{"id":88972,"date":"2010-07-31T00:01:18","date_gmt":"2010-07-30T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88972"},"modified":"2022-02-18T11:38:38","modified_gmt":"2022-02-18T10:38:38","slug":"raoul-richter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/07\/31\/raoul-richter\/","title":{"rendered":"Raoul Richter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Ende Juli abends gewahrte ich in der Andrianschen Villa, die sonst verschlossen war, ein offenes Fenster und sah einen jungen Mann sitzen, der, sich selber am Klavier begleitend, ohne Noten leidenschaftlich in die D\u00e4mmerung hineinsang. Ich erkannte ihn f\u00fcr den gleichen, den ich tags zuvor hatte im Regensturm mit starken schnellen Schritten am See entlanggehen sehen, gleichfalls leidenschaftlich, sto\u00dfweise vor sich hinsingend. Einige Tage sp\u00e4ter, als ich in einen b\u00e4uerischen Wirtsgarten trat, sa\u00dfen einige mir Befreundete an den Tischen; sie winkten mich hinzu; als ich nahe war, erkannte ich, da\u00df dieser Fremde unter ihnen war, ein Dunkler, Mittelgro\u00dfer, Breitschultriger, der sich erhob, als ich hinzutrat: es war Richter. Sein Vortreten war lebhaft, der H\u00e4ndedruck schnell und stark, der Blick sehr schnell und fest auf mich gerichtet; so auch jedesmal im Gespr\u00e4ch, dazwischen aber vor sich hin ins Leere oder nach oben mit einem zeitweiligen Zur\u00fcckwerfen des Kopfes. Beides, Aufmerksamkeit und Sichverlieren, v\u00f6llig scharf geschieden, beides kraftvoll; aus der einen in die andre Stellung der K\u00f6rper j\u00e4h geworfen, desgleichen die Drehung des Auges j\u00e4h, da\u00df das Wei\u00dfe stark aufleuchtete: hier erkannte ich sogleich den im Dunkel sto\u00dfweise vor sich Hinsingenden wieder.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchlte ihn \u00e4lter als mich; er wars, wenn auch nur um wenige Jahre, die aber in der ersten H\u00e4lfte der Zwanziger bedeutend sind. Seine Aufmerksamkeit war mir wohltuend, etwas Festes, Bestimmtes an ihm zog mich an. Es war der erste J\u00fcngling norddeutscher Geistesbildung, der in meinen Gesichtskreis trat. Ich h\u00f6rte, er w\u00e4re vor kurzem betr\u00e4chtlich krank gewesen; aber ich begriff, er war nun ganz gesund, und reifer, als wenn er etwa die Pr\u00fcfung dieser Krankheit nicht mitgemacht h\u00e4tte. Wir waren unser mehrere, alle nahe den zwanzig, gesellschaftlich und durch andre Umst\u00e4nde war er sogleich an uns angeschlossen; doch blieb er ein Bestimmter f\u00fcr sich, der Fremde, der Reifere, der \u00c4ltere. Ich besuchte ihn, er erwiderte den Besuch, freute sich des Quartiers, das ich bei meinen Bauern innehatte, die mir, mitten zwischen ihren Schlafstuben, eine Kammer einger\u00e4umt hatten. Ich mu\u00dfte ihm zeigen, wo ich nachts, unter einer morschen Treppenstufe den T\u00fcrschl\u00fcssel zu finden gewohnt war; der alte Apfelbaum, dessen Zweige eine ganze Seite des Hauses beschatteten und an alle die kleinen viereckigen Fenster r\u00fchrten, der Laufbrunnen: alles gefiel ihm \u00fcberaus wohl; er nickte dem Baume zu; es war, als ob er zufrieden das alles wiederf\u00e4nde nach einer langen Abwesenheit. So auch in der freien Natur, wenn wir miteinander gingen. Wir stiegen einmal durch einen Tannenwald steil hinan; dann wurde es gem\u00e4chlicher:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">kleine Wiesen, von hohen B\u00e4umen eingeschlossen, sch\u00f6ne stille Waldpl\u00e4tze nacheinander, auf dem dritten stand eine H\u00fctte f\u00fcr die Holzmacher ganz aus Baumrinde, mit einer niedrigen T\u00fcr; ein Bursch kam daraus hervor und schlo\u00df sich uns an, er erz\u00e4hlte allerlei im Gehen: wie sein Bruder, der Bergarbeiter war, in einen dreizehn Meter tiefen Schacht hinabgest\u00fcrzt sei und nur wie durch ein Wunder lebendig geblieben, und wie der Fehler bei den Beamten liegt, die verst\u00fcnden nichts und verlangten das Unm\u00f6gliche, es seien Fremde; w\u00e4re aber einer ein Hiesiger, so h\u00e4tte er gleichwohl kein Einsehen, sei wie die andern, geizig, befehlshaberisch nach unten, duckmausig und falsch nach oben, das sei einmal so, wenn einer ein Amt habe, darum m\u00f6chte er keines, wenn man ihn gleich in eines einsetzen wollte. Dann von der Jagdherrschaft, wie der junge Graf ein gro\u00dfer Sparmeister sei, meinte, er k\u00f6nnte es mit f\u00fcnf J\u00e4gern richten, wo sonst ihrer neun im Revier gewesen; die andern entlassen ohne viel Federlesens, darunter auch seiner Schwester Mann mit f\u00fcnf kleinen Kindern; so seien die Menschen: wenn sie reich seien, wollten sie noch mehr haben. Der gro\u00dfe, sch\u00f6ne, hochgewachsene Bursch redete in allem freiweg, aber ganz ohne Zorn oder Ankl\u00e4gerei; man f\u00fchlte, ihm war bei seinen zwanzig Jahren das Leben lieb, und er wu\u00dfte sich nichts Bessers als Heu- und Holzmachen oder Treiben auf der Gemsjagd, den Sonntag das Wirtshaus oder die Schie\u00dfst\u00e4tte.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Richter machte ihn v\u00f6llig zutraulich durch das wenige, was er einwarf, ihm war rein und gut zumute allem Menschlichen gegen\u00fcber. Ich blieb hinter ihnen zur\u00fcck, es w\u00e4re mir lieber gewesen, wir gingen nun allein; der Abend fiel ein, die Sterne leuchteten zwischen den B\u00e4umen auf, diese Stunde ging mir \u00fcber alles, ich h\u00e4tte tief ins Dunkel hineinm\u00f6gen, zugleich aber auch ins Freie hinaus, \u00fcbers Tal hin, wie das jetzt eigent\u00fcmlich dalag, jeder Baum f\u00fcr sich, jede H\u00fctte, jeder Heustadel wie in der Kirche. Wir kamen auch an eine Waldbl\u00f6\u00dfe, der Busch trennte sich von uns und lief senkrecht hinab durchs Krummholz, wir sahen hin\u00fcber auf dunklen Wald, hinunter ins Seitental, der Augenblick, wo Tag und Nacht sich verschr\u00e4nken, war vor\u00fcber, das Licht schon kalt, ich sogleich verdrossen; der ganze Spaziergang war mir zuwider, alles so gleichg\u00fcltig, ich h\u00e4tte lieber allein in meiner Kammer sitzen m\u00f6gen und auf den Laufbrunnen horchen oder in einem Buch lesen. Wenn ich nicht das \u00dcberschwengliche empfing, war ich entt\u00e4uscht, in mir, um mich alles so hohl und spitz, das Liebesgef\u00fchl erstarrt. Die B\u00e4ume standen so h\u00f6lzern da, eine Wolke hing grau, tr\u00e4g ins Tal hinein, es war nichts. Ich war wie ein Spieler, der alles auf einen Wurf setzte: es ging mir immer um eine Trunkenheit, die ohne Namen war, oder um nichts. Richter war ruhig, heiter und erf\u00fcllt, sein Blick ging hin\u00fcber zu den W\u00e4ldern, hinab ins Tal, dann hinauf, wo bald die ersten Sterne kommen mu\u00dften. Im Hinuntersteigen kam ihm ein Gespr\u00e4ch auf die Lippen, oder er w\u00e4hlte es, weil er f\u00fchlte, wie mich die Einbildungskraft zwischen Zuviel und Zuwenig j\u00e4h herumwarf: er sprach, wie der reifende Mensch die F\u00fclle \u00fcber die \u00dcberf\u00fclle stellen lerne, die fromme Zufriedenheit \u00fcber die schweifende Sehnsucht. Sein Gang war schnell unterm Reden, sein Blick selten auf den Weg, sondern vor sich, auf ein Etwas hin, zuweilen fast starr. Er sprach f\u00fcr mich, aber nicht eigentlich zu mir. Es war, als ginge er immer hastig auf ein Licht los, das er innerlich gewahr wurde.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Einen andern Nachmittag begleitete er mich nach Hause. \u00dcber einen Wiesenweg kamen meine Hausleute daher, gekleidet wie am Sonntag und jedes eine brennende Kerze in der Hand. Es war hinterm Salzberg jemand aus der Freundschaft gestorben, und sie gingen pflichtgem\u00e4\u00df die Nacht im Sterbezimmer durchzubeten. Die drei Gestalten, der alte Mann, die noch jugendliche Frau, seine Tochter, und das hochaufgeschossene Enkelkind, wie sie so eigent\u00fcmlich in der D\u00e4mmerung an uns vor\u00fcberschritten, eines hinter dem andern, und wir zur Seite traten und sie uns gr\u00fc\u00dften, doch anders als sonst: mir war ehrerbietig zumute. Jedes hielt die Kerze ernst und feierlich, als w\u00e4re es sein eignes Lebenslicht, das M\u00e4dchen Romana ging voraus, sie war sonst ein Kind, jetzt erschien sie als eine Jungfrau; der Alte ging als letzter, seine starke Greisenhand schlo\u00df sich fest um die Kerze: er ging mutig-ernst, die Frau, seine Tochter, gottergeben, die Enkeltochter ahnungsvoll. Mir war, sie gingen alle auf ihr Grab zu, aber nichts von Bangigkeit, nur feierlich sch\u00f6n, den Weg alles Lebens. Das Geheimnis der Lebendigen ri\u00df m\u00e4chtig durch mich hin, die Reinheit ersch\u00fctterte mich, wie von solchen Menschen das Leben gelebt wird. Ich hatte dreifaches Heimweh in mir: nach der unschuldigen Jugend, nach der Mitte des Lebens und nach dem erf\u00fcllten Greisenalter; ich h\u00e4tte m\u00f6gen in ihnen allen zugleich sein und stand doch nur seitw\u00e4rts am Wege. Die Lichter entfernten sich, es war noch nicht D\u00e4mmerung, aber eine tr\u00fcbe, lichtlose Stunde, alles war weit, leer, fremd. Richter war still, wir stiegen aufw\u00e4rts. Er sprach von der Reinheit, wie sie \u00fcberall sein k\u00f6nne, nicht blo\u00df bei den Einf\u00e4ltigen; wie es sich darum handle, \u00fcberall zum wahren Anschauen vorzudringen, das Entmischte zu erblicken, das von einem g\u00f6ttlichen Kontur umrissen ist. Ich fiel ein von der Reinheit der Jahreszeiten, und wie ich mich zuweilen grundlos sehnen m\u00fcsse, von der einen in die andre: wie im Winter Eisblumen zuweilen das ganze Gl\u00fccksgef\u00fchl des Hochsommers in die Seele stie\u00dfen, oder wie ich mich heute nacht habe unerkl\u00e4rlich sehnen k\u00f6nnen nach dem Einfallen des F\u00f6hns in einer Februarnacht, da\u00df ich meinte den Schnee zu h\u00f6ren, der von den B\u00e4umen tropfte, unter die Felswand rieseln, den Bach befreit aufrauschen in ungewissem Licht, und wie dies meiner Seele nahe gewesen sei, die tr\u00e4ge feuchte Sommernacht aber, die mich umgab, weit weg und fast unwirklich. Er erwiderte nichts, aber ich f\u00fchlte den Widerstand in seiner Seele, da\u00df ich weiterschweife von einem zum andern wo er das Gegebene anschaute und die Grenzen achtete und liebte. Ich fuhr fort: wie immer das Ersehnte so rein scheine, und immer die Sehnsucht nach r\u00fcckw\u00e4rts, nach dem als Kind Erlebten, da\u00df mir alles Sch\u00f6ne nur war, als erinnerte es mich an ein Fr\u00fcheres, und die Sehnsucht nach dem Unendlichen, da\u00df ich mich in den Schmerz mit Wollust versenken k\u00f6nne, ja selbst in unwahren und getr\u00e4umten Schmerz, weil ein Unendliches sich offenbare. Ich f\u00fchlte, er duldete und verstand mich, ohne mir mit dem Gef\u00fchl nahe zu sein; er sprach nichts aus, leise wandte er das Gespr\u00e4ch: da\u00df es zweierlei Reinheit g\u00e4be und ein Doppeltes in uns nach dieser zweifachen Reinheit suche, verschieden nach den innern Lebensstufen, und da\u00df auf der reifern Stufe das Reine erkannt werde als das Wesentliche und das, was allein Bestand habe. Er verfolgte das weiter, wie die Reinheit immer fest gegr\u00fcndet, er worben und erk\u00e4mpft werden m\u00fcsse, wie sie nicht im gestaltlos Gro\u00dfen und Vagen gesucht werden d\u00fcrfe, sondern wie sie im Kleinsten beruhe, im Einzelnen, im Nichtschwanken, Nichtmischen, Nichtvermischen, in der Zucht und unabl\u00e4ssigen Lebendigkeit des Herzens. Er sprach von den hohen gereinigten Begriffen, dem wahren Tempelschatz der Menschheit, von der Reinheit des Erkannten, der Reinheit der Begrenzung. Wie alles durch Kampf und Leiden erworben und erlitten werden m\u00fcsse; freilich sei alles namenlos bedingt und verh\u00e4kelt, aber zugleich doch so frei, so erf\u00fcllt und begnadet: wie schlie\u00dflich der Geist alles zusammenhalte in der lebendigen Reinheit. Er f\u00fchrte das noch weiter aus; ich sp\u00fcrte wohl, da\u00df er vom wirklichen Leben redete, von der Mannhaftigkeit, und da\u00df er auch auf die bleibenden Lebensverh\u00e4ltnisse hindeutete, an die nichts in mir dachte; da\u00df er zwischen zwei Altern stand und vor ihm schon Ehe und Vaterschaft lagen. Ich schwieg; das Tageslicht war nun auch hier oben weg, aber die Farbe trat uns\u00e4glich hervor an jedem Ding, an dem Laub der Buchen, der Rinde; andre St\u00e4mme, die an der Erde lagen, waren gesch\u00e4lt, wie nackt; nicht tot, nicht lebendig, sondern zwischen beiden. Das Wasser flo\u00df jetzt neben uns hin, ohne Wirbel, leuchtend tiefes Gr\u00fcn; in mir war ein traumartiges Aufnehmen von alledem. Wir kamen einen Abhang hinunter, da stand ein einsames Bauernhaus; aus dem einen kleinen viereckigen Fenster fiel ein Licht \u00fcber die Wiese hin, dann schob sich ein Schatten davor, das Licht verschob sich, erlosch dann f\u00fcr eine kurze Weile. In den wenigen d\u00fcrftigen Zeichen fiel mich das Ganze des Menschenlebens an, die vier W\u00e4nde, das niedrige Dach \u00fcber dem Kopf, das Drinnen und Drau\u00dfen, das Eingeschlossene, das Erb\u00e4rmliche, das Wunderbare. Ich erkannte dann das Haus, es geh\u00f6rte zweien Br\u00fcdern; der eine war ein Gro\u00dfer mit einem Kropf und schiefgestellten b\u00f6sen Augen in dem ganz runden kleinen krummnasigen Gesicht. Dieser war unm\u00e4\u00dfig geizig; dem jungern Bruder, der schwachm\u00fctig und plump war, lud er Grummet auf, da\u00df ihm fast das Kreuz brach, spannte ihn ein wie einen Zughund, f\u00fctterte ihn mit den Abf\u00e4llen; diese hausten hier allein miteinander, gleichwohl fiel der Schein jetzt wieder sanft und herrlich aus der Kammer wie von einem Stern. Alles, was vor\u00fcberkam, und was in der Ferne war, blickte mich an; ich kann es nicht anders sagen: lauter Leben trat aus sich heraus, alles l\u00f6ste mich auf, ein leises, b\u00e4ngliches Gef\u00fchl mischte sich ein, aber nur kaum, es war nur die Ahnung der \u00dcberf\u00fclle, wie bei einem Gef\u00e4\u00df, das \u00fcberzulaufen droht. Richter ging vor mir, er sang vor sich hin; ich konnte die Worte nicht verstehen, mir schien, es waren Goethesche Verse, der Klang war mutig und leidenschaftlichhoffnungsvoll, es war, als h\u00e4tte er sich in einen Kahn geworfen und fuhr, seines Zieles sicher, durch die Nacht dahin, indessen ich in dunklen Wellen unterging.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Den letzten Abend kam er sp\u00e4t nachts, klopfte an mein Fenster, ob ich noch wach w\u00e4re und in Kleidern: \u00bbKommen Sie\u00ab, sagte er, \u00bbich mu\u00df Ihnen meinen Baum zeigen, die uralte Riesentanne \u00fcberm See. Sie sehen sie diese Nacht in ihrer ganzen Gr\u00f6\u00dfe oder nie.\u00ab Er f\u00fchrte mich steil bergauf, der Wind strich durchs nebelfeuchte Krummholz hin, es war ein gewaltiges Wehen \u00fcber dem Wald; nirgends ein Ri\u00df im Gew\u00f6lk, doch das Mondlicht \u00fcberall durchgesickert. Richter war belebter, aufgeregter, als ich ihn je gesehen hatte; daran, da\u00df er mich jetzt geholt hatte, erkannte ich, da\u00df er mir sehr wohlwollte. Er klomm schweigend und rasch voraus, als f\u00fcrchtete er, etwas Gro\u00dfes zu vers\u00e4umen. Nun waren wir lotrecht \u00fcber dem See, ich f\u00fchlte es. Ich zog mich durchs Krummholz aufw\u00e4rts, wollte ihn einholen, da trat er selbst zur\u00fcck, hielt mich am Arm: der riesige Baum stand uns entgegen. Unter uns ging der Sturm, der See schlug laut an sein Ufer, \u00fcberall floh nachtfarbenes Gew\u00f6lk schnell dahin: aber der Baum regte keinen Ast, und an dieser einen Stelle, durch irgendwelche Gew\u00e4nde gesch\u00fctzt, schien die Gewalt der erregten Atmosph\u00e4re nur dazu da, um das milde Licht st\u00e4rker und st\u00e4rker anwachsen zu lassen, als w\u00fcrde es aus fernen R\u00e4umen unabl\u00e4ssig herangetrieben. In eine mit jeder Sekunde wachsende Helligkeit reckte der Baum schweigend seine Riesen\u00e4ste, er regte sich nicht und schien gerade darum in einem gewaltigen Tun begriffen. Es war heller und heller geworden: aus der einen Nacht trat eine andre, sch\u00f6nre hervor. Ich sah auf Richter hin: sein Gesicht war ver\u00e4ndert, da\u00df ich es kaum erkannt h\u00e4tte, sein Auge irgendwo \u2013 so mu\u00dfte es sein, wenn er allein ging und sang.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Als wir unten waren, auf einem Weg, im Tannenwald, dessen Zweige sich im Wind bewegten, alles schwarz und wei\u00df, sagte er zu mir: \u00bbWenn Sie in einer Nacht allein dort oben stehen werden, gedenken Sie meiner. Denn man mu\u00df allein dorthin: die Nacht, dieser Baum und der einzelne Mensch. Ich verabschiede mich heute von Ihnen, es war unser letzter Spaziergang.\u00ab Ich entsinne mich nicht, da\u00df wir mehr als dies gesprochen h\u00e4tten. Wir traten in sein Zimmer, er z\u00fcndete eine Kerze an. Ich f\u00fchlte, er h\u00e4tte ans Klavier treten m\u00f6gen, das aufgeschlagen war, aber er tat es nicht. Er atmete stark; an seinem Gesicht waren noch Spuren der Ver\u00e4nderung, aber schw\u00e4cher als oben, angesichts der Tanne. Sein Blick nicht mehr irgendwo, aber auch nicht ganz irdische Festigkeit, Aufmerksamkeit, sondern mehr von innen erhellt und bewegt. Er wandte sich, ging im Zimmer auf und ab, trat ans Fenster. Auf einem Tisch lag ein aufgeschlagenes Buch, das Licht der Kerze fiel hell auf die wei\u00dfen Bl\u00e4tter. Ich kannte das Buch: es war H\u00f6lderlins \u00bbHyperion\u00ab. Eine Stelle war mit Blei bezeichnet: \u00bbGlaube mir, du h\u00e4ttest nie das Gleichgewicht der sch\u00f6nen Menschheit so rein erkannt, h\u00e4ttest du es nicht so sehr verloren gehabt.\u00ab Richter trat heran, sein Blick ruhte auf mir mit einem unbestimmbaren Ausdruck: es ist in solchen Augenblicken, als tr\u00e4te das Seelenhafte aus uns heraus, umschwebte uns, w\u00fcrde ber\u00fchrbar. \u2013 Er sprach dann von der Zukunft, von dem, was in uns w\u00fcrdig werden m\u00fcsse und w\u00fcrdig bleiben zu einem h\u00f6chsten Amt: Vaterschaft.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Vor meiner Seele stand der Baum und die Art, wie er mich hinaufgef\u00fchrt hatte, mir dies zu zeigen und zu hinterlassen, wie ein Verm\u00e4chtnis. Ich f\u00fchlte das kaum Deutbare, Unaufl\u00f6sliche in alledem, und wie sich unsere ganze Begegnung und Freundschaft in dieser Stunde zusammenfa\u00dfte. Er geleitete mich hinaus, nahm eine Kerze mit, mir bis an die Haust\u00fcre zu leuchten. Die B\u00e4ume rauschten leise, der Himmel hatte sich v\u00f6llig verdunkelt. Wie er die gekr\u00fcmmte Hand vors Licht hielt, mir den Schein auf den Weg zu werfen, ich mich noch einmal wandte, ihm ins Gesicht zu sehen, wir beide so allein, \u00fcber der Kerze die grenzenlose Finsternis, sein Blick noch einmal auf mir, sorglich, etwas vom Vater in seinem Blick, etwas von der Vaterschaft, die von jedem \u00c4ltern zu jedem J\u00fcngern geht, da trat in beiden ein unnennbares Gef\u00fchl hervor, ganz pl\u00f6tzlich: beide, ich wei\u00df es, f\u00fchlten beide \u2013 jeder sah sich und den andern dastehen, Gestalt gegen Gestalt, jeder sp\u00fcrte den Gebenden und den Empfangenden, das Geben und das Empfangen, und das ganz au\u00dferhalb seiner selbst, das ganze geisterhafte Geheimnis daran und die Finsternis dar\u00fcber, und so sagten wir uns Lebewohl.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zu Ende Juli abends gewahrte ich in der Andrianschen Villa, die sonst verschlossen war, ein offenes Fenster und sah einen jungen Mann sitzen, der, sich selber am Klavier begleitend, ohne Noten leidenschaftlich in die D\u00e4mmerung hineinsang. 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