{"id":88931,"date":"2016-05-03T00:01:10","date_gmt":"2016-05-02T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88931"},"modified":"2022-02-18T11:34:06","modified_gmt":"2022-02-18T10:34:06","slug":"shakespeares-koenige-und-grosse-herren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/05\/03\/shakespeares-koenige-und-grosse-herren\/","title":{"rendered":"Shakespeares K\u00f6nige und gro\u00dfe Herren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vor 400 Jahren starb William\u00a0Shakespeare. Hugo von Hofmannsthal mit einem Essay \u00fcber den Menschenerfinder<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube zu wissen, was Sie bewogen haben kann, mich hierher zu rufen, damit ich vor Ihnen spreche. Es war keinesfalls der Drang, etwas Neues zu erfahren; keinesfalls konnten Sie erwarten, da\u00df ich den Lasten des Wissens um Shakespeare, mit denen Ihre Speicher \u00fcberf\u00fcllt und Ihre Schiffe bis zum Sinken \u00fcberfrachtet sind, auch nur eine Handvoll des Meinigen als einen substantiellen Gewinn hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnte; keine der Dunkelheiten, wofern es noch Dunkelheiten gibt, mit denen Sie ringen, konnte von mir ihre Durchleuchtung erhoffen, keine der Feststellungen, welche Sie von fr\u00fcheren Generationen \u00fcbernommen haben und den Generationen hinter uns gereinigt und vertieft hinterlassen, konnte aus meinem Munde ihre Bekr\u00e4ftigung zu empfangen w\u00fcnschen. Aber vielleicht f\u00fchlen Sie sich beengt und beinahe ge\u00e4ngstigt durch soviel aufgestapelten Reichtum; vielleicht bet\u00e4ubt Sie manchmal der ungeheure Strom einer Tradition, in dessen verworrenem Rauschen sich die Stimme Herders mit der Stimme von Sarah Siddons vermengt. Und eine Stimme in Ihnen \u2013 war es Erinnerung oder Intuition? \u2013 gemahnte Sie, da\u00df es neben der reinen Leidenschaft des Verstehens noch eines zweideutigen Elementes, eines geheimnisvollen hybriden Organs bed\u00fcrfe, um den rechten Zauber zu wirken: da traten Sie aus dem stillen Gemach des Forschers heraus in den Wald des Lebens, und, wie der Zauberer nach dem Alr\u00e4unchen, griffen Sie nach irgendeinem Lebendigen, griffen Sie nach mir und stellten mich in diesen Kreis. Gewohnt, das wundervolle Ph\u00e4nomen in seine Elemente zu zerlegen und in den flutenden Str\u00f6men seines geteilten Lichtes mit Ihrem Denken zu wohnen, verlangt es Sie manchmal, einen Lebenden von drau\u00dfen hereinzurufen, in dessen Seele dies unzerlegte Ganze Shakespeare anpocht, wie das einla\u00dfbegehrende Schicksal; f\u00fcr dessen Augen dies ungeteilte Licht die Abgr\u00fcnde und die Gipfel des Daseins bestrahlt. Und in Ihrem Ged\u00e4chtnis, in dem eine fast grenzenlose Tradition lebendig ist, regt sich ein altes Wort, zuweilen verdunkelt und doch nie ganz vergessen: es seien dies die wahren Leser Shakespeares und in ihnen Shakespeare auch einzig wahrhaft lebendig, die eine B\u00fchne in sich tr\u00fcgen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Gabe der inneren Darstellung &#8230; die ganz bestimmte Produktivit\u00e4t: die Aktion, wie sie auf dem Papier, in sich selbst als eigenstes Erlebnis hervorzubringen\u00ab, um dieses Dinges willen \u2013 und die Worte, mit denen ich es umschreibe, sind Worte eines aus Ihrer Mitte \u2013, lassen Sie mich glauben, da\u00df Sie mich hergerufen haben. Um dieses Dinges willen, und weiter mit den Worten Karl Werders: \u00bbShakespeares Sachen sind Darstellung, nicht blo\u00dfe Schilderung. Wer sich von ihm nur erz\u00e4hlen lassen will, der mi\u00dfversteht ihn. Wer ihn nur h\u00f6rt, indem er ihn liest, liest ihn nur halb und mi\u00dfh\u00f6rt ihn darum. Gespielt will er sein: weil dann das mitgeh\u00f6rt und mitgesehen wird, was er nicht sagt und nicht sagen darf- wenn er so echt und gro\u00df sein will, wie er ist. Wollte er sagen, was f\u00fcr jene Unproduktiven n\u00f6tig w\u00e4re, um ihn, ohne da\u00df er ihnen vorgespielt w\u00fcrde, zu verstehen, so m\u00fc\u00dfte er aufh\u00f6ren, Shakespeare zu sein.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mich an diese Worte halte und bedenke, da\u00df sie bei Ihnen Tradition sind, unverlierbare Tradition wie alles definitiv Wahre und Kluge, das einer der M\u00e4nner ihres Faches jemals hingeschrieben hat, und wenn ich mich zugleich des Abschnittes aus Otto Ludwigs Studien erinnere, dessen erste Zeile lautet: \u00bbShakespeare hat seine St\u00fccke aus dem Herzen der Schauspielkunst herausgeschrieben\u00ab und dessen sp\u00e4tere S\u00e4tze die tiefsten dichterischen Probleme streifen, so ist es mir v\u00f6llig durchsichtig, was Sie bewogen haben kann, mich hierher zu rufen: Sie vermuteten, ich m\u00fcsse es verstehen, Shakespeare mit der Phantasie zu lesen. Um den Leser Shakespeares war Ihnen zu tun, um einen, von dem Sie jene \u00bbganz bestimmte Produktivit\u00e4t\u00ab voraussetzen und fordern d\u00fcrften; und mir ist, wenn ich Ihre Nachsicht nicht verscherzen will, so darf ich Ihnen von nichts sprechen als von dem, was eine Lust ist und eine Leidenschaft, eine bewu\u00dfte empfangene Gabe, eine angeborene Kunst viel leicht wie Fl\u00f6tenspielen oder Tanzen, eine zerr\u00fcttende und stumme innere Orgie: vom Lesen Shakespeares.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich spreche nicht von denen, die Shakespeare lesen wie die Bibel oder sonst ein wahres oder gro\u00dfes Buch. Nicht von denen, die ihre vom Leben erm\u00fcdeten und gewelkten Gesichter \u00fcber diesen tiefen Spiegel beugen, um zu sehen: \u00bbSo war es immer, so ging es stets\u00ab und sich die \u00bbBrust des argen Stoffes zu entladen\u00ab. Nicht von denen, deren Herz voll ist mit \u00bbdem Schimpf, der auf dem armen Manne haftet\u00ab, mit \u00bbdes Rechts Verz\u00f6gerung, der \u00c4mter Frechheit\u00ab, mit all den \u00fcbrigen so furchtbar wirklichen \u00dcbeln aus Hamlets Monolog. Ich spreche nicht von allen diesen, die zu den weisesten aller B\u00fccher sich kehren, schutzsuchend, wenn sich vor ihrem emp\u00f6rten Auge der Lauf der Welt gr\u00e4\u00dflich verrenkt hat. Aus ihnen zwar scheint sich mir das innere Mark von Shakespeares Werk stetig zu ern\u00e4hren. Aber die, von denen ich sprechen will, sind es, aus denen sich auch die bl\u00fchende Haut ern\u00e4hrt und immerfort den ganzen gespannten Glanz der Jugend beh\u00e4lt. Es sind die, f\u00fcr deren Leidenschaft in jedem Werk Shakespeares ein Ganzes lebt. Jene andern, welche die Erfahrung zu Shakespeare zur\u00fcckgetrieben hat, sind mit ihrer Seele, die vom Schmerz und der H\u00e4rte des Lebens gewaltsam gekr\u00fcmmt ist, wie der K\u00f6rper eines Musikinstrumentes, der wundervolle Resonanzboden f\u00fcr den Fall der Hoheit, Erniedrigung der Guten, die Selbstzerst\u00f6rung der Edlen und das gr\u00e4\u00dfliche Geschick des zarten dem Leben preisgegebenen Geistes. Aber die, von denen ich sprechen will, sind ein Resonanzboden nicht nur f\u00fcr dies allein, sondern noch f\u00fcr tausend viel zartere und viel verstecktere, viel sinnlichere und viel symbolhaftere Dinge, aus deren verflochtener Vielfalt sich die geheimnisvolle Einheit zusammensetzt, deren leidenschaftliche Diener sie sind. F\u00fcr sie existieren nicht blo\u00df die gro\u00dfen Geschicke, die j\u00e4hen Wendungen des Schicksals, die riesenhaften Zusammenbr\u00fcche \u2013 wenn die T\u00f6chter Lears in die Burg hineingehen, weil ein rauhes Wetter losbricht, und die schwere T\u00fcr hinter ihnen sich dr\u00f6hnend schlie\u00dft, und der alte Mann dasteht, preisgegeben sein wei\u00dfes Haar dem Sturm und schweren Regen, sein Herz der finstern Nacht und dem Taumel des hilflosen Zorns; wenn Macbeth und seine Frau im d\u00e4mmernden Burghof die Blicke ineinanderbohren und halbe Worte tauschen; wenn Othello immer wieder aus einer T\u00fcr heraustritt in den Hof, oder aus einer andern T\u00fcr auf den Wall, und Jago ist immer einen Schritt hinter ihm, immer dicht an ihm, und die Rede flie\u00dft aus seinem Mund wie ein fressendes Gift, wie ein verzehrendes, nicht zu l\u00f6schendes Feuergift, das durch die Knochen ins Mark fri\u00dft, und der andere horcht immer und gibt mit schwerer Zunge, mit einer Zunge, die sich im Mund windet wie ein Schlachtopfer, die Einreden, und sein Aug w\u00e4lzt sich blutunterlaufen, so hilflos wie eines gemarterten Stieres Aug in der H\u00f6hlung, und der andere hat immerfort die F\u00e4nge in seinen Eingeweiden, und so schleift er ihn hinter sich, der Stier den Hund, durch Zimmer und G\u00e4nge, T\u00fcren und H\u00f6fe, und nie kommen sie auseinander, als bis zuletzt im Todeskampf &#8230; f\u00fcr die unabl\u00e4ssige Bewunderung derer, von denen ich Ihnen spreche, sind diese Dinge, obgleich sich nichts von Menschen Geschaffenes mit ihnen vergleichen l\u00e4\u00dft, nicht das Einzige, um dessentwillen sie sich in diese von einem Geist erbaute Welt verlieren. F\u00fcr sie gibt es hier noch unbegrenzte andere Begegnungen, bei denen nicht die Seele sich angstvoll ins Dunkel dr\u00fcckt und zu sich selber ruft: Guarda e passa! Diese Gedichte sind nicht einzig erf\u00fcllt mit Dingen, deren Anblick aus der gleichen Ordnung der Dinge ist wie der Maelstrom, das brandende, finstere Meer, der Bergsturz oder das im Tode erstarrende menschliche Gesicht. Nicht alles in ihnen haucht die grauenvolle Einsamkeit aus, welche um die ungeheuersten Geschicke herumschwebt wie um die Wipfel der eisigen Berge. Zuweilen sind in einem dieser Gedichte die menschlichen Geschicke, die dunklen und die schimmernden, ja selbst die Qualen der Erniedrigung und die Bitternis der Todesstunde zu einem solchen Ganzen verflochten, da\u00df gerade ihr Nebeneinandersein, ihr Ineinander\u00fcbergehen, Ineinanderaufgehen etwas wie eine tief ergreifende, feierlich -wehm\u00fctige Musik macht, wie in \u00bbHeinrich VIII.\u00ab der Sturz Wolseys und dann seine Fassung, der reine Klang seiner gro\u00dfen resignierten Worte, mit dem Sterben der K\u00f6nigin Katharina, diesem Verklingen einer sanften, leidenden Stimme, und der Festmusik, die um den K\u00f6nig und die neue K\u00f6nigin herum ist, sich unl\u00f6slich zu einem melodischen Ganzen verbindet, das einer Sonate von Beethoven in der F\u00fchrung des Themas und in den pathetischen Bestandteilen man kann kaum sagen wie nahe verwandt ist. Und in den romantischen St\u00fccken, im \u00bbSturm\u00ab, in \u00bbCymbeline\u00ab, in \u00bbMa\u00df f\u00fcr Ma\u00df\u00ab, \u00bbWie es euch gef\u00e4llt\u00ab, im \u00bbWinterm\u00e4rchen\u00ab, ist das Ganze so durchwoben von dieser Musik, vielmehr es m\u00fcndet alles in sie hinein, es gibt sich alles an sie hin, alles was nebeneinander steht, was gegeneinander atmet und seinen Atem in Ha\u00df oder Liebe vermischt, was aneinander vor\u00fcberstreift, was sich aneinander entz\u00fcckt oder entsetzt, was lieblich und was l\u00e4cherlich ist, ja was da ist und was nicht da ist \u2013 soferne ja in jedem Gedichte auch die Dinge mitspielen, die nicht in ihm vorkommen, indem sie rings um das Ganze ihre Schatten legen \u2013 alles miteinander gibt erst die unnennbar s\u00fc\u00dfe Musik des Ganzen, und eben von dem, der diese h\u00f6rt, wollte ich Ihnen ja sprechen. Denn er ist es, der Shakespeare mit der ganzen Seele, mit dem ganzen Gem\u00fct und aus allen seinen Kr\u00e4ften liest, und von ihm, in dem diese Leidenschaft wohnt, lassen Sie mich sprechen wie von einer Figur, so sprechen wie Milton in seinen Versen von dem Leichtherzigen und dem Schwerm\u00fctigen spricht, oder La Bruy\u00e8re von dem Zerstreuten und dem Ehrgeizigen. Mir ist, als h\u00e4tten diese St\u00fccke wie \u00bbCymbeline\u00ab und \u00bbDer Sturm\u00ab und die anderen die Kraft, sich immer wieder in der Phantasie eines sch\u00f6pferischen Lesers eine innere B\u00fchne zu schaffen, auf der ihr Ganzes leben und ihre Musik t\u00f6nen kann, so wie sich die Gestalten des Lear und des Shylock, des Macbeth und der Julia immer wieder den Leib eines genialen Schauspielers unterjochen, um in diesem zu leben und zu sterben, und wirklich sind der Leser Shakespeares und der Schauspieler Shakespeares nahe verwandt. Nur da\u00df um den einen sich<i> eine<\/i> der Gestalten herumlegt wie eine Haut, und in dem anderen alle gleichzeitig leben wollen. Dem einen winkt ein Schatten abseits: \u00bbGib mir dein ganzes Blut zu trinken\u00ab, den andern umdr\u00e4ngt ein ganzer Schwarm. Ich glaube genau so, mit dem geheimnisvollen Erwachen einer \u00bbbestimmten Produktivit\u00e4t\u00ab, an einem Tage, der nicht wie alle Tage ist, unter einem Wind und Wetter, das nicht ist wie sonst Wind und Wetter, erzwingt sich die Gestalt, vom Schauspieler gespielt zu werden \u2013 und er sp\u00fcrt, ohne Willen, diese mu\u00df er, einmal mu\u00df er sie spielen \u2013, und erzwingt sich das St\u00fcck:<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00bbHeute liest du mich und ich lebe in dir.\u00ab<\/span><\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich glaube nicht, da\u00df einer, \u00bbder eine B\u00fchne in sich tr\u00e4gt\u00ab, an dem Tage h\u00e4tte \u00bbRomeo und Julia\u00ab lesen k\u00f6nnen, wo es ihm bestimmt war, den \u00bbSturm\u00ab zu lesen. Vielleicht griff er nach \u00bbRomeo und Julia\u00ab; er bl\u00e4tterte darin, aber das Buch lie\u00df ihn kalt. Es verlockte ihn nicht. Die Reihen der Verse, auf die sein Auge fiel, waren ihm heute stumpf und nicht wie lebendige Augen, nicht wie Blumenkelche, in die man hinabschauen kann bis auf den Grund. Die \u00dcberschriften des Aktes und der Auftritte, auf die sein Auge fiel, waren ihm heute nicht wie ein verstecktes Pf\u00f6rtchen in einer geheimnisvollen Mauer, nicht wie schmale Lichtungen, die sich auftun und ins d\u00e4mmernde Herz des Waldes f\u00fchren. Er legte den Band wieder hin und schon wollte er ohne Shakespeare ins Freie gehen. Da fiel sein Blick auf dieses Wort: \u00bbThe Tempest\u00ab. Und er wu\u00dfte in einem Blitz: \u00bbIch vermag Leben zu spenden. Ich vermag heute diese Wesen Prospero und Miranda und Ariel und Caliban in mir st\u00e4rker aufleben zu lassen, als ein Wasser verwelkte Blumen aufleben macht. Heute oder nie bin ich die Insel, auf der diese alle gelebt haben. Heute oder nie trage ich die H\u00f6hle in mir, vor deren Eingang Caliban sich sonnt, das Dickicht von hohen unglaublichen B\u00e4umen, in deren Wipfeln Ariel hingleitet wie ein zauberhafter Vogel, die Luft dieser Insel, eine s\u00fcdliche Abendluft aus Gold und Bl\u00e4ue, in der Mirandas Sch\u00f6nheit schwimmt wie ein Meereswunder in seinem Element. Heute oder nie bin ich alle diese zugleich, bin Prosperos Hoheit und Ferdinands Jugend, Ariels geisterhafte dienende Liebe und Calibans Ha\u00df, bin Antonio der B\u00f6se, Gonzalo der Ehrliche, Stephano der betrunkene Schuft. Warum auch sollte ich nicht alle diese sein? In mir sind so viele. In mir begegnen sich so viele.\u00ab \u2013 Wirklich, in jedem von uns leben mehr Wesen, als die wir uns eingestehen wollen. Irgendwo in uns liegen immer die Schatten knabenhafter, grausiger D\u00e4mmerstunden und bilden eine H\u00f6hle, in der Caliban wohnt. Es ist soviel Raum in uns: wir haben \u00fcber manches, das in uns herumtreibt, nicht mehr Gewalt als der Reeder gegen seine \u00fcbers Meer taumelnden Schiffe. \u2013<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">So geht er hinaus und hat den \u00bbSturm\u00ab in der Tasche. Die Wiese ist zu nah der Stra\u00dfe, der Wald ist schon zu dunkel. Lange schlendert er hin und her, lange kann er sich nicht entschlie\u00dfen, bevor er auf einem Baumstamm sich hinl\u00e4\u00dft und zwischen Sommerf\u00e4den und moosige Zweige das magische Theater projiziert. Noch bedarf es einer letzten Steigerung innerer Kr\u00e4fte, er mu\u00df sich selber verl\u00f6schen, sich selber versinken, ganz leer sein, ganz Schauplatz, ganz jene Insel, ganz B\u00fchne. Da tritt Prospero aus der H\u00f6hle, ein Schatten von M\u00fcdigkeit ist auf seinem adeligen Gesicht, und Mirandas Blumenh\u00e4nde greifen nach der Spange, ihm den dunklen Zaubermantel von der Schulter zu l\u00f6sen. Und nun ist er, der Leser, nur ein Instrument: nun spielt das Buch auf ihm.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie werden mir sagen, da\u00df mein Leser Charles Lamb oder Th\u00e9ophile Gautier hei\u00dft, da\u00df er ein Dichter ist, in welchem fremde Gedichte nochmals lebendig werden. Aber dies ist ganz gleich. Worauf es ankommt, das ist die Musik Shakespeares und da\u00df immer wieder welche da sein m\u00fcssen, denen es verliehen ist, die ganze Musik dieser Gedichte zu h\u00f6ren. Aber die ganze, die ganze. \u2013 Da ist \u00bbMa\u00df f\u00fcr Ma\u00df\u00ab. Ein Ding voll H\u00e4rte, mit finsteren Stellen, mit einer sonderbaren spr\u00f6den Mischung des Hohen und des Niedrigen. Schwieriger in den Worten, minder schnell uns ergreifend in den Motiven als die \u00fcbrigen. Ein Ding, das erst lebt, wenn man seine ganze Musik einmal geh\u00f6rt hat. Es gleicht den Gesichtern gewisser seltener Frauen, deren Sch\u00f6nheit nur der wei\u00df, der mit ihnen gl\u00fccklich war. Wie furchtbar ist dieser Vorgang an sich, diese Geschichte von dem ungetreuen Richter, ungetreu seinem Amt, ungetreu dem armen Verurteilten, ungetreu der guten Schwester, wie hart und finster ist dies alles, wie das Herz zusammendr\u00fcckend, emp\u00f6rend, aufreizend, absto\u00dfend. Wie hart und finster, wie wehtuend ist Claudios Geschick, seine Todesangst, das Anklammern an den Strohhalm, der ihn retten kann. Und dies alles um eines unsinnigen Gesetzes willen, um einer Sache willen, die nicht besser ist als ein alberner Zufall, eine \u00bbNiete in der Lotterie\u00ab. Und auf dies Unheil, das uns aufreizt, wieder Unheil gepfropft. Und welch ein wundervolles Ganzes aus alledem! Welche Lichter auf dem Finsteren, welches Leben des Schattens durch das Licht. In dem Mund dessen, der sterben soll, und der Angst hat vor dem Sterben, welche T\u00f6ne, welche Beredsamkeit, welche Worte, kl\u00fcger als er selbst, tiefer als seine seichte Tugend \u2013 wie pre\u00dft der Tod den besten Saft aus ihm heraus. Und in dem Mund des M\u00e4dchens, das hilflos ist, das verraten ist, welche Kraft, welches Schwert Gottes auf einmal in ihrer Hand! Und nun die vielen anderen. Wie sie durcheinander hinleben, wie ihr blo\u00dfes Auch-da-Sein die Luft anders macht: das Dasein dieses alten M\u00f6rders Barnardine, der seit sieben Jahren zum Tode verurteilt ist, neben diesem Knaben Claudio, der es seit vierundzwanzig Stunden ist. Und das Dasein des stillen Klosters mit Bruder Thomas und Bruder Peter, mit soviel Ruhe, soviel Geborgenheit neben diesem Kerker, neben dem Palast, darin der b\u00f6se Angelo haust wie die giftige Spinne im Mauerwerk. Und auf einmal sind wir drau\u00dfen aus der Stadt, da sitzt Mariana vor dem \u00bbMeierhof, um den ein Graben l\u00e4uft\u00ab, und eines Knaben Stimme singt das s\u00fc\u00dfe Lied: \u00bbHeb, o heb die Lippen weg!\u00ab &#8230; Und zwischen diesem und jenem, der alles verbindet wie ein Chorus, der verkleidete Herzog, der hier die leben sieht, die er sonst nur von oben, von ferne gesehen hat, er, dessen Anwesenheit unser Herz beruhigt wie im bangen Traum ein tiefes Wissen: wir tr\u00e4umen nur, und aus dessen Mund Worte fallen, so mit nichts zu vergleichende Worte \u00fcber das Leben und das Sterben. Und zwischen diesen Gestalten, damit noch \u00fcberall Leben ist und das Licht \u00fcberall \u00fcber lebendes Fleisch hinspielt und der Schatten \u00fcberall Lebendes modelliert, noch diese ganze Gesellschaft von gemeineren, niedrigeren Menschen, und doch auch der mindeste von ihnen nicht ganz entbl\u00f6\u00dft von irgend einer G\u00fcte oder Witz, oder einer Art von Grazie oder H\u00f6flichkeit, nicht ganz ohne die F\u00e4higkeit, Sympathie zu \u00e4u\u00dfern oder etwas Gutes zu sagen oder einen guten Vergleich zu machen, und zwischen allen diesen Gestalten welche Lebensluft, welch ein Miteinander-auf-der-Welt-Sein, welche kleine und doch unerme\u00dfbar tiefe Zartheiten gegeneinander, welcher Austausch von Blicken voll Mitleid oder Spott \u2013 welch ein Ganzes, nicht der Berechnung, nicht des Verstandes, nicht einmal der Emotionen, ein Ganzes nicht aus dem Gesichtspunkt der Farben allein, nicht aus dem der Moral allein, nicht aus dem der Abwechslung von Schwer und Leicht, von Traurig und Heiter allein, sondern aus allem diesen zusammen welch ein Ganzes \u00bbvor Gott\u00ab, welch eine Musik!<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">In der Auff\u00fchrung von \u00bbWas ihr wollt\u00ab durch Beerbohm Tree und seine Truppe endet das St\u00fcck \u2013 und man sagt, das ist nicht der geniale Einfall eines Regisseurs, sondern eine alte englische B\u00fchnentradition \u2013 so, da\u00df jeder Herr seiner Dame die Hand reicht, und so, paarweise, der Herzog und Viola und Olivia und Sebastian und hinter ihnen drein das Gefolge, tanzen sie \u00fcber die B\u00fchne hinaus, Hand in Hand, die einander entz\u00fcndet und gequ\u00e4lt, einander gesucht und get\u00e4uscht und begl\u00fcckt, und so waren alle nur die Figuren eines Tanzes mit Suchen und Nichtfinden, mit dem Haschen nach dem Falschen und dem Fliehen des Richtigen, und dies ist nun die letzte Figur und einen Augenblick weht etwas dar\u00fcber hin wie ein Schatten, der Schatten eines Denkens an den Totentanz, der auch alles gleichmacht, wie hier alles gleich ist und alles zusammen, die H\u00e4nde in den H\u00e4nden, eine doppelte Kette macht, eine \u00bbFigur\u00ab, in der das einzelne Schicksal nur soviel Wert hat wie der bunte Fleck in einem Ornament, wie das einzelne Thema in einer gro\u00dfen Musik. Und wenn diese aus einer alten Tradition gesch\u00f6pft ist, so war es doch einmal, beim erstenmal, der geniale Einfall eines Regisseurs, der dieses wundervolle Symbol erfunden hat, die menschlichen K\u00f6rper, in deren Geb\u00e4rden er f\u00fcnf Akte lang das Erlebnis jedes einzelnen ausgedr\u00fcckt hatte, im letzten Augenblick durch einen Rhythmus zusammenzubinden und in ihnen die Ganzheit dieses Ganzen auszudr\u00fccken. Und auch dieser Regisseur, werden Sie sagen, war ein Dichter. Aber das ist er immer, jeder sch\u00f6pferische Regisseur ist ein Dichter und immer wieder von Zeit zu Zeit nimmt das Schicksal aus denen, die \u00bbeine B\u00fchne in sich tragen\u00ab und in schwelgerischer Einsamkeit Shakespeare f\u00fcr sich spielen, einen heraus und gibt ihm eine wirkliche B\u00fchne. Und so blitzt unter den hunderten B\u00fchnen, auf denen Shakespeare zum Schein gespielt wird \u2013 ich meine, auf denen er gespielt wird, weil es so hergebracht ist, oder weil er zum Bestand des Repertoires geh\u00f6rt, oder weil er gute Rollen enth\u00e4lt \u2013, eine B\u00fchne auf, wo er aus Leidenschaft gespielt wird, und wie Macbeth und Shylock und Othello und Julia immer wieder die Seele und den Leib eines genialen Schauspielers unterjochen, so unterjocht die Musik der ganzen St\u00fccke immer wieder die Seele eines sch\u00f6pferischen Regisseurs und das Ger\u00fcst einer jungen B\u00fchne und lebt aufs neue. Denn das Lebendige lebt nur vom Lebendigen und Flamme nur von dem, was verbrennen will.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da ich ank\u00fcndigen lie\u00df, ich wolle Ihnen von den K\u00f6nigen und den gro\u00dfen Herren bei Shakespeare sprechen, so war damit eingestanden, da\u00df ich Ihnen von nichts anderem sprechen will als von dem Ganzen in Shakespeares Werk. Es ist, als h\u00e4tte ich gesagt, ich wollte von feierlichen und erhabenen T\u00f6nen in Beethovens Symphonien, oder ich wollte vom Licht und den Farben bei Rubens sprechen. Denn wie ich dies ausspreche: \u00bbK\u00f6nige und gro\u00dfe Herren\u00ab, so \u00fcberflutet sich Ihr Ged\u00e4chtnis mit einem Gedr\u00e4nge von Gestalten und Geb\u00e4rden, dem keine Vision zu vergleichen ist, es w\u00e4re denn die jenen Greisen auf den Mauern von Troja zuteil wurde, als sich vor ihren Augen die Staubwolken teilten und die Sonne auf den Harnischen und den Gesichtern der unz\u00e4hlbaren den G\u00f6ttern nahverwandten Helden brannte. In Ihnen dr\u00e4ngt mehr an Gestalten, an Bildern, an Gef\u00fchlen herauf, als Sie fassen k\u00f6nnen. Sie f\u00fchlen sich zugleich an Lear erinnert, der ein K\u00f6nig, jeder Zoll ein K\u00f6nig, und an Hamlet, der ein Prinz, so durch und durch ein Prinz ist; und wie sehr an Richard II., diesen \u00e4lteren Bruder Hamlets, der so viel von seinem k\u00f6niglichen Blut spricht, um dessen Schultern der K\u00f6nigsmantel h\u00e4ngt, qualvoll wie jenes Kleid, getaucht in das Blut des Nessus, das endlich herabgerissen wird, und da erst recht den Tod bringt. Und das Gesicht Heinrichs VI., bleich, als w\u00e4re der Kopf abgehauen und auf eine Zinne gepflanzt, ist einen Augenblick in Ihnen, und das Gesicht des milden Duncan. Sie sehen blitzschnell irgend eine gebietende, mehr als k\u00f6nigliche Geb\u00e4rde des Antonius, und es weht Sie ein Hauch an von dem Geisterk\u00f6nigtum Prosperos auf seiner Insel und dem M\u00e4rchenk\u00f6nigtum jener idyllischen K\u00f6nige im roten langen Mantel mit Herrscherst\u00e4ben in den H\u00e4nden, Leontes von Sizilien und Polyxenes von Arkadien und Cymbeline und Theseus. Aber diese Flut steigt immer h\u00f6her, und Sie sehen in ein Gewirr adeliger Geb\u00e4rden hinein, da\u00df Ihnen schwindelt. Die Geb\u00e4rden des Gebietens und der Verachtung, des hochfahrenden Trotzes und des Edelmutes funkeln vor Ihren Augen wie tausend sich kreuzende Blitze. Diese Worte \u00bbK\u00f6nige und gro\u00dfe Herren\u00ab haben auf ein Ged\u00e4chtnis, dessen Tiefen mit Shakespeare getr\u00e4nkt sind, eine Macht, immer wieder neue Fluten aus allen Brunnen emporsteigen zu lassen. \u00dcberschwemmt von Gestalten und nicht mehr zu gestaltenden Visionen werden Sie in sich nach einem Wort suchen, um diese ganze Geisterwelt wieder in einen Begriff zusammenzuballen. Sie f\u00fchlen, da\u00df jene Worte nicht nur drei Viertel aller Gestalten heraufbeschw\u00f6ren, die Shakespeare geschaffen hat, sondern auch das, was zwischen diesen Gestalten vorgeht, und auch zwischen diesen Gestalten und den niedrigeren, die neben ihnen da sind; da\u00df diese Worte nicht nur auf die Gestalten selbst Bezug haben, sondern auch auf den leeren Raum, der um sie herum ist, und auf das, was diesen leeren Raum erf\u00fcllt und was die Italiener \u00bbl&#8217;ambiente\u00ab, das Ringsherumgehende, nennen. Sie werden gewahr, da\u00df es wirklich etwas gibt, das in dieser Welt Shakespeare von einem Punkt zum anderen hin\u00fcberleitet, wirklich etwas Gemeinsames zwischen der Szene, da Kent, der Unerkannte, dem Lear seine Dienste anbietet, \u00bbweil in diesem Gesicht etwas sei, dem er dienen m\u00f6chte\u00ab, und jener Waldidylle von den S\u00f6hnen des K\u00f6nigs Cymbeline, die in der H\u00f6hle aufwachsen, fessellos wie junge sch\u00f6ne Tiere und doch von k\u00f6niglichem Blut; zwischen dem finsteren Gegeneinanderstehen der englischen Barone in den K\u00f6nigsdramen und dem g\u00fctigen Gebieterton, in dem der edle Brutus zu seinem Pagen Lucius redet; zwischen dem Ton des adeligen Feldhauptmanns Othello, ja zwischen Cleopatra, die eine K\u00f6nigin, und Falstaff, der \u2013 after all \u2013 ein Edelmann ist. Sie f\u00fchlen wie ich dies Unw\u00e4gbare, Ungreifbare, ein Nichts, das doch alles ist, und Sie nehmen mir das Wort von den Lippen, womit ich es benennen m\u00f6chte: die Atmosph\u00e4re von Shakespeares Werk. Dies Wort ist so vag wie m\u00f6glich, und doch geh\u00f6rt es vielleicht zu denen, von denen wir lernen m\u00fcssen, einen sehr bestimmten und sehr fruchtbaren Gebrauch zu machen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber zu keiner andern Zeit des Jahres vielleicht h\u00e4tte ich gewagt, vor Ihnen von etwas so Vagem zu reden und darin etwas so Gro\u00dfes, ja eigentlich das Allergr\u00f6\u00dfte zu suchen, als jetzt, da Fr\u00fchling ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #999999;\">Now with the drops of this most balmy time<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #999999;\">My love looks fresh;<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und gr\u00f6\u00dfer als sonst ist jetzt der Mut, alle sch\u00f6nen Dinge frisch zu sehen, auch diese Dinge, und von dem an ihnen, wovon immer gesprochen zu werden pflegt, von den Charakteren, von der Handlung und ihrer Idee, von allen diesen fester umschriebenen Dingen nicht zu sprechen und jener flie\u00dfenden, kaum greifbaren Wahrheit, die sich aber wie keine zweite auf das Ganze von Shakespeares Werk bezieht, nachzugehen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Der Augenblick selbst hat so viel Atmosph\u00e4re. Ich meine diesen Augenblick im Leben der Natur, diesen Augenblick des noch nicht voll erwachten, noch nicht \u00fcppigen, noch von Sehnsucht durchhauchten Fr\u00fchlings, an welchem der Todestag eines menschlichen Wesens, das uns fast mythisch geworden ist, und von dem wir kaum mehr zu fassen verm\u00f6gen, da\u00df es jemals sterblichen Menschen ein Gegenw\u00e4rtiges war, Sie hier vereinigt. Ich kann nicht sagen, da\u00df es mir als etwas wesentlich anderes erscheint: die Atmosph\u00e4re des Fr\u00fchlings zu sp\u00fcren oder die Atmosph\u00e4re eines Dramas von Shakespeare oder eines Bildes von Rembrandt. Hier wie dort f\u00fchle ich ein ungeheures Ensemble. (Lassen Sie mich lieber dieses k\u00fchle, aus dem Technischen der Malerei genommene Wort gebrauchen als irgend ein anderes. Ich h\u00e4tte so viele zur Verf\u00fcgung: ich k\u00f6nnte von einer Musik des Ganzen sprechen, von einer Harmonie, einer Durchseelung, aber alle diese Worte scheinen mir etwas befleckt, etwas welk und voll der Spuren menschlicher H\u00e4nde.) Ein Ensemble, worin der Unterschied zwischen Gro\u00df und Klein aufgehoben ist, insofern eines um des andern willen da ist, das Gro\u00dfe um des Kleinen willen, das Finstere um des Hellen willen, eines das andere sucht, eines das andere betont und d\u00e4mpft, f\u00e4rbt und entf\u00e4rbt, und f\u00fcr die Seele schlie\u00dflich nur das Ganze da ist, das unzerlegbare, ungreifbare, unw\u00e4gbare Ganze. Die Atmosph\u00e4re des Fr\u00fchlings zu zerlegen, war immer die Leidenschaft der lyrischen Dichter. Aber ihr Wesentliches ist eben Ensemble. \u00dcberall vollzieht sich etwas, br\u00fctet etwas. Die Ferne und die N\u00e4he fl\u00fcstern zueinander, der laue Wind, der \u00fcber den noch nackten Boden hinschleicht, haucht gleichzeitig eine dumpfe Beklommenheit und eine dumpfe Luft. Das Licht ist \u00fcberall gel\u00f6st, wie das Wasser, aber kein Augenblick ist tr\u00e4chtiger mit der F\u00fclle des Fr\u00fchlings, als wenn es mitten im Tag sehr finster wird, schwere dunkle Wolken \u00fcber den wie von innen leuchtenden erdbraunen H\u00fcgeln br\u00fcten und aus den nackten \u00c4sten die Orgie der fast delirierenden Vogelstimmen in das Dunkel hinaufdringt. Hier ist unter einer unfa\u00dfbaren Phantasmagorie alles ver\u00e4ndert. Das Kahle, das immer \u00f6de und traurig schien, ist voll Wollust. Die Finsternis dr\u00fcckt nicht, sie macht jauchzen. Die N\u00e4he ist so geheimnisvoll wie die Ferne. Und der einzelne kleine dunkle Vogel auf nacktem Ast arbeitet aus seiner Brust so viel von der Seele des Ganzen hervor wie der tiefe dunkle Wald, der dem Wind den Geruch feuchter Erde und des knospenden Gr\u00fcns mitgibt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich k\u00f6nnte Ihnen immer wieder diesen Begriff der Atmosph\u00e4re hinreichen, wenn ich nicht sicher w\u00e4re, da\u00df Sie mich sogleich und v\u00f6llig verstanden haben, und wenn ich nicht f\u00fcrchten m\u00fc\u00dfte, Sie zu erm\u00fcden. Der Tod eines Menschen hat um sich seine Atmosph\u00e4re, wie der Fr\u00fchling. Die Gesichter derer, in deren Armen einer gestorben, sprechen eine Sprache, die \u00fcber alle Worte ist. Und in ihrer N\u00e4he sprechen die unbelebten Dinge diese Sprache mit. Das Dastehen eines Stuhles, der immer woanders stand, das Offenstehen eines Schrankes, der niemals f\u00fcr lange offenstand, und tausend Dinge, die in einem solchen Augenblick auf einmal da sind, wie Spuren von Geisterh\u00e4nden: dies ist die Welt, die an den Fensterscheiben endet. Aber das Drau\u00dfen hat irgendwie auch dieses fatale, im tiefsten mitwissende Gesicht. Die Laternen, die brennen wie alle Tage; das Vorbeigehen der ahnungslosen fremden Menschen, die um die Ecke biegen und unten vor\u00fcberkommen und wieder um eine andere Ecke biegen: dies verdichtet sich zu etwas, was sich vor\u00fcberzieht wie eine gr\u00e4\u00dfliche eiserne Kette. Und, in diesen Augenblicken, das Wiederkommen der lange vergessenen Menschen. Das Auftauchen von solchen, die sonderbar, verbittert oder ganz fremd geworden sind und aus denen doch jetzt Worte und Blicke hervorbrechen, die sonst nie an den Tag kommen. Das pl\u00f6tzliche Staunen: Wie kamen wir auseinander? wie ging dies alles zu? Das pl\u00f6tzliche Erkennen: Wie nichtig ist alles! wie \u00e4hnlich sind wir alle untereinander, wie gleich! Auch dies ist Atmosph\u00e4re. Auch hier kn\u00fcpft ein Etwas das Nahe und Ferne, das Gro\u00dfe und Kleine aneinander, r\u00fcckt eines durchs andere in sein Licht, verst\u00e4rkt und d\u00e4mpft, f\u00e4rbt und entf\u00e4rbt eins durchs andre, hebt alle Grenzen zwischen dem scheinbar Wichtigen und dem scheinbar Unwichtigen, dem Gemeinen und Ungemeinen auf und schafft das Ensemble aus dem ganzen Material des Vorhandenen, ohne irgendwelche Elemente disparat zu finden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Atmosph\u00e4re im Werk Shakespeares ist Adel. (Der K\u00f6nig ist nur der gr\u00f6\u00dfte Herr unter den gro\u00dfen Herren, und jeder von ihnen ist ein St\u00fcck von einem K\u00f6nig.) Dies alles im Sinne des Cinquecento, das hei\u00dft, unendlich freier, unendlich menschlicher, unendlich farbiger als irgend etwas, womit wir diese Begriffe zu verbinden pflegen. Und dann das Ganze aus Shakespeares Seele herausgeboren, nicht nur die Gestalten und ihre Gef\u00fchle, sondern eben vor allem die Atmosph\u00e4re, die Luft des Lebens, ce grand air \u2013 wenn dieses Wortspiel erlaubt w\u00e4re \u2013, die alles umflie\u00dft. Nur so l\u00e4\u00dft sich von dieser Atmosph\u00e4re sprechen wie von etwas Gegebenem: alle diese Gestalten (das dumpfere Viertel, das nicht zu ihnen geh\u00f6rt, ist nur da, um ihnen den Kontrast zu geben) l\u00f6sen sich in dem Gef\u00fchl ihres Adels auf, wie die Figuren auf den Bildern Tizians und Giorgiones in dem goldenen leuchtenden Element. In ihm bewegen sich solche Gruppen wie Romeo, Mercutio, Benvolio, Tybalt, solche wie Antonio, der adelige Kaufmann, und seine Freunde; der verbannte Herzog in den Ardennen ist mit all den Seinen von diesem Fluidum umflossen, und \u2013 wie sehr! \u2013 Brutus und sein ganzes Haus. Um alle diese herum ist dieses Licht und diese Luft so voll und so stark, da\u00df es niemals m\u00f6glich war, es zu \u00fcbersehen. Ein adeliges Bewu\u00dftsein, nein tiefer als das, ein adeliges Sein unter der Schwelle des Bewu\u00dftseins, ein adeliges Atmen; damit verschwistert ein bewunderswert zartes und starkes F\u00fchlen des andern, eine gegenseitige, fast unpers\u00f6nliche, dem Menschlichen geltende Neigung, Z\u00e4rtlichkeit, Ehrfurcht: habe ich Ihnen mit diesen Worten \u2013 schw\u00e4chlich wie sie sind, um das namenlos Lebendige auszudr\u00fccken \u2013 nicht ins Ged\u00e4chtnis gerufen, was allen diesen so verschiedenartigen jungen Menschen gemeinsam ist, dem melancholischen Jacques wie dem leichtherzigen Bassanio, dem tiefen hei\u00dfen Romeo wie dem spr\u00f6den klugen Mercutio? Das Element, in dem diese Wesen gez\u00fcchtet sind, ist wundervoll zwischen Anma\u00dfung und H\u00f6flichkeit. Ein junges Atmen voll Trotz und doch Erschrecken bei dem Gedanken, verletzt zu haben, ein Sich-Anschlie\u00dfen, Sich-Aufschlie\u00dfen und doch In-sich-geschlossen-Bleiben. Ihr Gleichgewicht ist das sch\u00f6nste Ding, das ich kenne. Wie sch\u00f6ne, gutgebaute leichte Schiffe liegen sie schaukelnd auf der Flut des Lebens \u00fcber ihrem eigenen Schatten. Etwas \u00dcberstr\u00f6mendes ist an ihnen, etwas Expansives, in die Luft \u00dcberflutendes, ein Luxus des Lebens, eine Verherrlichung des Lebens an sich, etwas unbedingt das Leben Gr\u00fc\u00dfendes, etwas, das die pythischen und nemeischen Oden des Pindar heraufbeschw\u00f6rt, diese strahlendsten Siegerbegr\u00fc\u00dfungen. Und schlie\u00dflich ist nicht nur Prinz Heinz ihr Bruder, sondern ein wenig auch Falstaff. Aber lassen wir sie, obwohl es schwer ist, sich von ihnen zu trennen. (Wie nehmen sich neben dem l\u00e4ssigen Luxus ihrer Reden die Reden in fast allen anderen Dramen aus, wie d\u00fcrr, wie gierig nach einem Ziel, wie die Rede von Pfaffen oder Advokaten oder von Verz\u00fcckten oder von Monomanen.) Sie sind J\u00fcnglinge; und Brutus ist ein Mann. Sie sind ohne ein anderes Schicksal als die Liebe, sie scheinen wirklich nur zur Verherrlichung des Lebens in diese Bilder gesetzt, wie ein gl\u00fchendes Rot, ein prangendes Gelb; und Brutus hat ein inneres Schicksal voll Erhabenheit. Aber er ist ganz auf dasselbe gestellt wie sie; nur in reiferer Weise. Nicht die Interpretation, die seine Seele den Dingen gibt, sondern die Haltung im Dasein, dies Adelige ohne H\u00e4rte, voll Generosit\u00e4t, voll G\u00fcte und Zartheit meine ich, diesen Ton, dessen Wohllaut nur aus einer Seele hervordringen kann, in deren Grund die tiefste Selbstachtung eingesenkt ist. Abgesehen von seinem Schicksal, das sich in ihm vollzieht und ihn \u2013\u00bbnach d\u00fcsterem Ratschlag, gepflogen vom Genius mit seinen dienenden Organen\u00ab \u2013 zu der gro\u00dfen Tat seines Lebens treibt, der dann alles weitere, und auch der Tod, folgt wie das Wasser dem Wasser, wenn die Schleuse ge\u00f6ffnet ist; abgesehen von seinem inneren Schicksal, ist dies Trauerspiel, dessen Held Brutus ist, fast allein erf\u00fcllt mit dem Licht dieses adeligen Wesens, in dessen Strahl alle anderen Figuren sich modellieren, indem sie nahe an Brutus herantreten. Was zwischen ihm und Cassius vorgeht, ist nichts anderes als das Reagieren des Cassius, der minder edel ist und sich minder edel wei\u00df \u2013 (dies beides ist unl\u00f6slich verbunden: \u00bb Sich wissen in dem Stande der Erw\u00e4hlten\u00ab, dies ist alles) \u2013, gegen die Atmosph\u00e4re, die um Brutus herum ist. Von ihm zu Brutus nichts als ein vergebliches \u2013 inneres, stummes \u2013 Werben, ein Werben mit allen Qualen der Eifersucht, das Cassius vor sich selber verhehlt, das vielleicht auch Brutus, wenn er es durchblickt, vor sich selber verhehlt, nicht wissen will, nicht analysieren will, sicherlich. Und von Brutus zu Cassius eine unglaubliche Schonung, ein zartes Sich-Gleichstellen, bis zu dem Augenblick jenes einzigen Losbrechens; und da sind es seine Nerven, die losbrechen, nicht sein Wille. (Er hat vor einer Stunde den Brief bekommen, da\u00df Portia tot ist, und er spricht nicht davon.) Und dann, beim Abschied, nochmals: \u00bbNoble, noble Cassius\u00ab. Da\u00df er es sagt, er, der wirklich zweifach edel ist, zu dem minder Edlen, da\u00df es ihn treibt, das zweimal zu sagen! So steht Brutus zu Cassius. Und Portia! Sie hat nur diese eine, nie zu vergessende Szene. Sie ist ganz umwoben von Brutus&#8216; Atmosph\u00e4re. Ganz aus diesem Licht, das von ihm ausstrahlt, ist ihr edles Gesicht modelliert. Oder strahlt das Licht von anderswo her, und sind beide, Brutus und Portia, aus diesem Licht und seinem Dunkel modelliert? Wer kann vor einem Rembrandt sagen, ob die Atmosph\u00e4re um der Gestalten willen da ist, oder die Gestalten um der Atmosph\u00e4re willen? Aber es gibt einige Stellen, die sichtlich nur da sind, um das ganze Licht zu fangen, das die Seele dieser Atmosph\u00e4re ist. Ich meine die Auftritte mit dem Knaben Lucius und den anderen Dienern. Sein Ton zu Lucius. (In den Szenen Prosperos mit Ariel kommt dieser Ton wieder.) Wie er sich entschuldigt, da\u00df er ihm den Schlaf verk\u00fcrzt, auf den seine Jugend so viel Anrecht hat. Und dies: \u00bbSchau, da ist das Buch, das ich dich suchen hie\u00df. Es war in meinem Oberkleid. Du mu\u00dft Geduld mit mir haben. Bear with me, gentle boy\u00ab. Dann, wie Lucius unterm Stimmen der Laute einschl\u00e4ft und Brutus hingeht, die Laute wegzunehmen, auf die sein Arm im Schlummer gesunken ist, \u00bbdamit er sie nicht bricht\u00ab. Ich wei\u00df nicht, was einem Menschen, der liest, die Tr\u00e4nen in die Augen treiben kann, wenn es nicht ein solches Detail ist. Das ist der Mann, der C\u00e4sars M\u00f6rder war. Es ist der Feldherr in seinem Zelt. Es ist der letzte R\u00f6mer; und er wird morgen bei Philippi sterben. Und jetzt geht er hin, b\u00fcckt sich und zieht unter einem Schlafenden eine Laute weg, damit sie nicht verdorben wird. In dem Augenblick, da er dies tut, diese kleine Handlung, diese b\u00fcrgerliche, weibliche kleine Handlung \u2013 dies, was einer Frau nahel\u00e4ge zu tun, einer Hausfrau, einer guten Mutter \u2013, in diesem Augenblick, so nahe am Tode (C\u00e4sars Geist steht schon im Finstern da), sehe ich sein Gesicht: es ist ein Gesicht, das er nie vorher hatte, ein zweites wie von innen heraus entstandenes Gesicht, ein Gesicht, in dem sich m\u00e4nnliche mit weiblichen Z\u00fcgen mischen wie in den Totenmasken von Napoleon und von Beethoven. Hier kann man weinen, nicht bei Lears Fl\u00fcchen, und nicht, wenn Macbeth, in seine eisernen Qualen eingeschnallt wie in einen zentnerschweren Panzer, den Blick auf uns richtet, der uns das Herz zusammenschn\u00fcrt. Von solchen kleinen Z\u00fcgen mu\u00df eine bis zur Anbetung gesteigerte Bewunderung Shakespeares immer wieder aufleben. Denn es gibt doch, es gibt doch in einem Kunstwerk nichts Gro\u00dfes und Kleines; und hier, wie Brutus, der M\u00f6rder C\u00e4sars, die Laute aufhebt, damit sie nicht zerbrochen wird, hier wie nirgends ist der Wirbel des Daseins und rei\u00dft uns in sich. Dies sind die Blitze, in denen ein Herz sich ganz enth\u00fcllt. Wie Ottilie in den \u00bbWahlverwandtschaften\u00ab die alte Anekdote nie mehr vergessen kann, da\u00df Karl I. von England, schon entthront und von seinen Feinden umgeben, da der Knopf von seinem Stock ihm hinunterf\u00e4llt, um sich sieht und gar nicht begreift, da\u00df sich niemand f\u00fcr ihn b\u00fcckt, und sich dann selbst b\u00fcckt, zum erstenmal in seinem Leben, und wie dieser Zug in ihrem Herzen sich eingr\u00e4bt, da\u00df sie sich immer b\u00fcckt, auch wenn einem Mann etwas auf den Boden f\u00e4llt \u2013 dies, oder in \u00bbKrieg und Frieden\u00ab der Schrei, den bei der Hasenhetze Natascha auf einmal ausst\u00f6\u00dft, dieser wilde Triumphschrei eines jagenden Tieres aus der Kehle einer eleganten Dame: dies sind solche Blitze. Aber bei Shakespeare sind sie \u00fcberall. Sie sind die Entladungen seiner Atmosph\u00e4re.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich wei\u00df nichts, das ans Herz greift wie der Ton Lears, wenn er zu Edgar spricht. Zu seinen T\u00f6chtern spricht er wie ein w\u00fctender Prophet oder wie ein vor Schmerz trunkener Patriarch. Zu seinem Narren spricht er hart. Aber zu Edgar, diesem nackten Verr\u00fcckten, den er in einer H\u00f6hle gefunden hat, spricht er in einem Ton \u2013 freilich, es ist etwas von Wahnsinn in diesem Ton \u2013, aber der Grundton ist eine unglaubliche H\u00f6flichkeit des Herzens, eine unbeschreibliche Courtoisie, und man ahnt, wie dieser K\u00f6nig manchmal begl\u00fccken konnte, wenn er gn\u00e4dig gelaunt war. Es ist die gleiche H\u00f6flichkeit, deren Schein den milden Duncan umflie\u00dft, wie er ankommt und dies sagt von der guten Luft, die um Macbeths Burg sein mu\u00df, weil die Mauerschwalbe hier nistet. Und das gleiche Licht ist auf der kleinen Szene Richards II. mit dem Stallknecht (kurz vor seinem Tode); und das gleiche, aber st\u00e4rker, s\u00fcdlicher, prangender, in jeder Szene zwischen Antonius und Cleopatra, und zwischen Antonius und seinen Dienern, und zwischen Cleopatra und ihren Dienerinnen: welche Ehrfurcht vor sich selbst und vor der Gr\u00f6\u00dfe ihres Daseins, welche \u00bbolympische Luft\u00ab, welche All\u00fcre, wenn die Gesch\u00e4fte einer Welt im Vorgemach harren m\u00fcssen, indessen sie einander umarmen: \u00bbDas Leben adeln hei\u00dft so tun\u00ab &#8230;; und das gleiche Licht, nur wie mit zornigen Blitzen zwischen geballten Wetterwolken durchdringend, auf den hundert Gestalten der stolzen Peers von England, deren Gef\u00fchl von sich selbst (das, was einer von ihnen ausspricht: \u00bbour stately presence\u00ab) in weiten Falten um sie f\u00e4llt, pomp\u00f6ser, wilder, wirklicher, als ein Mantel mit Hermelin verbr\u00e4mt. Aber ich k\u00f6nnte ohne Aufh\u00f6ren sagen: \u00bbEs ist hier\u00ab und \u00bbEs ist dort\u00ab; denn ich sehe es ja \u00fcberall. Und ich k\u00f6nnte eine frische Stunde lang zu Ihnen sprechen, wollte ich zeigen, wie ich in diesem Fluidum die Gestalten aller dieser k\u00f6niglichen und adeligen Frauen leben f\u00fchle, von Cleopatra bis zu Imogen. Ja, so sehr sehe ich es \u00fcberall, da\u00df ich im tiefsten betroffen werde, wenn ich eine Gestalt erblicke wie Macbeth, die fast nichts von dieser Atmosph\u00e4re um sich hat. Mir ist dann, Shakespeare habe ihn mit einer besonderen Furchtbarkeit umgeben, wie eine eisige Todesluft um ihn streichen lassen \u2013 einen gr\u00e4\u00dflichen Anhauch der Hekate \u2013, die rings um die Gestalt alles Lebendige, Leicht- Vermittelnde, mit Menschen Verbindende weggezehrt hat, alles das, was um Hamlet als eine Lebensluft so sehr herum ist, in der Szene mit den Schauspielern so sehr als eine Expansion seines ganzen Wesens, als ein prinzlich-gn\u00e4diges Sich-gehen-Lassen, in den Szenen mit Polonius und mit Rosenkranz und G\u00fcldenstern als ein bewu\u00dftes Gebrauchen seiner prinzlichen \u00dcbermacht, ein ironisches und schmerzliches Ausspielen seiner \u00dcberlegenheit \u2013 auch dieser Vorrang nichts wert, auch diese Gabe nichts n\u00fctz, als sich selbst damit zu qu\u00e4len.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Meine Herren! Die Dinge, von denen ich Ihnen sprach, scheinen es mir zu sein, die das Ganze von Shakespeares Werk zusammenhalten. Sie sind ein Geheimnisvolles und das Wort \u00bbAtmosph\u00e4re\u00ab bezeichnet sie in ebenso unzul\u00e4nglicher, fast leichtfertiger Weise wie das Wort \u00bbHelldunkel\u00ab ein gleich Geheimnisvolles in Rembrandts Werk. D\u00e4chte ich an die Figuren allein \u2013 und es sind die Figuren allein, als st\u00fcnden sie im luftlosen Raum, die man gew\u00f6hnlich zum Gegenstand der Betrachtung macht \u2013, so h\u00e4tte ich versucht, von der shakespearischen \u00bbHaltung\u00ab zu sprechen. Denn es handelt sich darum, das Gemeinsame zu sehen oder zu f\u00fchlen in dem, wie alle diese Figuren im Dasein stehen. Die Figuren Dantes sind in eine ungeheure Architektonik hingestellt, und der Platz, auf dem jede steht, ist <i>ihr Platz<\/i> nach mystischen Entw\u00fcrfen. Die Gestalten Shakespeares sind nicht nach den Sternen orientiert, sondern nach sich selber; und sie tragen in sich selber H\u00f6lle, Fegefeuer und Himmel und anstatt ihres Platzes im Dasein haben sie ihre Haltung. Aber ich sehe diese Figuren nicht jede f\u00fcr sich, sondern ich sehe sie jede in bezug auf alle andern und zwischen ihnen keinen leblosen, sondern einen mystisch lebenden Raum. Ich sehe sie nicht unverbunden nebeneinander dastehen wie die Figuren der Heiligen auf der Tafel eines Primitiven, sondern aus einem gemeinsamen Element heraustreten wie die Menschen, Engel und Tiere auf den Bildern Rembrandts.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Das Drama, ich meine nicht nur das Drama Shakespeares, ist ebensosehr ein Bild der unbedingten Einsamkeit des Individuums wie ein Bild des Mit-Einander-da-Seins der Menschen. In den Dramen, die Kleists kochende Seele in ihren Eruptionen herausgeschleudert hat, ist diese Atmosph\u00e4re, dieses Mit-Einander der Gestalten vielleicht das Sch\u00f6nste des Ganzen. Wie es diese Kreaturen fortw\u00e4hrend nacheinander gel\u00fcstet, wie sie die Anrede wechseln, anstatt der fremderen pl\u00f6tzlich das nackte Du auf den Lippen haben, einander mit Liebesblicken ansehen, einander an sich rei\u00dfen, sich eins ins andere hineinsehnen, und dann wieder erstarren gegeneinander, fremd auseinanderfahren, um einander wieder gl\u00fchend zu suchen: dies erf\u00fcllt den Raum mit gl\u00fchendem Leben und Weben und macht aus dem Unm\u00f6glichen ein Lebendiges.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Darum, weil auch das, was zwischen den Gestalten vorgeht, f\u00fcr mein Auge von einem Leben erf\u00fcllt ist, das aus gleich geheimnisvollen Quellen herflutet wie die Gestalten selbst, weil dies Einander-Bespiegeln, Einander-Erniedrigen und -Erh\u00f6hen, Einander-D\u00e4mpfen und -Verst\u00e4rken f\u00fcr mich nicht weniger das Werk einer ungeheuren Hand ist als die Figuren selber, vielmehr, weil ich hier so wenig wie bei Rembrandt eine wirkliche Grenze sehen und zugestehen kann zwischen den Gestalten und dem Teil des Bildes, wo keine Gestalten sind, darum habe ich nach dem Wort \u00bbAtmosph\u00e4re\u00ab gegriffen, weil die K\u00fcrze der Zeit und die Notwendigkeit, uns schnell, in festlicher Schnelle zu verstehen, mir verwehrt hat, ein gr\u00f6\u00dferes und geheimnisvolleres Wort zu gebrauchen \u2013 Mythos.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Denn wenn es mir m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, mit noch ganz anderer Eindringlichkeit als heute die Gewalt Rembrandts in Ihrem Innern heraufzurufen und zugleich und mit der gleichen Eindringlichkeit die Gewalt Homers, dann w\u00e4ren diese drei Urgewalten, die Atmosph\u00e4re Shakespeares, das Helldunkel Rembrandts, der Mythos Homers, f\u00fcr einen Augenblick in eins zusammengeflossen, wir w\u00e4ren, diesen gl\u00fchenden Schl\u00fcssel mit der Hand umklammernd, zu den M\u00fcttern hinabgesunken und h\u00e4tten dort, wo \u00bbnicht Raum, noch weniger eine Zeit\u00ab, in eins verflochten mit jenem tiefsten Dichten und Trachten ferner Genien, schemenhaft, das tiefste Dichten und Trachten der eigenen Zeit erblickt: zu schaffen ihrem Da-Sein Atmosph\u00e4re, ihren Gestalten den hellen und dunklen Raum des Lebens, ihrem Atmen den Mythos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_88948\" style=\"width: 243px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/05\/Shakespeare-Chandos-Portrait.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88948\" class=\"wp-image-88948 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/05\/Shakespeare-Chandos-Portrait-233x300.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/05\/Shakespeare-Chandos-Portrait-233x300.jpg 233w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/05\/Shakespeare-Chandos-Portrait-260x335.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/05\/Shakespeare-Chandos-Portrait-160x206.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1999\/05\/Shakespeare-Chandos-Portrait.jpg 373w\" sizes=\"auto, (max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88948\" class=\"wp-caption-text\">Shakespeare (Chandos Portrait)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 400 Jahren starb William\u00a0Shakespeare. Hugo von Hofmannsthal mit einem Essay \u00fcber den Menschenerfinder Ich glaube zu wissen, was Sie bewogen haben kann, mich hierher zu rufen, damit ich vor Ihnen spreche. Es war keinesfalls der Drang, etwas Neues zu&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/05\/03\/shakespeares-koenige-und-grosse-herren\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094,526],"class_list":["post-88931","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal","tag-william-shakespeare"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88931","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88931"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88931\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98224,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88931\/revisions\/98224"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88931"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88931"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88931"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}