{"id":88852,"date":"2023-02-01T00:01:16","date_gmt":"2023-01-31T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88852"},"modified":"2023-02-01T05:24:07","modified_gmt":"2023-02-01T04:24:07","slug":"der-dichter-und-diese-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/01\/der-dichter-und-diese-zeit\/","title":{"rendered":"Der Dichter und diese Zeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein Vortrag<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat Ihnen angek\u00fcndigt, da\u00df ich zu Ihnen \u00fcber den Dichter und diese Zeit sprechen will, \u00fcber das Dasein des Dichters oder des dichterischen Elementes in dieser unserer Zeit, und manche Ank\u00fcndigungen, h\u00f6re ich, formulieren das Thema noch ernsthafter, indem sie von dem Problem des dichterischen Daseins in der Gegenwart sprechen. Diese Kunstworte streifen schon das Gebiet des Technisch-Philosophischen und zwingen mich im vorhinein, alle nach dieser Richtung orientierten Erwartungen zu zerst\u00f6ren, die ich sonst im Verlauf dieser Stunde grausam entt\u00e4uschen m\u00fc\u00dfte. Es fehlen mir v\u00f6llig die Mittel und ebensosehr die Absicht, in irgendwelcher Weise Philosophie der Kunst zu treiben. Ich werde es nicht unternehmen, den Schatz Ihrer Begriffe um einen, auch nur einen neuen Begriff zu bereichern. Und ebensowenig werde ich an einem der festen Begriffe, auf denen Ihre Anschauung dieser \u00e4sthetischen Dinge ruhen mag, woanders sie auf Begriffen ruht und nicht, wie ich heimlich und bestimmt hoffe, auf einem chaotischen Gemenge von verworrenen, komplexen und inkommensurablen inneren Erlebnissen, &#8230; keineswegs, sagte ich, werde ich an einem dieser Begriffe Kritik zu \u00fcben versuchen. Diese Mauern irgend zu versetzen, ist nicht mein Ehrgeiz; mein Ehrgeiz ist nur, aus ihnen an so verschiedenartigen Punkten als m\u00f6glich, und an m\u00f6glichst unerwarteten, wieder hervorzutreten und Sie dadurch in einer nicht unangenehmen Weise zu befremden. Ich meine einfach: es w\u00fcrde mich freuen, wenn es mir gel\u00e4nge, Ihnen f\u00fchlbar zu machen, da\u00df dieses Thema nicht nur in dieser Stunde in der Atmosph\u00e4re dieser Versammlung, in diesem k\u00fcnstlichen Licht einen k\u00fcnstlichen und nach Minuten gemessenen Bestand hat, sondern da\u00df es sich um ein Element Ihres geistigen Daseins handelt, das nicht als gewu\u00dftes, sondern als gef\u00fchltes, gelebtes, in Tausenden von Momenten Ihres Daseins da ist und Wirkung ausstrahlt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den Begriff der Gegenwart sind wir jeder Verst\u00e4ndigung enthoben: Sie wie ich sind B\u00fcrger dieser Zeit, ihre Myriaden sich kreuzender Schwingungen bilden die Atmosph\u00e4re, in der ich zu Ihnen spreche, Sie mich h\u00f6ren, und in die wir wiederum hinaustreten, wenn wir diesen Saal verlassen. Ja sie regiert noch unsere Tr\u00e4ume und gibt ihnen die Mischung ihrer Farben und nur im tiefen todes\u00e4hnlichen Schlaf meinen wir zu sein, wo sie nicht ist. Den Begriff des Dichters bringen Sie mir, das wei\u00df ich, als einen sicher in Ihnen ruhenden und reich erf\u00fcllten entgegen. Es schwingt in ihm etwas von der Fassung, die die deutschen Dichter zu Anfang des letztvergangenen Jahrhunderts ihm gegeben haben (die man nicht immerfort mit einem so unzul\u00e4nglichen und abstumpfenden Wort die \u00bbromantischen\u00ab nennen sollte); aber die Gewalt, die der ungeheure Gedanke \u00bbGoethe\u00ab \u00fcber Ihre Seele besitzt, schnellt seine Grenzen hinaus ins kaum mehr Absehbare; und es ist etwas von der pathetischen Erscheinung H\u00f6lderlins unter den Elementen, die in Ihnen oszillierend dies Gedankending \u00bbDichter\u00ab zusammensetzen, und etwas von der nicht zu vergessenden All\u00fcre Byrons; etwas von dem verschwundenen namenlosen Finder eines alten deutschen Liedchens und etwas von Pindar. Sie denken \u00bbShakespeare\u00ab und daneben ist f\u00fcr einen inneren Augenblick alles andere verloschen, aber der n\u00e4chste Augenblick stellt das unendlich komplexe oszillierende Gedankending wieder her und Sie denken ohne zu trennen ein amalgamiertes Etwas aus Dante, Lenau und dem Verfasser einer r\u00fchrenden Geschichte, die Sie mit vierzehn Jahren gelesen haben.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">An dies Gewebe aus den Erinnerungsbildern der subtilsten Erlebnisse, an dies in Ihnen appelliere ich, an dies Unausgewickelte und an keinen gekl\u00e4rten Begriff, keine abgezogene Formel. Dies in Ihnen ist lebendig und dem Lebendigen m\u00f6chte ich diese Stunde hindurch verbunden bleiben. Diesem lebendigen Begriff denke ich nichts hinzuzuf\u00fcgen und noch weniger meine ich ihn einzuschr\u00e4nken. Ich selber trage ihn in mir ebenso unausgewickelt, wie ich ihn bei Ihnen voraussetze. Am wenigsten w\u00fc\u00dfte ich ihn von vorneherein nach unten abzugrenzen, ja diese haarscharfe Absonderung des Dichters vom Nicht-Dichter erscheint mir gar nicht m\u00f6glich. Ich w\u00fcrde mir sagen m\u00fcssen, da\u00df die Produkte von Menschen, die kaum Dichter zu nennen sind, manchmal nicht ganz des Dichterischen entbehren, und umgekehrt scheint mir zuweilen das, was sehr hohe und unzweifelhafte Dichter geschaffen haben, nicht frei von undichterischen Elementen. Es scheint mir in diesen Dingen eine illiberale Auffassung nicht m\u00f6glich und immer ziemlich nah am L\u00e4cherlichen. Ich frage mich, ob Boileau dem Mann, der die Manon Lescaut schuf, wenn er ihn erlebt h\u00e4tte, ja ich frage mich, ob Lessing, der sein Zeitgenosse war, diesem Manne den Namen eines Dichters konzediert h\u00e4tte, und ich sehe, wie unbedeutend, wie unhaltbar diese Scheidungen sind, die der Zeitgeschmack oder der pers\u00f6nliche Hochmut der Produzierenden zwischen dem Dichter und dem blo\u00dfen Schriftsteller anstellt. Und doch ist es mir in anderen Augenblicken und in einem anderen Zusammenhang v\u00f6llig klargeworden, da\u00df jene strengste Goethesche Erkenntnis wahr ist und da\u00df ein unvollkommenes Kunstwerk nichts ist; da\u00df in einem h\u00f6heren Sinn nur die vollkommenen Kunstwerke, diese seltenen Hervorbringungen des Genius existieren. Sie werden sich fragen, wie diese Erkenntnis und jene Duldung beieinanderwohnen k\u00f6nnen, aber doch k\u00f6nnen sie das; es gibt Anschauungen, die zwischen ihnen vermitteln, und es erfordert nur eine gewisse Reife, sie in sich zu vereinen \u2013 aber nur dieser Duldung, dieser Nichtabgrenzung werde ich mich in unserer Unterhaltung zu bedienen haben. Ich werde es hier nicht zu ber\u00fchren brauchen, ob ich vielleicht einen einzigen Menschen in dieser Epoche f\u00fcr einen ganzen Dichter halte und die anderen nur f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten von Dichtern, f\u00fcr dichterisch veranlagte Individuen, f\u00fcr dichterische Materie. Denn mir ist es nur um das Dasein des dichterischen Wesens in unserer Epoche zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, vielmehr ich wei\u00df es, da\u00df der Dichter, oder die dichterische Kraft, in einem weitherzigen Sinn genommen, in dieser Epoche da ist, wie sie in jeder anderen da war. Und ich wei\u00df, da\u00df Sie mit dieser Kraft und ihren Wirkungen unaufh\u00f6rlich rechnen, vielleicht ohne es Wort zu haben. Es ist dies das Geheimnis, es ist eines von den Geheimnissen, aus denen sich die Form unserer Zeit zusammensetzt: da\u00df in ihr alles zugleich da ist und nicht da ist. Sie ist voll von Dingen, die lebendig scheinen und tot sind, und voll von solchen, die f\u00fcr tot gelten und h\u00f6chst lebendig sind. Von ihren Ph\u00e4nomenen scheinen mir fast immer die au\u00dfer dem Spiele, welche nach der allgemeinen Annahme im Spiele w\u00e4ren, und die, welche verleugnet werden, h\u00f6chst gegenw\u00e4rtig und wirksam. Diese Zeit ist bis zur Krankheit voll unrealisierter M\u00f6glichkeiten und zugleich ist sie starrend voll von Dingen, die nur um ihres Lebensgehaltes willen zu bestehen scheinen und die doch nicht Leben in sich tragen. Es ist das Wesen dieser Zeit, da\u00df nichts, was wirkliche Gewalt hat \u00fcber die Menschen, sich metaphorisch nach au\u00dfen ausspricht, sondern alles ins Innere genommen ist, w\u00e4hrend etwa die Zeit, die wir das Mittelalter nennen und deren Tr\u00fcmmer und Phantome in unsere hineinragen, alles, was sie in sich trug, zu einem ungeheuren Dom von Metaphern ausgebildet aus sich ins Freie emportrieb.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Waren sonst Priester, Berechtigte, Auserw\u00e4hlte die H\u00fcter dieser Sitte, jener Kenntnis, so ruht dies alles jetzt potentiell in allen: wir k\u00f6nnten manches ins Leben werfen, wofern wir ganz zu uns selbst k\u00e4men &#8230; wir k\u00f6nnten dies und jenes wissen &#8230; wir k\u00f6nnten dies und jenes tun. Keine eleusinischen Weihen und keine sieben Sakramente helfen uns empor: in uns selber m\u00fcssen wir uns in h\u00f6heren Stand erheben, wo uns dies und jenes zu tun nicht mehr m\u00f6glich, ja auch dies und jenes zu wissen nicht mehr m\u00f6glich: daf\u00fcr aber dies und jenes sichtbar, verkn\u00fcpfbar, m\u00f6glich, ja greifbar, was allen anderen verborgen. Dies alles geht lautlos vor sich und so wie zwischen den Dingen. Es fehlt in unserer Zeit den repr\u00e4sentativen Dingen an Geist, und den geistigen an Relief.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wofern das Wort Dichter, die Erscheinung des Dichters in der Atmosph\u00e4re unserer Zeit irgendein Relief nimmt, so ist es kein angenehmes. Man f\u00fchlt dann etwas Gequollenes, Aufgedunsenes, etwas, das mehr von Bildungsgef\u00fchlen getragen ist als von irgendwelcher Intuition. Man w\u00fcnscht sich diesen Begriff ins Leben zur\u00fcckzuholen, ihn zu \u00bbdephlegmatisieren\u00ab, zu \u00bbvivifizieren\u00ab, wie die beiden sch\u00f6nen Kunstworte des Novalis hei\u00dfen. Welchen lebhaften und liebensw\u00fcrdigen Gebrauch machte nicht eine fr\u00fchere deutsche Epoche (ich denke an die jungen M\u00e4nner und Frauen von 1770) von dem Worte Genie, mit dem sie das gleiche bezeichnen wollte: das dichterische Wesen. Denn sie dachten dabei keineswegs an das Genie der Tat und nie und nimmer h\u00e4tten sie ihr Lieblingswort auf den angewandt, der vor allem w\u00fcrdig war, es zu tragen in seiner funkelndsten und unheimlichsten Bedeutung: auf Friedrich den Gro\u00dfen. Welchen lebensvollen und imponierenden Gebrauch macht der Engl\u00e4nder heute, und macht ihn seit sechs Generationen, von seinem \u00bbman of genius\u00ab. Er schr\u00e4nkt ihn nicht auf seine Dichter ein; und doch haftet allen denen, von denen er ihn braucht, etwas Dichterisches an, ihnen oder ihren Schicksalen. Er bedenkt sich nicht, ihn auch auf einen Mann anzuwenden, der nicht von der allerseltensten geistigen Universalit\u00e4t ist. Aber es mu\u00df eine Gestalt sein, aus der etwas Au\u00dferordentliches hervorblitzt, etwas Unvergleichliches von K\u00fchnheit, von Gl\u00fcck, von Geisteskraft oder von Hingabe. Es ist etwas Grandioses um einen Begriff, unter dem der Sprachgeist Milton und Nelson zusammenzufassen gestattet, Lord Clive und Samuel Johnson, Byron und Warren Hastings, den j\u00fcngeren Pitt und Cecil Rhodes.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Es kommt so wenig auf die Worte an und so viel auf die Pr\u00e4gung, die der Sprachgeist eines Volkes ihnen aufdr\u00fcckt. Wie kraftlos nimmt sich neben \u00bbman of genius\u00ab und dem Ton, den sie in das Wort zu legen wissen, dem m\u00e4nnlichen, selbstsicheren, ich m\u00f6chte sagen, dem soldatischen oder seem\u00e4nnisch stolzen Ton, wie kraftlos nimmt sich daneben unser \u00bbGenie\u00ab aus, wie gelehrtenhaft, wie engbr\u00fcstig-pathetisch, vorgebracht mit der heuchlerischen Exaltation der Schulstube. Es haftet dem Wort in unserem Sprachgebrauch etwas an, als vertr\u00fcge es die freie Luft nicht, und doch ist es das einzige Wort, unter dem wir Johann Sebastian Bach und Kant und Bismarck, Kleist, Beethoven und Friedrich den Zweiten zusammen begreifen k\u00f6nnen. Aber es bleibt empfindlichen Ohren ein fatales Wort. Es hat ganz und gar nicht mehr den jugendlichen Glanz von 1770 und es hat auch nicht den dunklen ehernen Glanz, vergleichbar dem finsteren Schimmer alter Waffen, den die Abn\u00fctzung des gro\u00dfen Lebens den feierlichen und ehrw\u00fcrdigen Worten gro\u00dfer Nationen zu geben vermag und der die einfachen Bezeichnungen der \u00c4mter, die trockensten \u00dcberschriften und Inschriften Roms mit einer Gr\u00f6\u00dfe umwittert, die uns das Herz klopfen macht. Dieses Wort \u00bbGenie\u00ab, wenn man es in unseren Zeitungen findet, in den Nekrologen oder W\u00fcrdigungen von toten Dichtern oder Philosophen, wo es das h\u00f6chste Lob bedeuten soll, so erscheint es mir \u2013 ich meine auch dort, wo es an seinem Platz ist \u2013 undefinierbar d\u00fcnn, w\u00fcrdelos, kraftlos. Es ist ein h\u00f6chst unsicheres Wort, und es ist, als w\u00fcrde es immer von Leuten mit schlechtem Gewissen gebraucht. Es ist nahe daran, ein prostituiertes Wort zu sein, dieses Wort, das die h\u00f6chste geistige Erscheinung bezeichnen soll \u2013 ist dies nicht seltsam?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wenn ich es gebraucht finde in seiner Distanzlosigkeit (und in \u00bbman of genius\u00ab liegt immer soviel Distanz zwischen einem gro\u00dfen Volk und einem gro\u00dfen einzelnen), so f\u00e4llt mir immer zugleich um des Gegensatzes willen die sch\u00f6ne, jede Distanzlosigkeit ablehnende methodistische Maxime ein: \u00bbVergi\u00df nicht, mein Freund: ein Mann kann weder gelobt noch herabgesetzt werden\u00ab, \u00bbmy friend, a man can neither be praised nor insulted\u00ab. Es scheint mir, wenn die Deutschen von ihren Dichtern sprechen, sowohl von denen, die unter ihnen leben, als von denen, die tot sind und ihr zweites strahlendes Leben unter uns f\u00fchren, so sagen sie viel Sch\u00f6nes und zuweilen bricht aus breiten, etwas schlaffen \u00c4u\u00dferungen ein Funken des gl\u00fchendsten Verst\u00e4ndnisses hervor; aber irgend etwas, ein Ton, der mehr w\u00e4re als alles geh\u00e4ufte Lob und alle eindringende Subtilit\u00e4t, scheint mir zu fehlen: ein menschlicher Ton, ein m\u00e4nnlicher Ton, ein Ton des Zutrauens und der freien ungek\u00fcnstelten Ehrfurcht, eine Betonung dessen, was M\u00e4nner an M\u00e4nnern am h\u00f6chsten stellen m\u00fcssen: F\u00fchrerschaft. Selbst Goethe gegen\u00fcber, selbst ihm gegen\u00fcber sind es einzelne, die sich diese Haltung in sich selbst erobern, und diesen einzig m\u00f6glichen, einzig w\u00fcrdigen Ton in sich ausbilden, welcher nicht der Ton von Schulmeistern ist, sondern der Ton von Gentlemen. Denn vor allem ist es unter der W\u00fcrde toter wie lebendiger Dichter, ein anderes Lob anzunehmen als das reelle des Zutrauens lebendiger Menschen. Aber das Wesen unserer Epoche ist Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit. Sie kann nur auf Gleitendem ausruhen und ist sich bewu\u00dft, da\u00df es Gleitendes ist, wo andere Generationen an das Feste glaubten. Ein leiser chronischer Schwindel vibriert in ihr. Es ist in ihr vieles da, was nur wenigen sich ank\u00fcndigt, und vieles nicht da, wovon viele glauben, es w\u00e4re da. So m\u00f6chten sich die Dichter zuweilen fragen, ob sie da sind, ob sie f\u00fcr ihre Epoche denn irgend wirklich da sind. Ob, bei so manchem hergebrachten, schematischen Lob, das f\u00fcr sie abf\u00e4llt, das einzige reelle Lob, das anzunehmen nicht unter ihrer W\u00fcrde ist, das Zutrauen der lebendigen Menschen, die Anerkennung irgend einer F\u00fchrerschaft in ihnen, irgendwo f\u00fcr sie bereitliegt. Aber es k\u00f6nnte auch sein, und das w\u00e4re um so sch\u00f6ner, w\u00e4re einer Zeit, die jede Ostentation und jede Rhetorik von sich abgetan hat, um so w\u00fcrdiger, da\u00df dieses einzige reelle Lob den Dichtern gerade in unserer Zeit unaufh\u00f6rlich dargebracht w\u00fcrde, aber in einer so versteckten, so indirekten Weise, da\u00df es erst einigen Nachdenkens, einiger Welterfahrung bed\u00fcrfte, um dies versteckte Rechnen mit dem Dichter, dies versteckte Ersehnen des Dichters, dies versteckte Fl\u00fcchten zu dem Dichter wahrzunehmen. Und es ist heute an dem, da\u00df die Dinge so liegen, wenn ich nicht irre. Und hier zwingt mich meine Art, wie ich diese Dinge sehe, Sie zun\u00e4chst sicherlich zu befremden durch die Behauptung, da\u00df das Lesen, die ma\u00dflose Gewohnheit, die ungeheuere Krankheit, wenn Sie wollen, des Lesens, dieses Ph\u00e4nomen unserer Zeit, das man zu sehr der Statistik und Handelskunde \u00fcberl\u00e4\u00dft und dessen subtilere Seiten man zu wenig betrachtet, nichts anderes ausdr\u00fcckt als eine unstillbare Sehnsucht nach dem Genie\u00dfen von Poesie. Dies mu\u00df Sie befremden und Sie sagen mir, da\u00df in keiner fr\u00fcheren Zeit das Poetische eine so bescheidene Rolle gespielt h\u00e4tte, als es in der Lekt\u00fcre unserer Zeit spielt, wo es verschwindet unter der ungeheueren Masse dessen, was gelesen wird. Sie sagen mir, da\u00df meine Behauptung vielleicht auf die Zuh\u00f6rer der arabischen M\u00e4rchenerz\u00e4hler passe oder allenfalls auf die Zeitgenossen der \u00bbPrinzessin von Cl\u00e8ves \u00ab oder die Generation des Werther, doch sicherlich gerade am wenigsten auf unsere Zeit, die Zeit der wissenschaftlichen Handb\u00fccher, der Reallexika und der unz\u00e4hlbaren Zeitschriften, in denen f\u00fcr Poesie kein Raum ist. Sie erinnern mich, da\u00df es die Kinder und die Frauen sind, die heute Dramen und Gedichte lesen. Aber ich habe um die Erlaubnis gebeten, von Dingen zu sprechen, die nicht ganz an der Oberfl\u00e4che liegen, und ich m\u00f6chte, da\u00df wir f\u00fcr einen Augenblick daran denken, wie verschieden das Lesen unserer Zeit von dem ist, wie fr\u00fchere Zeiten gelesen haben. Um so ruheloser, zielloser, unvern\u00fcnftiger das Lesen unserer Zeit ist, um so merkw\u00fcrdiger scheint es mir. Wir sind unendlich weit entfernt von dem ruhigen Liebhaber der sch\u00f6nen Literatur, von dem Amateur einer popul\u00e4ren Wissenschaft, von dem Romanleser, dem Memoirenleser einer fr\u00fcheren, ruhigeren Zeit. Gerade durch sein Fieberhaftes, durch seine Wahllosigkeit, durch das rastlose Wieder-aus-der-Hand-Legen der B\u00fccher, durch das W\u00fchlende, Suchende scheint mir das Lesen in unserer Epoche eine Lebenshandlung, eine des Beachtens werte Haltung, eine Geste.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich sehe beinahe als die Geste unserer Zeit den Menschen mit dem Buch in der Hand, wie der kniende Mensch mit gefalteten H\u00e4nden die Geste einer anderen Zeit war. Nat\u00fcrlich denke ich nicht an die, die aus bestimmten B\u00fcchern etwas Bestimmtes lernen wollen. Ich rede von denen, die je nach der verschiedenen Stufe ihrer Kenntnisse ganz verschiedene B\u00fccher lesen, ohne bestimmten Plan, unaufh\u00f6rlich wechselnd, selten in einem Buch lang ausruhend, getrieben von einer unausgesetzten, nie recht gestillten Sehnsucht. Aber die Sehnsucht dieser, m\u00f6chte es scheinen, geht durchaus nicht auf den Dichter. Es ist der Mann der Wissenschaft, der diese Sehnsucht zu stillen vermag, oder f\u00fcr neunzig auf hundert unter ihnen der Journalist. Sie lesen noch lieber Zeitungen als B\u00fccher, und obwohl sie nicht bestimmt wissen, was sie suchen, so ist es doch sicherlich keineswegs Poesie, sondern es sind seichte, f\u00fcr den Moment beruhigende Aufschl\u00fcsse, es sind die Zusammenstellungen realer Fakten, es sind fa\u00dfliche und zum Schein neue \u00bbWahrheiten\u00ab, es ist die rohe Materie des Daseins. Ich sage dies so, wie wir es gel\u00e4ufig sagen und leichthin glauben; aber ich glaube, nein ich wei\u00df, da\u00df dies nur der Schein ist. Denn sie suchen mehr, sie suchen etwas anderes, diese Hunderttausende, in den Tausenden von B\u00fcchern, die sich von Hand zu Hand weiter geben, bis sie beschmutzt und zerlesen auseinanderfallen: sie suchen etwas anderes als die einzelnen Dinge, die in der Luft h\u00e4ngenden kurzatmigen Theorien, die ihnen ein Buch nach dem anderen darbietet: sie suchen, aber es ist ihnen keine Dialektik gegeben, subtil genug, um sich zu fragen und zu sagen, was sie suchen; keine \u00dcbersicht, keine Kraft der Zusammenfassung: das einzige, wodurch sie ausdr\u00fccken k\u00f6nnen, was in ihnen vorgeht, ist die stumme beredte Geb\u00e4rde, mit der sie das aufgeschlagene Buch aus der Hand legen und ein neues aufschlagen. Und dies mu\u00df so weitergehen: denn sie suchen ja von Buch zu Buch, was der Inhalt keines ihrer tausend B\u00fccher ihnen geben kann: sie suchen etwas, was zwischen den Inhalten aller einzelnen B\u00fccher schwebt, was diese Inhalte in eins zu verkn\u00fcpfen verm\u00f6chte. Sie schlingen die realsten, die entseelteste aller Literaturen hinunter und suchen etwas h\u00f6chst Seelenhaftes. Sie suchen immerfort etwas, was ihr Leben mit den Adern des gro\u00dfen Lebens verb\u00e4nde in einer zauberhaften Transfusion lebendigen Blutes. Sie suchen in den B\u00fcchern, was sie einst vor den rauchenden Alt\u00e4ren suchten, einst in d\u00e4mmernden von Sehnsucht nach oben gerissenen Kirchen. Sie suchen, was sie st\u00e4rker als alles mit der Welt verkn\u00fcpfe, und zugleich den Druck der Welt mit eins von ihnen nehme. Sie suchen ein Ich, an dessen Brust gelehnt ihr Ich sich beruhige. Sie suchen, mit einem Wort, die ganze Bezauberung der Poesie. Aber es ist nicht ihre Sache, sich dessen Rechenschaft zu geben, noch auch ist es ihre Sache, zu wissen, da\u00df es der Dichter ist, den sie hinter dem Tagesschriftsteller, hinter dem Journalisten suchen. Denn wo sie suchen, dort finden sie auch, und der Romanschreiber, der sie bezaubert, der Journalist, der ihnen das eigene Leben schmackhaft macht und die grellen Lichter des gro\u00dfen Lebens \u00fcber den Weg wirft, den sie t\u00e4glich fr\u00fch und abends gehen \u2013 ich habe wirklich nicht den Mut und nicht den Wunsch, ihn von dem Dichter zu sondern. Ich wei\u00df keinen Zeilenschreiber, den elendsten seines Metiers, auf dessen Produkte nicht, so unw\u00fcrdig er dieses Lichtes sein mag, f\u00fcr ein v\u00f6llig unverw\u00f6hntes Auge, f\u00fcr eine in der Trockenheit des harten Lebens erstickende Phantasie etwas vom Glanz der Dichterschaft fiele, einfach dadurch, da\u00df er sich, und w\u00e4re es in der st\u00fcmperhaftesten Weise, des wundervollsten Instrumentes bedient: einer lebendigen Sprache. Freilich, er erniedrigt sie wieder, er nimmt ihr soviel von ihrer Hoheit, ihrem Glanz, ihrem Leben als er kann; aber er kann sie niemals so sehr erniedrigen, da\u00df nicht die zerbrochenen Rhythmen, die Wortverbindungen, die seiner Feder, ihm zu Trotz, zur Verf\u00fcgung stehen, die Bilder, die in seinem Geschreibe freilich das Prangerstehen lernen, noch da und dort in eine ganz junge, eine ganz rohe Seele wie Zauberstrahlen fallen k\u00f6nnten. (Und gibt es nicht ihrer mehr Jugendschicksale, die denen Kaspar Hausers gleichen, als man ahnen m\u00f6chte, in den ungeheueren Ein\u00f6den, die unsere menschenwimmelnden St\u00e4dte sind?)<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da ich an das m\u00e4chtige Geheimnis der Sprache erinnert habe, so habe ich mit einem Mal das enth\u00fcllt, worauf ich Sie f\u00fchren wollte. Verm\u00f6ge der Sprache ist es, da\u00df der Dichter aus dem Verborgenen eine Welt regiert, deren einzelne Glieder ihn verleugnen m\u00f6gen, seine Existenz m\u00f6gen vergessen haben. Und doch ist er es, der ihre Gedanken zueinander und auseinander f\u00fchrt, ihre Phantasie beherrscht und g\u00e4ngelt; ja noch ihre Willk\u00fcrlichkeiten, ihre grotesken Spr\u00fcnge leben von seinen Gnaden. Diese stumme Magie wirkt unerbittlich wie alle wirklichen Gewalten. Alles, was in einer Sprache geschrieben wird, und, wagen wir das Wort, alles, was in ihr gedacht wird, deszendiert von den Produkten der wenigen, die jemals mit dieser Sprache sch\u00f6pferisch geschaltet haben. Und alles, was man im breitesten und wahllosesten Sinn Literatur nennt, bis zum Operntextbuch der vierziger Jahre, bis hinunter zum Kolportageroman, alles deszendiert von den wenigen gro\u00dfen B\u00fcchern der Weltliteratur. Es ist eine erniedrigte, durch zuchtlose Mischungen bis zum Grotesken entstellte Deszendenz, aber es ist Deszendenz in direkter Linie. So sind es doch wirklich die Dichter, immer nur die Dichter, die Worte, die ihr Hirn f\u00fcr immer verm\u00e4hlt, f\u00fcr immer zu Antithesen auseinander gestellt hat, die Figuren, die Situationen, in denen sie das ewige Geschehen symbolisierten, so sind es immer nur die Dichter, mit denen es die Phantasie der Hunderttausende zu tun hat, und der Mann auf dem Omnibus, der die halbgelesene Zeitung in der Arbeiterbluse stecken hat, und der Ladenschwengel und das N\u00e4hm\u00e4dchen, die einander den Kolportageroman leihen, und alle die unz\u00e4hligen Leser der wertlosen B\u00fccher, ist es nicht seltsam zu denken, da\u00df sie doch irgendwie in diesen Stunden, wo ihr Auge \u00fcber die schwarzen Zeilen fliegt, mit den Dichtern sich abgeben, die Gewalt der Dichter erleiden, der einsamen Seelen, von deren Existenz sie nichts ahnen, von deren wirklichen Produkten ein so tiefer Abgrund sie und ihresgleichen trennt! Und deren Seelenhaftes, deren W\u00e4rme, bindend die auseinanderfliegenden Atome, deren Magie doch das einzige ist, was auch noch diese B\u00fccher zusammenh\u00e4lt, aus jedem von ihnen eine Welt f\u00fcr sich macht, eine Insel, auf der die Phantasie wohnen kann. Denn ohne diese Magie, die ihnen einen Schein von Form gibt, fielen sie auseinander, w\u00e4ren tote Materie und auch nicht die Hand des Rohesten griffe nach ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nach den B\u00fcchern, in denen die Wissenschaft die Ernte ihrer arbeitsamen Tage und N\u00e4chte aufh\u00e4uft, greifen Tausende von H\u00e4nden unaufh\u00f6rlich; diese B\u00fccher und ihre Deszendenz scheinen es vor allen zu sein, die aus den feineren, den zusammengesetzteren K\u00f6pfen ihre Adepten gemacht haben. Und gehe ich nicht zu weit, wenn ich hier abermals eine versteckte Sehnsucht nach dem Dichter wahrzunehmen behaupte, eine Sehnsucht, die, so widersinnig wie manche Regungen der Liebe, von dem Gegenstand ihres heimlichen W\u00fcnschens sich gerade abzukehren, ihm f\u00fcr immer den R\u00fccken zu wenden vorgibt? Aber sind es denn nicht wirklich nur und allein die wenigen, welche in einer Wissenschaft arbeiten, die ihr wirkliches Wesen in ihr suchen, ihr strenges, abgeschlossenes, von einem Abgrund ewiger K\u00e4lte umflossenes Dasein \u2013 und w\u00e4re f\u00fcr die unerprobten suchenden Seelen der vielen diese K\u00e4lte nicht so f\u00fcrchterlich, da\u00df sie sich daran verbrennen w\u00fcrden, und f\u00fcr ewig diesen Ort meiden?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da\u00df es Menschen gibt, die zu leben verm\u00f6gen in einer Luft, die von der Eisesk\u00e4lte des unendlichen Raumes beleckt wird, ist ein Geheimnis des Geistes, ein Geheimnis, wie es andererseits die Existenz der Dichter ist und da\u00df es Geister gibt, die unter dem ungeheueren Druck des ganzen angesammelten Daseins zu leben verm\u00f6gen \u2013 wie ja die Dichter tun. Aber es ist nicht die Sache der vielen, es kann nicht ihre Sache sein. Denn sie stehen im Leben und aus der Wissenschaft, in ihrem reinen strengen Sinn genommen, f\u00fchrt kein Weg ins Leben zur\u00fcck. Ihr wohnt ein Streben inne, wie den K\u00fcnsten ein Streben innewohnt, reine Kunst zu werden, wof\u00fcr man (aber es ist nur gleichnisweise zu verstehen) gesagt hat: sie streben danach, Musik zu werden. Dies Streben, sich zur Mathematik emporzul\u00e4utern, dies, wenn Sie wollen, ist das einzig noch Menschliche an den Wissenschaften, dies ist, wenn Sie wollen, ihre bleibende Durchseelung mit Menschlichkeit: denn so tragen sie das menschliche Messen ins Universum, und es bleibt, wie in dem alten Axiom, der Mensch das Ma\u00df aller Dinge. Aber hier auch schon schwingt sich der Weg ins Eisige und Einsame. Und nicht nach gl\u00fchendem Frost der Ewigkeit treibt es die vielen, die nach diesen B\u00fcchern greifen und wiederum greifen; sie sind keine Adepten und auf ewig sind ihrem ruhelosen fragenden begierigen Gewimmel die Vorh\u00f6fe zugewiesen. Wonach ihre Sehnsucht geht, das sind die verkn\u00fcpfenden Gef\u00fchle; die Weltgef\u00fchle, die Gedankengef\u00fchle sind es, gerade jene, welche auf ewig die wahre strenge Wissenschaft sich versagen mu\u00df, gerade jene, die allein der Dichter gibt. Sie, die nach den B\u00fcchern der Wissenschaft und der Halbwissenschaft greifen, so wie jene anderen nach den Romanen greifen, nach dem Zeitungsblatt, nach jedem bedruckten Fetzen, sie wollen nicht schaudernd dastehen in ihrer Bl\u00f6\u00dfe unter den Sternen. Sie ersehnen, was nur der Dichter ihnen geben kann, wenn er um ihre Bl\u00f6\u00dfe die Falten seines Gewandes schl\u00e4gt. Denn Dichten, das Wort steht irgendwo in Hebbels Tageb\u00fcchern, Dichten hei\u00dft die Welt wie einen Mantel um sich schlagen und sich w\u00e4rmen. Und an dieser W\u00e4rme wollen sie teilhaben und darum sind es die Tr\u00fcmmer des Dichterischen, nach denen sie haschen, wo sie der Wissenschaft zu huldigen meinen; nach f\u00fchlendem Denken, denkendem F\u00fchlen steht ihr Sinn, nach Vermittlung dessen, was die Wissenschaft in grandioser Entsagung als unvermittelbar hinnimmt. Sie aber suchen den Dichter und nennen ihn nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist der Dichter da, wo er nicht da zu sein scheint, und ist immer an einer anderen Stelle als er vermeint wird. Seltsam wohnt er im Haus der Zeit, unter der Stiege, wo alle an ihm vor\u00fcber m\u00fcssen und keiner ihn achtet. Gleicht er nicht dem f\u00fcrstlichen Pilger aus der alten Legende, dem auferlegt war, sein f\u00fcrstliches Haus und Frau und Kinder zu lassen und nach dem Heiligen Lande zu ziehen; und er kehrte wieder, aber ehe er die Schwelle betrat, wurde ihm auferlegt, nun als ein unerkannter Bettler sein eigenes Haus zu betreten und zu wohnen, wo das Gesinde ihn wiese. Das Gesinde wies ihn unter die Treppe, wo nachts der Platz der Hunde ist. Dort haust er und h\u00f6rt und sieht seine Frau und seine Br\u00fcder und seine Kinder, wie sie die Treppe auf und nieder steigen, wie sie von ihm als einem Verschwundenen, wohl gar einem Toten sprechen und um ihn trauern. Aber ihm ist auferlegt, sich nicht zu erkennen zu geben, und so wohnt er unerkannt unter der Stiege seines eigenen Hauses.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Dies unerkannte Wohnen im eigenen Haus, unter der Stiege, im Dunkel, bei den Hunden; fremd und doch daheim: als ein Toter, als ein Phantom im Munde aller, ein Gebieter ihrer Tr\u00e4nen, gebettet in Liebe und Ehrfurcht; als ein Lebendiger gesto\u00dfen von der letzten Magd und gewiesen zu den Hunden; und ohne Amt in diesem Haus, ohne Dienst, ohne Recht, ohne Pflicht, als nur zu lungern und zu liegen und in sich dies alles auf einer unsichtbaren Waage abzuwiegen, dies alles immerfort bei Tag und Nacht abzuwiegen und ein ungeheueres Leiden, ungeheures Genie\u00dfen zu durchleben, dies alles zu besitzen wie niemals ein Hausherr sein Haus besitzt \u2013 denn besitzt der die Finsternis, die nachts auf der Stiege liegt, besitzt er die Frechheit des Koches, den Hochmut des Stallmeisters, die Seufzer der niedrigsten Magd? Er aber, der gespenstisch im Dunkeln liegt, besitzt alles dies: denn jedes von diesen ist eine offene Wunde an seiner Seele und gl\u00fcht einmal als ein Karfunkelstein an seinem himmlischen Gewand \u2013 dies unerkannte Wohnen, es ist nichts als ein Gleichnis, ein Gleichnis, das mir zugeflogen ist, weil ich vor nicht vielen Wochen diese Legende in dem alten Buch \u00bbDie Taten der R\u00f6mer\u00ab gelesen habe, \u2013 aber ich glaube, es hat die Kraft, uns hin\u00fcberzuleiten, da\u00df ich Ihnen von dem spreche, was nicht minder phantastisch ist und doch so ganz zu dem geh\u00f6rt, was wir Wirklichkeit, was wir Gegenwart zu nennen uns beruhigen: zu dem, wie ich den Dichter wohnen sehe im Haus dieser Zeit, wie ich ihn hausen und leben f\u00fchle in dieser Gegenwart, dieser Wirklichkeit, die zu bewohnen uns gegeben ist.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er ist da, und es ist niemandes Sache, sich um seine Anwesenheit zu bek\u00fcmmern. Er ist da und wechselt lautlos seine Stelle und ist nichts als Auge und Ohr und nimmt seine Farbe von den Dingen, auf denen er ruht. Er ist der Zuseher, nein, der versteckte Genosse, der lautlose Bruder aller Dinge, und das Wechseln seiner Farbe ist eine innige Qual: denn er leidet an allen Dingen, und indem er an ihnen leidet, genie\u00dft er sie. Dies Leidend-Genie\u00dfen, dies ist der ganze Inhalt seines Lebens. Er leidet, sie so sehr zu f\u00fchlen. Und er leidet an dem einzelnen so sehr als an der Masse; er leidet ihre Einzelheit und leidet ihren Zusammenhang; das Hohe und das Wertlose, das Sublime und das Gemeine; er leidet ihre Zust\u00e4nde und ihre Gedanken; ja blo\u00dfe Gedankendinge, Phantome, die wesenlosen Ausgeburten der Zeit leidet er, als w\u00e4ren sie Menschen. Denn ihm sind Menschen und Dinge und Gedanken und Tr\u00e4ume v\u00f6llig eins: er kennt nur Erscheinungen, die vor ihm auftauchen und an denen er leidet und leidend sich begl\u00fcckt. Er sieht und f\u00fchlt; sein Erkennen hat die Betonung des F\u00fchlens, sein F\u00fchlen die Scharfsichtigkeit des Erkennens. Er kann nichts auslassen. Keinem Wesen, keinem Ding, keinem Phantom, keiner Spukgeburt eines menschlichen Hirns darf er seine Augen verschlie\u00dfen. Es ist als h\u00e4tten seine Augen keine Lider. Keinen Gedanken, der sich an ihn dr\u00e4ngt, darf er von sich scheuchen, als sei er aus einer anderen Ordnung der Dinge. Denn in seine Ordnung der Dinge mu\u00df jedes Ding hineinpassen. In ihm mu\u00df und will alles zusammenkommen. Er ist es, der in sich die Elemente der Zeit verkn\u00fcpft. In ihm oder nirgends ist Gegenwart.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber die Gewebe sind durchsetzt mit noch feineren F\u00e4den, und wenn kein Auge sie wahrnimmt, sein Auge darf sie nie verleugnen. Ihm ist die Gegenwart in einer unbeschreiblichen Weise durchwoben mit Vergangenheit: in den Poren seines Leibes sp\u00fcrt er das Her\u00fcbergelebte von vergangenen Tagen, von fernen nie gekannten V\u00e4tern und Urv\u00e4tern, verschwundenen V\u00f6lkern, abgelebten Zeiten; sein Auge, wenn sonst keines, trifft noch \u2013 wie k\u00f6nnte er es wehren? \u2013 das lebendige Feuer von Sternen, die l\u00e4ngst der eisige Raum hinweggezehrt hat. Denn dies ist das einzige Gesetz, unter dem er steht: keinem Ding den Eintritt in seine Seele zu wehren, und was ein Mensch ist, ein lebendiger, der die H\u00e4nde gegen ihn reckt, das ist ihm, nichts Fremderes, der flimmernde Sternenstrahl, den vor dreitausend Jahren eine Welt entsandt und der heute das Auge ihm trifft, und im Gewebe seines Leibes das Nachzucken uralter, kaum mehr zu messender Regung. Wie der innerste Sinn aller Menschen Zeit und Raum und die Welt der Dinge um sie her schafft, so schafft er aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Tier und Mensch und Traum und Ding, aus Gro\u00df und Klein, aus Erhabenem und Nichtigem die Welt der Bez\u00fcge.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er schafft. Dumpfe Schmerzen, eingeschr\u00e4nkte Schicksale k\u00f6nnen sich f\u00fcr lange auf seine Seele legen und sie mit Leid innig durchtr\u00e4nken und zu einer anderen Stunde wird er den gestirnten Himmel in seiner aufgeschlossenen Seele spiegeln. Er ist der Liebhaber der Leiden und der Liebhaber des Gl\u00fccks. Er ist der Entz\u00fcckte der gro\u00dfen St\u00e4dte und der Entz\u00fcckte der Einsamkeit. Er ist der leidenschaftliche Bewunderer der Dinge, die von ewig sind, und der Dinge, die von heute sind. London im Nebel mit gespenstigen Prozessionen von Arbeitslosen, die Tempeltr\u00fcmmer von Luxor, das Pl\u00e4tschern einer einsamen Waldquelle, das Gebr\u00fcll ungeheuerer Maschinen: die \u00dcberg\u00e4nge sind niemals schwer f\u00fcr ihn und er \u00fcberl\u00e4\u00dft das vereinzelte Staunen denen, deren Phantasie schwerf\u00e4lliger ist \u2013 denn er staunt immer, aber er ist nie \u00fcberrascht, denn nichts tritt v\u00f6llig unerwartet vor ihn, alles ist, als w\u00e4re es schon immer dagewesen, und alles ist auch da, alles ist zugleich da. Er kann kein Ding entbehren, aber eigentlich kann er auch nichts verlieren, nicht einmal durch den Tod. Die Toten stehen ihm auf, nicht wann er will, aber wann sie wollen, und immerhin, sie stehen ihm auf. Sein Hirn ist der einzige Ort, wo sie f\u00fcr ein Zeitatom nochmals leben d\u00fcrfen und wo ihnen, die vielleicht in erstarrender Einsamkeit hausen, das grenzenlose Gl\u00fcck der Lebendigen zuteil wird: sich mit allem, was lebt, zu begegnen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Die Toten leben in ihm, denn f\u00fcr seine Sucht, zu bewundern, zu bestaunen, zu begreifen, ist dies Fortsein keine Schranke. Er vermag nichts, wovon er einmal geh\u00f6rt, wovon ein Wort, ein Name, eine Andeutung, eine Anekdote, ein Bild, ein Schatten je in seine Seele gefallen, jemals v\u00f6llig zu vergessen. Er vermag nichts in der Welt und zwischen den Welten als non avenu zu betrachten. Was ihn angehaucht hat und w\u00e4re es aus dem Grab, darum buhlt er im stillen. Es ist ihm nat\u00fcrlich, Mirabeau um seiner Beredsamkeit willen und Friedrich den Zweiten um seiner grandiosen Einsamkeit willen und Warren Hastings um seines Mutes willen und den Prinzen von Ligne um seiner H\u00f6flichkeit willen zu lieben, und Maria Antoinette um des Schafottes willen und den heiligen Sebastian um der Pfeile willen. Aber daneben l\u00e4uft seine Phantasie noch jedem obskuren Abenteuerer, von dem das Zeitungsblatt meldet, um seiner Abenteuer willen nach, dem Reichen um seines Reichtums, dem Armen um seiner Armut willen. Jeder Stand w\u00fcnscht seinen Pindar, aber er hat ihn auch. Der Dichter, wenn er an dem Haus des T\u00f6pfers vor\u00fcberkommt oder an dem Haus des Schusters und durchs Fenster hineinsieht, ist so verliebt ins Handwerk des T\u00f6pfers oder des Schusters, da\u00df er nie von dem Fenster fortk\u00e4me, w\u00e4re es nicht, weil er dann wieder dem J\u00e4ger zusehen mu\u00df oder dem Fischer oder dem Fleischhauer.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6re manchmal im Gespr\u00e4ch oder in einer Zeitung klagen, da\u00df einzelnes, was des Schilderns wert w\u00e4re, von den Dichtern unserer Zeit nicht geschildert werde, zum Beispiel die Inhalte mancher Industrien oder dergleichen. Aber wofern in diesen Betrieben das Leben eine eigene Form annimmt, einen neuen Rhythmus durch ein besonderes Zusammensein oder ein besonderes Isoliertsein der Menschen, wofern in diesen Betrieben die einzelnen Menschen oder viele zugleich in ein besonderes Verh\u00e4ltnis zur Natur treten, besondere Lichter auf sie fallen, die unendliche Symbolhaftigkeit der Materie neue unerwartete Schatten und Scheine auf die Menschen gie\u00dft, so werden sich die Dichter auf dies neue Ding, auf dies neue Gewebe von Dingen st\u00fcrzen, verm\u00f6ge der tiefen Leidenschaft, die sie treibt, jedes neue Ding dem Ganzen, das sie in sich tragen, einzuordnen, verm\u00f6ge ihrer unbez\u00e4hmbaren Leidenschaft, alles was da ist in ein Verh\u00e4ltnis zu bringen. Denn sie sind solche Schattenbeschw\u00f6rer ohne Ma\u00df, sie machen ihren Helden nicht mehr blo\u00df aus Alexander und C\u00e4sar, nicht mehr blo\u00df aus der neuen Heloise und dem Werther, nein: das unscheinbarste Dasein, die d\u00fcrftigste Situation wird ihren immer sch\u00e4rferen Sinnen seelenhaft; wo nur aus fast Wesenlosem die schw\u00e4chste Flamme eines eigenen Daseins, eines besonderen Leidens schl\u00e4gt, sind sie nahe und weben sich das Unbelebte und den Dunstkreis, der es umschwimmt, zu einer gespenstigen Wesenheit zusammen.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Da ich ein Kind war, ich denke es wie heute, brachte ich meine Einbildung oft stundenlang nicht los von der Qual von Tieren, von mi\u00dfhandelten Pferden, eingesperrten Tieren, gro\u00dfen traurig blickenden Gefangenen, die immer herumgehen zwischen dem Gitter und der Wand. Und ich sann etwas aus, aber verga\u00df es sp\u00e4ter wieder v\u00f6llig, von einem Tierb\u00e4ndiger, der seine L\u00f6wen t\u00f6tet, ihnen vergiftetes Fleisch hinwirft. Es geschah in einer solchen Sph\u00e4re des kinderhaften dumpfen, starken F\u00fchlens, dies Aussinnen, es war auch nicht so deutlich wie diese Worte es darstellen, es war nichts als ein dumpfer Schmerz und das mitleidige halb grausende Ausmalen einer Situation, in der etwas Qu\u00e4lendes und etwas Erl\u00f6sendes sich mischten. Es kamen andere Jahre und ich verga\u00df dies v\u00f6llig. Tausende von Kindern leiden mehr als sie jemals ahnen lassen unter der Qual von Tieren. Solche dumpfe Schmerzen liegen in der Zeit wie andere in anderen Zeiten. Aber ist es nicht seltsam, da\u00df sie alle ihren Ausdruck finden, alle den Dichter, der sie erl\u00f6st, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter? Dies dumpf Ausgesonnene des Kindes sollte ich auf einmal wiederfinden, ausgedr\u00fcckt in einem Buch, die ganze unbeschreibliche Traurigkeit des L\u00f6wenb\u00e4ndigers, der seine Tiere t\u00f6tet, seine Tiere, die er liebt. (Eines Abends wirft er ihnen vergiftetes Fleisch hin \u2013 aus irgendeinem Grunde ist er gezwungen dies zu tun und sie verenden langsam in dem menschenleeren Zirkus beim Schein einer Gasflamme.) Es ist das Buch eines d\u00e4nischen Schriftstellers, und es h\u00e4tte mir sehr leicht niemals in die Hand kommen k\u00f6nnen \u2013 aber es geschah nur das Selbstverst\u00e4ndliche, da\u00df ein Dichter sich weidete an einer unbeschreiblichen, unfa\u00dflichen Traurigkeit, deren Wirkliches gegeben ist in dem Leben, das wir leben. Es sind noch andere \u00e4hnliche Dinge in dem gleichen Buch. Das H\u00e4\u00dfliche und Triste an der Existenz von Kellnern, das Entw\u00fcrdigende darin, das Groteske \u2013 jeder Mensch denkt das irgendeinmal und es verwischt sich wieder in ihm. In diesem d\u00e4nischen Buch ist auch daraus eine solche Erz\u00e4hlung gemacht. Diese Erz\u00e4hlungen sind wie seltsame, konzentrierte Destillate, gewonnen aus den Giften, die der K\u00f6rper der Gesellschaft in sich absondert, seine Erm\u00fcdungsgifte, seine leisen chronischen Vergiftungen. Aber der Liebhaber aller Dinge, der Liebhaber aller Schmerzen mu\u00df diese Dinge pfl\u00fccken wie Blumen, er kann nicht anders, es ist st\u00e4rker als er. Das Sterben der vergifteten Tiere, der sonderbare gierige Hunger des Kellners, ihn locken sie, wie einen andern die Taten des Achilles gelockt haben und die Fahrten und Leiden des vielerfahrenen Odysseus. An welchem menschlichen Tun k\u00f6nnte der Dichter auf die Dauer stumpf und unger\u00fchrt vor\u00fcbergehen, er, der unaufh\u00f6rlich dem eigenen ewig unverk\u00f6rperten Tun ein Gleichnis sucht. Mit einer Sicherheit, die seiner Begabung proportional ist, wird er das an der Bet\u00e4tigung weglassen, was Materie ist, aber an dem Eigentlichen, dem Seelenhaften, dem Sch\u00f6pferischen, an dem Abenteuer, dem Heldentum, dem Leiden, dem Schicksal, das in jeder Arbeit liegt, an dem Abenteuer und dem eigentlichen magischen Erlebnis im Leben des Kaufmannes, des Chemikers, des Geldmenschen \u2013 wie k\u00f6nnte er an denen vor\u00fcber?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Er kann ja an keinem noch so unscheinbaren Ding vor\u00fcber: da\u00df es etwas in der Welt gibt wie das Morphium, und da\u00df es je etwas gegeben hat wie Athen und Rom und Karthago, da\u00df es M\u00e4rkte von Menschen gegeben hat und M\u00e4rkte von Menschen gibt, das Dasein Asiens und das Dasein von Tahiti, die Existenz der ultravioletten Strahlen und die Skelette der vorweltlichen Tiere, diese Handvoll Tatsachen und die Myriaden solcher Tatsachen aus allen Ordnungen der Dinge sind f\u00fcr ihn immer irgendwie da, stehen irgendwo im Dunkel und warten auf ihn und er mu\u00df mit ihnen rechnen. Er lebt, und das unaufh\u00f6rlich, unter einem Druck unme\u00dfbarer Atmosph\u00e4ren, wie der Taucher in der Tiefe des Meeres, und es ist die seltsamste Organisation einer Seele, da\u00df sie diesem Druck standh\u00e4lt. Er darf nichts von sich ablehnen. Er ist der Ort, an dem die Kr\u00e4fte der Zeit einander auszugleichen verlangen. Er gleicht dem Seismographen, den jedes Beben, und w\u00e4re es auf Tausende von Meilen, in Vibrationen versetzt. Es ist nicht, da\u00df er unaufh\u00f6rlich an alle Dinge der Welt d\u00e4chte. Aber sie denken an ihn. Sie sind in ihm, so beherrschen sie ihn. Seine dumpfen Stunden selbst, seine Depressionen, seine Verworrenheiten sind unpers\u00f6nliche Zust\u00e4nde, sie gleichen den Zuckungen des Seismographen, und ein Blick, der tief genug w\u00e4re, k\u00f6nnte in ihnen Geheimnisvolleres lesen als in seinen Gedichten. Seine Schmerzen sind innere Konstellationen, Konfigurationen der Dinge in ihm, die er nicht die Kraft hat zu entziffern. Sein unaufh\u00f6rliches Tun ist ein Suchen von Harmonien in sich, ein Harmonisieren der Welt, die er in sich tr\u00e4gt. In seinen h\u00f6chsten Stunden braucht er nur zusammenzustellen, und was er nebeneinanderstellt wird harmonisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber Sie wollen diese Harmonie genie\u00dfen, und die Dichter dieser Zeit, m\u00f6chte es Ihnen manchmal scheinen, bleiben sie Ihnen schuldig. Die Dichter, h\u00f6ren Sie mich versichern, f\u00fchren alle Dinge zusammen, sie reinigen die dumpfen Schmerzen der Zeit, unter ihnen wird alles zum Klang und alle Kl\u00e4nge verbinden sich: und doch- Sie haben allzu viele dieser B\u00fccher gelesen, es waren dichterische B\u00fccher, es war die Materie des Dichters in ihnen, aber nichts von dieser h\u00f6chsten Magie. Den zersplitterten Zustand dieser Welt wollten Sie fliehen und fanden wieder Zersplittertes. Sie fanden alle Elemente des Daseins blo\u00dfgelegt: den Mechanismus des Geistes, k\u00f6rperliche Zust\u00e4nde, die zweideutigen Verh\u00e4ltnisse der Existenz, alles w\u00fcst daliegend wie den Materialhaufen zu einem Hausbau. Sie fanden in diesen B\u00fcchern die gleiche Atomisierung, Zersetzung des Menschlichen in seine Elemente, Disintegration dessen, was zusammen den hohen Menschen bildet, und Sie wollten doch in den Zauberspiegel sehen, aus dem Ihnen das W\u00fcste als ein Gebautes, das Tote als ein Lebendiges, das Zerfallene als ein Ewigbl\u00fchendes entgegenblicken sollte. Das Dichterische in allen diesen Versuchen f\u00fchlen Sie wohl, aber wie, fragen Sie sich, w\u00e4re damit schon Dichterschaft beglaubigt?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Geht nicht von diesen dichterischen Seelen noch gr\u00f6\u00dfere fieberhaftere Unruhe aus, anstatt Beruhigung? sind sie nicht wie sensible Organe dieses gro\u00dfen Leibes, verm\u00f6ge welcher die disparaten anst\u00fcrmenden Forderungen noch wilder die Seele zerw\u00fchlen? schaffen sie nicht Phantome, wo sie hinblicken, und beseelen verwirrend und unheimlich auch die zerfallenden Teile der Gebilde? Dies fragen Sie sich immer lauter, w\u00e4hrend Sie das Geschriebene aufnehmen, und mit Ungeduld, und f\u00fchlen sich gewaltsam herausgefordert, \u00bbauf die d\u00fcrftige Geburt der Zeit den Ma\u00dfstab des Unbedingten anzuwenden\u00ab und von denen, die die Dichter ihrer Zeit sein m\u00f6chten, die h\u00f6chste, die einzig unerl\u00e4\u00dfliche dichterische Leistung zu verlangen, die Synthese des Inhaltes der Zeit. Dem dichterischen Element, der dichterischen Essenz, womit, Sie gestehen es mir gerne zu, diese Epoche nicht minder durchsetzt sein mag als eine andere, wollen Sie nicht l\u00e4nger Ihr blo\u00dfes Vorhandensein zugute halten \u2013 und Sie verlangen Resultate.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Sie finden in dem Werke Schillers, Sie finden, wenn auch minder leicht zu dechiffrieren, in dem Werk Hebbels jeweils die Summe einer Epoche gezogen, Sie sind nahe dem Punkte, wo Sie dem geheimnisvollen Novalis das gleiche zugestehen werden \u2013 und Sie begreifen es durchaus, da\u00df ich von Goethe in diesem Zusammenhang nur darum nicht spreche, sein Werk nicht zuerst hier genannt habe, weil es nicht blo\u00df die Synthese einer begrenzten Epoche, sondern zweier zusammensto\u00dfender Zeitalter vollzieht und in diesem Betracht uns heute noch unabsehbar ist. Aber ein Gleiches, wohin Sie sich wenden, bleiben die Dichter dieser Zeit Ihnen schuldig. Und es m\u00f6chte Ihnen scheinen, als w\u00e4re diesem Schuldigbleiben noch ein eigent\u00fcmlich leichter Trotz beigemengt, ein bewu\u00dfter Egoismus der Haltung, ein Sich-Wegwenden von dem, was die lautesten Fragen der Zeit zu sein scheinen, ein Versteckenspiel. Sie sehen, und sehen mit Befremden, wie wenig sich die Dichter ihres Amtes zu erinnern scheinen; wie sie es, mit einem Hochmut, an dem etwas wie Verachtung haftet, anderen Personen \u00fcberlassen, f\u00fcr Augenblicke den Anwalt und den Rhetor der Zeit zu spielen. Es ist, als l\u00e4ge ein Abgrund zwischen ihrer Haltung und der Haltung Schillers, der so sehr der beredte, der bewu\u00dfte Herold seiner Epoche war, zwischen ihrer Haltung und der Hebbels, der, schlaflosen Auges im Dunkel stehend, stets die Waage der Werte in seiner Hand auf und nieder gehen f\u00fchlte. Es ist, als seien sie sich in einer seltsamen Begrenztheit nur des unersch\u00f6pflichen Erlebnisses ihrer Dichterschaft bewu\u00dft und nie und nimmer des Amtes, das auf sie gelegt ist. Als sei ihnen, wenn sie ihre Werke schaffen, nur und einzig um die allergeheimnisvollste pers\u00f6nlichste Lust zu tun, um ein hastiges Baden im Leben, ein Ansichrei\u00dfen und Wiederfahrenlassen der funkelnden Welle des Lebens. Als suchten sie in ihrem Schaffen \u2013 wenn wir die abgewandte, geheimnisvoll beleuchtete Seite dieser Dinge betrachten wollen \u2013 nur ein Ausruhen, ein krankhaftes Sich-in-irgendein-Bett-Werfen, nach endlosem Umhergewirbeltwerden; wie der Satan Karamasows sich sehnte, im Leib einer dicken dritthalb Zentner schweren Kaufmannsfrau sich zu verk\u00f6rpern und an alles zu glauben, woran sie glaubt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Diese Art, dies zu sehen, diese mehr gef\u00fchlte als gedankenhafte Abneigung \u2013 mir ist manchmal, als f\u00fchlte ich sie schweben, diese leise Spannung der Ungeduld, dies unausgesprochene Urteil einer Zeit \u00fcber ihre Dichter, die da sind und die doch nicht f\u00fcr sie da zu sein scheinen. Die unaufh\u00f6rlich in den Elementen der Zeit untertauchen und sich niemals \u00fcber die Elemente zu erheben scheinen. Deren ewige Hingabe an den Stoff (und es macht so wenig Unterschied, ob es sich um den Stoff der \u00e4u\u00dferen Welt oder der inneren handelt) etwas ausdr\u00fcckt wie ein Verzichten auf Synthese, ein Sich-Entziehen, eine unw\u00fcrdige und unbegreifliche Resignation.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Mir ist manchmal, als ruhte das Auge der Zeit, ein strenger, fragender, schwer zu ertragender Blick, auf dem Dasein der vielen Dichter wie auf einer seltsamen unheimlichen Vision. Und als f\u00fchlten die Dichter diesen Blick auf sich, f\u00fchlten ihre Vielzahl, ihre Gemeinsamkeit, ihre Schicksalsverkettung und die Unbegreiflichkeit und doch die dumpfe Notwendigkeit ihres Tuns. Und diesem Tun ist keine Formel zu finden, aber es steht unter dem Befehl der Notwendigkeit, und es ist, als bauten sie alle an einer Pyramide, dem ungeheueren Wohnhaus eines toten K\u00f6nigs oder eines ungeborenen Gottes.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Denn sie sind nun einmal da. Sind da und sind auf eine Sache in der Welt gestellt: die Unendlichkeit der Erscheinungen leidend zu genie\u00dfen und aus leidendem Genie\u00dfen heraus die Vision zu schaffen; zu schaffen in jeder Sekunde, mit jedem Pulsschlag, unter einem Druck, als liege der Ozean \u00fcber ihnen, zu schaffen, von keinem Licht angeleuchtet, auch von keinem Grubenl\u00e4mpchen, zu schaffen, umtost von h\u00f6hnenden, verwirrenden Stimmen; zu schaffen aus keinem anderen Antrieb heraus als aus dem Grundtrieb ihres Wesens, zu schaffen den Zusammenhang des Erlebten, den ertr\u00e4glichen Einklang der Erscheinungen, zu schaffen wie die Ameisen, wieder verst\u00f6rt, wieder schaffend, zu schaffen wie die Spinne, aus dem eigenen Leib den Faden hervorspinnend, der \u00fcber den Abgrund des Daseins sie tr\u00e4gt.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber dies ist, was jeder f\u00fcr sich zu geben hat \u2013 doch ihrer sind viele und sie f\u00fchlen einander (wie k\u00f6nnten sie einander nicht f\u00fchlen, da sie jeden Druck der Luft f\u00fchlen, da sie das Wehen des Atems von einem f\u00fchlen, der seit tausend Jahren tot ist?), sie f\u00fchlen einander leben, f\u00fchlen ihrer aller H\u00e4nde gemeinsam an einem Gewebe, ihrer tausend H\u00e4nde nebeneinander im Dunkeln, ziehend an einem endlosen Seil. Und diesem Tun ist keine Formel zu finden, aber es steht unter dem Befehl der Notwendigkeit. Und auf diesem ganzen lautlosen Tun und Treiben ruht, m\u00f6chte es uns scheinen, der strenge fragende Blick der Zeit &#8230; Wie aber, wenn niemand diesen Blick zu erwidern h\u00e4tte, niemand nicht heute und nicht sp\u00e4terhin dieser Frage eine Antwort schuldig w\u00e4re?<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Wachen wir nicht manchmal aus dem Schlaf auf, meinen aufzuwachen, h\u00f6ren alles, sehen alles, und sind doch im Tiefsten bet\u00e4ubt, von den geheimen heilsamen Giften des Schlafes erf\u00fcllt, und liegen eine kurze Weile und unser zum Schein so waches Denken starrt in irgend eine Tiefe unseres Daseins mit einem furchtbaren eisernen qualvollen Blick? Nichts h\u00e4lt diesem Blicke stand. Wie trag ich das? fragt eine Stimme gr\u00e4\u00dflich in uns. Wie leb ich und trage das und mache nicht ein Ende mit mir? Denn es gibt keine ertr\u00e4gliche Antwort. Der Tag wird kommen, mit Morgenglocken und Vogelstimmen, das Licht wird lebendig werden, doch dies wird nicht anders sein. Aber ein einziges Wiedereinschlafen und dies ist fort, weggetilgt mit s\u00fc\u00dfem Balsam des Lebens. So ist es mir, als schl\u00fcge aus einem Schlaf, im Innersten von geheimnisvoll wirksamen Giften bet\u00e4ubt, nur dann und wann die Zeit die Augen auf und heftete diesen furchtbaren fragenden Blick auf dies alles. Aber es ist der bohrende Blick eines Schlafenden und niemand, weder heute noch sp\u00e4terhin, wird ihm Antwort schuldig sein.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Niemals wieder wird eine erwachte Zeit von den Dichtern, weder von einem einzelnen, noch von ihnen allen zusammen, ihren ersch\u00f6pfenden rhetorischen Ausdruck, ihre in begrifflichen Formeln gezogene Summe verlangen. Dazu hat das Jahrhundert, dem wir uns entwinden, uns die Ph\u00e4nomene zu stark gemacht; zu gewaltig angefacht den Larventanz der stummen Erscheinungen; zu m\u00e4chtig hat sich das wortlose Geheimnis der Natur und der stille Schatten der Vergangenheit gegen uns hereinbewegt. Eine erwachte Zeit wird von den Dichtern mehr und Geheimnisvolleres verlangen. Ein ungeheuerer Proze\u00df hat das Erlebnis des Dichters neu gepr\u00e4gt und damit zugleich das Erlebnis jenes, um dessen Willen der Dichter da ist: des einzelnen. Der Dichter und der, f\u00fcr den Gedichtetes da ist, sie gleichen beide nicht mehr denselben Figuren aus irgendwelcher vergangenen Epoche. Ich will nicht sagen, wieweit sie mehr dem Priester und dem Gl\u00e4ubigen zu gleichen scheinen oder dem Geliebten und dem Liebenden nach dem Sinne Platons oder dem Zauberer und dem Bezauberten. Denn diese Vergleiche verdecken soviel als sie enth\u00fcllen von einem unfa\u00dflichen Verh\u00e4ltnis, in dem die so verschiedenen Magien aller dieser Verh\u00e4ltnisse sich mischen mit noch anderen namenlosen Elementen, die dem heutigen Tag allein geh\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Aber dies unfa\u00dfliche Verh\u00e4ltnis ist da. Das Buch ist da, voll seiner Gewalt \u00fcber die Seele, \u00fcber die Sinne. Das Buch ist da und fl\u00fcstert, wo Lust aus dem Leben zu gewinnen ist und wie Lust zerrinnt, wie Herrschaft \u00fcber die Menschen gewonnen wird und wie die Stunde des Todes soll ertragen werden. Das Buch ist da und in ihm der Inbegriff der Weisheit und der Inbegriff der Verf\u00fchrung. Es liegt da und schweigt und redet und ist um soviel zweideutiger, gef\u00e4hrlicher, geheimnisvoller, als alles zweideutiger, machtvoller und geheimnisvoller ist in dieser \u00fcber alle Ma\u00dfen unfa\u00dflichen, dieser im h\u00f6chsten Sinne poetischen Zeit. Es hat keinen Sinn, eine wohlfeile Antithese zu machen und den B\u00fcchern das Leben entgegenzustellen. Denn w\u00e4ren die B\u00fccher nicht ein Element des Lebens, ein h\u00f6chst zweideutiges, entschl\u00fcpfendes, gef\u00e4hrliches, magisches Element des Lebens, so w\u00e4ren sie gar nichts und es w\u00e4re nicht des Atems wert, \u00fcber sie zu reden. Aber sie sind in der Hand eines jeden etwas anderes, und sie leben erst, wenn sie mit einer lebendigen Seele zusammenkommen. Sie reden nicht, sondern sie antworten, dies macht D\u00e4monen aus ihnen. Die Zeit kommt um ihre Synthese, aber in tausend dunklen Stunden versagen sich dem einzelnen nicht die tiefentsprungenen Quellen, \u2013 und ich wei\u00df es schon nicht mehr, wenn ich diese Dinge in ihrem geheimen, sch\u00f6neren Zusammenhang betrachte, ob ich noch von d\u00fcrftigen Geburten sprechen darf, wo immerhin nach \u00f6den Zeiten aus der Seele Geborenes wiederum auf die Seele wirkt. Nie haben vor diesen Tagen Fordernde so ihr ganzes Ich herangetragen an Gedichtetes; so wie auf den Dichtern selbst liegt auch auf ihnen der Zwang, nichts drau\u00dfen zu lassen. Es ist ein Ringen, ein Chaos, das sich geb\u00e4ren will in denen, die sich gierigen Auges auf die B\u00fccher niederbeugen, wie in denen, die die B\u00fccher hervorgebracht haben. In den Lesenden, von denen ich rede (den Einzelnen, Seltenen und doch nicht so Seltenen, wie man denken m\u00f6chte), auch in ihnen will, als w\u00e4re es in einem Lebensbade, alles Dunkle sich erl\u00f6sen, alle Zwiesp\u00e4ltige sich vergessen, will alles zusammenkommen. Auch ihnen erl\u00f6st sich, wie dem Schaffenden, die Seele vom Stofflichen, nicht indem sie es verschm\u00e4ht, sondern indem sie es mit solcher Intensit\u00e4t erfa\u00dft, da\u00df sie hindurchdringt. Auch ihnen ist in ihren h\u00f6chsten Augenblicken nichts fern, nichts nah, kein Stand der Seele unerreichbar, kein Niedriges niedrig. Auch ihnen widerf\u00e4hrts wie dem Dichter und ihr Atmen in solchen Augenblicken ist sch\u00f6pferische Gewalt. Auch sie lesen in diesen seltenen Stunden, die ein Erlebnis sind, und die nicht gewollt werden k\u00f6nnen, nichts, woran sie nicht glauben, wie die Dichter es nicht ertragen, zu gestalten, woran sie nicht glauben. Ich sage \u00bbglauben\u00ab und ich sage es in einem tieferen Sinn, als in dem es, f\u00fcrchte ich, in der Hast dieser ihrem Ende zustrebenden Rede zu Ihnen hinklingt. Ich meine es nicht als das Sich-Verlieren in der phantastischen Bezauberung des Gedichteten, als ein Vergessen des eigenen Daseins \u00fcber dem Buche, eine kurze und schale Faszination. Es ist das Gegenteil, was ich zu sagen meinte: ich dachte das Wort in der ganzen Tiefe seines Sinnes zu nehmen. In seiner vollen religi\u00f6sen Bedeutung meine ich es: als ein F\u00fcrwahrhalten \u00fcber allen Schein der Wirklichkeit, ein Eingreifen und Ergriffensein in tiefster Seele, ein Ausruhen im Wirbel des Daseins. So glauben die Dichter das was sie gestalten, und gestalten das was sie glauben. Das All st\u00fcrzt dahin, aber ihre Visionen sind die Punkte, die ihnen das Weltgeb\u00e4ude tragen. Dies Wort Visionen aber hinzunehmen, wie ich es gebe, es an keinen vorgefa\u00dften Begriff zu binden, die wahre Durchdringung der engsten Materie ebenso unter diesen Begriff zu fassen wie das ungeheuere zusammenfassende Schauen des kosmischen Geschehens \u2013 dies mu\u00df ich Ihnen anvertrauen: denn Sie sitzen vor mir, viele Menschen, und ich wei\u00df nicht, zu wem ich rede: aber ich rede nur f\u00fcr die, die mit mir gehen wollen, und nicht f\u00fcr den, der sich sein Wort gegeben hat, dies alles von sich abzulehnen. Ich kann nur f\u00fcr die reden, f\u00fcr die Gedichtetes da ist. Die, durch deren Dasein die Dichter erst ein Leben bekommen. Denn sie sind ewige Antwortende und ohne die Fragenden ist der Antwortende ein Schatten. Freilich, es handelt sich vor allem um das Leben und um die Lebendigen, um die M\u00e4nner und Frauen dieser Zeit handelt es sich, die einzigen, die f\u00fcr uns wirklich sind; um deren willen allein die Vergangenheit und Zukunft da zu sein scheint; um deren willen Sonnen vergl\u00fcht sind und Sonnen sich gebildet haben; um deren willen Urzeiten waren und ungeheuere W\u00e4lder und Tiere ohne Ma\u00df; um deren willen Rom hingest\u00fcrzt ist und Karthago, damit sie heute leben sollten und atmen wie sie leben und atmen, und geh\u00fcllt sein in dies lebendige Fleisch und das Feuchte ihrer Augen gl\u00e4nzend an ihnen und ihr Haar um ihre Stirn in solcher Weise gelegt, wie es nun gelegt ist. Um diese handelt es sich und ihre Schmerzen und ihre Lust, ihre Verschlingungen und ihre Einsamkeiten. Aber es ist eine sinnlose Antithese, diesen, die leben, das Gedichtete gegen\u00fcberzustellen als ein Fremdes, da doch das Gedichtete nichts ist als eine Funktion der Lebendigen. Denn es lebt nicht: es wird gelebt. F\u00fcr die aber, die jemals hundert Seiten von Dostojewski gelebt haben oder gelebt die Gestalt der Ottilie in den \u00bbWahlverwandtschaften\u00ab oder gelebt ein Gedicht von Goethe oder ein Gedicht von Stefan George, f\u00fcr die sage ich nichts Befremdliches, wenn ich ihnen von diesem Erlebnis spreche als von dem religi\u00f6sen Erlebnis, dem einzigen religi\u00f6sen Erlebnis vielleicht, das ihnen je bewu\u00dft geworden ist. Aber dies Erlebnis ist unzerlegbar und unbeschreiblich. Man kann daran erinnern, aber nicht es dem Unber\u00fchrten nahebringen. Wer zu lesen versteht, liest gl\u00e4ubig. Denn er ruht mit ganzer Seele in der Vision. Er l\u00e4\u00dft nichts von sich drau\u00dfen. F\u00fcr einen bezauberten Augenblick ist ihm alles gleich nah, alles gleich fern: denn er f\u00fchlt zu allem einen Bezug. Er hat nichts an die Vergangenheit verloren, nichts hat ihm die Zukunft zu bringen. Er ist f\u00fcr einen bezauberten Augenblick der \u00dcberwinder der Zeit. Wo er ist, ist alles bei ihm und alles von jedem Zwiespalt erl\u00f6st. Das einzelne ist ihm f\u00fcr vieles: denn er sieht es symbolhaft, ja das eine ist ihm f\u00fcr alles, und er ist gl\u00fccklich ohne den Stachel der Hoffnung. Er vergi\u00dft sich nicht, er hat sich ganz, diesen einzigen Augenblick: er ist sich selber gleich.<\/p>\n<p class=\"zenoPLm4n0\" style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6re des \u00f6fteren, man nennt irgendwelche B\u00fccher naturalistische und irgendwelche psychologische und andere symbolistische, und noch andere ebenso nichtssagende Namen. Ich glaube nicht, da\u00df irgend eine dieser Bezeichnungen den leisesten Sinn hat f\u00fcr einen, der zu lesen versteht. Ich glaube auch nicht, da\u00df ein anderer Streit, mit dem die Luft ersch\u00fcttert wird, irgend eine Bedeutung f\u00fcr das innere Leben der lebendigen Menschen hat, ich meine den Streit \u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe und die Kleinheit der einzelnen Dichter, \u00fcber die Abstufungen unter ihnen, und dar\u00fcber, ob die lebendigen Dichter um so viel geringer sind als die toten. Denn ich glaube, f\u00fcr den einzelnen, f\u00fcr den, der das Erlebnis des Lesenden kennt, f\u00fcr ihn wandeln tote Dichter mitten unter den Lebendigen und f\u00fchren ihr zweites Leben. F\u00fcr ihn gibt es <i>ein<\/i> Zeichen, das dem dichterischen Gebilde aufgepr\u00e4gt ist: da\u00df es geboren ist aus der Vision. Sonst k\u00fcmmern ihn keine Unterscheidungen. Er wartet nicht auf den gro\u00dfen Dichter. F\u00fcr ihn ist immer der Dichter gro\u00df, der seine Seele mit dem Unme\u00dfbaren beschenkt. Die einzige Unterscheidung, die er f\u00e4llt, ist die zwischen dichterischen B\u00fcchern und den unz\u00e4hligen anderen B\u00fcchern, den sonderbaren Geburten der Nachahmung und der Verworrenheit. Aber auch in ihnen noch ehrt er die Spur des dichterischen Geistes und die M\u00f6glichkeit, da\u00df aus ihnen in ganz junge, ganz rohe Seelen ein Strahl sich senke. Er wartet nicht, da\u00df die Zeit in einem beredten Dichter, einem Beantworter aller Fragen, einem Herold und einem Anwalt, ihre f\u00fcr immer g\u00fcltige Synthese finde. Denn in ihm und seinesgleichen, an tausend verborgenen Punkten vollzieht sich diese Synthese: und da er sich bewu\u00dft ist, die Zeit in sich zu tragen, einer zu sein wie alle, einer f\u00fcr alle, ein Mensch, ein einzelner und ein Symbol zugleich, so d\u00fcnkt ihm, da\u00df, wo er trinkt, auch das D\u00fcrsten der Zeit sich stillen mu\u00df. Ja, indem er der Vision sich hingibt und zu glauben vermag an das, was ein Dichter ihn schauen l\u00e4\u00dft \u2013 sei es menschliche Gestalt, dumpfe Materie des Lebens, innig durchdrungen, oder ungeheuere Erscheinung orphischen Gesichtes \u2013, indem er symbolhaft zu erleben vermag die geheimnisvollste Ausgeburt der Zeit, das Entstandene unter dem Druck der ganzen Welt, das, worauf der Schatten der Vergangenheit liegt und was zuckt unter dem Geheimnis der dr\u00e4ngenden Gegenwart, indem er es erlebt, das Gedicht, das seismographische Gebilde, das heimliche Werk dessen, der ein Sklave ist aller lebendigen Dinge und ein Spiel von jedem Druck der Luft: indem er an solchem innersten Gebilde der Zeit die Begl\u00fcckung erlebt, sein Ich sich selber gleich zu f\u00fchlen und sicher zu schweben im Sturz des Daseins, entschwindet ihm der Begriff der Zeit und Zukunft geht ihm wie Vergangenheit in einzige Gegenwart her\u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_18516\" style=\"width: 194px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-18516\" class=\"size-full wp-image-18516\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/220px-Nicola_Perscheid_-_Hugo_von_Hofmannsthal_1910-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-18516\" class=\"wp-caption-text\">Hugo von Hofmannsthal 1910 auf einer Fotografie von Nicola Perscheid<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Alter von achtundzwanzig Jahren verschafft sich Hofmannsthal mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/05\/19\/13384\/\"><i>Brief des Lord Chandos<\/i><\/a> ein Ventil, seinem Zweifel an der Sprache Raum zu verschaffen. Der Sprache traut er jedenfalls nicht l\u00e4nger zu, den Zusammenhang von Ich und Welt herstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Hugo von Hofmannsthal \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Gedichte<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Vortrag Man hat Ihnen angek\u00fcndigt, da\u00df ich zu Ihnen \u00fcber den Dichter und diese Zeit sprechen will, \u00fcber das Dasein des Dichters oder des dichterischen Elementes in dieser unserer Zeit, und manche Ank\u00fcndigungen, h\u00f6re ich, formulieren das Thema noch&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/01\/der-dichter-und-diese-zeit\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094],"class_list":["post-88852","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88852","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88852"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88852\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104466,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88852\/revisions\/104466"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88852"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88852"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88852"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}