{"id":88960,"date":"2003-11-15T00:01:24","date_gmt":"2003-11-14T23:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88960"},"modified":"2026-01-04T06:36:49","modified_gmt":"2026-01-04T05:36:49","slug":"blick-auf-jean-paul","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/11\/15\/blick-auf-jean-paul\/","title":{"rendered":"Blick auf Jean Paul"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Jean Pauls\u00a0Werk steht literaturgeschichtlich zwischen den Epochen der Klassik und Romantik. Eine Einordnung von Hugo von Hofmannsthal:<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geht der Blick hundertf\u00fcnfzig Jahre nach r\u00fcckw\u00e4rts, so trifft er den Lebensanfang dieses Dichters, der einst den Deutschen so teuer war, geht er um ein Jahrhundert zur\u00fcck, seine volle Gewalt und \u00fcberschwengliche Ber\u00fchmtheit, ein halbes Jahrhundert, seine Geringsch\u00e4tzung und drohende Vergessenheit. Aber auch heute lebt sein Werk noch fort, wenn es auch nur ein d\u00e4mmerndes Halbdasein ist. Ein wesenhaftes, geistiges Leben, in der Sprache ausgepr\u00e4gt, ist niemals v\u00f6llig abgetan, und wie eben in der \u00dcberlieferung eines gro\u00dfen Volkes alles da ist, \u00bbSt\u00e4rke und Schw\u00e4che, Keime, Knospen, Tr\u00fcmmer und Verfallenes neben- und durcheinander\u00ab, so sind auch diese Werke da, und wenn der Blick auf sie f\u00e4llt, scheinen sie widerzublicken und den Betrachtenden zu binden mit der Zauberkraft, die von jedem Leben ausgeht und ihm verliehen wurde zum Ersatz daf\u00fcr, da\u00df es ein Einmaliges, Nichtwiederkommendes ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wer sich aber einlassen will mit diesen seltsamen Lebensg\u00e4ngen und barocken Zusammenf\u00fcgungen, die zu durchlaufen unseren Gro\u00dfeltern so leicht und s\u00fc\u00df schien, dem widersteht das Ganze, und ihn verwirrt auch das Einzelne. Die Zusammenf\u00fcgung ist lose, die Handlung zugleich d\u00fcrftig und sonderbar, die Gestaltung schwach. In einem war dieser Dichter, den die Mitwelt den Einzigen nannte, den ein Herder \u00fcber Goethe stellte, gro\u00df; herrlich nennt ihn der strenge Grillparzer in diesem einen: im Abspiegeln innerer Zust\u00e4nde. Uns aber ist zuerst auch in diesem einen das \u00dcberschwengliche befremdlich, bis das Seelenhafte und trotz allem Wahre uns \u00fcberw\u00e4ltigt. Vielleicht ist uns dieser \u00dcberschwang darum so fremd, weil wir heute in einem anderen \u00dcberschwang, diesem entgegengesetzt, befangen sind. Das in Freude und Wehmut ausschweifende Ich ist selten unter uns, desto h\u00e4ufiger ein dumpfes, beschwertes, \u00e4ngstlich-selbsts\u00fcchtiges Wesen. Das Aufgeschlossene, die grenzenlos gesellige zarte Gesinnung ist uns verloren, statt dessen sind wir in die Materie zu viel und zu wenig eingedrungen, das allseitig Bedingte zieht uns in einen trostlosen Wirbel \u2013 das doch im geheimen auch allseitig frei ist, erkennten wir es nur so tief \u2013, wir sind wahrhaftig jene, \u00bbAnachoreten in der W\u00fcste des Verstandes, auf denen schwer das Geheimnis der Mechanik liegt\u00ab. Solchen Wechsel schaffen die Umst\u00e4nde der Zeit, die f\u00fcr das Ganze das sind, was f\u00fcr den Einzelnen die leibliche Verfassung. Die geistigen Ab- und Ausschweifungen wechseln von Geschlecht zu Geschlecht, aber auch ihr R\u00fcckstand und Bodensatz, das Gew\u00f6hnliche und Alberne, das, worin die Naivit\u00e4t und Beschr\u00e4nktheit einer Zeit liegt, wechselt bis zur Unbegreiflichkeit; darum gibt es kein Fern und Nah bei der Betrachtung der Vergangenheit, alles ist schwankend und unme\u00dfbar, das Geistige in dem Individuum von 1830 uns ganz nahe, das Fratzenhafte der Epoche uns ganz fern; da\u00df auch unsere eigene Zeit den Nachlebenden ein solches Gesicht zeigen wird, m\u00fcssen wir einsehen, ohne es begreifen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul teilte seine Gem\u00e4lde in die <i>italienischen<\/i> und die <i>niederl\u00e4ndischen;<\/i> eine dritte Weise, die <i>deutsche,<\/i> stellte er dazwischen, worin er beide zu verbinden suchte. In seiner italienischen Manier sind die gro\u00dfen Romane abgefa\u00dft, in denen es um hohe Gegenst\u00e4nde und die gro\u00dfen Verkn\u00fcpfungen des Lebens geht und die das Entz\u00fccken seiner Mitlebenden bildeten; in der niederl\u00e4ndischen und deutschen die kleinen Gem\u00e4lde der wehm\u00fctig-vergn\u00fcgten Anmut und des d\u00fcrftigen, eingeschr\u00e4nkten Lebens, worin auch f\u00fcr unseren Sinn neben dem Barocken das Zarte, Tiefsinnige und Unerwartete fast nicht zu ersch\u00f6pfen ist. Den gro\u00dfen Romanen aber, \u00bbTitan\u00ab, \u00bbHesperus\u00ab, deren Namen selbst die Geringsch\u00e4tzung der Jahrzehnte nicht v\u00f6llig haben klanglos machen k\u00f6nnen, waren mehr oder minder lose jene unvergleichlichen St\u00fccke eingef\u00fcgt, die wahrhaftige Gedichte sind und die in einer Bl\u00fctenlese zusammenzustellen immer wieder von solchen versucht werden wird, deren Sinn dem Sch\u00f6nen in der Dichtkunst aufgeschlossen ist. Denn wessen Geist das Sch\u00f6ne \u00fcberhaupt erfa\u00dft, der kann auch nicht an irgendeiner Art des Sch\u00f6nen stumpf vor\u00fcbergehen. Diese Gedichte, ohne Silbenma\u00df, aber von der zartesten Einheit des Aufschwunges und Klanges, sind die Selbstgespr\u00e4che und Briefe der Figuren, ihre Ergie\u00dfungen gegen die Einsamkeit oder gegen ein verstehendes Herz, ihre Tr\u00e4ume, ihre letzten Gespr\u00e4che und Abschiede, ihre Todes- und Seligkeitsgedanken; oder es sind Landschaften, Sonnenunterg\u00e4nge, Mondn\u00e4chte, aber Landschaften und Mondn\u00e4chte der Seele mehr als der Welt. Die deutsche Dichtung hat nichts hervorgebracht, das der Musik so verwandt w\u00e4re, nicht so Wehendes, Ahnungsvolles, Unendliches.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Bald ist es ein t\u00f6nendes Anschwellen der Seele in einem erhabenen Traumgesicht, bald die Mittagswehmut oder die Beklommenheit der D\u00e4mmerung; es ist ein Zittern, ein Auseinanderflie\u00dfen in tr\u00e4umende Ruhe, oder die Unendlichkeit einer letzten Begegnung, eines letzten Augenblicks, die Ahnung des Einganges der Welt und die vorausgeahnte Seligkeit des Vergehens.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In diesen Gesichten und Ergie\u00dfungen ist die <i>Ferne<\/i> bezwungen, der Abgrund des Gem\u00fcts, den von allen K\u00fcnsten nur die t\u00f6nende ausmi\u00dft; in den niederl\u00e4ndisch -deutschen Gem\u00e4lden aber oder den Idyllen, wie man sie wohl nennen mu\u00df, ist es das <i>Nahe,<\/i> das mit einer unbegreiflichen Kraft seelenhaft aufgel\u00f6st und verg\u00f6ttlicht ist. Auch diese kleinen Dichtungen, der \u00bbSiebenk\u00e4s\u00ab, der \u00bbQuintus Fixlein\u00ab, der \u00bbJubelsenior\u00ab und vor allem das \u00bbLeben des vergn\u00fcgten Schulmeisterlein Maria Wuz in Auenthal\u00ab, sind f\u00fcrs erste nicht leicht zu lesen. Hier gleichfalls ist in einer barocken Weise alles zusammengef\u00fcgt und durcheinander hingebaut, alles ist Anspielung und Gleichnis, neuerfundene W\u00f6rter und absonderliche Kunstw\u00f6rter, zusammengetragen aus der Sternkunde und Anatomie, der Gartenkunst oder dem Staatsrecht wie der Kochkunst; aber zwischen dem allen dringt etwas hervor, das wahre Poesie ist, vielleicht noch seltener und kostbarer als jene Ahnungen und Tr\u00e4ume. Nach einer erhabenen Ferne strebt in Tr\u00e4umen und halben Tr\u00e4umen etwa auch ein zerrissenes und zweideutiges Gem\u00fct, aber um das v\u00f6llig Nahe in seiner G\u00f6ttlichkeit zu erkennen, dazu bedarf es eines vor Ehrfurcht zitternden und zugleich gefa\u00dften Herzens, denn eben weil es das Nahe und \u00fcberall dicht an uns Herangedr\u00e4ngte ist, so \u00fcberw\u00e4chst sichs schnell mit der Dunkelheit des Lebens, geht wieder hin, wie nie geboren. So ist es mit dem Unsagbaren zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau, auch zwischen Freunden und miteinander Lebenden. Hier bed\u00fcrfte es einer beharrenden Spannung des Herzens, der aber der Mensch ebensowenig f\u00e4hig ist wie eines best\u00e4ndigen Gebetes. Nur in Aufschw\u00fcngen vermag er sich zu einem grenzenlos innigen Anschauen zu erheben, wo dann Gro\u00df und Klein, Verg\u00e4nglich und Best\u00e4ndig als leere Worte dahinterbleiben. Die Jean Paulschen h\u00f6chsten Momente sind dieser Art. Sie heften sich immer an das Kleine und Allt\u00e4gliche; es ist in diesen idyllischen Erz\u00e4hlungen von nichts die Rede als von dem Gew\u00f6hnlichen der Leiblichkeit und der niedrigen Regungen des Geistigen, die fast wieder ins Leibliche fallen, den kleinen Eitelkeiten, \u00c4ngstigungen und Befriedigungen des Alltags. Der Leser h\u00f6rt viel von dem Zubeh\u00f6r der Kleidung, Bettzeug, K\u00fcchenger\u00e4t und anderen D\u00fcrftigkeiten, womit vierundzwanzig Stunden des Alltags und der Raum zwischen Stubenwand und Fensterscheiben ausgef\u00fcllt sind. Aber dem Blick des Gem\u00fcts, der zart und gespannt genug ist, auf stummen Nichtigkeiten und Wehmut und Z\u00e4rtlichkeit zu verweilen, steht ein redender Himmel offen, wenn blo\u00df nur in einem alten Gesicht das Kindergesicht sich aufschl\u00e4gt, worin das Unsagbarste uns auf die Seele f\u00e4llt und Leben und Tod ineinandergehen. Diese beharrliche liebende Betrachtungskraft \u2013 von wie vielen vergeblich nachgeahmt, nicht nur dem zarten Stifter, sondern auch dem strengen Hebbel, dem witzigen Heine \u2013 tr\u00e4gt den Segen in sich, da\u00df vor ihr wie das H\u00e4\u00dfliche so auch der Schmerz sich aufl\u00f6st, ja die Nichtigkeit des Daseins selber sich vernichtigt: so wirkt sie, woran aller Schwung und Tiefsinn des angespannten Denkens scheitert: die kleine Wirklichkeit unseres Lebens liegt in diesen Dichtungen tr\u00f6stlich da und umfriedigt. Diese B\u00fccher und die in ihnen webende Gesinnung m\u00f6gen halb vergessen sein und allm\u00e4hlich noch mehr in Vergessenheit geraten, wie leicht m\u00f6glich ist, es ist gleichwohl in ihnen etwas vom tiefsten deutschen dichterischen Wesen wirkend, das immer wieder nach oben kommen wird: <i>das Nahe so fern zu machen und das Ferne so nah, da\u00df unser Herz sie beide fassen k\u00f6nne.<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_14179\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14179\" class=\"size-full wp-image-14179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-14179\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul, Gem\u00e4lde von Heinrich Pfenninger, 1798<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Lesen Sie sowohl den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14142\">Essay <\/a>\u00fcber Jean Paul auf KUNO, als auch feinstes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15875\">Rezensionsfeuilleton <\/a>von Wolfgang Schlott.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Pauls\u00a0Werk steht literaturgeschichtlich zwischen den Epochen der Klassik und Romantik. 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