{"id":88818,"date":"2005-02-01T00:01:56","date_gmt":"2005-01-31T23:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88818"},"modified":"2022-02-18T11:48:15","modified_gmt":"2022-02-18T10:48:15","slug":"ueber-gedichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/","title":{"rendered":"\u00dcber Gedichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es leben jetzt, die wenigen ausgenommen, die selbst im Lyrischen etwas hervorbringen, keine f\u00fcnf Menschen in Deutschland, welche \u00fcber diese zartesten Geburten der Seele ein Urteil h\u00e4tten.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">(Hebbel, Brief vom 27. IV. 1838.)<\/span><\/p>\n<h1 style=\"text-align: justify;\"><\/h1>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Ich habe dir hier aufs Fenster einen Band Gedichte gelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Keats?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Nein, es sind deutsche Gedichte. Sie bilden eine Einheit, so sind sie angeordnet. Das Ganze hei\u00dft &#8222;Das Jahr der Seele&#8220;. Da ist der Herbst. Es beginnt mit dem Herbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wespen mit den goldengr\u00fcnen Schuppen<br \/>\nSind von verschlossnen Kelchen fortgeflogen,<br \/>\nWir fahren mit dem Kahn in weitem Bogen<br \/>\nUm bronzebraunen Laubes Inselgruppen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Das ist der Herbst. Aber lies ein Ganzes oder gar nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Kannst du zuh\u00f6ren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Komm in den totgesagten Park und schau:<br \/>\nDer Schimmer ferner l\u00e4chelnder Gestade,<br \/>\nDer reinen Wolken unverhofftes Blau<br \/>\nErhellt die Weiher und die bunten Pfade.<\/p>\n<p>Dort nimm das tiefe Gelb, das weiche Grau<br \/>\nVon Birken und von Buchs: der Wind ist lau,<br \/>\nDie sp\u00e4ten Rosen welkten noch nicht ganz,<br \/>\nErlese, k\u00fcsse sie und flicht den Kranz,<\/p>\n<p>Vergi\u00df auch diese letzten Astern nicht,<br \/>\nDen Purpur um die Ranken wilder Reben<br \/>\nUnd auch was \u00fcbrig blieb vom gr\u00fcnen Leben<br \/>\nVerwinde leicht im herbstlichen Gesicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Es ist sch\u00f6n. Es atmet den Herbst. Obwohl es k\u00fchn ist, zu sagen, &#8222;der reinen Wolken unverhofftes Blau&#8220;, da diese Buchten von sehnsuchterregendem sommerhaften Blau ja zwischen den Wolken sind. Aber freilich nur an den R\u00e4ndern reiner Wolken. Nirgends sonst auf dem ganzen verschlissenen rauhen Gefilde des herbstlichen Himmels. Goethe h\u00e4tte dies &#8222;reiner Wolken&#8220; geliebt. Und &#8222;unverhofftes Blau&#8220; ist tadellos. Es ist sch\u00f6n. Ja, es ist der Herbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Willst du noch mehr Herbst?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Tore, dessen Eisenlilien rosten,<br \/>\nEntfliegen V\u00f6gel zum verdeckten Rasen<br \/>\nUnd andre trinken frierend auf den Pfosten<br \/>\nVom Regen aus den hohlen Blumenvasen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch mehr?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir suchen nach den schattenfreien B\u00e4nken \u2013 \u2013 \u2013 \u2013<br \/>\nWir laben uns am langen milden Leuchten,<\/p>\n<p>Wir f\u00fchlen dankbar wie zum leisen Brausen<br \/>\nVon Wipfeln Strahlenspuren auf uns tropfen<br \/>\nUnd blicken nur und horchen, wenn in Pausen<br \/>\nDie reifen Fr\u00fcchte an den Boden klopfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Ich bitte dich: lies ein Ganzes oder gar nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Willst du den Winter? Willst du den Sommer? Die abenteuernde Sehnsucht des Sommers? Die Beklommenheit des Sommers? Den Sommermorgen? Den Sommerabend?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00fcgel, wo wir wandeln, liegt im Schatten,<br \/>\nIndes der dr\u00fcben noch im Lichte webt,<br \/>\nDer Mond auf seinen zarten gr\u00fcnen Matten<br \/>\nNur erst als kleine wei\u00dfe Wolke schwebt.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen weithin deutend werden blasser,<br \/>\nDen Wandrern bietet ein Gelispel halt:<br \/>\nIst es vom Berg ein unsichtbares Wasser,<br \/>\nIst es ein Vogel, der sein Schlaflied lallt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mond auf seinen zarten gr\u00fcnen Matten<br \/>\nNur erst als kleine wei\u00dfe Wolke schwebt&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehe eine Landschaft meiner Kindheit. Es scheint ein sch\u00f6nes Buch zu sein, dieses &#8222;Jahr&#8220;. Warum eigentlich: &#8222;Jahr der Seele&#8220;? Ich liebe die einfachen \u00dcberschriften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Ich auch, darum scheint mir diese so ausgezeichnet. Denn hier ist ein Herbst, und mehr als ein Herbst. Hier ist ein Winter, und mehr als ein Winter. Diese Jahreszeiten, diese Landschaften sind nichts als die Tr\u00e4ger des anderen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind nicht die Gef\u00fchle, die Halbgef\u00fchle, alle die geheimsten und tiefsten Zust\u00e4nde unseres Inneren in der seltsamsten Weise mit einer Landschaft verflochten, mit einer Jahreszeit, mit einer Beschaffenheit der Luft, mit einem Hauch? Eine gewisse Bewegung, mit der du von einem hohen Wagen abspringst; eine schw\u00fcle sternlose Sommernacht; der Geruch feuchter Steine in einer Hausflur; das Gef\u00fchl eisigen Wassers, das aus einem Laufbrunnen \u00fcber deine H\u00e4nde spr\u00fcht: an ein paar tausend solcher Erdendinge ist dein ganzer innerer Besitz gekn\u00fcpft, alle deine Aufschw\u00fcnge, alle deine Sehnsucht, alle deine Trunkenheiten. Mehr als gekn\u00fcpft: mit den Wurzeln ihres Lebens festgewachsen daran, da\u00df \u2013 schnittest du sie mit dem Messer von diesem Grunde ab, sie in sich zusammenschrumpften und dir zwischen den H\u00e4nden zu nichts vergingen. Wollen wir uns finden, so d\u00fcrfen wir nicht in unser Inneres hinabsteigen: drau\u00dfen sind wir zu finden, drau\u00dfen. Wie der wesenlose Regenbogen spannt sich unsere Seele \u00fcber den unaufhaltsamen Sturz des Daseins. Wir besitzen unser Selbst nicht: von au\u00dfen weht es uns an, es flieht uns f\u00fcr lange und kehrt uns in einem Hauch zur\u00fcck. Zwar unser Selbst. Das Wort ist solch eine Metapher. Regungen kehren zur\u00fcck, die schon einmal fr\u00fcher hier genistet haben. Und sind sie&#8217;s auch wirklich selber wieder? Ist es nicht vielmehr nur ihre Brut, die von einem dunklen Heimatgef\u00fchl hierher zur\u00fcckgetrieben wird? Genug, etwas kehrt wieder. Und etwas begegnet sich in uns mit anderem. Wir sind nicht mehr als ein Taubenschlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Seltsam, da\u00df dich dieser Gedankengang darauf f\u00fchrt. Ich bin auf einem anderen Wege darauf gekommen, auf einem ganz anderen: es ist schwer, nicht daran zu zweifeln, da\u00df es in der menschlichen Natur irgend eine Wesenheit gibt. Furchtbar ist es, die Gewalt der \u00c4u\u00dferlichkeiten zu erw\u00e4gen: es mu\u00df unendlich schwer sein, ein Drama zu schreiben, und unendlich hart, \u00fcber einen M\u00f6rder zu Gericht zu sitzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Aber es ist wundervoll, wie diese Verfassung unseres Daseins der Poesie entgegenkommt: denn nun darf sie, statt in der engen Kammer unseres Herzens, in der ganzen ungeheueren unersch\u00f6pflichen Natur wohnen. Wie Ariel darf sie sich auf den H\u00fcgeln der heroischen purpurstrahlenden Wolken lagern und in den zitternden Wipfeln der B\u00e4ume nisten; sie darf sich vom woll\u00fcstigen Nachtwind hinschleifen lassen und sich aufl\u00f6sen in einen Nebelstreif, in den feuchten Atem einer Grotte, in das flimmernde Licht eines einzelnen Sternes. Und aus allen ihren Verwandlungen, allen ihren Abenteuern, aus allen Abgr\u00fcnden und allen G\u00e4rten wird sie nichts anderes zur\u00fcckbringen als den zitternden Hauch der menschlichen Gef\u00fchle. Treibe sie, die wie Ariel keines Schlafes bedarf, empor, hoch \u00fcber die dumpfe schlaftrunkene Erde, dorthin, wo an dem lichten Himmel ein einzelner Stern, ein heiliger W\u00e4chter, sich k\u00fchn und treu entz\u00fcndet, stets an der gleichen Stelle, \u00fcber dem zitternden Lichtabgrund im Westen, der dem Durchgang der Sonne nachbebt: la\u00df sie aus Geistern\u00e4he, aus einer H\u00f6he, die kein Adler kreisend erklimmt, dies Schauspiel in sich saugen \u2013 und wenn sie herabtaumeln wird, zur\u00fcck zu dir, wird sie beladen sein mit einem ungeheuren, aber einem menschlichen Gef\u00fchl. Denn sie hat keine Grenzen ihres Fluges, aber in ihrem Wesen ist sie begrenzt: wie k\u00f6nnte sie aus irgend einem Abgrund der Welten etwas anderes zur\u00fcckbringen, als menschliche Gef\u00fchle, da sie doch selbst nichts anderes ist als die menschliche Sprache!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Sie ist doch nicht ganz die Sprache, die Poesie. Sie ist vielleicht eine gesteigerte Sprache. Sie ist voll von Bildern und Symbolen. Sie setzt eine Sache f\u00fcr die andere.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Welch ein gr\u00e4\u00dflicher Gedanke! Sagst du das im Ernst? Niemals setzt die Poesie eine Sache f\u00fcr eine andere, denn es ist gerade die Poesie, welche fieberhaft bestrebt ist, die Sache selbst zu setzen, mit einer ganz anderen Energie als die stumpfe Alltagssprache, mit einer ganz anderen Zauberkraft als die schw\u00e4chliche Terminologie der Wissenschaft. Wenn die Poesie etwas tut, so ist es das: da\u00df sie aus jedem Gebilde der Welt und des Traumes mit durstiger Gier sein Eigenstes, sein Wesenhaftestes herausschl\u00fcrft, so wie jene Irrlichter in dem M\u00e4rchen, die \u00fcberall das Gold herauslecken. Und sie tut es aus dem gleichen Grunde: weil sie sich von dem Mark der Dinge n\u00e4hrt, weil sie elend verl\u00f6schen w\u00fcrde, wenn sie dies n\u00e4hrende Gold nicht aus allen Fugen, allen Spalten in sich z\u00f6ge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Es gibt also keine Vergleiche? Es gibt keine Symbole?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: O, vielmehr, es gibt nichts als das, nichts anderes. Aber ich glaube, ich langweile dich, wir wollen von etwas anderem sprechen. Wir k\u00f6nnten ausgehen, willst du? Wie du willst&lt;.&gt; Da ist noch ein sch\u00f6nes Gedicht, aus denen des &#8222;Sommers&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemahnt dich noch das sch\u00f6ne Bildnis dessen,<br \/>\nDer nach den Schluchtenrosen k\u00fchn gehascht,<br \/>\nDer \u00fcber seiner Jagd den Tag vergessen,<br \/>\nDer von der Dolden vollem Seim genascht?<\/p>\n<p>Der nach dem Parke sich zur Ruhe wandte,<br \/>\nTrieb ihn ein Fl\u00fcgelschillern allzuweit,<br \/>\nDer sinnend sa\u00df an jenes Weihers Kante<br \/>\nUnd lauschte in die tiefe Heimlichkeit.<\/p>\n<p>Und von der Insel moosgekr\u00f6nter Steine<br \/>\nVerlie\u00df der Schwan das Spiel des Wasserfalls<br \/>\nUnd legte in die Kinderhand, die feine,<br \/>\nDie schmeichelnde, den schlanken Hals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Ja, das ist sch\u00f6n. Das ist der Zauberkreis der Kindheit, in dem reinen tiefen Spiegel unstillbarer Sehnsucht aufgefangen. Wie rein es ist! Es schwebt wie eine freie leichte kleine Wolke hoch \u00fcber einem Berg. Wie rein es ist! Es dr\u00fcckt einen grenzenlosen Zustand so einfach aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Das tun alle Gedichte, alle guten zum mindesten. Alle dr\u00fccken sie einen Zustand des Gem\u00fctes aus. Das ist ihre Existenzberechtigung. Alles andere m\u00fcssen sie anderen Formen \u00fcberlassen: dem Drama, der Erz\u00e4hlung. Nur diese k\u00f6nnen Situationen schaffen. Nur diese k\u00f6nnen das Spiel der Gef\u00fchle zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Ich meine, dieses Gedicht dr\u00fcckt einen Zustand so ganz einfach aus. Es bedient sich keines Symbols. Ich erinnere ein anderes, das du fr\u00fcher gerne hattest. Zwei Schw\u00e4ne kamen vor. War es nicht von Hebbel?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Es ist von Hebbel. Dieses ist es:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von dunkelnden Wogen<br \/>\nHinunter gezogen<br \/>\nZwei schimmernde Schw\u00e4ne, sie gleiten daher:<br \/>\nDie Winde, sie schwellen<br \/>\nAllm\u00e4hlich die Wellen,<br \/>\nDie Nebel sie senken sich finster und schwer.<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4ne sie meiden<br \/>\nEinander und leiden,<br \/>\nNun tun sie es nicht mehr: sie k\u00f6nnen die Glut<br \/>\nNicht l\u00e4nger verschlie\u00dfen,<br \/>\nSie wollen genie\u00dfen<br \/>\nVerh\u00fcllt von den Nebeln, gewiegt von der Flut.<\/p>\n<p>Sie schmeicheln, sie kosen<br \/>\nSie trotzen dem Tosen<br \/>\nDer Wellen, die Zweie in Eins verschr\u00e4nkt:<br \/>\nWie die sich auch b\u00e4umen,<br \/>\nSie gl\u00fchen und tr\u00e4umen<br \/>\nIn Liebe und Wonne zum Sterben versenkt.<\/p>\n<p>Nach innigem Gatten<br \/>\nEin s\u00fc\u00dfes Ermatten.<br \/>\nDa trennt sie die Woge, bevor sie&#8217;s gedacht.<br \/>\nLa\u00dft ruh&#8217;n das Gefieder!<br \/>\nIhr seht euch nicht wieder,<br \/>\nDer Tag ist vor\u00fcber, es d\u00e4mmert die Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Freund, auch dieses Gedicht dr\u00fcckt einen Zustand aus und nichts weiter, einen tiefen Zustand des Gem\u00fcts, voll banger Wollust, voll trauervoller K\u00fchnheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Und diese Schw\u00e4ne? Sie sind ein Symbol? Sie bedeuten \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: La\u00df mich dich unterbrechen. Ja, sie bedeuten, aber sprich es nicht aus, was sie bedeuten: was immer du sagen wolltest, es w\u00e4re unrichtig. Sie bedeuten hier nichts als sich selber: Schw\u00e4ne. Schw\u00e4ne, aber freilich gesehen mit den Augen der Poesie, die jedes Ding jedesmal zum erstenmal sieht, die jedes Ding mit allen Wundern seines Daseins umgibt: dieses hier mit der Majest\u00e4t seiner k\u00f6niglichen Fl\u00fcge; mit der lautlosen Einsamkeit seines strahlenden wei\u00dfen Leibes, auf schwarzem Wasser trauervoll, verachtungsvoll kreisend; mit der wunderbaren Fabel seiner Sterbestunde &#8230; Gesehen mit diesen Augen sind die Tiere die eigentlichen Hieroglyphen, sind sie lebendige geheimnisvolle Chiffern, mit denen Gott unaussprechliche Dinge in die Welt geschrieben hat. Gl\u00fccklich der Dichter, da\u00df auch er diese g\u00f6ttlichen Chiffern in seine Schrift verweben darf \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Und dennoch glaubte ich dich sagen zu h\u00f6ren, da\u00df die Poesie niemals eine Sache f\u00fcr eine andere setzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Niemals tut sie das. Wenn sie das t\u00e4te, m\u00fc\u00dfte man sie austreten wie ein h\u00e4\u00dfliches schw\u00e4lendes Irrlicht. Was wollte sie dann neben der gemeinen Sprache? Verwirrung stiften? Papierbl\u00fcten an einen lebendigen Baum h\u00e4ngen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Und diese Schw\u00e4ne, und alle deine andern Chiffern?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Es sind Chiffern, welche aufzul\u00f6sen die Sprache ohnm\u00e4chtig ist. Verstehst du mich? Jener herbstliche Park, diese von der Nacht umh\u00fcllten Schw\u00e4ne \u2013 du wirst keine Gedankenworte, keine Gef\u00fchlsworte finden, in welchen sich die Seele jener, gerade jener Regungen entladen k\u00f6nnte, deren hier ein Bild sie entbindet. Wie gern wollte ich dir das Wort &#8222;Symbol&#8220; zugestehen, w\u00e4re es nicht schal geworden, da\u00df mich&#8217;s ekelt. Man m\u00fc\u00dfte ein Gespr\u00e4ch wie dieses mit Kindern, mit Frommen oder mit Dichtern f\u00fchren k\u00f6nnen. Dem Kind ist alles ein Symbol, dem Frommen ist Symbol das einzig Wirkliche und der Dichter vermag nichts anderes zu erblicken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Du springst: \u2013 die Symbole des Glaubens? Wir sprachen von Gedichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Das tue ich noch. Aber ich m\u00f6chte ein vom tiefsten Geist der Sprache gepr\u00e4gtes Wort erst von seiner Lehmkruste reinigen. Wei\u00dft du was ein Symbol ist? &#8230; Willst du versuchen dir vorzustellen, wie das Opfer entstanden ist? Mir ist, als h\u00e4tten wir fr\u00fcher einmal dr\u00fcber gesprochen. Ich meine das Schlachtopfer, das hingeopferte Blut und Leben eines Rindes, eines Widders, einer Taube. Wie konnte man denken, dadurch die erz\u00fcrnten G\u00f6tter zu beg\u00fctigen? Es bedarf einer wunderbaren Sinnlichkeit um dies zu denken, einer bew\u00f6lkten lebenstrunkenen orphischen Sinnlichkeit. Mich d\u00fcnkt, ich sehe den ersten, der opferte. Er f\u00fchlte, da\u00df die G\u00f6tter ihn ha\u00dften: da\u00df sie die Wellen des Gie\u00dfbaches und das Ger\u00f6ll der Berge in seinen Acker schleuderten; da\u00df sie mit der f\u00fcrchterlichen Stille des Waldes sein Herz zerquetschen wollten; oder er f\u00fchlte, da\u00df die gierige Seele eines Toten nachts mit dem Wind hereinkam und sich auf seine Brust setzte, d\u00fcrstend nach Blut. Da griff er, im doppelten Dunkel seiner niedern H\u00fctte und seiner Herzensangst, nach dem scharfen krummen Messer und war bereit, das Blut aus seiner Kehle rinnen zu lassen, dem furchtbaren Unsichtbaren zur Lust. Und da, trunken vor Angst und Wildheit und N\u00e4he des Todes, w\u00fchlte seine Hand, halb unbewu\u00dft, noch einmal im wolligen warmen Vlie\u00df des Widders. \u2013 Und dieses Tier, dieses Leben, dieses im Dunkel atmende, blutwarme, ihm so nah, so vertraut \u2013 auf einmal zuckte dem Tier das Messer in die Kehle, und das warme Blut rieselte zugleich an dem Vlie\u00df des Tieres und an der Brust, an den Armen des Menschen hinab: und einen Augenblick lang mu\u00df er geglaubt haben, es sei sein eigenes Blut; einen Augenblick lang, w\u00e4hrend ein Laut des woll\u00fcstigen Triumphes aus seiner Kehle &lt;sich&gt; mit dem ersterbenden St\u00f6hnen des Tieres mischte, mu\u00df er die Wollust gesteigerten Daseins f\u00fcr die erste Zuckung des Todes genommen haben: er mu\u00df, einen Augenblick lang in dem Tier gestorben sein, nur so konnte das Tier f\u00fcr ihn sterben. Da\u00df das Tier f\u00fcr ihn sterben konnte, wurde ein gro\u00dfes Mysterium, eine gro\u00dfe geheimnisvolle Wahrheit. Das Tier starb hinfort den symbolischen Opfertod. Aber alles ruhte darauf, da\u00df auch er in dem Tier gestorben war, einen Augenblick lang. Da\u00df sich sein Dasein, f\u00fcr die Dauer eines Atemzugs, in dem fremden Dasein aufgel\u00f6st hatte. \u2013 Das ist die Wurzel aller Poesie: wie durchsichtig im Gro\u00dfen: denn was ist klarer, als da\u00df sich mein F\u00fchlen in Hamlet aufl\u00f6st, so lange Hamlet auf der B\u00fchne steht und mich hypnotisiert? Aber wie durchsichtig auch im Kleinen: fa\u00dft mich, f\u00fcr eines Gedankenblitzes Dauer, nicht das Gefieder jener Schw\u00e4ne so gut wie Hamlets Haut? Aber es wirklich zu glauben, zu glauben, da\u00df es wirklich so ist! Diese Magie ist uns so furchtbar nahe: nur darum ist es so schwer, sie zu erkennen. Die Natur hat kein anderes Mittel, uns zu fassen, uns an sich zu rei\u00dfen, als diese Bezauberung. Sie ist der Inbegriff der Symbole, die uns bezwingen. Sie ist was unser Leib ist, und unser Leib ist, was sie ist. Darum ist Symbol das Element der Poesie, und darum setzt die Poesie niemals eine Sache f\u00fcr eine andere: sie spricht Worte aus, um der Worte willen, das ist ihre Zauberei. Um der magischen Kraft willen, weiche die Worte haben, unseren Leib zu r\u00fchren, und uns unaufh\u00f6rlich zu verwandeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Mir entschwindet, was du mit dem Menschen wolltest, der das Blut des Tieres anstatt seines eigenen vergo\u00df?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Er vollbrachte eine symbolische Handlung. Er starb in dem Tiere, Clemens, weil er sich einen Augenblick lang in dies fremde Dasein aufgel\u00f6st hatte, weil einen Augenblick lang wirklich sein Blut aus der Kehle dieses Tieres gequollen war. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Du sagst wirklich, Gabriel?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Pause<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Er starb in dem Tier. Und wir l\u00f6sen uns auf in den Symbolen. So meinst du es?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Freilich. Soweit sie die Kraft haben, uns zu bezaubern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Woher kommt ihnen diese Kraft? Wie konnte er in dem Tier sterben?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Davon, da\u00df wir und die Welt nichts Verschiedenes sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Etwas Seltsames liegt in diesem Gedanken, etwas Beunruhigendes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Im Gegenteil, etwas unendlich Ruhevolles. Es ist das einzig S\u00fc\u00dfe, einen Teil seiner Schwere abgeben zu sehen, und w\u00e4re es nur f\u00fcr die mystische Frist eines Hauches. In unserem Leib ist das All dumpf zusammengedr\u00fcckt: wie selig, sich tausendfach der furchtbaren Wucht zu entladen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Und dennoch, ist mir, mu\u00df es Gedichte geben, die sch\u00f6n sind ohne diese schw\u00fcle Bezauberung. Es gibt Lieder von Goethe, welche leicht sind wie ein Hauch und einfach wie eine Mozartsche Melodie. Es gibt antike Gedichte, welche so sind wie ein dunkles Weinblatt gegen den blauen Abendhimmel. Die Anthologie ist voll von solchen. Du kennst sie besser wie ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Ich kenne sie: Der G\u00e4rtner Lamon opfert dem Priapus die sch\u00f6nsten Fr\u00fcchte: in den Bastkorb legt er sch\u00f6ne gezackte Bl\u00e4tter und darauf den Granatapfel, den aufgesprungenen, dem das feuchte, zitternde, purpurne Fleisch die tausend s\u00fc\u00dfen Kerne umh\u00fcllt; runzlige Feigen legt er dazu und die r\u00f6tlich schimmernde erdbeerduftende Traube, und flaumige Quitten, die reifende Nu\u00df, die schon ihr gr\u00fcnes Geh\u00e4use sprengt, und saftgeschwellte Gurken: so legt er es auf den Altar des Gottes anstatt eines Gebetes f\u00fcr sein eigenes Leben und f\u00fcr die Gesundheit seiner B\u00e4ume. Und Niko, die Zauberin, opfert der Kypris den amethystnen Kreisel, umsponnen mit F\u00e4den purpurner Wolle, den zauberkr\u00e4ftigen Kreisel, mit dem sie M\u00e4nner heranzieht \u00fcber das Meer, M\u00e4dchen hervorlockt aus der Kammer. Ein M\u00e4dchen setzt der toten Cicade, die zwei Jahre in ihrer Schlafkammer wohnte, ein Grabmal. Fischer ziehen das schwere Netz empor und finden einen vom Meer verschlungenen Mann, zur H\u00e4lfte verzehrt von Fischen. Und sie begraben ihn und die Fische mit ihm unter dem sp\u00e4rlichen Sand des Felsenstrandes; da\u00df die Erde ihn ganz zur\u00fccknehme, begraben sie mit ihm die Fische, die ihn angenagt, die von ihm gezehrt haben. Eine schwellende Traube liegt auf dem Altar der Aphrodite, das Dankgeschenk f\u00fcr eine s\u00fc\u00dfe, gn\u00e4dig gew\u00e4hrte Nacht, liegt da, \u00fcberantwortet der g\u00f6ttlichen Gewalt, nackt, allein, und nicht mehr breitet die Mutter um sie die freundlichen Ranken, umschattet nicht mehr ihren nackten jungen Leib mit Bl\u00e4ttern, die s\u00fc\u00df duften, voll lauen heimlichen Dunkels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Und die welche keltern! und die welche lieben! wei\u00dft du keines Wort f\u00fcr Wort?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Die welche keltern, f\u00fchlen sich wie die G\u00f6tter. Es ist ihnen als w\u00e4re Bacchus mitten unter ihnen beim n\u00e4chtlichen Werk. Als stampfte er neben ihnen, das lange Gewand hinaufgenommen bis \u00fcbers Knie, im roten Saft, dessen Hauch schon trunken macht. Gleichzeitig sind sie Badende und Tanzende: und die Trunkenheit ihres Tanzes ist es, die ihnen das Bad immer h\u00f6her und h\u00f6her steigen macht. Stromweis flie\u00dft von der Kelter der Most; wie kleine Schiffe schaukeln die h\u00f6lzernen Sch\u00f6pfbecher auf der purpurnen Flut. Da b\u00fcckt sich die sch\u00f6ne Rhodanta tief zur Kelter hinab, und schon ist ihr das wei\u00dfe leinene Gewand durchn\u00e4\u00dft, schon gl\u00e4nzt es triefend ihr um Brust und H\u00fcften:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da schlug jeglichem h\u00f6her die Brust, und keiner von uns war,<br \/>\nWelcher dem Bacchus nicht und Aphroditen erlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im dunstigen Dunkel, unter Schreien, unter taumelndem Fackelschein, unterm Spr\u00fchen des Blutes der Traube, ist auf einmal Aphrodite aus dem Purpurschaum geboren: Bacchus hob sich aus der Kelter, wild wie eine springende Welle, und durchtr\u00e4nkte ein Gewand, da\u00df es niederflo\u00df wie eine leuchtende Nacktheit und schuf aus einem M\u00e4dchen die G\u00f6ttin, um deren Leib Verlangen und Entz\u00fccken flie\u00dft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Clemens: Und jenes s\u00fc\u00dfe, schamlose? Jenes, wo sie die Gew\u00e4nder tauschen und einander aufs neue fester umschlingen? Und jenes, wo sie in einander verflochten sind und die G\u00f6tter herausfordern, wo sie sich einander in die Arme sehnen und das Netz des Heph\u00e4stos um sich herum w\u00fcnschen und die G\u00f6tter und Menschen sich herbeiw\u00fcnschen, sie zu sehen, sie zu beneiden? Sind sie nicht alle sch\u00f6n, diese Gedichte, einfach und sch\u00f6n wie die sch\u00f6nen Muscheln mit rosigem Mund? Sind sie nicht so sch\u00f6n wie sch\u00f6ne flache Trinkschalen aus Onyx und Carneol? Nicht sch\u00f6n wie ein kupfernes getriebenes Becken, bis an den Rand mit lauterem Wasser gef\u00fcllt? Wie die steinerne Br\u00fccke, die in einem Bogen \u00fcber den Bergflu\u00df hinsetzt? Wie das geschwungene Joch der pfl\u00fcgenden Stiere? Und hat Goethe sie nicht geliebt wie nichts zweites auf der Welt? War er nicht selig, als er sie fand, wie der Wanderer, wenn er die Berghalde niederklimmt und zwischen Moos und Gestein, eine Herberge der Eidechsen, ein wundervolles marmornes Gebilde findet, das leuchtende Tr\u00fcmmer eines G\u00f6tterbildes, die feine gebietende Hand, oder die strahlende Schulter mit dem Knoten des Gewandes? Hat er nicht von da an die T\u00f6ne seiner Jugend verschm\u00e4ht und alles in diese Pansfl\u00f6te gehaucht? Wurden nicht von da an das odysseische Schiff und die leierf\u00f6rmig gekr\u00fcmmte Bucht, wurden nicht der Fruchtkorb, der Kranz, der marmorne Brunnenrand, das Bett, auf dem Tibull nach der Geliebten seufzte, wurden nicht Pferch und Speicher Vergils, und die idyllischen Weiden des Bion, wurden nicht alle diese geformten Gebilde, alle diese Dinge, welche die Hand der G\u00f6tter geformt hat, welche wie getriebene Arbeit von den H\u00e4mmern des Heph\u00e4stos den funkelnden kreisrunden Schild der Erde zieren, wurden sie nicht die Heimat seiner Seele? F\u00fchlte er sich nicht dem Bildner n\u00e4her verwandt als dem Redner? Wen hat er so gepriesen wie jenen, der mit kunstreichen H\u00e4nden den Brustschmuck der ephesischen Diana schuf? In den Euphrat k\u00fchn zu greifen, die Flut in den H\u00e4nden zu ballen, das war ihm Dichten. Spottete er nicht der Schweifenden? Der ewig Sehnenden? Derer, denen nichts frommt, als ein unabl\u00e4ssiges D\u00fcrsten nach dem Durste? War ihm nicht die Natur die ewige Bildnerin? Waren ihm nicht alle Kr\u00e4fte, alle D\u00e4monen, selber die Schmerzen noch Bildner? Antworte mir, Gabriel, ist der geformte Gedanke nicht sch\u00f6n? Hat er nicht den Glanz des Lebens verzehnfacht in sich wie die Perlen den feuchten Schimmer der nackten &lt;Haut&gt; in sich saugen und zehnfach widerstrahlen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gabriel: Ja, der Gedanke ist etwas Sch\u00f6nes und du hast so gro\u00dfes Recht, ihn der Perle und dem Edelstein zu vergleichen. Diesen beiden gleicht er, die sch\u00f6ner sind als alles Bl\u00fchen und Leben, weil sie \u00fcber das Bl\u00fchen und Leben und Sterben hinaus sind. Und f\u00fcr eine junge Welt, die daliegt in Blindheit, ist er das Wunder der Wunder. Was ein Vogel in der Luft ist f\u00fcr den Seemann, f\u00fcr den, der die Hundswache hat und allein dalehnt, in den Mantel gewickelt: totenstill das schwere dunkle Meer und dar\u00fcber nicht Nacht nicht Tag; \u00fcber den grauen kahlen Inseln h\u00e4ngen Wolkenb\u00e4nke, regungslos, als hingen sie hier seit tausenden von Jahren, Inseln der Luft; das Deck, die Raaen \u00fcberziehen sich mit einem blauen dunstigen Licht, das an ihnen herunterflie\u00dft und in die Atmosph\u00e4re hineinsickert; unertr\u00e4glich ist die wortlose Erwartung, die Stummheit der lichtlosen, der schattenlosen Welt: was hier der Fl\u00fcgelschlag eines wundervollen Meervogels ist, der heransegelt hoch im Osten, k\u00f6niglich die Schwingen schlagend, der erste Abglanz des heraufblitzenden Tages funkelnd auf ihm: das ist f\u00fcr eine fr\u00fche dumpfe Welt der Gedanke. Wir aber sind reicher an Gedanken, als der endlose Meeresstrand an Muscheln. Was uns not tut, ist der Hauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wovon unsere Seele sich n\u00e4hrt, das ist das Gedicht, in welchem, wie im Sommerabendwind, der \u00fcber die frischgem\u00e4hten Wiesen streicht, zugleich ein Hauch von Tod und Leben zu uns herschwebt, eine Ahnung des Bl\u00fchens, ein Schauder des Verwesens, ein Jetzt, ein Hier und zugleich ein Jenseits, ein ungeheueres Jenseits. Jedes vollkommene Gedicht ist Ahnung und Gegenwart, Sehnsucht und Erf\u00fcllung zugleich. Ein Elfenleib ist es, durchsichtig wie die Luft, ein schlafloser Bote, den ein Zauberwort ganz erf\u00fcllt; den ein geheimnisvoller Auftrag durch die Luft treibt: und im Schweben entsaugt er den Wolken, den Sternen, den Wipfeln, den L\u00fcften den tiefsten Hauch ihres Wesens und der Zauberspruch aus seinem Munde t\u00f6nt getreu und doch wirr, durchflochten mit den Geheimnissen der Wolken, der Sterne, der Wipfel, der L\u00fcfte. Und Goethe? Seine Taten sind vielf\u00e4ltig wie die Taten eines wandernden Gottes. Er gleicht dem Herakles, dessen Abenteuer, jedes eingeh\u00fcllt in eine Glorie, jedes wohnend in einer anderen Landschaft, nichts von einander wissen. Die Lieder seiner Jugend sind nichts als ein Hauch. Jedes ist der entbundene Geist eines Augenblickes, der sich aufgeschwungen hat in den Zenith und dort strahlend h\u00e4ngt und alle Seligkeit des Augenblickes rein in sich saugt und verhauchend sich l\u00f6st in den klaren \u00c4ther. Und die Gedichte seines Alters sind zuweilen wie die dunklen tiefen Brunnen, \u00fcber deren Spiegel Gesichte hingleiten, die das aufw\u00e4rts starrende Auge nie wahrnimmt, die f\u00fcr keinen auf der Welt sichtbar werden als f\u00fcr den, der sich hinabbeugt auf das tiefe dunkle Wasser eines langen Lebens. Meinst du wirklich, er habe immer und immer den geformten Gedanken ans Licht der Sonne gehoben wie eine gestielte Schale aus Sardonyx und Chrysopas? H\u00f6r zu:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sagt es niemand, nur den Weisen,<br \/>\nWeil die Menge gleich verh\u00f6hnet,<br \/>\nDas Lebend&#8217;ge will ich preisen,<br \/>\nDas nach Flammentod sich sehnet.<\/p>\n<p>In der Liebesn\u00e4chte K\u00fchlung,<br \/>\nDie dich zeugte, wo du zeugtest,<br \/>\n\u00dcberf\u00e4llt dich fremde F\u00fchlung,<br \/>\nWenn die stille Kerze leuchtet.<\/p>\n<p>Nicht mehr bleibest du umfangen<br \/>\nIn der Finsternis Beschattung<br \/>\nUnd dich rei\u00dfet neu Verlangen<br \/>\nAuf zu h\u00f6herer Begattung.<\/p>\n<p>Keine Ferne macht dich schwierig,<br \/>\nKommst geflogen und gebannt<br \/>\nUnd zuletzt, des Lichts begierig,<br \/>\nBist du, Schmetterling, verbrannt.<\/p>\n<p>Und so lang du das nicht hast<br \/>\nDieses: Stirb und werde!<br \/>\nBist du nur ein tr\u00fcber Gast<br \/>\nAuf der dunklen Erde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6rst du diesen Laut, wie von einem verzauberten Nachtvogel hineingesungen in das Zimmer, wo einer stirbt? Man sagt, er habe es in der Nacht gemacht, in welcher Christiane Vulpius gestorben war. Das wirkliche Erlebnis der Seele, welche Worte m\u00f6chten es ausdr\u00fccken, wenn nicht bezauberte! Ein Augenblick kommt und dr\u00fcckt aus tausenden und tausenden seinesgleichen den Saft heraus, in die H\u00f6hle der Vergangenheit dringt er ein und den tausenden von dunklen erstarrten Augenblicken, aus denen sie aufgebaut ist, entquillt ihr ganzes Licht: was niemals da war, nie sich gab, jetzt ist es da, jetzt gibt es sich, ist Gegenwart, mehr als Gegenwart; was niemals zusammen war, jetzt ist es zugleich, ist es beisammen, schmilzt in einander die Glut, den Glanz und das Leben. Die Landschaften der Seele sind wunderbarer als die Landschaften des gestirnten Himmels: nicht nur ihre Milchstra\u00dfe sind tausende von Sternen sondern ihre Schattenkl\u00fcfte, ihre Dunkelheiten sind tausendfaches Leben, Leben, das lichtlos geworden ist durch sein Gedr\u00e4nge, erstickt durch seine F\u00fclle. Und diese Abgr\u00fcnde, in denen das Leben sich selber verschlingt, kann ein Augenblick durchleuchten, entbinden, Milchstra\u00dfen aus ihnen machen. Und diese Augenblicke sind die Geburten der vollkommenen Gedichte, und die M\u00f6glichkeit vollkommener Gedichte ist ohne Grenzen wie die M\u00f6glichkeit solcher Augenblicke. Wie wenige gibt es dennoch, Clemens, wie sehr wenige. Aber da\u00df ihrer \u00fcberhaupt welche entstehen, ist es nicht wie ein Wunder? Da\u00df es Zusammenstellungen von Worten gibt, aus welchen, wie der Funke aus dem geschlagenen dunklen Stein, die Landschaften der Seele hervorbrechen, die unerme\u00dflich sind wie der gestirnte Himmel, Landschaften, die sich ausdehnen im Raum und in der Zeit, und deren Anblick abzuweiden in uns ein Sinn lebendig wird, der \u00fcber alle Sinne ist. Und dennoch entstehen solche Gedichte &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Das Jahr der Seele<\/strong>, Gedichte von Stefan George, 1897<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2005\/02\/Dasjahrderseele.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-88823 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2005\/02\/Dasjahrderseele-193x300.jpg\" alt=\"\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2005\/02\/Dasjahrderseele-193x300.jpg 193w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2005\/02\/Dasjahrderseele-260x404.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2005\/02\/Dasjahrderseele-160x248.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2005\/02\/Dasjahrderseele.jpg 306w\" sizes=\"auto, (max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 70. Todestag von Stefan George erinnert KUNO an ihn mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/12\/04\/rueckblick-auf-stefan-george\/\">Studie<\/a> \u00fcber den Symbolisten, die Walter Benjamin angefertigt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es leben jetzt, die wenigen ausgenommen, die selbst im Lyrischen etwas hervorbringen, keine f\u00fcnf Menschen in Deutschland, welche \u00fcber diese zartesten Geburten der Seele ein Urteil h\u00e4tten. (Hebbel, Brief vom 27. IV. 1838.) Gabriel: Ich habe dir hier aufs Fenster&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/02\/01\/ueber-gedichte\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":98219,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1094,2899],"class_list":["post-88818","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hugo-von-hofmannsthal","tag-stefan-george"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88818","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88818"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88818\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98244,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88818\/revisions\/98244"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98219"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88818"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88818"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88818"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}