{"id":88999,"date":"2020-07-15T00:01:39","date_gmt":"2020-07-14T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88999"},"modified":"2022-02-18T11:31:56","modified_gmt":"2022-02-18T10:31:56","slug":"zuercher-rede-auf-beethoven","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/15\/zuercher-rede-auf-beethoven\/","title":{"rendered":"Z\u00fcrcher Rede auf Beethoven"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gerade Weg zu Beethoven f\u00fchrt durch seine Werke: die dritte Leonorenouvert\u00fcre, der zweite Satz der dritten Sinfonie, das Adagio der \u00bbAppassionata\u00ab, Opus 57, Opus III, Opus 130 \u2013 das einsame Zimmer, der Fl\u00fcgel und die Geige, die vier Instrumente des Quatuor \u2013 ein Mensch, zwei Menschen f\u00fcr sich spielend, oder die Versammlung, das Orchester, mit mehr als Menschenstimme aus <i>seiner<\/i> Brust Lust und Weh singend \u2013 und alle einsam und doch alle in eins verwoben, ein jeder sich aufl\u00f6send in diesen, sich entschwingend seiner Gebundenheit, in sich sein H\u00f6chstes f\u00fchlend und in diesem H\u00f6chsten den gebietenden Hinweis auf noch H\u00f6heres: da schwebt und webt ein nicht Auszusagendes, eine Gegenwart: Mensch und doch mehr als Mensch: ein Heros \u2013 Beethoven.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So wie er selber, w\u00fchlend in Phantasien, die Melodie heraufbeschwor, so beschw\u00f6ren seine Werke ihn herauf \u2013 und das ist nicht ein Miterinnern, wie bei Bach: da\u00df wir, im Dom dieser Musik stehend, den Baumeister des Domes mitdenken \u2013 nicht, wie bei Haydn, der mitschwebende Gedanke an einen guten beseligten Menschen \u2013 es ist ein unbedingt Wirksames, das da auf uns eindringt, eine heldenhafte Gegenwart, ein Etwas, eine heroische Materie, aus der auch nicht unbedingt ein Musiker h\u00e4tte werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Tragisches erleben wir, und sind Chorus, mitbeteiligt und mitgeheiligt; in uns ist dies: <i>er w\u00e4re nicht<\/i>, wenn wir ihn nicht erlitten \u2013 und wenn wir aus dieser Funktion entlassen werden, so sind wir stumm \u2013 bis zum Vergessen. Darum ist das, was wir da erlebt haben, schwer auszusagen, weil es sich um Einfachstes handelt; wir aber sind gewohnt, im Zusammengesetzten zu leben, das ist unsere Schw\u00e4che.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vielleicht aber gibt es noch einen anderen Weg, zu ihm zu kommen, und diesen, scheint es, haben Sie mir vorgezeichnet, als Sie mich hierher beriefen, den Dichter, um \u00fcber<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"69\"><\/a>\u00a0den Musiker zu reden, vielleicht in halbunbewu\u00dfter Erinnerung daran, da\u00df ein \u00f6sterreichischer Dichter an seinem Grab die Totenrede gehalten hat. Es ist der, ihn als ein geistiges Ph\u00e4nomen aus der Situation heraus zu verstehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vor ein paar Wochen in Wien h\u00f6rte ich das Wort eines franz\u00f6sischen Musikers, eines jungen Meisters, der nach Debussys Tode von vielen f\u00fcr den Repr\u00e4sentanten der franz\u00f6sischen Musik angesehen wird \u2013 und dies Wort ging, nach einer gro\u00dfen enthusiastischen unbedingten Huldigung f\u00fcr den Genius Mozarts, dann zu Beethoven oder \u00fcber Beethoven hinweg mit den Worten: \u00bbC&#8217;est Beethoven qui a introduit la litt\u00e9rature dans la musique.\u00ab \u2013 Wirklich? sollen wir \u2013 wenn dies mehr als eine boutade ist \u2013 eine Art von Dichter in ihm erblicken? Sollen wir die Grenzen \u00fcberschreiten von der sinnlichsten der K\u00fcnste, die aus dem Wehlaut und dem Jauchzen des Leibes entstanden ist, zur geistigsten? von der j\u00fcngsten zur \u00e4ltesten, die uns mit den Urzeiten des Menschengeschlechtes verbindet? und mu\u00df uns nicht bangen vor der Verwischung der Grenzlinien und vor dem gef\u00e4hrlichen Uneigentlichen des Ausdrucks?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber dennoch, denken wir an Mozart, so ist dies klanggewordenes Volkselement: aus der Tiefe des Volkes ist das Tiefste und Reinste t\u00f6nend geworden, und es sind T\u00f6ne der Freude; ein ruhiges Gef\u00fchl des Lebens; die Abgr\u00fcnde sind geahnt, aber ohne Grauen; das Dunkle noch durchstrahlt von ewigem Licht; es ist eine zweite Antike, sch\u00f6n und fa\u00dflich wie die erste, aber unschuldiger als die erste, gleichsam gereinigt: eine christliche Antike. Wie ein Paradies, ein unzerst\u00f6rbares, liegt diese Musik da \u2013 dann aber kommt der Genius der Nation dahergeschwebt mit vorgestrecktem Sch\u00f6pferfinger und weckt noch einen: da steht Beethoven da, da ist Adam da, und die Geb\u00e4rde des Menschen vor Gott; da ist der eine Mensch als Stellvertreter des Menschengeschlechtes; damit er alles ausspreche, was die stumme selige Natur nicht ausspricht; damit er sein Herz anstatt ihrer aller Herzen hinauftrage vor Gott wie ein verdecktes Opfergef\u00e4\u00df \u2013 und noch mehr: da\u00df er hinaufgehe vor Gott, wie Moses, und Gott von Angesicht zu Angesicht sehe.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Soll ich nicht, mu\u00df ich nicht ihn zu den Dichtern stellen \u2013 hat er nicht dem Begriff des Dichters viel von seiner Erhabenheit mitgegeben, von dem eigentlich Heroischen seiner Erscheinung? und ist es nicht die ungeheure geistige Situation \u2013 die ungeheure europ\u00e4ische und dar\u00fcber hinaus die ungeheure deutsche Situation dieser Jahrzehnte 1770\u20131800, die ihn herausgeschleudert hat, so wie sie uns herausgeschleudert hat: denn alles, was wir sind, ist nichts anderes als halberkaltete \u2013 vielleicht im innersten Kern aber doch noch gluterf\u00fcllte \u2013 Materie des gleichen, ein halbes Jahrhundert erf\u00fcllenden vulkanischen Ausbruchs, dessen innerster Feuerstrom ihn herauswarf, wie er Goethe, wie er Herder und Schiller und Jean-Jacques Rousseau herausgeworfen hatte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Jean-Jacques \u2013 an ihn haben ihn zuweilen die Zeitgenossen angekn\u00fcpft, so wie ihn die Jugend nachher mit Schiller verkn\u00fcpfte um des Pathos und der Erhabenheit und der Seelenf\u00fchrerschaft willen und wie ihn die Romantiker an Goethe kn\u00fcpften um des H\u00f6chsten und Letzten: um der Magie willen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In den ersten Jahren des Jahrhunderts kommt ein Franzose ihn besuchen, einer der ersten Fremden ist das, von dem wir Aufzeichnungen besitzen, der Name entf\u00e4llt mir \u2013 es ist ein n\u00fcchterner Franzose nach den Fiebern der Revolution und vor dem Fieber des Empire \u2013 und er schreibt in sein Notizbuch: \u00bbEs \u00fcberraschte mich, zu gewahren, da\u00df Beethoven einige der Irrt\u00fcmer Jean-Jacques Rousseaus teilt.\u00ab Aber es sind nicht \u00bbeinige Irrt\u00fcmer\u00ab, die er teilt, das ist ein d\u00fcrftiger zeitgebundener politischer Ausdruck, sondern was Beethoven mit dem gro\u00dfen Genfer Rhetor teilt, das ist ein Ewiges, etwas das au\u00dferhalb der historischen Bedingtheiten steht und immer wieder kommt, immer wieder, und so auch jetzt als eine furchtbare, umst\u00fcrzende Kraft in die historischen Bedingtheiten hineingreift: das ist die Vision des primitiven Menschen als Ideal, die aurea aetas, die Utopie \u2013 der Glaube an die Reinheit aller urspr\u00fcnglichen Natur; und dahinter liegt der Glaube an die Ganzheit des Menschen, und die Kraft und der Drang, Tiefstes zum H\u00f6chsten hin zu sehen, den Menschen zu Gott hin, nicht niederw\u00e4rts zum Chaos. Ich schlage nur diesen Ton<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"71\"><\/a>\u00a0an, und Sie denken augenblicklich und unwillk\u00fcrlich an Schiller, der so vieles gemein hat mit Jean-Jacques, an den gro\u00dfen k\u00fchnen Wortf\u00fchrer dreier aufeinanderfolgender europ\u00e4ischer Nationen, an ihn, der die Gr\u00f6\u00dfe selber, das Unsagbare, die Idee, oder wie er es nannte: das Ideal \u2013 ich spreche vom jungen Schiller \u2013 unmittelbar auszusprechen sich verma\u00df, der nicht K\u00fcnstler sein wollte, nicht Dramatiker, sondern ganz etwas anderes; dem die Schaub\u00fchne eine moralische Anstalt war, das hei\u00dft eine Trib\u00fcne, und das Pult des Historikers, die Zelle des Philosophen eine Trib\u00fcne, der der Anwalt sein wollte der Menschheit vor einem freilich \u00fcberpolitischen Forum; den Proze\u00df der Menschen f\u00fchren vor Gott, vindizieren ihr Anrecht auf die unmittelbare Verwirklichung der Ideale, das ist mit anderen Worten: der sich nichts Geringeres zu sein verma\u00df als einer der Propheten &#8230; und blitzt Ihnen hier nicht wieder die Verwandtschaft mit Beethoven auf, nicht im Greifbaren, W\u00e4gbaren, aber im tiefsten Drang: das Letzte zu sagen, die Idee selber auszusprechen, nicht den Wohllaut der Worte zu suchen, sondern ihre erhabene unmittelbar wirkende Gewalt \u2013 und ist es nicht bedeutungsvoll, da\u00df dann, wenn Beethoven \u00fcber die Grenzen der Musik hinaus will, er nach Schillers Rhythmen und Worten greift f\u00fcr dies Hinauskommen?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber wie ein Licht von einem st\u00e4rkern Lichte verzehrt wird und sich mit diesem verbindet, so k\u00f6nnen wir in solchem Zusammenhang nicht einen Augenblick an Schiller denken, ohne da\u00df sich der Gedanke an Goethe einstellt, wenn wir an das in Goethe denken, worauf es uns hier ankommt, auf ein Gemeinsames, das in allen diesen Genien wirkt, herausschl\u00e4gt &#8230; Und was ist es denn, was ich hinter all ihrer Verschiedenheit als Gemeinsames erkenne, da\u00df ich es mit Namen nenne oder deutlich darauf hinweise: es ist ein ungeheures Generationserlebnis, es ist das Erlebnis, zu dem wir im Verh\u00e4ltnis des Gegenerlebnisses stehen. Epoche war damals, ungeheure Epoche: das eingeschr\u00e4nkte Individuum hatte sich frei gemacht, ja mehr als frei; von titanischen Kr\u00e4ften f\u00fchlte es sich durchstr\u00f6mt, Herr f\u00fchlte es sich \u00fcber sich selber und \u00fcber sein Schicksal, Herr einer Welt f\u00fchlte es sich, ahnte es sich \u2013 ja<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"72\">[72]<\/a> Sch\u00f6pfer seiner Selbst, und ebenb\u00fcrtig seinem Sch\u00f6pfer \u2013 das war das Generationserlebnis: da\u00df das Individuum vor Gott hintreten wollte und Gott schauen von Angesicht zu Angesicht, und von dort, vom Anschauen Gottes, zur\u00fcckkommen und das Wort des Lebens zur\u00fcckbringen: das Wort, das selber Gott ist; die unmittelbare Magie.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das ist der Kern vom Kern von Goethes damaligem Dasein und Schaffen: der Kern des Faustmonologes \u2013 und dies auszusprechen, dies Letzte, dies H\u00f6chste, trug Goethe Macht und Willen im Busen und dazu hatte er sich, dazu hatte Herder ihm \u2013 wer verm\u00f6chte so Verwobenes jemals zu l\u00f6sen \u2013 die Sprache geschaffen, in der das ganze Leben eines Volkes t\u00f6nend geworden war: in der die Unschuld der Volkssprache, das zeitlose Leben der Dialekte miteingeschmolzen war, und der Ton der Altvordern, Rhythmus und Gehalt von Luthers deutscher Bibel, Rhythmus und Klang der Ballade und des Volksliedes, und tausendfache Herzenssprache einzelner, so vieler Ketzer und Halbketzer des achtzehnten und noch des siebzehnten Jahrhunderts, so vieler \u00bbStillen im Lande\u00ab, so vieler einsamer Seelen Herzenslaut und Angst- und Sehnsuchtslaut &#8230; so war das Leben der Nation in <i>Einem<\/i> Wesen geworden \u2013 und dies, dies war nicht entweiht, dies war noch Geheimnis, ungesagtes Wort, noch! \u2013 geistigste, unverwirklichte Gegenwart &#8230; \u2013 denn als Beethoven jung war, war ja der \u00bbFaust\u00ab nicht am Tage, auch nicht in seiner fragmentarischen Gestalt, sondern es war die Ahnung da: ein solches Werk, titanisch und k\u00fchn \u00fcber jedes Beispiel, hatte der gewaltige Mensch, der mit zweiundzwanzig den \u00bbWerther\u00ab schrieb, an seinem Busen; wie ein brauendes Gewitter, ein Kern ungeheurer geistiger Elektrizit\u00e4t lag dies in der europ\u00e4ischen Atmosph\u00e4re, in dieser wunderbaren, beispiellos aufgew\u00fchlten: denn da war ja auch noch Rousseau, nicht als ein Lebender, aber als ein voll ausschwingendes gewaltiges Geistiges, und da waren Schillers Jugenddramen, von den \u00bbR\u00e4ubern\u00ab bis \u00bbDon Carlos\u00ab, wahrhaftig aus dem Nichts geschaffen. Nichts als Elektrizit\u00e4t, Spannung, Anklage, Generosit\u00e4t, ungeheure, gro\u00dfherzige Anma\u00dfung \u2013 und diese Spannungsfelder treffen sich irgendwo &#8230; dieser Sturm Rousseau<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"73\"><\/a>\u00a0und dieser Sturm Schiller, sie stie\u00dfen irgendwo, und tausendfach, in der Brust von Menschen aufeinander und bildeten Wirbel, Zyklone \u2013 (welch ein Zyklon in der Brust Ihres Landsmannes Johann Caspar Schweizer, aus dem heraus er, dieser alle Fieber seiner Zeit mitfiebernde unverge\u00dfliche Mensch, nachts im Tuilerien-Garten, seine Zettel an die Freunde daheim aus dem Paris von 1793 hinkritzelte!) \u2013 und da zitterte ja noch ganz Deutschland nach von dem Fieber des \u00bbWerther\u00ab, und nun griff dieses Fieber nach Europa \u00fcber und griff nach einem solchen Herzen wie dem Napoleons, und da waren Goethes Hymnen und die titanischen Fragmente nicht kalter registrierter Literaturbesitz, sondern aufregende Entladung, Potenz, M\u00f6glichkeit, Gebet und Rebellion zugleich \u2013 und da war \u00bbEgmont\u00ab eben endlich fertig, dies scheinbar b\u00fcrgerliche St\u00fcck mit der furchtbaren Finsternis des f\u00fcnften Aktes, dieses St\u00fcck, das zweideutigen Ruhm genie\u00dft, schwach den Schwachen, stark den Starken \u2013 dem Beethoven dann seine Musik gab \u2013 weil es ihm, dem St\u00e4rksten, seine ganze St\u00e4rke geoffenbart hatte \u2013; und in dies von Blitzen schwangere Kr\u00e4ftefeld trat Beethoven hinein, der J\u00fcngling \u2013 und hier unterbrechen Sie mich: Tritt wer hinein? rufen Sie in Ihrem Innern mir entgegen: Ludwig van Beethoven, ein junger Musiker aus dem K\u00f6lnischen, ein anfangender Komponist, ein naiver, dumpfer, breitbeiniger, junger Mensch mit brennenden Augen im breiten Gesicht, mit breitem Nacken, beflissen nur seiner Kunst, begierig, sich in ihr zu vervollkommnen, zu ringen mit Virtuosen und unter ihnen der erste zu werden; begierig nach Wien zu \u00fcbersiedeln, unbek\u00fcmmert um Jean- Jacques und Goethe und Herder und Schiller, begierig, zum allermeisten \u2013 wie hei\u00dft das prophetische Wort im Brief des Grafen Waldstein: zum Lohn unabl\u00e4ssigen Flei\u00dfes aus der erkaltenden Hand des alten Haydn das Erbe Mozarts zu empfangen. Was soll es, da\u00df ich ihn mit diesem Sturm der Geister in Beziehung bringe: aber er war ja kein J\u00fcngling, er war kein werdender Kompositeur: er war ein Geist, der letzte und der gewaltigste, den der Genius der Nation noch hinaufrufen konnte und hineinsto\u00dfen in diese ungeheure Epoche. Dies alles war f\u00fcr ihn da, im h\u00f6chsten Sinne war es gerade f\u00fcr<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"74\"><\/a>\u00a0ihn da \u2013 nicht wie f\u00fcr einen B\u00fccherleser, nicht wie f\u00fcr einen aufgeregten, genie\u00dfenden Romantiker, sondern wie f\u00fcr einen Helden. Wie sollte sich der Held dem H\u00f6chsten entziehen, das in der Epoche da ist? F\u00fcr ihn ist es ja gerade da: als h\u00f6chste Aufforderung. Und seine Naivit\u00e4t: gerade dieser bleibt ja nichts vom Wirklichen verborgen. Nur den Ballast der Zeit, all das scheinbar Geistige, womit die Gegenwart den Lebenden Sand in die Augen streut, das st\u00f6bernde Kleinzeug, nur dies l\u00e4\u00dft sie unanger\u00fchrt liegen. Aus einem solchen Wesen, wie er war, unzerkl\u00fcfteten, unschuldigen Gem\u00fctes, aus einer solchen Brust, uns\u00e4glicher Leiden f\u00e4hig, aber auch zartester Hingabe und titanischen Aufschwunges, aus einer solchen bricht der h\u00f6chste Geist hervor, denn der h\u00f6chste Geist ist immer dort, wo die gr\u00f6\u00dfte innere Bedr\u00e4ngnis ist \u2013 und in nichts anderes als in die gr\u00f6\u00dfte entscheidende Situation der Epoche w\u00e4chst ein solcher Geist hinein; und dieses war sie: um Rede hatten sie alle gerungen, um magische Redegewalt: um ein Aussagen von Gott, wie der von ihm aussagt, der ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen hat \u2013 um die Rede Mosis, um das Hinrei\u00dfen der Mitmenschen zu Gott \u2013 um die Sprache, die alles sagt. Und er, er hat diese Sprache, in ihm wohnt sie \u2013 so kann ich ihn ja nicht losrei\u00dfen von den Dichtern der Nation, wenn ich in so feierlichem Augenblick auf das schaue, was \u00fcber den K\u00fcnsten da ist: auf das Walten des Geistes, der sich offenbart in den Zeiten.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber zun\u00e4chst in Wien ist er ja ein Musiker und nichts als ein Musiker, und ist ein Virtuose und ringt mit Virtuosen und erf\u00fcllt die Formen, die geschaffen sind von den Vorg\u00e4ngern, und es entstehen die lieblichen Werke der ersten Periode, in denen so viel von Mozarts Geist ist und noch mehr von Haydns Geist und doch schon Beethovens Impuls und Anruf an die Seele; aber noch ist dies alles Musik, nichts als Musik, und wer h\u00e4tte den Mut, diesen jungen Meister der Tonkunst neben jene Heroen zu stellen ohne ein Paradoxon, aber dann \u2013 lassen Sie mich dies aussprechen \u2013 dann verstummen diese M\u00fcnder, im letzten geheimsten Sinn verstummen sie und es ist niemand mehr da, der sich verm\u00e4\u00dfe, das Letzte, H\u00f6chste unmittelbar herauszurufen als dieser einzige Mund: Beethovens.\u00a0Ich will im n\u00e4chsten Augenblick versuchen, es zu rechtfertigen, inwiefern ich dies auszusprechen wagen durfte; inwiefern ich das, was um 1800 in Goethe, in Schiller, in Herder vorging, ein Verstummen nennen darf. Aber nehmen Sie es f\u00fcr jetzt hin: sie verstummen \u2013 und Beethoven allein ist da, vor Gott zu reden f\u00fcr die Menschen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was vollzieht sich da? Nur hindeuten darf ich darauf, aber hindeuten als auf ein Wirkliches: denn wirklicher ist der Geist der Zeitalter als der der Individuen; und so sehr erscheint mir Europa als eine Einheit, da\u00df ich mich getraue, es zu sagen: so wie an einer Stelle der europ\u00e4ischen Welt Gewalt und Geist sich verschmelzen und in einem d\u00e4monischen Individuum der Geist Tat wird \u2013 ich rede von Napoleons Hervortreten und sehe ihn jetzt im gleichen, fast \u00fcberhistorischen Sinn, wie Goethe ihn gesehen hat \u2013, so zieht sich die d\u00e4monische \u00dcberkraft, der heroische Drang, der auf mehr als Poesie zielte, der auf unmittelbares gottverwandtes Wirken zielte, aus den gewaltigen Individuen heraus, die seine Tr\u00e4ger waren: Goethe, Schiller und Herder sind noch immer da, sie geben noch immer Herrliches als Dichter, als K\u00fcnstler, als Denker, sie geben das, was f\u00fcr das Fortleben ihrer Gestaltung entscheidend ist \u2013 Goethe die Romane, die naturwissenschaftlichen Werke, den zweiten \u00bbFaust\u00ab, Schiller die Reihe seiner klassischen Dramen, von denen eines ein Palladium Ihrer Nation ist \u2013 aber dies vollzieht sich unter einem Verzicht auf die letzte D\u00e4monie: der titanische Drang f\u00fcr die Myriaden stummer einzelner Individuen, welche im geistigen Sinne die Nation ausmachen, f\u00fcr diese das Unerme\u00dfliche in Worte zu dr\u00e4ngen, der eigentliche Prophetendrang, der erlischt; der wahrhaft musische \u2013 das Wort in seiner h\u00f6chsten Anspannung genommen \u2013 Charakter f\u00e4llt von ihrem Wirken ab. Unter Verzicht auf die titanische Aspiration seiner Jugenddramen stellt Schiller die Reihe der klassischen Dramen hin, worin das Ringen der Idee in geschichtliche Situationen hineingewebt, das Individuum als Tr\u00e4ger der Idee im Kampfe mit den Gegebenheiten aufgezeigt wird \u2013 herrlich aufgezeigt, aber eben im Bilde aufgezeigt, dargestellt \u2013, nicht wie in jenen Jugenddramen aus dem Nichts hervorgeschleudert mit dem titanischen Vermessen,\u00a0unmittelbar in die Welt hineinzugreifen, zu revolutionieren, aus den Angeln zu heben &#8230; Und Goethe, ist nicht dieses ganze Schaffen des reifen, des zweiten Goethe das wahre Beispiel f\u00fcr den \u00dcbergang vom Unmittelbaren zum Mittelbaren? Anstatt des titanischen, lyrisch-dramatischen Ich-bin-da!, Adsum! des ersten \u00bbFaust\u00ab, anstatt dieses Titanenwillens, durch die Wort gewordene Seele unmittelbare Gewalt zu \u00fcben bis zu den Sternen hinauf, als Einzelner f\u00fcrs ganze Geschlecht \u2013 nun jenes Sich-Beugen unter den Bogen des Gesetzes, jenes erkennende Sich-Dem\u00fctigen vor den Formen: ist nicht im letzten Sinn in diesem Gestalter-Werden doch eine Resignation? Und der Ausdruck dieser Entsagung, sprechend f\u00fcr den, der erkennen will, ist es nicht \u2013 lassen Sie es mich heraussagen, obwohl es sich um das gr\u00f6\u00dfte Werk der Nation handelt \u2013, ist das nicht der Bruch zwischen dem ersten und dem zweiten \u00bbFaust\u00ab, und nicht wunderbar deutlich ausgesprochen im \u00bbFaust\u00ab selber: wie der Titane Faust, dieses lyrische Ich Goethes, Gott gleich sich w\u00e4hnend ringt um das unmittelbare Anschauen Gottes \u2013 und wie der Faust des zweiten Teiles (in den wundervollen Terzinen des Sonnenaufgangs, der niemals ohne eine schweizerische Landschaft unsterbliche Form geworden w\u00e4re), wie er sich abwendet vom Anblick der Sonne, die in der Chiffren-Schrift dieses symbolischen Gedichtes nichts Geringeres ist als Gottes unmittelbar geschautes verzehrendes Antlitz, und sich dem\u00fctig dem Wasserfall zuwendet und dem Regenbogen, dem\u00fctig den Vorhang k\u00fc\u00dft vor dem Heiligtum des Unschaubaren, und seiner Demut sich r\u00fchmt mit dem Worte der Weisheit: \u00bbAm farbigen Abglanz haben wir das Leben.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und Herder? Selbst dieser dritte, hochger\u00fchmte, wenig gekannte, gro\u00dfe Geist, er, der an dem Werden unserer Geistessprache mit gewaltiger Hand mitgewoben hat \u2013 sehen wir den gleichen Schatten der Resignation nicht auch ihn \u00fcberfliegen, wenn er, der getr\u00e4umt hatte wie <i>einer<\/i> von einer alles sagenden Sprache, der gerungen hatte wie einer und mit Riesenkr\u00e4ften, den Weg zu weisen, wie das Unendliche, ja das schlechthin Uns\u00e4gliche w\u00e4re in Worte zu dr\u00e4ngen \u2013 h\u00f6ren wir um die gleichen Jahre nicht auch aus seinem Munde in so<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+2\" name=\"77\"><\/a>\u00a0tiefsinnigen Schriften wie der \u00bbPlastik\u00ab, in den Bl\u00e4ttern der \u00bbAdrastea\u00ab solche Worte: \u00bbGib mir den Wink und Blick der Seele, gib mir die Geb\u00e4rde, sie ist mehr als Worte\u00ab &#8230; und als weise er auf den einen hin, dessen Namen er nicht nennt und vielleicht nicht kennt, nun das Wort: da\u00df T\u00f6ne, um das Uns\u00e4gliche zu sagen, T\u00f6ne allein der Musik gleich stehen \u2013 T\u00f6ne also! die Musik heraufgerufen, um den Geist unmittelbar zu beschw\u00f6ren, wo sein Mund, wo Schillers und Goethes Mund verstummen, wer bleibt da, zu reden f\u00fcr den tiefsten Drang einer im Tiefsten transzendenten, also religi\u00f6sen Nation, wer bleibt, hinaufzugehen vor Gott und sei es auch beschwerten, behinderten Wortes wie Moses, der erste der Propheten \u2013 wer bleibt als er: Beethoven.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da \u2013 geheimnisvolle und notwendige F\u00fcgung \u2013 wie in den andern gro\u00dfen Menschen das Heroisch-Prophetische zur\u00fccktritt, sich umbildet zum Wesen, zum Bildnerischen, zum Religi\u00f6sen einer andern Ordnung, da tritt es in ihm gewaltig hervor, da wird er, Zug um Zug, zu der mythischen Gestalt, der gr\u00f6\u00dften, welche die neuere Zeit hervorgebracht hat. Da haust er einsam mitten unter Menschen, wie Philoktet auf seiner Insel, in dem leichtlebigen menschenwimmelnden Wien. Und da zieht er von einem Haus ins andere. Da sind diese neunundzwanzig Wohnungen in allen Bezirken Wiens und in ihnen dies ma\u00dflos einsame Leben und die t\u00f6richten und halbahnungsvollen Besucher, denen er entgegentritt wie ein \u00bbgrauer L\u00f6we\u00ab oder wie eine \u00bbGewitterwolke, durch die die Sonne sich hindurchdr\u00e4ngt\u00ab oder wie ein \u00bbungestalter, aber leidensvoller Riese\u00ab. Da hebt diese Abwendung an vom sinnlichen Wohllaut der Musik, da\u00df er Rossinis Musik, von der Wien erf\u00fcllt ist, nicht mehr ertragen kann, ja da\u00df ihm selber die eigene Musik nicht mehr gen\u00fcgt und er an ihren Grenzen hinst\u00fcrmt wie der Behemoth und \u00fcber ihre Grenzen hinausbricht. Da kommt, wie wenn der Finger Gottes ihn unmittelbar ber\u00fchrt h\u00e4tte, die Taubheit, das Ersterben des Sinnes selber, der ihm das \u00dcbersinnliche zugemittelt hatte. Da f\u00e4ngt der unerkl\u00e4rliche Proze\u00df an, wodurch schlie\u00dflich sein Antlitz zu einem Geisteszeichen wird und uns genau so anblickt wie seine Werke, mit der gleichen Mischung von\u00a0titanischem Trotz und Ergebung in Gottes Willen. Da f\u00fchrt er in starrender Einsamkeit dies t\u00f6nende Gespr\u00e4ch mit dem eigenen Herzen, mit der Geliebten, die nie sein Finger ber\u00fchrt hat, mit Gott. Da verschm\u00e4ht er den Wohllaut, wo er nicht wie Aufrauschen des Engelsfittichs ist \u2013 da l\u00e4\u00dft er die Melodie wie ein launisches M\u00e4dchen sich von uns abkehren und pl\u00f6tzlich wieder nach furchtbaren Finsternissen mit verkl\u00e4rter geheiligter Miene uns anl\u00e4cheln.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da wird er, einsam mit seinem Gott, aus unzerbrochenem, frommem Gem\u00fct Sch\u00f6pfer einer Sprache \u00fcber der Sprache. Da redet er nicht zum Volk, auch nicht f\u00fcr das Volk \u2013 aber doch f\u00fcr jeden einzelnen und noch f\u00fcr die Geschlechter, die da kommen werden. Da erbaut er in jedem Musiksatz den Thron geistiger Leidenschaft. Da f\u00fchlt er, tiefer als Worte es sagen k\u00f6nnen, auch das ganze Gewicht des eigenen Wesens: Da wei\u00df er, da\u00df er einen Napoleon, Geist gegen Geist gewogen, aufwiegen oder wohl gar \u00fcberwiegen w\u00fcrde. Da bricht in einzelnen zornm\u00fctigen oder stolzen, aber immer naiven Worten das Gef\u00fchl seiner Heldenhaftigkeit hervor; da kommen, wenn seine Lippe sich l\u00f6st, die Worte \u00bbMut, Glaube, Kraft\u00ab so gro\u00df und unentweiht aus seinem Mund, wie aus keines Sterblichen der neueren Zeiten. Da wird alles an ihm symbolisch, Gestalt, Gesicht, Einsamkeit, Behausung \u2013 da wird er zu etwas, dessengleichen nie da war, und so sehen ihn die Augen der Besten: so hat ihn wohl nicht Goethe gesehen, aber Bettina, das Gesch\u00f6pf aus Goethes Element, und Theodor Amadeus Hoffmann, und Bettina spricht es aus: \u00bbDer f\u00fchlt sich als Weltherrscher, als der Begr\u00fcnder einer neuen Basis im geistigen Leben.\u00ab So umgeben sie ihn mit einem Schauder; er ist ihnen ein Magier, und so sehen sie ihn hineinschreiten in ein dunkles Unbekanntes: das ist die Nachwelt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Und diese Nachwelt sind wir. Das ist ein ernster, sonderbarer, bem\u00fchender Gedanke. Ein solches St\u00fcck Europa wie wir hier, eine solche Versammlung unter dem zweideutigen Licht dieses 1920, unter der rasenden Unruhe dieser geistigen Revolutionen, die durcheinander hinfressend einander bald verst\u00e4rken, bald ersticken \u2013 wir sind seine Nachwelt. Ohne uns w\u00e4re er allein in diesem Augenblick. Aber wir haben keine\u00a0Stimme, gewaltig und wie aus einem Munde zu ihm zu rufen in dieser feierlichen Stunde. Denn abermals zeigt sich das Zeichen der ungeselligen, unberedsamen Nation. Abermals wie vor einhundertundf\u00fcnfzig Jahren ringt die Nation um eine wahrhaft gemeinsame Sprache, um Worte, das Unerme\u00dfliche in sie zu dr\u00e4ngen. Aber nicht wie damals ist es, da\u00df die Sprache zu arm und d\u00fcrftig w\u00e4re, sondern in ihrem unerme\u00dflichen Reichtum geschieht es, da\u00df sie die Menschen nicht zusammen-, sondern auseinanderh\u00e4lt. Es ist etwas Unreifes in diesem Reichtum und ein Unverm\u00f6gen; die Gegens\u00e4tze, die sie setzt, sind uns seichte Gegens\u00e4tze. Die Magie der Worte ist nicht kr\u00e4ftig genug, eine Welt zu tragen, in der die Dinge, nein! auch noch die Ma\u00dfe der Dinge in ihrer Relativit\u00e4t enth\u00fcllt sind. Die Sprache scheint alles nur noch ironisch zu betasten, nichts mehr zu beherrschen. Ihre eigentliche Zaubergewalt, das G\u00f6ttliche in ihr, das Unmittelbare ist dahin, die Philosopheme l\u00f6sen sich auf in dem Spiel der Relativit\u00e4ten \u2013 die Geschichte will sich aufl\u00f6sen wie ein Nebel \u2013 jedes Beharrende wird bezweifelt, die Gestalt wird bezweifelt, sie, die in Politik und Kunst die wunderbare \u00dcberwindung der Materie ist \u2013, die Form wird bezweifelt \u2013 in der Musik, in den bildenden K\u00fcnsten, in der Dichtkunst \u2013, jede Gemeinsamkeit wird bezweifelt \u2013 Ironie webt \u00fcber dem allen \u2013, und die Nation, um sich zu heilen, f\u00e4llt wieder in die Einzelnen auseinander, wie sie vor einhundertundf\u00fcnfzig Jahren glorreich in die Einzelnen auseinandertrat.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Einzelne aber, das Individuum, es ist nicht mehr das eingeschr\u00e4nkte Individuum von damals mit seiner dumpfen Not \u2013 heute liegt eine neue Not auf den Individuen: das Allzuviel von Freiheit, wie damals das Allzuviel von Bindung. Aber eben in dieser Not liegt eine neue Hoffnung. Eben weil alles \u00fcberwunden ist, und ein angstvolles F\u00fchlen des Abgrundes, der unter den Dingen ist und unter den Theoremen und unter den Erkenntnissen, uns durchzieht wie ein best\u00e4ndiger Schwindel, eben darum ist allem unserm Tun eine latente Religiosit\u00e4t beigemischt, ein Drang nach dem Form-Gebenden, Leben-Verleihenden, nach dem, was nirgends an der Materie, auch nicht an der geistigen Materie, an der Formel, haftet: nach Gott.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wieder ist in einer durch das ungeheuerste gemeinsame Erlebnis aufgew\u00fchlten Generation \u2013 und der Krieg ist f\u00fcr die, die ihn wahrhaft erlebt haben, ein ungeheures Erlebnis gewesen \u2013 eine ungeheure Aspiration lebendig, und wieder ringt ein Geschlecht um die Sch\u00f6pfung der Sprache aus dem tiefsten Erlebnis: dem Erlebnis grenzenloser Einsamkeit und grenzenloser Verwobenheit zugleich.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber- und abermals fehlt der Nation der Seelenmittelpunkt \u2013 so liegt sie da, wie ein Krankes, des eigenen Daseins nicht m\u00e4chtig, und mit fremden verworrenen Gedanken. Aber die Einzelnen sind des Hohen noch eingedenk: in einer vorbildlosen geistigen Situation, umgeben von der Aufl\u00f6sung jedes Festen, sch\u00f6pfen sie aus der Not selber, aus der Einsamkeit selber einen ungeheuren Mut, der etwas hat \u2013 lassen Sie mich es aussprechen \u2013 vom Mut der Verzweiflung.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wo nirgends mehr heiliges unbetretbares Gebiet ist \u2013 alles entheiligt \u2013 alles erkannt als Relation und Konvention \u2013 doch irgendwo in sich, im einzelnen Ich, drangvoll trotzend dem Ungeheuren, selbst ein Ungeheures \u2013 f\u00fchlen sie ihn errichtet, ihn, den Beethoven in jedem Musiksatz aufbaute, den Thron der geistigen Leidenschaft, von wo der gl\u00fchende Gedanke, nach allen Seiten ausladend, hineilt, zu umfassen ein Ewiges, nie ganz zu Umfassendes. Dem Wort mi\u00dftrauend, sind sie, die Besten \u2013 die, in denen wahrhaft die Nation sich erneuert \u2013, unberedsam aus Keuschheit, oder aber ihre Beredsamkeit ist unanmutig, ist ein ungelenkes K\u00e4mpfen mit einer \u00fcberreichen Sprache, deren Geistigem sie mi\u00dftrauen, weil es in tausend sich kreuzenden Reihen ein Technisches geworden ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In diesem feierlichen Augenblick treten sie ernst zueinander und wo ihrer nur zwei oder drei beisammen sind, da ragt \u00fcber ihnen ein Haupt, unausdeutbaren Ausdrucks, st\u00f6rrisch und fromm zugleich: templum in modum arcis, ein Gottestempel in Gestalt einer Burg: Beethovens Haupt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er ist ein Geist, und wir gedenken seiner in dieser Stunde, die wir Geister sind. M\u00f6ge er in der gleichen Stunde unser gedenken und durch uns hinziehen mit dem Wehen seiner Kraft und Reinheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der gerade Weg zu Beethoven f\u00fchrt durch seine Werke: die dritte Leonorenouvert\u00fcre, der zweite Satz der dritten Sinfonie, das Adagio der \u00bbAppassionata\u00ab, Opus 57, Opus III, Opus 130 \u2013 das einsame Zimmer, der Fl\u00fcgel und die Geige, die vier&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/15\/zuercher-rede-auf-beethoven\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094,3079],"class_list":["post-88999","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal","tag-ludwig-van-beethoven"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88999","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88999"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88999\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98221,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88999\/revisions\/98221"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}