{"id":88863,"date":"1995-04-16T00:01:10","date_gmt":"1995-04-15T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88863"},"modified":"2022-02-18T11:51:37","modified_gmt":"2022-02-18T10:51:37","slug":"das-tagebuch-eines-willenskranken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/04\/16\/das-tagebuch-eines-willenskranken\/","title":{"rendered":"Das Tagebuch eines Willenskranken"},"content":{"rendered":"<p class=\"zenoPLm16n16\" style=\"text-align: right;\"><span class=\"zenoTXFontsize80\" style=\"color: #999999;\">Oh, qu&#8217;un peu de bonheur na\u00eff est une douce chose!<\/span><\/p>\n<p class=\"zenoPR\" style=\"text-align: right;\"><span class=\"zenoTXFontsize80\" style=\"color: #999999;\"><i>Amiels Tagebuch, 16. April 1855<\/i><\/span><\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: right;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die einzelnen sind es, welche die Leiden der Zeit leiden und die Gedanken der Zeit denken. Und B\u00fccher, aus denen solch ein Schmerz der Zeit spricht, sind die traurigsten und werden sehr ber\u00fchmt, weil es die einzigen sind, die wir beinahe ganz verstehen k\u00f6nnen. Was in uns ist von vagem Schmerz, von verborgener Qual und verwischtem Sehnen, jedes erstickte Anderswollen und alle Disharmonien, die der Wille zur Erhaltung \u00fcbert\u00e4ubt hat, sie erwachen zu einem unbestimmten Leben und leben auf im Mitleid des Tat twam asi. In Qualen wird das \u00bbgute Europ\u00e4ertum\u00ab, die vaterlandslose Klarheit von morgen errungen; den Geschlechtern von gestern und heute, zwei Generationen von Schwankenden und Halben, war der Weg zu rauh. Nach r\u00fcckw\u00e4rts zieht die Verf\u00fchrung, die nervenbezwingende Nostalgie, die Sehnsucht nach der Heimat: sie ist das Nationalit\u00e4tenfieber, sie Heilsarmee und neues Christentum, sie ringt in T\u00f6nen nach dem Gral, zu dem keiner zur\u00fcckfindet, sie ist das Letzte aller Ermatteten, Wagners letzte Oper, Leo Tolstois letztes Lebenswerk, der deutschen Bismarck-Politik letzter Gedanke, die letzte Zuflucht in Henri-Fr\u00e9d\u00e9ric Amiels Bekenntnissen. Zur\u00fcck zur Kindheit, zum Vaterland, zum Glaubenk\u00f6nnen, zum Liebenk\u00f6nnen, zur verlorenen Naivet\u00e4t: R\u00fcckkehr zum Unwiederbringlichen. Ich sehe keinen anderen Gedanken in Amiels Tagebuch, diesem gro\u00dfen und schmerzlichen Buch, das ein Mensch geschrieben hat mit der Gabe franz\u00f6sischer Selbstbeobachtung und Zerlegungssucht und der Gabe deutscher grenzenloser Aufnahmsf\u00e4higkeit, in dem zweierlei Moral, zwei Zivilisationen, zwei Weltanschauungen miteinander ringen, bis seine Willenskraft erloschen ist und \u00fcber dem D\u00e4mmern einer weichen, tr\u00e4umerischen Molluskenseele in ruhelosen Schwingungen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"106\"><\/a>\u00a0ein ererbter Wille schwebt, ein mechanisches qualvolles Wiederholen atavistischer Forderungen, ein sich selbst tote unverst\u00e4ndliche Pflichten Aufzwingenwollen, ein Ringen um die verlorene F\u00e4higkeit sich selbst zu begrenzen, einfach zu denken und wollen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Amiels Leiden sind die ewigen Leiden des entt\u00e4uschten Idealisten, auf einen bestimmten, modernen Fall \u00fcbertragen. Seine Leiden sind komplizierter als die anderer Denker, die aus den ererbten Formen heraustraten, denn das Feindliche, das f\u00fcr jeden M\u00e4rtyrer des Gedankens die Erscheinungswelt, die Welt der verdorbenen Ideen, der Konzessionen, der Bourgeoisie und des cant ist, das lag f\u00fcr Amiel in ihm selbst. Er wollte die Traumfreiheit des deutschen Philosophen und will doch auch christliche Askese und pascalische Gewissenspein; es ist die K\u00fcnstlerseele mit der Gabe der freien hellen Verachtung und ist doch ein Etwas zwischen Monsieur Prudhomme und Middlesex gentleman, ein Etwas mit gentility, Takt und wohlerzogener Mittelm\u00e4\u00dfigkeit; in ihm ist Stoff f\u00fcr den M\u00e4rtyrer des ge\u00e4chteten Gedankens und f\u00fcr die sancta simplicitas, die Stroh zum Scheiterhaufen tr\u00e4gt. Er ist eine Antithese, das ist das Franz\u00f6sische an ihm; eine Hamletvariation, das ist das Moderne.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">I<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Henri-Fr\u00e9d\u00e9ric Amiel ist 1821 zu Genf geboren; 1821, zu einer Zeit des \u00dcberganges, da eben eine Gruppe junger Goetheschw\u00e4rmer angefangen hatte, in der \u00bbRevue des Deux Mondes\u00ab das neue Evangelium deutschen Geistes zu verk\u00fcnden, deutsche Ideen in Umlauf zu setzen, zu Genf, in der Stadt des \u00dcberganges, wo sich die Alpen zur Ebene niedersenken, wo sich das Erhabene zum Anmutigen mildert, deutsches und welsches Wesen ineinander \u00fcberflie\u00dft, zu Genf, der halb calvinischen, halb katholischen Stadt, deren politische Vergangenheit ein geschicktes Balancieren zwischen \u00fcberm\u00e4chtigen Nachbarn und feindlichen Kulturstr\u00f6mungen war. Er ist herangewachsen in einem Milieu der abget\u00f6nten, halben<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"107\"><\/a>\u00a0Farben, der Montblanc bl\u00e4ulich verschwimmend im Hintergrund, im Westen Frankreich, die fr\u00f6hliche Klarheit des Beschr\u00e4nkten, im Osten Deutschland, wogend und d\u00e4mmernd, r\u00e4tselhaft anziehend wie die Unendlichkeit; hier klang ihm eine Sprache entgegen, die das Resultat festh\u00e4lt, kl\u00e4rt und sondert, auch das Unendliche begrenzen m\u00f6chte, die gewordenen Dinge darstellt, dort eine Sprache des Werdens der Dinge, vag, formlos und tr\u00e4umerisch. In dem engen republikanischen Gemeinwesen, wo \u2013 eine Frucht jahrhundertalter politischer und religi\u00f6ser M\u00fcndigkeit \u2013 jeder fr\u00fchzeitig angehalten wird, sich \u00fcber die gro\u00dfen Streitfragen, ob Demokratie oder Aristokratie, \u00bborthodoxes\u00ab oder \u00bbliberales\u00ab Christentum, ein Urteil nicht nur zu bilden, sondern dieses auch in fester, zur Verteidigung handlicher Form immer gegenw\u00e4rtig zu haben, stelle ich mir Amiels fr\u00fche Entwicklung gern so \u00e4hnlich vor, wie die des \u00bbgr\u00fcnen Heinrich\u00ab, der ja auch, ein gr\u00fcbelnder Knabe, sich zwischen feste, formelhafte Weltanschauungen, Parteiprogramme und geheimnisvoll anlockende Schlagworte hineingestellt sah. Namentlich in seinem m\u00fchseligen Ringen, sein Verh\u00e4ltnis zu Gott in allen wechselnden Phasen so recht klarzustellen, hat Kellers dilettantischer Maler viel Verwandtes mit Amiel, dem dilettantischen Dichter. In der Demokratie mu\u00dfte ihn das absto\u00dfen, was er \u00bbAmerikanismus\u00ab nennt, worunter er mit nerv\u00f6ser Frauenlogik alles ihn Irritierende, Egalitarismus, Maschinenl\u00e4rm, Parven\u00fctum und Egoismus begreift; so wandte sich sein Sinn einem weichen, passiven Aristokratismus zu, der sich zum radikalen von heute verh\u00e4lt wie Amiels abget\u00f6nte Lieblingsfarben, das lichte Grau, das verhauchende Lila, zum herrischen Rot und zum vollen Gelb, die wir wieder lieben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aus dem Gr\u00fcbeln \u00fcber die Glaubensform trug seine Seele ein Doppeltes davon: die katholische Sehnsucht nach dem Unfa\u00dfbaren, nach mystischer Musik, nach der Wollust der Zerknirschung und des Entsagens, dem Kultus des Mitleids und der Tr\u00e4ne, und vom Protestantismus die Neigung zur frommen Pose, die Anh\u00e4nglichkeit an die gro\u00dfen Worte, die verf\u00fchrerischen Formeln, die so sch\u00f6n klingen und beinahe tr\u00f6sten. In ihm ist ein katholischer Tr\u00e4umer und ein \u00bbprotestantischer<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"108\"><\/a>\u00a0Hamlet\u00ab; in seiner gr\u00fcbelnden und sensitiven Seele hat sich die ererbte Nostalgie nach dem katholischen Gem\u00fctskultus zu einem Kultus der zarten Empfindung, zu einer Schw\u00e4rmerei f\u00fcr gem\u00fctvolle Landschaft und r\u00fchrende, einfache Akkorde umgebildet. Wir werden sehen, da\u00df er Wagner nicht versteht und Goethe kalt findet. Dazu der Schweizer Hang zum Kalkulieren und Formulieren, eine Virtuosit\u00e4t der \u00fcberfeinen Unterscheidung und des aphoristischen Worts. Von der Natur also scheinbar bestimmt, eine weiche, aufnahmsf\u00e4hige und zartgestimmte Individualit\u00e4t zu liebensw\u00fcrdiger Mittelm\u00e4\u00dfigkeit auszubilden, befangen in dem seiner Rasse eigenen grundlateinischen Dualismus der Weltauffassung, der Spaltung zwischen Gott und Welt, Geist und K\u00f6rper, Gnade und S\u00fcnde, Gut und B\u00f6se, tritt Amiel den Weg nach Deutschland an, aus dem Land der Antithese, des klassischen Alexandriners in das des freien Rhythmus, aus der analytischen, rhetorischen Welt in die synthetische, poetische; von Condillac zu Hegel, von Paul-Louis Courier, dem Klassiker der reinen Form, zu Jean Paul, dem Klassiker der Formlosigkeit. Das Frankreich, das er verlie\u00df, hatte eben (1840) den vollendetsten Ausdruck seiner romantischen Leiden in Mussets todestraurigem Liedchen \u00bbTristesse\u00ab gefunden:<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: center;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">Dieu parle, il faut qu&#8217;on lui r\u00e9ponde;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Le seul bien qui me reste au monde<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Est d&#8217;avoir quelquefois pleur\u00e9.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Deutschland, das er betrat, war erf\u00fcllt von den Triumphen universalistischen Geistes, durchhallt von einem Weltgespr\u00e4che; stolz darauf, jeder Zivilisation, jeder Epoche, jeder Eigenart volles, selbstvergessenes Verst\u00e4ndnis zu bieten. Damals vor allem hie\u00df deutsch sein kosmopolitisch denken und weltumfassend tr\u00e4umen, Milieu, Zeit und Eigenart vergessen, jedes Alter, jede Erscheinungsform annehmen k\u00f6nnen. Goethes gro\u00dfes Beispiel war lebendig; die Romantik, die in der Zeit lag, kam ihm entgegen, alle Fachwissenschaften schienen der Zentralwissenschaft, der wahren Philosophie,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"109\"><\/a>\u00a0zuzustr\u00f6men. Einen \u00bbEinungsk\u00fcnstler\u00ab hatte Goethe der ganzen Welt gew\u00fcnscht und war selbst einer geworden. \u00bbLe g\u00e9nie est un simplificateur\u00ab ist vielleicht die schlagendste unter Amiels zahllosen Definitionen. Ihn, den dilettantenhaft eindrucksf\u00e4higen franz\u00f6sischen Studenten der Universit\u00e4ten Berlin und Heidelberg, ber\u00fchrte dies Beziehen von allem auf alles, dies tiefe und k\u00fchne Erfassen der Alleinheit der Dinge, der Weltenharmonie, wie eine Offenbarung, nicht der Wissenschaften, sondern der Religion: vielmehr Forschung und Gottesdienst war jetzt eines geworden, er war in einem Ideenkreise, wo die Worte ihre Bedeutung, die Antithesen, die er aus der Heimat mitgebracht hatte, ihre Starrheit verloren hatten: er dachte mit dem Herzen und f\u00fchlte mit dem Geist: \u00bbJede tiefste Freude\u00ab, schreibt er nach der R\u00fcckkehr von Berlin, \u00bbhabe ich durchmessen &#8230; die heitere Klarheit mathematischer Betrachtung, das teilnahmsvolle und leidenschaftliche Sichversenken des Historikers, die Sammlung des Weisen, den ehrfurchtsvollen und gl\u00fchenden Naturdienst des Forschers, alle Phasen einer Liebe ohne Grenzen, die Wonne des K\u00fcnstler-Sch\u00f6pfers, das harmonische Zusammenbeben aller Saiten\u00ab &#8230; Die Wonnen des K\u00fcnstler-Sch\u00f6pfers? &#8230; Ihrer war nie ein Mensch weniger w\u00fcrdig. Gleichviel; alles, was die Natur einem empf\u00e4nglichen, nachschaffenden Geist gew\u00e4hren kann, durchstr\u00f6mte ihn, wenn er vor Tagesanbruch aufstand, um vor seinem Pult in stiller Ruhe Weltenreisen und Jahrtausende zu durchfliegen, in immer h\u00f6heren und reineren Kreisen zu schweben, von der historischen Betrachtung zur geologischen, h\u00f6her, zur astronomischen, h\u00f6her, zur theosophischen Vision. Aber getrieben von dem Durste nach Unendlichkeit, von einem unstillbaren Bed\u00fcrfnis nach dem Absoluten, nach der Totalit\u00e4t, hatte er den Boden verloren. Wie die Elfen, die nach dem n\u00e4chtlichen Reigen ihr Federnkleid nicht finden, in dem allein sie das Tageslicht ertragen k\u00f6nnen, findet seine Seele sich in die Beschr\u00e4nkung, die im Einzeldasein, in der Pers\u00f6nlichkeit, in dem zuf\u00e4llig zugefallenen Menschenlos, der Tyche, liegt, nicht mehr hinein: \u00bbNur ans Unendliche und ans Absolute gilt es sich anzuschlie\u00dfen &#8230; und im Absoluten ist Ruhe f\u00fcr den Geist, und im G\u00f6ttlichen<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"110\"><\/a>\u00a0f\u00fcr die Seele. Nichts Begrenztes ist wahr, meiner Betrachtung w\u00fcrdig, wert mich festzuhalten. Alles Besondere ist unvollkommen. Es gibt nichts Vollkommenes als das All.\u00ab Und dann: \u00bbDas Chaos, die Maja der Bilder, Formen, Wesen, die in meinem Innern auf- und niederstr\u00f6men, verwirrt mich zuweilen bis zum Rausch, zum Schwindel.\u00ab Es scheint ihm unm\u00f6glich, sich wieder zur\u00fcckzufinden in das Spiel der Maja, resigniert eine Rolle in der phantastischen Tragikom\u00f6die des Daseins zu unternehmen. \u00bbMaja\u00ab, dieses Wort der indischen Philosophie kehrt bei Amiel so oft wieder wie bei Schopenhauer; und nicht nur das Wort, auch der Proze\u00df, aus dem es hervorgegangen, ist derselbe. Was die Arier empfanden, als sie aus dem Hochland von Iran mit seiner dualistischen Welt von Segen und D\u00fcrre, Ahriman und Ormuzd, hin\u00fcberwanderten in das Gangesland mit seiner allgleichenden \u00dcppigkeit, mit der \u00fcberw\u00e4ltigenden F\u00fclle seiner Formen und Farben, der Vielheit seiner G\u00f6ttergestalten, dem ewig einen Kreislauf von Keimen, Bl\u00fchen und Welken &#8230; das alles hat Amiel in der Gedankenwelt durchgemacht; und wie dort das Volk zu einem neuen, dem Brahmaglauben, so gelangte er, im Herzen dualistisch-christlich, zu einem neuen Glauben der Gedanken: hinter der Maja, dem tr\u00fcglichen Schleier der Erscheinungswelt, mu\u00dfte er seinen Gott suchen, den ihn sein alter Glaube in der Erscheinung geoffenbart erkennen hie\u00df, er mu\u00dfte die Welt als Trugwerk verachten, an die ihn Pflichtgef\u00fchl und Neigung band. Aus diesem Zwiespalt entsteht vielleicht der l\u00e4ngste und martervollste Kampf, den je die Gedanken eines Men schen untereinander gef\u00fchrt haben, und so wird Amiels Tagebuch die peinlichste und vollst\u00e4ndigste Exemplifikation von Schopenhauers Viertem Buch, das \u00fcberschrieben ist \u00bbVon der Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben\u00ab, indem es einen Kampf zwischen dem Willen zur Bejahung und dem Willen zur Verneinung innerhalb einer Menschenseele zeigt.<\/p>\n<h4 style=\"text-align: justify;\">II<\/h4>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der R\u00fcckkehr aus Deutschland bietet sich dem noch nicht Drei\u00dfigj\u00e4hrigen eine Lehrstelle an der Univesit\u00e4t Genf. Er hat sie angenommen und sein Leben lang Schulphilosophie und Literaturgeschichte tradiert; in m\u00fchseligen Qualen freilich, und gewi\u00df ein unerfreulicher Lehrer: was kann der gestalten, dem alles zu allem verwogt und zerrinnt, was kann der Besonderes lehren, dem seine Besonderheit, sein Ich, sein Schicksal (Tyche nannten es die Hellenen, das zuf\u00e4llig Zugefallene) verdampft wie ein Tropfen auf hei\u00dfem Eisen? der schwelgend im Aussch\u00f6pfen des Unaussch\u00f6pflichen, im Durchtr\u00e4umen der M\u00f6glichkeiten das Zufallskind Wirklichkeit verachtet? der \u00fcberhistorischen Geistes nach dem Ewig-Unbedingten ringt, dem \u00bbteres atque rotundum\u00ab, der mystischen Kugel, dem Allumfassen? Aber sein Lehramt ist ihm eine liebe Pflicht; denn er liebt die Pflicht, jede Pflicht. Er liebt sie wie ein Zauberwort, mit dem er jeden schlimmen Zweifel, jedes allzufeine Fragen verscheuchen kann; er will sie lieben; er klammert sich an dieses Wort; er spricht es aus wie ein ge\u00e4ngstigtes Kind, das sich durch den Klang der eigenen Stimme mutig machen will; er schreibt es nieder, es klingt so voll, so altehrw\u00fcrdig, es mu\u00df sich ja daran glauben lassen: \u00bbJa, gottlob, ich glaube an Liebe, an Aufopferung, an Ehre. Ich glaube an die Pflicht und an das moralische Gewissen\u00ab, und immer wieder: \u00bbIch glaube an die Pflicht, ich mu\u00df an die Pflicht glauben, wenn ich nicht zugrunde gehen soll &#8230; Fais ce que dois, advienne que pourra.\u00ab Er glaubt also an die Pflicht. Er erf\u00fcllt Freundespflichten und B\u00fcrgerpflichten. Er sehnt sich nach den h\u00f6heren, nach den Pflichten des Gatten und Vaters, nach immer neuen, immer schwereren, sich darin zu vergraben, wie der Strau\u00df den Kopf im Sand vergr\u00e4bt: vor der qualvollen Angst, der sinnlosen Angst, dem Alpdruck der Verantwortlichkeit. \u00bbComment retrouver le courage de l&#8217;action?\u00ab ist denn die Tat nicht Mord, das Wort nicht tausendf\u00e4ltige Verf\u00fchrung? ist denn der Entschlu\u00df nicht ein Teufelspakt, die Wahl nicht eine Quelle ewiger Reue? Dieses Abbr\u00f6ckeln des Willens zerst\u00f6rt nicht nur jedes kleinste Gl\u00fcck,<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"112\"><\/a>\u00a0ja die F\u00e4higkeit zum Gl\u00fcck: sie l\u00e4\u00dft ihn auch nicht sagen, was er leidet. \u2013 Amiel hat zum gro\u00dfen K\u00fcnstler nur eines gefehlt. Die tiefen Schmerzen gewi\u00df nicht, die vibrierende Feinheit der Empfindungen gewi\u00df nicht, noch auch der Mut der sch\u00e4rfsten Zergliederung. Suggestionskunst, l&#8217;art d&#8217;\u00e9voquer, die gro\u00dfe Herrenkunst, h\u00e4tte er vielleicht nie errungen; er l\u00e4\u00dft sich beherrschen, ist Saitenspiel und empfindliche Platte; aber er hat die zweite Poetengabe, die Proteusgabe: aus dem erhaschten Duft wird ihm Pflanze und Wald, der Landschaft lauscht er ihre zarteste Stimmung ab und empfindet sich hinein in die Seelen der Dinge; \u00bb\u00e9prouv\u00e9 ce matin l&#8217;influence du climat sur l&#8217;\u00e9tat de l&#8217;\u00e2me; j&#8217;ai \u00e9t\u00e9 italien et espagnol\u00ab, hei\u00dft es einmal im Sommer, und ein anderes Mal im Sp\u00e4therbst ruft in ihm ein Nichts, ein bereiftes Spinnennetz, nordische Bilder hervor, er f\u00fchlt wie einen Hauch von Island und den Hebriden, Ossian und Frithjofsaga. Der halben, heimlichen Gef\u00fchle, der kaumbewu\u00dften, ist sein Buch suggestivste Fundgrube; \u00bbl&#8217;ab\u00eeme de l&#8217;irr\u00e9v\u00e9l\u00e9, le moi obscur, la subjectivit\u00e9 pure, incapable de s&#8217;objectiver en esprit\u00ab, der \u00bbWeg ins Unbetretene, nicht zu Betretende\u00ab, das schattenhafte Reich der M\u00fctter, das ist sein Weg und sein Reich, sein eigenes reiches Reich. Er hat auch die Gabe des Wortes, der funkelnden Sentenz, der gl\u00fccklichen Knappheit. Eben dem mot, der allerfranz\u00f6sischesten Gabe, verdankt er seine posthume Ber\u00fchmtheit in Frankreich: eines, \u00bbTout paysage est un \u00e9tat de l&#8217;\u00e2me\u00ab, und ein anderes, \u00bbLa r\u00eaverie est le dimanche de la pens\u00e9e\u00ab, sind \u00bbVolksdefinitionen\u00ab geworden; man zitiert sie schon, wie Volkspoesie, ohne den Autor zu kennen. Er hat den Dichterfeinsinn f\u00fcr Nuancen, f\u00fcr das Undefinierbare, f\u00fcr verschwimmende, neue und heimliche Farben: \u00bbIl y a deux formes d&#8217;automne: le type vaporeux et r\u00eaveur, le type color\u00e9 et vif; automne vermeil, automne cendr\u00e9, saison bisexuelle\u00ab &#8230; \u00bbje trouve du charme aux vues de pluie; les couleurs sourdes en sont plus velout\u00e9es, les tons mats en deviennent attendris. Le paysage est alors comme un visage qui a pleur\u00e9.\u00ab &#8230; \u00bbGesteigerte Empfindungsf\u00e4higkeit, z\u00e4hes Durchdenken, Kraft des Verbindens, des Einteilens, Scheidens und Zersetzens, ein starker Wille zum System, zur Ganzheit, der Ausdruck schwerfl\u00fcssig<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"113\"><\/a>\u00a0und \u00e4ngstlich, der Charakter sch\u00fcchtern, mi\u00dftrauisch, despotisch, die Seele weich bis zum Mystizismus\u00ab, so macht Amiel das Inventar seines Selbst. <i>Fast<\/i> eine K\u00fcnstlerseele; eines fehlt: K\u00f6nnen. Er hat auch das erkannt mit dem unerbittlichen, klaren Blick des Kranken: \u00bbMeiner Kraft, des Instrumentes, wenig sicher, lieb ich es, mich ihrer durch Virtuosenk\u00fcnste zu vergewissern. Ich spiele Skalen, schmeidige mir die Hand und versichere mich der M\u00f6glichkeit des Vollbringens, aber das Werk bleibt aus. Mein Aufschwung erstirbt, des K\u00f6nnens froh, ohne ans Wollen zu reichen.\u00ab Initiative Anfangskraft fehlt. \u00bbIch warte immer auf die Frau, auf das Werk, gro\u00df genug, meine Seele zu erf\u00fcllen und mir Ziel zu werden.\u00ab Das ist das ewige, symbolische Warten, der gro\u00dfe Trugschlu\u00df aller Raphaels ohne H\u00e4nde, der \u00bbK\u00fcnstler\u00ab von Gotthold Ephraim Lessings Gnaden.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dieser \u00dcberreichtum ist eigentlich Mangel; dieses Alleswollen nichts als die hilflose Unf\u00e4higkeit, sich zu beschr\u00e4nken. Kritischer, nicht sch\u00f6pferischer Geist d\u00fcnkt sich k\u00fcnstlerischer als der k\u00f6nnende, g\u00f6ttlicher als Gott, der ja die Welt, ein Unvollkommenes, zu schaffen sich entschlo\u00df; formloses Fluidum, der Gestaltung unf\u00e4hig, d\u00fcnkt sich eben darum aller Formen, der unendlichen Mannigfaltigkeit des M\u00f6glichen, voll und verachtet den gestalteten Marmor, weil jeder Mei\u00dfelsto\u00df ein Verzichtleisten, ein Einengen der M\u00f6glichkeiten, ein Unfreiwerden ist. \u00bbCette esp\u00e9ce d&#8217;effronterie\u00ab, die freie Unbefangenheit des Schaffenden, der, im Rausch des Schaffens wenigstens, die Augen zudr\u00fcckt und ganz will, sie ist vielleicht eine Offenbarung, wie es denen ist, die immer ganz wollen und sich nie zusehen, den sehr naiven und sehr freien Geistern. Ihrer war Amiels vermorschter Wille nie f\u00e4hig. Seine Poesie kommt nicht von \u03c0\u03bf\u03b9\u03b5\u03b9\u03bd, schaffen: \u00bbZermahlene K\u00f6rner\u00ab, \u00bbFremde T\u00f6ne\u00ab, \u00bbBuch des Nachdenklichen\u00ab,\u00a0das sind die rechten Namen f\u00fcr seine B\u00fccher voll m\u00fchseliger Filigranarbeit, voll melodieloser Trauer und\u00a0peinlicher, unfroher Wortkunst. Unbefriedigt schrieb er sie und lie\u00df die unbefriedigten Freunde warten, endlos warten auf das gro\u00dfe Werk, auf das er selbst wartete. So, in hoffnungsloser Erwartung und unbedeutendem Vollbringen, verrann sein Leben, ein schattenhaftes Gedankenleben. \u00bbGr\u00fcbeln sein Tagewerk, Tr\u00e4umen seine Sonntagsfeier.\u00ab Er ist den Freunden, klugen Literaten wie Edmond Scherer, Le Coultre, Naville, die ihn nicht verstehen, den Frauen, \u00fcber die sein (ver\u00f6ffentlichtes) Tagebuch schweigt, den Sch\u00fclern, die seine tiefsten Gedanken nicht kennenlernen, kurz aller Welt und in guten Stunden sich selber ein lieber, sanfter, feinf\u00fchliger, stiller Mensch: manchmal recht heiter, ein wenig, ein klein wenig pedantesque mit einem Hang zur Bourgeois-Sentimentalit\u00e4t, zum Garten \u00bbJoli\u00ab und zum Flu\u00df \u00bbTendre\u00ab der seligen alten Scud\u00e9ry. Er spricht viel, gut und salbungsvoll; er ist nicht umsonst ein protestantischer Sohn des rhetorischen Volkes. Er liebt die prezi\u00f6sen und moralischen Vergleiche: fallende Bl\u00e4tter und \u00e4hnliche Banalit\u00e4ten der Natur verfehlen nie ihn dazu anzuregen. Er nimmt von seinem alten Plaid, diesem \u00bbeinzigen ritterlichen Kleidungsst\u00fcck\u00ab unserer Zeit, auf vier Druckseiten Abschied. Er liebt auch die alten Formeln, die im Munde Bossuets so sch\u00f6n geklungen haben. Er ist manchmal ein sehr gew\u00f6hnlicher Mensch. Aber er leidet viel. Und er hat fr\u00fchzeitig einen grausamen Gedanken und dieser Gedanke wird ihn vielleicht unsterblich machen, hat ihn schon zum Rang \u00bbeines vollkommenen Beispiels f\u00fcr eine gewisse Variet\u00e4t moderner Seelen\u00ab erhoben<a name=\"Fu\u00dfnote_2\"><\/a><a class=\"zenoTXLinkInt\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Hofmannsthal,+Hugo+von\/Essays,+Reden,+Vortr%C3%A4ge\/Das+Tagebuch+eines+Willenskranken#Fu%C3%9Fnoten_2\"><sup>2<\/sup><\/a>. Und das ist dieser Gedanke: \u00bbFais le testament de ta pens\u00e9e et de ton c\u0153ur; c&#8217;est ce que tu peux faire de plus utile.\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Was die Freunde nach des Verfassers Tod (1881) von diesem Testament der \u00d6ffentlichkeit \u00fcbergeben haben, ist die Leidensgeschichte eines gespaltenen Ich, eines, \u00bbder in sich selbst heimatlos ist\u00ab<a name=\"Fu\u00dfnote_3\"><\/a><a class=\"zenoTXLinkInt\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Hofmannsthal,+Hugo+von\/Essays,+Reden,+Vortr%C3%A4ge\/Das+Tagebuch+eines+Willenskranken#Fu%C3%9Fnoten_3\"><sup>3<\/sup><\/a>. \u00bbHeidengeist, christlich Herz\u00ab ist eine von Amiels unz\u00e4hligen Selbstcharakteristiken. Das christliche Herz, der Wille zum Leben, klammert sich an jedes teuere<a class=\"zenoTXKonk\" title=\"Vorlage\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/L\/Hofmannsthal-RuA+Bd.+1\" name=\"115\"><\/a>\u00a0Erbe, jedes ehrw\u00fcrdige Wort, will wollen, will hoffen, will glauben. Der heidnische Geist, die Erkenntnis, dr\u00e4ngt zum Pessimismus, zum Quietismus, zum Nirwana. Sie ringen miteinander, und jede Kraft und Begabung, Sch\u00e4rfe des Blicks und Macht der Dialektik, deutsche Philosophie und universalistische Bildung, wirken mit, diesen Kampf qualvoller zu gestalten. Hundertmal beginnt der Wille eine ohnm\u00e4chtige Beweisf\u00fchrung, sich selbst zur\u00fcckzuzwingen in die verlorene Naivet\u00e4t, sich zum Vorurteil, zur Nation, zur Individualit\u00e4t zur\u00fcckzuzw\u00e4ngen, hundertmal schlagen die Wogen eines alldurchschauenden, trostlosen Erkennens \u00fcber dem wankenden Geb\u00e4ude von erstorbenen Begriffen zusammen: \u00bbNada\u00ab klingt es aus, \u00bbNirwana\u00ab, \u00bbNichts\u00ab, \u00bbLeere\u00ab. Das Herz will Folgerungen aus Urteilen, aus \u00bbWahrheiten\u00ab ziehen, an die der Kopf nicht mehr glaubt: daraus kann nur Krankheit entstehen, wie aus einem k\u00f6rperlichen Mi\u00dfverh\u00e4ltnis. Aber die dumpf empfundene Krankheit ist nicht die schlimmste; erkannt erst wird sie doppelt gef\u00fchlt; es entspinnt sich eine furchtbare Wechselwirkung zwischen Objekt und Subjekt des Erkennens, zwischen dem Ich, das leidet, und dem Ich, das leiden zusieht. Pascal war vielleicht nie so elend, als da er das Wort schrieb: \u00bbDie Krankheit ist des Christen nat\u00fcrlicher Zustand\u00ab, und hundert \u00e4hnliche Worte hat Amiel \u00fcber sich geschrieben. Und er leidet so viel, da\u00df er wirklich gro\u00df wird, gro\u00df durch die \u00bbGabe des Leides\u00ab<a name=\"Fu\u00dfnote_4\"><\/a><a class=\"zenoTXLinkInt\" href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Literatur\/M\/Hofmannsthal,+Hugo+von\/Essays,+Reden,+Vortr%C3%A4ge\/Das+Tagebuch+eines+Willenskranken#Fu%C3%9Fnoten_4\"><sup>4<\/sup><\/a>, wie ein anderer durch eine starke Leidenschaft, durch irgend etwas Wirkliches und Tiefes. Je h\u00f6her die Gedanken kreisen, ins Jenseits von Gut und B\u00f6se, von Genu\u00df und Qual, desto banger tastet das wunde Herz nach G\u00fcte; olympische Klarheit und jedes ruhige, halkyonische Sein schmerzt ihn wie eine Roheit: Goethe hat \u00bbwenig Seele, ihm fehlt der gl\u00fchende Edelmut\u00ab &#8230; Schopenhauer \u00bbentbehrt jeder menschlichen Milde, jeder Sympathie\u00ab &#8230; Taines Geist empfindet er wie etwas Rauhes, Verletzendes, Unedles.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Trostsuchend bei Wissenden, tastet er in der Erfassung der Wissenschaften von Grad zu Grad: \u00bbso scheint die Weltgeschichte dem ersten Blick nichts als Unordnung und Zufall, dem zweiten Logik und Notwendigkeit, dem dritten ein Gemisch von Notwendigkeit und Freiheit, bei der vierten Pr\u00fcfung wei\u00df man nicht mehr, was man denken soll\u00ab &#8230; und das gilt f\u00fcr jede Wissenschaft wie f\u00fcr die eine. Hier kein Trost, weil keine Wahl; er kann sich nicht entscheiden, nicht entsagen. Ein Fluidum, das keine Temperatur zu kristallisieren vermag: es wird endlich verdampfen. \u00bbWie ein Traum, der beim Morgengrauen zittert und verweht, so verweht von meinem Bewu\u00dftsein aufgel\u00f6st in Luft all meine Vergangenheit, all meine Gegenwart. Reisen, Pl\u00e4ne, B\u00fccher, Studien, Hoffnungen, alles verwischt sich in meinem Denken.\u00ab Er sieht sich selbst zerfallen zu. \u00bbIch vergesse noch mehr, als ich vergessen werde. Lebendig sinke ich sanft in den Sarg. Ich empfinde wie den ungest\u00f6rten Frieden des Nichtseins und die wogende Ruhe des Nirwana; vor mir, in mir wogt der Strom der Zeit, gleiten unf\u00fchlbar die Schatten des Lebens\u00ab &#8230; er h\u00f6rt, \u00bbwie die Tropfen seines Lebens in den Abgrund rieseln\u00ab &#8230; Er ist der Ruhe so nahe, da\u00df ihn jede starke Willens\u00e4u\u00dferung, den Willenlosen, mit mitleidigem Schmerz erf\u00fcllt: betrunkene Bauern, l\u00e4rmend in der Nacht, werden ihm zum ekelhaften Bild der im Trug der Maja befangenen Kreatur; sie johlen und kreischen &#8230; \u00bbH\u00f6rt ihr, was auf dem Grund dieser Freude liegt? Ein Echo des Satans, die Versuchung sich zum Mittelpunkt zu machen, zu sein wie Elohim, die gro\u00dfe Emp\u00f6rung!\u00ab &#8230; \u00bbmoi affranchi par le rire, libre comme un d\u00e9mon, moi ma\u00eetre de moi, moi pour moi!\u00ab So haben Heilige die Welt angeschaut. Heilige der Theba\u00efs und des Ganges, Heilige aller Geschlechter, aller traurigen Geschlechter, die Nein sagten zum Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">19. April 1881: \u00bbAccablement &#8230; langueur de la chair et de l&#8217;esprit &#8230;<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Que vivre est difficile, \u00f4 mon c\u0153ur fatigu\u00e9!\u00ab<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ein paar Tage sp\u00e4ter ist Henri-Fr\u00e9d\u00e9ric Amiel gestorben.<\/p>\n<div class=\"zenoCOAdRight\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: center;\">***<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Fragments d&#8217;un journal intime<\/strong>, von\u00a0Henri-Fr\u00e9d\u00e9ric Amiel. Ausgew\u00e4hlte Ausz\u00fcge seines Tagebuchs, kurz nach seinem Tod von Fanny Mercier publiziert. Die deutsche \u00dcbersetzung von <a title=\"Rosa Schapire\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rosa_Schapire\">Rosa Schapire<\/a> erschien 1905 im Piper Verlag (M\u00fcnchen und Leipzig).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Amiels Gedichtsammlungen: \u00bbGrains de mil\u00ab, \u00bbJour \u00e0 jour\u00ab, \u00bbLes Etrang\u00e8res\u00ab, \u00bbPenseroso\u00ab &#8230; n\u00e4heres in Edmond Scherers Biographie, als Vorrede zum Tagebuch Amiels, und Paul Bourgets Essay \u00fcber Amiel (\u00bbNouveaux essais de psychologie contemporaine\u00ab).<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh, qu&#8217;un peu de bonheur na\u00eff est une douce chose! Amiels Tagebuch, 16. April 1855 Die einzelnen sind es, welche die Leiden der Zeit leiden und die Gedanken der Zeit denken. Und B\u00fccher, aus denen solch ein Schmerz der Zeit&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/04\/16\/das-tagebuch-eines-willenskranken\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094],"class_list":["post-88863","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88863","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88863"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88863\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98248,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88863\/revisions\/98248"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}