{"id":89004,"date":"2010-05-02T00:01:10","date_gmt":"2010-05-01T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=89004"},"modified":"2022-02-18T11:39:30","modified_gmt":"2022-02-18T10:39:30","slug":"die-ironie-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/05\/02\/die-ironie-der-dinge\/","title":{"rendered":"Die Ironie der Dinge"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war lange vor dem Krieg, da\u00df ich in den \u00bbFragmenten\u00ab des Novalis diese Bemerkung fand:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Nach einem ungl\u00fccklichen Krieg m\u00fcssen Kom\u00f6dien geschrieben werden.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Aufzeichnung in ihrer sonderbar lakonischen Form war mir ziemlich wunderlich. Heute verstehe ich sie besser. Das Element der Kom\u00f6die ist die Ironie, und in der Tat ist nichts geeigneter als ein Krieg, der ungl\u00fccklich ausgeht, uns die Ironie deutlich zu machen, die \u00fcber allen Dingen dieser Erde waltet. Die Trag\u00f6die gibt ihrem Helden, dem Individuum, die k\u00fcnstliche W\u00fcrde: sie macht ihn zum Halbgott und hebt ihn \u00fcber die b\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnisse hinaus. Wenn sie sich von dieser unbewu\u00dften aber notwendigen Tradition nur einen halben Schritt entfernt, so ger\u00e4t sie in den Bereich der Kom\u00f6die: wie nahe kommt dieser schon ein St\u00fcck wie \u00bbHamlet\u00ab \u2013 aber Hamlet selbst ist noch ein K\u00f6nig und ein Held, wenn auch ein solcher, an dessen Substanz die Ironie der Verh\u00e4ltnisse und die Selbstironie schon zehren, wie die Strahlen der Sonne an einem Schneemann; und ein b\u00fcrgerliches Trauerspiel ist vollends ein Unding, denn die b\u00fcrgerliche Welt ist die Welt des sozial Bedingten und die Trag\u00f6die entfaltet sich am sozial Unbedingten. Aber die wirkliche Kom\u00f6die setzt ihre Individuen in ein tausendfach verh\u00e4keltes Verh\u00e4ltnis zur Welt, sie setzt alles in ein Verh\u00e4ltnis zu allem und damit alles in ein Verh\u00e4ltnis der Ironie. Ganz so verf\u00e4hrt der Krieg, der \u00fcber uns alle gekommen ist, und dem wir bis heute nicht entkommen sind, ja vielleicht noch zwanzig Jahre nicht entkommen werden. Er setzt alles in ein Verh\u00e4ltnis zu allem, das scheinbar Gro\u00dfe zum scheinbar Kleinen, das scheinbar Bedingende zu einem Neuen \u00fcber ihm, von dem es wiederbedingt wird, das Heroische zum Mechanischen, das Pathetische zum Finanziellen, und so fort ohne Ende. Zuerst, als der Krieg anfing, wurde der Held vom Schanzarbeiter ironisiert, der, welcher aufrecht stehen bleiben und angreifen wollte, von dem, der eine Schaufel hatte und sich eingrub; zugleich wurde das Individuum bis zur Vernichtung seines Selbstgef\u00fchls ironisiert von der Masse, ja nicht nur das Individuum, auch die organisierte Masse, das Bataillon, das Regiment, das Korps, von der immer gr\u00f6\u00dferen und formloseren Masse; dann aber doch auch wieder die ganze k\u00e4mpfende Masse, dieser furchteinfl\u00f6\u00dfende und kl\u00e4gliche Riese, von einem Etwas, von dem sie sich regiert f\u00fchlte, weitergesto\u00dfen f\u00fchlte, und f\u00fcr das es schwer ist, einen Namen zu finden: nennen wir es den Geist der Nationen. Aber es kam der Moment, wo diese selber, die zur Einheit symbolisierten ungeheuren Massen, ironisiert wurden von der momentanen Allmacht einzelner Individuen, welche irgendwie die Hand an den Z\u00fcgen und Schrauben hatten, mit denen dieses ungef\u00fcge Ganze f\u00fcr den Augenblick regiert werden konnte. Im gleichen Augenblick aber standen auch schon diese selber unter sich kreuzenden Str\u00f6men der st\u00e4rksten, zersetzendsten Ironie: Ironie des Kontrastes der gro\u00dfen ideellen Zusammenfassungen, die sie im Mund f\u00fchrten, gegen\u00fcber dem Wust von eigensinnigen Realit\u00e4ten, mit denen sie zu ringen hatten; Ironie des Werkzeuges gegen die Hand, die das Werkzeug zu f\u00fchren glaubt, Ironie des tausendfachen in der Wirklichkeit begr\u00fcndeten Details gegen die vorschnelle und bewu\u00dft unwahre Synthese. Zugleich aber kam der Moment, wo innerhalb dieser riesigen Gesamtheiten der Begriff der Nation ironisiert wurde durch den Begriff der sozialen Klasse. Es kam der Moment der Kohle und des Kohlenarbeiters: dieses ganze Gef\u00fcge aus scheinbar Geistigem, hinter dem sich die Materie versteckt, und scheinbar Materiellem, in das der Geist eingekerkert ist, und das wir europ\u00e4ische Zivilisation nennen, wurde ironisiert von einer einzigen Materie, dem in mineralischer Form aufgespeicherten Sonnenlicht, und alle sozialen Klassen und sogar die Arbeiterklasse wieder ironisiert von einer bestimmten Abteilung dieser Klasse: den Kohlenarbeitern, die zu dieser Materie, von der alles abh\u00e4ngt, in einem Verh\u00e4ltnis stehen, dem wiederum eine ungeheure Ironie innewohnt: denn sie werden von eben jener Materie, \u00fcber die sie die unmittelbare Verf\u00fcgung haben, in einem Verh\u00e4ltnis gehalten, das einer Sklaverei nicht un\u00e4hnlich ist. Im Kampf aber um die Seele des Kohlenarbeiters, der auf einmal der Herr der Lage geworden war, ironisierten sich bis zum \u00e4u\u00dfersten die sozialen und die nationalen Schlagworte, ja da er mehr als ein anderer Arbeiter an eine Landschaft gebunden ist, so ironisierten sich in dem Kampf um ihn sogar auch jene gr\u00f6\u00dften \u00dcberm\u00e4chte, deren wechselseitige Ironie durch all dies Geschehen hin zeitweise aufblitzt: die Geographie und die Geschichte. Es wurde endlich zu einer unersch\u00f6pflichen Quelle der Ironie der Umstand, da\u00df in den besiegten L\u00e4ndern, das ist nahezu in halb Europa, das Geld seinen Wert verloren hat gegen\u00fcber der Ware, auch der bescheidensten Ware, dem St\u00fcck Brot oder dem Meter Leinwand; da\u00df man f\u00fcr die d\u00e4monische Substanz, f\u00fcr die man blindlings alles herzugeben gewohnt war, weil man mit ihr alles kaufen konnte, jetzt eigentlich nichts mehr kaufen kann; da\u00df man f\u00fcr weite L\u00e4nderstrecken zum Tauschhandel zur\u00fcckgekehrt ist, und da\u00df im Zusammenhange dieser Ver\u00e4nderungen das Privilegium der geistigen Arbeit ganz geschwunden ist und ein Gymnasialdirektor ungef\u00e4hr so bezahlt wird wie ein Markthelfer, ein Staatssekret\u00e4r etwas niedriger als ein Chauffeur.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mit alldem befinden wir uns ganz und gar im Element der Kom\u00f6die \u2013 oder vielmehr in einem Element so allseitiger Ironie, wie keine Kom\u00f6die der Welt es aufweist, es sei denn die Kom\u00f6die des Aristophanes; und auch diese ist w\u00e4hrend eines f\u00fcr die Vaterstadt des Dichters h\u00f6chst ungl\u00fccklichen, ihr Schicksal besiegelnden Krieges entstanden. Da\u00df es aber die Unterliegenden sind, denen diese ironische Macht des Geschehens aufgeht, ist ja ganz klar. Wer an das bittere Ende einer Sache gelangt ist, dem f\u00e4llt die Binde von den Augen, er gewinnt einen klaren Geist und kommt hinter die Dinge, beinahe wie ein Gestorbener.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr alle diese Dinge waren die Dichter empfindlich, die vor hundert Jahren da waren, und ganz nat\u00fcrlich, sie hatten die franz\u00f6sische Umw\u00e4lzung und die napoleonische Zeit durchleben m\u00fcssen, so wie wir diese jetzigen Krisen durchzuleben haben. Darum machten sie aus der Ironie ein Grundelement ihrer Lebens- und Kunstgesinnung und nannten sie die \u00bbromantische<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"140\"><\/a>\u00a0Ironie\u00ab. Sie hielten es f\u00fcr unrecht, wenn man sich zu tief in den Schmerz versenkte, und sie meinten, da\u00df man um einen Gegenstand ganz zu lieben auch das L\u00e4cherliche an diesem Gegenstand zu sehen wissen m\u00fcsse. Sie verlangten, man solle das ganze Leben wie eine \u00bbsch\u00f6ne genialische T\u00e4uschung\u00ab, wie ein \u00bbherrliches Schauspiel\u00ab betrachten, und wer anders verfahre, dem fehle der Sinn f\u00fcr das Weltall. Sie erhoben sich, aus einer Epoche, darin, als der gro\u00dfe Sturm vor\u00fcber war, sich wie in der unseren das Bittere mit dem Schalen mischte, zu einer so gro\u00dfen inneren Freiheit, da\u00df sie uns fast wie Trunkenheit erscheinen k\u00f6nnte. Heute ist uns diese Verfassung begreiflicher, als sie irgendeiner der dazwischenliegenden Generationen sein konnte, und mit nachdenklichem Staunen lesen wir die Worte, die sie mit einem feurigen Federzug an das finstere sternlose Himmelsgew\u00f6lbe geschrieben haben: Denn der Herr ist der Geist. Wo aber der Geist der Herr ist, da ist die Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war lange vor dem Krieg, da\u00df ich in den \u00bbFragmenten\u00ab des Novalis diese Bemerkung fand: Nach einem ungl\u00fccklichen Krieg m\u00fcssen Kom\u00f6dien geschrieben werden. 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