcr seinen Ruin arbeiten, schrieb Bruckner Anno 1887.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Abend eindunkelte, da entsannen sie sich seiner, Brahms und B\u00fclow, und empfahlen ihn. Und Liszt, der nicht b\u00f6se, aber fl\u00fcchtig, bei rascher Abreise die ihm zugeeignete zweite Symphonie im Hotel vergessen hatte, wof\u00fcr ihm die Widmung entzogen wurde, wollte dicht vor seinem Tode bei der Tonk\u00fcnstlerversammlung in Sondershausen mit seinem \u00bbChristus\u00ab zugunsten Bruckners zur\u00fccktreten, er wollte den Kameraden im Vordergrund des Festes wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hinter den hier Genannten fing die Einsamkeit an zwischen \u00bbfalschen, schwachen Freunden\u00ab und die W\u00fcste mit Schakalen und Sandvipern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den Ferien \u00fcberh\u00fcllte Bruckner allj\u00e4hrlich die gr\u00fcne Einsamkeit in Steyr, St. Florian oder V\u00f6cklabruck, wohin seine Schwester Sali an den einstigen Kameraden Hueber verheiratet war. In V\u00f6cklabruck verbrachte er auch seinen aller Welt unbekannten sechzigsten Geburtstag, hochgelobt von der dortigen B\u00fcrgerkapelle, begr\u00fc\u00dft von einer einstigen Sch\u00fclerin aus Windhaag. Und die <a id=\"page132\" title=\"cal\/gary\" name=\"page132\"><\/a>Einsamkeit der Orgeln im Schatten schlug \u00fcber ihm zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die W\u00fcste leckte bis in seine Wohnung hinein. Sie lag in der He\u00dfgasse. Nach Aufenthalten in der W\u00e4hringer Stra\u00dfe, dann am Opernring hatte sie ihm die G\u00fcte eines G\u00f6nners, des Ritters von Oelzelt, gegen einen winzigen Zins 1877 zur Verf\u00fcgung gestellt. Im Vorraum hingen zahlreiche Kranzleichen, stand die Badewanne. Im blauen Zimmer verdeckte eine Sintflut von Notenbl\u00e4ttern die d\u00fcrftigen M\u00f6bel; die Hauptst\u00fccke waren ein Harmonium, der klapprig mit zitternden H\u00e4nden gespielte Fl\u00fcgel, der mit Kreidestrichen und Tintenflecken verunzierte Unterrichts- und Arbeitstisch. Einem Sch\u00fcler erschien der Raum beim wehenden Lichte zweier Kerzen wie die \u00bbSt\u00e4tte eines Femgerichts\u00ab. Das Schlafzimmer enthielt Bilder seiner musikalischen Abg\u00f6tter und Heiligen, ein Abgu\u00df seiner eigenen B\u00fcste von Tilgner stand am Boden, eine von seinen Studenten geschenkte messingne Bettstelle war das Prunkst\u00fcck. Durch diese R\u00e4ume huschte er in schlappenden Gew\u00e4ndern, nur wenn Besuch kam, vertauschte er sie mit noch immer ausgebuchteten und legte Wert darauf, durch Anbieten von Zigarren und Prisen den aufmerksamen Wirt zu machen. Zeitig am Morgen kam seit dem fr\u00fchen, Bruckner sehr schmerzenden Tode seiner Schwester Nani (1870) die Arbeiterfrau Katharina Kachelmayr und stellte ihm den reichlichen, d\u00fcnnen Kaffee warm. Nach dem Aufr\u00e4umen und Flicken ging sie. Sie versorgte ihn l\u00e4nger als ein Vierteljahrhundert, bis er nicht mehr auf der Welt war, und starb Jahrzehnte sp\u00e4ter im Irrenhause. Oft erz\u00e4hlten die beiden sich z\u00fcchtig und behaglich etwas Heimeliges, oft fuhren sie sich gereizt an, so da\u00df Kathi davonlief, nicht wiederkam und von Bruckner geholt werden mu\u00dfte. In <a id=\"page133\" title=\"cal\/isenheim\" name=\"page133\"><\/a>der bescheidenen Oase der W\u00fcste wuchs neben der lauen Zisterne stachliges Gras.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner hatte seine wirkliche Wohnung im Tonhimmel, auf Erden nur ein Geh\u00e4use f\u00fcr seinen Leib, ein Lager f\u00fcr sein Haupt. Die Sch\u00fcler mu\u00dften auf die Minute p\u00fcnktlich erscheinen, denn der Unterricht war erzwungene Abschweifung, und er selbst schweifte manchmal ins Gebet, wenn die Kircht\u00fcrme l\u00e4uteten, oder schl\u00fcpfte am Klavier, an einem Notizblatt in sein wahres Eigentum. Sie liebten und achteten ihn so, wie er war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Glut, die er komponierend morgens entfachte, auch nachts beim Erwachen, mu\u00dfte abends ged\u00e4mpft werden. Der Tag streute viel M\u00fcll in das Brennen, aber das gef\u00e4hrliche Lodern konnte noch immer den Sch\u00fcrer verzehren. Wie die vielfachen Stundenplanaufzeichnungen kundtun, war der schlaflose Lebensteil Bruckners in Fetzen zerrissen, wie andere Aufzeichnungen beweisen, waren die Fetzen von Nadelstichen und Dolchst\u00f6\u00dfen nochmals durchl\u00f6chert. Er n\u00e4hte die Flicken wie ein armer Ausgedinger zusammen und heilte die Wunden mit der Kunst eines hinterweltlichen Dorfbaders. So muten uns seine geselligen Stunden in den Wirtsh\u00e4usern an. Nicht, als ob er den meisten seiner Lehrlinge und Gesellen nicht von Herzen zugetan gewesen w\u00e4re, unter ihnen befanden sich Felix Mottl, Franz und Josef Schalk, Ferdinand L\u00f6we, Friedrich Klose, Max von Oberleithner, Ernst Decsey, August Stradal, sein autorisierter Biograph August G\u00f6llerich und viele andere Tr\u00e4ger bekannter Namen. Seine ziemlich zahlreichen Duzfreundschaften waren echt, aber sie zeichneten auch naturwarme M\u00e4nner au\u00dferhalb seines t\u00e4glichen Kreises aus, wie den Dirigenten der Liedertafel in V\u00f6cklabruck oder den <a id=\"page134\" title=\"cal\/gary\" name=\"page134\"><\/a>gro\u00dfen volkst\u00fcmlichen Komponisten Johann Strau\u00df, der Bruckner f\u00fcr seine Kunst gedankt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Kneipe aber wollte er weder sich noch die anderen als K\u00fcnstler antreffen. Dort wurde die Erregung mit gro\u00dfen St\u00fccken Fleisch und vielem Getr\u00e4nk beschwert. Dieser Ballast zog ihn aus den Hohen in die B\u00fcrgerlichkeit oder noch lieber in das irgendwie Abenteuerliche. In den achtziger Jahren zechte er zeitweilig mit dem ihm aus Steyr bekannten Gro\u00dfkaufmann Karl Almroth \u2013 gottlob besa\u00df er eine Equipage! \u2013 und dessen Freunden, Herzog Max Emanuel von Bayern, einem Bruder der Kaiserin Elisabeth, und mit einem F\u00fcrsten F\u00fcrstenberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Anfang der achtziger Jahre nahm er langhin auch an einem \u00c4rztestammtisch teil. Durch den Anatomen Dr. Karl Rabl, den er in Wels kennengelernt und um dessen Schwester er, wie stets aussichtslos, geworben hatte, zugebracht, sa\u00df er als gerngesehener Gast bei Riedhof in der Josefsstadt in einer Runde von medizinischen Universit\u00e4tsdozenten und sonstigen in- und ausl\u00e4ndischen Kapazit\u00e4ten der Heilkunde. Von Musik war nicht viel die Rede, um so mehr vom Fach. Bruckner beteiligte sich mit lebhafter Wi\u00dfbegier, die das Ergr\u00fcndbare wirklich erfahren wollte. Es war ihm ein Abenteuer, den K\u00f6rper von innen sehen zu lernen in seinen organischen Funktionen und St\u00f6rungen. Er wurde nicht m\u00fcde, nach dem Verlauf der besprochenen Krankheitsf\u00e4lle zu fragen, und waren sie \u00fcbel ausgegangen, dann trauerte er so tief mit den Trauernden, da\u00df man, um ihn zu schonen, ablie\u00df, ihn zu unterrichten. Wu\u00dfte jemand etwas aus anderen Lehrgebieten, etwa aus der Elektrotechnik, so suchte er auch darin bis ans Ende vorzusto\u00dfen. Sa\u00df doch f\u00fcr sein Empfinden die Autorit\u00e4t der Wissenschaft <a id=\"page135\" title=\"wedi\/cal\" name=\"page135\"><\/a>ihm gegen\u00fcber und neben ihm: davor wurde er and\u00e4chtig und sch\u00fcchtern. Das hinderte ihn nicht, spornte ihn m\u00f6glicherweise gar, zuweilen zehn und dreizehn Seidel Pilsner Bier, auch Wein, zu sich zu nehmen, obgleich er erst gegen zehn Uhr abends sich einzufinden pflegte. Bei der Abrechnung erschrak er klagend \u00fcber die \u00bbhelle Schande\u00ab, aber als ein um seine Gesundheit Besorgter in der Runde sich hinter den Arzt seines Vertrauens gesteckt und dieser vor \u00dcberschreitung des zehnten Seidels gewarnt hatte, jammerte er ebenfalls. Der Herzschaden wartete \u2013 f\u00fcr jetzt war dringend, da\u00df er sich in einen diesseitigen Mann umzauberte, der den jenseitigen stundenweise abl\u00f6ste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gab er sich bei Riedhof dem\u00fctig, so warf er sich unter seinen Scholaren bei Gause (manchmal im \u00bbRoten Igel\u00ab und anderen Wirtschaften) zum Tyrannen auf. Sie hatten den Feierabend im Dienste zu verbringen, sie hatten zu reden, was dem Zunftherrn Vergn\u00fcgen machte. Unp\u00fcnktlichkeit wurde getadelt, zu fr\u00fcher Aufbruch ver\u00fcbelt. Der Wunsch, die Oper, ein Konzert, ein Theater zu besuchen, entschuldigte nicht. In der W\u00e4rme schwitzend, mit dem bunten Tuch K\u00fchle wedelnd, zuweilen hemd\u00e4rmelig und aufgest\u00fctzt, sa\u00df der meist urfreundliche Moloch im Dunste und befahl Zufuhr von allem und jedem. Damit das Pilsener frisch und schaumig vor ihn k\u00e4me, war eine Kette rufender und laufender Bediensteter in Bewegung, zumal wenn die J\u00fcnger es ebenso geschenkt verlangten wie der Meister. Klose behauptet, da\u00df zuweilen das Fleisch, oberfl\u00e4chlich mit Messer und Gabel bearbeitet, in die Finger genommen worden sei, bevor es in den Mund gelangte. Vor den fettbetunkten H\u00e4nden seien in dem breiten, schwatzhaften, humorigen Behagen sogar die Kleider der Nachbarn <a id=\"page136\" title=\"cal\/isenheim\" name=\"page136\"><\/a>nicht sicher gewesen. Gespr\u00e4chsgegenst\u00e4nde, die Bruckner nicht fesselten, waren abgelehnt; Freunde und Neulinge nach mi\u00dff\u00e4lligem oder mi\u00dfverstandenem Betragen desgleichen. Trotz der Furcht vor Verstimmungen und Ausbr\u00fcchen harrten alle, fasziniert durch den Grundzug g\u00fctereinen Hochsinns, aus, wofern sie nicht wegen der Umst\u00e4ndlichkeit des Sechterianers aus der Lehre entwichen waren. Ein einziger Sch\u00fcler hat den Unterricht bei Bruckner bis zu Ende genossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch das Medium der Musik gesehen, wirken die Trinksitzungen wie Flucht aus Steinschlag und Lawinensturz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bruckner war gleich in eine Unterwelt geflohen. Da fand sich sogar eine Art Mephistopheles ein. War schon der Umgang mit einem Spediteur und seinem Anhang besch\u00e4mend f\u00fcr ihn, weil der Millionenreichtum des Mannes seine Bewunderung angek\u00f6dert hatte, so lieferte er sich mit seinem Anfall an den \u00bbEngl\u00e4nder\u00ab einem baren Gauner und Schwindler aus. Woher der \u00bbheiser kr\u00e4hende\u00ab Glatzkopf mit den Wollhaarresten stammte, war ungewi\u00df, jedenfalls nicht aus England, aber er pr\u00e4sentierte dem arglosen Bruckner, der auf die Finte hereinfiel, von fern den Ehrendoktor von Cambridge. Der s\u00fc\u00dfe Jubel brach in dem ergrauenden Kinde schon los, wenn er das Wort Ehrendoktor nur h\u00f6rte. Er gab dem Engl\u00e4nder also sein gedrucktes und ungedrucktes Gesamtwerk zur \u00bbPr\u00fcfung\u00ab in Cambridge und nat\u00fcrlich den Vorschu\u00df f\u00fcr Geb\u00fchren und Versicherungen. Nach einer Weile bedeutete der mephistophelische Freund den ihm mit seiner Hoffnung Verfallenen, die Eingaben h\u00e4tten leider keinen Erfolg gehabt, die \u2013 nicht abgegangenen \u2013 Notenpakete seien zur\u00fcckgekommen, und es kostete den Schr\u00f6pfkopf keine M\u00fche, zu einem neuen, weit kostspieligeren <a id=\"page137\" title=\"cal\/gary\" name=\"page137\"><\/a>Versuch in Amerika zu reizen. Auch aus \u00bbAmerika\u00ab in Wien kam zum Gl\u00fcck das gef\u00e4hrdete Gesamtwerk zur\u00fcck. Nun gelang es den Sch\u00fclern, die vorher schroff abgesch\u00fcttelt worden waren, ihm den \u00bbEngl\u00e4nder\u00ab zu verleiden. Der Doktorand hatte aus seinen Vorr\u00e4ten und mit neuen Bem\u00fchungen bei den heimischen Beh\u00f6rden ein dickes B\u00fcndel Akten zu Ausweis und Empfehlung zusammengebracht. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, die Gasth\u00e4user lagen weit vor den Toren des Innenreichs. In dieses Reich drang kein Schall von daher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page138\" title=\"cal\/gary\" name=\"page138\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir h\u00f6ren seine irdische Stimme nicht mehr und m\u00fc\u00dften es doch, wenn wir in den zahllosen anekdotischen Worten, die ihm nachgesprochen werden, unterscheiden wollten, was darin zugef\u00fcgt und was hinweggetan wurde. Auf die pralle, saftige Pers\u00f6nlichkeit bezogen, welche Bruckners \u00e4u\u00dferes Schicksal erlebt, nur freilich seine Musiken nicht geschrieben hat, passen sie fast alle. In ihnen steckt f\u00fcr den H\u00f6rer und Nacherz\u00e4hler die Lockung, an einer Volksbuchfigur weiterzudichten. Was dichtet daran? Freude, schmunzelnde Nachsicht, vergn\u00fcgliche Teilnahme, auch der verhohlene und zugleich zudringliche Stolz, leiblich oder doch wenigstens durch einen Mittelsmann dabeigewesen zu sein, lassen ihren Atem nicht ausgehen, erhalten sie frisch und fruchtbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es ist nat\u00fcrlich nicht wenig, da\u00df jenen Volksbuchgestalten, die ihre Beliebtheit ihrer urw\u00fcchsigen oder schlagfertigen Redeweise verdanken, in Bruckner eine weitere gesellt wurde. Zumeist verbergen sich hinter den Helden der Anekdote, den Mundgerechten, geschichtliche Erscheinungen, die nach ihrer Wirklichkeit \u00fcber dem oberfl\u00e4chlichen Gehaben zu schwierig waren, um allgemein erfa\u00dft zu werden. So darf man sagen: die Natur hat bei Bruckner die rustikale W\u00e4rme, die d\u00f6rferische Geradheit der ober\u00f6sterreichischen Mundart vor seine mundartlose Sprache gestellt, vor die Musik. Bewegte er sich aber, so wie er war, durch sein Reich, so regierte er es nie durch sein Wort, und es h\u00f6rte darin nichts auf sein Wort. Er h\u00e4tte das nie wollen k\u00f6nnen, denn das Reich gehorchte vor dem Wort. Es verstand den Gedanken, den Blick hinter geschlossenem Augenlid.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erkennt man deutlich, was in seinem Wort verstummt, so f\u00fchlt man es da, wo es gesichert authentisch ist. durch seine Unbehilflichkeit eine ergreifende Bedeutung gewinnen. <a id=\"page139\" title=\"cal\/isenheim\" name=\"page139\"><\/a>Es steht nicht f\u00fcr sich selbst ein, sondern ist abk\u00fcrzendes Zeichen f\u00fcr eine umgebende des Ausdrucks nicht m\u00e4chtige Wallung des Gef\u00fchls. Wem die Silben seines Namens zum Namenszeichen seiner Musik geworden sind, dem beleben sich Bruckners Briefe in ihrem Unbeholfenen, Formelhaften, \u00dcbersch\u00fcttenden in Dank und Herzenserhebung. Beim Lesen wirken die Briefe, ausgenommen die wenigen Stellen einfacher Mitteilung und anschaulich gewordener Klage, unergiebig, sie schreiben nur andeutende Randglossen an den wechselnden Daseinskalender. Im Nachhall erst beginnen sie sich mit Wesen zu umkleiden, zu rufen, an ferne T\u00fcren zu pochen, zu jubeln, zu wimmern, sich zu verz\u00fccken. Sie verschlie\u00dfen sich eilig vor Geheimnissen der Trauer und noch \u00f6fter des Gl\u00fccks, die doch nicht zu verraten w\u00e4ren. Sie sind hinter n\u00fcchternen Erkundigungen voll verzweiflungsnaher Lebensangst. Die Schrift der Briefe hat meist einen hurtig ziehenden, wiegenden Schwung, der manchmal gehemmt scheint, sich schief aufrichtet und zur R\u00fcckl\u00e4ufigkeit neigt. Nichts ist daran L\u00fcge. Die ungel\u00fcfteten, t\u00f6richt steifen Floskeln der Bewunderung und Ehrerbietung bestehen jenseits der Buchstabenbilder zu Recht. Oder sie bestanden einmal zu Recht. Immer n\u00e4mlich ist Bruckner auf dem Sprunge, zu seinem Eigentlichen wegzueilen. Er wirft sich seinen Wohledlen, Hochwohlgeborenen, Hochehrw\u00fcrdigen weder zu F\u00fc\u00dfen noch an den Hals. In den sch\u00f6nsten Augenblicken seiner Beziehung zu ihnen waren sie ihm tats\u00e4chlich so gro\u00df, wie er sie anredet. Die h\u00f6chsten Punkte des Gef\u00fchls sind die w\u00e4hrenden Ziele seiner Leidenschaft zu leben, in der Musik wie au\u00dferhalb ihrer. Wenn er so oft um Huld und Gnade fleht, \u00fcberleuchtet seine Seele tats\u00e4chlich ein Sonnengl\u00fchen, ohne da\u00df er sich unterw\u00fcrfe und seinen <a id=\"page140\" title=\"Crown\/cal\" name=\"page140\"><\/a>Wert ausl\u00f6schte. Die Bereitschaft zu huldigen ist edler als der Empfang einer Huld, und sie kann, als geschehene, selbsterf\u00fcllte Regung, nicht nachtr\u00e4glich entt\u00e4uscht werden. Wenn er schriftlich Handk\u00fcsse austeilt, so jauchzt er im Gem\u00fct wie ein liebe- und tanztrunkener junger Bauer, und handelt es sich dabei um seine Sch\u00f6pfung, wie ein dionysisch berauschter Riese, wie ein Sagengott, dessen Gesch\u00f6pfe lange blind waren und denen nun die Schuppen von den Augen gefallen sind. So etwa ist zu lesen, und nicht als Prahlerei, was er nach seinem Orgelspiel in London August 1871 berichtet: \u00bb10 mal konzertiert; 6 mal in Alberthall, 4 mal im Krystallpalast. Riesigen Applaus, immer ohne Ende. Wiederholungen verlangt. Viele Complimente, Gratulationen, Einladungen. \u2013 \u2013 Deutschland, Berlin behalte ich f\u00fcr sp\u00e4ter, so auch Holland und Schweiz.\u00ab Dieses Selbstbewu\u00dftsein ruht auf anderem Grunde als das eines schalen Fingerfexes. In der Nachschrift des Briefes hei\u00dft es dann noch: \u00bbGestern spielte ich vor 70 000 Menschen, u. mu\u00dfte wiederholen, da das Comite mich bat; denn ich <em>wollte<\/em> nicht, ungeachtet allergr\u00f6\u00dften Applauses.\u00ab Ihn blenden nicht die W\u00f6rter f\u00fcr feiste Ziffern, indessen vertreten sie ihm Hyperbeln der Sehnsucht und der schon erreichten Seligkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine schw\u00e4rmerischen Worte waren wie seine schw\u00e4rmerischen Handlungen. Er gab seiner Begl\u00fcckung ja auch manchmal einen handgreiflicheren Ausdruck. Er schenkte einem Pauker, der eine von ihm nicht vermerkte, aber den Klang vorteilhaft erg\u00e4nzende zus\u00e4tzliche Pauke im Tedeum schlug, f\u00fcr einen unverge\u00dflichen Wirbel zwanzig Mark. Oder seine Freude \u00fcber eine G\u00f6nnerschaft dauerte so lange und unverstellt an, da\u00df sie sich ihm in das Gef\u00fchl einer materiellen Verpflichtung gegen <a id=\"page141\" title=\"Crown\/cal\" name=\"page141\"><\/a>den G\u00f6nner verwandelte: so schickte er einst dem Kritiker Theodor Helm eine Sendung seines Lieblingsweins Klosterneuburger Convent. Dem Dirigenten Hans Richter \u00fcberreichte er einen Theresientaler mit der Bitte, er m\u00f6ge ein Kr\u00fcgel auf sein Wohl trinken. Es wurde f\u00fcr Richter ein Tag, an dem er geweint habe. Es war eine v\u00e4terliche, ja patriarchalische Selbstverst\u00e4ndlichkeit Bruckners, er merkte nicht, da\u00df man dergleichen nicht tat. Und die Beschenkten hatten alle den Takt, die ungeschickten Gaben des Armen, des \u00dcberreichen nicht abzulehnen. Der sparsame Bruckner verlieh solcherma\u00dfen seine k\u00f6niglichen Orden, und er war wahrhaft verschwenderisch, weil er es bis zum n\u00e4chsten Male vergessen hatte und nicht lernte, da\u00df seinen pl\u00f6tzlichen Gunstbezeigungen aus dem S\u00e4ckel wohl etwas Komisches anhaftete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So sind seine pomphaften Briefanreden und Schlu\u00dfbeteuerungen gleichfalls Verleihung von Auszeichnungen und Ehrenzeichen. Er greift hinein in seinen Reichtum und streut ihn hin. Er f\u00fchlte sich durch F\u00f6rderung und geistige Wohltat von anderen nicht nur nicht erniedrigt, sondern beschenkte sich durch enthusiastische Anerkennung nochmals. Keine Erbitterung dar\u00fcber, da\u00df er G\u00f6nnertum n\u00f6tig hatte, lauerte im Hintergrund, keine Verkniffenheit maskierte sich. Vielmehr: wenn er andere im Rang erh\u00f6hte, stellte er sich mit ihnen wie gleich und gleich. Allerdings, w\u00e4re seine Wortm\u00fcnze ihm w\u00f6rtlich heimgezahlt worden \u2013 er h\u00e4tte seine Worte, aus fremdem Munde an ihn gerichtet, nicht verstanden. Sachlich jedoch nimmt er es an, gef\u00fcrstet, zu seiner wirklichen H\u00f6he erh\u00f6ht zu werden. Arthur Nikisch darf ihm bei seiner Einstudierung der siebenten Symphonie von seinem herrlichen Meisterwerk schreiben, von der \u00bbin so unendlich reichem Ma\u00dfe verdienten \u00f6ffentlichen Anerkennung <a id=\"page142\" title=\"Crown\/cal\" name=\"page142\"><\/a>\u00ab, von dem \u00bbgigantischen Werk\u00ab und der Gewi\u00dfheit eines \u00bbgrandiosen Erfolges\u00ab. Bruckner nimmt&#8217;s an und erwidert sp\u00e4ter br\u00fcderlich: \u00bbDu warst mein erster Apostel, der in Deutschland in hochgenialer Kunst mit vollster Kraft und W\u00fcrde mein bisher ungeh\u00f6rtes Werk verk\u00fcndete. In Ewigkeit wird es Dir zum Ruhme gereichen, da\u00df Du Dein gro\u00dfes, hohes Genie f\u00fcr mich Verkannten und Verlassenen leuchten lie\u00dfest!\u00ab Als Verlassener und Verkannter geht er gro\u00dfherzig danken, aber nicht betteln. Noch manche au\u00dfer Nikisch haben f\u00fcr ihn Botschaften ihrer Ehrfurcht: er scheut und verwirft sie nicht. Seine Anreden und Gegenanreden an Verstehende und Mitk\u00e4mpfer sind ihm wie ein geb\u00fchrendes Zeremoniell. Auf die Fassung kommt es nicht an, lediglich auf den Sinn. Blieb die Gesinnung der Hingabe einseitig \u2013 um so schlimmer f\u00fcr die Welt, nicht f\u00fcr ihn. Er hat die Menschen gr\u00f6\u00dfer gesehen, als sie sind, so war sein sonnenhaftes Auge, niemals kleiner. Sie wurden an seiner G\u00fcte gr\u00f6\u00dfer, als sie waren. Beethoven fuhr schon einen Kopisten auf dessen Selbstverteidigung hin w\u00fctend an, beschimpfte ihn als einen \u00bbdummen Kerl\u00ab, als \u00bbLumpenkerl, der einem das Geld abstiehlt\u00ab, als \u00bbSchreibsudler\u00ab, den \u00bbman bei seinen eselhaften Ohren zieht\u00ab und der ihn belehre, \u00bbals wenn die Sau die Minerva belehren wollte\u00ab. Zu solchen P\u00fcffen ballte sich Bruckners Faust nicht. Sein Zorn war h\u00f6chstens drollig aufgeregt und kam wieder, aber der Dampf verzog sich durchs n\u00e4chste Fenster. Er schrie einmal seine Wirtschafterin an: Ich bin der Bruckner!, und diese erwiderte: Und ich bin die Kathi! Das war nur eine erhitzte Kameradschaftlichkeit. Aber die Gegner seines Geistes erniedrigte er nicht zu dem Geschmei\u00df, zu dem sie sich manchmal selbst erniedrigt hatten. <a id=\"page143\" title=\"Crown\/cal\" name=\"page143\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr sein schw\u00e4rmerischstes Gl\u00fcck jedoch und den \u00e4u\u00dfersten Grad seiner Verehrung wurden seine Ausdr\u00fccke am leersten. Sie fassen nichts mehr, doch wollen sie sich nicht sch\u00e4men und verwirren, sto\u00dfen etwas erregt Artikuliertes hervor, w\u00e4hrend sie sich bereits entschlossen umgekehrt haben, davongelaufen sind und untertauchen. Hoch! hoch! ruft Bruckner dann, als w\u00e4re er von Einstimmenden dicht umringt, und doch zuckt seine gr\u00fc\u00dfende Hand v\u00f6llig einsam empor. Wer wollte ihm das Unrecht tun, ein Ungef\u00e4hr in sein Hoch! hineinzuh\u00f6ren! S\u00e4ngerb\u00fcnden und Liedertafeln bewahrt er das Andenken an ernste Bem\u00fchung. Feiern sie ihn, so sieht er sie bei seinen Dankzeilen gegenw\u00e4rtig. Er wird hingerissen wie in eine wirkliche Gegenwart, etwa wie er damals hingerissen wurde, als er mit Betty von Mayfeld, der Frau des Linzer Kreiskommissars, seines G\u00f6nners, am Fl\u00fcgel vierh\u00e4ndig aus seinen Partituren gespielt hatte. Diese beste Dilettantin nach Klara Schumanns Urteil hatte ihn durch die Wiedergabe des Andantes der zweiten Symphonie so entz\u00fcckt, da\u00df er niederkniete, die Arme hob und ausrief: \u00bbGn\u00e4dige Frau, Sie sind eine G\u00f6ttin!\u00ab Aus solchem Aufschwung seiner Seele str\u00f6men die Hochs seiner Briefe. \u00dcberall durchbrechen sie den Text und m\u00f6chten in Wortzusammensetzungen wie Hochselber und Hochw\u00fcrdigster die W\u00f6rter aufschm\u00fccken. Die Anrede Unvergleichlicher ist nicht selten; der superlativische Stil vernichtet beinahe den Zweck der Mitteilung. Sogar j\u00fcngeren Freunden, wie dem Linzer Kapellmeister Otto Kitzler, erspart er noch als Greis im letzten Lebensjahre die feierlichste Anrede nicht. Kitzler war ja sein Lehrer gewesen, das ist nie in den Hintergrund des Ged\u00e4chtnisses zu schieben. Geistliche Freunde sind zuerst Priester und dann erst Vertraute <a id=\"page144\" title=\"Crown\/gary\" name=\"page144\"><\/a>Da\u00df alles, was sich auf Gott bezieht, mit gro\u00dfen Anfangsbuchstaben geschrieben wird, ist selbstverst\u00e4ndlich. Wo er sein ganzes Herz aussch\u00fctten m\u00fc\u00dfte und wo der Mund \u00fcbergehen sollte, verschweigt er <em>alles<\/em> und schreibt sein groteskes: \u00bbetc. etc.\u00ab So schickt er aus seiner Trauer an Cosima Wagner die unm\u00fcndigen Zeilen: \u00bbTiefstens ergriffen bitte ich die Gn\u00e4d. mir gestatten zu wollen, Hochderselben u. der ganzen hochverehrten Familie mein tiefstes Beileid zu dem unaussprechlichen Verluste des ph\u00e4nomenalen K\u00fcnstlers etc. etc. aussprechen zu d\u00fcrfen! Er ruhe sanft!\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00fcbertreibende sowohl wie die formelhafte Ausdrucksweise legt Abst\u00e4nde zwischen ihn und die Personen und Dinge seiner Verehrung. Was dem Herzen nahe ist. bleibt den Lippen eigentlich unerreichbar. Da seine Seele weitr\u00e4umig war, hat sie von Bruder zu Bruder gr\u00f6\u00dfere Distanzen zu ermessen als engere Seelen. Sein Unmittelbares ist die mittellose \u00c4u\u00dferung. In diesem Verst\u00e4nde ist sein Alltag, wo er das Nichtallt\u00e4gliche einbezieht, auch von der <i>unio mystica<\/i> erf\u00fcllt. Mit Witz und Schlagfertigkeit traf er das witzig Erreichbare, das N\u00e4chste. Auch die Klage um Jammer und Kummer des pers\u00f6nlichen Daseins bleibt unmittelbar vernehmlich, sie hatte im Werk keinen Raum. Alles \u00fcbrige wurde an den Ort geleitet, wo es von Klang empfangen und in Klang verwandelt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo er sich <em>Gebilden<\/em> aus Sprache n\u00e4herte, die andere geschaffen hatten, wurde schon immer gesungen und musiziert. Es war der Andachtsschatz der Kirche. Die Bekenntnisse und Bitten hallten in der fremden lateinischen Sprache, und was sie hallten, kam nicht aus dieser gegenw\u00e4rtigen Welt her, sondern es wiederholte mit zeremoniellen Lautzeichen Mysterien. Nicht nur der <a id=\"page145\" title=\"Crown\/gary\" name=\"page145\"><\/a>Hauch lebender Lippen schwebte in sie ein, sondern auch der Atem aller Toten war darin aufgehoben. <i>Pange lingua<\/i> und <i>requiem aeternam<\/i> hatten die Heere der Entschwundenen schon gesungen. Die Mysterien waren keine Vorg\u00e4nge in der Erinnerung, sondern ihre Zukunft war wie ihre Vergangenheit nie auszusch\u00f6pfen. Das Wort Wahrheit w\u00e4re f\u00fcr ihre Wortsymbole zu gering, weil es die M\u00f6glichkeit einer Pr\u00fcfung oder das Verlangen danach enthielte. Erlaubt ist nur, sie zu wiederholen, und der Tiefsinn findet dabei nicht weiter als die Einfalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Bruckner waren Tiefsinn und Einfalt nicht voneinander gespalten. Darum h\u00f6rte sein Ohr in der beharrenden Dogmenverk\u00fcndigung das Unanfechtbare, sie behielt ihm von der Jugend bis ins Alter die gleichen Dimensionen, nur die ihr dienende Kunst wuchs. Was dem dogmatischen Satze gegen\u00fcber Ergebung war, war Ergebung auch im musikalischen Satze, n\u00e4mlich Auslieferung des Letzten, dort an die Glaubenssatzung, hier an das Kunstgesetz. In beiden nahm er die \u00dcberlieferung an, um weiter zu \u00fcberliefern. Sie war nicht abschlie\u00dfbar, aber das Wort erf\u00fcllte schon den ganzen vorstellbaren Kreis des Heils, die Musik noch nicht. Darum schritt Bruckner in ihr nach beiden Richtungen aus, in das Gewesene, in das Kommende. Er gab die Messe der Kirche wieder und f\u00fchrte sie zugleich aus ihr hinaus. Ihre historischen Stadien wiederholten ihr Charakteristisches in ihm, doch schoben sie sich wie in geistiger Kontrapunktik zuweilen \u00fcbereinander. Es war genau wie in den Symphonien. Gregorianischer Gesang, graue Kirchentonarten, romantische Melodie und Harmonik, klassische Gliederung und modern flutende Symphonik verschmolzen zu neuartigen Einheiten. So sind die Hauptmessen in manchem Betracht archaischer als die Haydns, Mozarts <a id=\"page146\" title=\"Crown\/gary\" name=\"page146\"><\/a>und gar Schuberts und Beethovens, sie neigen sich zu Jacobus Gallus, Lotti, Palestrina hin\u00fcber und sind doch j\u00fcnger als die j\u00fcngsten an eben aufgehendem, farbenerweckendem Licht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die fmollMesse treibt \u00fcber das Verstummen des gesprochenen Wortes in das verstummend geglaubte kirchliche Wort hin und \u00fcber dieses hinaus, gegen das symphonische Wort zu. Die Idee der musikalischen Form brandet an gegen die Messe-Idee, doch nicht feindselig, sondern huldigend. Und eigentlich verstummt das Messe-Wort doppelt: einmal in den Glauben hinein als in eine unaussprechliche Tatsache, zweitens in die Vorstellungen des Glaubens hinein: Sch\u00f6pfer, Himmel, Erde und die kosmisch mythischen Verbindungen zwischen ihnen. Das Kyrie ist wie immer dreigeteilt in Kyrie eleison, Christe eleison und nochmals Kyrie eleison; zudem erheben sich in jedem Teile drei Steigerungen. Das sind rein klangliche Gliederungen, von jeder Dialektik gereinigt. Der dritten riesigsten Steigerung folgt die versunkenste Klangstille. Das hellste und d\u00fcsterste Motiv dieser Steigerung und diese Stille f\u00fcgt Bruckner k\u00fcnftigen Symphonien ein, woraus nochmals hervorgeht, da\u00df sie \u00fcber die in der Wandlung vorgeschriebene Bitte um Erbarmen hinausgedacht sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Gloriateil lebt in Instrumenten und Stimmen von dem Gegensatze: Ehre in der H\u00f6he und: Friede auf Erden \u2013 f\u00fcr gro\u00dfartige und tiefsinnige Vereinungen und Metamorphosen der Musik ein fast undurchschreitbarer Spielraum. Die Schlu\u00dffuge des Gloria, in deren polyphonen Bau hohe Meerwellen der Symphonie hereinbrechen wie auch das \u00bbAmen\u00ab verschlungen mit dem \u00bb <i>in Gloria dei patris<\/i>\u00ab fortbraust, z\u00e4hlt als \u00bbeine der allergr\u00f6\u00dften, an kontrapunktischer Kunst wohl die reichste <a id=\"page147\" title=\"Crown\/gary\" name=\"page147\"><\/a>von Bruckners Fugen\u00ab (Kurth). Musik, nur Musik, nicht Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Credo ohnegleichen sodann sprengt die Gew\u00f6lbe jedes Heiligtums. Der einige und allm\u00e4chtige Gott war schon vorher in seiner Einheit und Macht dynamisch, tonartlich und vor allem motivisch im Klange gewesen, so da\u00df ein Bekenntnis, das ihn ermessen wollte, mit der Stimme der Elemente in die Musik eingehen mu\u00dfte. Die beiden Schlu\u00dfteile nehmen das Erlebnis nach innen. Es bleibt \u00fcbrig, mit den Engeln Sanktus zu singen, in verzauberter Sehnsucht mit dem Wunder-Benedictus zum Hosanna aufzuschweben und im Agnus den Kyriechor des Anfangs verklingen zu lassen: <i>dona nobis pacem<\/i>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Partitur, die so viele Instrumente vorschreibt, fehlt die Orgel. Bruckner w\u00fcnschte sie zwar und hat hie und da die Registrierung angegeben. Verzichtete er, wie vermutet wurde, auf die Orgel, um die Verbreitung der Messe zu f\u00f6rdern, so geht doch daraus hervor, da\u00df er selbst sie in einem Dome ohne Kirchenluft h\u00f6rte. F\u00fcr ihn, den treuen Bewahrer seiner Konfession, war Gotteswort nicht Menschenwort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uns aber sollte das Beispiel der letzten unter den drei gro\u00dfen Messen daran erinnern, wie Fl\u00f6ten, Oboen, Klarinetten, Fagotte, H\u00f6rner, Trompeten, Posaunen, Pauken, Violinen, Bratschen. Violoncelli, Kontrab\u00e4sse ihn bet\u00f6rten, die lateinische Sprache zu vergessen und die ihre zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das protestantische Wort ist Dichtung, es l\u00e4\u00dft die subjektive Beteiligung und Fortspinnung zu, das katholische Wort ist Glaube. Das erste l\u00e4\u00dft Arien einzelner Stimmen zu und sehnt sich danach, da\u00df die Ritornellform den And\u00e4chtigen umrunde. Das zweite sammelt gern die Gesamtheit in Vokalfugen, verschlingt die Vielheit in <a id=\"page148\" title=\"Crown\/gary\" name=\"page148\"><\/a>unisonen Z\u00fcgen, umfa\u00dft allm\u00e4hlich das Ganze mit dem in der zyklischen Form der absoluten Instrumentalmusik waltenden Willen. Bach sch\u00f6pfte den Glauben aus, die Wiener Gro\u00dfen freuten sich in ihm, Beethoven ma\u00df sich an ihm, und alle bestanden ihn nach ihrem Reichtum. Bruckner nahm ihr Dynamisches aus dem Glauben heraus und konzentrierte es in dem instrumentalen und vokalen Orchester, das ihn nun wie ein einziger vernunft- und leidenschaftsbegabter K\u00f6rper \u00e4u\u00dferte. Dieser K\u00f6rper, der sich aus dem Besitz der Jahrhunderte in weitem Umkreise n\u00e4hrte, besa\u00df einen Geist, worin sich das \u00dcbersinnliche, aus seiner H\u00f6he zu farbigem Abglanz gebrochen, spiegelte. Damit das geschehe, hatte der Komponist \u00fcber der Komposition zu wachen und in ihre Strebungen hineinzulauschen: dann lauschte die Komposition in die Gottheit hinein. Die scheinbare Weltlichkeit brachte in Bruckners reife Kirchenmusik etwas Be\u00e4ngstigendes f\u00fcr ihre ersten H\u00f6rer. Der Bischof Rudigier war von der dmollMesse so ergriffen, da\u00df er nicht beten konnte. Bei der Auff\u00fchrung der fmollMesse durch die Wiener Hofkapelle warfen die Gendarmen beim Schall des Blechs pr\u00fcfende Blicke auf die Strebepfeiler der Kirche; die grunds\u00e4tzlichen Gegner flohen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gott sollte ihn nicht einst am Schopfe nehmen und sagen: \u00bbLump, warum hast du dein Pfund nicht ausgen\u00fctzt, das ich dir gab?\u00ab Barst Bruckners geistliche Musik von Seele, so war das Geborstene immer wieder Form, neue Form und neue Seele geb\u00e4rend. Die letzte Vokalsymphonie, das Tedeum, sollte auf Anregung des Anregers der Komposition, Hellmesberger, dem Kaiser gewidmet werden; Bruckner jedoch tat den Musikantenausspruch, die Widmung sei nicht mehr frei, das Werk geh\u00f6re Gott f\u00fcr die in Wien ausgestandenen Leiden. <a id=\"page149\" title=\"veiland\/gary\" name=\"page149\"><\/a>Unter seiner Kunst war die Erde davongeschwebt. Die Unendlichkeit wogte: Oktave, Quint, Grundton, immer wieder in gleichm\u00e4\u00dfiger Achtelfigur, am Anfang, in der Mitte, am Ende. Auch die kanonisch und ohne Ba\u00df solistisch gef\u00fchrten Menschenstimmen hingen ungest\u00fctzt von Erdenfreundlichkeit im Unerme\u00dflichen des Lobgesangs. Denn die Erde ist anders besch\u00e4ftigt: <i>te aeternum patrem omnis terra veneratur<\/i>. Wohin aber ist die Erde aufgeschwebt? <i>Tibi omnes angeli, tibi coeli universae potestates: tibi Cherubim et Seraphim, incessabile voce proclamant: Sanctus, sanctus, sanctus Dominus Deus Sabbaoth<\/i>. Die Himmel sind so voll vom Schall, da\u00df er von anderem Schall nicht zu \u00fcbert\u00f6nen w\u00e4re. Voll: das hei\u00dft, die apostolische Majest\u00e4t und das apostolische Dogma sind wie Atome im lobsingenden Schall, sie verrichten nichts als an ihrer Stelle den Mitgesang. Voll: das hei\u00dft, ich werde in Ewigkeit nicht vernichtet werden, ich entsprang \u00fcber Eh und Einst aus der Zeit. Wo keine Zeit ist, ist keine Sprache. \u2013 Die Zeit der Sprache ist auch im (Juni 1892) nachgeborenen Zwillingswerk, dem 150. Psalm, vor\u00fcber: Posaunen, Psalter, Harfen, Pauken, Reigen, Saiten, Pfeifen, Zimbeln \u2013, alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Unisono ins Freie, fugiert ins Gebundene hinein str\u00f6mt dieses \u00bbAlles, was Odem hat\u00ab: Odem, nicht Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Je gr\u00f6\u00dfer eine Musik ist, um so deutlicher wird an ihr, da\u00df es im Reiche der T\u00f6ne das B\u00f6se nicht gibt. Andere K\u00fcnste kennen es im Abbild, diese hat keine Mittel, es abzubilden. Sie kann allenfalls seine Geb\u00e4rden und Gesten nachahmen, aber auch dann mu\u00df sie schon hart an die Grenze ihres Bereiches ger\u00fcckt sein, sich in das Visuelle hin\u00fcberneigen, dort beobachten und sich f\u00fcr die Dauer des Beobachtens vergessen. Aber nachgebildete Gesten und Geb\u00e4rden sind auch schon abgezogen von den Verkn\u00fcpfungen, die ihnen in der moralischen oder amoralischen Welt zugrunde lagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Leichtfertiger, L\u00fcgner, Unterdr\u00fccker braucht eine Umwelt, welche die Erscheinung seiner M\u00e4ngel erst erm\u00f6glicht. Ein Leichtfertiger braucht eine Umgebung, die seinen Leichtsinn duldet oder sich an ihm erfreut, ein L\u00fcgner eine Welt, die sich bel\u00fcgen l\u00e4\u00dft und darum selbst l\u00fcgt, ein Unterdr\u00fccker eine Gesellschaft, auf die er pressen kann. Sie alle lie\u00dfen sich in absoluter Musik nicht musizieren \u2013 in untermalender, begleitender vielleicht ein wenig, aber parodiert sie dann das Musikalische nicht beinahe ins Gute?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"page150\" title=\"Muerei\/gary\" name=\"page150\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Indessen, gedenken wir an den Schrei \u00bbBarrabam!\u00ab in Bachs Passion: ist dieser Schrei um Freigebung des M\u00f6rders nicht schon der fanatisch vollzogene Mord an Jesus? \u2013 Er ist eine dynamisch und rhythmisch fanatisierte Dissonanz. Das schwere Verbrecherische kann nicht einmal parodiert werden. Es fehlt ihm das Klima, in dem Barock- oder Rokokomelodien gedeihen mit ihrer Gleichnisfreude. Sogar das Musikdrama erreicht das B\u00f6se nicht; malen seine T\u00f6ne Katastrophen, so nehmen auch sie nur Abdr\u00fccke der Gesten und Geb\u00e4rden. Ihre Entladungen in Andrang, Hast, Gel\u00e4rm, Kakophonie, Abbruch und allem rhythmischen und agogischen Zubeh\u00f6r <a id=\"page151\" title=\"Muerei\/gary\" name=\"page151\"><\/a>haben mit dem kausalen Zusammenhange auf der B\u00fchne keine Verbindung, auch nicht den einer gleichgerichtet logischen Parallele. Die polaren Gegens\u00e4tzlichkeiten der Musik sind mit Begriffen der urteilenden Sprache nicht pr\u00e4zis zu bestimmen, doch liegen sie alle au\u00dferhalb der Dom\u00e4ne des B\u00f6sen: Trauer und Gl\u00fcck, Regung und Ruhe, Wachheit und Traum, Weiche und H\u00e4rte, Hitze und K\u00fchle, Feuer und Asche, Andacht und Weltwirbel \u2013 ihre <em>genaue<\/em> Beschaffenheit wei\u00df allein die Musik zu sagen, von ihrer Herkunft jedoch wei\u00df sie nicht das geringste. Sie mu\u00df sich von der Welt abziehen, um sie zu besitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bruckners Musik zeigt sich das Gute noch auf eine besondere Weise. Wir nennen das Nichtb\u00f6se bei ihm einfach das Gute, weil es das T\u00e4tige und Schaffende ist, das sein Vertrauen und seine Sehnsucht, seine Leiden, K\u00fchnheiten und Vernichtungen aus sich selber nimmt. Es kennt den Feind nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer denn k\u00f6nnte dieser sein? Etwas von dem, was drunten in der Stadt wimmelt? Einer aus dem fr\u00fcheren Leben? Ein Schultyrann wie der Lehrer Fuchs in Windhaag? Ein Konservatoriumspedell? Ein Fachkritiker? Sie alle w\u00fcrden in seiner Musik ja stimmlos. Sie w\u00e4ren in dieses Reich auch nicht mit Gewalt zu jagen. Ihr Gegreine, ihren Hohn, ihren Schlendrian und Eiferergang nachzuahmen, das w\u00e4re freilich das B\u00f6se. Es w\u00e4re der Mi\u00dfbrauch dessen, was Bruckner empfangen hatte, zu widrigem Zweck, eine Vergeudung jedes Lufthauches in einer Oboe oder einem Fagott, Verspottung des Tierhaares am Violinbogen. Und gesetzt, die Nachahmung sei gelungen, was sollten die chim\u00e4rischen Erscheinungen in der flutenden Natur der Symphonien wohl beginnen? Weil Natur enth\u00fcllt, entlarvt sie nicht. W\u00e4ren die kl\u00e4glichen <a id=\"page152\" title=\"Muerei\/gary\" name=\"page152\"><\/a>Figuren hineingeworfen, so st\u00fcnden sie gleichsam mit leeren H\u00e4nden vor den kosmischen D\u00fcnungen, so d\u00fcrften sie auf die Geburt einer Lichtwelt und ihre Zerschmetterung gaffen, wie sie nach Kurths Auslegung im ersten Satze der vierten Symphonie vor sich geht. Aber mehr: nicht sie begingen ja das B\u00f6se, wofern Bruckner bei der Komposition ihrer gedacht h\u00e4tte, wofern ihm der Gedanke an sie gel\u00e4nge, Gestalt ann\u00e4hme und wandelte. Dann w\u00fcrden die Kleingeister und Wichte tats\u00e4chlich den Weltbrand ausl\u00f6schen vor der Entfachung. Das Kosmische hat keinen Raum neben dem Moralischen, gleichviel, ob dieses wertvoll oder verwerflich sei. Soll es schon als die Sph\u00e4re des Menschen begriffen werden, so l\u00e4\u00dft sie nur den Menschen zu, der noch kein Kainszeichen tr\u00e4gt. Der einzige, der an ihrem Werden mitwerden darf, ist Bruckner selbst, gel\u00f6st von seinen Eigenschaften, die ihn in Gasse und Haus kennzeichnen, hier innen aber nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nicht einen Widersacher, welchen Widergeist dann k\u00f6nnte diese kampfreiche Musik wohl befehden? Den Geist des Urb\u00f6sen? An den Teufel hat Bruckner nie gedacht, nicht einmal an seine Spiegelungen in den S\u00fcndern. Das Kranke und Verderbte, wie es zum Beispiel bei Bach die schmerzlichen Intervalle und Melodien oft bestimmt, verweilt nicht in seinem Klange. Die Gewi\u00dfheit der Erl\u00f6sung strahlt es an und nimmt ihm die K\u00fcmmernis. Seiner Grablegung folgt nicht die Verwesung in ihrer H\u00e4\u00dflichkeit, sondern die baldige Auferstehung. Und die Auferstehung sprengt bei ihm nicht die Felsplatten der Gruft und rei\u00dft die Augen des zuschauenden Volkes in freudigem Schrecken auf, sondern die Glorie des Credo, Sanctus und Benedictus wogt \u00fcber sie her wie auch \u00fcber das Geheimnis der Inkarnation. Von hier aus <a id=\"page153\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page153\"><\/a>erscheint auch der Schimmer seiner instrumentalen Farben als das den Feind vergessende, das Gute. Darum tun seine heftigsten Dissonanzen wohl. Arglos t\u00fcrmt er Terzen \u00fcbereinander, bis sie die Undezime, die Tredezime und nach Erf\u00fcllung der zweiten Oktave die Quindezime erreichen, und der Zuzug der neuen T\u00f6ne in gleichen Abst\u00e4nden voneinander ist so gelassen trotz der bis zum Bersten wachsenden Spannung, da\u00df im Rausch der Dissonanz diese selbst untergeht, wie auch das Unisone des untersten und obersten Tones. Sie br\u00fcllt nicht auf, sondern triumphiert der sicheren Befreiung entgegen. Sie ist seelisch schon gel\u00f6st im Vorauswissen der L\u00f6sung, und darum packt sie, sich hinausz\u00f6gernd, solche Lasten auf, die alle mit einem Schlage entlastet sein werden. So w\u00e4ren im Agnus der emollMesse einmal alle sieben T\u00f6ne der Leiter gleichzeitig zu vernehmen, wenn sie durch den Willen der fortstrebenden Stimmen f\u00fcr unser Geh\u00f6r nicht getrennt w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Gewalten sind nicht hoff\u00e4rtig und drohend. Sie sind nicht h\u00e4misch und spotten nicht, sie verfluchen keinen Goldhort und keinen Kerker. Sie sind nicht g\u00f6tzenhaft und bucklig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch der Tod erscheint nicht als der bittere Feind dieser Welt. Mit der Geburt geboren, begrenzt er in Eintracht mit ihr das Dasein wie Scheitel und Sohle den K\u00f6rper. Der Tod ist im bleibenden Bunde mit allen Wesen, die Treue ist gut, das B\u00f6se aber ist das Vor\u00fcbergehende, das Untreue. In den Vorh\u00f6fen des Todes wohnt die Melancholie. Ihr Leid ist ebenfalls der Welt nicht feindlich: es lockt sie in ihre tiefsten Verz\u00fcckungen und innigsten Strahlungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend des Zuwartens werden reinliche Freuden und einfacher Friede eintreten. Wie der Lehrer Bruckner <a id=\"page154\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page154\"><\/a>zeitlebens gern tanzt, wird der Meister neue L\u00e4ndler erfinden, manchmal nicht nur f\u00fcr ein behaglich-tr\u00e4umerisches Trio, sondern sogar f\u00fcr Finales\u00e4tze, wo das Hauptgesch\u00e4ft, wie Goethe die Arbeit am zweiten Faust nannte, eigentlich keinen Aufschub duldet. Aber der heimatselige Tanz ist ja kein Aufschub. Und wie sollte ein Musikant, der vom Dorfe kommt, sich nicht zuweilen am Spiele sch\u00f6ner Signale erfreuen! Bach tat es in der Postillonsfuge zu Ehren des scheidenden Bruders, im Trompetengeschmetter und Hornklang durch weihnachtliche Ch\u00f6re und Arien, in Siegfanfaren f\u00fcr seinen himmlischen K\u00f6nig, wahren Feuersignalen, wenn das g\u00f6ttliche Sonnenfeuer brennt. Mozart \u00f6ffnete so Sarastros Hallen, Beethoven legte ein Signalmaestoso in die Mitte der dritten Leonorenouvert\u00fcre. Das weihende Ohr des Dichters in T\u00f6nen scheidet in dergleichen das Oberfl\u00e4chliche und Triviale des t\u00e4glichen Gebrauchs aus und erschlie\u00dft den Zauber. Bruckner bekam einmal, wie Max Auer erz\u00e4hlt, in St. Florian die angeblich von Michael Haydn stammende \u00bbRetraite\u00ab des \u00f6sterreichischen Milit\u00e4rs als Aufgabe f\u00fcr eine Phantasie auf der gro\u00dfen Orgel. Ein hoher Milit\u00e4r weilte im Stifte zu Besuch, Bruckner fragte, was er spielen solle, und ein junger Kleriker pfiff ihm das Thema vor. Auer entdeckt Ankl\u00e4nge an diesen feierlichen Abendgru\u00df in der Coda des Maestososatzes der sechsten Symphonie wieder. \u00bbDas Trompetensignal erklingt immer wieder in anderer Tonart, wie es Bruckner von seiner Wohnung in Linz abends von verschieden gestimmten Trompeten mehrerer Kasernen t\u00e4glich geh\u00f6rt hat.\u00ab Die Soldaten haben keine Waffe mehr in der Hand, und jeder, der in seinem Tagewerk ein Krieger war, ergibt sich in Stille den Rufen des Friedens aus d\u00e4mmernden Fernen und N\u00e4hen, H\u00f6hen und Tiefen. Es ist <a id=\"page155\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page155\"><\/a>ein Gleichnis: die Wirklichkeit der T\u00f6ne ist wahr, aber nicht biographisch verlarvt. So ist Gleichnis die Jagd im vierten Scherzo. Die Hornsignale n\u00e4hern, greifen, entfernen sich labyrinthisch, sie rufen den romantischen Ruf, erkunden den romantischen Raum. Dazwischen rieseln und wehen seine immerw\u00e4hrenden Melodien. Beide sind sie in keinem sichtbar zu machenden Walde, sie sind, erlaubt man ein Stammeln, die musikalische Waldheit. Fernab liegt den Motiven die Realit\u00e4t, in welcher Tiere gehetzt und get\u00f6tet werden. \u00c4hnlich erlaubt das sechste Scherzo den Gedanken an ein elfisches und gnomisches Seelenklima, \u00e4hnlich durfte Schwebsch das neunte folgenderma\u00dfen auslegen: \u00bbEin Schauerwindchen f\u00e4chelt&#8217;s an, schattenhaft schwebt es vorbei, in ein Geisterreich zwischen Tag und Tod, zwischen altem und neuem Leben. Ein leises Klirren, wehes Irren, ein polterndes Klopfen, ein zierliches Wiegen in k\u00fchlem Sternenlicht, ein Haschen, Dr\u00e4ngen und Wirbeln, rufende Stimmen, und dann wieder eine unendlich wehe S\u00fc\u00dfe in dem flimmernden Trio.\u00ab Es bieten sich gleiche Ausdr\u00fccke der Bewegung in den verschiedenen Sph\u00e4ren der Scherzi an. Jedoch keinem wird der Hexenspuk der Walpurgisn\u00e4chte einfallen und keinem der H\u00f6hlenflei\u00df t\u00fcckischer Zwerge. Damit soll nicht nach dem Wert, sondern nur nach der Art getastet sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Bruckners Kunst ert\u00f6nt die reine, s\u00fcndelose Natur. Nicht, als ob die S\u00fcnde davon abgezogen w\u00fcrde, sondern sie ist in ihr nicht vorhanden. Diese starke Verfassung versetzt die Natur in keinen Stand des Eigentums f\u00fcr irgendwen. Sie ist nicht nat\u00fcrlich mit dem Beigeschmack des Gewohnten und Sentimentalen. Sie belehrt nicht \u00fcber ihren Inhalt, aber sie erzieht, indem sie erweckt. Sie ist nicht erbaulich f\u00fcr den Frommen, wiewohl ein <a id=\"page156\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page156\"><\/a>Erfrommen ihre Wirkung sein kann. Sie beleidigt und sch\u00e4ndet kein Wachstum. Sie nimmt niemandem etwas weg, was ihm geh\u00f6rt, weil es ihm durch sie geh\u00f6rt: den B\u00e4umen nicht ihre Knorren und nicht ihre Bl\u00e4tter, nicht einmal ihr Rauschen, den V\u00f6geln nicht ihren Gesang, den Menschen nicht ihr Schweigen, den Blitzen nicht ihren Lauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles wird, was es wird, in einem System von freihangenden Beziehungen. Kein Sinn ist darin im voraus befestigt; das Genie entr\u00e4tselt die Bedeutung der Beziehungen und pr\u00e4gt sie ihnen ein. Die Symphonik Bruckners zeigt durchaus andere Perspektiven als die programmusikalische und musikdramatische Charakterisierungskunst. W\u00e4hrend im Drama Motivik, Tektonik, Koloristik, Dynamik die Vorstellung und den Ton zusammenzwingen, Menschen- und G\u00f6tterschicksal im Ton steigern, selbst philosophisch Vorgedachtem die Stimme l\u00f6sen, charakterisiert diese Symphonik ausschlie\u00dflich sich selbst und kennt kein sonstiges Schicksal als ihren musikalischen Weg. Sie macht eine problemlose Musik in jedem anderen Verstande als im rein musikalischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem einzigen Verstande nahm Bruckner die Probleme seiner bedeutenden Zeitgenossen gierig auf. Er hat Berlioz geh\u00f6rt und ihn gesehen, als er seine \u00bbVerdammung Fausts\u00ab in Wien dirigierte. Zu Beethovens neunter Symphonie allerdings war er bereit, zwei Reisen zu machen. Die sentimentalen Romantiker \u00fcbersah er; ihre Neigung zum Kleinen und Einzelnen legte Sperren in das gro\u00dfe Gef\u00e4lle. Ihre Z\u00e4rtlichkeit war gef\u00e4hrlich: an den Gebilden konnte auf der einen Seite das nur Formalistische, auf der anderen das nur Sinnige durchbrechen. Das Gute war dort schon ein Eigentum. Bruckners <a id=\"page157\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page157\"><\/a>Gef\u00fchl war universal und schlo\u00df daher aus, was nicht universal sein kann. Zuweilen verzichtete er auf das Anh\u00f6ren fremder Musik, damit es ihn nicht aus \u00bbdem Scharnier\u00ab br\u00e4chte. So geschah es schon in Linz, wenn die Mayfelds ihm Beethovens Symphonien vierh\u00e4ndig auf dem Klaviere spielten, w\u00e4hrend ihm die ersten Quartette Beethovens nicht gro\u00dfartig genug waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tiefsten Brunnen seines Ethos rinnen in den letzten Adagios. Davor m\u00f6gen wir von keinem Formalen mehr reden, und wir scheuen uns, noch eigene Worte zu gebrauchen. \u00bbEs sind b\u00f6se Brunnen, in die man Wasser tragen mu\u00df.\u00ab Bruckners Musik ist hier v\u00f6llig \u00bbunbegehrlich\u00ab. Beethoven liebte noch sein Leid, er hielt sich darin auf, sog es bis zur Beseligung ein, und diese lie\u00df ihn dann die Tochter aus Elysium \u00fcberm Sternenzelt gr\u00fc\u00dfen. In Bruckners Adagio ist die Versenkung so tief, da\u00df jede Ablenkung ausgel\u00f6scht ist. Wir rufen die h\u00f6chsten Lehrer des Mittelalters heran, damit sie mit ihrem Munde sagen, was sie uns als Zeitgenossen des Brucknerschen Geistes deuten. Ruysbroeck hei\u00dft uns das Leben auf einen grundlosen Abgrund gr\u00fcnden: \u00bbDann k\u00f6nnen wir ewiglich in Minne sinken und uns selbst entsinken in die grundlose Tiefe, und mit derselben Minne sollen wir aufsteigen und uns selbst entsteigen in die unbegreifliche H\u00f6he &#8230; Die Begegnung mit Gott in Einheit und Ruhe mu\u00df in wesentlichen Begriffen geschehen, tief verborgen unserem Verstande, es sei denn in einem wirklichen Verstehen nach Art der Einheitlichkeit \u2013 hier ist nichts als Gott und der mit Gott unmittelbar vereinte Geist.\u00ab Meister Eckhart lehrt: \u00bbDer Geist mu\u00df \u00fcbertreten Ding und Dinglichkeit, Form und F\u00f6rmlichkeit, Wesen und Wesentlichkeit, dann wird in ihm geoffenbart das Werk der Seligkeit.\u00ab Suso wei\u00df das Unmittelbare der Musik Bruckners: <a id=\"page158\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page158\"><\/a>\u00bbSeine Gesellen nahmen Wunder ob der geschwinden \u00c4nderung, die ihm geschehen w\u00e4re, und sprach einer dies, der andere das; aber wie es war, das r\u00fchrte noch traf niemand, denn es war ein verborgener lichtreicher Zug von Gott, und der wirkte geschwindiglich den Abkehr.\u00ab Suso w\u00e4re begl\u00fcckt gewesen, wenn er das Innigste seines Rufes <i>sursum corda<\/i>! durch Bruckner verwirklicht wahrgenommen h\u00e4tte: \u00bbIch nahm vor meinen inneren Augen mich selber nach allem, das ich bin, mit Leib, Seele und allen meinen Kr\u00e4ften, und stellte um mich alle Kreatur, die Gott je schuf im Himmelreich, im Erdreich und in allen Elementen, ein jegliches sonderlich mit Namen, es w\u00e4ren V\u00f6gel der Luft, Tiere des Waldes, Fische des Wassers, Laub und Gras des Erdreichs und das unz\u00e4hlige Grie\u00df in dem Meer, und dazu all das kleine Gest\u00e4ube, das in der Sonne Glanz scheinet, und all die Wassertr\u00f6pflein, die von Tau, von Schnee oder Regen je fielen oder immer fallen, und w\u00fcnschte, da\u00df deren jegliches h\u00e4tte ein s\u00fc\u00dfaufdringendes Saitenspiel, wohlbereitet aus meines Herzens innerstem Safte, und also aufklingend ein neues hochgemutes Lob br\u00e4chte dem geminnten zarten Gott von Anfang zu Ende.\u00ab Uns ist, als ob in solchen Andeutungen der Bruckner des achten und neunten Symphonie-Adagios prophezeit worden w\u00e4re, und was sich in einem dunklen Spiegel, den Wohllaut der Gedanken und Lippen lockend, fern ger\u00fchrt h\u00e4tte, sei nun kein irisierendes Wetterleuchten mehr, sondern es sei der Donner der Stille und des durchgottet schlagenden Menschenherzens darin. Die Minne darin kannte keine Zwittergef\u00fchle von Greisenklugheit und Knabengier, wie sie in den Ecks\u00e4tzen und Scherzi auch nur die Sehnsucht Platons, die tellurische Fr\u00f6hlichkeit und die Schelmerei des Unergr\u00fcndlichen gekannt hatte. <a id=\"page159\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page159\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter den ganz gro\u00dfen K\u00fcnstlern z\u00e4hlen wir nur ganz wenige, die ein reines K\u00fcnstlerdasein gef\u00fchrt h\u00e4tten. Nicht, weil die meisten mit einem qu\u00e4lenden und hemmenden Brotberuf gerungen h\u00e4tten. Im Gegenteil ist gemeint, da\u00df sie freundlich zu allerlei bequemen Gewohnheiten und zutraulich zu den kleinen Dingen des Alltags waren. Den einen freute es, Gottfried-Kellerisch beim Wein zu schweigen und den Schummer der Nachdenksamkeit zu genie\u00dfen, den anderen, Freunde um sich zu versammeln und zu bewirten zu seiner Lust, als gen\u00f6sse er mit ihren Gaumen, Kehlen und Nasen selber vielfach. Goethe, der so fr\u00fch zu entsagen anfing, entsagte doch in viele bedeutende und auch gef\u00e4lligere T\u00e4tigkeiten hinein, die anderen verwehrt waren, er entsagte in mancherlei stille Sammlungen von Plastiken, M\u00fcnzen, B\u00fcchern, Stichen, Pflanzen, Mineralien hin\u00fcber. Andere bezeugen ihre Lust am Animalischen in Kauzigkeiten, und der Sonderling kehrt sich ja nur von Menschen ab, nicht von seinen Papageien, seiner Rohkost oder Hypochondrie. Der Asket wird den N\u00e4ssefleck an seiner kahlen Zellenwand schwer entbehren k\u00f6nnen, und so umgarnt jeden, ohne da\u00df er es wei\u00df und wahrhat, die Liebe des vielen Kleinen, welche die Liebe zum Gro\u00dfen t\u00e4glich entspannt und entgiftet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei Bruckner war dergleichen auff\u00e4lliger als bei anderen, und daher verfiel er der Karikatur und Scheelheit. Und er legte auch damit einen G\u00fcrtel der Vereinsamung um sich, ohne es zu beabsichtigen. Schlichtes, warmes Volk machte sich aus Eigent\u00fcmlichkeiten nichts, aber die Pers\u00f6nlichkeiten, die Einzelnen merkten sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo es um eine Erschwerung des Leidens geht, ist nichts gleichg\u00fcltig. Da\u00df Bruckner sich mit einem gewissen Liebhabertrotz merkw\u00fcrdig oder auff\u00e4llig kleidete, <a id=\"page160\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page160\"><\/a>ist nie \u00fcbersehen worden. Auf die Gewandung kam nicht viel an, gleichwohl ist sie von der \u00dcberlieferung sorgf\u00e4ltig aufbewahrt worden. In Windhaag hatte er einmal in rotjuchtenen Schuhen die Altarkerzen angez\u00fcndet, der Priester hatte es ihm als Respektwidrigkeit verwiesen: man wei\u00df es noch heute. Der Edle von Zenetti soll in der Kleidung zu ihm gepa\u00dft haben: man verglich die beiden. Zum Anh\u00f6ren des Linzer Probespiels war er von Florian mit einem Oberrocke, an dem ein Knopf fehlte, mit einem Schal um den Hals und \u00dcberschuhen in der Kirche erschienen \u2013 der Tadelbrief ist aufgehoben geblieben. Die \u00dcberlieferung hatte weiterhin ein gutes Ged\u00e4chtnis f\u00fcr die ungeschickten, faltenreichen schwarzen Anz\u00fcge, den \u00fcberweiten Hemdkragen, das riesige blaue Schnupftuch, die in seiner Organistenzeit zu ihm geh\u00f6rten. Man wei\u00df, da\u00df Mayfeld ihn damals fragte, ob er seine Kleidung selbst mache oder durch einen Tischler anfertigen lasse. Als er in Wien abmagerte, wurden seine H\u00fcllen von selbst noch unf\u00f6rmiger. Der Klatsch besch\u00e4ftigte sich mit seinen viel zu breiten, daf\u00fcr wegen des Pedalspiels viel zu kurzen Hosen, mit seinen gebirgigen Anz\u00fcgen, die nie nach Ma\u00df, sondern nach einem alten Modell gefertigt wurden, seinen fast viereckigen, seehundsledernen Schuhen mit R\u00f6hren, um die er wie ein Grandseigneur den Schuster geschunden h\u00e4tte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das alles schuf ihm einen Teil der Ber\u00fchmtheit, die mit seinem Geiste nichts zu tun hatte. Die Gutm\u00fctigen und B\u00f6swilligen widmeten dem tuchenen und ledernen Doppelg\u00e4nger ihre Aufmerksamkeit und lie\u00dfen den Geist im Abraum hinter den H\u00fcllen gew\u00e4hren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es erstaunt uns nicht mehr, zu h\u00f6ren, Bruckner habe eigentlich niemals etwas gelesen. Die Kompendien seines Studiums waren in Wirklichkeit Geh\u00e4use mit H\u00f6rs\u00e4len <a id=\"page161\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page161\"><\/a>gewesen, Magazine mit Ger\u00e4tschaften f\u00fcr den praktischen Gebrauch. Im Auswendigwissen verloren sie die Notform des Buches. W\u00e4re er Protestant gewesen, so h\u00e4tte er wahrscheinlich die Bibel durchforscht und Gesangb\u00fccher auf dem Borde gehabt, dem Katholiken nahmen die eigens daf\u00fcr Eingesetzten die Lesem\u00fche ab. Eine Bibel hat er nachgelassen, und er soll sie durchaus gekannt haben, doch seine Musik enth\u00e4lt keine intimeren Verweisungen wie etwa bei Bach. Die unerheblichen lyrischen Texte seiner Komposition wurden von Musik durchbrochen, bevor sie als Gebilde einer anderen Kunst existent wurden. An einem Opernlibretto nahm er nur auf, was zur Verwandlung in Musik taugte. Gedichtete Dramen und Romane waren vollends f\u00fcr ihn \u00fcberfl\u00fcssig, wenn er auch einmal spanische geistliche Kom\u00f6dien lesen wollte: er h\u00e4tte damit Zeit verdorben, sonst nichts. Von unangenehmen pers\u00f6nlichen Erlebnissen in Linz sagte er zwar einmal, man sollte einen Roman dar\u00fcber schreiben, doch geht daraus nicht hervor, da\u00df ihm ein Roman das Unwahrscheinliche, Unglaubw\u00fcrdige schlichtweg war? Sein Sch\u00fcler Friedrich Klose erz\u00e4hlt, er habe w\u00e4hrend der dreieinhalb Jahre seiner Lehrzeit nur drei B\u00fccher und eine Brosch\u00fcre bei Bruckner gesehen, n\u00e4mlich ein Werk \u00fcber den mexikanischen Krieg, eine Schilderung der Nordpolexpedition auf dem Schiffe Tegetthoff, eine illustrierte kurze Zusammenstellung der Biographien Haydns, Mozarts und Beethovens, einen Traktat \u00fcber die wundert\u00e4tige Maria von Lourdes. Klose f\u00fcgt hinzu, diese B\u00fccher habe Bruckner allerdings wiederholentlich gelesen. Darin bezeugt sich wiederum das Bed\u00fcrfnis, vom Druck fortzukommen und auswendig zu lernen \u2013 nicht die Fassung, sondern das Vorbild und das Schicksal. Was ist meinen vorangegangenen Meistern <a id=\"page162\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page162\"><\/a>widerfahren? Was hat die Heilige vollf\u00fchrt? Was stie\u00df Maximilian, dem Kaiser, in der Ferne zu? Was ereignete sich an der Welt Enden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte in seiner Musik immer die Empfindung des unerme\u00dflich hingedehnten Kosmos und hielt sich nun auch im wi\u00dfbegierigen Alltag gern in den Grenzbezirken auf. Da\u00df es ein erregendes Spiel zum Ausruhen und Wiederaufbruch war, wurde ihm schwerlich bewu\u00dft. \u00c4hnlich and\u00e4chtig hatte er gespielt, als er den Kindern in Windhaag von den Fl\u00fcgen der Himmelsgloben erz\u00e4hlte, \u00e4hnlich spielte er noch, wenn er ins Museum ging, um die Versteinerungen aus Urzeiten zu betrachten. Sein Lesen war ein Lernen, ein Hin\u00fcberraffen der Gegenst\u00e4nde in die Kraftfelder der Phantasie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da\u00df er Zeitungskritiken nicht ganz \u00fcberging, hatte den Sinn, neue G\u00fcte aus dem Leiden f\u00fcr seine einsame Sch\u00f6pfung zu keltern, denn nach ihrer ethischen Ordnung war sie ja G\u00fcte. Und auch der Jubel \u00fcber die sp\u00e4rlichere Anerkennung wirkte in diesem ethischen Systeme mit, damit der Prunk des Heldischen darin nie maulfrech und erb\u00e4rmlich wurde. Es war ihm \u00fcberdies aufgetragen, f\u00fcr den Bestand seines Werks zu sorgen. Darum war der Schreiber \u00bbhochgenial\u00ab, der ihn lobte, \u00f6fter aber las er die Kritik \u00bbmit Schaudern\u00ab \u2013 und \u00bbmir ward beinahe \u00fcbel\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1887 sagte er der Tagespresse unwirsch ab: er werde jetzt gar keine Zeitung abonnieren und es nie tun aus Gr\u00fcnden, die f\u00fcr jedermann ma\u00dfgebend sein w\u00fcrden. \u00bbBitte mich f\u00fcr alle Zukunft mit Zuschriften verschonen zu wollen, da ich nie antworten k\u00f6nnte.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Musik ist voll Landschaft, darum durfte er der ihn umgebenden realen Landschaft nicht sich vers\u00e4umend gewahr werden, sich ihrer nicht schwelgend freuen. Er <a id=\"page163\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page163\"><\/a>besa\u00df sie vorgebildet schon ganz in sich. Das Nachbilden w\u00e4re kein Hinschreiten zum Urbilde gewesen. Wenn dieses Urbild nicht ein Weltbild auch in landschaftlicher Beziehung g\u00e4be, w\u00fcrden wir nichts Spezifisches darin abheben. Wir finden es und meinen es manchmal mit den Sinnen erwandern zu k\u00f6nnen. Zuweilen scheint das s\u00fcddeutsche Land aus den T\u00f6nen hervorzuwachsen, und wenn wir von Ober- und Nieder\u00f6sterreich noch nichts wu\u00dften, so wissen wir nun darum. Einmal begleitete er seine Scholaren im Wagen zum Tanzvergn\u00fcgen und fuhr dann allein nach Hause, \u00bbund nun\u00ab, erz\u00e4hlt einer, \u00bbert\u00f6nten, was mir zeitlebens unverge\u00dflich sein wird, aus der davonrollenden f\u00fcrnehmen Equipage laute, nach und nach in der Ferne verhallende, echt ober\u00f6sterreichische Juchzer\u00ab. Der Weg lief, der Wagen fuhr, der Jauchzer klang weiter, bis sie im Binnenraume der Musik angelangt und verwandelt waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem anderen Ausflug war Bruckner nach dem eben angef\u00fchrten Gew\u00e4hrsmann von einer Stelle mit besonders merkw\u00fcrdigem Echo nicht wegzubringen. Er verweilte bis zur Nacht. Noch lange habe man \u00bbin der Tiefe den S\u00e4umigen Intervalle singen h\u00f6ren, die im Zusammenklang Nebenseptimenakkorde oder deren Umkehrungen ergaben\u00ab. Das bietet die Landschaft schon zur H\u00e4lfte umgezaubert. Das Poetische und Gelehrte begegnen sich, als tr\u00e4te eine Dryade einem Menschen entgegen, und sie l\u00f6sten sich in ihre Zwiesprache hinein auf. So klopfte Bruckner in einer Gasse nahe seiner Wohnung F\u00e4sser ab, was sie f\u00fcr einen Hall g\u00e4ben. Auch da noch ist ein St\u00fcck Landschaft unterwegs ins Unsichtbare. Sie wird das Einzelne, Lokale verlieren und vielleicht einmal als leisester, einsamster Paukenpuls in den tonleeren Abgrund hineinfragen. <a id=\"page164\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page164\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">D\u00e4mmerlichter, Zwielichtfarben wechseln genug durch den Kreis der Symphonien. Sie hatten einst ihr Wo und Wann, nun jedoch graut nicht die D\u00e4mmerfr\u00fche eines einzelnen Tages, sondern die Urfr\u00fche vor allen Tagen. Man sp\u00fcrt das daran, da\u00df ihre musikalische Gestaltung zur\u00fcckgehalten wird, da\u00df sie mit ihrer Landschaft mitgeschaffen wird. Die Luft mu\u00df sie mit ihrer eigenen Erw\u00e4rmung erst erw\u00e4rmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein keinem Mit- und Nachlebenden zug\u00e4nglicher Bezirk seiner Einsamkeit ist sein privater katholischer Glaube. Dar\u00fcber findet man in keiner Symphonie eine Auskunft, in keiner Messe, nirgends. Da\u00df der Dreiklang die Trinit\u00e4t ausstr\u00f6men lie\u00df, da\u00df Dezimenspr\u00fcnge die Unerme\u00dflichkeit verk\u00f6rperten, ist Gabe an die Gottheit der Kunst. Da\u00df er beim Gesange eines frommen Chorritornells die Stimmen immer leiser und leiser w\u00fcnschte und, als der Chor schwieg, gl\u00fccklich weiterdirigierte, bis das Gel\u00e4chter der S\u00e4nger ihn weckte, auch dies ist noch Dienst an der Kunst: was er bei seinem verkl\u00e4rten L\u00e4cheln in sich sah, wird niemand ergr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seinen Katholizismus sehen wir wie eine auf Goldgrund gemalte Legende an, und ihn selbst sehen wir in der Schilderei als eine Figur der Legende. Sein Glaube f\u00fchrte ihn weit aus unserer Zeit, und uns f\u00fchrt der Glaube an seinen Glauben hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Legende erz\u00e4hlt, wie er als f\u00fcnfj\u00e4hriges Kind zu dem sterbenden siebenundsiebzigj\u00e4hrigen Geistlichen seines Dorfes gerufen und von ihm gesegnet wurde. Sie erz\u00e4hlt, wie er damals Alt\u00e4re und heilige Gr\u00e4ber gebaut habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der heiligen Wandlung lag er auf den Knien und sah mit verz\u00fcckten Z\u00fcgen in den Himmel. In den Pausen seines Orgelspiels hob er ein inbr\u00fcnstiges <a id=\"page165\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page165\"><\/a>Beten an. Das Bild der Mutter verewigte er, indem er es nach ihrem Tode in den Linzer und Wiener Wohnungen am Weihwasserkessel anbrachte, hinter einem gr\u00fcnen Vorhang, damit er von dem Anblick nicht zu sehr angegriffen w\u00fcrde. Dem heiligen Schutzengel widmete er einen Hymnus, wie er als der wandernde Lehrer t\u00e4glich f\u00fcr sich und die Kinder gesprochen hatte: \u00bbHeiliger Schutzgeist, deinem Schutz bin ich von Gottes G\u00fcte \u00fcbergeben. Erleuchte, sch\u00fctze, f\u00fchre mich durch dieses vielbedrohte Leben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gespr\u00e4che mit geistlichen Herren waren seine liebste Unterhaltung, wenn jener dunkle Goldgrund um ihn zu leuchten begann. Urlaubstage in Pfarrh\u00e4usern waren ihm tief erholsam. Die Mahlzeiten an ihren Tischen erquickten ihn anders als die Mahle um Nahrung. Als Fritz von Uhde seinen Kopf auf einem Abendmahlsbild festhalten wollte, scheute er zur\u00fcck wie vor einem Unrecht. Nachdem er aber dann doch nach dem Ged\u00e4chtnis als Apostel in das Abendmahl Jesu aufgenommen war, verweilte er lange und versonnen vor dem Bilde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Wien die Gesellschaft des Domdechanten Schiedermayr vermissen zu m\u00fcssen, beunruhigte ihn bei seiner schlechten Nervenverfassung. Den Schmerz \u00fcber den Tod seiner Schwester Nani, die ihm die Wirtschaft gef\u00fchrt hatte, meldete er Schiedermayr mit der Bitte: \u00bbIn Euer Gnaden so tief f\u00fchlendes Herz lege ich meine schmerzlichen Gef\u00fchle ganz offen darnieder und bitte, Euer Gnaden wollen selbe einmal beim Heiligsten Me\u00dfopfer dem Herrn der Welt zu F\u00fc\u00dfen legen.\u00ab Nach einer Wohltat schrieb er ihm: \u00bbDank, ewiger Dank dem Herrn der Welt! In dem verlassensten Zustande sandte er mir Hilfe, w\u00fcrdig der eines Engels! Das habe nur ich damals empfunden! \u2013 und jetzt staune ich, sehe ich es ein und <a id=\"page166\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page166\"><\/a>begreife es! Halleluja!!!\u00ab Dem Wohlt\u00e4ter selbst w\u00fcnschte er zum Namenstage, Gott m\u00f6ge seine hohen Verdienste um Kirche und Staat <em>zum Teil<\/em> schon hier auf Erden kr\u00f6nen. \u00bbUm die jenseitige Belohnung wollen wir beten!\u00ab Seine festlichste Gabe f\u00fcr Vertraute wie seinen Linzer Nachfolger Karl Waldeck war die Hoffnung auf ein Leben zur Verherrlichung Gottes. Bischof Rudigier war nach seinem Tode Bruckners F\u00fcrbitter. Er half ihm aus dem Himmel geschwind in Krankheit und N\u00f6ten, und als Rudigier seliggesprochen werden sollte, wurde Bruckner \u00fcber die Art der jenseitigen Hilfe befragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Absicht der Verherrlichung der g\u00f6ttlichen Majest\u00e4t lag im Grundplan seiner Arbeit, verschlossen f\u00fcr die Welt. Selten holte er die Urkunde aus dem Fundamente herauf, so einmal im Kreise von Chorherren: wenn Gott ihn einmal rufe und Rechenschaft von ihm fordere, so halte er ihm die Rolle seines Tedeums hin, und er werde sein gn\u00e4diger Richter sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit den steigenden Jahren schien er den Schritt ins Jenseits schon getan zu haben. Er dr\u00e4ngte seine Inbrunst niemand auf, aber sie wurde so sehr das Wache im Traumzustand des Alltags, da\u00df er seine Umgebung verga\u00df. Er soll, selbst schon ziemlich schlecht h\u00f6rend, so laut gebetet haben, da\u00df es den Messepriester st\u00f6rte. Ermahnt, seine Stimme zu m\u00e4\u00dfigen, geriet er in zornige Verwirrung, f\u00fchlte sich gekr\u00e4nkt und beleidigt. Nach dem Flehen um Gesundheit f\u00fcr die neunte Symphonie rief er dreimal Amen und schlug sich beim dritten Male mit beiden H\u00e4nden auf die Schenkel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ungeheure Gebetshekatomben waren dem vorausgegangen. Zu Allerseelen lag er am Grabe seiner Schwester auf Knien, auch bei Beethoven und Schubert. An <a id=\"page167\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page167\"><\/a>Jean Pauls, an Wagners Grabe in Bayreuth wurde er ganz sich entsunken gesehen und achtete nicht der Verwunderung um ihn her. In Kalendern zeichnete er Tag um Tag und Jahr um Jahr auf, wie viele Vaterunser, Mariengr\u00fc\u00dfe, Rosenkr\u00e4nze sein Gewissen ihm aufgab, und er war dennoch ein ganz freier Mann vor sich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Fasten nicht zu halten, w\u00e4re ihm so unnat\u00fcrlich gewesen wie auf die Nahrung zu verzichten. Als K\u00f6rperschw\u00e4che ihn zwang, beim F\u00fcrst-Erzbischof um Dispens zu bitten, zweimal, schrieb er es sich zu seiner Beruhigung \u00fcberdeutlich auf. \u00bbAlso bei jeder Mahlzeit und wiederholt bei jeder Mahlzeit mehrere Fleischspeisen kann ich genie\u00dfen an allen Feiertagen und gebothenen Fasttagen des ganzen Jahres, auch in der H. Fastenzeit u. dergl. z. B. H. Adventzeit, ist mir wie sonst auch Abends u. \u00fcberhaupt bei jeder Mahlzeit mehrmals H. Adventzeit (D. h. bei jeder Mahlzeit mehrere Fleischspeisen) Fleisch zu geniesen gestattet.\u00ab Alles ist dar\u00fcber vergessen, die Zucht der Zunge, die Grammatik. Dieses Werkelt\u00e4gliche wuchert unverstanden, verachtet, irgendwo drau\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch ist uns Sterblichen der Aufenthalt im stummen Jenseits auf die Dauer verboten, aus seinen einsamen Abgr\u00fcnden wuchert der religi\u00f6se Wahn heran. In einer Karwoche mu\u00dfte seine Haush\u00e4lterin Kathi mit ihm sieben Stunden nacheinander in der Michaeler Kirche ausharren. In der letzten Krankheit z\u00fcndete er nachts zu stundenlangem Gebet die Kerzen am Hausaltar an, einmal lief er im Hemd in den Garten (G\u00f6llerich-Auer, Bd. 8).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch diese Gef\u00e4hrdung hat mit religi\u00f6ser Vertiefung nichts mehr zu tun, sie m\u00fcndet in einen Unterweltsstrom, der sich seit Jahrzehnten durch Bruckners Leben gezogen hatte. <a id=\"page168\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page168\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit Jahrzehnten h\u00e4ngte eine fremde Riesenhand seine Welt drohend in den finsteren Abgrund eines alles aufsaugenden Chaos. Schon in Linz hatten sich in ihr Risse und Schluchten aufgetan. Als er damals t\u00e4glich sieben Stunden f\u00fcr Sechter arbeitete, hatte ihn eine Krise befallen. \u00bbEs war g\u00e4nzliche Verkommenheit und Verlassenheit, g\u00e4nzliche Entnervung und \u00dcberreiztheit. Dr. Fadinger k\u00fcndigte mir den Irrsinn als m\u00f6gliche Folge schon an.\u00ab \u00bbSchreckliches Kopfweh\u00ab nahm ihm f\u00fcr halbe Wochen die Arbeitskraft. Er kam f\u00fcr drei Monate (und sp\u00e4ter vielleicht nochmals) zur Kur nach der unweit gelegenen Kaltwasserheilanstalt Kreuzen, um sich von der Wut zu befreien, alles z\u00e4hlen zu m\u00fcssen: die Bl\u00e4tter an den B\u00e4umen, die Steine auf der Stra\u00dfe, den Perlenbesatz an einem Frauenkleid, die Fenster an den H\u00e4usern. Der Zwang, die Fenster an gro\u00dfen Geb\u00e4uden z\u00e4hlen zu m\u00fcssen und damit nicht zu Ende zu kommen, wiederholte sich im Alter \u00f6fter. Vor dem ihn aufreizenden Spiele b\u00f6hmischer Musikanten st\u00fcrzte er in die Wolfsschlucht davon, aus der er mit Leitern und Seilen herausgezogen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Krankhaft wirkt auch sein Wunsch von 1868, \u00bbum jeden Preis gern\u00ab die Leiche Maximilians von Mexiko zu sehen. Weinwurm sollte beim Oberhofmeisteramte anfragen, \u00bbob der Leichnam Maximilians zu sehen sein wird, also offen im Sarge oder durch Glas, oder ob nur der geschlossene Sarg zu sehen sein wird. La\u00df es mir dann g\u00fctigst telegraphisch anzeigen, damit ich nicht zu sp\u00e4t komme. Ich bitte dringendst um das.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ri\u00df ihn auch sonst wahnhaft zum Weltend. Grundsteine und Turmspitzen bannten ihn an die Grenzen, wo die Vernunft aufh\u00f6rt. Er wollte genau wissen, wie ein Turmhelm endige, ob der Knauf, ob eine Wetterfahne <a id=\"page169\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page169\"><\/a>oder ein Blitzableiter \u00fcber oder unter dem Kreuz sitze. Im Festspielhause in Bayreuth dr\u00e4ngte er sich nach einer Parsifal-Auff\u00fchrung hastig auf die B\u00fchne, verschwand \u00fcber eine kleine Holztreppe im Dunkel der Versenkung und wurde von seinem Begleiter G\u00f6llerich gefunden, wie er in der Erde w\u00fchlte. Er f\u00fcllte ihm und sich selbst die Taschen mit Steinen, als g\u00e4lte es, den Grundstein der Kunst selbst aufzudecken, nicht blo\u00df den eines Theaters. Bei einem neuen Besuch in Bayreuth wurde er von Stradal leichtsinnig gefragt, wie es mit dem Funde dieses Grundsteins st\u00e4nde. Sofort prasselte die Wahnvorstellung neuerlich in ihm auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unheimliche Krallen streckten sich nach ihm auch aus, als 1881 im Wiener Ringtheater die Feuersbrunst entstand. Er war doppelt gef\u00e4hrdet gewesen, leiblich, wenn er, wie er vorhatte, in die Vorstellung gegangen w\u00e4re, geistig, wenn seine Noten verbrannt w\u00e4ren, denn er wohnte vom Brandherd nur durch eine Gasse getrennt. Die Simse seiner Fenster waren besch\u00e4digt, er hatte seine Habe zusammengepackt. \u00bbDer namenlose Schrecken und das unaussprechliche Elend so vieler geht bis ins innerste Mark.\u00ab Als er die Weihnacht in St. Florian verbrachte, f\u00fcrchtete er sich, in seine Behausung zur\u00fcckzukehren, da er nachts an den Fenstern die Geister der Verbrannten als kleine Lichter hatte h\u00fcpfen sehen. Dem Verscheuchten, der so gern an der Welt Anteil gehabt h\u00e4tte, war das Unheimliche immer nahe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie ein Nekromant f\u00fchlte er sich von Zeichen und Reliquien des Todes angezogen. Nicht allein, da\u00df er den Sch\u00e4del seines H\u00f6rschinger Lehrers Baptist Wei\u00df an sich zu bringen begehrte, worein die Beh\u00f6rde nicht willigte, er nahm auch an der Ausgrabung Schuberts teil und hielt seinen Sch\u00e4del in H\u00e4nden. Ebenso ruhte er nicht, als <a id=\"page170\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page170\"><\/a>Beethovens \u00dcberreste vom W\u00e4hringer Friedhof auf den Zentralfriedhof \u00fcberf\u00fchrt wurden, bis er seine Finger an die Stirn des Meisters gelegt hatte, vor dem er sich wie ein ganz kleines H\u00fcndchen f\u00fchlte. Er hatte sich mit Freunden lange vor der Zeit eingestellt und drang gegen das Verbot der \u00c4rztekommission in die Totenkammer vor. Er soll beide H\u00e4nde an das Haupt Beethovens gelegt und im Selbstgespr\u00e4che gesagt haben: \u00bbNicht wahr, lieber Beethoven, wenn du noch lebtest, w\u00fcrdest du mir erlauben, dich anzugreifen, und die fremden Herren wollen es mir verbieten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine z\u00e4rtliche Begegnung fern der Erde. Begegnungen gleichsam im Fegefeuer lockten ihn ebenso. Er wohnte Schwurgerichtsverhandlungen gegen M\u00f6rder bei und suchte sich Einla\u00df zur Hinrichtung zu verschaffen. Es wird erz\u00e4hlt, einmal h\u00e4tte Bruckner die ganze Nacht gewacht und f\u00fcr den M\u00f6rder gebetet. Beim Aufenthalt im ganz Extremen wich seine Melancholie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor Ablauf seiner Zeit kaufte er mehrere winzige Damentaschenuhren, darunter eine schwarze, den kleinen dicksch\u00e4dligen Mohren, vor dem Ziel seiner Wege viele Schuhe. Im Nachla\u00df wurden an die drei\u00dfig Paar gefunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unter dem allen war der vielberufene C\u00e4sarenkopf des Meisters verschwunden. Eigentlich ist er auf allen Lichtbildern der Wiener Zeit nicht zu finden. Die Augen wollen es nicht. Sie trauern mehr und mehr in ihrem Fragen und Staunen. Sie und der Mund, von dessen Oberlippe nun die Behaarung weicht, scheinen n\u00e4her aneinanderzur\u00fccken, die Nase scheint sich zu vergr\u00f6\u00dfern. Der Rundsch\u00e4del scheint zwar auch m\u00e4chtiger zu werden, aber er wird auch mehr Sch\u00e4del, der unmerklich das <a id=\"page171\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page171\"><\/a>ganze Haupt \u00fcber dem abmagernden Halse und dem einfallenden Munde vorn\u00fcberneigt. Noch trauert die Rose im Knopfloch, der Orden am Galarock und die Handschuhe in den verlegen an den Fingerspitzen gefalteten H\u00e4nden mit, dann bliebe nur ein Greislein \u00fcbrig, hinderten nicht immer wieder die urwissenden, fernwehguten Augen den Eindruck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den C\u00e4sar hatte man wohl nur an der Orgel gesehen. In ihrem Bereich scho\u00df der Herrschertrotz in die dem\u00fctige Gestalt, in ihrem Bereiche tat Bruckner die stolzen und selbstbewu\u00dften Ausspr\u00fcche. In London wollte ihn eine Lady nach seinem Konzertieren heiraten, er wies sie ab. Eine andere wollte sich mit ihm aussprechen, aber er konnte nicht englisch und dekretierte, wer sich mit ihm zu unterhalten Lust habe, der solle Deutsch lernen! In St. Florian begehrte einmal ein Graf sein Spiel; er antwortete, f\u00fcr einen Grafen spiele er nicht, aber wenn es der Pr\u00e4lat anordne, spiele er sofort. Ein andermal lehnte er die Bewunderer seines Orgelspiels so ab: Was meine Finger spielen, vergeht, was sie aber schreiben, wird bestehen. Seine Geschicklichkeit war unbegrenzt. Er mu\u00dfte den Sch\u00fclern zeigen, wie er seine Unget\u00fcme von Pedaltrillern b\u00e4ndigte. Eines Tages blieb ihm eine Taste stecken: er erfand ein Nachspiel zu dem falsch fortschrillenden Tone, das zu gel\u00f6stem Wohlklang f\u00fchrte. Er hatte auch seine Eigenheiten, so das unorgelm\u00e4\u00dfige Vibrato der linken Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt verlie\u00df ihn aber die Sicherheit an der Orgel. Seine angeschwollenen F\u00fc\u00dfe traten fehl auf den Pedaltasten, und sein abwesendes Ohr bemerkte beim allerletzten Spiele nicht, da\u00df er mit einer grausamen Disharmonie aufgeh\u00f6rt hatte. Es war beim Hochamte in Klosterneuburg gewesen. <a id=\"page172\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page172\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letzte Freuden erhoben ihn aus der Masse. Seinen Franz-Josefs-Orden hegte er so z\u00e4rtlich, weil er den Namenszug seines Kaisers trug. Die damit verbundenen dreihundert Gulden Personalzulage halfen drei von den vier faustischen Grauen Weibern verscheuchen, den Mangel, die Sorge, die Not. G\u00f6llerich vertrieb sie noch weiter, als sich auf seinen Aufruf 1889 Wohlhabende zu einer j\u00e4hrlichen Ehrengabe an Bruckner zusammenschlossen. Die Privatstunden fielen. Jahrs darauf bildeten sich gleich drei Konsortien zu seiner Unterst\u00fctzung. Am 15. Januar 1891 durfte er, nachdem er sich ein Jahr lang ohne Entsch\u00e4digung hatte beurlauben lassen, mit 440 Gulden Pension in den Ruhestand treten und bald nach der Erlangung des Ehrendoktortitels die f\u00fcnf letzten Jahre seine W\u00fcrden geruhig untereinandermalen. Sogar zwei Reisen zu Auff\u00fchrungen in Berlin konnte er noch machen, 1891 und 1894, und au\u00dfer dem Huldigungsgepr\u00e4nge w\u00e4re ihm dort beinahe die Betreuerin seines Alters geworden: das Zimmerm\u00e4dchen Ida Buhz im Hotel Kaiserhof hing ihm in aufrichtiger Liebe an, sie w\u00e4re ihm als Frau gefolgt, h\u00e4tte er nicht den \u00dcbertritt des M\u00e4dchens zum Katholizismus gefordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die weiteren Lebenserleichterungen trafen schon einen todkranken Menschen. 1894 kamen ehrenhalber 150 Gulden, 1895 kamen 600 Gulden, und im gleichen Jahre lie\u00df ihm der Kaiser R\u00e4ume im Schlosse Belvedere anweisen. Von einem Nebenbau, dem Kustodenst\u00f6ckl, hatte der Leidende einen ebenerdigen Ausgang in den Park. Vor dem Umzug verbrannte er viele Arbeiten, die er nicht mehr billigte. Das sonstige Testament war schon geraume Zeit vorher gemacht, mit einigen Legaten an die Pflegerin, an Verwandte und \u00dcberweisungen der unverg\u00e4nglichen Handschriften, die gebunden wurden, <a id=\"page173\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page173\"><\/a>an die Hofbibliothek. An die Stelle der Not war die Gestalt getreten, die auf das harte Reimwort h\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Tode empfand er kein Grauen, aber viel bitters\u00fc\u00dfe Wehmut. Das Sterben dauerte Jahre. Zu den alten Leiden stellte sich die Wassersucht ein. Sie brachte Atemnot und Bettl\u00e4grigkeit. Das Wasser mu\u00dfte abgezapft werden. Danach ging es besser, so da\u00df er versuchen konnte, seine liebste Besch\u00e4ftigung, die Universit\u00e4tsvorlesungen, aufzunehmen. Er scherzte den Gaudeamus zu: besser Wasser im Bauch als im Kopf!, wie er schon fr\u00fcher gescherzt hatte: \u00bb <i>post molestam senectutem<\/i> etc.\u00ab Er mu\u00dfte die Vortr\u00e4ge bald abbrechen. Um seinen siebzigsten Geburtstag erkrankte er an einer Rippenfellentz\u00fcndung. Er lag einsam in Steyr. Die Welt wurde wieder einmal ohne ihn fertig. Auch in Wien schon hatten die Freunde ihn nicht besucht. \u00bbMein Wasser ist von der Brust abgegangen; die F\u00fc\u00dfe schwellen noch an! Niemand will kommen, oder doch h\u00f6chst selten.\u00ab G\u00f6llerich, der diese Klage in N\u00fcrnberg empfangen hatte, eilte daraufhin nach Wien und ging mit seiner Braut zu Bruckner. \u00bbBeim Abschied lie\u00df er sich&#8217;s nicht nehmen, uns die hohen f\u00fcnf Stockwerke des Hauses hinabzubegleiten, obwohl er sich nur mehr schwer bewegte. Am ersten machte er traurig halt, winkte lange mit der m\u00fcden Rechten und rief uns immer wieder nach: Adje! Adje!\u00ab 1895 schrieb er nach Steyr: \u00bbBin seit 11. Nov. v. J. bis Pfingstsonntag nicht aus der Wohnung gekommen.\u00ab Das Abschiedsweh befiel ihn heftig, als der neue Leiter der Gesellschaftskonzerte, Richard von Perger, ihn, von Brahms aus b\u00f6sem Gewissen gedr\u00e4ngt, aufsuchte. Bei der Er\u00f6ffnung von Pergers, er werde eine der Messen im n\u00e4chsten Jahre singen lassen, klagte er, da lebe er ja nimmermehr; das Herz und die scharfen <a id=\"page174\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page174\"><\/a>Zeitungen t\u00e4ten ihm weh. Seine greisen Augen wurden na\u00df. Ehrfurcht hatte den Gast schon vorher in ihren Bann gezogen, aber nun \u00bbtat es einen Fall in meinem Innern, und im stillen bereute ich tief jedes voreilige und abf\u00e4llige Wort, das ich wohl zu fr\u00fcheren Zeiten \u00fcber seine Werke ge\u00e4u\u00dfert haben mochte\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine weiche Herzensh\u00f6flichkeit blieb bei dem Kranken. Mochte sein Harmonium, das er dem behandelnden Arzte zugedacht hatte und das dieser aus Scheu und im Gef\u00fchle, der Auszeichnung unwert zu sein, ausgeschlagen hatte, von dessen Vorgesetztem hingenommen werden. Brieflich dankte er gern f\u00fcr \u00bballes und alles\u00ab. Als sein j\u00fcngerer Freund Kitzler ihn wenige Monate vor seinem Tode besuchte, duldete es ihn nicht im Bette. Den Lehrer empfing man stehend. Die Fieber einer Lungenentz\u00fcndung sch\u00fcttelten ihn, er wurde aufgegeben und erholte sich nochmals ein wenig. H\u00e4ndezitternd spielte er dem Arzte T\u00e4nze. Hugo Wolf sah ihn in klingende Sph\u00e4ren entr\u00fcckt. Allerdings, Verhandlungen \u00fcber einen Opernplan waren aufgegeben. Aber das Finale der Neunten spielte ihn aus der Welt. Ihm wandelte er in den leidlich ertr\u00e4glichen August-, September- und Oktobertagen 1896 durch die G\u00e4nge des Belvedereparks nach. Ihm betete er immer wirrer und krauser eine Bahn. Weil ihm schon im Juli ein Kirchenbesuch verweigert worden war, hatte er den Arzt gezwungen, ihm einen Revers zu schreiben, er solle nicht eingesperrt werden, sondern seine Freiheit und sein Leben \u00bbvoll und voll genie\u00dfen\u00ab. An seinem letzten Tage, dem 11. Oktober, sa\u00df er wieder \u00fcber dem Finale am Klavier. Es war ein Sonntag. Um die dritte Stunde wurde ihm kalt. Er verlangte Tee, trank, lie\u00df sich im Bette auf die Herzseite wenden, atmete tief ein und atmete aus f\u00fcr immer. <a id=\"page175\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page175\"><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei Tage danach, wieder um die dritte Stunde, fand die Leichenfeier der Stadt Wien statt. Vor der Karlskirche, wohin der Sarg nach der Einsegnung gebracht war, staute sich das Volk, und auch Johannes Brahms war nun Volk. Aber vor Ersch\u00fctterung trat er nicht durch das Portal. Ihm waren nicht mehr sieben Monate des \u00dcberlebens beschieden. Hugo Wolf wurde nicht eingelassen; er durfte Schuberts \u00bbLitanei\u00ab und das Adagio der siebenten Symphonie Bruckners in der Kirche nicht h\u00f6ren, denn er war nicht Mitglied des Singvereins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Krankheitszeit war Bruckner zuweilen von seinem Bruder Ignaz gepflegt worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">An ihn nach St. Florian hatte Bruckner seinen letzten Brief gerichtet. Bruder Ignaz k\u00f6nnte man, nach seiner Gem\u00fctslage zwischen Schwermut, Aufbrausen, Schelmerei und sanfter G\u00fcte, ein r\u00fchrendes Gespenst Bruckners nennen. Er trug die von Anton kommenden weiten Kleider und hatte mit ihm die gro\u00dfe Familien\u00e4hnlichkeit, nur war ihm in der Kindheit bei einem Unfall das Nasenbein verletzt worden, und ein Augenleiden qu\u00e4lte ihn. Er hatte dem gro\u00dfen Bruder von Zeit zu Zeit Selchfleisch geliefert und von diesem kleine Draufgaben auf den Preis und auch sonst Unterst\u00fctzungen erhalten. Urspr\u00fcnglich G\u00e4rtnergehilfe, konnte er nur in kl\u00f6sterlicher Hut leben und wurde Diener und Balgentreter in St. Florian. Gl\u00fccklich in seinem K\u00e4mmerchen, froh in der frommen Gemeinschaft, machte er Ersparnisse, die er dazu ben\u00fctzte, die Schwester Anna nach der Einziehung des W\u00e4hringer Friedhofs \u00fcberf\u00fchren zu lassen, eine Stiftung f\u00fcr das Grabgitter der Mutter zu errichten und der Marienkapelle in St. Florian eine kleine Orgel zu schenken. Er hatte mit Anton gescherzt, er sei doch mehr als der ber\u00fchmte Organist, denn wenn er die B\u00e4lge nicht <a id=\"page176\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page176\"><\/a>mit Luft versehe, k\u00f6nne Anton gar nichts, wogegen die S\u00e4ngerknaben witzelten, sein Nasenschaden r\u00fchre daher, da\u00df ihn Anton beim Spiel mit entfesselten Registern hoch in die Luft geprellt habe. Mit heiterer Eulenspiegelei sonnte er sich im Ruhme des anderen, wenn er sich auch gestr\u00e4ubt hatte, eine seiner Symphonien anzuh\u00f6ren, weil er nichts davon verst\u00fcnde. Aber der Abschiedsbrief an ihn, der nur ein dreimaliges Lebewohl mit taumelnden Buchstaben und taumelnden Silben enth\u00e4lt, ist der ergreifendste Brief, den Bruckner geschrieben hat. Die Fluten der Verg\u00e4ngnis und das Wissen um ihren Einbruch haben ihn \u00fcbersp\u00fclt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Bruder Ignaz kehrte Anton Bruckner nach dem Tode aus der kalten Hauptstadt ein. Urspr\u00fcnglich hatte er sich die letzte Ruhstatt in Steyr ersehnt, dann aber im letzten Willen verf\u00fcgt: \u00bbIch w\u00fcnsche, da\u00df meine irdischen \u00dcberreste in einem Metallsarge beigesetzt werden, welcher in der Gruft unter der Kirche des regulierten lateranischen Chorherrenstiftes St. Florian, und zwar unter der gro\u00dfen Orgel frei hineingestellt werden soll, ohne versenkt zu werden, und habe ich mir hierzu die Zustimmung schon bei Lebzeiten seitens des hochw\u00fcrdigsten Pr\u00e4laten genannten Stiftes eingeholt. Mein Leichnam ist daher zu injizieren, zu welchem Liebesdienste Herr Professor Paltauf sich bereit erkl\u00e4rt hat.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So geschah es.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_106584\" style=\"width: 178px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106584\" class=\"wp-image-106584 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/AntonBruckner-168x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-106584\" class=\"wp-caption-text\">Anton Bruckner um 1855<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oskar Loerke geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte werden in Anthologien unter den Stichworten Expressionismus, Naturdichtung oder Innere Emigration abgedruckt. Doch wird diese Reduktion der thematischen Vielfalt und dem Formenreichtum seiner Dichtung nicht gerecht, die weite geschichtliche, mythologische und geographische R\u00e4ume umgreift. Ihr grunds\u00e4tzliches Einverst\u00e4ndnis mit der Welt erf\u00e4hrt in der NS-Zeit einen tiefen Riss, der auch durch offen eingestandene Wut und Verzweiflung am Weltzustand nicht mehr zu heilen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Paul Celan war Loerkes &#8218;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/13\/pansmusik\/\">Pansmusik<\/a>&#8218; das sch\u00f6nste Gedicht in deutscher Sprache<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Notiz \u00fcber die benutzte Literatur<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das Biographische dieser Darstellung wurde neben den beiden Sammlungen der <i>Briefe Bruckners<\/i> (die erste herausgegeben von <i>Franz Gr\u00e4flinger<\/i>, die zweite von <i>Max Auer<\/i> bei Gustav Bosse, Regensburg) vor allem das bewunderungswert reichhaltige neunb\u00e4ndige Grundwerk von <i>August G\u00f6llerich<\/i> und <i>Max Auer<\/i> \u00bbAnton Bruckner\u00ab (ebenfalls bei Gustav Bosse, Regensburg) als Quelle benutzt. Alle irgend erreichbaren Nebenquellen, wie die Erinnerungen <i>Kitzlers<\/i>, die Schilderung <i>Herbecks<\/i> durch seinen Sohn, Aufzeichnungen von Sch\u00fclern, Tischgenossen, geistlichen Freunden, \u00c4rzten, Verehrern und Feinden des Meisters, m\u00fcndliche Ausk\u00fcnfte, sind darin in ausf\u00fchrlichen Zitaten aufgegangen oder vollst\u00e4ndig abgedruckt. Ferner enth\u00e4lt es zwei B\u00e4nde mit unbekannten Kompositionen Bruckners, viele Skizzen, zahlreiche Bilder, Faksimilia, Dokumentwiedergaben und die Merk- und Tagebuchkalender Bruckners. <i>Ernst Schwanzara<\/i> tat aus umfangreichen Studien genealogische Erg\u00e4nzungen hinzu. Keine Lebensnacherz\u00e4hlung, die das Erforschte nicht noch einmal erforschen will, kann dieses Werk entbehren. <i>Max Auer<\/i> hat nach G\u00f6llerichs Tode den weitaus gr\u00f6\u00dften Teil ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einem starken Bande \u00bbAnton Bruckner, sein Leben und Werk\u00ab (Musikwissenschaftlicher Verlag, Wien) fa\u00dfte <i>Auer<\/i>die Ergebnisse seiner Arbeiten, auch philologisch-analytischer Art, zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Musikwissenschaftliche Verlag, Wien, bringt die Werke Anton Bruckners in einer <i>kritischen Gesamtausgabe<\/i>: auch der musikalische Laie wird an den bisher vorliegenden Studienpartituren viel Freude haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst Bruckners erl\u00e4uterten mir au\u00dfer den schon genannten die hochrangigen Werke von <i>Robert Haas<\/i>, \u00bbAnton Bruckner\u00ab (Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion, Potsdam), <i>August Halm<\/i>, \u00bbDie Symphonie Anton Bruckners\u00ab (Georg M\u00fcller, M\u00fcnchen), <i>Ernst Kurth<\/i>, \u00bbBruckner\u00ab, 2 B\u00e4nde (Max Hesse, Berlin), <i>Alfred Orel<\/i>, \u00bbAnton Bruckner, das Werk, der K\u00fcnstler, die Zeit\u00ab (A. Hartlebens Verlag, Wien und Leipzig).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonst benutzte ich noch die B\u00fccher von <i>Ernst Decsey<\/i>, \u00bbBruckner, Versuch eines Lebens\u00ab (Schuster und L\u00f6ffler, Berlin), <i>Franz Gr\u00e4flinger<\/i>, \u00bbAnton Bruckner, sein Leben und seine Werke\u00ab (Gustav Bosse, Regensburg), <i>Friedrich Klose<\/i>, \u00bbMeine <a id=\"page178\" title=\"joe_ebc\/gary\" name=\"page178\"><\/a>Lehrjahre bei Bruckner\u00ab (Gustav Bosse, Regensburg), <i>Alfred Orel<\/i>, \u00bbAnton Bruckner, sein Leben in Bildern\u00ab (Bibliographisches Institut, Leipzig). <i>Erich Schwebsch<\/i>, \u00bbAnton Bruckner, ein Beitrag zur Erkenntnis von Entwicklungen in der Musik\u00ab (B\u00e4renreiter-Verlag, Augsburg). <i>Hans Te\u00dfmer<\/i>, \u00bbAnton Bruckner, eine Monographie\u00ab (Gustav Bosse, Regensburg), <i>Richard Wetz<\/i>, \u00bbAnton Bruckner, sein Leben und Schaffen\u00ab (Philipp Reclam, Leipzig), <i>Richard Wickenhauser<\/i>, \u00bbAnton Bruckners Symphonien, ihr Werden und Wesen\u00ab (Philipp Reclam, Leipzig), ferner eine Reihe von Aufs\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich war mir wichtig das Nachschlagen in <i>Thomas von Aquino<\/i>, in <i>Meister Eckhart<\/i> und anderen Mystikern, in <i>Novalis<\/i>, <i>Adalbert Stifter<\/i>. Erleichterungen und Best\u00e4tigungen boten die Schriften \u00bbDeutsche Mystiker\u00ab von <i>Wilhelm von Scholz<\/i>, \u00bbTragik und Gr\u00f6\u00dfe der deutschen Romantik\u00ab von <i>Rudolf Bach<\/i>, \u00bbAdalbert Stifter, Geschichte seines Lebens\u00ab von <i>Urban Roedl<\/i>, einige B\u00e4nde von <i>Hermann Bahr<\/i>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die folgenden Seiten bringen meinen Dank an ein Musikerdasein dar, in das zu versenken mir w\u00e4hrend bald vierzig Jahren oft das Innigste und Gewaltigste des eigenen Lebens war. Poetendank \u2013 Laiendank. Selbst vertraute Freunde und Kameraden haben in dieser&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/11\/anton-bruckner-ein-charakterbild\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":231,"featured_media":100084,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3094,3092],"class_list":["post-89582","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-anton-bruckner","tag-oskar-loerke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/231"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89582"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89582\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106586,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89582\/revisions\/106586"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/100084"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}