{"id":88718,"date":"2022-09-01T00:01:53","date_gmt":"2022-08-31T22:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88718"},"modified":"2022-02-24T15:22:32","modified_gmt":"2022-02-24T14:22:32","slug":"der-letzte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/01\/der-letzte\/","title":{"rendered":"Der Letzte"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">He! da oben! lachen! ich lache! drei Tage st\u00fcrzen! br\u00fcllen! drei Tage Jahre Ewigkeiten! und bist noch nicht zerst\u00fcrzt! verfluchter Himmel! Blaubalg! pafft Zigarren und stiebt Asche. alles zusammen. den Graben. Sch\u00fctzengraben. Schutz. Grab. die Stellung wird gehalten bis zum letzten Mann! vorw\u00e4rts Jungens. das Blaugespenst klimmt rote Augen auf. rot. feuerrot. verschlafen. der Tag h\u00e4lt nicht aus. so oder so! schie\u00dft! schie\u00dft! der Wald! ja. in den Wald! Sch\u00e4del. Wolken. lustig! der beste Sch\u00fctze darf. Ja. darf zuerst schlafen. Teufel! schlafen. Mord M\u00fcdigkeit Rasen Wut! He! Bursche! Bursche da vorn! willst du? willst du schie\u00dfen?! du? ja? der Kopf zwischen die Beine geklatscht? Dr\u00fcckeberger! schie\u00dfen! knallen! seht! sie kommen aus dem Wald. raus aus dem Lauf! die Backe gesetzt! brav! brav! Schnellfeuer! Blaue Bohnen! Bohnen! Blaue Augen! mein Schatz hat blaue Augen. haha! drauf! drauf! sie laufen. Korn nehmen. Zielscheiben. laufen. M\u00e4dchenbeine. ich bei\u00dfe. bei\u00dfe. verflucht. K\u00fcsse scharfe. drauf gehalten! Standvisier Aug in Auge! Wasser? was? die L\u00e4ufe gl\u00fchn? alle Schl\u00e4uche gl\u00fchn. letzte Nacht hat die Feldflasche zerschlagen. das trockne Glas geleckt. die Zunge blutet. schluckt. schluckt. schie\u00dft die Flinten kalt. euch selber kalt! kaltes Blut! da vorne pf\u00fctzt Wasser. pfui Teufel! gierig! Dreck! Blut. blutiger Dreck. Blut modert zu schnell. Feuer! Schnellfeuer! raus! nicht einschlafen! wer? nehmt ihm die Patronen aus der Tasche. wir brauchen sie. der Kerl blutet! ein kleines Loch kann so bluten! schie\u00dfen! Zielpunkt. Donner! Knacken! das Flattern! so m\u00fc\u00dft ihr auch schie\u00dfen. zielen. zielen. gut. ruhig. die Hunde dr\u00fcben. die arme Erde. Brief in der Tasche? nat\u00fcrlich. schlapp und gleich tot auf der Nase. \u00bbmein lieber Mann!\u00ab ja. M\u00e4nner brauchen wir. aber keine toten hier. essen. Br\u00f6ckel Schokolade. Mutter. schie\u00dft Kerle. ach M\u00fctter weinen immer. schie\u00dft! ich war ein weicher Junge. Teufel! Kopf hoch! die Nasen aus dem Dreck! was?! keiner? alle? Faullenzer! Verst\u00e4rkung. h\u00f6rt ihr? Verst\u00e4rkung kommt. Feind nicht ranlassen! die Flinten vor! Teufel! totsein ist Schande! seht! ich schie\u00dfe. schie\u00dfe. Verst\u00e4rkung. h\u00f6rt! Trommeln. H\u00f6rner. tata trrr! eilt da hinten! eilt! Muttertr\u00e4nen. Vaterbr\u00fcnste. Dreck! drei Tage Dreck! Menschen! meine Mutter hat mich immer so sorgsam gewaschen. Grab. H\u00f6lle. Teufel. mein Arm schie\u00dft. Finger ladet. Auge trifft. hurrah! hurrah! die Beine in die Hand! hurrah! Tod und Leben! hurrah! Eisen! hurrah! drauf! Mein Kopf! Kopf! wo ist mein Kopf? voran. fliegt. kollert. brav. Bursche! in den Feind! bei\u00dfen bei\u00dfen! S\u00e4bel! ha! weich der Vaterbauch. weich. Mutter. wo bist? Mutter. seh dich nicht? Mutter du k\u00fc\u00dft. Mutter. rauh. halte mich. ich falle doch. Mutter ich falle. Mutter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am\u00a01. September 1915 ist August Stramm\u00a0bei <em>Horodec<\/em> \u00f6stlich Kobryn, in einem sinnlosen Krieg gestorben. Seine\u00a0Texte\u00a0fallen auf durch ihre schlichte, reduzierte Sprache. Oft wird kein Wert auf Grammatik gelegt; Substantive, substantivierte Verben und Neologismen bilden den Hauptbestandteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-88052 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"236\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm-160x189.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>August Stramms Stil war \u00fcberraschend und neu. Durch seine Knappheit, H\u00e4rte und die weit vorangetriebenen Sprachexperimente heben sich Stramms Gedichte deutlich von denen anderer, fr\u00fcher Expressionisten wie beispielsweise Georg Heym und Theodor D\u00e4ubler ab. W\u00e4hrend letztere meist noch deutlich von der Neuromantik und dem Symbolismus beeinflusst sind, rei\u00dfen Stramms Sprachmontagen den Horizont in die Moderne auf. Die zerhackten Rhythmen, die Satz- und Wortfetzen machen Stramms Gedichte zudem zu den \u00fcberzeugendsten lyrischen Zeugnissen des Weltkriegs, umso mehr, da es kaum einem anderen Autor gelungen ist, das Grauen dieses ersten Maschinenkriegs in einer dieser ganz neuen Erfahrung angemessenen Form zu verarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon mit den ersten Ver\u00f6ffentlichungen im <em>Sturm<\/em> nahmen junge Autoren Stramms Stil auf, darunter Kurt Heynicke, Walter Mehring und Kurt Schwitters. Auch auf die expressionistische Prosa von beispielsweise Alfred D\u00f6blin hatte Stramms Sprachduktus Einfluss. Zu sp\u00e4teren Stramm-Anh\u00e4ngern geh\u00f6ren u. a. Arno Schmidt, dessen fr\u00fche Prosa (1946\u20131956) auch stilistisch von Stramms Lyrik beeinflusst ist, Gerhard R\u00fchm, Ernst Jandl und der Stamm-Adept Thomas Kling.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a><\/strong><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; He! da oben! lachen! ich lache! drei Tage st\u00fcrzen! br\u00fcllen! drei Tage Jahre Ewigkeiten! und bist noch nicht zerst\u00fcrzt! verfluchter Himmel! Blaubalg! pafft Zigarren und stiebt Asche. alles zusammen. den Graben. Sch\u00fctzengraben. Schutz. 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