{"id":88796,"date":"2005-06-03T00:01:01","date_gmt":"2005-06-02T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88796"},"modified":"2021-07-18T05:42:31","modified_gmt":"2021-07-18T03:42:31","slug":"die-kommenden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/06\/03\/die-kommenden\/","title":{"rendered":"Die Kommenden"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>in Kinderplatz, mit Sand und Ru\u00df bedeckt,<br \/>\nvon kl\u00e4glich blassen Str\u00e4uchern eingeheckt.<\/p>\n<p>Da w\u00e4chst es auf, das kommende Geschlecht,<br \/>\ndas einst &#8211; vielleicht! &#8211; der Mutter Tr\u00e4nen r\u00e4cht.<\/p>\n<p>Dort baut es ahnend sich ein hartes Ziel &#8211;<br \/>\nDas Leben reicht ihm Steine \u00fcberviel &#8211;<\/p>\n<p>Und &#8211; es ist n\u00e4rrisch &#8211; ob dem Geisterbau<br \/>\ndes Himmels z\u00e4rtlichstes Septemberblau.<\/p>\n<p>Von jener breiten Kinderstirne spricht<br \/>\nein schwarzes Trotzen: Und ich weiche nicht.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df schon l\u00e4ngst, was in der Welt so Brauch,<br \/>\nund wie es Vater macht, so mach ichs auch.<\/p>\n<p>Mein Hass den Fetten an die Gurgel springt,<br \/>\nbis einst auch mich der blutige Strom verschlingt.<\/p>\n<p>Dies M\u00e4dchen &#8211; wie ihr keck die Zunge geht &#8211;<br \/>\nsie sprach wohl nie ein Kindernachtgebet &#8211;<\/p>\n<p>Noch tr\u00e4gt sie unbewusst ihr Lumpenkleid,<br \/>\nwie lange noch, dann kommt auch ihre Zeit.<\/p>\n<p>Dann schlingt sie schmutzige B\u00e4nder sich ins Haar<br \/>\nund bietet lachend ihre Reize dar.<\/p>\n<p>Und ein paar Jahre roher Lust &#8211; dann hat<br \/>\nder Tod sie lieb auf s\u00fcndiger Lagerstatt&#8230;<\/p>\n<p>Wie dieser Knabenmund so schmerzlich ist!<br \/>\nAch, wenn ihn niemand als der Hunger k\u00fcsst!<\/p>\n<p>Die Mutter wusch, bis sie zum Tode krank,<br \/>\nund als sie starb, da sprach sie: Gott sei Dank!<\/p>\n<p>Ein altes Weib erstand den Knaben sich,<br \/>\ndoch sie ist arm und hart und wunderlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein St\u00fcck Brot in Morgennebelstund<br \/>\nl\u00e4uft er sich Tag f\u00fcr Tag die F\u00fc\u00dfe wund.<\/p>\n<p>Und Tag f\u00fcr Tag saugt von den Lippen ihm<br \/>\nden Fr\u00fchlingssegen seines Cherubim.<\/p>\n<p>Sein Engel schl\u00e4ft &#8211; und Engel schlafen fest.<br \/>\nKein Kinderjammer, der sie wachen l\u00e4sst. &#8212;<\/p>\n<p>Wie wildes, fruchtlos starres Binsenrohr,<br \/>\nw\u00e4chst so Geschlecht hier f\u00fcr Geschlecht empor.<\/p>\n<p>Und jeder Mai entlockt dasselbe Laub<br \/>\nden magern Str\u00e4uchern &#8211; blass bedeckt mit Staub.<\/p>\n<p>Weit, weit davon predigt die Sonnenpracht:<br \/>\nIch bin das Licht, das alle gl\u00fccklich macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/01\/Beutler_Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-88788 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/01\/Beutler_Cover-178x300.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/01\/Beutler_Cover-178x300.jpg 178w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/01\/Beutler_Cover-160x269.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/01\/Beutler_Cover.jpg 227w\" sizes=\"auto, (max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><\/a>Margarete Beutler war Mitglied der k\u00fcnstlerisch-literarischen Vereinigung \u00bbDie Kommenden\u00ab, zu der auch Else Lasker-Sch\u00fcler, Hans Ostwald und Ernst von Wolzogen geh\u00f6rten. 1902 ver\u00f6ffentlichte Beutler nach Beitr\u00e4gen in Zeitschriften wie dem \u00bbSimplicissimus\u00ab ihren ersten Gedichtband und zog von Berlin nach M\u00fcnchen. Dort trat sie vermutlich beim Kabarett \u00bbDie Elf Scharfrichter\u00ab auf, arbeitete als Redakteurin der Zeitschrift \u00bbJugend\u00ab und war als \u00dcbersetzerin t\u00e4tig. 1908 erschien, protegiert von Christian Morgenstern, ein zweiter Band <em>Neue Gedichte<\/em> und 1911 der dritte mit dem Titel <em>Leb wohl, Boh\u00e8me<\/em>. Ab 1925 lebte Beutler im selbst erworbenen kleinen Blockhaus in Seeheim am Starnberger See unter \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen.<br \/>\nNach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten lehnte sie den Beitritt in die Reichsschrifttumskammer ab und verzichtete somit auf weitere Ver\u00f6ffentlichungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; in Kinderplatz, mit Sand und Ru\u00df bedeckt, von kl\u00e4glich blassen Str\u00e4uchern eingeheckt. Da w\u00e4chst es auf, das kommende Geschlecht, das einst &#8211; vielleicht! &#8211; der Mutter Tr\u00e4nen r\u00e4cht. 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