{"id":89013,"date":"2005-07-15T00:01:27","date_gmt":"2005-07-14T22:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89013"},"modified":"2022-02-18T11:46:26","modified_gmt":"2022-02-18T10:46:26","slug":"schoene-sprache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/07\/15\/schoene-sprache\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6ne Sprache"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch liebe diese Sprache\u00ab, schreibt mir jemand, \u00bbschon um ihrer formalen Sch\u00f6nheit willen: Dasselbe Wohlgefallen, das mich immer wieder zu diesen B\u00e4nden treibt, f\u00fchrt mich auch immer wieder an die lateinische Prosa der deutschen Humanisten heran. Wenn ich wenig Gen\u00fcsse kenne, die sich mit der Kostbarkeit von Huttens lateinischen Dialogen vergleichen lie\u00dfen, so denke ich dabei weniger an den Inhalt als an die Form. Nur unter den Deutschen ist das Schlagwort m\u00f6glich, da\u00df der Gehalt \u00fcber die Form gehe. Die Sprache, an sich und zwecklos, soll und kann Gegenstand und Ausdruck einer Kunst sein. Es handelt sich hier um ein Formgef\u00fchl, das den Griechen und Romanen etwas naiv Selbstverst\u00e4ndliches ist.\u00ab \u2013 Gewi\u00df, das ist ganz richtig, man darf das sagen, es deutet in die Richtung hin, wo die Wahrheit liegt, aber man m\u00fc\u00dfte noch ein wenig in die Tiefe gehen, um auf die wirkliche Wahrheit zu kommen. Denn \u00bbsch\u00f6n\u00ab, das ist eines von den Worten, mit denen die Leute am gel\u00e4ufigsten operieren, und bei denen sie sich am wenigsten denken, und \u00bbsch\u00f6ne Sprache\u00ab oder \u00bbsch\u00f6n geschrieben\u00ab ist ein richtiges Verlegenheitswort, das dem in den Mund kommt, dem ein Buch nichts gegeben und ein St\u00fcck Prosa nichts gesagt hat. Und doch gibt es keinen sch\u00f6nen und auch keinen bedeutenden Gehalt ohne eine wahrhaft sch\u00f6ne Darstellung, denn der Gehalt kommt erst durch die Darstellung zur Welt, und es kann ein sch\u00f6nes Buch ohne sch\u00f6ne Sprache ebensowenig geben als ein sch\u00f6nes Bild ohne sch\u00f6ne Malerei; und gerade das ist das Kriterium des sch\u00f6ngeschriebenen Buches, da\u00df es uns viel sagt, des h\u00e4\u00dflich geschriebenen aber, da\u00df es uns wenig oder nichts sagt, wenngleich es uns immerhin irgend etwas \u00fcbermitteln, oder zu Verstand bringen, oder Tatbest\u00e4nde vor die Augen f\u00fchren kann. Der Theolog oder der Anthroposoph, tr\u00e4gt er uns das vor, was ihm als h\u00f6chste Einsicht oder \u00fcberirdische Ahnung vorschwebt \u2013 und welch h\u00f6herer Gegenstand w\u00e4re denkbar als die Zusammenh\u00e4nge unserer Natur mit dem G\u00f6ttlichen \u2013, aber tr\u00e4gt er es in einem Kaufmannston, in einer abgen\u00fctzten Zeitungssprache, oder in einer flauen, stammelnden Bildersprache vor, so ist es nicht da; aber Boccaccio hat seine Erz\u00e4hlungen so hingeschrieben, da\u00df alles daran f\u00fcr ewig da ist, und ihr Gegenstand sind die Begegnungen von Verliebten, \u00dcberlistungen von Ehem\u00e4nnern und andere schlechte Streiche; aber in ihrer Unzerst\u00f6rbarkeit und geistigen, man kann nicht anders sagen als geistigen Anmut stehen diese frivolen Geschichten neben den Dialogen des Platon, deren Gehalt der erhabenste ist. So k\u00e4me man fast in die N\u00e4he des Gedankens, es gebe keinen an sich hohen und keinen an sich niedrigen Gegenstand, sondern nur Reflexe des unfa\u00dflichen geistig-sinnlichen Weltelementes in den Personen, und diese Reflexe seien von unendlich verschiedenem Rang und Wert, je nach der Beschaffenheit des spiegelnden Geistes. Von den Gegenst\u00e4nden gleitet unser Blick pl\u00f6tzlich zur\u00fcck auf den Mund, der zu uns redet. Aber auch das Montaignesche \u00bbTel par la bouche que sur le papier\u00ab ist eine subtile Wahrheit, die verstanden sein will; denn zwar ganz sicherlich ist das, was den tiefsten Zauber des sch\u00f6n geschriebenen Buches ausmacht, eine Art von versteckter M\u00fcndlichkeit, eine Art von Enth\u00fcllung der ganzen Person durch die Sprache; aber diese M\u00fcndlichkeit setzt einen Zuh\u00f6rer voraus; somit ist alles Geschriebene ein Zwiegespr\u00e4ch und keine einfache \u00c4u\u00dferung. Von dieser Einsicht aus f\u00e4llt wie durch ein seitlich aufgehendes Fenster eine Menge Licht auf gewisse Vorz\u00fcglichkeiten, an denen wir das gut geschriebene Buch, die gut geschriebene Seite Prosa \u2013 denn die Prosa und durchaus nicht die Poesie ist es, welche wir hier betrachten \u2013 erkennen und die wir an ihr hervorzuheben gewohnt sind. Eine behagliche Vorstellung oder eine bedeutende k\u00f6rnige K\u00fcrze, eine reizende oder eine k\u00fchne Art zu verkn\u00fcpfen und \u00fcberzugehen, wohltuende Ma\u00dfe, eine angenehme \u00dcbereinstimmung zwischen dem Gewicht des Dargestellten und dem Gewicht der Darstellung; die Distanz, welche der Autor zu seinem Thema, die, welche er zur Welt, und die besondere, welche er zu seinem Leser zu nehmen wei\u00df, die Best\u00e4ndigkeit des Kontaktes mit diesem Zuh\u00f6rer, in der man ihn verharren f\u00fchlt, das sind lauter Ausdr\u00fccke, die auf ein zartes geselliges Verh\u00e4ltnis zu zweien hindeuten, und sie umschreiben einigerma\u00dfen jenes geistig-gesellige leuchtende Element, das der prosaischen \u00c4u\u00dferung ihren Astralleib gibt, und es ist keins unter ihnen, das sich nicht auf den Stil des \u00bbRobinson Crusoe\u00ab ebensogut anwenden lie\u00dfe als auf den Voltaires, auf Lessings Streitschriften ebenso wie auf S\u00f6ren Kierkegaards Traktate. Auf Kontakt mit einem idealen Zuh\u00f6rer l\u00e4uft es bei ihnen allen hinaus. Dieser Zuh\u00f6rer ist so zu sprechen der Vertreter der Menschheit, und ihn mitzuschaffen und das Gef\u00fchl seiner Gegenwart lebendig zu erhalten, ist vielleicht das Feinste und St\u00e4rkste, was die sch\u00f6pferische Kraft des Prosaikers zu leisten hat. Denn dieser Zuh\u00f6rer mu\u00df so zartf\u00fchlend, so schnell in der Auffassung, so unbestechlich im Urteil, so f\u00e4hig zur Aufmerksamkeit, so Kopf und Herz in eins gedacht werden, da\u00df er fast \u00fcber dem zu stehen scheint, der zu ihm redet, oder es w\u00e4re nicht der M\u00fche wert, f\u00fcr ihn zu schreiben; und doch mu\u00df ihm von dem, der ihn geschaffen hat, eine gewisse Unvollkommenheit zugemutet werden, mindestens eine gewisse Unvollkommenheit der Entwicklung, da\u00df er es notwendig habe, auf vieles erst hingef\u00fchrt zu werden; eine starke Naivit\u00e4t, da\u00df er mit dem, was das Buch bringt, wirklich zu erg\u00f6tzen sei und dadurch etwas wesentlich Neues erfahren werde. Vielleicht k\u00f6nnte man eine ganze Rangordnung aller B\u00fccher, und ganz besonders der belehrenden, danach aufrichten, wie zart und wie bedeutend das Verh\u00e4ltnis zu dem Zuh\u00f6rer in ihnen erf\u00fcllt sei; und nichts zieht ein Buch und einen Autor schneller herunter, als wenn man ihm ansieht, er habe von diesem seinem unsichtbaren Klienten eine verworrene, unachtsame und respektlose Vorstellung im Kopf gehabt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es sind also immer ihrer zwei: einer, der redet oder schreibt, und einer, der zuh\u00f6rt oder liest, und auf den Kontakt zwischen diesen zweien l\u00e4ufts hinaus; aber dieser Kontakt gibt, je bedeutender er ist, in je h\u00f6herer Sph\u00e4re er wirksam wird, um so mehr das \u00dcbergewicht dem Gebenden, w\u00e4hrend der Empfangende in diesen h\u00f6heren Sph\u00e4ren immer leichter und d\u00fcnner wird, ohne da\u00df er freilich je aufh\u00f6ren w\u00fcrde, da zu sein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn Goethe sagt, ihm sei, so oft er eine Seite Kant aufschlage, als trete er in ein helles Zimmer, so ist uns ein lichtvoller,\u00a0mit der h\u00f6chsten Quelle allen Lichtes kommunizierender Geist vorgestellt. Aber ebenso wie diese Eigenschaft, ein Licht zu sein, sp\u00fcren wir bei anderen gro\u00dfen Autoren andere oberste Qualit\u00e4ten des Geistes: die St\u00e4rke, welche von der inneren Ordnung nicht zu trennen ist; die wahre Selbstachtung, welche zusammengeht mit der Ehrfurcht; die seltene Glut der geistigen Leidenschaft. In der Darstellung eines solchen Geistes meinen wir wahrhaft die Welt zu empfangen, und wir empfangen sie auch, und nicht nur in den Gegenst\u00e4nden, die er erw\u00e4hnt, sondern alles das, was er unerw\u00e4hnt l\u00e4\u00dft, ist irgendwie einbezogen. Gerade die Kraft und die \u00dcberlegenheit, von dem ungeheuren Wust der Dinge unz\u00e4hlig viele fortzulassen \u2013 nicht ihrer zu vergessen, was die Sache eines schwachen und zerstreuten Geistes w\u00e4re, sondern sich mit bewu\u00dfter Gelassenheit \u00fcber sie hinwegzusetzen; die unerwarteten Ankn\u00fcpfungen und Verbindungen hinwiederum, in denen pl\u00f6tzlich eine nach allen Seiten gewandte Aufmerksamkeit und Spannkraft sich offenbart; die scheinbare Zerstreutheit sogar endlich und die Willk\u00fcrlichkeiten, welche zuweilen reizend sein k\u00f6nnen, all dies geh\u00f6rt zu dem geistigen Gesicht des Schriftstellers, \u2013 dem Gesicht, das wir zugleich mit der Spiegelung der Welt empfangen, w\u00e4hrend wir seine Prosa lesen. Wie ein Seilt\u00e4nzer geht er vor unseren Augen auf einem d\u00fcnnen Seil, das von Kirchturm zu Kirchturm gespannt ist; die Schrecknisse des Abgrundes, in den er jeden Augenblick st\u00fcrzen k\u00f6nnte, scheinen f\u00fcr ihn nicht da, und die plumpe Schwerkraft, die uns alle niederzieht, scheint an seinem K\u00f6rper machtlos. Mit Entz\u00fccken folgen wir seinem Schritt, mit um so h\u00f6herem, je mehr es scheint, als ginge er auf blo\u00dfer Erde. So wie dieser wandelt, genauso l\u00e4uft die Feder des guten Schriftstellers. Ihr Gang, der uns entz\u00fcckt und der so einzigartig ist wie eine menschliche Physiognomie, ist die Balance eines Schreitenden, der seinen Weg verfolgt, unbeirrbar durch die Schrecknisse und Anziehungskr\u00e4fte einer Welt, und eine sch\u00f6ne Sprache ist die Offenbarung eines unter den erstaunlichsten Umst\u00e4nden, unter einer Vielheit von Drohungen, Verf\u00fchrungen und Anfechtungen aller Art bewahrten inneren Gleichgewichtes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbIch liebe diese Sprache\u00ab, schreibt mir jemand, \u00bbschon um ihrer formalen Sch\u00f6nheit willen: Dasselbe Wohlgefallen, das mich immer wieder zu diesen B\u00e4nden treibt, f\u00fchrt mich auch immer wieder an die lateinische Prosa der deutschen Humanisten heran. 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