{"id":89573,"date":"2023-08-28T00:01:12","date_gmt":"2023-08-27T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89573"},"modified":"2022-02-25T19:16:29","modified_gmt":"2022-02-25T18:16:29","slug":"der-goethe-des-westoestlichen-divans","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/28\/der-goethe-des-westoestlichen-divans\/","title":{"rendered":"Der Goethe des west\u00f6stlichen Divans"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als das Schicksal es wollte, mu\u00dfte Mahomet, der Prophet, fliehen, und von dem Jahre seiner Hegire aus Mekka nach Medina begannen die V\u00f6lker, die ihm anhingen, ihre Zeit zu z\u00e4hlen. Der Erinnerung an diese Flucht entnimmt Goethe, als er sich, von einem schicksalsgleichen Drange bestimmt, 1814 und dann nochmals 1815 in die Heimat des Rhein- und Mainlandes aufmacht, ein Gleichnis. Fast ein Jahrzehnt lang hatte Waffenl\u00e4rm, aufdringlich in der N\u00e4he, l\u00e4stig noch aus der Ferne, ihn gequ\u00e4lt. Die Bedr\u00fcckung durch den Krieg dr\u00fcckte ihn tiefer als die Niederlagen, die Befreiung vom Kriege machte ihn freier als die Siege. Nun ihn niemand hinderte und verfolgte, wie mochte er da noch fliehen? Begab er sich nicht auf eine heitere Hegire mit langen Aufenthalten in Gem\u00e4ldesammlungen, in Weingefilden, bei befreundeten und geliebten Menschen? Mit den F\u00fc\u00dfen brachte er einen kleinen Raum hinter sich, im Geiste einen gewaltig weiten. Die geistige Reise hatte ihn an so ferne Ziele zu entf\u00fchren, da\u00df ihrer Eile und Entschiedenheit der Name Flucht wohl anstand. Seine Umwelt war runzlig <a id=\"page32\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page32\"><\/a>und rissig geworden vor Gram, Sorgen, kurzsichtigen fanatischen Notgedanken und allzu gen\u00fcgsamen Befriedigungen. Er hatte eine seinen Instinkten widrige, aber vom D\u00e4mon der Staatengeschichte verh\u00e4ngte Politik abzusch\u00fctteln, er hatte sich der N\u00e4he des d\u00fcsteren, fratzenhaften Wahnsinns zu entziehen, den er im Geistesleben seiner Zeit an Macht zunehmen sah. Und auch dem eigenen Altern mu\u00dfte er entrinnen, das er wahrnahm, weil die Gewalten der Verj\u00fcngung in ihm bereits klar am Werke waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So trug ihn sein Genius freundlich zu den Anf\u00e4ngen, von denen her die Menschen und Dinge ihre Zeit z\u00e4hlen, wo das Verf\u00e4lschte noch richtig, das Verworrene noch einfach, das M\u00fcde noch frisch ist. Die seit siebzehn Jahren nicht mehr betretene Vaterstadt wurde zum Orte, in dem f\u00fcr ihn selbst die Urzeit der Welt anbrach. Liebe, wie sie ihn auf der Gerberm\u00fchle bei Frankfurt an Marianne von Willemer band, ist immer ein Anfang. Das Licht, das sich im heiteren oder heroischen Regenbogenbilde \u00fcber dem Haupte des Wanderers spiegelt, erneuert sich alle Tage. Die Steine, die der Dichter in den heimischen Gegenden beklopft, erz\u00e4hlen von der Jugend der Erde. In allen B\u00e4umen, die ihn \u00fcberdachen, verbirgt und offenbart sich die Urpflanze. Jeder Flu\u00df enth\u00e4lt das Wesen aller Fl\u00fcsse: Der Main darf einmal Euphrat hei\u00dfen. Im Nahen verwirklicht sich Fernes, im Gegenw\u00e4rtigen lebt Vergangenes. Die in Morgennebeln liegenden bunten Mohnfelder bei Erfurt t\u00e4uschen Zelte eines Wesires vor. Die Wartburglandschaft, wohin Goethe einst Herzog Karl August zur Jagd begleitete, duftet wie vor alters. \u00bbNun die W\u00e4lder ewig sprossen, So ermutigt euch mit diesen, Was ihr sonst f\u00fcr euch genossen, L\u00e4\u00dft in andern sich genie\u00dfen. Niemand wird&#8217;s uns dann beschreien, Da\u00df wir&#8217;s uns alleine g\u00f6nnen; Nun in allen <a id=\"page33\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page33\"><\/a>Lebensreihen M\u00fcsset ihr genie\u00dfen k\u00f6nnen.\u00ab Oder, wunderbar rein und gro\u00df, darf die Geliebte die Besorgnis vor dem Altern von sich abtun: \u00bbLiebt Gott in mir, vor ihm steht alles ewig.\u00ab Was g\u00fcltig ist, gilt der Idee nach \u00fcberall und jederzeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gereifte F\u00e4higkeit zu dieser wahren und gro\u00dfartigen Perspektive hat einen Hauptanteil an der Entstehung des \u00bbwest\u00f6stlichen Divans\u00ab als eines k\u00fcnstlerischen Grundwerkes der Menschheit. Wer ihn als ein Spiel der Vermummung nimmt, das Gesicht Hatems wie eine vorgebundene Larve auf dem Antlitz Goethes und die Locken Suleikas wie eine Per\u00fccke auf den Haaren Mariannes von Willemer sieht, der m\u00fc\u00dfte auch die \u00bbIphigenie\u00ab oder den \u00bbFaust\u00ab als Maskenspiele nehmen. Der Begriff des Lyrischen ist gegen fr\u00fchere Zeitl\u00e4ufte ungeheuer erweitert. Viele einzelne St\u00fccke leben vom zyklischen Komplex her. Der epische Kern, der sich in aller lebensstarken Lyrik findet, woher und von wann sie auch stamme, hat gegen\u00fcber der fr\u00fcheren k\u00fcnstlerischen Gepflogenheit eine Ortsverlagerung erfahren. Er ist in den Divangedichten nicht so nah an der Oberfl\u00e4che wie in balladenhaften und sonstigen mehr erz\u00e4hlenden Gebilden, nicht so eingesenkt und verborgen wie in Liedern, Hymnen und gesungenen Gef\u00fchlsbekenntnissen \u00fcberhaupt. Doch entfaltet er sich unvermutet stark ins Dramatische, knapp ins Betrachtende, Parabolische, rasch ins Ironische, Angreiferische, und selbst wenn er zum seligen, klagenden, schw\u00e4rmenden Liede wird, so aus einer anderen Erlebnisgegend her als der, von wo man vordem den Ansatz der S\u00e4ngerstimme zu h\u00f6ren gewohnt war. H\u00e4tte fr\u00fcher ein Gedichtbuch einen Schutzgeist besessen, zu dem es sich bekannte, den es anrief, wie dieses seinen gro\u00dfen Schutzgeist in Hafis besitzt, so w\u00fcrde das Verh\u00e4ltnis des Verfassers zu ihm anders <a id=\"page34\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page34\"><\/a>gewesen sein, als es hier ist: Hafis ist in Goethe eingewandert, Goethe in Hafis; sie str\u00f6men, einer im anderen, unbefangen gleichberechtigte Kl\u00e4nge aus, gleichberechtigte Bilder, ganze Gestalten und Landschaften. Um Hafis baut sich ein Orient nach Goethescher Weise auf, und der Perser scheint Goethes Abendland zu kennen und zu billigen. Wie Goethe in mehrfacher Gestalt durch das Buch zu ziehen scheint, als deutscher Dichter und als morgenl\u00e4ndischer Kaufmann durch viele Lande unterwegs, als Christ und Muselman, als Sch\u00fcler der Griechen und Parsen, so ist Hafis als S\u00e4nger, Besungener und Betrachteter vorhanden. \u00bbHerrlich ist der Orient \u00dcbers Mittelmeer gedrungen, Und wer Hafis liebt und kennt, Wei\u00df, was Calderon gesungen.\u00ab Wie im \u00bbFaust\u00ab aus dem Streite des negativen und positiven Prinzips das All aufschwebt, so entsteht im Divan aus den beiden urt\u00fcmlich angeschauten H\u00e4lften Abendland und Morgenland die Welt. Das scheinbare Verh\u00fcllen mit Bild und Figur ist in Wirklichkeit ein Demaskieren. Nur ist es nicht verstattet, die aus gewaltiger Natur aufgestiegene Einheit zu zersplittern, um sie sich zu eigen zu gewinnen. Der Divan ist nur als \u00bbwelt\u00f6stlicher\u00ab Divan existent, oder er bleibt unsichtbar. Er lebt sein stolzes Wort vor:<\/p>\n<p class=\"vers\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer nicht von dreitausend Jahren<br \/>\nSich wei\u00df Rechenschaft zu geben.<br \/>\nBleib&#8216; im Dunklen unerfahren.<br \/>\nMag von Tag zu Tage leben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ist eine Rechenschaft im Hellen. Sein Stolz ist, sich vieltausendj\u00e4hrig zu geben; er l\u00e4\u00dft die \u00dcberlieferungen des Weisesten, Wirklichen, Echten bestehen, ohne sie anzutasten und f\u00fcr den Gebrauch t\u00e4glicher, allt\u00e4glicher Zwecke zu verd\u00fcstern und <a id=\"page35\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page35\"><\/a>zurechtzuspitzen. Er ist ein Buch der heiteren Ehrfurcht. Er \u00e4ndert nicht, was gut ist. Er ist das himmelweite Gew\u00f6lbe des Geistes, in dem der Haushalt der Erde noch immer weitergef\u00fchrt wird und trotz Irrtum, Kampf und Verf\u00e4lschung gleichsam dennoch ruht. Er weist den vulkanischen Geist, der sich des Menschenwesens zu bem\u00e4chtigen droht, zur\u00fcck und preist die neptunische Entfaltung, wie sie alles umfassend, fruchtbar, folgerecht, notwendig, willk\u00fcrlos und trotzdem ernst und \u00fcbermenschlich besonnen das Leben gr\u00fcndet und dauerhaft erh\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie aber war die hohe \u00dcberzeugung deutlich zu machen, zumal da sie, in \u00dcbereinstimmung der Mittel mit der Absicht, nicht zum mythischen Epos, zum religi\u00f6sen Drama, sondern diesmal zu kurzem Lied und Spruche dr\u00e4ngte? Eben mit der Durchdringung der sp\u00e4ten Zeit mit fr\u00fcheren, entlegener irdischer Breiten mit gegenw\u00e4rtigen. Dann best\u00e4tigten sich alle Elemente der Natur und der Seele durch ihre Identit\u00e4t hier und dort und lie\u00dfen sich noch in den zuf\u00e4lligen Spielformen ihrer Erscheinung h\u00fcben und dr\u00fcben entdecken. Dann vertiefte sich der selbstgen\u00fcgsame Schein zum lichtabh\u00e4ngigen Abglanz. Nach eigenem Bekenntnis beseitigte Goethe die Welt, um die Welt an sich zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die N\u00f6tigung, auf die besondere Weise des Divans das Universum einzuatmen und auszuatmen, scheint ihm, wenn man fl\u00fcchtig sein Leben w\u00e4hrend der Entstehungsjahre der neuen Gedichtsammlung betrachtet, ganz wider seine Anlage als ein vulkanischer \u00dcberfall gekommen zu sein. Er lernt im Fr\u00fchjahr 1813 die Hafis\u00fcbersetzung von Josef von Hammer-Purgstall kennen, und bald bricht ein Sturm von Versen in ihm los, zwei, drei und mehr Gedichte an einem Tage, unterwegs auf der Reise, im Gasthaus, zwischen Gespr\u00e4chen und <a id=\"page36\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page36\"><\/a>anderen Besch\u00e4ftigungen. Die Daten sind erhalten, die Orte, an denen er sich gerade befand, nachweisbar, Anregungen wieder herzustellen, Modelle, wie zum Beispiel der junge Sohn des Professors Paulus f\u00fcr den Schenken im Saki-Nameh, wiederzuerkennen. Seine Tageb\u00fccher, Briefe und die Abhandlungen und Noten zum Divan und sonstige Aufzeichnungen nennen weitere Lekt\u00fcre \u00f6stlicher Dinge. Aus den Arbeiten heutiger Gelehrter lassen sie sich bequem zusammenstellen. Er lernte den Koran und anderes in den \u00bbFundgruben des Orients\u00ab kennen, etwa den Mystiker Ferideddin Attar, \u00fcbersetzt von Silvestre de Sacy, las die Schriften von Diez, so dessen \u00dcbertragung des \u00bbBuches des Kabus\u00ab. Er kannte durch Hartmann Dschamis&#8216; \u00bbMedschnun und Leila\u00ab, durch Hammer den Schirin. Er las, was Abb\u00e9 Toderini \u00fcber die Literatur der T\u00fcrken berichtete und Klaproth \u00fcber eine Reise in den Kaukasus und nach Georgien in den Jahren 1807 und 1808. Er trieb chinesische Studien und durchdrang sich mit der sufischen Mystik in Philosophie und Literatur. Er machte sich mit den Schriften des Olearius vertraut, so dem \u00bbGulistan\u00ab von Saadi (1660), dem \u00bbPersianischen Rosenthal\u00ab von 1654, den \u00bbCollegierten Reisebeschreibungen\u00ab von 1696. Die \u00bbVoyage en Perse\u00ab, die Chardie 1735 ver\u00f6ffentlicht hatte, gab Augenzeugnis hinzu. Doch schon die breite F\u00fclle der B\u00fcchertitel erweist, da\u00df ihm der Orient nicht in vulkanischer, sondern neptunischer Enth\u00fcllung bekannt wurde. Und wenn wir uns weiter auf sein Lernen und Streben aufmerksam machen lassen, erkennen wir: das Morgenland erwuchs seit seiner Kindheit mit ihm. Er hatte in ihm die Augen fast zur gleichen Zeit aufgeschlagen wie in der anderen, n\u00f6rdlichen Heimat. Die Bibel war ihm von fr\u00fch auf vertraut. Er hatte sich an einem \u00bbJoseph\u00ab versucht, \u00bbzwo biblische Fragen\u00ab behandelt, den Aufsatz \u00bbIsrael in der W\u00fcste\u00ab geschrieben, das <a id=\"page37\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page37\"><\/a>\u00bbHohelied\u00ab \u00fcbersetzt, den \u00bbMahomet\u00ab, die \u00bbParabeln\u00ab gedichtet. Herder wies ihn vielfach unmittelbar gegen Morgen, Friedrich Schlegel belehrte ihn \u00fcber Sprache und Weisheit der Inder, er interessierte sich f\u00fcr die \u00bbSakuntala\u00ab, er las \u00d6lsners \u00bbMohamed\u00ab, Napoleons Feldzug r\u00fcckte \u00c4gypten n\u00e4her, Marco Polo das alte China, es ist kein Ende. Um den engeren Kreis der Quellen legen sich immer weitere. Die zwischen Aufgang und Untergang vermittelnden Geister treten hervor, Plato, Heraklit, Plotinus. Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Talismane mochten seine antiken Gemmen und Kameen verst\u00e4rken, welche er seit seiner italienischen Reise sammelte und erforschte. Sodann mu\u00dfte ihm Abgeleitetes dienen, seine Kenntnis der fr\u00fchchristlichen Kirchen- und Ketzergeschichten, alte Kirchenlieder, wie jenes im Divan anklingende \u00bbman tr\u00e4gt eins nach den andern hin\u00ab, Sprichw\u00f6rtersammlungen wie die von Agricola, Gruterus, Lassenius, Schellhorn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu ersch\u00f6pfen ist der Zustrom des Divanmateriales kaum. An dem napoleonischen Wirrwarr interessierte ihn vielleicht die auff\u00e4llige Parallele zu den Kriegsz\u00fcgen des Timur am meisten, ja vielleicht interessierten ihn am meisten die Baschkiren, die, mit den russischen Truppen nach Deutschland verschlagen, in Weimar einen mohammedanischen Gottesdienst begingen. Aber auch etwa sein Entz\u00fccken an der sch\u00f6nen jungen Kaiserin Maria Ludovika von \u00d6sterreich ist eine Divanquelle, wie viele mit seinen gleichzeitigen Briefberichten \u00fcbereinstimmende Verse beweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch genug der Namen und Daten. \u00bbWer sich von dreitausend Jahren nicht wei\u00df Rechenschaft zu geben \u2013!\u00ab Die Belege der Rechenschaft sind von den Kommentatoren, Goethe voran, gesammelt worden, die Rechenschaft selbst in ihrem Gelingen, ihrem Zauber und ihrer Klarheit bleibt geheimnisvoll. <a id=\"page38\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page38\"><\/a>Doch unsere Augen sind geblendet, wenn sie die Zur\u00fcstungen zum Divan pl\u00f6tzlich beisammen erblicken. Zuger\u00fcstet wurde von fr\u00fch auf das Gesamtwerk Goethes, und in gewissen Entscheidungsjahren sonderten sich die Sph\u00e4ren nur voneinander, wurden aber nicht da erst geschaffen. Sie entschwebten der gemeinsamen Natur wie einst die Planeten der Sonne, und das gleiche Licht blieb ruhend auf ihnen und erzog die verschiedenartigen Gesch\u00f6pfe ihres Wachstums. Goethe hatte, ohne da\u00df es ihm bewu\u00dft werden konnte, schon in gr\u00fcner Jugend auch den Divan begonnen, ebenso wie er ihn nicht vollendet hatte, als er ihn vorl\u00e4ufig drucken lie\u00df, und selbst nicht, als er starb. Nur war in den letzten Jahren 1814\/15 die \u00fcberpers\u00f6nliche Natur in ihm, die diese Gedichte wollte, mit seiner Pers\u00f6nlichkeit \u00fcbereingekommen und kongruent geworden. Da geh\u00f6rte ihm genau, was bisher anderen geh\u00f6rt hatte. Sie hatten ihre Arbeit nun auch als die seine geleistet. Das Wandern der religi\u00f6sen, philosophischen, poetischen Gedanken hin und her von Okzident zu Orient und von Orient zu Okzident, durch Jahrhunderte, die Geschiebe, die Schichtungen, \u2013 es hatte sich nun in seinem Geiste vollzogen. In den tragf\u00e4higen Grundgef\u00fchlen, in den konstruktiven Hauptgedanken war drau\u00dfen und drinnen kein Unterschied mehr. Die Natur seiner Pers\u00f6nlichkeit und die Natur des zoroastrischen, griechischen, mohammedanischen, christlichen Kulturkreises deckten sich. Hafis und Goethe waren Br\u00fcder, Jesus und Mohammed waren es, auch Hafis und Hutten, im Kampfe, dieser gegen braune, jener gegen die blauen Kutten seiner Sekte, und als dritter wiederum Goethe im Kampfe gegen die \u00bbM\u00f6nchlein ohne Kapp&#8216; und Kutt&#8217;\u00ab. Auf seiner neuen Hedschra brauchte er sich physisch nicht weit von der Stelle zu r\u00fchren, wie auf der ersten nach Italien. Damals flog er nach einer Richtung, diesmal <a id=\"page39\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page39\"><\/a>in alle Dimensionen. In seiner eigenen Verj\u00fcngung tauchte die Welt verj\u00fcngt auf. Sie ist zu voll und schwer und vielgestaltig, um am leidenschaftlich befl\u00fcgelten Worte Gen\u00fcge zu haben. Genie\u00dft sie sich selbst in ihrer Erfrischung, eine stille ungest\u00f6rte Sch\u00f6pfung, so f\u00fchlt der Dichter gleichwohl \u00bbFr\u00fchlingshauch und Sonnenbrand\u00ab. Seine bittere Ungeduld gegen das Verkehrte und Abstruse schweigt nur. Sie vernachl\u00e4ssigt es, indem sie sich ins Positive der Gestalt wendet. Mit L\u00e4cheln und G\u00fcte geht er hier an dem vor\u00fcber, was er auch mit unheimlicher Richterstimme treffen konnte. Als Greis weist er vor Eckermann zornig die Zumutung zur\u00fcck, da\u00df er glauben solle, eins sei drei und drei sei eins. Im Divan schilt er das Kreuz am Halse der Geliebten zwar eine \u00bbmoderne Narrheit\u00ab und sagt: \u00bbmir willst du zum Gotte machen solch ein Jammerbild am Holze\u00ab, gibt aber auch ruhig seine Wahrheit: \u00bbJesus f\u00fchlte rein und dachte Nur den Einen Gott im stillen; Wer ihn selbst zum Gotte machte, Kr\u00e4nkte seinen heil&#8217;gen Willen.\u00ab Als Greis 1829 erkl\u00e4rt er hart dem Kanzler v. M\u00fcller: \u00bbIch bin nicht so alt geworden, um mich um die Weltgeschichte zu bek\u00fcmmern, die das Absurdeste ist, was es gibt; ob dieser oder jener stirbt, dieses oder jenes Volk untergeht, ist mir einerlei; ich w\u00e4re ein Tor, mich darum zu bek\u00fcmmern.\u00ab Sein Amt ist, sich um das Leben zu bek\u00fcmmern. Seine Politik kehrt sich vom Abnormen und Extremen. Er bedarf nicht des Weltenspiegels Alexanders, der nur ein paar stille V\u00f6lker zeigt, die Alexander mit anderen r\u00fctteln m\u00f6chte; sein Weltenspiegel zeigt, was er sich eigen sang. Die explosiven Patrioten sind ihm meist zuwider, und sogar gegen den Freiherrn vom Stein zeigt er sich w\u00e4hrend der Divanzeit reizbar. Erst die innere Befreiung kann wahre Freiheit bringen. Ist ein Volk dumpf, so werden seine lichteren F\u00fchrer ihm nicht n\u00fctzen. \u00bbWenn man <a id=\"page40\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page40\"><\/a>auch nach Mekka triebe Christus&#8216; Esel, w\u00fcrd&#8216; er nicht Dadurch besser abgericht. Sondern stets ein Esel bliebe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall vertreibt er die Verd\u00fcsterung und Verqualmung, \u00fcberall, wo eine Flamme ist, wartet er ab, bis sie sich vom Rauche reinigt. Die Flamme ist ihm immer ein Abbild g\u00f6ttlichen Lichtes, als Feuer, Begeisterung, Rausch, Liebe, \u2013 die Flamme, nicht der Sturm, der brandstiftende, ausl\u00f6schende. Er lebte in einer \u00bbschaureichen\u00ab Epoche. Wo soviel zu gleicher Zeit lebendig war, konnte ihm das Daherbrausen nichts frommen, sondern nur das Ergl\u00e4nzen. Wie leidenschaftlich sich das west\u00f6stliche Weltgeb\u00e4ude in ihm erleuchtete, das ermessen wir vielleicht an der Mitteilung Mariannes, da\u00df ihm beim Lesen seiner Gedichte nicht selten die Tr\u00e4nen in die Augen traten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was in den Gedichten steht, dr\u00fcckt sich f\u00fcr alle m\u00f6gliche Wiederkehr gleichm\u00e4\u00dfig g\u00fcltig aus. Im engen Bezirk scheint es zuweilen nur fl\u00fcchtige Aufbewahrung eines Einfalls oder einer Anregung zu sein, im weiteren zeigt es sich allseitig durch tiefsinnige Beziehungen verkn\u00fcpft. Goethe \u00fcbertreibt nicht und \u00fcberrascht selten. Er braucht sich nicht zu erregen, wenn er in einer neuen Erfindung eben ans Ziel langer innerer und \u00e4u\u00dferer Wege gekommen ist. Die Erfindung ist nicht erfunden, sie bedeutet sich nur selbst, eins und alles, nicht blo\u00df ein Zweifaches oder Mehrfaches. Das Einzelne darf ruhiger sein als in Goethes Jugend, denn es hat jetzt mehr Welt um sich als vormals. Aber wie gro\u00df ist das Alter des Dichters nun, da das Vielhundertj\u00e4hrige und das ewig Jugendliche in ihm beisammen haust? Aus dem Geiste, der die F\u00fclle hat, besitzt er alle Lebensalter zugleich. Im Schenkenbuche, dramatisch geteilt, scheint er sowohl \u00e4lter wie j\u00fcnger, als er ist. In den Betrachtungsb\u00fcchern hat er, nach den dort niedergelegten Proben zu schlie\u00dfen, mehr Maximen hinter sich gebracht, als eine reale Lebenserfahrung <a id=\"page41\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page41\"><\/a>zul\u00e4\u00dft, und so darf er in die Verkl\u00e4rung des Paradiesesbuches eintreten. In den Liebesb\u00fcchern ist sein Alter geringer, als die Wirklichkeit es will. Und nur im Buche des S\u00e4ngers, dem Reisebuche, besteht volle \u00dcbereinstimmung zwischen dem fahrenden Kaufmann aus Morgenland und dem fahrenden Dichter Goethe. Die Stunden und Augenblicke der Dichtung zielen nicht in das private Leben zur\u00fcck, aus denen sie ihren Stoff nahmen, sondern sie verweben sich dem kunstgewordenen Leben des Werkes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses hebt den Gewinn aus den langsamen Zeiten in eine gemeinsame Zeit. Sie z\u00e4hlt nicht nach Sekunden, sondern nach Pulsen. Dasein ist der geographischen Herkunft \u00fcbergeordnet, Wirklichkeit der chronologischen. Darum verwirrt das Vielerlei nicht. Das West\u00f6stliche ist ein unzerteilbarer Begriff geworden. Au\u00dfer vielen Namen des Morgenlandes sind Aurora, Helios, Hesperus, Iris erw\u00e4hnt, das Schwei\u00dftuch der heiligen Veronika, aber hinter den Namen stehen Dinge, Menschen, Helden und G\u00f6tter von heute und immer. Mit dem kalten Geschmacke gepr\u00fcft, mag die Nennung der Wesen mit so vielsprachigen Namen bisweilen stillos wirken. Aber der Name ist Schall und Rauch: \u00bbgegraben steht das Wort, du denkst es kaum\u00ab. Es ist schwer, die bildnerische und gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Einheit eines Gedichtes wie \u00bbLa\u00dft mich weinen! umschr\u00e4nkt von Nacht in unendlicher W\u00fcste\u00ab zu verlassen, um festzustellen, da\u00df seine Vorstellungen aus verschiedenen Richtungen zusammensto\u00dfen; W\u00fcste, Kamele, Treiber, Armenier, Staub die eine Gruppe, Achill, Briseis, Xerxes, Alexander die andere. Alles war einmal und ist wieder mit dem gleichen Verantwortungsgef\u00fchl von dem Dichter umfa\u00dft worden, \u2013 das eint es. Die Betrachtung jedes Dinges hat alle Grade von der N\u00fcchternheit bis zum \u00dcberschwang durchlaufen, so wurde es durch und <a id=\"page42\" title=\"wolfeh\/quantenspringer\" name=\"page42\"><\/a>durch zum Eigentum dieser Betrachtung. Goethe unterscheidet nicht Gegenst\u00e4nde und Ideen zum l\u00e4stigen Hausgebrauch, zur festlichen Repr\u00e4sentation und zum poetischen Traum. Sind sie nicht in dem einen Bezirke gerecht, so auch nicht in dem anderen. Seine Einbildungskraft verl\u00e4\u00dft niemals die Grenzen der Erfahrung, sie schleppt in der Tat immer die Weltkugel mit sich. Wenn er dichtend des alten Meeres Muscheln im Stein suchte, so tat er es in denselben Wochen als Geolog wirklich. Wenn er von der gr\u00fcnen und augerquicklichen Farbe des Smaragds redet, so liegt sein Wissen darum zugrunde, da\u00df der Smaragd nach alter \u00dcberlieferung Heilkraft f\u00fcr die Augen besitzt (was er auch anderweitig erw\u00e4hnt). Der Liebesbote Hudhud, der Wiedehopf, beruht auf dem Vorgange des Hafis. So ist es \u00fcberall. Man m\u00fc\u00dfte sein Verfahren \u00fcbervorsichtig und prosaisch nennen, wenn das Wunder des Geistes ausbliebe. Es geschieht; und der Bogen zwischen der praktischen Realit\u00e4t und der platonischen Idee hat nun die weiteste Spannung, die denkbar ist, und ruht auf den beiden sichersten Pfeilern. So zitiert er seinen Hafis und andere Vorbilder oft nahezu w\u00f6rtlich nach den schlechten ihm handgerechten \u00dcbersetzungen, und wenn zwei Dolmetscher sich um die Richtigkeit streiten, so zitiert er einmal gar beide. \u00bbWer kann gebieten den V\u00f6geln still zu sein auf der Flur?\u00ab Das war einmal Hafis, dann wurde es Hammer, und nun ist es auch Goethe, ohne da\u00df den andern ihr Eigentum geraubt wurde. Mehr noch: Marianne von Willemers sch\u00f6ne Beitr\u00e4ge im Divan sind ganz ihr geistiger Besitz, aber sie sind auch eine Emanation Goethes. Seine geistige Aura hatte sie, die vorher nur Gelegenheitsreime gemacht hatte, in sich gerissen, sie war gleichsam magisch geschlagen und mu\u00dfte zur Antwortdichterin in seinem west\u00f6stlichen Tone werden. <a id=\"page43\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page43\"><\/a>In die magische Welt des Divanbuches wird der Leser durch keinerlei k\u00fcnstlichen Aufwand gezogen. Das Klima der sprachlichen Form durchl\u00e4uft alle Jahreszeiten, und aus der Vollst\u00e4ndigkeit ergibt sich eine wunderbare und so ger\u00e4umige Einfalt, da\u00df die ungeheuren Weltschichten darin einwachsen und ruhen. Goethe wollte sich nirgends einspinnen. Er bliebe immer bereit, einen artistischen Scheinkosmos, der nur Stil w\u00e4re, zu zerbrechen, wenn er \u00fcberhaupt in eine solche Gefahr k\u00e4me. Es liegt ihm auch nichts daran, andere einzuspinnen mit einem der Netze, in denen sich das Gem\u00fct des Zuh\u00f6rers so gern und leicht fortziehen l\u00e4\u00dft, sei es dem der Ironie, der Sentimentalit\u00e4t oder des genialischen Haudegentums. Die Magie atmet aus dem Ganzen her, und nur, wer des Ganzen gew\u00e4rtig bleibt, wird vom vollen Atem des Einzelnen bestrichen. Es mehren sich die Gedichte, die den Hochm\u00fctigen durch eine ihm nicht genehme Schlichtheit und Simplizit\u00e4t vexieren, und es mehren sich die Gedichte, die durch einmaliges Lesen und H\u00f6ren nicht zu fassen sind, ohne da\u00df es die Schuld des Autors w\u00e4re; sind sie dann jedoch erfa\u00dft, so leben sie als der einfachste Ausdruck ihrer selbst weiter, \u00bbSelige Sehnsucht\u00ab, \u00bbWiederfinden\u00ab und \u00e4hnliche. Prosaische, kalte W\u00f6rter vervollst\u00e4ndigen auch in seiner Sprache den Bestand an Wirklichkeit. Sie sind nicht von ihrem Orte zu pfl\u00fccken und nach ihrem Lexikonwerte zu w\u00e4gen. Aus den W\u00f6rtern als W\u00f6rtern soll gar nicht Gef\u00fchl rinnen, sondern Empfindung von Zeiten und R\u00e4umen, Farbabst\u00e4nden, Festigkeitsunterschieden. Dabei geschieht es wohl, da\u00df die Sprache sich aller R\u00fccksicht auf das Normale ent\u00e4u\u00dfert. Sie ist manchmal gepre\u00dft, manchmal gelassen, alt und jung, wie der Autor und seine Welt, nicht nachl\u00e4ssig, aber sch\u00f6pferisch zul\u00e4ssig. Sie ist unschuldig, weder asketisch-fanatisch noch \u00fcberm\u00fctig. Goethe \u00fcbersetzt nicht aus dem Persischen und nicht ins <a id=\"page44\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page44\"><\/a>Schriftdeutsche, sondern er spricht, wie aus vielen Reimen erkennbar wird, sich selbst: den s\u00fcddeutschen Frankfurter. Dergleichen Reime sind in dem \u00fcber den Dialekten schwebenden Normaldeutsch unrein, s\u00fcddeutsch geh\u00f6rt jedoch rein. Am Klargef\u00fchl der Pers\u00f6nlichkeit nimmt alles teil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Empfindung der formalen Geschlossenheit ist so gro\u00df, da\u00df wir sie nur mit Anstrengung uns gesprengt vorstellen k\u00f6nnen. Wir tun es einen Augenblick lang, um ihre mannigfaltigen Elemente gewahr zu werden. Was dr\u00e4ngt sich dann alles nebeneinander! Wir finden Fremdw\u00f6rter wie: Insulte, Grammatik, rhetorisch, deklinieren, konversieren; wir finden ein dem Englischen des Shakespeare nachgebildetes Wort \u00bbbewhelmen\u00ab, das etwa \u00bb\u00fcberw\u00f6lbend bedecken\u00ab ausdr\u00fcckt, oder ein anderes anglisierend nachmalendes Wort \u00bbKriegestunder\u00ab. Wir sehen Goethe in \u00e4ltere Zeiten, in entlegene Landschaften der Sprache zur\u00fcckschweifen. Er sagt \u00bbk\u00fctten\u00ab f\u00fcr \u00bbkitten\u00ab, er spricht von der \u00bbSehe\u00ab des Auges, er braucht die mittelhochdeutsche Form \u00bbbetriegen\u00ab f\u00fcr \u00bbbetr\u00fcgen\u00ab, die freilich bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts vielfach verwandt wurde. Sodann bringt er Neubildungen wie \u00bbSchlechtnis\u00ab und \u00bbliebeviel\u00ab. Fachausdrucke aus Sondergebieten des Lebens siedelt er in seiner Dichtung an, wenn sie ihm Farbe, K\u00fcrze, Sch\u00e4rfe zu bieten haben. Statt \u00bbo du mein Lichtbringer!\u00ab sagt er \u00bbo du mein Phosphor!\u00ab, der Kartenspielerausdruck \u00bbpassen\u00ab kommt ihm einmal f\u00fcr \u00bbverzichten\u00ab gelegen. Der durch und durch schauende Gestalter, vor dem der Keim des Wortes offen zutage liegt, so da\u00df es vor ihm noch einmal alle Stadien durchl\u00e4uft bis zur Gegenwart, einer Gegenwart in sinnlicher Jugend und Frische, zeigt sich in Bildungen wie \u00bbumgelost\u00ab, \u00bbH\u00e4ndeln\u00ab f\u00fcr H\u00e4ndel haben und ausfechten, \u00bbbed\u00fcnkeln\u00ab zu D\u00fcnkel, \u00bbmusterhaft\u00ab in der Bedeutung von \u00bbbeispielhaft\u00ab. Er <a id=\"page45\" title=\"jens57\/quantenspringer\" name=\"page45\"><\/a>streift die abstrahierende Selbstverge\u00dflichkeit der Sprache ab, wenn er statt Geruch und Geschmack \u00bbRuch\u00ab und \u00bbSchmack\u00ab setzt. Umgekehrt l\u00e4\u00dft er das Lautbild sich nicht nur von innen beschauen, sondern auch nach au\u00dfen treiben und quellen: die Geliebte wird angeredet \u00bbAllsch\u00f6ngewachsene, Allschmeichelhafte, Allspielende, Allmannigfaltige\u00ab. Doch die ungewaltsame Naturgewalt der Rede offenbart sich erst dann, wenn man sie nicht einsiedlerisch \u2013 und dann vielleicht zuweilen wunderlich, selbstbewahrend, artistenstolz \u2013 der Pflege des Einzelnen zugekehrt denkt, sondern wenn man sie als Rede nimmt. Dann \u00f6ffnet sie alle Dimensionen des Geistes im farbigen Abglanz der Sinne. Fern davon, blo\u00df Gedanken, Gef\u00fchle, Bewegungen mitzuteilen, gibt sie dem Auge, dem Ohre, im raschen pr\u00e4gnanten Zugriff dem Getast und auch den schwerer vom Bewu\u00dftsein zu kontrollierenden, willk\u00fcrlicher reagierenden Sinnen ihr Fest. Darf man die Ausdrucksweise vieler anderer Dichter, nach einer Grundformel suchend, als die Weise von Geistes- oder Augen- oder Ohrenmenschen bezeichnen, so ist das bei Goethe und sonderlich bei dem Goethe des west\u00f6stlichen Divans nicht m\u00f6glich. Seine Rede spiegelt die Form seiner Pers\u00f6nlichkeit und zugleich die Form einer dreitausendj\u00e4hrigen Welt. W\u00e4hrend er spricht, sprechen alte Kulturen mit ihm, wie sie ihn gebildet, sich in ihm gemischt und gekl\u00e4rt haben. Nat\u00fcrlich ist hier das Gegenteil eines Vermittelns von Kultur <i>inhalten<\/i> gemeint: sonst w\u00fcrde ja nach ihrem Ma\u00dfe das durchaus Selbst\u00e4ndige und Einmalige der Pers\u00f6nlichkeit verdr\u00e4ngt und aufgehoben sein. Auch sprachlich genommen, ist ein Griechenland, ein Morgenland, ein Welschland und Deutschland, das es nicht gab und gibt, durch Goethe dennoch da. Zu Sulpiz Boisser\u00e9e \u00e4u\u00dferte er am 3. August 1815: \u00bbAlles ist Metamorphose im Leben, bei den Pflanzen und bei den Tieren, <a id=\"page46\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page46\"><\/a>bis zum Menschen, und bei diesem auch.\u00ab Ein anderes Mal bekennt er, aus den Formeln, die seit Jahrtausenden das Tiefste in den Menschengeschlechtern sind und Zauberkraft \u00fcber Kulturen und Einzelne ausge\u00fcbt haben, k\u00f6nne man eine Art Alphabet des Weltgeistes zusammensetzen. Mit diesem Alphabet schreibt er. Seine Buchstaben sind das, was die Metamorphose bewirkt. Aber damit nun das Gedicht nicht \u00bbf\u00fcr lauter rationellem und spirituellem Gas\u00ab wie ein Luftballon in die L\u00fcfte gehe, ist es seiner Sprache erlaubt und erw\u00fcnscht, zuf\u00e4llige Realit\u00e4ten der \u00f6stlichen oder westlichen \u00dcberlieferung oder des eigenen privaten Erlebnisses zu benutzen, und sie mu\u00df deshalb trotzdem nicht aufh\u00f6ren, Idiom des Weltgeistes zu bleiben, \u2013 auch im Technischen der Verse, im Syntaktischen der S\u00e4tze. Ganz individuelle Schroffheiten des alternden Goethe pr\u00e4gen seine Statur und sind zugleich vielleicht auch eine typische Denkbewegung toter fremder V\u00f6lker. Es ist nicht blo\u00df eine l\u00e4ssige Manier, wenn er des \u00f6fteren das Ich und das Du ausl\u00e4\u00dft \u2013 \u00bbbin erb\u00f6tig\u00ab, \u00bbwenn bewunderst\u00ab. Ebensowenig ist es Absicht oder gar Tiefsinn. \u00bbDie Seel&#8216; zur Seele fliehend\u00ab, \u2013 das ist ein fertiger Satz; \u00bbdem ihr sonst Schlafendem vor\u00fcberzogt\u00ab, \u2013 \u00bbjetzo gl\u00e4nz&#8216; ich meiner Stelle\u00ab \u2013 es findet sich ein, es wurde nur als Geist gerufen, aber auch nicht, als es im Wort erschien, erschrocken abgewiesen. Dergleichen Schroffes r\u00fcttelt uns, macht uns aufmerksam und l\u00e4\u00dft uns fragen: von wannen kam es? Doch auch das Liebliche und Stille zwingt gewi\u00df oft genug geheimnisvoll und unnachweisbar viele typische Formen menschlichen Anschauens zum Klang, w\u00e4hrend es nur h\u00f6chst pers\u00f6nliches Gl\u00fcck, h\u00f6chst pers\u00f6nliche Not scheint. Manches ist leicht zu fassen in seinem doppelten, dreifachen oder vielfachen Hall. \u00bbWenn der H\u00f6rer ein Schiefohr ist\u00ab \u2013 das ist orientalische Pr\u00e4gung, zeitgen\u00f6ssische Polemik, Goethes <a id=\"page47\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page47\"><\/a>freundliche W\u00e4rme vor jeder Erscheinung! etwas Salziges, Bitteres und S\u00fc\u00dfes ist in der Zeile gleichsam zur Einheit geworden. Reiche Reimkl\u00e4nge wie \u00bb\u00fcberall an \u2013 Schall an, Lauf st\u00f6rt \u2013 aufh\u00f6rt, Erzklang \u2013 Herz bang\u00ab oder \u00bbKaum da\u00df ich dich wieder habe. Dich mit Ku\u00df und Liedern habe\u00ab sind mindestens eine Vierheit: morgenl\u00e4ndischer Geist, morgenl\u00e4ndischer Klang, deutscher Geist, deutscher Klang. Bei den dichterischen Nachfolgern Goethes wurde das dann als Nachahmung gew\u00f6hnlich einfach: Kenntnis und Verwertung der Kenntnis; R\u00fcckert, Platen, im Witzigen Heine. In Goethe tun sich die Kulturen auf, ohne da\u00df man ihn Hand anlegen sieht, sie bleiben Gesicht, Geh\u00f6r, Eigenenergie. Bei den anderen ist das Handanlegen das erste, ein kritisches Auge f\u00e4llt auf sie, ein fremdes Ohr verh\u00f6rt sie. Sie k\u00f6nnen dabei richtiger und spezieller gepackt werden, denn sie sind geistige Provinzen nur in einem Menschen, nicht mehr in einem Kosmos. Uns \u00fcberl\u00e4uft oft ein Schauer, wenn wir Verse Goethes nach ihren verschiedenen Heimatl\u00e4ndern antwortlos befragen. \u00bbEin Ast, der schaukelnd wallet\u00ab \u2013 \u00abDie Perlen (der Tr\u00e4nen) wollen sich gestalten. Denn jede nahm sein Bildnis auf\u00ab \u2013 \u00bbFingerab in Wasserkl\u00fcfte\u00ab \u2013 \u00bbWenn nun Bassora noch das Letzte, Gew\u00fcrz und Weihrauch beigetan\u00ab \u2013. Es soll kein Versuch unternommen werden, hellenische Klarheit, patriarchalische St\u00e4rke und mystische Ruhe der Juden, Araber, Perser, romantischen Drang der Westv\u00f6lker in dergleichen Akkorden aufzusp\u00fcren, denn die dem allen wahlverwandte Natur Goethes wirkt ja gerade aus ihrer eigenen Mitte heraus. Nur darauf sei wieder und wieder hingewiesen, da\u00df seine Phantasie viel breiter und tiefer in die Wirklichkeit reicht und sich aus Wirklichkeiten regt, als aus seinen Worten zu entnehmen n\u00f6tig und ratsam ist. Wer, selber wirklichkeitsarm und der Lebenstyrannei <a id=\"page48\" title=\"Wassermann\/quantenspringer\" name=\"page48\"><\/a>eines nur geistreichen Willens unterstellt, dies vergi\u00dft, stutzt vor Dunkelheiten und Kompliziertheiten im Werke Goethes, die in Wahrheit meist nicht dichter und verf\u00e4nglicher an den verrufenen Stellen sind als an den lichten und gangbaren. \u00bbDort, im Reinen und im Rechten, Will ich menschlichen Geschlechten In des Ursprungs Tiefe dringen, Wo sie noch von Gott empfingen Himmelslehr&#8216; in Erdesprachen Und sich nicht den Kopf zerbrachen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-89511 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover-203x300.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover-203x300.jpg 203w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover-691x1024.jpg 691w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover-560x829.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover-260x385.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover-160x237.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/03\/Loerke_Cover.jpg 736w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/a>Oskar Loerke geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Seine Gedichte werden in Anthologien unter den Stichworten Expressionismus, Naturdichtung oder Innere Emigration abgedruckt. Doch wird diese Reduktion der thematischen Vielfalt und dem Formenreichtum seiner Dichtung nicht gerecht, die weite geschichtliche, mythologische und geographische R\u00e4ume umgreift. Ihr grunds\u00e4tzliches Einverst\u00e4ndnis mit der Welt erf\u00e4hrt in der NS-Zeit einen tiefen Riss, der auch durch offen eingestandene Wut und Verzweiflung am Weltzustand nicht mehr zu heilen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Paul Celan war Loerkes &#8218;<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/03\/13\/pansmusik\/\">Pansmusik<\/a>&#8218; das sch\u00f6nste Gedicht in deutscher Sprache<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als das Schicksal es wollte, mu\u00dfte Mahomet, der Prophet, fliehen, und von dem Jahre seiner Hegire aus Mekka nach Medina begannen die V\u00f6lker, die ihm anhingen, ihre Zeit zu z\u00e4hlen. Der Erinnerung an diese Flucht entnimmt Goethe, als er&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/08\/28\/der-goethe-des-westoestlichen-divans\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":231,"featured_media":98301,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[425,3092],"class_list":["post-89573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-johann-wolfgang-goethe","tag-oskar-loerke"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/231"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=89573"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89573\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100702,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/89573\/revisions\/100702"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98301"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=89573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=89573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=89573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}